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Asien und Australien

August Wilhelm Grube: Asien und Australien - Kapitel 23
Quellenangabe
typereport
authorAugust Wilhelm Grube
titleAsien und Australien
publisherVerlag von J. F. Steinkopf
seriesBilder und Szenen aus dem Natur- und Menschenleben in allen fünf Hauptteilen der Erde
volumel. Teil: Asien und Australien
printrunNeunte Auflage
year1912
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080630
projectid1d489415
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Chinas Erwachen.

Nach Franz Woas, Leipziger Illustr. Zeitung 1909; und Dernburg, Deutsche Interessen an der Neubildung Chinas. (Staatsanz. Nr. 38.)

Das Erwachen Chinas tritt zu Tage in den großen Reformen und der gewaltigen Revolution der jüngsten Zeit. Das alte China befolgte allzuwörtlich einen Hauptlehrsatz seines großen Lehrers Konfutse: »Kümmere dich nicht um deinen Nachbar!« Es schloß sich ängstlich von der Welt ab; es baute die »große Mauer«, um sich gegen Innerasien abzusperren; auch den Kaiserkanal baute es nur, um nicht aufs Meer hinaus zu müssen. Aber die Fremden fanden den Weg zu ihm, und jetzt bleibt China nichts übrig, als die Fremden nachzuahmen, wenn es von ihnen nicht erdrückt werden will.

Verkehrsmittel wirken Wunder. Erst recht bei diesem unbeholfenen Riesen, der ganz unzugänglich war, bis die Fremden ihre modernen Hilfsmittel ins Land brachten. Von Natur aus ist der Chinese wahrhaftig gescheit genug, um den Vorteil davon einzusehen, er ist aber auch betriebsam genug, um sich diese Mittel selber anzueignen, und so kann es gar nicht ausbleiben, daß das Land ein ganz anderes Gesicht bekommt, weil ganz China an der friedlichen Umwälzung mitarbeitet. Es hat aber auch an einer » Revolution von oben« nicht gefehlt; ja die regierenden Kreise sind geradezu im Sturmschritt vorangegangen. Beinahe fünfzig Jahre hielt eine Frau das Geschick dieses großen Reiches in ihren Händen. Die Kaiserin-Witwe Tsu-Hsi war unzweifelhaft eine bedeutende Frau, die an die Semiramis des Altertums und die großen Herrscherinnen der neueren Zeit heranreichte. Dies sieht man an ihrem Verhalten zu den Forderungen der Neuzeit. Sie hatte sich lange und entschieden gesträubt; aber als ihr die richtige Erkenntnis aufgegangen war, zögerte sie keinen Augenblick, den Ansprüchen der neuen Zeit nachzukommen. Auf ihre Person ist es zurückzuführen, daß das chinesische Reich aus seinem tausendjährigen Schlaf erwacht ist. Nachdem sie jahrzehntelang unter dem verderblichen Einflusse von so zweifelhaften Ratgebern wie dem Prinzen Tuan, dem eigentlichen Urheber der Boxeraufstände, gestanden hatte, zog sie in den letzten Lebensjahren Männer in ihre Umgebung, die als wahre chinesische Patrioten anzusehen sind; so vor allem Yuan-Chi-Kai und Chang-Chi-tung. Diese beiden Männer müssen als die eigentlichen Urheber der Reformen angesehen werden, die dazu bestimmt sind, China ein neues Leben einzuhauchen, wenn auch der erste von beiden beim Tode seiner Gönnerin das Feld räumen mußte.

Zu den wichtigsten Neuerungen gehört das Verbot des Opiumrauchens. Die Beamten, die sich diesem Laster hingeben, werden mit Absetzung bedroht; und außerdem ist der Anbau des Mohns und der Verkauf von Opium so beschränkt worden, daß die Zeit wohl abzusehen ist, wo das Opiumrauchen wenigstens nicht mehr das Nationallaster sein wird. Freilich stellen sich der Ausführung dieses Erlasses auch mannigfache Schwierigkeiten entgegen, aber den Machthabern ist es voller Ernst damit, was sie unter anderem damit beweisen, daß sie zwei wirkliche Mandschu-Prinzen degradierten, als sie sich dem Opiumverbot nicht fügen wollten.

Eine andere Einrichtung, die man bisher für unzertrennlich vom Chinesentum gehalten hat, ist ebenfalls von der Kaiserin Tsu-Hsi von heute auf morgen abgeschafft worden, nämlich die der gelehrten Prüfungen, die jahraus, jahrein im ganzen Reich stattfanden, und denen sich stets Tausende von Schülern jedes Alters unterzogen. Sie hat erkannt, daß jenes tote Wissen, das dort verlangt und wiedergekaut wurde, vollständig wertlos ist. Statt dessen wurden Schulen errichtet, in denen praktisches Wissen und Können getrieben wird, und rücksichtslos werden überall im Lande Klöster und Tempel aufgehoben und in Schulen verwandelt. Auch Universitäten wurden gegründet, nicht bloß in Peking, nein, jeder Gouverneur wurde angewiesen, in jeder Provinz solche Anstalten mit ausländischen Lehrkräften einzurichten. Jetzt werden überall europäische Kunst und Wissenschaften gelehrt, und aufmerksam sitzen fleißige Schüler zu den Füßen ausländischer Lehrer, um kaufmännisches Wissen, Geographie, Geschichte, Mathematik, Physik, Chemie, Technik, Maschinenbau, Medizin, fremde Sprachen zu erlernen. Die alten Lehrer der Klassiker sehen sich vergeblich nach Schülern um. Die gewaltigen, scheunenartigen Prüfungsgebäude, in denen früher tage- und wochenlang die armen Prüflinge in engen Kasten bei Reis und Wasser schwitzten, sind leer und unbenutzt; sie würden auf Abbruch verkauft, wenn nicht immer noch hie und da der Gedanke auftauchte, daß das Alte am Ende doch wieder kommt.

Noch unter der alten Kaiserin ist auch die wichtige Mandschu-Frage angeschnitten worden. Die Mandschu sind die alten Eroberer des chinesischen Landes. Bisher lebten Mandschu und Chinesen in den großen Städten vollständig getrennt voneinander. In jeder Stadt mit Mandschubesatzung waren diese in dem besseren Teil angesiedelt und durch Wälle und Mauern von den Chinesen getrennt. Beide hatten keinerlei Beziehungen zueinander; Heiraten unter ihnen waren verboten. Mit der Zeit hatten die Mandschu ihren ursprünglich militärischen Charakter eingebüßt. Sie standen zwar als »Bannertruppen« unter Generalen und mußten diesen zur Verfügung stehen; aber irgend welche Exerzitien fanden nicht statt. So wurden die Mandschu immer mehr reine Drohnen, die auf Kosten der Chinesen lebten; sie erhielten einen Sold, der es ihnen gestattete, ohne Beschäftigung zu bleiben. Auch in den ersten Stellen der Verwaltung und des Heeres beanspruchten die Mandschu alle Vorrechte. Dieser Zustand war den Chinesen immer unerträglicher geworden. Namentlich die beiden oben genannten Staatsmänner Chang-Chi-tung und Yuan-Chi-Kai, die selber Chinesen waren, beschlossen, die Mißstände zu beseitigen. Es wurde den Mandschu aufgegeben, sich eine bürgerliche Beschäftigung zu suchen; ihr Sold wurde ihnen nur noch für kurze Zeit in Aussicht gestellt. Die Regierung hat ihnen Staatsländereien überwiesen, wo sie Ackerbau treiben sollen. Höchst widerwillig und mit Murren haben sie diese Anordnungen aufgenommen. Da sie aber stark in der Minderheit sich befinden und die Volksstimmung wider sie ist, so wird ihnen nichts übrig bleiben, als sich in die neue Lage der Dinge zu finden. Alles in allem dürften in den 18 Provinzen des eigentlichen China nicht mehr als sechs Millionen Mandschu vorhanden sein, und es ist bezeichnend genug, daß diese Minderheit die übrige große Mehrheit von 400 Millionen bisher zu beherrschen verstanden hat. Die Mandschu sind allerdings im allgemeinen von einem stärkeren Schlag als die Chinesen; namentlich gilt dies von den Frauen, was vornehmlich damit zusammenhängt, daß die Mandschufrauen ihre Füße nicht in so barbarischer Weise verkrüppeln wie die Frauen der Chinesen. Deshalb gehen sie aufrecht und in stolzem Gange einher, während die Chinesinnen auf ihren spitzen Stöckelschuhen vollständig hilflos einherstelzen, so daß der leiseste Stoß sie umwerfen kann.

Man sieht, daß die Reformen der Kaiserin das chinesische Volkstum bis ins Innerste treffen mußten, weil sie das uralte Herkommen angriffen. Dazu kommen Änderungen der Verfassung.

Man will gleichzeitig in Peking die Zügel der Regierung fester in die Hand nehmen und andererseits das Volk zur Teilnahme am Regiment heranziehen. So hat man den Gouverneuren, die bisher wie Könige herrschten, ihre unerhörte Selbstmächtigkeit beschränkt und Anordnungen getroffen, damit das Volk Einfluß auf die Regierung gewinne. In größeren Städten sind bereits Einrichtungen vorhanden, die an unsere Stadtverordneten erinnern; auch haben die Gouverneure Beiräte von Bürgern auszuwählen und ihre Ansicht einzuholen.

Auch in Peking sind nützliche Neuerungen eingeführt worden. Das alte Tsung-li-yamen, eine Versammlung unfähiger Männer, die bei auswärtigen Verwicklungen immer den Kopf verloren, ist abgeschafft und durch ein Ministerium des Auswärtigen ersetzt worden. Auch ein Handels- und Verkehrsministerium sind eingesetzt worden. Endlich ist man auch dem alten, verworrenen Maß- und Münzsystem, das durchaus nicht mehr in die Verhältnisse passen will, zu Leibe gegangen. Es wird die Zeit kommen, da das Weltsystem des Meters auch in ganz China und die Goldwährung gelten wird.

Diese Reformen sind mit der Grund für die große Revolution, die sich bis zum 12. Februar 1912 so weit durchsetzte, daß die kaiserliche Regierung die Republik feierlich anerkannte. »Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung«, sagt dieses Edikt, »ist für die Republik. Es ist unmöglich, sich den Wünschen von Millionen zu widersetzen für den Ruhm einer einzigen Familie. Darum übertragen die Kaiserin-Witwe und der Kaiser die Souveränität auf das Volk und beauftragen Juanschikai, eine vorläufige republikanische Regierung einzurichten, die den Frieden des ganzen Reiches sichern und alle Völker, die Mandschu, Chinesen, Mongolen, Mohammedaner und Tibetaner, vereinigen soll.« Wie kam es zu dieser Revolution? Merkwürdig, gerade unter der Kaiserin Tsu-Hsi, dieser chinesischen Katharina II., sind Verhältnisse eingetreten, welche China zu der Revolution vorbereitet haben. Einmal eine Reihe von Demütigungen, die das Land erfahren hat. Das Eingreifen der Mächte bei den Boxerunruhen (1901) vor allem hat den Chinesen gezeigt, daß ihre Stellung unter den Großmächten der Erde aufs schwerste bedroht sei. Man hatte dies gewissermaßen als unabänderliches Fatum angesehen, bis eine neu aufstehende gelbe Nation, die Japaner, gezeigt haben, daß es wohl möglich sei, bei Anwendung des westlichen Rüstzeugs auch eine europäische Großmacht zu besiegen. Diese beiden Erkenntnisse, daß die Stellung Chinas erschüttert war und daß die gelbe Rasse wohl in der Lage sei, sich ihrer Haut zu wehren, wenn sie westlich organisiert sei, bilden den eigentlichen Grund für die chinesische Revolution. Wo haben nun die Chinesen die Führer für die Revolution gefunden? Einmal auf Grund einer Einrichtung, die dem chinesischen Reich durchaus eigentümlich ist. China ist mit Ausnahme der Mandschuaristokratie ein durchaus demokratisches Land. Die Verteilung der Ämter und Würden hängt lediglich von dem Bestehen einer großen Anzahl von Prüfungen ab, die die jungen Chinesen von Jugend auf beschäftigen. Die jungen Leute kommen auf diesem Wege aus ihrem Dorf in die Bezirksstadt, aus der Bezirksstadt in die Provinz-Hauptstadt und aus dieser in die Residenz. Da nun der Besitz eines Amtes einträglich zu sein pflegt, so hat sich das chinesische Volk mit seinem stark entwickelten Sinn für Gelderwerb daran gewöhnt, erfolgversprechende junge Leute zu unterstützen. Man trat zusammen und gab das Geld, um die jungen Leute studieren zu lassen, die sodann, wenn sie ins Amt kamen, den Geldgebern aus ihrem Heimatort zur Entschädigung zu einträglichen Stellungen verhalfen. Im Jahre 1906 nun hat ein kaiserliches Dekret diese Art der Ausbildung der Beamten einfach ausgewischt. Dadurch sind Hunderttausende um ihr Geld gekommen, und so hat sich großer Mißmut gebildet. Da die alte Prüfungsordnung aufgehoben war und an ihrer Stelle westliche Kenntnisse verlangt wurden, so mußte China nunmehr eine große Menge von jungen Leuten nach den westlichen Ländern schicken. Besonders viele gingen nach den Vereinigten Staaten, wo ihnen gepredigt wurde von der Selbstverwaltung, von der Freiheit, von der Republik. Mit diesen Ideen sind die Leute zurückgekommen. Doch ohne Geld läßt sich keine Revolution machen. Wo haben die Revolutionäre das Geld herbekommen? Zunächst haben sie ganz ruhig überall die Steuern eingezogen. Und in Wutschang sind ihnen fünf Millionen Mark, die eine europäische Bank tags zuvor dem Vizekönig geliehen hatte, in die Hände gefallen. Hauptsächlich aber war der Aufstand finanziert durch die unzähligen Chinesen im Ausland, die dort durch Fleiß, Beharrlichkeit und Wuchersinn große Geldsummen zusammengespart hatten, denen aber die Rückkehr in ihre Heimat nicht gut möglich war, weil sie dort, sobald ihre Wohlhabenheit bekannt wurde, von den Beamten geschröpft und ausgesogen wurden. Auf diesen Grundlagen hat sich die Revolution im Süden Chinas Bahn gebrochen. Ihre Forderungen weisen nach Idee und Form auf den Import aus den Vereinigten Staaten hin. Dr. Sunyatsen, der sogenannte Präsident der Chinesischen Republik, der ja selbst sich in den Vereinigten Staaten aufgehalten hat, faßte sie zusammen in den drei Punkten seines Programms: Nationale Unabhängigkeit, Selbstregierung, sozialer Ausgleich. Die Vereinigten Staaten selbst haben einen großen Einfluß auf die Ideen der Chinesen genommen, als sie 1901 die für sie bestimmte Entschädigung für den Boxeraufstand den Chinesen überließen mit der Bedingung, daß mit diesem Kapital junge Chinesen in den Ver. Staaten wissenschaftlich ausgebildet werden sollten. Hunderte von jungen Chinesen wurden so auf den amerikanischen Universitäten in die Ideen eingeführt, die dann der neuen Republik ihren Stempel aufdrücken sollten. Aber auch das neue China wird eine Republik sein »mit dem Großherzog an der Spitze«. Der kleine, fünfjährige Kaiser, der wahrscheinlich von all den Vorgängen keine Ahnung hat, ist der neuen Republik gleichwohl vonnöten als Opferkönig. Wie bekannt, ist die Ahnenverehrung das eigentliche geistige und sittliche Band, das bei aller weitgehenden, religiösen Duldung das chinesische Reich zusammenhält. Um jemand an der Spitze des Reiches zu haben, der den Ahnen opfert, hat man die Mandschudynastie erhalten. Ob nun freilich, wenn diese zwei Gewalten neben einander gestellt sind, vollständig Ruhe eintreten wird, ist zweifelhaft. Auch das Regieren muß gelernt sein, die Beamten müssen vorgebildet sein und müssen ihre Tradition haben. Das ist es, was vermutlich China bald wieder in die Hände der Mandschuaristokratie treiben wird. Die Mandschu sind die seit Jahrhunderten zum Herrschen erzogenen Leute; die Chinesen machen sich darüber auch gar keine Illusionen. Ein sehr gebildeter Chinese hat vor Jahren schon gesagt: »Lasset doch um Gottes Willen die Mandschu am Leben, denn wer soll sonst unser Volk regieren?« Genaue Kenner Chinas versichern, daß vielleicht bald wieder die Monarchie zurückkehre, daß aber die Mandschudynastie für immer abgewirtschaftet habe.

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