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Asien und Australien

August Wilhelm Grube: Asien und Australien - Kapitel 33
Quellenangabe
typereport
authorAugust Wilhelm Grube
titleAsien und Australien
publisherVerlag von J. F. Steinkopf
seriesBilder und Szenen aus dem Natur- und Menschenleben in allen fünf Hauptteilen der Erde
volumel. Teil: Asien und Australien
printrunNeunte Auflage
year1912
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080630
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Auf den Karolinen.

Nach Walther Freiherr v. Rummel aus Velhagen und Klasing's Monatsheften. 23. Jahrgang. Besonders sei hingewiesen auf die ausführliche Behandlung dieser Inseln in des Verfassers Buch: Erster Klasse und Zwischendeck. Eine Weltreise durch Zufall. Heimat- und Weltverlag, Berlin.

S.M.S. der kleine Kreuzer »Condor« hat mich in der zweiten Hälfte des Dezembers 1907 auf den Marianen aufgelesen und bringt mich nun nach Jap, der Hauptinsel der Westkarolinen. Die Karolinen, die Deutschland im Jahre 1899 nebst den Marianen um 16 Millionen von Spanien erworben hat, erstrecken sich, wenn man die politisch ihnen zugezählten Palauinseln mitrechnet, über ein Seegebiet, das in seiner Längenausdehnung der ungefähren Entfernung und Strecke Gibraltar-Dorpat gleichkommen dürfte.

Es ist das eine ganze Welt für sich, eine Gruppe einsamster und verlassenster, in ihrer Mehrzahl sehr wenig bekannter Tropeninseln. Denn die weite Wasserwüste ringsum, ein von tückischen Taifunen und schweren Orkanen viel heimgesuchtes Meer durchpflügt nur selten, fast nie ein Schiff. Die Karoliner allerdings machen, sicher nach Sonne und Sterne steuernd, die tollkühnsten und waghalsigsten Fahrten von Insel zu Insel. Doch von so mancher Kanoeflottille, die da aussegelt, gelangen oft nur wenige Fahrzeuge ans Ziel. Die andern sinken, wenn allzu hohe und böse See aufkommt, leck und mit zertrümmertem Ruder in die Tiefe, oder sie werden von Sturm und Strom ins Unermeßliche verschlagen. So wurde erst kürzlich ein Karoliner-Kanoe von einem Taifun bis nach Formosa hinaufgeführt. Nur zu oft sterben die wackern, braunen Seefahrer Hungers, oder sie erliegen langsam der Erschöpfung. Entsetzliche Schreckensszenen spielen sich auch heute noch häufig in der großen Verlassenheit des Stillen Ozeans ab.

Wasser und Wasser – leicht zerbrechliche Kanoes – von einem Europäer wohl zu kürzeren Fahrten, doch nie zu Reisen von endlosen Wochen benutzbar: nirgends aber, nirgends ein Schiff! Da ist es denn ein ganz seltener, guter und froher Zufall, wenn man, seinem Reisestern vertrauend, auf einem schlechten japanischen Segelschuner von Yokohama aus losgefahren ist, dann ganz unerwartet einem so schönen und gastfreundlichen Schiff wie dem »Condor« begegnet.

Frisch und gesund lieferte er mich in Jap ab. Dort wird dem Kommandanten und mir vom Bezirksamtmann, Regierungsrat Senfft, in liebenswürdigster Weise ein schon am beginnenden Busch auf freier, windumbrauster Höhe liegendes, aus zwei Zimmern bestehendes Holzhäuschen angewiesen. Auch einen braunen Polizeisoldaten bekamen wir zur Bedienung. Unser »Tissin« gibt sich auch redlich Mühe; nur die gegenseitige Verständigung ist oft recht wenig befriedigend, und auch sonst ist mit unserem lieben und braven Kanakendiener nicht allzuviel anzufangen, was schon daraus erhellen dürfte, daß der Kommandant ihn schon in der allerersten Stunde feierlich zum »Dummen August« ernannt hat. Sehr geschmeichelt, sehr stolz ist der gute Tissin auf diesen neu verliehenen Ehrentitel und beeilt sich stets mit willigem Grinsen dem Rufe schnellstens Folge zu leisten.

In hundert Tagen habe ich die Klagen der ansäßigen Europäer über die Eintönigkeit ihres Lebens und die bösen Einwirkungen des ständig feuchtheißen Klimas auf ihre Gesundheit vollauf würdigen gelernt. Selbst solche Europäer, die keinerlei ernstere Tropenkrankheit durchzumachen haben, beschweren sich sehr oft über Nervosität, und wer auch nur die leiseste Anlage zur Neurasthenie hat, möge sich nie auf Jap ansiedeln. Wie schwül und schwer oft der Tag! Wie drückend und dumpf die Nacht! Ganz schlimm aber wird es dann, wenn nach der Passatzeit Windstille eingetreten ist, wenn der kleinste Buschhalm erstorben und versteinert scheint, die Spitzen der Palmblätter steif und regungslos durch die flimmernde Luft zur Höhe starren und in den schlaflosen Nächten der scharf metallene höhnische Rundgesang der Moskitos nie mehr verstummen will.

»Jap«, um mit dem offiziellen Titel zu beginnen, ist der Sitz des deutschen Bezirksamts für die Westkarolinen, Marianen und Palauinseln. Es ist ferner Sitz einer Telegraphenstation der deutsch-holländischen Kabellinie Menado – Shangai und noch Stützpunkt, Kohlenstation für deutsche Kriegsschiffe. Jap ist aber auch die Insel der schönen, wohlgepflegten Wege, die zu gehen die auf Jap lebenden Europäer meist zu faul sind. Es ist ferner die Insel der handgroßen, herrlichen Hibiskusblüte. Mit brennend heißem, flammendem Rot bekränzt sie bacchantisch das Grün am Wege. Es ist auch die Insel der Südseekrinoline, die sich die sonst unbekleidet gehenden Insulanerinnen in Gestalt von zwei oder drei schweren Grasröcken um die Hüften binden, Grasröcke, so wulstig und umfangreich, daß die armen Japerinnen oft die Arme vom Körper weghalten müssen. Die Frauen sind stark in der Minderzahl. Krieg, Mord und Totschlag war daher früher an der Tagesordnung. Auch heute fehlt es nicht an verwegenen Entführungen mit blutigem Nachspiel.

Die Japmänner tragen ihre wohlgepflegten langen Haare nach Frauenart hoch hinaufgebunden zur Schau, wodurch ihre Gesichter einen etwas weibischen und weichlichen Zug erhalten. Der Holzkamm im Haar ist das Sinnbild des »Freien«, der auf jede seine Schönheit gefährdende Arbeit stolz und verächtlich herabblickt.

Wo die Eitelkeit zu Hause ist, herrscht auch ein strenges Zeremoniell. Streng geregelt ist z. B. die Grußform. Es gibt keinen Japmann, der nicht seinen durch Tradition und Vererbung erworbenen Rang besäße. Selbst bei einfachen Wanderungen wird streng darauf gesehen, daß der Vornehmste vorangeht und die andern sich ihm jeweils nach der sozialen Stufenleiter anschließen. Begegnet einem solchen Zug ein Weißer, so läßt man ihn wortlos vorbeigehen; stoßen Japfrauen auf einen Europäer, so weichen sie an den Pfadrand, machen kehrt, und zeigen dem Fremden ihre Rückenpartie.

Die größte Merkwürdigkeit Japs ist wohl sein Steingeld. Wer sollte es glauben, daß die gewaltigen, durchlochten und kreisrund behauenen Kalkspatsteine, die oft in Dörfern und an Wegen aufgestellt sind und bisweilen die Höhe von zwei Metern erreichen, Geld sein sollen. Auf den Palauinseln wird der Stein gewonnen, bearbeitet, unter ungeheuren Schwierigkeiten an den Strand geschafft und auf Bambusflößen verladen. Dann folgt noch der weite, gefahrvolle Seeweg nach Jap. Mancher Floß, der die zentnerschweren Steine trug, manches Kanoe, das diese Flöße schleppte, ist dabei in die Tiefe gegangen. Dies sauergewonnene Steingeld steht daher sehr hoch im Kurs, und es wird als schwere Strafe empfunden, wenn der Amtmann wegen irgend einer Missetat die Pfändung eines Steins anordnet.

Eine Merkwürdigkeit sind auch die Klub- oder Versammlungshäuser, deren hohe Giebel mit Schnitzereien, Ornamenten und Malereien übersät sind. Hier ging es noch vor kurzem hoch her: die Fröhlichkeit kannte gar keine Grenzen, und das Familienleben geriet vollständig in Verfall; denn die meisten verheirateten Männer ließen sich nie mehr zu Hause blicken, und von den Junggesellen dachte keiner mehr ans Heiraten. Die Bevölkerungsziffer ging deshalb in erschreckender Weise zurück, und daher wurde vom deutschen Stationsleiter allen Mädchen und Frauen das Betreten eines Klubhauses verboten. Mißvergnügt, griesgrämig und mürrisch hocken jetzt die Männer in den still und langweilig gewordenen Klubhäusern. Aber sie hocken doch immer noch lieber hier, kauen bedächtig ihre Betelnuß, rauchen, schwatzen, lügen, als daß sie irgend welche ernste Arbeit verrichteten.

Am Tage habe ich viele und die allerbeste Gesellschaft, den Häuptling und ein paar seiner Getreuen, seine Töchter, die eifrig an meinen Schokolade- und Zwiebackvorräten herumknuspern und meine Tauschgegenstände bewundern. Viel bin ich freilich nicht zu Hause. Draußen ist es schöner in Busch und Wald oder auf der See. Pfeilschnell fegt so ein leichtes, schmalgebautes Kanoe mit seinem mächtigen Segel über die blaue Flut dahin. Man darf sich auch nicht allzusehr grämen, wenn man sich im Anfang von dem Fahrzeug löst und mit schwerem Plumps über Bord geht. Denn auch das Kanoefahren will erst gelernt sein. Für den richtigen Fischsport ist die Fahrt freilich fast zu rasch. Doch habe ich manchen prächtigen Fisch aus der Tiefe geholt; nur die mächtigen Riesenfische, die bisweilen länger als die Kanoes sind, sprengten mit einem einzigen Ruck Haken und Leine.

Die mit mir fahrenden Jungen aber warfen den treffsicheren Speer nach dem flüchtigen Hai, und wenn das Eisen schlecht saß, wenn der Fisch zu entkommen drohte, gingen sie ihm selber kopfüber in die See nach, balgten sich mit ihm herum und ruhten nicht, bis die gelbhäßliche, breitköpfige Meerhyäne wild um sich schlagend und schnappend auf dem Kanoe lag.

Hundert Arten von Fischen bevölkern die kristallklare Flut, und fast alle sind sie von seltener Farbenpracht, die vom glühendsten Purpurrot und leuchtendsten Sammetblau, vom allertiefsten Schwarz und sattesten Braun in die lichtesten und allerduftigsten, in zartgelbe und mattgrüne, in weichrosa, mildviolette und perlmutterartige Töne hinüberspielt. Dazu kommt noch die phantastische Abenteuerlichkeit der Form: Fische mit gekrümmten, harten Papageienschnäbeln, andere mit großen Katzen- und Eulenaugen, Fische wie Igel, rings mit Stacheln besät, mit spitzen und gefährlichen Dolchen und Schwertern bewehrt, oder auch ganz drollige Kumpane, die sich in der Tiefe kugelrund mit Wasser und Luft aufgeblasen haben, ans Tageslicht befördert aber wie ein lebensmüder Kinderballon allmählich auslaufen und jämmerlich zusammenklappen.

Und ich hätte noch mehr solch bizarre Fische gesehen und gefangen, wenn nur mein »Otto« gewollt hätte. Er war ein wundervoller Schwimmer und Taucher, Fischer, Segler und Seefahrer, ein halber Wassermensch, jener junge hübsche Palaumann, der eigentlich Aumong hieß, aber als Soldat von den Deutschen Otto genannt wurde. Wie manche stürmische Stunde haben wir auf See zusammen verbracht. Aber auch als Koch war er gar nicht übel, war außerdem mein Dolmetscher, Haushofmeister und immer und überall mein steter und treuer Begleiter.

Aber eines Tages erschien er mit einem 16jährigen Mädchen, das bestens bei der gründlichen Leerung meiner Zwiebackkiste mitgeholfen hatte, und erklärte, sie heiraten zu wollen. Er hat auch wirklich geheiratet. Es war kein Schwindel, den er mir vorgemacht hatte, um aus meinem Dienst zu kommen. Als ich ein Vierteljahr später nach den Palauinseln kam, war Otto bereits glücklicher Ehemann. Und so will ich, obwohl ich von dem idyllischen, weltentlegenen Inselparadies noch manches zu erzählen wüßte, dennoch schließen mit Otto und seinem jungen Glück.

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