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Asmodeus aller Orten

Edward Bulwer-Lytton: Asmodeus aller Orten - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAsmodeus aller Orten
authorEdward Bulwer-Lytton
translatorGeorg Nikolaus Bärmann
year1840
firstpub1840
publisherJ. B. Metzler'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleAsmodeus aller Orten
pages154
created20100124
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel.

Ich erwachte mit einem seltsamen Gefühle von Schwäche und Mattigkeit, und als ich meine mich trübe bedünkenden Augen aufschlug, erblickte ich die Wände und das Geräth meines Schlafzimmers in London. Neben mir aber saß Asmodeus und beschäftigte sich mit seiner Lieblingslectüre – der Sonntagszeitung.

»Ah!« sagt' ich, und streckte mich so weidlich aus, daß ich anfänglich glaubte, meines Leibes Länge sey durch des Magiers Bosheit um ein so Ansehnliches vergrößert worden, daß ich mich von einem Ende bis zum anderen des Gemaches würde dehnen können. – »Ah, lieber Asmodeus,« sagte ich, »wie gemüthlich ist mir's doch, mich wieder auf der Erde zu gewahren! Bei alldem taugen dergleichen romantische Wunder nur für eine kurze Zeit. Nichts geht über London, wenn man auf eine Zeitlang abwesend war, um einem Aufsuchen des Pittoresken nachzujagen!«

»Allerdings ist London ein entzückender Ort,« sagte der Teufel; »meine gesammte Brüderschaft hat ihn über die Maßen gern, obschon die Pariser ihn langweilig schelten. Welch ein Beweis von der Eitelkeit der Vaterlandsliebe! In London giebt es Laster genug, um London jedem vernünftigen Menschen höchst angenehm zu machen.«

»Auch ist London,« rief ich, »ungleich lebendiger, ungleich reicher, ungleich heiterer als Paris, und scheint 91 es so, nachdem man Paris gesehen hat, wie viel mehr muß es so scheinen, nachdem man einen Besuch im Mittelpunkte der Erde abgestattet hat. – Mit Deiner Erlaubniß, Asmodeus, vollende ich jetzt meine Toilette, frühstücke hurtig, und mache dann mit Dir unseren Morgenschlendergang.«

»O liebes, liebes, selbst im Oktober liebes London! Regentenstraße, ich grüße Dich! Bandstraße, gute Alte, wie geht sich's in Dir, Und Du, vieltheure Oxfordstraße, die der ›Opiumschlucker‹ – ›steinherzig‹ nennt, und die ich, der ich kein Opium schlucke, sondern so spreche wie's mir um's Herz ist, jederzeit als die freundlichste und mütterlichste aller Straßen, als die Straße des Mittelstandes betrachten werde, die geschäftig sonder Getös, die wohlhabend ohne zu prunken ist. O, der hübschen Knöchel, die über Dein Pflaster trippeln! O, der wunderlichen Provinzialhauben, die zu Deinen Fenstern herausgucken, deren Vorhänge aus gelbem Shirting zu dritthalb Pence die Elle gemacht sind! Du edle Bürgerstraße weißt nichts von Oligarchieen, nichts vom Unterschiede der Stände; freigebig auch bist Du wie die Luft, und höflich gegen Jeden, der irgend noch einen Schilling in seiner Tasche hat, und wer gar nichts in seiner Tasche hat, warum lebt der denn überhaupt?«

»Darüber wundere ich mich eben nicht,« sagte Asmodeus; »nicht ist's zum Verwundern, daß der Arme lebt, wohl aber wo er lebt, denn in jedem Kirchspiele der Stadt sehe ich Anschlagezettel, welche proclamiren, 92 daß einem ›Vagranten‹, das ist Einem, der seine Wohnung nicht bezahlen kann, nicht gestattet ist im Stadtviertel zu bleiben. Wo also bleibt er nun? Ist solch ein ›Vagrant‹ nicht gleichsam ein Fuchs, der gehetzt, und zwar von einem Rudel respectabler Leute gehetzt wird, die in schmucken Häusern wohnen und wie sie's nennen, ›was vor sich gebracht haben.‹ Solche Hetzjagd würde bald alle ›Vagranten‹ zum Lande hinausschaffen, vollends wenn der König auf den Pelz oder Kopf eines jeden Vagranten eine Prämie setzte, etwa wie sie vor etlichen Jahren auf die Pelze und Klauen der Wölfe gesetzt ward; denn frißt ein Wolf wohl so viel als ein Bettler? Kann ein Wolf beschwerlicher, hungriger und nutzloser seyn als ein Bettler? Mitnichten! Die Respectabeln haben vollkommen Recht, wenn sie den Werth des Menschen nach dessen Reichthum bestimmen; denn ein Mensch, der keinen Schilling im Vermögen hat, muß ja zum Halunken werden – ist ja schon einer. Er muß von seinem Witze, seinem Scharfsinn, seiner Schlauheit leben, und eines Menschen Witz und Scharfsinn und Schlauheit haben kein Gewissen, sobald der Magen solches Menschen bellt. Wir in der Hölle sind allesammt arm, blutarm; denn ›wenn wir reich wären,‹ spricht Satan höchst verständig, so würden wir allesammt Müssiggänger werden, und alsdann unser Reich nicht bestehen, das heißt, wir würden kein Unheil stiften können. Aus diesem Grunde, sagt Hume, wie Du weißt, ist eine Landesgeistlichkeit in der Regel müssig, denn sie wird vom Volke bis an die Gurgel 93 vollgestopft, damit sie sich schlafen legen und so kein Unheil stiften mag.«

Mich verdroß des Teufels satirische Laune, die ihn heute früh abermals angewandelt hatte; ärgerlich sagte ich zu ihm:

»Hebe Dich weg mit Deinen Spitzreden gegen die Geistlichkeit, Dir kommen sonst die Londoner ›Pfennigmagazine,‹ die ›**sche Kirchenzeitung‹ und ›der ***dorfer Bote‹ über den Hals.«

»Meint Ihr, Señor?« entgegnete Asmodeus. »Wohlan, so wollen wir von allgemeinen Bemerkungen ablassen und persönlich werden. Siehst Du dort den ältlichen Herrn, der grübelnd niederblickend sich um jene Hausecke wendet? Schau, wie er in sich hinein murmelnd die Lippen bewegt. Was meynst Du, worüber er brütet? Nimmermehr erräthst Du das! Er ist ein wanderndes Exempel von der auf den Gipfel ihrer Höhe gebrachten Lehrweise in öffentlichen Schulen; mit Einem Worte, der Mann macht lateinische Verse und Reden. Diese Macherei ist das Studium, die Beschäftigung, die Wonne seiner Existenz. Seine Seele atzt sich an Längen und Kürzen, und an rhetorischen Floskeln. Seitdem er die Schule verließ, hat er nichts Anderes gethan; er ist Professor an der Schule und dennoch selber noch ein Schuljunge, denn er thut nichts Anderes, als was er von seinen Schuljungen gethan haben will. Er besitzt ein hübsches Gütchen – ist von guter alter Herkunft; allein was ist ihm Eines wie das Andere? Er weiß nichts von 94grata arva‹ außer in einer Elegie, nichts von ›venerabile nomen‹ außer in einer steifen Prunkrede, die in einer Zottelperrücke und engen Kniebändern einhergeht. Neue, praktische, tief in's Welt- und Menschen-Leben eingreifende Bücher verhöhnt er durch ein sarkastisches Citat aus seinen verschimmelten Lateinern; von Walter Scott hat er gehört, und hat dessen Namen im Casus Vocativus von ›Scotus‹ in einem Gedicht angebracht. Byron gilt ihm für unklassisch, und alle übrige Autoren der Welt sind ihm böhmische Dörfer. – Dennoch ist's nicht seine Schuld, denn ihm ist nichts Besseres gelehrt worden, als dies Exponiren alter, durchräucherter Autoren. Seine Lehrmeister käueten ihm vor, was ihnen von Commentatoren vor hundert Jahren vorgekäuet ward, und er käu't 's nun wiederum seinen Schulbuben vor – Unter dem gelehrten Vieh sind er und seines Gleichen die wiederkäuenden Bestien. Er ist einer von denen, die die klassischen Zwecke unserer gelehrten Erziehung ›bis auf den Buchstaben‹ erfüllen. Lateinische Antoren exponiren, ist ihm Ende und Ziel aller menschlichen Bildung – er glaubt als Mann, was man ihm lehrte, als er ein dummer Junge war; ist das nicht eben das, was durch Erziehung bewirkt werden soll? Heißt das nicht die Schulstudien durch das ganze Leben fortführen? Wahrhaftig! wenn die öffentlichen Schulen nicht einen Mann lebenslang zum Exponiren klassischer Autoren anhalten, so belügen sie sich selbst und thun eigentlich nichts, denn ich wüßte nicht, wozu sie sonst anhalten sollten! Trefflicher 95 alter Herr, der da um die Ecke bog! Mit seinem Ohr für falschen Rhythmus muß er nothwendiger Weise gesunde Ansichten von Welt und Leben haben. Aus dem ›Takte‹ kann er zuverlässig niemals kommen. Wie schade, daß es seiner nicht Viele giebt, und daß unsere heranreifende Studirende nicht allesammt aus ihrem Schulleben weiter nichts mitbringen, als das Studium der nützlichen Kunst, lateinische Daktylen und Spondeen an einander zu haken –

»Ergo hominum genus incassum frustraque laboret
Semper, et in curis consumit inanibus aevum.«

»Alle Wetter!« rief ich, »was ist das? Ein Teufel spottet über lateinische Versmacherei, und citirt dennoch den Lucretius.«

»Lucretius! Hoho! der ist unser rechtmäßiges Eigenthum – die Mönche haben längst ihn uns überantwortet, weil er als ein Heide, der etwa sechszig Jahre vor Christus schrieb, nicht wie ein Christ schrieb. Da seh' mir Einer die Logik der Pfaffen! Doch von etwas Anderem! Betrachte Dir jene hübsche Dame in einem ›gewissen‹ Alter; die dort im grauseidenen Oberrock! Sieh, wie sie risch und sorglos einherschreitet – dafür ist sie sich aber, ihrer Meinung nach, einer Großthat einzig in ihrer Art bewußt. So wie es Menschen giebt, die nur Eine Idee haben, so ist sie eine Dame mit einer einzigen That. Sie ist eine talentvolle Schauspielerin. Vor einigen Jahren verliebte sich ein eben mündig gewordener junger Herr in sie. Der junge Herr behauptete 96 rechts und links hin, sie wäre das tugendhafteste Mädchen von der Welt, und ich brauche also nicht hinzuzufügen, daß sie eben deshalb ein von der Welt im höchsten Grade verlästertes Frauenzimmer war. Da die junge Dame jedoch vielleicht an der Jugend und der Unerfahrenheit ihres Anbeters Gefallen fand, beschloß sie zu beweisen, daß sie die gute Meinung verdiente, die er so arglos von ihr gefaßt hatte. Sie versagte ihm daher jede Vertraulichkeit außer der reinsten Freundschaft, nichtsdestoweniger aber machte sie sich kein Gewissen daraus, die köstlichsten Juwelen, Banknoten, eine prächtig eingerichtete Wohnung, Wagen und Pferde und dergleichen von ihm anzunehmen. Beunruhigt über diese verschwenderische Connexion des jungen Mannes, der sein Vermögen von einem Oheim geerbt hatte, eilen die Verwandten desselben nach der Stadt, um ihm die Augen zu öffnen; – vergebens. Endlich thut dies die Dame selbst. Außer seinem tollen Treiben mit seiner Liebschaft hatte der junge Mann sich auch dem Spiel ergeben, so daß Ruin ihm in's Antlitz starrt – verzweiflungsvoll überläßt er seine Habseligkeiten, und das Ordnen seiner Geldangelegenheiten seinem Vater, und empfängt dann von der Schauspielerin ein Schreiben des Inhalts: –

›Mein junger Freund.

Ihre Unerfahrenheit hat mich entzückt, und zum Danke dafür will ich Ihnen Weisheit schenken. Wissen Sie, daß ich alles das bin, was die Welt sagt, daß 97 ich sey, und daß von dem, was Sie sagen, daß ich sey, nicht das Geringste bin; aber ich bin gefällig, gutherzig, edelsinnig, wodurch ich meine Fehler wieder gut mache, unter denen der größte der ist, daß ich mich meinem fünfunddreißigsten Jahre nähere. Ihre Verwandten sind erboßt gegen mich – Ihr Vermögen ist dahin – Ihre Geldnoth ist groß, und Ihr Herr Papa vermaledeit die listige Dirne, an die Sie so viel Geld verschwendeten. Ich mache Ihrem Herrn Papa dafür meinen besten Theaterknix. Beifolgend erhalten Sie alle Juwelen, die Schenkungsacte über das Haus und alle Banknoten, kurz Alles, was ich jemals von Ihnen erhielt, bis auf den Wagen zurück, den Sie als Cavalier nicht wohl zurücknehmen können. Alles Uebrige steckt in einem blauseidenen Beutel, welchen ich Ihnen zum Geschenk mache. Schämen Sie sich nicht der Zurücknahme. Ich nahm Alles nur als ein Darlehn an, und lachte Sie dabei von Herzen aus; ich sage, ich nahm Alles an, weil ich wußte, daß wenn Ihr Jugendwahn sich nicht an mir erschöpfte, er sich an einer Anderen und minder Uneigennützigen erschöpfen würde. Die Zeit, in welcher Sie die mir gegebenen Schnurrpfeifereien brauchen, ist jetzt gekommen, und – da sind sie! Behielt' ich sie, so würde ich Sie beschwindeln, denn Sie gaben sie mir in dem Glauben, ich wäre das Gegentheil von dem, was ich bin. Leben Sie wohl. Ich wollte Sie bitten, mich in meiner neuen Rolle zu sehen, doch denk' ich, wird's gerathener 98 seyn, uns für einige Jahre zu trennen. Reisen Sie in's Ausland – der Himmel segne Sie!

Die Ihrige,‹ u. s. w.«        

»Nahm der junge Mann die Effecten zurück?«

»Er theilte den Brief seinem Vater mit, um diesem zu zeigen, wie arg man die Schauspielerin verlästert hatte – und der Vater, der des Jünglings Eitelkeit schmeichelte, zeigte diesem, was für ein Thor er gewesen war. Nein, der Sohn nahm die Geschenke nicht zurück, aber der Vater that es, und fertigte an die Schauspielerin ein ergebenstes Dankschreiben ab. Der junge Mann reisete in's Ausland, und ist um diese Zeit vermuthlich eben so altklug und eben so geizig als seine Verwandten. Du siehst, wie in seltenen Fällen auch schlechte Menschen trefflich handeln können. Aus Eitelkeit gab diese Dame sich den ›éclat‹, uneigennützig zu scheinen, und eben, weil ein Mensch sie hochschätzte, machte sie sich dieser Hochschätzung werth. – Doch, wir sind in zu entlegene Straßen gerathen; hier dürfte sich nichts Auffallendes unseren Blicken zeigen.«

»Doch, doch,« fiel ich dem Teufel ein. »Sieh da den magern, ziemlich schmuck aussehenden Herrn – den da im blauen Rocke; er scheint überaus nachdenkend zu seyn. Wer und was ist er?«

»Ein Mensch, der unlängst entdeckte, daß alle Gedanken, Hoffnungen und Träume seiner Jugend zunicht worden sind. In seinem dreiundzwanzigsten Jahre, dem 99 rechten Alter für diese Leidenschaft bei einem männlichen Wesen, verliebte er sich in ein schönes Mädchen, das, wie er für sie, ihr Leben für ihn hätte hingeben mögen. Beide waren arm – sie konnten einander nicht heirathen. Er ging nach Indien – mühete sich fünfzehn Jahre lang ab – trotzte dem Klima – schlug Geld zusammen – entsagte dabei jedem Vergnügen, – mied jegliche irgend überflüssige Ausgabe – blieb seiner Geliebten unverbrüchlich treu – kehrte endlich, mit Schätzen beladen, nach England zurück – eilt zu seiner geliebten Isabella, und findet sie –«

»Todt?«

»Nicht doch!«

»Verheirathet!«

»Eben so wenig, und doch fand er Schlimmeres. Er fand sie lebend und unvermählt, auch durch die Zeit nicht so sehr verwandelt, als er es vernünftiger Weise wohl hätte vermuthen können. Er ist bezaubert, er trägt sich nochmals an, er heirathet, und findet in dem Ideale seiner Träume, in der Göttin seiner Jugend eine zanksüchtige Widerbellerin, bei der er jetzt ein Hundeleben führt. Da hast Du ein Exempel von frühzeitiger Liebeswahl und von der Weisheit unverbrüchlicher Treue. Dennoch gebt Ihr poetische Sterbliche Euch ruhmredend über den schönen Gedanken von einem Pärchen, das nichts weiter von einander weiß, als daß Beide jung, hübsch und in einander verliebt sind, die die Tage ihrer Jugend verschleppen, um endlich diejenige bittere 100 Täuschung zu erfahren, die unter zehn solchen Heirathfällen neunmal eintritt.«

»Ach, Asmodeus,« sagt' ich, »spotte nicht über die Mysterien der göttlichen Leidenschaft. Die Liebestreue hat hohe Reize, besonders wenn unsere Geliebte sie gegen uns übt. Vice versa hat sie allerdings etwas Langweiliges in sich. Uebrigens bin ich, die Wahrheit zu sagen, Asmodeus, sehr geneigt, zu glauben, daß eine wirklich redliche und leidenschaftliche Liebe, ungeachtet ihrer Täuschungen und Betrügereien, wenn es anders solche Liebe geben kann, mehr angenehmen Zeitvertreib mit sich führt, als mindestens jede andere unschuldige Belustigung

»Ganz nach dieser Idee,« versetzte der Teufel, »verfuhr einer meiner Freunde, ein französischer Marquis, als er die Einladung eines Edelmannes aus der Provinz, denselben auf seinem Gute zu besuchen, annahm. Der Landedelmann hatte mehrere erwachsene Töchter. Der Marquis galt für einen höchst wählerischen und schwer zu befriedigenden pariser Stutzer. Als nun sein Wirth mir ihm dem Landgute zu fuhr, begann er bei sich zu erwägen, wie er seinen Gast wohl genügend würde unterhalten können.«

›Das Gut hat treffliche Fischerei, und an einem warmen Tage wollen wir eine Kahnfahrt vornehmen,‹ sagte er. ›Zelte sollen in grünem Walde für uns aufgeschlagen werden. –‹

›Entschuldigen Sie mich,‹ versetzte der Herr Marquis mit einem Schauder. ›Ich fische niemals. 101 Kahnfahrt und Waldzelte! Du mein Himmel, wie könnte meine zarte Körperbeschaffenheit dergleichen ertragen!‹

›Nun, so jagen Sie doch. –‹

Jamais, mon cher.

›Spielen Billiard?‹

›Kein queue nehm' ich in die Hand.‹

›Oder Karten?‹

›Die rühr' ich niemals an.‹

›Hm, hm!‹ sagte der Wirth höchst beunruhigt. ›So haben wir, Gott sey Dank, eine auserlesene Bibliothek. –‹

›Bibliothek? Seh' ich aus, wie ein Mensch, der Bücher lies't?‹ fragte der Herr Marquis.

›Aber womit in aller Welt wollen Sie sich denn die Zeit bei uns vertreiben?‹

›Ich, mon ami? Seyn Sie deshalb außer Sorgen. Für mich giebt es keinen süßern Zeitvertreib, als junge Mädchen zu verführen.‹«

»Eine angenehme Eröffnung für einen Familienvater!« fiel ich ein; »indessen, allen Ernstes, Asmodeus, sey es Dir gesagt, daß ich große Lust habe, mich zu verlieben. Wärst Du nur halbweg ein Teufel wie Mephistopheles, so würdest Du mir irgend ein süßes Gretchen oder sonst eine Holde, Liebenswürdige verschaffen, die ich heirathen könnte.«

»Heirathen? Was sticht Dich an? Wie kann Dir nur dergleichen einfallen?«

»Warum nicht?«

102 »Ha! dann scheiden wir für immer von einander. Heirath trennt Euch von Euren Teufeln entweder durch die Engel, die Ihr – hm! – zu Euren Weibern macht; oder ersetzt Euch diese Teufel alle durch einen einzigen weiblichen Satan.«

»Pah! Unsinn! Lass' mir Dein altmodisches Geträtsch über den Ehestand weg. Vielmehr erkläre ich Dir jetzt steif und fest, daß ich mich verlieben will, und daß ich von Deinem Beistande ein dahin führendes, wildes und pikantes Abenteuer erwarte. Du weißt, daß Du mir dienstbar bist.«

Asmodeus verbeugte sich, antwortete aber nicht, sondern trat in einen Conditorladen, um ein Glas Eis zu sich zu nehmen.

Ich folgte seinem Beispiele; allein mehr als jemals plagte mich die Langweile. Daher auch die Idee, mich verlieben zu wollen. Welche Unterhaltung hätte auch Einer, der mit den Feen zu Abend aß, und Kosem Kesamims Bekanntschaft gemacht hatte, in einem Conditorladen finden können. Der Leser wird sagen, ich zog mir diese Langweile selber zu, weil ich einen respectableren Genossen als einen Teufel hätte wählen sollen. Gehorsamer Diener! als ob nicht jeder vornehme Herr mir noch mehr Langweile gemacht haben und noch machen würde? – Bis Asmodeus mir ein Liebchen anschafft, werde ich mit meiner Zeit nun und nimmer zu bleiben wissen, da Kosem Kesamim's Reich mir verschlossen ist. – 103

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