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Ärzte-Briefe aus vier Jahrhunderten

Erich Ebstein: Ärzte-Briefe aus vier Jahrhunderten - Kapitel 51
Quellenangabe
typeletter
authorErich Ebstein
titleÄrzte-Briefe aus vier Jahrhunderten
publisherVerlag von Julius Springer
year1920
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Theodor Billroth

Geboren in Bergen auf Rügen am 26. April 1829, gestorben in Abbazia am 6. Februar 1894. – In Göttingen begann er sein Medizinstudium – und dort schwärmte er für Jenny Linds Gesang. Dann ging er nach Berlin, wurde B. v. Langenbecks Schüler. 1860 übernahm er die chirurgische Klinik in Zürich, und 1867 diejenige in Wien. Dort schuf er mit dem Reichtum seiner Ideen seine Arbeiten und setzte sie mit seinen Schülern in chirurgische Taten um. Man rechnete es ihm hoch an, daß er »den Mut hatte, in der Chirurgie die volle Wahrheit zu sagen, indem er mit beispielloser Offenheit über alles, was ihm glückte und mißglückte, Rechenschaft ablegte«. – In seinen Briefen »wandeln wir in einem Garten, wo die Dankbarkeit und Freundschaft blühen, wo Wissenschaft und Kunst, eng verschlungen, nebeneinander ranken und ein köstlicher Humor aufschießt. Alles umgrünt von bestrickender Liebenswürdigkeit«. – Wie sein Buch lehrt, hatte er ein Recht »über das Lehren und Lernen der medizinischen Wissenschaften an den Universitäten ... (Wien 1876) mitzusprechen« Das bezeugen auch die beiden Briefe an R. Toppius.

 

An R. Volkmann:

Lieber Freund!

An Richard Volkmann hätte ich vielleicht nicht sogleich geschrieben, denn ich weiß ihm vor der Hand nichts Neues zu erzählen, als daß ich ihm hoffentlich bald meine Memoiren über meine Erlebnisse im Felde zuschicken werde, worin auch viel von ihm und Oberschenkelschüssen und sonst von Mancherlei die Rede ist. Chirurgische Briefe aus den Kriegs-Lazaretten ... Berlin 1872. – Doch an Richard Leander Träumereien an französischen Kaminen. 1871. habe ich sofort zu schreiben und zu danken für das liebe Buch, das er mir und meiner Frau geschickt hat. Ich habe vor Jahren ein Heft Kinderlieder für meine Mäderl componirt, und glaubte der einzige Chirurg zu sein, der sich so etwas erlaubt, nun bin ich ganz erfreut, in Dir auch einen Kindercollegen gefunden zu haben, und daß Deine Compositionen in ihrer Art viel schöner sind als die meinen. Reizende Sachen! Der Ton von Grimm's Märchen ist so reizend getroffen! Alles ist so kindlich nett und doch so poetisch in Inhalt und Form. Auch meine Frau hat sich sehr daran erfreut, und Einiges habe ich schon höchst eigenpersönlich meinen Kindern vorgelesen. Meine Frau nimmt Alles zurück, was sie Dir im Burgtheater gesagt hat und ist ebenso entzückt von Deinen Märchen wie ich.

Herzlichen Gruß von Haus zu Haus!

Der Deine
Th. Billroth.

Wien 18. 7. 71.

 

An R. Volkmann:

Lieber Freund!

Wenn ich erst heute mein neues Buch schicke, das schon ein halbes Jahr alt ist, Chirurgische Briefe, vgl. vorigen Brief. so ist der Buchbinder mehr schuld als ich; die Versendung von 200 Exemplaren dieser Art ist mir eine angenehme mechanische Beschäftigung, bei der ich einige Wochen geistig ausruhe. Jetzt sei mit dem Inhalt nicht zu streng, die Hauptsache ist, ob Du den Einband geschmackvoll findest. – Weißt Du daß Du neulich Mutter geworden bist; Moritz Hartmann, ein wie man sagt bekannter deutscher Dichter, behauptete neulich, wie man mir sagt, hinter dem R. Leander stecke zweifellos eine Dame, eine junge Familienmutter. –

Du zart besaitetes Herz schieb nur nicht den Chirurgen-Congreß zu spät in den April hinein; die Austern sind dann schon schlecht, und es ist überhaupt dann saison morte; ich muß meine Vorlesungen am 15. April wieder anfangen, um am 1. Juli aufhören zu können.

Ich züchte jetzt Pilze, Untersuchungen über die Vegetationsformen von Coccobacteria septica ... Berlin 1874. eine faule Arbeit! Doch es bleibt nichts übrig, als sich doch selbst zu überzeugen was wahr und was Schwindel ist. Wenn ich einmal eine Woche ohne Correcturbogen bin, will ich Dir einen Vortrag schreiben, vor 1-1½ Jahren ist daran nicht zu denken.

Der Deine
Th. Billroth.

 

27. 1. 72.

Giebt es in Halle einen jungen Grafen Solms-Laubach, Docent der Botanik, der Delegirter in Weißenburg im August 1870 war?

 

An R. Volkmann:

Wien, März 1879.

Lieber Richard!

Diese Zeilen werden Dir durch Herrn Dr. Mikulicz überbracht, welcher eine wissenschaftliche Reise durch Deutschland, England und Frankreich macht. Er ist seit mehren Jahren mein Assistent und ein ungewöhnlich begabter Mensch von den Eichenumkränzten schwarzen Bergen der Bukowina. Seine Arbeiten über Rhinosclerom, Dermoidcysten des Unterkiefers, über die Aufnahme des sept. Gifts in Glycerin, über Genu valgum gehören zu den besten unserer Zeit. Über Mikulicz: in Mitteil. aus den Grenzgebieten 3. Suppl.-Band 1907, S. 58.

Es ist meine Schuld, daß ich lange nichts von Dir hörte. Die übermütige Laune von Rom ist längst verflogen, und ich bin zur Zeit wie eine matte Fliege. Zu einer Reise nach Italien habe ich kein Geld, zu einer Reise nach Berlin wenig Lust, da mir dort nur Arbeit und Chirurgie, doch keine Erholung winkt, und ich schon so verwienert bin, daß ich mich schwer in norddeutsche Art mehr hineinfinde. – Hoffentlich geht es Dir immer Frischen und immer Jungen gut.

Der Deine
Th. Billroth.

 

An R. Toppius:

Wien, 4. Mai 1883.

... Mit größestem Interesse und wahrer Theilnahme bin ich Deinen Mittheilungen über Deine Kinder gefolgt. Es ist ein sonderbares Ding; Du hast einen Schrecken, wenn einer von Deinen Knaben Landwirth werden will, und ich, hätte ich einen Sohn, wäre außer mir, wenn er Medicin studiren wollte. Wenn Dein Robert eine besondere Neigung zur Medicin hat, fleißig und energisch arbeitsam ist und eine gute Beobachtungsgabe hat, so laß ihn bei seinem Bestreben.

Theodor Billroth: Rezept

Ein schwerer Beruf ist der ärztliche, mühevoll, selten dankbar, führt er langsam zur Selbständigkeit. Wenn ich bedenke, wie viele talentvolle junge Leute mit mir zusammen studirt haben, und wie wenige zu einem gedeihlichen Ziele gekommen sind, so muß ich sagen, daß ich ein wahrer Glückspilz war. Es kommen beim Arzt, wenn er auch noch so viel gelernt hat, so viele persönliche Eigenschaften mit ins Spiel, die fast mehr auf den Erfolg in dieser Carriere influenziren, als das Wissen, so daß man oft genug sieht, wie die Persönlichkeit den Sieg über Wissen und Können trägt. Wenn Robert fertig studirt hat, und seine Examina gemacht hat, und ich dann noch lebe, dann soll er nach Wien kommen; dann kann er hier in kurzer Zeit an den massenhaften, in einem Riesen-Kranken-Hause concentrirten Kranken-Material viel lernen; früher würde das nur verwirren. Daß ich ihn in jeder Beziehung mit offenen Armen aufnehmen werde, versteht sich von selbst ... Ich freue mich immer, von Euch zu hören. Vergiß mich also nicht!

Dein treuer Vetter
Th. Billroth.

 

An R. Toppius:

Wien, 19. September 1883.

... Du schreibst von den Mühsalen des Landwirths, von seiner Abhängigkeit von Wind und Wetter, Feuer usw. – nun, ich will Dir und Deinem Robert nicht bange machen; doch der Arzt ist wahrlich auch nicht auf Rosen gebettet. Die Concurrenz wird immer größer, der Anfang ist meist recht schwer. Während des Studiums freut man sich wohl, daß man etwas Einblick in die Natur und in die Krankheitsplagen der Menschen bekommt. Hat mancher das Examen hinter sich, so ist man ganz entzückt von sich, um nach und nach einzusehen, wie unser Wissen Stückwerk ist, wie wir oft da nicht helfen können, wo wir am liebsten helfen möchten; auch kommen Scrupel, ob dies oder jenes zu thun sei. Will man nicht in ewigem Katzenjammer durch die Welt laufen, so muß man sich immer sagen, man thut seine Pflicht nach bestem Wissen und Gewissen. Eine gute, ruhige Frau und ein ruhiges, häusliches Glück ist dann der größte Segen. Doch kaum ist man zu Hause gekommen, um sich dieses Glückes zu freuen, so klopft es vielleicht schon wieder, die Pflicht ruft vielleicht in stürmische, kalte Nacht hinaus. Spärlich sind die Freuden des Arztes; hier und da treue Anhänglichkeit der Patienten; zuweilen, doch nicht oft, mit materiellem Nachdruck; Dankbarkeit für die größte Pflichttreue, ja selbst für Opfer selten. Freude an einer gelungenen Cur, Bewußtsein der Pflichterfüllung; das ist meist das Höchste, was der Arzt erreichen kann.

Du meinst vielleicht, ich male zu sehr in Schwarz; doch wenn Dein Robert einmal nach 20 Jahren diese Zeilen in die Hände bekommen sollte, so wird er mir vielleicht Recht geben.

Hat er einmal eine entschiedene Neigung Arzt zu werden, so darf ihn das Alles nicht stören. Du wünschest, daß ich Dir offen und ausführlich darüber schreibe. Fürchte nicht, daß es so weiter geht; das Schlimmste ist gesagt, und am Ende ist es auch nicht viel schlimmer, wie mit manchem anderen Lebensberuf.

Was ist die Haupteigenschaft, um ein guter Arzt zu sein? Mein hiesiger College Nothnagel, dessen Buch über Nervenkrankheiten Topische Diagnostik der Gehirnkrankheiten. Berlin 1879. Dein Robert später schätzen lernen wird, sagte in seiner Antrittsrede als hiesiger Professor der inneren Klinik unter Anderem: »Nur ein guter Mensch kann ein guter Arzt sein.« Dies ist auch meine Meinung; es ist die Grundbedingung für den inneren, ja meist auch für den äußeren Erfolg der ärztlichen Thätigkeit. Ich möchte zu dem »guten Menschen« noch hinzugefügt wissen »gut erzogen«, d. h. in einer Familie, in der ein wohlwollender Geist gegen alle Menschen lebt. Das trifft ja alles bei Deinem Robert zu. Er muß einen unwiderstehlichen Drang zum Helfen anderer, unglücklicher Menschen haben, zunächst angeboren und anerzogen, dann kommt er später auch auf dem Wege geläuterter Empfindung und Lebenserfahrung durch Reflexion zu der Überzeugung, daß, soviel der sittlich erzogene Mensch auch nach Glück jagen mag, er doch schließlich das Glück wesentlich darin findet, Andere nach Kräften glücklich zu machen. Nur in diesem Punkte darf er egoistisch sein, ich meine sich selbst glücklich machen, und zwar so viel als er kann. So wie dies aus der sittlichen Erziehung entspringt, so wird es auch immer wieder neue Quelle innerer Läuterung, Stärkung des Pflichtgefühls, Befestigung eigener Sittlichkeit. Trifft ihn ein Unglück, so wird er in der Hülfe Anderer, die noch unglücklicher sind als er, Trost und Stärkung zu neuem Aufschwung nehmen.

Damit der Arzt nun reichlich seine Hülfe austheilen kann, muß er einen tüchtigen Vorrath von Kenntnissen einsammeln. Dieser Vorrath hat nun beim Arzt das Gute, daß er um so größer wird, je reichlicher er ausgeben wird. Mit der ärztlichen Thätigkeit wächst die Erfahrung, die Kritik, das Bedürfniß, die Lücken der Kenntnisse zu füllen, den Fortschritten der ärztlichen Kunst, welche sich aus den Fortschritten der Wissenschaft ergeben, zu folgen. Bei einem für kritische, vorurtheilsfreie Beobachtung gut veranlagten Arzt wächst also der eigene Schatz von Erfahrungen und Kenntnissen mit der Ausgabe behufs des Helfens Anderer – wohlverstanden nur bei einem guten pflichttreuen Menschen mit gesundem Menschenverstand und Freude an der Arbeit und am Beruf.

Wie soll sich nun der junge Mensch die zum Arzt nöthigen Kenntnisse erwerben? Dafür ist an den deutschen Universitäten so gut vorgesorgt, wie in keinem anderen Lande. Abgesehen davon, daß an den meisten Universitäten Immatriculation ein »Studienplan« übergeben wird, liegt ein solcher schon in der Natur der Sache, im Usus, in der Art der Examina etc. Da bedarf es keiner besonderen Rathschläge. Anatomie, Chemie, Physik, dann Physiologie, daneben Zoologie, Botanik, Mineralogie, das füllt die ersten zwei Jahre reichlich aus. Robert muß sich darüber klar werden, daß er nun eine Hochschule mit freiem Studium ohne Controlle bezieht. Die Vorlesungen erschöpfen den Gegenstand nie; sie sind mehr Anregung zum Studium, zur Methode des Studiums. Eigenes häusliches Studium ist die Hauptsache. Nicht die Professoren, welche unter allen Umständen die gesammte Materie durchpauken, sind die besten Lehrer, sondern diejenigen, welche die jungen Leute anregen, sie warm für den Gegenstand interessiren.

Nicht zu viel Vorlesungen annehmen und in jedem Semester sich mit einem Gegenstand ganz besonders intensiv beschäftigen, halte ich für zweckmäßig, weil sonst leicht Zersplitterung und Verfahrenheit das Ende ist. Besser Einiges recht genau je nach Neigung zu lernen, als von Vielen wenig oder nichts behalten. Vor dem Examen sind in ersterem Falle nur Lücken zu füllen, in letzterem ist alles neu zu lernen. Alles, was zum Examen verlangt wird, schon während des Studiums ganz genau zu lernen, ist selbst für den Begabtesten unthunlich.

Welche Universität? Das kann ich am schwierigsten beurtheilen, weil ich die jetzige Professorengeneration nicht mehr soviel persönlich kenne, um ein Urtheil über sie als Lehrer zu haben. Straßburg steht obenan in seinem medicinischen Lehrkörper, doch soll es dort und noch mehr in Heidelberg nicht billig sein. Einer der ausgezeichnetsten Anatomielehrer ist Henle in Göttingen, doch schon über die 70 hinaus. Sehr ausgezeichnet als anatomischer Lehrer ist Henke in Tübingen. In N. N. ist jetzt wenig zu holen; auch Berlin, München, Würzburg, Breslau möchte ich für den Anfang nicht empfehlen, in Jena, Marburg, Gießen ist wohl recht knappes Material für die Secirübungen.

Ich rathe die ersten 3 Jahre auf der gleichen Universität zu bleiben; das letzte Jahr etwa in Berlin. Nach Examen und Militärdienst schicke ihn auf drei Monate nach Wien; ich werde ihn nach Kräften ins Practisch-Chirurgische einführen. Aber auch sonst sieht er hier, wo alles in einem riesigen Krankenhause concentrirt ist, in einem Tage mehr, als in einem Monat anderswo. Auch sind hier alle Curse speciell für Fremde eingerichtet, deren es aus allen Welttheilen hier giebt. Paris und London sind jetzt für den Medianer völlig überflüssig; der in Deutschland ausgebildete Arzt kann dort nichts mehr holen. Wir haben Franzosen und Engländer auf allen Gebieten der Medicin weit überholt.

Nun ist es Dir wie Goethe's Zauberlehrling gegangen; Du hast die Geister der Medicin beschworen und wirst sie nun nicht wieder los! Doch Alles hat ein Ende und so auch dieser Brief.

Schicke also Deinen Jungen getrost auf die Universität. Verbiete ihm nicht gerade in ein Corps zu treten, doch rathe ihm freundschaftlich davon ab. Die Corps sind ebenso wie die Burschenschaften eine jetzt antiquirte Institution, bei welcher die jungen Leute nur Zeit verlieren, ohne für ihr Leben irgend einen Gewinn – haben. Hast Du für Robert eine Universität gewählt so schreib mir welche. Ich bin nun freilich auch ein alter Mann, aber ich könnte ihn doch persönlich vielleicht durch einen Brief empfehlen ...

Meinen besonderen Gruß ... an meinen zukünftigen Collegen Robert, dessen Photographie ich mir erbitte.

Dein
Th. Billroth.

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