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Asien und Australien

August Wilhelm Grube: Asien und Australien - Kapitel 25
Quellenangabe
typereport
authorAugust Wilhelm Grube
titleAsien und Australien
publisherVerlag von J. F. Steinkopf
seriesBilder und Szenen aus dem Natur- und Menschenleben in allen fünf Hauptteilen der Erde
volumel. Teil: Asien und Australien
printrunNeunte Auflage
year1912
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080630
projectid1d489415
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Tsingtau und Deutsch-China.

Nach Hesse-Wartegg, »China und Japan.« 1900.

Schon im Jahre 1896 habe ich auf den Hafen von Kiautschou verwiesen und bemerkt: »Die Zahl, das Ansehen und der Handel der Deutschen in Ostasien sind so groß, daß auch in anderen Häfen deutsche Landerwerbungen sehr wünschenswert wären, wenn man sich nicht entschließt, einen eigenen Hafen von der chinesischen Zentralregierung zu erwerben. Niemals war die Gelegenheit günstiger als jetzt.« – Ich ahnte nicht, daß dieser gewiß allgemein geteilte Wunsch so bald in Erfüllung gehen sollte. Wenige Monate nach der Besitzergreifung Tsingtaus durch das Deutsche Reich traf ich dort ein, um den Hafen und das Hinterland, das bis dahin von keinem Europäer in allen seinen Teilen bereist worden war, kennen zu lernen.

Als wir 1896 zwischen den kleinen Felseninseln, die Kiautschou vorgelagert sind, gewissermaßen den Portierlogen des neuen Deutsch-China, hindurchfuhren, wies der Kapitän unseres Schiffes auf ein langes, felsiges Vorgebirge, das von Süden her weit vorspringt und das er als Kap Evelyne bezeichnete. Diesem gegenüber, aber weit landeinwärts, verläuft eine zweite langgestreckte Halbinsel im Meer, gegen Osten an eine Gruppe von mächtigen, schwarzen Bergen anschließend, von denen bis zur Besetzung des Gebiets durch die Deutschen nur der höchste, der bis auf 1100 Meter in die Wolken ragende Lauschan einen Namen besaß. Seither sind auch die anderen Berge mit Namen bedacht worden. Dem Lauschan zunächst liegt der Prinz-Heinrichsberg, bei der Einfahrt der Diederichsberg, dann als Wahrzeichen und Signalpunkt der Bucht der teilweise bewaldete Truppelberg, genannt nach dem damaligen Kommandanten in Kiautschou.

Ich kann nicht sagen, daß mich der Anblick des Hafens besonders fesselte. Die Berge und Täler zeigten wenig Grün, auf dem zackigen Grat des Lauschangebirges lag Schnee und von Besiedelung war nicht das geringste zu sehen, und doch ist Schantung eine der reichsten, fruchtbarsten, bewohntesten Provinzen.

Erst als wir der Küste der nördlichen Halbinsel ganz nahe waren, und die Ankerkette in dem hellgrünen Seewasser verschwand, lenkte der Kapitän unser Augenmerk auf etliche niedere Lehmmauern, die sich von der Umgebung kaum abhoben und nur durch die schwarzen Dächer kenntlicher gemacht wurden. Das ist der Sitz der deutschen Regierung, das ist Tsingtau, der Hafen von Kiautschou. Ich richtete mein Fernglas auf diese öde Häusergruppe. Nahe dem sandigen Meeresstrande breitet sie sich aus, rings umgeben von Militärlagern, über denen schwarz-rot-weiße Flaggen wehten. Das nächste Lager oder Fort, wenn man will, liegt unmittelbar am Meer, und von dort streckt sich eine lange, eiserne Brücke in die See, der Landungsplatz von Tsingtau.

Bald war unser Dampfer umschwärmt von kleinen weißen Dampfpinassen, bemannt mit fröhlichen, frisch aussehenden deutschen Matrosen, welche die Post für die verschiedenen Schiffe abzuholen hatten. Die Frachten und Passagiere wurden in einer chinesischen Dschunke an die Landungsbrücke gebracht, die noch aus der Chinesenzeit stammt, gerade so wie alle Militärlager und die meisten von der deutschen Regierung besetzten Gebäude. In den wenigen Wintermonaten, die seit der Landung deutscher Truppen verstrichen ist, wurde viel gearbeitet, aber ein chinesisches Küstendorf kann man nicht so ohne weiteres in eine deutsche Hafenstadt verwandeln. In Deutschland war der Name Tsingtau bis zu meiner Abreise Anfang Februar 1898 ganz unbekannt, und Kiautschou war in aller Mund. Dorthin wurden die Postkarten aller Kolonialenthusiasten gerichtet, nach Kiautschou die Briefe von zahlreichen Briefmarkensammlern, die sich chinesische Briefmarken mit dem Poststempel Kiautschou erbaten. Kiautschou liegt aber etwa fünfzig Kilometer landeinwärts und ist von der See aus ganz unzugänglich, ja es ist überhaupt nur vorübergehend von deutschen Truppen besetzt worden. Tsingtau ist, wie gesagt, nur ein kleines Fischerdörfchen. Aber es ist für die Schiffahrt und für die künftigen Hafenanlagen so günstig gelegen, daß es von den Behörden auch zum Sitz der Regierung ausersehen worden ist. Kiautschou hat in Deutschland den Rahm abgeschöpft und ist ganz unverdientermaßen zu einer Berühmtheit gelangt, die eigentlich Tsingtau zufallen sollte.

Von der Landungsbrücke führte ein Fußweg an dem von deutschen Soldaten besetzten Brückenfort vorüber, dem sandigen Meeresstrande entlang, nach dem Dörfchen, als dessen erstes Gebäude sich ein ganz ansprechender, hübsch gebauter Götzentempel präsentiert. Zwei hohe Flaggenstöcke ragen über die mit wunderlichen Steinfiguren geschmückten Dächer der verschiedenen Tempelbauten hinaus. Diese letzteren sind auch die größten des ganzen Orts; denn zum Yamen des Gouverneurs schreitend, sah ich nur kleine, niedrige Chinesenhäuser mit winzigen Papierfensterchen. Glas gab's so wenig als Seife. Hunderte von Chinesen drängten sich in der Straße; alle in der gleichen Kleidung: blaue Baumwolljacken und blaue Beinkleider. Im Sommer tragen sie nur diese, im Winter werden sie mit Baumwolle gefüttert. Wird es noch kälter, so tragen sie zwei, drei, vier dickwattierte Jacken noch darüber, so daß sie wie wandelnde Baumwollballen aussehen. Daß sie ihre Kleider nie wechseln, vermag Auge und Nase sofort zu bestätigen.

Von der Marktstraße zweigt sich zur Rechten eine zweite, breitere ab, und diese ist augenscheinlich das vorläufige Europäerviertel. Wohl sind auch hier die Häuser armselig genug, aber so reinlich, daß unmöglich Chinesen dort wohnen können. Zwei Häuser tragen Aufschriften: Schwarzkopf u. Co. aus Hongkong und Sietas u. Co. aus Tschifu. Ihnen gegenüber prangt die Bezeichnung: Kaiserlich deutsche Post. Ein paar Schritte weiter öffnet sich ein großer Platz mit dem Yamen des Gouverneurs von Tsingtau. Dem von einem Militärposten besetzten Haupteingang gegenüber erhebt sich der große Flaggenstock, auf dem die weiße Kriegsflagge mit dem schwarzen Kreuz weht. Hier sollte auch ich Unterkunft finden, denn Hotels gab es damals noch nicht. Der Yamen hat zwei Höfe, von chinesischen Gebäuden eingefaßt. Im Haupthaus sind die beiden Zimmer für den Gouverneur und die beiden Gemächer, die eben für den Prinzen Heinrich hergerichtet wurden.

Das Einrichten der chinesischen Kasernen und Wohnhäuser, das Reinigen der Straßen und Plätze, die Verbesserung der Wege, Brücken, Dämme war eine Riesenaufgabe gewesen. Wohl wurden bezopfte Kulis herbeigezogen, um diese Mistgrube von Deutsch-China zu säubern, allein die Matrosen und Soldaten mußten doch wacker mithelfen. General Tschang, der frühere Befehlshaber von Tsingtau, war ein ausgezeichneter Offizier gewesen; dennoch mußte fast alles erneuert werden. Wo die Maurer, Schlosser, Zimmerleute hernehmen? Da wurde der Offizier zum Maurerpolier, der Soldat zum Handwerker. Nur der umsichtigen Leitung, Ordnung, Anspruchslosigkeit und dem guten Mut gelang das scheinbar Unmögliche. Nach harter Tagesarbeit kamen die Entbehrungen der Nacht. Betten gab es natürlich nicht, ebensowenig Öfen in den eisigkalten, dunklen Räumen. Die armen Leute mußten in Hängematten schlafen, die Offiziere wohnten zu zwei und drei in engen, feuchten Räumen, speisten wie im Feld, entbehrten aller Bequemlichkeiten und mußten dabei noch den anstrengenden Garnisonsdienst versehen.

Aber die Früchte dieser Arbeit zeigten sich schon nach wenigen Monaten: Tsingtau war ein Muster von Sauberkeit, besaß Straßenbeleuchtung, Straßennamen, Häusernummern, gute Wege, Telephonverbindung, auf dem Truppelberg eine Signalstation und überall die schönste Ordnung. Die Offiziere der Kriegsschiffe untersuchten inzwischen den Hafen und haben bestimmt, daß die Bucht von Kiautschou für den Kriegshafen gewählt werden solle.

Beim ersten Überblick gewann ich die Überzeugung, daß in nicht ferner Zeit an Stelle der sandigen Gerstenfelder, die sich zwischen dem heutigen Tsingtau und dem Kriegshafen ausdehnen, eine blühende, deutsche Handelsstadt sich erheben wird, wo elektrische Bahnen zwischen beiden Küsten verkehren und der Hafen mit Schiffen oder Flaggen gefüllt sein wird. In Hongkong und Shanghai lagen die Verhältnisse einst viel ungünstiger als hier. Hongkong wurde 1841 als offener Hafen erklärt, aber erst fünf Jahre später war der Grund für die neue Stadt trocken gelegt. Malaria und Fieber rafften in einem Jahr von einem Regiment 200 Soldaten dahin. Der erste Gouverneur, Sir John Davis, empfahl der Regierung, die Kolonie ganz aufzugeben; heute ist Hongkong ein Welthafen ersten Rangs. Mit Shanghai erging es ganz ähnlich. 1843 wurde es als offener Hafen erklärt, zwei Jahre später zählte es fünf Häuser, 1849 hatten sich 25 Firmen niedergelassen mit 100 Europäern und darunter 7 Frauen. Zur Zeit meines ersten Besuchs war Tsingtau noch ein ganz merkwürdiger Ort: fünftausend deutsche Männer ohne eine Frau. In den Straßen war niemals ein Wagen gefahren; der Gouverneur war Richter, Zivilbeamter, Militärkommandant, alles in einer Person. Niemals hat es unter so viel Männern so viel Ordnung, Arbeitseifer und so wenig Eigennutz gegeben. Dabei gediehen auch die Eingeborenen. Als die rotbärtigen Teufel landeten, gab es in Tsingtau einige Hundert Einwohner, vier Monate später zehnmal so viel. Ein Winter hatte genügt, um die arme Bevölkerung zu einem gewissen Wohlstand zu bringen. Ringsum wußte man, daß die Deutschen nicht stehlen, sondern alles bar bezahlen und daß es Arbeit in Hülle und Fülle gäbe, und so kamen täglich Dschunken mit Waren und lange Züge von Schubkarren, überall entstanden neue Häuser; jedes Schiff brachte neue Ansiedler, Kaufleute, Unternehmer, Beamte, Missionare, dazu Waren, Baumaterial, Maschinen usw. Ein vorzüglicher Stadtplan wurde entworfen. Hunderte von Chinesen arbeiteten an dem Unterbau der breiten Prinz Heinrichstraße, die parallel mit der Meeresküste läuft, eine Wasserleitung wurde angelegt, der Bau der Beamtenwohnungen begonnen; daneben geht eine rührige Privattätigkeit her. Tsingtau ist heute, drei Jahre nach der Besitzergreifung, eine freundliche, industrielle, deutsche Stadt mit Hotels, Banken, großen Warenhäusern, jungen Gartenanlagen, Villen, kurz eine Stadt, wie sie in solcher Raschheit und Vollkommenheit in China noch niemals geschaffen worden ist.

Das sagt auch der Jahresbericht der kaiserlichen Zollbehörde vom Jahre 1899: »Die neue Hafenstadt Tsingtau, früher ein ärmliches Fischerdorf, ist auf dem besten Weg, in baldigster Zeit eine moderne Stadt zu werden, die mit den schönsten Städten des Ostens rivalisieren kann. Ausgedehnte Kanäle, breite Straßen werden aus dem Felsen gesprengt; elektrisches Licht und Telephonanlagen, bequeme Wohnungen, komfortable Hotels sind überall im Entstehen, die früheren chinesischen Häuser sind aufgekauft und die Bewohner in eine gefällig angelegte Musterstadt verpflanzt worden, in der Nähe des nördlichen Innenhafens. Auf diese Weise, getrennt von der chinesischen Bevölkerung, mit vorzüglichen sanitären Anlagen, mit herrlichem Klima, mit vortrefflichen Seebädern und luftigen Bergzügen, wie geschaffen zu Sommerfrischen, bietet Tsingtau die beste Gewähr, einer der ersten klimatischen Erholungsorte des Ostens zu werden. Die gleichfalls in der Ausführung stehende Eisenbahn wird Tsingtau zum Ausgangspunkt nehmen und den Hafen mit Kiautschou und den andern bedeutenden Städten der Provinz in Verbindung bringen und die Hauptkohlen-, Seiden- und Strohgeflechtdistrikte durchschneiden.«

Denn reiche Kohlenschätze liegen nur 150 Kilometer nördlich. An den Grenzen von Deutsch-China halten junge Offiziere mit kleinen Abteilungen Ruhe und Ordnung aufrecht. Sie wohnen kaum besser als die Chinesen in ihren Bauernhäusern. Aber der Aufenthalt auf dem Land hat auch seinen Reiz. Ich habe das ganze große Gebiet durchzogen und war überrascht von den wohlgepflegten Obstgärten und Feldern, wie von der Dichtigkeit der Bevölkerung, die etwa 70 000 Einwohner zählen mag. Es ist keineswegs ein wertloses Stück Land, das deutsche Missionare ihrem Vaterland mit ihrem Blut erkauft haben. Ich war aber auch überrascht, wie sehr die Qual der Fußverkrüppelung in diesem Gebiet verbreitet ist. Unter den tausenden von Frauen, die ich zu Gesicht bekam, besaß keine einzige ihre natürlichen Füße. Selbst wenn sie auf den Feldern arbeiteten, oder Lasten trugen, steckten ihre Füßchen in den kaum spannenlangen, gestickten Seidenschuhen. Sonst ist ihre Kleidung wie die der Männer, nur daß sie an Stelle der blauen Beinkleider knallrote tragen. Vom zehnten Jahre an haben die Knaben einen langen Zopf, der mit Hilfe eingeflochtener Schnüre bis auf den Boden herunterbaumelt. Die Frauen stecken ihre prächtigen, rabenschwarzen Haare mit Silbernadeln auf dem Kopfe fest.

Deutsch-China ist reich an landschaftlichen Schönheiten; auf der tiefblauen, weiten Fläche der Kiautschoubucht liegen große und kleine Inseln, mit Dörfern und Tempeln bedeckt. In der Mitte des Landgebiets erhebt sich der schwarze Woschan mit seinen Ausläufern, dem Prinz Heinrich-Berg. Die Besteigung des durchaus kahlen Lauschan war nicht gerade ein Genuß, wurde jedoch durch einen herrlichen Ausblick ins Jia-Kung-Tiën-Tal belohnt mit dem gleichnamigen Kloster, das zwischen Bambus, Myrthen und Lorbeer verborgen liegt. Die freundlichen Taoisten-Mönche zeigen als ihren größten Stolz einen Kamelienbaum von sechs Meter Höhe und anderthalb Meter Umfang.

Je mehr ich von dem neuesten Besitz des Deutschen Reiches zu sehen bekam, desto mehr stieg meine Dankbarkeit für diejenigen, die ihn dem deutschen Volk gegeben haben; denn ich bin überzeugt, daß er mit jedem Jahr an Wert gewinnen und dem deutschen Handel wie der deutschen Industrie Segen bringen wird.

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