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Asiatische Novellen

Arthur de Gobineau: Asiatische Novellen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorArthur Graf Gobineau
titleAsiatische Novellen
publisherH. Fikentscher Verlag
addressLeipzig
translatorLudwig Schemann
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
senderwww.gaga.net
created20100401
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Die Liebenden von Kandahar

Ihr fragt, ob er schön war? Schön wie ein Engel! Die Gesichtsfarbe leicht gebräunt, nicht in dem trüben, erdfarbenen Tone, dem sicheren Ergebnis einer Mischlingsherkunft; er war warmgebräunt wie eine Frucht, die in der Sonne gereift. Sein schwarzes Haar ringelte sich in üppigen Locken über die dichten Falten seines blauen, rotgestreiften Turbans; ein zierlicher, gewellter, ziemlich langer Schnurrbart umspielte die feinen Umrisse seiner klargeschnittenen, beweglichen, stolzen Oberlippe, welche das Leben, die Leidenschaft atmete. In seinem milden, tiefen Auge flammten leicht Blitze auf. Er war groß, kraftvoll, schlank, breit in den Schultern, schmal in den Hüften. Niemand war der Gedanke gekommen, seinem Geschlechte nachzuforschen; es war klar, daß das reinste Afghanenblut sein Wesen belebte, und daß, wer ihn betrachtete, den echten Abkömmling jener alten Parther, der Arsakes, der Orodes vor Augen hatte, unter deren Tritten die römische Welt in gerechtem Schrecken einst erschauderte. Seine Mutter hatte ihn, ahnend, was er gelte, bei seiner Geburt Mohsen, »der Schöne«, genannt, und das mit Fug und Recht.

Unglücklicherweise fehlte ihm, der so ausgezeichnet an äußeren Vorzügen und nicht weniger vollkommen an Eigenschaften des Geistes war, den die erlauchteste Ahnenreihe ehrte, nur allzu viel: er war arm. Man hatte ihn eben ausgerüstet, denn er war seine siebzehn Jahre alt geworden; das war kein leichtes Ding gewesen. Sein Vater hatte den Säbel und den Schild geliefert; ein alter Onkel die Flinte, ein mittelmäßiges Waffenstück, hergegeben; Mohsen betrachtete es nur mit Verdruß und fast mit Scham; die elende Muskete hatte noch ein Steinschloß, und mehrere der Kameraden des jungen Edelmannes besaßen wundervolle englische Flinten neuesten Modelles. Doch war ein solcher altmodischer Prügel immer besser als nichts. Von einem Vetter hatte er ein vortreffliches Messer, drei Fuß lang und vier Zoll breit, scharf wie eine Nadel und von solchem Gewicht, daß ein wohlgezielter Streich hinreichte, um ein Glied abzutrennen. Mohsen hatte diese furchtbare Waffe in seinen Gürtel gesteckt und sehnte sich auf den Tod nach einem Paar Pistolen. Aber er wußte durchaus nicht, wann und durch welches Wunder er jemals in den Besitz eines solchen Schatzes gelangen könnte; denn noch einmal, das Geld mangelte ihm auf eine empfindliche Weise.

Indessen, ob er's gleich nicht wußte, sah er doch, also bewaffnet, aus wie ein Fürst. Sein Vater betrachtete ihn, als er vor ihm erschien, von Kopf bis zu Fuß, ohne seine kalte, strenge Miene im geringsten zu verändern; aber aus der Art, wie er mit der Hand über den Bart strich, war klar zu ersehen, daß im Innern des alten Mannes eine Bewegung gewaltigen Stolzes vor sich ging. Seine Mutter schwamm in Tränen und küßte ihr Kind mit Leidenschaft. Es war ein einziger Sohn. Er küßte seinen Eltern die Hand und zog hinaus mit der festen Absicht, drei Pläne auszuführen, deren Vollendung ihm notwendig schien, um würdig in das Leben einzutreten.

Die Familie Mohsens hegte, wie man nach dem Range, den sie einnahm, erwarten durfte, zweierlei tiefeingewurzelten Groll und zweierlei Rachegedanken. Sie war ein Zweig Ahmedzyys und seit drei Generationen in Fehde mit den Muradzyys. Die Uneinigkeit hatte zur Ursache einen Schlag mit der Reitpeitsche, den vor Zeiten einer dieser letzteren einem Lehnsmanne der Ahmedzyys gegeben hatte. Nun können diese Lehnsleute – welche, nicht afghanischen Blutes, unter der Obergewalt der Edelleute leben, das Land bebauen und die Gewerbe betreiben – wohl von ihren unmittelbaren Herren übel behandelt werden, ohne daß jemand etwas darin sehen dürfte; aber wenn ein anderer als ihr Gebieter die Hand gegen sie erhebt, so ist das eine unverzeihliche Beleidigung, und die Ehre befiehlt ihrem Gebieter, sich dafür eine ebenso furchtbare Genugtuung zu verschaffen, als wenn der Schlag, der gefallen, oder die Beschimpfung, die zugefügt worden, ein Glied der herrschaftlichen Familie selbst getroffen hätte. So war denn der schuldige Muradzyy von Mohsens Großvater durch einen Messerstich getötet worden. Seitdem waren acht Totschläge zwischen den beiden Häusern vollführt worden, und die letzten hatten einen Oheim und einen leiblichen Vetter des Helden dieser Geschichte zum Opfer gehabt. Die Muradzyys waren mächtig und reich; so war dringende Gefahr vorhanden, die ganze Familie unter dem Zorne dieser furchtbaren Feinde umkommen zu sehen, und Mohsen sann nichts Geringeres, als sich unmittelbar an Abdullah Muradzyy selbst, einen der Lieutenants des Fürsten von Kandahar, zu wagen und ihn zu töten; eine Tat, welche sogleich die Größe seines Mutes erkennen lassen und seinen Namen unbedingt gefürchtet machen mußte. Indessen war dies noch nicht das, was am meisten drängte.

Sein Vater, Mohammed-Beg, hatte einen jüngeren Bruder, namens Osman, und dieser Osman, der Vater dreier Söhne und einer Tochter, hatte sich im Dienste der Engländer einiges Vermögen erworben, indem er lange Subahbar oder Kapitän in einem Infanterieregiment in Bengalen gewesen war. Sein Ruhegehalt, das ihm regelmäßig durch Vermittlung eines indischen Bankiers ausgezahlt wurde, trug ihm, neben ziemlicher Wohlhabenheit, eine gewisse Eitelkeit ein; außerdem hatte er im Punkte der Kriegskunst eigensinnige Ansichten, die, wenn es nach ihm ging, denen seines älteren Bruders Mohammed sehr überlegen waren; dieser schätzte nur den persönlichen Mut. Mehrere ziemlich scharfe Wortwechsel hatten zwischen den beiden Brüdern stattgefunden, und der ältere hatte, mit Recht oder mit Unrecht, die seinem Alter zukommende Ehrerbietung nur mangelhaft beobachtet gefunden. So waren denn die Beziehungen schon ziemlich schlecht, als eines Tages Osman-Beg, da er den Besuch Mohammeds erhielt, sich herausnahm, bei seinem Eintritt in das Zimmer nicht aufzustehen. Als er diese Ungeheuerlichkeit bemerkte, konnte Mohsen, der seinen Vater begleitete, seinen Unwillen nicht bemeistern, und da er nicht wagte, sich deshalb geradeswegs an seinen Oheim zu halten, so versetzte er dem jüngsten seiner Vettern, Elem, eine kräftige Ohrfeige. Dieser Zwischenfall war um so mehr zu bedauern, als bis dahin Mohsen und Elem die lebhafteste Zuneigung für einander empfunden hatten; sie wichen sich sozusagen nicht von der Seite, und eben zwischen diesen zwei Kindern wurden unaufhörlich die Träume von Rache ausgesponnen, welche ihrer Familie den von den Muradzyys auf eine so beklagenswerte Weise verdunkelten Glanz der Ehren wieder verschaffen sollten.

Elem, über die Tat seines Vetters erbittert, hatte den Dolch gezogen und eine Bewegung gemacht, um sich auf ihn zu stürzen; aber die Alten hatten sich noch zur rechten Zeit ins Mittel gelegt und die Kämpfer getrennt. Am folgenden Tage blieb eine Kugel im rechten Ärmel von Mohsens Gewande stecken. Niemand täuschte sich darüber; diese Kugel kam aus Elems Gewehr. Sechs Monate gingen dahin, und eine drohende Ruhe schwebte über den beiden Wohnungen, welche aneinanderstießen und von wo aus man sich gegenseitig überwachte. Nur die Frauen begegneten sich noch manchmal; sie sagten sich Beleidigungen; die Männer schienen sich zu meiden. Mohsen hatte seit acht Tagen beschlossen, bei seinem Oheim einzudringen und Elem zu töten; seine Maßnahmen waren dementsprechend getroffen. Dies war der zweite Plan, den er zur Ausführung bringen wollte. Sein dritter Gedanke aber war folgender: wenn er Elem und Abdullah-Muradzyy getötet hätte, wollte er sich dem Fürsten von Kandahar vorstellen und ihn bitten, ihm eine Stelle unter seinen Kavalieren zu geben. Er zweifelte nicht, daß ein solcher Krieger, als welcher er sich bekannt zu machen gedachte, mit Achtung behandelt und mit Freuden angenommen werden würde.

Es würde indessen heißen, ihm Unrecht tun, wollte man für die Doppeltat, welche seine Seele so mächtig bewegte, einen Antrieb feilen Eigennutzes annehmen. Auch würde man sich täuschen, wenn man dächte, daß, seinen Vetter Elem ums Leben zu bringen, ihm eine einfache Tat geschienen hätte und nicht schwer geworden wäre. Er hatte den Gefährten seiner Kindheit geliebt, er liebte ihn noch; zwanzigmal alle vierundzwanzig Stunden, wenn sein Gedanke, seinen Träumen nachjagend, auf einen vor anderen glänzenden traf, zuckte es wie eine Flamme vor seinem Geiste auf; es war Elems Bild, und er sagte sich: ich will es ihm erzählen! Was wird er davon denken? Dann fand er sich plötzlich in der Wirklichkeit wieder und verwies, ohne sich einen Seufzer zu vergönnen, diesen Gedanken von ehedem aus seinem Herzen, worin er nicht mehr leben durfte. Die Ehre sprach, die Ehre, und einzig die Ehre mußte gehört werden. Die Hindu, die Perser können sich ungezwungen dem Zug der Freundschaft, den Einflüssen ihrer Liebesneigungen überlassen, aber ein Afghane: was er sich selbst schuldig ist, geht allem vor. Keine Zuneigung, kein Mitleid kann seinen Arm hemmen, wenn die Pflicht spricht. Mohsen wußte es – das genügte. Er mußte für einen beherzten, mutigen Mann angesehen werden, er wollte, daß nie der Schatten eines Vorwurfes, nie der Verdacht einer Schwäche seinem Namen nahte. Das Beharren in einer so hohen Gesinnung kostet etwas: man gewinnt nicht ohne Mühe einen beneidenswerten Ruf. Ist er zu teuer um jeden Preis? Nein. Das war Mohsens Meinung, und der leuchtende Stolz, der auf seinem schönen Antlitz erglänzte, war der Widerschein dessen, was sein Herz verlangte.

Wenn ihm jetzt, einmal gerächt, nicht für seine persönlichen Beschimpfungen – wo waren die? wer hatte sich je ihm genaht, um ihn zu beleidigen? –, gerächt aber für die über seine Angehörigen gebrachten Makel, die allgemeine Achtung, die Gerechtigkeit des Fürsten bald den Rang und die Vorzüge, den würdigen Lohn der Unerschrockenheit zuwiesen, so war nichts natürlicher, und es war nicht etwa ein Fehler, ein Unrecht, ein Irrtum, eine strafbare Begehrlichkeit von seiner Seite, wenn er auf sein Recht Anspruch erhob.

Der Tag war noch nicht weit genug vorgerückt, um sich ans Werk zu begeben. Er bedurfte der ersten Abendstunde, des Augenblickes, wo die Finsternis auf die Stadt herabsinken würde. Um diesen Augenblick herbeikommen zu lassen, begab er sich ruhigen Schrittes nach dem Bazar, wobei er in seiner Haltung die kalte Würde bewahrte, die sich für einen jungen Mann von guter Herkunft geziemt.

Kandahar ist eine prächtige, große Stadt. Sie ist von einer Mauer mit Zinnen umgeben, in den Flanken von Türmen gedeckt, in welche die Kugeln oft eingeschlagen haben. In einer Ecke erhebt sich die Zitadelle, der Aufenthaltsort des Fürsten, der bewegte Schauplatz vieler Umwälzungen, welchem das Klirren der Säbel, das Knattern des Gewehrfeuers, die Zurschaustellung der an den Torpfosten aufgehängten abgeschlagenen Köpfe weder Verwunderung noch Ärgernis erweckt.

Die Masse der Häuser, von denen viele mehrstöckig sind, durchziehen in der Mitte, wie die Arterien eines großen Körpers, die ungeheuren, verwickelten Gänge, an welchen sich die Läden der Kaufleute aneinanderreihen. Diese letzteren sitzen da, rauchend, ihren Kunden von den kleinen Altanen herab Rede stehend, auf denen die Stoffe Indiens, Persiens und Europas geordnet liegen, während den gewundenen, ungepflasterten, holperigen, bald engen, dann auch wieder sehr breiten Weg entlang die Menge der Banjanen, Uzbeken, Kurden, Kizilbaschs kreist, Haufen an Haufen sich drängend, kaufend und verkaufend, dahineilend und Gruppen bildend. Reihen von Kamelen folgen einander unter dem Geschrei ihrer Treiber. Hier und da reitet ein reich gekleideter Häuptling daher, umgeben von seinen Leuten, welche, das Gewehr über der Schulter, den Schild auf dem Rücken, die Vorübergehenden unsanft beiseiteschieben und sich Platz machen. Anderswo heult ein fremder Derwisch ein mystisches Wort, sagt Gebete her und bittet um Almosen. Weiterab fesselt ein Märchenerzähler, mit untergeschlagenen Beinen auf einem groben Holzstuhle sitzend, eine aufgeregte Zuhörerschaft um sich, während der Krieger, der Diener eines Fürsten oder eines Großen, oder auch einfach auf der Jagd nach dem Glück begriffen, wie es Mohsen war, schweigend vorübergeht, einen verächtlichen Blick auf dies gemeine Volk werfend und ängstlich von demselben gemieden. Das Leben ist in der Tat ganz etwas anderes für sie und für ihn. Sie können lachen: nichts als Schläge verletzt sie oder macht ihnen Eindruck. Wenn ihnen nichts dazwischen kommt, werden sie lange leben: sie haben volle Freiheit, ihren Unterhalt auf tausenderlei Art zu gewinnen, jede ist ihnen recht; niemand verlangt von ihnen weder Strenge des Benehmens noch Achtung vor sich selbst. Der Afghane dagegen bringt, um das zu sein, was er muß, sein Leben damit hin, sich und die andern zu überwachen, und, immer voll Argwohn, seine Ehre vor sich, über alle Maßen empfindlich und eifersüchtig auf einen Schatten, weiß er im voraus, wie wenig zahlreich seine Tage sein werden. Sie sind selten, die Männer dieses Stammes, die nicht vor dem vierzigsten Jahre den Todesstreich empfangen, weil sie die andern getroffen oder bedroht haben.

Endlich neigte sich das Licht des Tages unter den Horizont, und die ersten Schatten der Dämmerung breiteten sich in den Straßen aus: nur die höher gelegenen Terrassen waren noch von der Sonne vergoldet. Die Muezzins begannen einstimmig von der Höhe der Moscheen, groß und klein, die Gebetsstunde mit gellendem, langgezogenem Tone zu verkünden. Wie es der Brauch war, erhob sich ein allgemeiner Ruf in die Lüfte, der versicherte, daß Gott allein Gott und Mohammed der Prophet Gottes sei. Mohsen wußte, daß jeden Tag um diese Stunde sein Oheim und seine Söhne die Gewohnheit hatten, sich zum Abendgottesdienst zu begeben; alle seine Söhne, ohne eine Ausnahme; aber diesmal mußte eine gemacht werden. Elem, vom Fieber befallen, war bereits seit zwei Tagen krank und bettlägerig. Mohsen war gewiß, ihn in seinem Bette zu finden, in verlassenem Hause, denn die Frauen ihrerseits würden am Brunnen sein. Seit dem Anfang der Woche war er auf der Lauer, und er wußte diese Einzelheiten Punkt für Punkt.

Im Gehen schüttelte er sein langes Messer im Gürtel, um sich zu vergewissern, daß die Klinge nicht an der Scheide festsäße. An der Haustür seines Oheims angekommen, trat er ein. Er schlug die Türflügel hinter sich zu, befestigte sie mit dem Querriegel und drehte den Schlüssel im Schlosse herum. Er wollte nicht überrascht noch gehindert sein. Welche Schande, wenn er sein erstes Unternehmen verfehlt hätte!

Er durchschritt den düsteren Korridor, welcher in den engen Hof führte, und diesen Hof selbst, über das Bassin, das seine Mitte bezeichnete, setzte er hinweg; dann stieg er drei Stufen hinan und lenkte seine Schritte gegen Elems Zimmer. Plötzlich befand er sich von Angesicht zu Angesicht seiner Muhme gegenüber, welche in der Mitte des Korridors stehend ihm den Weg versperrte. Sie war fünfzehn Jahre alt, und man nannte sie Dschemyleh, »die Liebliche«.

– Heil über dich, Sohn meines Oheims! sprach sie zu ihm, du kommst, um Elem zu töten!

Mohsen empfand eine Blendung, und sein Auge ward trübe. Seit fünf Jahren hatte er seine Muhme nicht mehr gesehen. Wie das Kind, das zum Weibe geworden, verändert war! da stand sie vor ihm in der ganzen Vollkommenheit einer Schönheit, die er sich nie hatte träumen lassen, hinreißend an sich selbst, himmlisch in ihrem rotgeblümten Gazekleid, ihr schönes Haar, er wußte nicht wie, in blaue, durchsichtige, silbergestickte Schleier gefaßt, über denen eine Rose leuchtete. Sein Herz schlug, seine Seele wurde trunken, er konnte nicht ein einziges Wort erwidern. Sie aber fuhr mit klarer, rührender, sanfter, unwiderstehlicher Stimme fort: töte ihn nicht! er ist mein Liebling; er ist mir der geliebteste unter meinen Brüdern. Ich liebe dich auch; ich liebe dich noch mehr, nimm mich als dein Lösegeld! Nimm mich, Sohn meines Oheims, ich will dein Weib sein, will dir folgen, will dein werden, willst du mich?

Sie neigte sich sanft zu ihm hin. Er verlor den Kopf: ohne zu begreifen, was vorging, noch, was er tat, fiel er auf die Knie und betrachtete mit Entzücken die himmlische Erscheinung, welche sich zu ihm herabbeugte. Der Himmel tat sich auf vor seinem Auge. Er hatte nie an etwas Ähnliches gedacht. Er schaute und schaute, er war glücklich und litt, er dachte nicht, er fühlte, er liebte und, gänzlich verloren in diesem endlosen, lautlosen Schauen wie er war, brachte ihn Dschemyleh, die sich mit reizender Gebärde ein wenig zurückgeworfen, gegen die Wand gelehnt und ihre beiden Arme hinterm Haupte verschlungen hatte, vollends von Sinnen, indem sie überirdische Strahlen aus ihren schönen Augen auf ihn herabsandte, in welchen er sich förmlich fing, ohne ihre Wärme, noch ihren Zauber ertragen zu können. Er senkte die Stirn so tief, so tief, daß sein Mund sich nahe einem Schoße des Purpurgewandes befand, dessen Saum er denn voller Zärtlichkeit ergriff und an seine Lippen führte. Da hob Dschemyleh ihren kleinen nackten Fuß und setzte ihn dem auf die Schulter, der, ohne zu reden, sich doch so deutlich zu ihrem Sklaven erklärte.

Es war ein elektrischer Schlag; diese magische Berührung barg Allmacht in sich; der stolze Sinn des Jünglings, schon sehr erschüttert, zerbrach wie ein Kristall unter diesem fast unmerklichen Drucke, und durch alle Trümmer drang ein namenloses Glück, eine grenzenlose Seligkeit, eine Wonne an Kraft ohnegleichen in das ganze Wesen des Afghanen ein. Die Liebe verlangt von jedem das, was er Teuerstes besitzt, zum Geschenk; das muß er hergeben; und wenn man liebt, so will man eben auch dies zum Geschenk bringen. Mohsen gab seine Rache, gab die Vorstellung, die er sich von seiner Ehre gemacht, gab seine Freiheit, gab sich selbst dahin, und instinktiv suchte er noch in den tiefsten Gründen seines Seins, ob er nicht mehr geben könnte. Was er bis dahin himmelhoch und höher geschätzt hatte, erschien ihm dürftig angesichts dessen, was er seinem Abgott hätte hingeben mögen, und mit dem Übermaß seiner Anbetung vermochte er nicht Schritt zu halten.

Knieend, den kleinen Fuß auf seiner Schulter, während er selbst bis zur Erde sich herabbeugte, hob er das Haupt seitwärts, und auch Dschemyleh blickte ihn an, zitternd, aber voll ernster Fassung, und sprach zu ihm: wohl bin ich dein! Jetzt entferne dich! Komm hierher, damit meine Eltern dir nicht begegnen, denn sie werden heimkommen. Du darfst nicht sterben, du bist mein Leben!

Sie zog ihren Fuß zurück, nahm Mohsens Hand und hob ihn auf. Er ließ alles widerstandslos geschehen. Sie zog ihn in die hintersten Räume des Hauses, führte ihn zu einer Ausgangstüre und lauschte, ob sich nicht irgend ein gefährliches Geräusch vernehmen ließe. In Wahrheit, der Tod umgab sie. Ehe sie ihm öffnete, betrachtete sie ihn noch einmal, warf sich in seine Arme, gab ihm einen Kuß und sprach zu ihm: du gehst! Ach! du gehst! . . . Ja! Wohl bin ich dein! . . . für immer, verstehst du?

Tritte hallten in dem Hause wieder; Dschemyleh öffnete hastig die Tür: entferne dich! murmelte sie. Sie stieß den jungen Mann hinaus, und dieser befand sich in einem ausgestorbenen Gäßchen. Die Wand hatte sich wieder hinter ihm geschlossen.

Die Einsamkeit beruhigte ihn nicht; im Gegenteil, der Wahn, welcher beim Anblick seiner Muhme sich seiner bemächtigt und damals, so schien es wenigstens, auf den äußersten Punkt gestiegen war, nahm eine andere Richtung, eine andere Gestalt an und verminderte sich nicht. Es schien ihm, als habe er Dschemyleh immer geliebt, als schlössen die wenigen Minuten, die verflossen, sein Leben, sein ganzes Leben ein. Zuvor hatte er mit nichten gelebt; er erinnerte sich nur unbestimmt, was er bis vor einer Stunde gewollt, gesucht, erwogen, gelobt, getadelt hatte. Dschemyleh war alles, füllte die ganze Welt aus, beseelte sein Dasein; ohne sie war er nichts, konnte, wußte er nichts; vor allem hätte ihn geschaudert, wenn ihm das möglich gewesen wäre, außer ihr das Geringste zu begehren oder zu hoffen.

– Was habe ich getan? sprach er mit Bitterkeit zu sich; ich bin gegangen! Welch ein Feigling! Ich habe Angst gehabt! Habe ich Angst gehabt? Warum bin ich gegangen? Wo ist sie? Sie wiedersehen! Ach, sie wiedersehen! Sie nur noch einmal sehen! Aber wann? Niemals! Niemals werde ich sie wiedersehen! Ich habe sie nicht darum gebeten! Ich habe nicht einmal den Mut gehabt, ihr zu sagen, daß ich sie liebte! Sie verachtet mich? Was kann sie von einem Elenden wie ich denken? Sie! sie! Dschemyleh! Sie müßte zu ihren Füßen, unter ihren Füßen . . . einen Sultan, einen Herrn der Welt haben! Was bin ich? Ein Hund! Sie wird mich nie lieben!

Er barg sein Gesicht in den Händen und weinte bitterlich. Inzwischen stieg die Erinnerung an eine himmlische Musik in seinem Geiste auf.

– Sie hat mir gesagt: wohl bin ich dein! . . . Hat sie's gesagt? hat sie's wirklich gesagt? . . . Und wie hat sie's gesagt! . . . Ich bin dein! . . . Warum? . . . Immer? . . . Vielleicht hat sie nicht gedacht, was ich meine . . . Ich gebe dem einen Sinn, den sie nicht hineingelegt hat . . . Sie wollte mir dadurch nur zu verstehen geben . . . Ach! was ich leide, wie mich verlangt zu sterben! Sie wollte ihren Bruder retten, nichts weiter! Sie wollte mir meine Ruhe rauben! Sie wollte meiner spotten! . . . Die Frauen sind treulos! Wohlan denn! mag sie spotten! mag sie mir meine Ruhe rauben! mag sie mich martern! Wenn ihr das gefällt, wer wehrt es ihr? Ich etwa? Nein, gewiß nicht, ich bin ihr Gut, ihr Spielzeug, der Staub ihrer Füße, was sie nur will! Und wenn sie mich zerbricht, sie wird wohl daran tun! Was sie will, ist gut! Ach! Dschemyleh! Dschemyleh!

Er kam nach Hause, bleich, krank; seine Mutter bemerkte es. Sie nahm ihn in ihre Arme; er stützte sein Haupt auf die Knie und blieb einen Teil der Nacht, ohne zu schlafen, ohne zu reden. Das Fieber verzehrte ihn. Am andern Tage befand er sich ganz schlecht und blieb auf seinem Lager hingestreckt. Nach der seltsamen Schwäche, die sich seiner bemächtigte und seine Glieder abspannte, schien es ihm, als ob sein Ende nahe wäre, und er war froh darüber. Eine fast beständige Halluzination zeigte ihm Dschemyleh. Bald sprach sie in dem nämlichen Tone, dessen er sich so wohl erinnerte, die Worte aus, welche von da an sein eigentliches Dasein ausmachten: »Wohl bin ich dein.« Bald, und am öftesten, ließ sie den Blick der Verachtung auf ihn fallen, den er nicht an ihr gesehen hatte, den er aber sicher war, nur allzuwohl verdient zu haben. Dann wünschte er einem unbeglückten Dasein ein Ende gemacht.

Es begegnete ihm auch, daß er nach Mitteln suchte, die Tochter seines Oheims wiederzusehen. Aber alsbald wurden seiner Phantasie durch die Unmöglichkeiten Fesseln angelegt. Er hatte einmal, ein einziges Mal, indem er allem die Stirn bot, in das Innere des feindlichen Hauses eindringen können. Wir wissen, was er dort tun wollte. Wollte er es jetzt darauf ankommen lassen, mit sich selbst, und sicherer noch, als sich selbst, die zu verderben, die er liebte? Außerdem, was würde sie denken, wenn sie ihn wiedersähe? Wollte sie ihn? Rief sie ihn? Wohl würde es ihm eine Freude sein, an der Stätte zu sterben, wo sie lebte, auf denselben Boden niederzusinken, den ihr geliebter Fuß betrat, in der geweihten Luft zu veratmen, die sie einatmete; nein, nichts anderes würde ihm das sein, als höchstes Glück; aber im Augenblicke, da er das Auge schlösse, unter der Qual der Wunde, die ihm Schwert oder Kugel gebracht, dem Blicke Dschemylehs zu begegnen, seine eisige Gleichgültigkeit, wie! seinen verächtlichen Abscheu zu erdulden, das wäre zu viel. Nein, er durfte nicht in dies Haus geraten.

Mohsen war sicher überzeugt nur von dem einen: daß er nicht geliebt sei. Warum glaubte er das? Weil er allzusehr liebte. Der Wahnsinn der Liebe hatte ihn unversehens, jäh, gewaltsam, voll erfaßt; er hatte nichts davon begriffen, was ihm begegnete. Doch erinnerte er sich, was Dschemyleh ihm gesagt hatte. Ach! die Worte waren jedes einzeln, wie Perlen in seinem Herzen bewahrt; aber von dem vielen Hören und Wiederholen und Wiederhören und Erwägen begriff er sie nicht mehr, und er wußte nur, daß er nicht ein, nicht ein einziges Wort hatte antworten können; er war arg elend.

Seine Mutter sah ihn dahinschwinden. Es wurde dem armen Knaben eng auf der Brust, eine dumpfe Hitze verzehrte ihn. Er war ein Kind des Todes. Alle Häuser der Nachbarschaft kannten seinen Zustand, und da nichts ein so plötzliches Leiden erklären konnte, so nahm man allgemein an, daß eine Behexung über ihn gebracht sein müsse, und man frug sich, von wo der Streich käme. Die einen wollten wissen, daß die Muradzyys ihn befohlen hätten, die andern beschuldigten ganz leise den alten Osman, daß er der Mörder wäre und die meuchlerische Zaubertat einem jüdischen Doktor bezahlt hätte.

Es war eines Abends ziemlich spät. Seit zwei Tagen hatte der Jüngling kein einziges Wort mehr gesprochen. Sein Kopf war gegen die Wand gekehrt, seine Arme lagen schlaff und fühllos auf dem Bette; seine Mutter, die zuvor eine Fülle von Amuletts um ihn ausgebreitet hatte, aber keine Hoffnung mehr hegte, war darauf gefaßt, ihn verscheiden zu sehen und verschlang ihn mit den Augen, als plötzlich, zur großen Überraschung, fast zum Schrecken der armen Frau, Mohsen jäh den Kopf gegen die Tür wandte; der Ausdruck seines Gesichtes wechselte, ein Schimmer von Leben erleuchtete es. Er horchte. Seine Mutter hörte nichts. Er erhob sich und sprach mit zuversichtlicher Stimme die Worte: sie verläßt ihr Haus und kommt hierher!

– Wer? mein Sohn! wer kommt hierher?

– Sie selbst, Mutter, sie kommt! Öffne ihr die Tür! antwortete Mohsen mit laut ausbrechender Stimme; er war außer sich; tausend Flammen loderten in seinem Auge auf. Die alte Frau gehorchte, ohne selbst zu wissen, was sie tat, diesem gebieterischen Befehl, und unter ihrer zitternden Hand tat die Tür sich voll auf. Sie sah niemand. Sie horchte, sie hörte nichts; sie blickte in den Korridor, alles war dunkel, sie sah nichts; eine Minute, zwei Minuten vergingen in solcher Erwartung, voller Ängste für sie, voll festen Glaubens für ihn. Da erwachte ein leichtes Geräusch; die Haustür öffnete sich, ein verstohlener, rascher Schritt glitt über die Steinplatten; eine Gestalt, erst undeutlich, löste sich aus der Finsternis; ein Weib zeigte sich, langte auf der Schwelle des Zimmers an, ein Schleier fiel, Dschemyleh stürzte auf das Bett zu, und Mohsen, einen Schrei der Seligkeit ausstoßend, fing sie in seinen Armen auf.

– Da bist du! du bist es! du liebst mich?

– Über alle Welt!

– Unglückliches Kind, rief die Mutter, so war es das, was dich tötete!

Die beiden Liebenden hielten einander umschlungen und sprachen nicht; sie stammelten; sie schwammen in Tränen; sie betrachteten einander mit unauslöschlicher Leidenschaft, und wie eine Lampe, die fast versiegt ist, auf die man Öl gießt, so gewann Mohsens Seele das Leben, sein Leib die Kräfte wieder.

– Was bedeutet das? sagte die Alte. Habt ihr euren Untergang und den unsern beschworen? Wird dein Oheim Dschemylehs Flucht nicht gewahr werden? Was wird's dann geben? Welche Not über uns hereinbrechen? Sind wir nicht genug heimgesucht? Tochter des Unheils, kehre heim! Verlaß uns!

– Nimmermehr! rief Mohsen. Er richtete sich ganz auf, befestigte sein Gewand, schnürte seinen Gürtel, streckte die Hand nach der Wand aus, hakte seine Waffen los, legte sie an, tat ein neues Zündhütchen auf sein Gewehr, alles in einer Sekunde. Die letzte Spur von Niedergeschlagenheit war verschwunden. Wenn er Fieber hatte, so war es ein Kampfesfieber. Die Begeisterung strahlte auf seinem Gesichte. Dschemyleh half ihm das Gehenk seines Säbels festschnallen. Gefühle, ähnlich denen des Jünglings, belebten ihre reizenden Züge. In diesem Augenblicke trat der alte Mohammed, gefolgt von zweien seiner Leute, in das Zimmer. Als er seine Nichte erblickte, welche sich ihm zu Füßen warf und ihm die Hand küßte, war er einen Augenblick überrascht und vermochte eine Art von Bewegung nicht zu verbergen. Seine rauhen und stolzen Züge zogen sich zusammen.

– Sie lieben sich! sagte sein Weib und wies auf die beiden Kinder.

Mohammed lächelte und strich seinen Schnurrbart.

– Schmach über meinen Bruder und über sein Haus! murmelte er.

Er hatte einen Augenblick den Gedanken, Dschemyleh die Tür zu weisen und überall zu erzählen, daß er sie wie eine Gefallene behandelt habe. Sein Haß hätte sich gehörig geweidet an dem Unheil, das er angerichtet. Aber er liebte seinen Sohn; er sah ihn an; er begriff, daß es so nicht leicht gehen würde, und so begnügte er sich mit dem möglichen Maße von Rache.

– Schließen wir die Türen, sagte er. Wir werden ohne Zweifel bald angegriffen werden, und ihr, Frauen, ladet die Gewehre!

Dschemyleh hatte das Haus ihres Vaters kaum eine Viertelstunde verlassen, als man ihrer Abwesenheit bereits inne geworden war. Sie konnte nicht am Brunnen sein, es war zu spät; noch auch bei einer Freundin, ihre Mutter wäre zuvor davon benachrichtigt gewesen. Wo war sie? Man argwöhnte irgendeinen Unfall. Seit mehreren Tagen hatte man sie düster und erregt gefunden. Was hatte sie? Der Vater, die Brüder, die Mutter gingen ins Stadtviertel.

Die Straße war menschenleer; man hörte keinerlei Geräusch mehr. Osman, von einer Art Instinkt geleitet, schlich sich sachte an Mohammeds Wohnung heran, und wie er sich gegen die Hofmauer preßte, hörte er, daß man im Hause sprach. Er horchte. Es wurden Steine vor der Türe aufgeschichtet, Waffen instand gesetzt, Vorbereitungen getroffen, um einen Angriff zurückzuweisen.

– Was für einen Angriff? sagte sich Osman. Wenn sich's um die Muradzyys handelte, würde mein Bruder mich benachrichtigt haben, denn in diesem Punkte verstehen wir uns. Er weiß das wohl. Ich würde ihm beistehen. Wenn es sich nicht darum handelt, dann um mich! Er horchte mit gesteigerter Aufmerksamkeit, und unglücklicherweise vernahm er folgenden Wortwechsel: Dschemyleh, gib mir die Büchse.

– Hier ist sie!

Es war die Stimme seiner Tochter. Ein Schauder fuhr ihm durch den Leib von der Scheitelspitze bis zur Fußsohle. Er begriff alles. Als in diesen letzten Tagen er und seine Söhne lachend erzählt hatten, daß Mohsen sterben würde, hatte Dschemyleh kein Wort gesagt, keinerlei Freude ausgedrückt, und er erinnerte sich sogar, daß er ihr einen Vorwurf daraus gemacht hatte. Jetzt erklärte sich alles. Die Unglückliche liebte ihren Vetter, und, was grauenhaft zu denken war, sie hatte die Verirrung so weit getrieben, daß sie ihre Familie, ihren Vater, ihre Mutter, ihre Brüder, deren Abscheu, deren Haß verriet, um sich über den Trümmern ihres Rufes einem Elenden in die Arme zu stürzen! Niemals hatte Osman sich träumen lassen, daß eine so blutige Schmach ihn hätte treffen können. Er blieb wie vernichtet auf der Stelle, wo der Klang der Stimmen, eine unmerkliche Schwingung der Luft, ihm soeben einen Schlag versetzt, eine Wunde geöffnet hatte, grausamer und schmerzhafter, als jemals Blei oder Stahl es gekonnt hätten.

In den ersten Augenblicken war das Weh so heftig, das Leiden so brennend, die Demütigung so vollkommen, so tief, daß er gar nicht auch nur daran dachte, was er beschließen mußte. Er vermochte den Gedanken einer Vergeltung gar nicht zu fassen. Aber diese Erschlaffung dauerte nur kurze Zeit. Das Blut nahm wieder seinen Lauf, der Kopf wurde frei, das Herz begann wieder zu schlagen, er hatte einen raschen Einfall, rüttelte sich auf und ging nach Hause. Er sprach zu seiner Frau und zu seinen Söhnen: Dschemyleh ist ein Ungeheuer. Sie liebt Mohsen und hat sich zu dem Hunde von Mohammed geflüchtet.

Ich habe eben ihre Stimme im Hofe dieser Menschen gehört. Du, Kerim, gehst mit dreien meiner Leute an die Tür dieser Strauchdiebe klopfen: du sagst ihnen, daß du augenblicklich deine Schwester begehrtest. Du machst viel Lärm, und wenn sie unterhandeln, so hörst du sie an, antwortest, lässest die Dinge sich in die Länge ziehen. Du, Serbaz, und du, Elem, mit unseren fünf anderen Kriegern, nehmt Hacken und Schaufeln und folgt mir. Wir greifen die Mauer dieser Schändlichen ohne Lärmen von der Gasse her an, und wenn wir ein genügendes Loch gemacht haben, dringen wir ein. Jetzt hört mich wohl, und was ich euch sagen will, das wiederholt euren Leuten, und zwingt sie zum Gehorsam. In diesem Winkel hier, zu Häupten meines Bettes, ihr seht ihn, will ich morgen früh drei Häupter haben: das Mohammeds, das Mohsens, das Dschemylehs! Jetzt in Gottes Namen ans Werk!

Die Bewohner von Mohammeds Hause hatten kaum ihre Vorbereitungen zur Verteidigung beendet, als an ihre Tür geklopft wurde.

– Da geht's los! murmelte das Haupt der Familie. Er stellte sich an die Spitze der Seinigen in den Korridor, welcher zur Haustüre führte. Hinter ihm hielt sich seine Frau, die ein Reservegewehr trug; neben ihm stand Mohsen mit seiner Muskete; neben Mohsen, ganz an ihn gelehnt, Dschemyleh, die Pike ihres Geliebten haltend; hinter ihnen die drei Lehnsleute, mit Dolchen bewaffnet. Die Besatzung hatte weder die Güte, noch die Zahl der Waffen für sich; aber sie war herzhaft. Niemand erbebte. Die stärksten Gefühle, die das Herz erfüllen können, herrschten dort ungeteilt; keine kleinliche Empfindung behauptete sich neben ihnen; Liebe, Haß, und zwar in einer Atmosphäre heroischer Unerschrockenheit, unter dem vollkommensten Vergessen der Vorteile des Lebens und der vermeintlichen Bitternisse des Todes: nichts anderes schwebte über diesen Häuptern.

Man hatte auf den ersten Anruf der Belagerer nichts geantwortet. Eine neue Ladung von Kolbenschlägen und Fußtritten brachte der Tür eine zweite Erschütterung, die im Hause widerhallte.

– Wer klopft da so? sagte Mohammed in barschem Tone.

– Wir sind's, Oheim, antwortete Kerim. Dschemyleh ist bei Euch; laßt sie herauskommen!

– Dschemyleh ist nicht hier, erwiderte der alte Afghane. Es ist spät; laßt mich in Ruhe.

– Wir schlagen Euer Holzwerk ein, und Ihr wißt, was dann geschieht!

– Ganz gewiß! Euch wird der Schädel zerschmettert und nichts weiter.

Einen Augenblick herrschte Stillschweigen. Da sagte Dschemyleh, sich zu Mohsen neigend, ganz leise zu ihm: ich höre Geräusch auf der anderen Mauerseite. Erlaube mir, daß ich in den Hof gehe, um zu erkunden, was vorgeht.

– Geh, sagte Mohsen.

Das junge Mädchen näherte sich der Stelle, die sie bezeichnet hatte und horchte einen Augenblick hin. Dann kehrte sie, ohne unruhig zu werden, auf ihren Platz zurück und sagte: sie graben und werden eine Bresche machen.

Mohsen dachte nach. Er wußte, daß die Mauer nur von Stampferde war; ziemlich dick zwar, aber alles in allem doch von geringer Widerstandskraft. Kerim hatte die Unterredung mit langen, verworrenen Drohungen wieder aufgenommen, auf welche Mohammed antwortete. Sein Sohn unterbrach ihn und teilte ihm mit, was er soeben vernommen.

– Wir wollen auf die Terrasse steigen, schloß er, von da oben geben wir Feuer, und sie sollen Mühe haben, uns zu fangen.

– Ja, aber am Ende werden sie uns fangen und wir werden nicht gerächt. Steig auf die Terrasse, von da springe mit Dschemyleh auf die Nachbarterrasse; flieht, gewinne das Ende der Straße; von da steig herab und eile ohne Aufenthalt bis ans andere Ende der Stadt zu unserem Verwandten Jusef. Er wird dich verbergen. Dschemyleh wird für die Ihrigen verloren sein. Bis man erfährt, wo du bist und wo du sie hingebracht hast, werden Tage vergehen. Das Gesicht unserer Feinde wird schwarz werden vor Schmach.

Ohne zu antworten, warf Mohsen sein Gewehr über die Schulter, belehrte das junge Mädchen, was zu tun sei, küßte seiner Mutter die Hand, und die beiden Liebenden kletterten in Eile die enge, holperige Stiege hinan, welche zu dem das Haus beherrschenden flachen Dache führte; sie sprangen über eine Mauer, setzten eilenden Schrittes über eine Terrasse, zwei, drei, vier Terrassen hinweg, wobei Mohsen mit unendlicher Zärtlichkeit die Gefährtin seiner Flucht stützte, und erreichten den Einschnitt, in dessen Hintergrunde die enge Straße sich schlängelte. Er sprang hinab und fing die, die er liebte, in seinen Armen auf, denn sie zauderte nicht eine Sekunde, ihm nachzuahmen. Dann machten sie sich auf. Sie versenkten sich in die finsteren Windungen ihres Weges.

Inzwischen stellte sich Mohammed, als sei er der Betrogene und fuhr fort, mit den auf der anderen Seite der Türe stehenden Angreifern Schimpfreden und Rufe zu wechseln, deren Absicht er von jetzt an sehr wohl begriff. Die Tür, unaufhörlich von neuen Anstürmen erschüttert, gab nach, die Bretter gingen auseinander, die Holzmasse stürzte mit großem Lärm ein; Mohammed und die Seinigen gaben trotzdem kein Feuer. Fast im nämlichen Augenblick klaffte eine genügend große Öffnung in der Mauer, und so befanden sich die Hausbewohner zwischen den beiden Trupps von Gegnern, die sie sozusagen in einen Schraubstock nahmen.

Mohammed rief: ich werde nicht auf meinen Bruder, noch auf meines Bruders Söhne schießen! Gott bewahre mich vor einem solchen Verbrechen! aber, beim Gruß und Segen des Propheten, was habt ihr denn? Was soll diese Wut? Was redet ihr von Dschemyleh? Sucht doch, ob sie hier ist! Nehmt sie mit! Warum kommt ihr, mitten in der Nacht friedliche Leute, eure Verwandten, stören!

Diese Klagerede, die so wenig zu den Gewohnheiten des Hausherrn stimmte, setzte die, an welche sie gerichtet war, in Erstaunen. Überdies versicherte man ihnen, daß Dschemyleh nicht da wäre. Hatten sie sich getäuscht? Die Unentschiedenheit beruhigte sie ein wenig. Die Zornesausbrüche mäßigten sich. Osman rief in schroffem Tone: wenn Dschemyleh nicht hier ist, wo ist sie dann?

– Bin ich ihr Vater? erwiderte Mohammed. Was sollte sie bei mir tun?

– Suchen wir! rief Osman den Seinen zu.

Sie verteilten sich in den Zimmern, hoben die Vorhänge auf, öffneten die Kisten, durchsuchten die Ecken, und wir wissen, daß sie nichts antreffen konnten. Dieses Mißgeschick, die Miene tiefster Unschuld, welche Mohammed und seine Leute erkünstelten, vermehrte ihre Verwirrung.

– Sohn meines Vaters, hub Mohammed mit liebreicher Stimme wieder an, mir scheint, daß ein großer Kummer dich bedrückt, und ich nehme meinen Teil daran. Was ist dir begegnet?

– Meine Tochter ist entflohen, antwortete Osman, oder aber man hat sie mir geraubt. Auf alle Fälle entehrt sie mich.

– Ich nehme meinen Teil daran, wiederholte Mohammed, denn ich bin dein älterer Bruder und ihr Ohelm.

Diese Bemerkung machte einigen Eindruck auf Osman, und, ein wenig beschämt über den unnötigen Lärm, den er gemacht hatte, verabschiedete er sich beinahe freundschaftlich von seinem Bruder und nahm seine Leute mit. Der alte Mohammed fing, da er sich allein sah, an zu lachen; er hatte seinen Feind nicht allein ins Herz getroffen, sondern ihn noch dazu getäuscht und verhöhnt. Osman seinerseits kehrte, vollkommen entmutigt, nicht wissend, welchen Entschluß er fassen sollte, einem Wutausbruche hingegeben, den die Ohnmacht noch steigerte, mit seinen Söhnen und seinen Mannen nach Hause zurück, nicht um sich niederzulegen, nicht um zu schlafen, sondern um sich in einen Winkel seines Zimmers zu setzen und, die beiden Fäuste geschlossen gegen seine Stirn gestemmt, in der Nacht seines Verstandes danach zu suchen, wie er es anfangen solle, um die Spuren seiner Tochter wiederzufinden. In diesem Zustande fand ihn die hereinbrechende Morgendämmerung.

In diesem Augenblicke trat einer seiner Mannen, sein Leutnant, sein Nayb, in das Zimmer und begrüßte ihn:

– Ich habe Eure Tochter gefunden, sagte er.

– Du hast sie gefunden?

– Wenigstens glaube ich mich nicht zu täuschen; und auf alle Fälle, wenn die Frau, die ich für sie halte, es nicht ist, habe ich doch Mohsen-Beg gefunden.

Osman hatte eine plötzliche Erleuchtung in seinem Geiste. Er wurde zum erstenmal inne, daß er in der Tat beim Eintritt in seines Bruders Haus seinen Neffen nicht bemerkt hatte; aber er war damals dermaßen außer sich und so darauf aus, sich zu mäßigen, um nicht sein Ziel zu verfehlen, daß er sich kaum über die nötigsten Tatsachen Rechenschaft hatte ablegen können. Er geriet insgeheim in Zorn wider sich selbst wegen seiner Verblendung, aber mit einem gebieterischen Winke befahl er dem Nayb, in seinem Berichte fortzufahren. Dieser setzte sich, um die Gleichheit des Ranges, zu dem seine Geburt ihn berechtigte, wohl zu wahren, und hub folgendermaßen wieder an: Als wir bei Mohammed-Beg eintraten, sah ich mir alle Anwesenden an; das verhilft einem dazu, genau zu wissen, mit wem man's zu tun hat. Mohsen-Beg war nicht zugegen. Das wunderte mich. Ich fand es nicht natürlich, daß in einer Nacht, wo es, wie zu erwarten war, Flintenschüsse von hüben und drüben setzen würde, ein so tapferer junger Mann sich entfernt haben sollte. Da mir diese befremdende Tatsache zu denken gegeben hatte, so kehrte ich nicht mit Euch nach Hause zurück, sondern ging durch den Bazar, indem ich um die Wohnung Eures Bruders herumbog. Ich frug die Sicherheitswächter, ob sie keine Kunde von einem jungen Manne hätten, den ich ihnen beschrieb, allein oder von einer Frau gefolgt. Keiner hatte etwas dergleichen bemerkt, bis ich ihrer einen frug, welcher nicht nur meine Frage mit einem Ja beantwortete, sondern noch hinzufügte, daß die Person, welche er in der Begleitung, die ich ihm beschrieb, hatte vorbeigehen sehen, bestimmt Mohsen-Beg, der Sohn Mohammed-Begs von den Ahmedzyys, gewesen sei; er streckte den Arm nach der von den beiden Flüchtlingen eingeschlagenen Richtung aus und sagte mir die Stunde, in der er sie bemerkt hatte; es war gerade, während wir anfingen, die Tür Eures Bruders zu sprengen. Ich setzte meine Nachforschung fort, von jetzt ab dessen gewiß, daß sie die Mühe verlohnte, und nachdem ich mehrere Stunden damit hingebracht, einen Weg zu verfolgen und wieder zu verlassen, einen andern einzuschlagen, die Nachtwächter auszufragen, mich zu irren, die Spur wieder aufzufinden, gelang es mir endlich, von weitem die beiden Flüchtlinge zu entdecken, welche ich suchte.

Es war in einem menschenleeren Viertel, inmitten eingefallener Häuser. Mohsen unterstützte seine, wie es schien, von der Anstrengung erschöpfte Gefährtin beim Gehen und warf unruhige und argwöhnische Blicke um sich. Ich barg mich vor seinem Auge hinter einer Mauerfläche, und von da beobachtete ich wohl, was er tat. Er suchte offenbar nach einem Schutz, in der Absicht, etwas Ruhe zu finden. Er gewann, was er wollte. Er stieg in einen halb eingestürzten kleinen Keller hinab und hieß die, welche er geleitete, dort eintreten. Nach Verlauf weniger Augenblicke kam er allein wieder herauf, sah sich sorgfältig die Umgebung an, und da er glaubte, nicht bemerkt worden zu sein, denn ich verbarg mich mit äußerster Sorgfalt, so rückte er einige schwere Steine zurecht, um seinen Zufluchtsort zu verdecken und kehrte dann zu der Frau im Kellergeschoß zurück. Ich blieb einige Minuten, um mich zu überzeugen, daß er nicht vorhabe, sich zu entfernen. Er rührte sich nicht. Die Morgendämmerung begann den Himmel zu röten; ich mache Euch Meldung, und jetzt fasset den Entschluß, der Euch der weiseste scheint.

Osman hatte den Bericht seines Nayb nicht unterbrochen. Als dieser aufhörte zu reden, erhob er sich und gab ihm den Befehl, seine Söhne und seine Mannen zu wecken. Als dies Volk auf war, rückte der Rachetrupp unter der Führung dessen, der soeben die Zuflucht der Liebenden entdeckt, ins Feld, und man zweifelte nicht, daß sie zu dieser Stunde, im Wahne vollkommener Sicherheit, tief im Schlaf sein würden.

Um sich so auf die Freistatt der Schakale und der Hunde beschränkt zu sehen, mußten sie durch einen unvorhergesehenen Zufall des Schutzes beraubt worden sein, den zu finden sie vertraut hatten, als sie aus der belagerten Wohnung Mohammeds ausgezogen waren. In der Tat, die unglückseligen Kinder hatten kein Glück gehabt. Sie waren zwar ohne Unfall bis zum Hause ihres Verwandten Jusef gelangt, welches sehr weit von dem, das sie verließen, ablag. Dschemyleh, wenig an so lange Märsche gewöhnt und außerdem schwächlich und zart, verspürte eine außerordentliche Mattigkeit, die sie aber nicht eingestand; sie tröstete sich mit dem Glücke, bei Mohsen zu sein und der Hoffnung, sich bald mit ihm in Sicherheit zu befinden. Aber dieser erschütterte umsonst die Tür mit Kolbenstößen; nachdem er lange Zeit auf einfachere Weise angeklopft, gelang es ihm nicht, geöffnet zu bekommen, und als er ernstlich daran dachte, das Hindernis einzustoßen, rief ihm ein Nachbar zu, daß Jusef-Beg und die Seinen seit vierzehn Tagen nach Peschawer abgereist wären und in dem Jahre sicherlich nicht zurückkommen würden.

Das war ein Blitzschlag auf das Haupt der Flüchtlinge. Während des ganzen Weges war Mohsen hinter Dschemyleh hergegangen, die Hand auf dem Deckel der Zündpfanne seines Gewehres, jeden Augenblick gewärtig, die Schritte des Feindes zu hören. Er konnte sich nicht denken, wie lange Zeit es seinem Vater gelingen möchte, Widerstand zu leisten; er wußte vielmehr gewiß, daß das Haus am Ende erstürmt werden würde; was dann geschähe, das frug er sich nicht, und sein Mut und seine Heiterkeit wurden aufrechterhalten durch die Gewißheit, eine sichere Zuflucht zu besitzen, wo er wochenlang mit seinem Schatze verborgen bleiben würde, ohne daß dieser irgendwelche Gefahr liefe.

Aber als er sah, daß sein Oheim ihn im Stiche ließ und er auf der Straße stand und nicht wußte, wohin, und nicht eine Stätte auf Erden, nein, nicht eine Stätte in der ganzen Welt hatte, wo Dschemyleh vor Schmach und Tod gesichert sein könnte, als er vielmehr an den Schauern seines Leibes, an den Ängsten seiner Seele merkte, daß Schimpf und Rache hinter der Leidenschaft seines Lebens, hinter dem lieblichen Kinde hereilten, das er entführte, von dem er so zärtlich geliebt wurde und das er zum Sterben liebte, daß Tod und Schmach dies heilige Wunder alsbald, vielleicht ehe eine Minute vergangen, treffen würde; daß sie vielleicht in diesem Augenblicke um die Straßenecke bögen, wo er da mit ihr stand, nicht wissend, was aus ihnen werden solle, da fühlte er seinen Mut, nicht erloschen, nein, das fühlte er nicht, aber er merkte, daß dieser Mut erschlaffte, erschrak, erstarrte, und seine Heiterkeit gar, die verschwand.

Gerade umgekehrt erging es Dschemyleh. Sie betrachtete ihren Geliebten, und da sie ihn bleich sah, sprach sie zu ihm: was hast du? bin ich nicht bei dir? Liegt mein Leben nicht in dem deinen? Wenn einer von uns stirbt, wird nicht der andere alsobald auch sterben? Wer soll uns trennen?

– Niemand! erwiderte Mohsen. Aber du, du, du unglücklich werden! Du – getroffen!

Bei diesem Gedanken barg er sein Gesicht in den Händen und fing bitterlich zu weinen an. Sie schob die tränenfeuchten, vor der Stirn und den Wangen, die sie liebte, zusammengezogenen Finger sanft zur Seite, und ihre Arme um Mohsens Hals schlingend fuhr sie fort: nein! o nein! nein! denke nicht an mich allein, denke an uns beide; und solange wir zusammen sind, steht alles wohl! Verbergen wir uns! Was weiß ich? Laß uns Zeit gewinnen! Lassen wir uns nicht gefangen nehmen!

– Aber was tun? rief Mohsen, mit dem Fuße aufstampfend. Nicht eine Zuflucht! Und dein Vater verfolgt uns sicherlich zu dieser Stunde! Er findet uns, er wird uns finden! Wohin mit uns? Was soll aus uns werden?

– Ja, wohin mit uns? fuhr Dschemyleh fort; ich, ich weiß es nicht; aber du wirst es ausfinden, dessen bin ich gewiß! Du findest es sogleich in deinem Kopfe aus, denn du, du bist tapfer, du zitterst vor keiner Gefahr, mein teurer, teurer Mohsen, und wirst dein Weib retten!

Sie hielt ihn immerfort umklammert, nur ihre rechte Hand hatte den Hals des Jünglings losgelassen und streichelte seine Augen und trocknete deren Tränen. War es nun ein Rückschlag gegen die Anwandlung von Schwäche, die er durchgemacht, oder eine Wirkung des magnetischen Einflusses, welchen die Liebe über diejenigen, deren Gebieterin sie ist, verbreitet, Mohsen kam plötzlich wieder zu sich, die Klarheit kehrte seinem Haupte wieder, und, indem er sich aus der geliebten Umarmung, die ihn zurückhielt, sanft losmachte, betrachtete er Dschemyleh mit ruhiger Miene und sagte, ein neuer Mensch, gelassen: dieses Viertel ist vollkommen menschenleer und enthält viele Ruinen. Suchen wir einen Schutz für den Augenblick, einen Keller womöglich. Du wirst dich dort ausruhen, schlafen. Es wäre ein großer Zufall, wenn man uns dort entdeckte. Am Tage versuche ich dann mit aller möglichen Vorsicht auszugehen und zu essen zu bekommen. Alles in allem können wir den Hunger bis heut Abend ertragen, und wenn wir so zwölf bis fünfzehn Stunden vor uns haben, dann kommt uns vielleicht ein glücklicher Einfall und die Kunde, wie wir die nächste Nacht zu unserer Rettung verwenden mögen.

Dschemyleh lobte den Plan, welchen ihr junger Beschützer ihr auseinandersetzte, und sie machten sich auf den Weg. Bald betraten sie die Stätte der Trümmer. Sie stiegen über mehrere Mauern. Einige Schlangen und andere giftige Tiere ergriffen hier und da vor ihnen die Flucht; aber sie bekümmerten sich nicht darum. Sie hatten einen allgemeinen Druck des Mißtrauens und blickten um sich; aber sie ließen sich nicht beikommen, daß sie entdeckt waren, und fühlten die Blicke des Spähers nicht auf sich ruhen.

So gelangten sie zu dem kleinen Keller, in welchen Osmans Nayb sie hatte eintreten sehen. Nach einem Augenblick schlummerte Dschemyleh, welche ihr Haupt auf Mohsens Knie gelegt hatte, tief ein, eine natürliche Folge ihrer großen Jugend und der Erschöpfung ihrer Kräfte, und während einiger Minuten unterlag ihr Geliebter dem nämlichen Einflüsse. Aber plötzlich wurde er ganz wieder wach. Ein unerklärliches Unbehagen verscheuchte für ihn jede Spur einer Müdigkeit. Sein Blut jagte feurig durch seine Adern und siedete. Er merkte eine Gefahr. Er hatte zu viel zu verlieren. Er konnte nicht zu sehr auf der Hut sein, nicht zu sehr sich auf alles gefaßt halten; er betrachtete die Schläferin mit einer Rührung, einer Leidenschaft, einer Regung hingebender Neigung, welche in alle Fasern seines Wesens überströmte, und alsdann, nachdem er Dschemylehs Haupt sanft aufgerichtet, legte er dies angebetete Haupt auf ein Kräuterbüschel und ging hinaus, um die Umgegend zu überwachen.

Er gewahrte nichts. Der Tag nahm rasch zu. Vom blauen Horizonte hoben sich, gleich einem goldig-grünen Schattenriß, die Terrassen einiger Häuser und mehrere dicht belaubte Bäume, die Zierden der benachbarten Höfe, ab. Er legte sich auf die Erde, um besser verborgen zu sein, und es blieb so eine ziemlich geraume Weile, vielleicht eine Stunde lang, vollkommen ruhig ringsumher. Endlich horte er deutlich ziemlich zahlreiche Schritte. Er hielt das Ohr hin und vernahm Geflüster.

– Da sind sie! dachte er schnell. Nichts, das der Furcht geglichen hätte, rührte an seinen Mut, der hart wie Stahl.

Er erhob sich auf ein Knie und zog sein langes Messer, das er gehörig in seiner Hand befestigte, und kaum war er so vorbereitet, als ein Mann über die Mauer stieg, hinter der er sich hielt. Es war der Nayb Osman-Begs. Er diente dem Feinde zum Führer. Mohsen erhob sich jäh, und fast ehe ihn der Nayb nur bemerkt hatte, brachte er diesem einen wütenden Streich über den Kopf bei, zerhieb seinen Turban von hellblauem, rotgestreiftem Tuch und streckte ihn tot auf den Platz hin, dann stürzte er sich auf einen anderen Angreifer, welcher dem Nayb zur Seite auftauchte: es war einer seiner Vettern, der älteste; er schlug ihn mit einem kräftigen Hiebe zu Boden und griff seinen Oheim selbst an. Dieser hatte nur soeben die Zeit, mit dem Säbel zu parieren; alsdann begann der ungleichste aller Kämpfe zwischen Mohsen und der Schar, die ihn verfolgte.

Aber ohne es zu wissen, hatte er zwei Vorteile vor seinen Gegnern voraus. Erstens hatten die Schnelligkeit, das Ungestüm, das glückliche Gelingen seines Angriffes sie in die Defensive geworfen, und sie waren davon dermaßen betäubt, daß sie sich bei sich selbst frugen, ob Mohsen wirklich allein wäre. Sodann hatte Osman-Beg den Befehl gegeben, ihn lebendig gefangen zu nehmen; so war also nicht anzunehmen, daß man ihn treffen würde, und während seine Streiche saßen und gehörig saßen, begnügte man sich damit, ihn einzuschließen, da man sich nicht getraute, ihm zu nahe zu kommen, und man zählte nur auf sein Ermatten, um ihn niederzuwerfen. Er war noch weit von dieser äußersten Not entfernt, seine Kräfte schienen mit jedem Streiche, den er nach rechts und links führte, zuzunehmen. Indessen würde Osman-Begs Berechnung sich auf die Dauer doch als richtig erwiesen haben. Die Erschöpfung wäre für den tapferen Kämpfer gekommen. Zum Glück gab ein Zwischenfall, auf welchen niemand rechnete, bald den Dingen ein anderes Ansehen.

Mohsen hatte, da er Nayb tötete, seinen Vetter verwundete und viele andere traf, alle seine Angreifer vor sich hergetrieben, und diese, denen es schwer fiel, auf den Beinen zu bleiben, wichen fortwährend zurück, so daß sie, ohne es zu wollen und vorherzusehen, alle miteinander aus den Ruinen heraustraten und sich am Rande der Straße befanden. Die Bevölkerung versammelte sich, um mit dem äußersten Interesse, wie es ein Handel dieser Art in jedem Lande, zumal aber unter so kriegerischen Leuten wie die Afghanen, hervorruft, über die Streiche zu Gericht zu sitzen. Eine sehr ausgesprochene Teilnahme gab sich in der Menge für den schönen tapferen Jüngling kund, welcher so derb darauf losschlug und für sich allein eine so große Anzahl Gegner übel zurichtete. Man war nicht gerade beleidigt darüber, daß man seine Feinde ihn mit ungleichen Kräften angreifen sah; derartige Regungen von Zartgefühl sind nicht zu allen Zeiten und an allen Orten anzutreffen, und im allgemeinen begreift man, welchen Nutzen es bringt, seinen Feind zu töten, wie man kann; aber Mohsen war tapfer, das sah man, man freute sich daran, jeder seiner kühnen Schläge rief ein Tosen begeisterter Zustimmung hervor; nichtsdestoweniger tat man nichts, um ihn aus der Gefahr zu reißen, außer daß man ganz laut Wünsche äußerte, mit denen zumal die Frauen, welche oben die Terrassen besetzt hielten, verschwenderisch bei der Hand waren. In diesem Augenblick erschien ein junger Mann zu Pferde.

Sein blauer, rotgestreifter Turban war von feiner Seide, und dessen Fransen fielen zierlich über die Schulter herab. Ein kurzer Waffenrock von Kaschmir, den er anhatte, wurde von einem mit Edelsteinen besetzten Degengehenk um den Leib zusammengefaßt. Ein prachtvoller Säbel hing darin. Seine Beinkleider waren von rotem Zindeltaffet. Das Geschirr seines Tieres, eines echten Turkmenenschimmels reinster Rasse, erschimmerte von Gold, Türkisen, Perlen und prächtigen Farben. Vor dem Ritter her marschierten zwölf Kriegsleute, mit Schilden, Säbeln, Dolchen und Pistolen bewaffnet, das Gewehr über der Schulter. Er hielt plötzlich mit seinen Mannen an, um sich anzusehen, was da vorging, und dieses mißfiel ihm. Seine Stirn zog sich in Falten, sein Gesicht nahm einen hochfahrenden, furchtbaren Ausdruck an, und er rief mit mächtiger Stimme: wer sind diese Leute?

– Ahmedzyys! antwortete eine Stimme aus der Menge; und warum Osman-Beg Ahmedzyy das Blut des jungen Mannes haben will, der da seit einer Viertelstunde dabei ist, sich zu verteidigen, das weiß Gott.

– Aber ich, ich weiß es nicht, und es erscheint zu unverschämt, daß ein verfluchtes Geschlecht herkommt und die Leute mordet, in einem Viertel, das nicht das ihre, das das meine ist! Holla, Osman-Beg, gib nach, weiche zurück, laß deine Beute fahren, mach dich von hinnen, oder ich schwöre es bei den Gräbern aller Heiligen, du kommst nicht lebend von der Stelle!

Und als wären diese Worte nicht peremptorisch genug gewesen, zog der Reiter seinen Säbel und ließ sein Roß mitten zwischen die Kämpfenden setzen; und seine Diener faßten ihre Schilde, zogen ihre Säbel, warfen Osman-Begs Leute durcheinander und trieben sie, als die bei weitem zahlreicheren, kurz angebunden von Mohsen zurück, welcher sich mit einem Schlage von einem leibhaftigen, ganz leibhaftigen Walle beschirmt fand, bereit, denen das Leben zu nehmen, welche das seinige bedrohten.

Osman-Beg überschlug alsobald seine Lage. Er begriff die Unmöglichkeit des Kampfes, und, jeden Gegenvorwurf verschmähend, gab er in entschiedenem Tone seinen Leuten das Signal, sammelte sie und zog ab, nicht ohne seinem neuen Gegner mit einem Blicke, übervoll von Haß, Herausforderung und Racheverheißungen, Trotz geboten zu haben.

Drauf konnte man sich wieder zurechtfinden. Mohsen unverhofft aus der Umklammerung eines so ungleichen Kampfes befreit und von dem Gedanken an die, die er liebte, beherrscht, fühlte sich sofort instinktmäßig getrieben, sich eilends gegen die Stelle umzukehren, wo er sie verborgen hatte; aber sie war ihm zur Seite und hielt ihm sein Gewehr hin, das er im Keller zurückgelassen hatte. Diese Tat des unterwürfigen, hingebenden Weibes, das seinem Gatten mitten im Kampfe eine Waffe brachte, gefiel der versammelten Menge und schien einen noch günstigeren Eindruck auf den jungen Ritter zu machen, welcher die Partei des Schwächeren ergriffen hatte. Er begrüßte Mohsen mit ernster Höflichkeit und sagte zu ihm: gepriesen sei Gott, der mich zur rechten Zeit hat kommen lassen! Und indem er mit dem Finger auf den Leib des verscheidenden Naybs deutete: Ihr habt einen starken Arm für Euer Alter!

Mohsen lächelte kühl; dies verbindliche Wort machte ihn äußerst glücklich; er setzte seinem Feinde den Fuß auf die Brust, nahm dabei dieselbe Gleichgültigkeit an, die er für irgendeinen zertretenen Wurm gehabt haben würde, und antwortete, ohne sich sonst mehr mit ihm zu befassen: welches ist Eurer Exzellenz edler Name, damit ich Ihr danken könne, wie es meine Schuldigkeit ist?

– Mein Name, erwiderte der Ritter, ist Akbar-Khan, und ich bin vom Stamme der Muradzyys.

Dem erbitterten Feinde seines Geschlechtes verdankte Mohsen für den Augenblick sein Leben, und dieser Gegner fügte mit erhobener Stimme hinzu: mein Vater ist Abdullah-Khan, und ohne Zweifel wißt Ihr, daß er der Lieblingsvertreter und allmächtige Minister Seiner Hoheit ist, welche Gott erhalten möge!

So war es nicht nur ein Mann aus einem erbfeindlichen Geschlechte, es war der eigene Sohn des grausamsten unter den Verfolgern seines Hauses, welcher zwar Mohsen und Dschemyleh gerettet hatte, aber sie tatsächlich in seiner Gewalt und so eingepreßt hielt, wie der Sperling es nur in den Klauen des Habichts sein kann.

Der Sohn Mohammed-Begs hatte sich, wenigstens für einige Zeit, gerettet gewähnt, und seine rasche Einbildungskraft hatte ihm sogar in einem lieblichen Bilde Dschemyleh ausgeruht, friedlich, glücklich dargestellt. Das Bild wurde mit rauher Gewalt aus seinem Haupte gerissen, und an seiner Statt trat die verhaßte Wirklichkeit in schwarzen Farben zutage. Hinter den Liebenden standen drohend der Oheim und die Schar der Mörder; wenn es ihnen durch Verbergen ihrer Namen und mittels einiger Lügen gelänge, sich von Akbar-Khan zu befreien, so mußten sie in einigen Minuten, höchstens in einigen Stunden, wieder der Gefahr verfallen, welche sicherlich auf sie lauerte. Es war heller Tag, sie konnten nicht mehr daran denken, sich zu verbergen. Da sie nicht wußten, wo eine Zuflucht finden, mußten sie in Gefangenschaft und Verderben geraten. Sich unter Akbar-Khans Schutz stellen, immer mit einigem Trug und indem sie sich für andere ausgaben, als sie waren, bedeutete ein sicheres Ende. Osman-Beg würde vermutlich nicht säumen, sie anzuzeigen, sie bekannt zu machen, und dann Akbar-Khan ihnen nicht allein den Untergang bereiten, sondern sie als Feige behandeln und ihnen, nicht ohne einen Anschein von Berechtigung, vorwerfen, daß sie sich vor ihm gefürchtet hätten; was sollte dann aus Dschemyleh werden?

In seiner Angst blickte Mohsen auf sie; ein stolzes Lächeln strahlte auf dem Antlitz des jungen Mädchens. Eine seltsame Begeisterung lag in ihren schönen Augen. Sie sagte nicht ein Wort; er begriff sie: ich kenne Euren Vater nicht, sagte er zu Akbar, aber wer hat seinen Namen nicht gehört? Gefällt es Euch, die Hand, die Ihr über mein Haupt ausgebreitet habt, nicht zurückzuziehen? Dann führt mich zu ihm, und ich will zu euch allen beiden sprechen.

Der junge Häuptling machte ein Zeichen der Beistimmung. Mohsen trat zur Seite seines Rosses; Dschemyleh ging hinter ihm; die Soldaten nahmen wieder die Spitze ein, und alle die Muradzyys, mit den beiden Ahmedzyys – von ihnen beschützt, von ihnen allen nicht gekannt – in ihrer Mitte durchschritten die Bazare, durchschritten den Hauptmarkt, kamen vor der Zitadelle an, drangen durch das Tor derselben, das von Soldaten, Dienern und Würdenträgern versperrt war, und gelangten, nachdem sie durch zwei enge Gäßchen gewandert, zu dem von Abdullah-Khan bewohnten Palaste, wo die ganze Gesellschaft eintrat.

Akbar hatte einem Belutschensklaven zwei Worte gesagt, welcher sich beeilt hatte, ihm ins Innere des Hofes voranzugehen. In dem Augenblicke, wo der Häuptling vom Pferde stieg, kam dieser Sklave zurück, begleitet von einer Dienerin, welche sich mit Ehrerbietung an Dschemyleh wandte und sie einlud, ihr in den Harem zu folgen, wohin sie sie führen wollte. Kein Vorschlag konnte schicklicher und höflicher sein, und indem Akbar der Frau seines Gastes, die er gar nicht zu bemerken geschienen, diesen Empfang bereitete, hatte er sich benommen, wie man es von einem Manne seines Standes erwarten durfte.

Mohsen schien durch eine Bewegung seiner linken Hand die junge Frau aufzufordern, die Einladung anzunehmen, und Dschemyleh wandte sich gegen die niedrige Tür, welche zur Wohnung der Frauen führte; sie hatte sich kaum in den engen Gang eingezwängt, als plötzlich Mohsen, auf einen schnellen Antrieb, ihr nachjagte. Er erreichte sie in dem Augenblicke, wo die Dienerin den inneren Vorhang aufhob, nahm sie bei der Hand, zog sie mit sich fort, setzte sich mit ihr in Eilschritt, warf ungestüm zwei Diener, die ihn aufzuhalten versuchten, zur Seite, stürzte sich in einen kleinen Garten voller Blumen, in dessen Mitte ein Bassin von weißem Marmor mit einem Springbrunnen war, stieg die drei Stufen hinan, welche er zu einem rotseidenen, buntbemalten Türvorhange führen sah, schob den Stoff zur Seite, trat in einen großen Saal ein, wo er in einer Ecke, auf dem Teppich sitzend, drei Frauen gewahrte, von denen die eine bejahrt, eine andere sehr jung war, warf sich, Dschemyleh an seiner Seite, vor der ältesten nieder, und, indem er den Saum des Gewandes derjenigen, die er für die Herrin des Hauses hielt, in die Hand nahm, rief er aus: schirmt uns!

Tiefe Bestürzung malte sich in den Zügen der so angerufenen und ihrer beiden Gefährtinnen. Ihre Blicke richteten sich abwechselnd auf den verwegenen Betreter der geweihten Stätte und auf die, welche ihn begleitete; aber, wenn sie auch immerhin erstaunt waren, so hatte doch ihr Ausdruck nichts Feindseliges. Mohsens reizendes Gesicht verriet keinen Narren, noch weniger einen Unverschämten, und Dschemyleh, die ihren Schleier abgeworfen hatte, war so hübsch, so würdig, so edel in ihrer ganzen Haltung, daß eine Regung des Mitleids, der Teilnahme, der Zuneigung in den Augen derjenigen, deren Hilfe man anrief, aufzutauchen begann, welche übrigens noch nicht soweit zu sich selbst gekommen waren, um ein einziges Wort zu sprechen, als Abdullah-Khan und Akbar zu zwei verschiedenen Türen in das Gemach hereintraten.

Der erstere, ein Greis mit düsterer, nachdenklicher Miene, kam zufällig. Er ging zu seiner Frau und wollte seine Tochter und seine Schwiegertochter besuchen. Der andere, anfänglich durch Mohsens unerhörtes Vorgehen verblüfft, eilte ihm nach, entschlossen zu züchtigen, was er mit einigem Rechte als etwas Ungeheuerliches betrachtete. Als er seinen Vater vor der Türe stehen und Mohsen dort auf dem Teppich kniefällig seiner Mutter zu Füßen sah, hielt er ein.

– Was ist das? frug Abdullah-Khan.

– Edle Frau, sagte Mohsen, immerfort das Gewand seiner Beschützerin mit beiden Händen festhaltend, edle Frau, ich bin ein Afghane; ich bin Edelmann; ich liebe dieses Weib, das mir zur Seite ist; sie liebt mich; ihr Vater ist des meinen Feind; wir haben uns geflüchtet; man will uns töten; ich will wohl sterben, aber sie soll nicht sterben, nicht mißhandelt, nicht gekränkt werden . . . Edle Frau, man verfolgt uns, lauert uns auf. Euer edler Sohn hat uns soeben gerettet; wäre er fern, wären wir um so sicherer dem Untergang verfallen. Rettet uns!

Die Frau erwiderte nichts, aber sie blickte ihren Gemahl mit flehender Miene an, und desgleichen die beiden jungen Frauen, die eine ihren Vater und Bruder, die andere ihren Gatten. Aber Abdullah-Khan zog die Stirn in Falten, setzte sich in einen Winkel des Saales und ließ die bitteren Worte fallen: was bedeuten diese tollen Streiche? Ei! seit wann ist ein Afghane, ein Edelmann dermaßen von der Furcht verwirrt, daß er sich nicht in genügender Sicherheit glaubt, wenn er bei mir ist? Mit dem Augenblicke, wo mein Sohn Euch in seinen Schutz nimmt, was wollt Ihr da noch mehr verlangen? Wer sollte es gewagt haben, Euch anzurühren?

– Ihr! erwiderte Mohsen, indem er ihn fest anblickte.

– Ich! rief der alte Häuptling.

Er schüttelte den Kopf mit Verachtung und fuhr fort: Ihr seid toll! aber da die Unüberlegtheit nicht als eine Entschuldigung für eine Verwegenheit, wie die Eure, gelten darf, so sollt Ihr gezüchtigt werden.

Und Abdullah-Khan machte ein Zeichen, als wollte er in die Hände schlagen, um seine Leute herbeizurufen. Aber Mohsen wandte sich von neuem zu der alten Frau und sagte zu ihr: Euer Gemahl wird mich nicht anrühren! Er wird mich weder züchtigen, noch beschimpfen lassen. Ihr werdet mich vor ihm behüten, edle Frau; ich bin Mohsen, Mohammeds Sohn, ein Ahmedzyy, und diese hier ist eine Muhme, die Tochter meines Oheims Osman; die Euren haben zwei meiner Verwandten vor nicht länger als drei Jahren umgebracht; da bin ich, da ist sie; Ihr könnt uns ohne alle Mühe töten, wollt Ihr es tun?

Indem Mohsen diese letzten Worte aussprach, richtete er sich ganz gerade auf, und Dschemyleh mit ihm. Sie faßten sich bei der Hand und sahen Abdullah unverwandten Blickes an.

Dieser preßte gewaltsam den Griff seines Messers, und seine hohlen Augen versprachen nichts Gutes, als die alte Frau zu ihm sagte: Herr, vernehmt die Wahrheit! Wenn Ihr an diese Kinder rührt, welche meinen Schutz angerufen haben, indem sie einen Schoß meines Gewandes faßten, so verliert Ihr Eure Ehre vor den Menschen, und Euer Antlitz, das schimmernd ist wie Silber, wird schwarz werden in ihren Augen!

Abdullah sah nicht aus, als wäre er überzeugt. Es war klar, daß die Gefühle höchster Rachsucht in seinem Herzen loderten, tückisch, wild, gierig nach der Beute, die ihnen in den Wurf gekommen war, und daß, wenn andere Erwägungen auftauchten und sie im Zaume hielten, diese doch Mühe hatten zu widerstehen und von einem Augenblick zum andern unterliegen konnten.

Nach dem Herkommen des kriegerischen, grausamen, blutgierigen, aber merkwürdig schwärmerischen Afghanenvolkes darf ein Todfeind von dem Augenblicke an nicht mehr angegriffen werden, wo er sich in den Harem seines Gegners geworfen und den Schutz der Frauen gewonnen hat. Die Ehre will, daß dieser Schutzflehende augenblicklich geheiligt werde; man kann ihn nicht berühren, ohne sich mit Schande zu bedecken, und es gibt berühmte Beispiele von der Herrschaft, welche diese Sitte auf überaus schwer zu erweichende Gemüter ausgeübt hat. Aber die Ehre dehnt ihre Anforderungen womöglich noch weiter aus und will, daß, wenn flüchtige Liebende den Beistand des ihrer Sache fremdesten Mannes anrufen, dieser Mann, wenn er sich der Tapferkeit und des Edelmutes rühmt, seine Hilfe nicht versagen kann und der Halt derer wird, welche gut genug von ihm gedacht haben, um ihn zum Kämpen zu erwählen. Auch ändert unter diesen Umständen die frühere Feindschaft nichts an der Pflicht; sie muß aufhören, muß vergessen werden, wenigstens für eine Zeitlang, und mit je größeren Gefahren es verbunden ist, sich der verfolgten Liebenden anzunehmen, um so strenger ist die Verpflichtung, allem Trotz zu bieten. Es ist in Indien, in Persien und in der Gegend von Kabul, Kandahar und Herat bekannt, daß der größere Teil der Streitigkeiten und Kämpfe zwischen den afghanischen Familien und Stämmen und oft entsetzlich blutiger Erbhaß keinen anderen Ursprung gehabt haben als die unglücklichen Liebenden gewährte und beharrlich gewährte Hilfe.

Dies alles ist gewiß. Und doch – verschonen, was man verwünscht, wenn man es einmal in seiner Gewalt hat, unterstützen, was man haßt, vergeben um des Ehrenpunktes willen sind keine leichten Dinge, und wenn man sich ihnen unterwerfen soll, zaudert man. Das Schweigen herrschte einige Zeit im Saale von Abdullah-Khans Harem. Er fühlte tausend Schlangen an seinem Herzen nagen, und wiewohl er endlich die Notwendigkeit erkannte, sie herauszureißen, so vermochte er's doch nicht. Akbar hätte Mohsen gern erdolcht, aber es fiel ihm nicht schwer, die Befriedigung dieses Bedürfnisses zu unterdrücken; das Wohlwollen und die Achtung, welche er in dem verlassenen Viertel für ihn gefaßt hatte, da er ihn so vielen auf das Verderben des Jünglings wütend erpichten Leuten so herzhaft standhalten sah, waren ihm vor Augen geblieben, und gern hatte er der Stimme seiner Mutter Gehör gegeben, die Blicke seiner Schwester und seines Weibes verstanden und willkommen geheißen, so daß er sich mit seiner Ehre dahin geeinigt hatte, daß die beiden Ahmedzyys mit der Fingerspitze zu berühren, in der Absicht, ihnen Schaden zuzufügen, eine Schmach bedeuten würde, von der sein Haus sich nimmermehr loskaufen könnte. Aber es wollte wenig sagen, daß er davon überzeugt war; solange sein Vater es nicht war, hatte er gar nicht auch nur eine Meinung zu äußern.

Abdullah blickte Mohsen und Dschemyleh unbeweglich an, und die beiden blickten ihn ebenso an. Sie flehten nicht, sie baten nichts. Sie hatten ein Recht auf ihn und übten es aus. Dieses Recht freilich war eines von denen, welches nur edle Seelen über sich gewinnen lassen; gemeine Seelen wissen nichts davon. Eben das sagten Abdullah die Augen der beiden Gefangenen. Wenigstens verstand er es so. Er erhob sich, ging gerade auf sie zu und sagte zu ihnen: ihr seid meine Kinder!

Und er küßte sie auf die Stirn. Sie küßten ihm ehrerbietig die Hand und erfüllten dann die nämliche Obliegenheit bei der Frau des Häuptlings, indem sie sich vor ihr auf die Kniee warfen; aber die jungen Frauen nahmen Dschemyleh leidenschaftlich in den Arm, und Akbar war freudig bei der Hand, Mohsen in der leichten, vornehmen Weise zu begrüßen, welche das Vorrecht der auserlesenen Männer seines Volkes ist. Der junge Ahmedzyy erwiderte ihm seinen Gruß mit Achtung, wie einem älteren Bruder, und ging mit ihm hinaus, nachdem er sich vor den Bewohnerinnen des Harems verneigt hatte, bei denen ihm von dem Augenblicke an, wo er erlangt hatte, was er wünschte, die strengsten Anstandsregeln nicht mehr länger zu verweilen gestatteten.

Akbar geleitete alsbald seinen neuen Freund in eines der Zimmer des Palastes, wohin er Kalians und Tee bringen ließ, und versicherte Mohsen wiederholt, daß er sich wie im eigenen Heim betrachten und frei über seine Umgebung verfügen dürfe. Aber gerade die Förmlichkeit, welcher der junge Muradzyy sich mit einer Art Bündigkeit und Feierlichkeit unterwarf, zeigte zur Genüge, daß er vielmehr eine Pflicht erfüllte und sich etwas darauf zugute tat, sie in ihrem ganzen Umfange zu erfüllen, als daß er einem natürlichen Antriebe gehorcht hätte. Mohsen verstand dies nicht nur so, sondern, da er die Gefühle seines Gastfreundes in dieser Hinsicht teilte, so fiel es ihm nicht schwer, auf ein derartiges Entgegenkommen durch stolz zum Ausdruck gebrachte Beweise der Dankbarkeit zu antworten und seinerseits deutlich zu verstehen zu geben, daß einzig die dringendste Notwendigkeit ihn hätte zwingen können, einen Beistand zu erbitten, welchen er für sich allein nimmermehr nachgesucht haben würde. So hielten der Beschützer und der Verpflichtete inmitten ziemlich gravitätischer Beweise gegenseitiger Ergebenheit die unverjährbaren Rechte der alten Feindseligkeit unversehrt aufrecht und erkannten sie einer dem andern gegenüber an. Inzwischen begannen sie mit edler Ungezwungenheit zu plaudern, und Mohsen erstattete den vollständigen Bericht über das, was ihm seit dem letzten Abend begegnet war. Er überging mit Stillschweigen, was unmittelbar auf seine Liebe Bezug hatte; sprach von Dschemyleh nur unter der Bezeichnung »meine Familie«, und Akbar seinerseits vermied in seinen Fragen und Bemerkungen mit der größten Sorge jede Anspielung auf das junge Mädchen, wiewohl im Grunde einzig von ihr in diesem langen Gespräche die Rede war.

Unterdessen hatte sich ein Priester im Palaste eingefunden und Abdullah-Khan zu sprechen verlangt. Er war zu dem Häuptling hineingeführt worden, welcher, nachdem er ihn ehrerbietig begrüßt, ihn bat sich zu setzen und ihm den vornehmsten Platz anwies. Nachdem die Höflichkeitsbezeigungen ausgetauscht, der Tee aufgetragen und hernach wieder weggetragen war, schien der Priester sich einen Augenblick zu sammeln und anzuschicken, den Zweck seines Besuches auseinanderzusetzen. Er war ein Mann von etwa fünfzig Jahren, schöner Gestalt und wohlwollendem Aussehen; sein weißer Turban brachte seine etwas olivenbraune Gesichtsfarbe gut zur Geltung.

– Exzellenz, sagte dies« Mann, ich heiße Mulla-Nur-Eddin und bin gebürtig von Ferrah. Mein Stand erklärt Euch zur Genüge, daß ich allerwärts Frieden und Eintracht suche, und darum eben habe ich seitens Osman-Begs des Ahmedzyys einen Auftrag an Euch übernommen. Wenn er glückt, so können die mutmaßlichen Folgen eines leidigen Mißverständnisses ferngehalten werden.

– Mulla, antwortete Abdullah-Khan, ich bin selbst ein friedfertiger Mann und ganz damit einverstanden, mit dem Herrn, dessen Namen Ihr da ausgesprochen habt, auf freundschaftlichem Fuße zu leben. Unglücklicherweise besteht zwischen seiner Familie und der unsrigen mehr als eine Mißhelligkeit, und ich möchte wissen, welches die ist, die Ihr Euch in diesem Augenblicke angelegen sein laßt.

– Die letzter Hand, antwortete Mulla-Nur-Edbin. Einem sittenlosen Menschen ist es gelungen, in die geheiligten Gemächer von Osman-Begs Hause einzudringen und eine ihrer höchsten Zierden daraus zu entführen. In Eurem wohlbekannten Edelsinne gewährt Ihr diesem Übeltäter Zuflucht, und indem Osman-Beg Euch von der Niederträchtigkeit seines Gegners, welche Euch sicherlich nicht bekannt ist, unterrichtet, zweifelt er keinen Augenblick, daß Ihr ihm den Schuldigen ausliefern werdet, damit er eine gerechte Züchtigung empfange.

– In der Tat, erwiderte Abdullah-Khan kalt, die Einzelheiten, welche Eure Heiligkeit mir zu geben belieben, sind mir gänzlich neu, und Ihr öffnet mir wirklich die Augen. Ich war unverschämt belogen worden. Ich glaubte, daß Mohsen-Beg der eigene Neffe Seiner Exzellenz Osman-Begs wäre und sah nicht ein, warum nicht ein Ehebündnis zwischen zwei so nahen Zweigen einer und derselben Familie zustande kommen sollte. Ich bitte Euch um Vergebung meines Versehens, Mulla.

– So weiß Eure Exzellenz nicht, daß die beiden Brüder, Osman und Mohammed, nicht in vollkommenem Einvernehmen leben?

– Ich erinnere mich nicht recht, ob ich es nicht wußte, erwiderte Abdullah mit verächtlichem Ausdruck; die Ahmedzyys sind im allgemeinen unruhige Leute, und man würde nie damit zu Rande kommen, wollte man ihre Händel zählen. Nach dem, was Ihr die Güte habt, mir zu sagen, verabscheut für den Augenblick Osman seinen Bruder Mohammed und dessen Sohn; er will keine Verbindung zwischen den beiden Familien, verfolgt seinen Neffen, um ihn zu erwürgen, und seine Tochter, um sie umzubringen, und Mohsen flüchtet zu mir und bittet um Zuflucht bei den Muradzyys. Ihr werdet zugeben, Mulla, daß das Leute sind, die wohl Interesse verdienen.

Hier schüttelte Abdullah den Kopf, entzückt über seine Darlegung und die Verachtung, womit er seine Erbfeinde überschüttet hatte. Aber der Mulla ließ sich durch diesen beißenden Ton nicht einschüchtern und hub kaltblütig folgendermaßen wieder an: ohne allen Zweifel wird das junge Mädchen sterben, und ihr Mitschuldiger mit ihr. Das kommt überhaupt gar nicht in Frage. Osman-Beg wünscht nur zu erfahren, ob Ihr einwilligt, ihm seine flüchtigen Sklaven auszuliefern, oder sie zu schützen gedenkt; einzig und allein dies komme ich Euch zu fragen.

– Gesetzt den Fall, sagte Abdullah, indem er sich mit vertraulicher Miene zu dem Priester hinbeugte, daß ich nicht abgeneigt wäre, Euch zu willfahren, was würde dabei Vorteilhaftes für mich herauskommen? Darf ich Euch über diesen Punkt befragen, Mulla?

– Gewiß. Wenn Eure Exzellenz einwilligt, mir die Schuldigen auszuliefern, so kann ich Ihr versprechen, daß Osman-Begs ganze Familie ihren alten Gesinnungen gegen die Muradzyys entsagen wird. Die Söhne werden in Euer Haus' eintreten, und Ihr sollt ihnen keinen Sold geben; der Vater aber weiß, daß Ihr einen Exerziermeister sucht, um Euren Kriegssklaven die europäische Mannszucht beizubringen: er will dieser Exerziermeister sein, und Tag und Nacht könnt Ihr auf ihn zählen. Ich brauche Euch nicht die Versicherung zu geben, daß Osman-Beg bereit ist, alle möglichen Eide auf die Heilige Schrift zu leisten, wenn Ihr diese Bürgschaft seiner Aufrichtigkeit verlangt.

– Ich schätze solche Vorschläge sehr, und sie sind mir höchst vorteilhaft, rief Abdullah-Khan. Aber doch, nehmen wir einmal an, ich wiese sie zurück. Was wird mir dann begegnen?

– Ich könnte Euch das auf eine zuverlässige Weise erklären, antwortete der Mulla; aber Ihr bekommt da Besuch, und Ihr werdet, ehe eine Minute um ist, erfahren, woran Ihr seid; Ihr werdet es erfahren, sage ich, auf eine weit vollkommenere und überzeugendere Weise, als wenn ein armer Mann wie ich länger das Wort führte.

In diesem nämlichen Augenblick betrat den Hof, inmitten einer Flut von Dienern und mit dem ganzen Gepränge eines kostbaren Aufzuges, der Generalarzt des Fürsten von Kandahar, ein Mann von Ansehen vermöge der Gunst, die er bei seinem Herrn genoß. Er war kein echtbürtiger Afghane, sondern nur, was man einen Kizzilbasch nennt, ein Abkömmling persischer Kolonisten, eine Art Bürgerlicher. Man schätzt die Geburt dieser Leute nicht, hält aber große Stücke auf ihre Reichtümer und gelegentlich auf ihre Fähigkeiten. Dieser hier hieß Gulam-Ali und wurde mit der Auszeichnung empfangen, welche sein Amt am Hofe ihm eintrug. Übrigens war er ein Freund Abdullah-Khans.

– Nun! sagte dieser zu ihm, nachdem den Anforderungen der Etikette Genüge geschehen, und man aus den Begrüßungen herausgekommen war, wenn ich dem Mulla glauben darf, so kommt Ihr hierher, um mir Euren Rat zu erteilen?

– Gott bewahre mich davor! rief der Arzt aus. Wie wäre eine derartige Anmaßung möglich gegenüber einem, der weiser ist als ich? Ist es wahr, daß Ihr einen gewissen Missetäter namens Mohsen bei Euch aufgenommen habt?

– Mohsen-Beg, der Ahmedzyy, ist in meinem Hause. Will Eure Exzellenz von ihm sprechen?

– Getroffen. Ihr wißt, daß Seine Hoheit der Fürst (möge Gott seine Tage zur Ewigkeit machen!) ein Spiegel der Gerechtigkeit ist?

– Der Gerechtigkeit und des Edelsinns! wer zweifelt daran?

– Niemand. Aber der Fürst hat soeben einen Schwur getan, daß derjenige, welcher Osman-Beg hindern würde, seine Tochter und seinen Neffen zu bestrafen, selbst getötet, sein Haus geplündert und sein Vermögen eingezogen werden solle.

– Der Fürst hat einen solchen Eid geschworen?

– Ich versichere es Euch bei meinem Haupte.

– Warum einen so hitzigen Entschluß fassen?

– Ihr werdet das gleich begreifen. Der Fürst hat ein krankes Kind im Harem. Er hat gestern abend, um die Genesung des geliebten Wesens zu erwirken und die Mutter zu beruhigen, ein Gelübde getan, heute morgen dem ersten besten ihm Begegnenden die erste beste Bitte zu gewähren. Das Schicksal hat gewollt, daß Osman-Beg dieser erste war. Ihr wißt wohl, daß der Fürst seine Versprechungen hält?

– Zumal diese da, murmelte Abdullah-Khan bestürzt.

Er sah den Mulla an, sah den Arzt an und befand sich in größter Verlegenheit. Der Fürst von Kandahar war weder boshaft, noch tyrannisch; aber er liebte seine Frauen und Kinder zärtlich, und da er einmal ein Gelübde getan hatte, um die Krankheit aus seinem Harem zu verjagen, so hätte er dem sicherlich um nichts in der Welt untreu werden mögen, überdies verfehlte Abdullah-Khan nicht, sich die Pracht seines eigenen Palastes, die Schönheit seiner Tapeten und Teppiche, die bekannte Fülle seiner Goldkisten vorzuführen, und er fand nicht, daß diese Herrlichkeit einen mildernden Umstand zu seinen Gunsten ausmachte, wenn er durch eine unzeitige Auflehnung sich der Gütereinziehung aussetzte. Je mehr er nachdachte, desto verwirrter wurde er, und seine beiden Mitunterredner ließen ihm durch ihr Schweigen vollkommene Freiheit, in einer Betrachtung fortzufahren, die sie für heilsam hielten und von der sie die besten Ergebnisse erwarteten. Endlich erhob Abdullah-Khan das Haupt und rief in entschiedenem Tone: laßt meinen Sohn Akbar kommen!

Nach Verlauf eines Augenblickes trat Akbar ein, grüßte und blieb an der Türe stehen.

– Mein Sohn, sagte Abdullah mit gedehntem, ziemlich demütigen Tone, der von seinem gewöhnlichen stark abstach, es gefällt dem Fürsten (möchten die Tugenden Seiner Hoheit belohnt werden im Himmel und auf Erden!), es gefällt dem erlauchten Fürsten, mir die Austreibung Mohsens zu gebieten. Dieser Landstreicher soll seinem Oheim ausgeliefert werden, welcher ihn behandeln wird, wie er es zu verdienen scheint, ebenso wie auch die andere Schuldige! Alles, was der Fürst gebietet, ist gut. Ich will mich sogleich zu Seiner Hoheit begeben, um seine Befehle einzuholen und von des Oberherrn Güte ein Mittel zu erwirken, um mich so aus der Sache zu ziehen, daß mein Antlitz keine schwarzen Flecken davonträgt. Du nun, hüte dies Haus wohl während meiner kurzen Abwesenheit. Wache darüber, daß die beiden Verworfenen, welche es betreten haben, nicht daraus entweichen! . . . Wache sorgsam darüber, mein Sohn! Du kannst wohl begreifen, welches entsetzliche Unglück ihre Flucht sein würde! Wenn sie das freie Feld gewännen, so würde es vielleicht niemals gelingen, sie wieder einzuholen! Du hast mich wohl verstanden, mein Sohn?

Akbar verneigte sich und kreuzte seine beiden Arme über der Brust.

Abdullah fuhr in seiner Rede fort, indem er sich an den Mulla und an den Arzt wandte.

– Wundert euch nicht, daß ich ihm dies so ausdrücklich einschärfe. Die Jugend ist wenig einsichtig, sie ist leichtsinnig, und ich wollte um nichts in der Welt, daß ein Mann, dem Seine Hoheit das Urteil gesprochen hat, der verdienten Strafe entränne, und zumal durch irgendein Versäumnis von meiner Seite.

Die beiden Anwesenden, einer wie der andere, angetan und erbaut von dem, was sie sahen und hörten, wollten sich von Abdullah-Khan verabschieden; aber dieser hielt sie zurück.

– Nein! sprach er zu ihnen, es ziemt sich nicht, daß ihr mich verlasset. Man könnte später sagen, daß ich heimlich mit Mohsen gesprochen hätte, man konnte gar vieles sagen . . . Auch die Unschuld und die Treue dürfen sich dem Verdachte nicht aussetzen. Seid so gütig, mich alle beide zum Fürsten zu begleiten.

Diese Bitte wurde gern gewährt, und die drei Männer verließen zusammen den Hof, bestiegen ihre Staatsrosse und langten, ein jeder von seinem Gefolge umgeben, bald im Palaste an, wo sie vor das Antlitz des Fürsten geführt wurden.

Dieser empfing seinen Leutnant mit seiner gewohnten Güte. Während aber die Zusammenkunft dauerte, und sie war lang, weil Abdullah alle seine Kräfte, all seinen Geist, alle Hilfsmittel seines Verstandes in Betrieb setzte, um sie endlos zu gestalten, trug sich bei ihm zu Hause Folgendes zu: Akbar kehrte in die Gemächer, in denen sich Mohsen aufhielt, zurück und sprach zu ihm: der Fürst gebietet, daß wir Euch Euren Feinden ausliefern sollen. Mein Vater kann ihm nicht offen Trotz bieten; Seine Hoheit hat zu große Macht, aber er wird Euch durch List schützen. Wir wollen aufsitzen, ohne Zeit zu verlieren, die Stadt verlassen und das freie Feld gewinnen. Morgen ist morgen, und dann werden wir sehen, was zu tun ist.

– Wohlan! antwortete Mohsen und erhob sich. Aber ein schwerer Kummer lastete auf ihm. Seit einer Stunde und länger hatte er sich gewöhnt, Dschemyleh allen Prüfungen entronnen zu wähnen. Er plauderte mit seinem Gastwirt und bewahrte äußerlich das kühle Ansehen, dessen ein Krieger sich nicht begeben darf; aber hinter dieser trügerischen Maske seines Gesichtes und seiner Haltung träumte er. Alle Flammen der Lust, alle Flammen der Liebe hatten Gewalt über sein Dasein. Wenn wir lieben, lieben wir einzig. Durch alles hindurch, über alles hinweg lieben wir, und dies goldene Gewebe bildet den unwandelbaren Grund, auf welchem alle wahren Gedanken aufgetragen werden. Was wir nach außen sprechen, ist nur Wortschwall. Wir hängen nicht daran, es gehört uns nicht an, und wenn wir Teil daran nehmen, so ist's nur, weil es im Geheimen in der Liebe seinen Grund hat oder auf sie hinausläuft. Was ist außer der Liebe? Was kann da sein? Welche Lust, welches Entzücken, sich ihr ganz hinzugeben, ohne für irgend etwas, das ihr fern, das Geringste zurückzubehalten! Pläne, Hoffnungen, Wünsche, Besorgnisse, höchste Schrecken, schnelle Heldentaten, grenzenlose Gewißheiten, Durchblicke zur Hölle, Fernsichten ohne Ende, blumige, von Sonnenglanz funkelnde, die bis ans Paradies reichen, alles ist die Liebe, und in der Geliebten liegen die Welten beschlossen. Außer ihr ist nur das Nichts, weniger als das Nichts, und als Schleier darüber die tiefste Verachtung.

Solches empfand Mohsen.

Aber in diesem Augenblicke mußte er aus dem Licht in die Dunkelheit übertreten, in die Dunkelheit, in der er seit dem Abend gewandelt, und der er seit einigen Augenblicken, wo das schmerzlichste Glück sein Wesen eingenommen und bemeistert hatte, entronnen war. Diese Zeit der Glückseligkeit war schon dahin. Er mußte wieder anfangen, in der Finsternis den steinigen, grundlosen Weg der Gefahren zu erklettern. Was er fühlte, war trotzdem immer die Liebe, die Liebe, vom Schmerze selbst gespornt, erhabener vielleicht noch, gewaltiger, stolzer und aus ihrer Kraft die Gewißheit schöpfend, daß sie nie sterben könne, von Bitternis sich nährend und doch dieses Weh jedem Glücke vorziehend. Und außerdem, es muß auch das gesagt werden, es gab wenigstens nicht den Kummer, den herbsten, schwersten, dem Geschick, das ihn auferlegt, am wenigsten von allen zu verzeihenden: es war wenigstens weder von Trennung noch von Abwesenheit die Rede.

Es war nicht leicht, die Frauen des Harems zur Anerkennung der vorliegenden Notwendigkeit zu bringen. Khadidscheh, Akbars Mutter, Amyneh, seine Schwester, und Alyeh, seine Frau, stießen Wehrufe aus und fingen an zu weinen, aber die Zeit ging hin; gerade die Zuneigung, welche dle Herrinnen des Hauses für Dschemyleh gefaßt hatten, trug mit dazu bei, ihnen begreiflich zu machen, wie kostbar die Minuten waren, und trotz ihres Schluchzens und Wehrufens ließen sie die junge Geächtete sich aus ihren Armen reißen und Akbar folgen, welcher sie ihrem Geliebten zuführte.

Man hatte in aller Eile die Pferde ausgerüstet und herbeigebracht. Akbar, Mohsen und Dschemyleh saßen auf, ein Dutzend Krieger desgleichen. Der Reiterzug schlug eine abgelegene Straße ein und gelangte im Schritt an eines der Tore der Zitadelle, das ins freie Feld führte, fest entschlossen, die Wachen niederzureiten, wenn diese versuchen sollten, ihn aufzuhalten; aber sie dachten nicht daran, und, einmal draußen, setzte Akbar sein Roß in Galopp, und seine Gefährten taten ihm dies nach.

Zwei Stunden lang wurde die Gangart nicht einen Augenblick langsamer genommen, um die Pferde sich verschnaufen zu lassen. Aber diese waren von guter Rasse des Nordens, und ihr großer Schritt, die Standhaftigkeit, mit der sie ihn aushielten, bewirkte, daß ein tüchtiger Weg zurückgelegt wurde. Natürlich wurde nicht gesprochen; indessen setzte sich Akbar, der meinte, daß man weit genug und eine Verfolgung nicht mehr möglich sei, zumal niemand in der Stadt die Richtung kennen könne, die er eingeschlagen, Akbar setzte sich in Schritt und hielt sich rücksichtsvoll in ziemlich großer Entfernung von den beiden Liebenben, um ihnen volle Freiheit zur Unterhaltung zu lassen. Die Reiter waren teils ihm zur Seite, teils als Nachhut, teils auf den Flanken verteilt, alle schauten rings nach dem Horizont, wie ihn der Verlauf des Weges jedesmal gestaltete; und so sahen sich Mohsen und Dschemyleh so gut wie allein.

– Bereuest du nicht? sagte der Jüngling.

– Was?

– Daß du mich geliebt, aufgesucht hast, daß du mir gefolgt bist?

– Du wärest tot, wenn ich nicht gekommen wäre. Du warst am Tode.

– Vielleicht wär' es aus zu dieser Stunde; du säßest friedlich daheim bei deiner Mutter, im Kreise der Deinen.

– Und du wärest tot! fuhr Dschemyleh fort. Ich hätte dich alle Tage, die ich selbst lebte, gesehen; hätte dich gesehen, vor Augen und im Herzen, ohne dich auch nur eine einzige Sekunde durch Gram und Gewissensbisse wieder beleben zu können, und ich, ich wäre mit Schmach bedeckt in meinen eigenen Augen, feig, falsch, allem verhaßt, was meine Sünde hätte erraten können, meiner Liebe Mörderin, Verräterin an dem Gebieter meines Lebens! Von was sprichst du mir? Und was kannst du denn Besseres für mich ausdenken, als was ich habe? Mohsen! mein Leben, mein Licht, mein einziger Gedanke! So glaubst du, ich sei nicht glücklich seit gestern Abend? Aber bedenke doch! Ich habe dich nicht verlassen! Ich habe nimmer aufgehört, bei dir zu sein! dein zu sein! Jedermann weiß, daß ich dein bin! Ich kann einzig dir angehören! Da reden sie von Gefahr! Aber gleich bin ich da, bei dir, dir zur Seite, dir gegenüber! Und je größer die Gefahr ist, um so weniger bleibe ich fern, um so näher komme ich dir, um so mehr gehe ich in dir auf! So zittre denn nicht; wäre ich nicht da, so fürchtetest du dich vor nichts! Warum willst du das Teil aus deinem Dasein verbannen, das ihm angehört, das ich bin, das nicht leben noch sterben kann, ohne dich?

Schön ist die Schönheit; schöner und köstlicher ist die heilige Glut, die Allherrin Liebe. Nie kommt ein Götterbild, so vollkommen der Meister es ersonnen oder geschaffen haben mag, an Vollkommenheit einem Antlitz gleich, über das die hingebende Liebe diese wahrhaft himmlische Begeisterung ausgegossen hat. Mohsen ward trunken, da er Dschemyleh solches sagen hörte und sie anblickte, wie sie es sagte. Sie riß ihn mit sich fort in die Sphäre, wo vor der gegenwärtigen Empfindung Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen zunichte werden. Und so schwebten diese Kinder, die ein seltsamer Schutz umgab, die ungebrochener, tätiger, wütender Haß verfolgte, die der Zufall verraten hatte, und die nur durch ein Wunder dem engen Bereich entrinnen konnten, dahinein ihr Verderben sie einschloß, darinnen sie kreisten, ja, diese Liebenden schwebten gemeinsam im Äther des vollkommensten Glückes, das der beglückteste Mensch je genießen kann!

Sie waren in einem jener Augenblicke, wo der Geist, eben durch die Wirkung triumphierender Glückseligkeit, eine Lebendigkeit, ein Wahrnehmungsvermögen erwirbt, das dem gewöhnlichen überlegen ist. Alsdann mag man noch so versunken in das geliebte Wesen sein, nichts geht unbemerkt vorüber, nichts zeigt sich, das nicht im Herzen und mittels seiner im Gedächtnisse Spuren hinterläßt. Der Blick fällt auf keinen Kiesel, dessen Gestalt und Farbe nicht für immer fest in der Erinnerung bliebe; und die Schwalbe, welche in dem Augenblick den Himmelsraum durchfliegt, wo ein geliebtes Wort in deinem Ohre widertönt, du wirst sie immer, immer, bis zu den letzten Augenblicken deines Lebens, eilenden Fluges am Firmamente dahinziehen sehen, das du damals betrachtet und nimmer vergessen hast. Nein! Mohsen sollte den Eindruck dieser Sonne, die da zu seiner Rechten hinter einer Baumgruppe unterging, nicht mehr verlieren; und als Dschemyleh im zärtlichsten Tone zu ihm sagte: warum siehst du mich so an? und er ihr erwiderte: well ich dich liebe! und sie mit einer Haltung des Kopfes, die ihn trunken machte, hinzufügte: du meinst? . . ., in diesem Augenblicke gewahrte Mohsen, daß Dschemylehs Ärmel einen blauen Widerschein gab, und dieser Eindruck blieb ihm inmitten seines Liebeswahnsinns wie mit Feuer ins Gedächtnis geschrieben.

Inzwischen war im Palaste zu Kandahar, im Hause Abdullah-Khans, in der Wohnung Mohammed-Begs und bei Osman alles in Verwirrung wegen der beiden Liebenden. Die beiden Brüder, jeder von seinen Leuten gefolgt, waren sich auf dem Bazar begegnet, und Mohammed, durch die Unkenntnis, in der er sich über das Los seines Sohnes befand, erbittert, hatte den ersteren angegriffen.

Einige Vorübergehende hatten Partei genommen, Musketenschüsse und Säbelhiebe waren von beiden Seiten gewechselt worden; die Kaufleute, zumal die Hindu, hatten sich, wie das so ihre Weise, in Angstgeschrei Luft gemacht, und nach dem Lärm des Musketenfeuers, dem Geklirr der Klingen und zumal dem durchdringenden Geschrei, das ausgestoßen wurde, hätte man glauben können, daß die Stadt der Plünderung preisgegeben wäre. Und doch war niemand getötet worden, und als die Leute des Sicherheitsrichters die Kämpfenden glücklich getrennt und jeden nach seiner Seite heimgeschickt hatten, fand sich, daß die beiden Parteien sich kaum einige Schrammen beigebracht hatten. Indessen blieb doch dieses Zusammentreffen nicht ohne Folgen. Es brachte das Wesentliche der Sache unter die Leute. Man erfuhr in der ganzen Stadt, daß Mohsen, der Ahmedzyy, Dschemyleh, seine Muhme, entführt, und daß die Muradzyys ihnen Zuflucht gewährt hatten, aber daß der Fürst gebot, dem beleidigten Vater die Schuldigen auszuliefern. Darüber gab es denn große Spaltungen in den Meinungen. Die einen kamen, Mohammed ihre Dienste anzubieten, gemäß der Meinung, daß ein Ehrenmann die Liebenden immer unterstützen und beschirmen müsse; die andern waren der Ansicht, daß im Grunde hier nur eine Fortsetzung des Streites der Ahmedzyys und der Muradzyys vorläge, und daß, wenn Mohammed und sein Sohn sich mit den letzteren verbündeten, sie damit ihre Familie verrieten. Auf Grund einer solchen Schlußfolgerung ergriffen dann diese Logiker die Partei des echten und getreuen Ahmedzyys, Osman-Begs. Einige, denen die Frage an sich gleichgültig war, waren im höchsten Grade entrüstet über das Einschreiten des Fürsten. Sie fanden, daß dieser keineswegs das Recht habe, sich in einen Streit einzumischen, der ihn nichts anginge, und noch weniger, einem afghanischen Edelmanne die Auslieferung seiner Gastfreunde zu befehlen. Damit ergriffen sie Partei für Mohammed. Aber eine beträchtliche Anzahl stellte sich auf Osmans Seite, einzig um das Vergnügen zu haben, sich zu zanken. Kurzum, es stellte sich heraus, daß diese letztere Partei die Mehrheit hatte. So fiel denn die Stadt plötzlich einer großen Aufregung zur Beute; die Hindu, die Perser, die Juden, die friedlichen Geschäftsleute fingen an, ihre Läden zu schließen und sich in den Höfen der Moscheen anzusammeln, wobei sie jämmerliche Seufzer ausstießen und versicherten, daß der Handel für immer zugrunde gerichtet wäre; die Frauen aus dem Volke stiegen auf die Terrassen, von wo man sie wehklagen und im voraus das gewisse Elend ihrer Kleinen bejammern hörte; die Priester begaben sich gravitätisch in die angesehenen Häuser, um Frieden zu predigen und Mäßigung anzuempfehlen, wobei sie die Vorzüge der Sanftmut priesen, eines Seelenzustandes, von dem niemand im Lande jemals das Geringste gehört hatte. So gingen die Dinge bei den Leuten des Friedens. Zur selben Zelt kreuzten sich mehr oder minder dichte Gruppen, mehr oder minder starke Trupps, Leute zu Fuß und Leute zu Pferde, den blauen, rotgestreiften Turban fest an die Schläfe gedrückt, den Gürtel eng anschließend, den Schild am Arme, das Gewehr über der Schulter, mit geschäftigen Blicken und grimmigen Bärten, auf den Bazaren, die Vorübergehenden herumstoßend und bereit, sich an die Kehle zu springen. Doch tat man nichts dergleichen. Man wartete darauf, daß man organisiert würde, eine Direktion bekäme; die Ungewißheit schwebte in der Luft; entschlossen, sich zu schlagen, versprach man sich Vergnügen und Ehre davon; aber man brauchte anerkannte Führer und einen Plan. Dieser Stand der Dinge dauerte jedenfalls etwa zwei oder drei Tage; dann mußte alles zum Ausbruch kommen. Das ist so der Brauch.

Der Fürst war in freundschaftlicher Besprechung mit Abdullah-Khan, dem Priester Mulla-Nur-Eddin und dem Arzte Gulam-Ali, als der Sicherheitsrichter der Stadt mit verstörter Miene ankam, um Seine Hoheit von dem, was vorging, in Kenntnis zu setzen. Der Priester und der Arzt waren innerlich befriedigt, da sie die Dinge diese Wendung nehmen sahen, indem der rasche Abschluß der Angelegenheit dadurch noch beschleunigt wurde; Abdullah-Khan aber war ganz bestürzt; das war mehr, als er vorhergesehen hatte; eine Art Aufstand paßte ihm für den Augenblick nicht, und da er überdies bemerkte, daß der Bericht des Sicherheitsvorstandes auf den Fürsten Eindruck machte, so sah er voraus, daß, wenn man die beiden Liebenden bei ihm nicht vorfände, der Zorn des hohen Herrn dadurch in ganz anderem Grade erweckt werden würde, als es ohne den Aufruhr der Fall gewesen wäre. Er hatte eine etwas verwickelte, aber doch ziemlich vernünftige Berechnung angestellt: indem er Mohsen und seiner Gefährtin Zuflucht gewährte, erwarb er sich einen großen Ruf durch seinen Edelmut, sodann hatte er die Freude, einem Teile, wenn nicht der Gesamtheit der Ahmedzyys einen schweren Schlag zu versetzen, indem er die Flucht seiner Schützlinge erleichterte; er gedachte den Anteil, den er daran gehabt, niemals einzugestehen, und sein Sohn Akbar sollte allein bloßgestellt werden. Einige Tage lang würde der Fürst verstimmt sein, dann ein Geschenk ihn beruhigen und Akbar in Gunst bleiben. Aber diese Berechnungen schlugen fehl; Abdullah-Khan sah sich vor einem Staatshandel; wenn der Fürst die Wahrheit erfuhr, dann war er zu fürchten. Es mußte ein Entschluß gefaßt werden. Abdullah-Khan faßte ihn auf der Stelle.

Bis dahin war die Auslieferung der beiden Kinder in keiner Weise für ihn in Frage gekommen; er hatte nur ein Langes und Breites mit Worten gestritten und Lappalien betreffs der Art, wie die Auslieferung stattfinden sollte, sorgfältig untersucht, wobei er die Interessen seines Ansehens unaufhörlich in den Vordergrund stellte und sich dermaßen ängstlich zeigte, daß über diesen Gesprächen zwei tüchtige Stunden dahingegangen waren. Da der Fürst keinem Widerstände seitens seines Günstlings begegnete und außerdem die Unterhaltung, welche zeitweilig auf das Gebiet des Scherzes hinübergespielt wurde, ihm eine angenehme Zerstreuung verschaffte, so verlor er die Geduld nicht; es war ihm sehr gleichgültig, ob Mohsen und Dschemyleh eine halbe Stunde früher oder später ihrem Richter in die Hände fielen. Zuguterletzt indessen war man übereingekommen, daß Abdullah-Khan die Schuldigen schlecht und recht dem Fürsten überantworten solle, ohne sich weiter danach zu erkundigen, was Seine Hoheit mit ihnen zu machen gedächte, und daß es ihm sogar erlaubt sein sollte, sie unter den höchsten Schutz zu stellen, indem er noch ganz besonders seiner innersten Überzeugung Ausdruck gäbe, daß sie dort wohl aufgehoben und in Sicherheit wären. Ein Bote war alsdann in die Wohnung des Günstlings gesandt worden. Er kam in dem Äugenblicke, wo das Oberhaupt der öffentlichen Sicherheit den Bericht über die Vorgänge in der Stadt beendigte, zurück, um zu erklären, daß alles auf und davon wäre, Akbar, Mohsen und Dschemyleh, und daß man nicht wüßte, wo sie hin wären.

Abdullah-Khan ließ seinem Herrn keine Zeit, sich zu ereifern. Er nahm in ernstem Tone das Wort: gewiß hat mein Sohn, der Freche (Gottes Fluch über ihn!), albernerweise die Schande seines Hauses gefürchtet und, ohne die Wirkung von Eurer Hoheit Güte abzuwarten, die beiden Verworfenen mit sich fortgenommen. Zum Glück weiß ich, wo sie wieder einzufangen sind. Sie sind in meinem Turme von Rudbar, vier Meilen von hier, im Gebirge.

Dann zog er seinen Ring vom Finger und händigte ihn dem Sicherheitsvorstand ein: sendet, sagte er, sogleich einige Boten mit meinem Stallmeister, den Ihr unten finden werdet. Man soll diesen Ring meinem Sohne Akbar einhändigen, und ich will den Befehl niederschreiben, die Gefangenen Euren Leuten auszuliefern. Auf diese Weise wird das Übel wieder gut gemacht werden und die Stadt ihre Ruhe wiederfinden.

Abdullah-Khan sprach in einem so klaren, bündigen Tone, daß der Unwille keinen Anlaß fand auszubrechen. Niemand wagte die vollkommene Ehrlichkeit des Mannes in Zweifel zu ziehen, welcher in der Tat in diesem Augenblicke nur zu aufrichtig war. Er war fest entschlossen, die jungen Leute zu verraten, auszuliefern; er hätte es vorgezogen, in diesem Punkte nicht nachzugeben; aber die Staatsräson, die Schicklichkeit wollten, daß er den Bedenken seines Stolzes Schweigen geböte, und er tat es. Ein Mann, der, in welchem Grade es auch sei, das Wohl der anderen unter seiner Leitung hat, verliert notwendig ein gutes Teil seiner zarteren Gemütsregungen, wenn er sie nicht alle verliert. Ein Hofmann lebt von Zugeständnissen, Stundungen, Mittelwegen jeder Art. Er hat nie den Erfolg, den er wünschte, wenn er ihn wünscht; ja, wenn er zur vollkommenen Entwickelung seiner Art Existenz gelangt, so wünscht er ihn überhaupt nicht mehr. Abdullah-Khan machte sich nicht sonderlich Sorgen um zwei Opfer mehr oder weniger: aber es hätte ihm gepaßt, den Ahmedzyys zu schaden. Das war für diesmal ohne zu ernste Unannehmlichkeiten nicht möglich. So verzichtete er denn darauf. Was den Ehrenpunkt anlangte, so hoffte er die Einbuße daran durch vermehrten Stolz wieder beizubringen. Er tröstete sich zumal in dem Gedanken, daß niemand mächtig genug wäre, um zu versuchen, ihn zum Erröten zu bringen, ohne daß er sich augenblicklich an ihm rächte.

Wir nähern uns dem Ziele, wo diese Geschichte endet. Die Boten des Sicherheitsvorstandes langten, nachdem sie sich sehr beeilt, um die Mitte der Nacht an dem Turme an. Sie gewahrten in den Strahlen des vollen Mondes ein viereckiges, ziemlich niedriges Gebäude, von einer engen Tür und einigen Schießscharten unheimlichen Aussehens durchbrochen, auf einem Felsvorsprunge, in der Mitte des Abhanges einer öden Böschung gelegen. Nichts düsterer und unheilvoller.

Die Boten stiegen ab, und der Führer der Truppe klopfte heftig an, um sich auftun zu lassen. Alles schlief. Ein Soldat der Besatzung zeigte sich am Eingang; er nahm die Eisenstangen weg, welche denselben verschlossen hielten. Man zeigte ihm das Siegel und den Brief. Er machte keinerlei Bemerkung, fügte sich ohne Zaudern und rief seine Kameraden, die sich nicht schwieriger zeigten als er. Inzwischen hatten die Unterredungen und das Hin- und Herlaufen Akbar geweckt. Der junge Häuptling erschien auf dem Flur einer Innentreppe. Der Aufstieg zu demselben war steil. Akbar beherrschte die Häupter derjenigen, an welche er sich barsch wandte.

– Was bedeutet der Lärm? Und ihr, meine Mannen, warum laßt ihr diese Fremden ein?

– Es sind Leute, die Seine Hoheit gesandt hat. Sie bringen einen Brief und den Ring Eures Vaters. Wir sollen die Gefangenen ausliefern.

Akbar frug: mein Vater hat diesen Befehl gegeben?

– Er selbst! Hier sein Ring, sage ich Euch, hier sein Brief.

– Dann ist Abdullah-Khan ein Hund, und ich habe keinen Vater!

Also redend, feuerte er seine beiden Pistolen auf die vor ihm versammelten Männer ab: einer von ihnen fiel, und es ward ihm mit einer Salve geantwortet, die ihn nicht traf. Er nahm den Säbel zur Hand. Im selben Augenblicke erschienen Mohsen und Dschemyleh zu Seiten des jungen Mannes.

– Ahmedzyy, sagte er mit Nachdruck, du sollst sehen, daß die Männer meines Stammes keine Feiglinge sind!

Er ergriff sein Gewehr und gab Feuer. Die Angreifer stießen einen Schrei der Wut aus und nahmen einen Anlauf zum Sturme. Mohsen schoß nun auch. Dschemyleh hielt bereits Akbars Waffe und lud sie. Dann machte sie es ebenso mit der ihres Gatten, und eine Viertelstunde lang versah sie dieses Amt, ohne die Fassung zu verlieren. Plötzlich führte sie die Hand nach dem Herzen und wankte; eine Kugel hatte ihr die Brust durchbohrt. In derselben Sekunde rollte Akbar, tödlich an der Schläfe verwundet, zu ihren Füßen.

Mohsen warf sich über Dschemyleh, hielt sie, schloß sie in seine Arme, ihre Lippen vereinigten sich. Sie lächelten alle beide und sanken alle beide; denn eine neue Salve kam und traf den Jüngling, und ihre verklärten Seelen entschwebten gemeinsam himmelwärts.

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