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Ärzte-Briefe aus vier Jahrhunderten

Erich Ebstein: Ärzte-Briefe aus vier Jahrhunderten - Kapitel 54
Quellenangabe
typeletter
authorErich Ebstein
titleÄrzte-Briefe aus vier Jahrhunderten
publisherVerlag von Julius Springer
year1920
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130820
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Julius Cohnheim

Geboren den 20. Juli 1839 zu Demmin in Pommern, kam er 1861 nach Berlin, wo er unter Virchow arbeitete bis zu seiner Berufung nach Kiel im Jahr 1868. Außer Virchow führte ein langer, zuzeiten fast täglicher Verkehr mit Ludwig Traube ihn so sehr in dessen Denkweise ein – und diese schien Cohnheim so fruchtbar zur Aufklärung der krankhaften Prozesse, die ihn besonders interessierten, daß man außer Virchow Traube als denjenigen bezeichnen muß, der für die Arbeiten Cohnheims am einflußreichsten gewesen ist. Dies hat Cohnheim selber wiederholt in Widmungen und bei anderen Gelegenheiten anerkannt, so auch in dem unten abgedruckten Briefe an Traubes Tochter nach dessen Tode, den er nur den Kliniker zu nennen pflegte. Die Summe seiner pathologischen Lehren hat C. in seinen Vorlesungen über allgemeine Pathologie zusammengefaßt; seine gesammelten Abhandlungen hat E. Wagner (Berlin 1885) in einem stattlichen Bande herausgegeben, der kurz nach seinem Tode (15. August 1884) erschien.

 

An Traubes Tochter:

Breslau, 25. 0. 76.
Alexanderstraße 2.

Liebe verehrte Freundin!

Ich habe das Herz nicht gehabt, Ihnen in den ersten Tagen, nachdem Sie so grenzenloses Leid erfahren, mich zu nahen, wenigstens nicht mit einem Briefe, der ja so ganz und garnicht den Empfindungen Ausdruck zu geben vermag, die mich beseelen. Wie war ich, und täusche ich mich nicht, wie waren auch Sie noch hoffnungsvoll, als ich bei Ihnen, gleich nach der letzten größeren Consultation, mit Rühle und Kronecker zu Gaste war! Und so kurze Zeit, nur zwei Tage darauf hat das grausamste Schicksal Allen, Allen ein jähes Ende bereitet. Freilich, die letzten Male, als ich den herrlichen Mann so verfallen, so schwer leidend sah, da war auch mein Muth gesunken und kaum habe ich noch ein Wort der Hoffnung über die Lippen bringen können, als ich von Ihrer Schwester am Freitag Abschied nahm. Für ihn ist es ja eine wahre Erlösung gewesen; aber immer wieder fragt sich der grübelnde Verstand, was für ein Sinn darin liege, daß ein solcher Mann so früh, den Seinen, uns, seinen Freunden, ja der ganzen Welt entrissen worden. Solche Eltern zu haben, eine solche Mutter an eines Traube's Seite – und nun so früh verwaist, verlassen! Und Sie, theure Frau, Sie haben den besten Gatten, der Ihnen mit starker Hand über die schmerzvolle Zeit hinweghilft, Sie haben die reizenden Kinder, deren süßes Spiel und holdes Lachen ihnen immer ein Trost und eine Erquickung ist, aber Ihre Schwester, Ihr Bruder – wer konnte ihrer gedenken ohne die Empfindung, daß ihnen in ihren jungen Jahren das Schwerste auferlegt worden, was Menschen erfahren können.

Wie könnte ich es wagen, neben solchem Schmerz meinem eigenen Verluste auch nur Worte zu leihen! Und ich brauche es zu Ihnen auch nicht zu sagen, wie viel ich in Ihrem Vater verloren habe, Sie, die Sie mich und meinen Entwicklungsweg ja so lange kennen, Sie wissen es, daß es mein größter Stolz gewesen ist und immerdar sein wird, zu den intimen Schülern Ihres Vaters zu gehören. Wie viel ich ihm verdanke, das habe ich mit jedem Jahre mehr empfunden, seit ich selbständig arbeitete, und bei Allem, was ich gemacht und geschrieben, ist bewußt oder unbewußt der Gedanke in meiner Seele gewesen? wie wird Traube das aufnehmen? So ist es noch die reinste Freude für mich gewesen, daß ich noch an einem der letzten Lebenstage meines über Alles verehrten Meisters ihm habe von dem berichten können, was ich in der letzten Zeit gearbeitet, und daß ich aus seinem Munde freundliche und zustimmende Äußerungen empfing. War er doch an diesem Dienstag noch ganz so voll anregender und kritischer Gedanken, theilnehmend, prüfend, ermunternd, so völlig im Besitz seines unvergleichlichen Wissens, so bereit davon mitzutheilen – wie nur je, in seinen besten kräftigsten Tagen. Und das zu einer Zeit, wo das schwerste Kranksein seinen Organismus schon auf das Tiefste zerrüttet hatte. Aber das hört zu den Eigenthümlichkeiten dieses einzigen Geistes. Virchow hat vor längerer Zeit einmal von Ihrem Vater mit so gutem Recht gesagt, daß er als ein ganzer, fertiger Mann in die Arena wissenschaftlichen Kampfes getreten sei von Anfang an. Ich meine, man darf ihm mit ganz dem gleichen Recht nachrühmen, daß er bis zuletzt der ganze Mann geblieben. Schwerste Krankheit, vorzeitiges Alter, tiefster Herzenskummer, nichts hat diesem Genius Etwas anhaben können; er ist der Erste geblieben, wie er der Erste gewesen Jahrzehnte hindurch, und wenn sein Platz auch äußerlich wird ausgefüllt werden, uns Allen wird fortan der geistige Führer, das Haupt fehlen, unter dessen Leitung wir uns in so sicherem Fortschritt wußten.

Grüßen Sie mir Ihren lieben Mann recht sehr, ich schreibe ihm nächstens noch selber, auch Ihren Geschwistern wollen Sie versichern, wie innig mein Antheil an Ihrem unermeßlichen Leid ist.

In treuer Anhänglichkeit Ihr
J. Cohnheim.

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