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Ärzte-Briefe aus vier Jahrhunderten

Erich Ebstein: Ärzte-Briefe aus vier Jahrhunderten - Kapitel 53
Quellenangabe
typeletter
authorErich Ebstein
titleÄrzte-Briefe aus vier Jahrhunderten
publisherVerlag von Julius Springer
year1920
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130820
projectidb4ccd074
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Ernst von Bergmann

Geboren 1836 in Riga, Professor der Chirurgie in Dorpat, Würzburg und Berlin, gestorben 1907 in Wiesbaden. – (Arend Buchholtz: E. von Bergmann. 3. Aufl. Leipzig, F. C. W. Vogel 1913.) Der Brief ist beim Antritt seiner akademischen Laufbahn an seinen Vater geschrieben.

 

Dorpat, 13. October 1862.

Alea jacta est! Mein Schicksal ist entschieden! ... Dein alter Wunsch, mein lieber Vater, soll erfüllt werden: ich soll doch noch in Dorpat Professor werden!

Das Auskommen eines Professors ist freilich kein glänzendes, und ich muß zugeben: ein viel beschäftigter Arzt in einer großen Stadt kann eine Praxis haben, die viel mehr eine aurea ist. Aber schlecht ist ein russischer Professor auch nicht gestellt ... und Dorpat ist verhältnißmäßig billiger als Riga oder gar Petersburg. Und nun der andere weit größere Vorzug! Der praktische Arzt, wird er, nachdem er sich den ganzen Tag müde und matt gelaufen, um die Gunst der Mächtigen gebuhlt, Undank, Ärger und Gemüthsbewegungen jeder Art ausgestanden, wirklich soviel Energie haben mit allen Kräften zu arbeiten, um auf der Höhe der Wissenschaft zu bleiben? Es giebt freilich Männer, die diesen Anforderungen nachkommen, wie Professor Walter und Dr. Schwartz in Riga. Ist's aber nicht schon ein schlimmes Zeichen, daß mir unter den hundert Ärzten, deren Leistungen ich beurteilen kann, nur diese zwei Namen einfallen? Ich gehöre nicht zu den Menschen, die zu bescheiden von sich denken, aber so unbescheiden bin ich auch nicht, daß ich mich für eine seltene Ausnahme halte. Wie verzweifelt würde ich sein, wenn sich mir eines Tages mitten in den Segnungen reicher Praxis und unter der Bewunderung zahlreicher Klienten die Überzeugung immer mehr aufdrängte: du bist in deiner Wissenschaft zurückgeblieben! Als Professor hab' ich die Zeit, und ist es eben mein Beruf, auf der Höhe menschlicher Wissenschaft zu bleiben. Der ausübende Arzt aber muß sich über zu viel verbreiten; es ist unmöglich, bei den unaufhaltsamen und rapiden Fortschritten der Medizin auf allen Gebieten stark beschlagen zu sein. Daher das Auftauchen der Specialisten jetzt in den großen Städten des Auslandes. Hier ist man darin noch zurück; man verlangt, daß der Arzt Geburtshelfer, Augenarzt, Chirurg, Therapeut ist. Es ist wahr:

Wer etwas Treffliches leisten will,
Hätt' gern was Großes geboren,
Der sammle still und unerschlafft
In einem Punkte die höchste Kraft.

Soll ich den Namen Bergmann ins Buch der Geschichte unserer Wissenschaft schreiben, dann muß ich die Gaben, die Gott mir geschenkt, konzentrieren, nur so werde ich Bedeutendes leisten können. Mit dem Entschluß Chirurg zu werden, lasse ich die anderen Disziplinen fallen; sie werden mir hinfort nur noch dienen, soweit sie Dienerinnen meiner Hauptwissenschaft sind. Mit solchem Ziel vor Augen fühle ich die Kraft, zu arbeiten, und die Lust dazu. Ich bin auch ganz zufrieden damit, daß ich noch Zeit habe, mich hier in den Fundamentalwissenschaften auszubilden, ehe ich hinauskomme ...

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