Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Erich Ebstein >

Ärzte-Briefe aus vier Jahrhunderten

Erich Ebstein: Ärzte-Briefe aus vier Jahrhunderten - Kapitel 41
Quellenangabe
typeletter
authorErich Ebstein
titleÄrzte-Briefe aus vier Jahrhunderten
publisherVerlag von Julius Springer
year1920
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130820
projectidb4ccd074
Schließen

Navigation:

Wilhelm Griesinger

Geboren am 29. Juli 1817 zu Stuttgart, gestorben am 26. Oktober 1868. – Er studierte in Tübingen und Zürich, wo er ein begeisterter Schüler Schönleins war. Seit dieser Zeit mit Robert Mayer eng befreundet, an den folgende zwei Briefe gerichtet sind, die sich durch Frische und Persönlichkeit der Darstellung auszeichnen. Später Arzt an der Irrenanstalt Winnenthal, wurde er 1843 Assistent an der med. Klinik in Tübingen unter Karl August Wunderlich. In diese Zeit fällt – zusammen mit Wilhelm Roser – die Begründung des »Archivs für physiologische Heilkunde. 1850–1852 ging er mit Bilharz (s. Brief) nach Ägypten und übernahm 1854–60 die innere Klinik in Tübingen, ging von da als Kliniker nach Zürich und 1865 nach Berlin als Direktor der psychiatrischen und Nervenklinik. Er erlag dort einer Wundinfektion nach einer Operation. – Die Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten, die Infektionskrankheiten gehören noch heute zu den klassischen Werken. Seine Abhandlungen erschienen 1872 gesammelt in 2 Bänden.

 

An Robert Mayer:

Stuttgart, Calwerstraße 28.
14. Dezember 1842.

Lieber Freund!

Ich meine, Du solltest rasch einzelne Theile Deiner Behauptung in kleineren Abhandlungen publiciren, aber so, daß die Andern Deine Ideen nicht schießen und nicht verhunzen können. Bist Du einmal Deiner Sache gewiß, und kannst sie umfänglich beweisen, so wendest Du Dich an die Académie des sciences oder an A. Humboldt. In seinem Vaterlande ist man kein Prophet. Mach' nur Versuche! – Es wird doch auch einfache geben, wozu die großen, kostspieligen Apparate nicht nothwendig sind. Bedenke, von welcher Wichtigkeit es wäre, aufzufinden, ob z. B. die Wärme, die zur Entstehung vieler organischer Processe nothwendig ist (z. B. Brüten), dieß dadurch ist, daß sie zu Bewegung verwandt wird. Doch dieß wird Dir vielleicht als Unsinn vorkommen. Allein ich gestehe Dir, wo ich nur eine Möglichkeit sehe, die Vorgänge in den Organismen dem geheimnißvollen Mysticismus der Vitalisten etc. zu entreißen und für sie Analoges oder Identisches an der übrigen Materie zu finden, dem die organisirte auch unterworfen wäre, halte ich's für einen Fortschritt. Die Ausbildung und Durchführung einer rein physikalischen Ansicht der Lebensprocesse halte ich für die Aufgabe der Physiologie unserer Zeit. Es wird Dir bekannt sein, welche glänzende Beiträge zu solcher z. B. Schwann geliefert hat.

 

An Robert Mayer:

Lieber Freund!

Es ist mir nicht möglich, Dir in diesem Augenblick anders als nur vorläufig zu schreiben. Ich danke Dir für die Mittheilung des Aufsatzes; daß ich ihn noch nicht mit völliger Ruhe und Überlegung lesen konnte, wirst Du entschuldigen, wenn Du hörst, daß ich in der letzten Zeit in Folge einer Cadaver-Wunde bedeutend krank gewesen war, dann auf etliche Tage nach Niedernau gieng und bei meiner Rückkehr vor drei Tagen alle Hände so voll Arbeit bekam, daß ich an nichts derartiges mit Vernunft gehen konnte.

Vorläufig vor Allem du courage, mon enfant! Und glaube ja nicht, daß, wenn Deine Ansichten richtig und erweisbar sind, sie nur so ignorirt und in Scat gelegt werden dürfen. Du besorgst, daß sich Niemand werde auf eine ernste Prüfung der Sache einlassen wollen; allein bedenke, daß Du bis jetzt nichts außer dem kurzen Aufsatz bei Liebig publicirt hast. Davon war freilich noch kein Erfolg zu sehen, so geschwind geht es nicht mit der Anerkennung, besonders auf einem Gebiete, zu dessen wirklichem Durchdenken immer nur ganz wenige recht disponirt sein können.

Vorläufig, ehe ich mich über den Inhalt des Aufsatzes recht aussprechen kann, glaube ich Dir zweierlei Rathschläge geben zu dürfen.

Erstens solltest Du den Leuten auf das trockene Brod der Mechanik und Mathematik etwas kritische Butter streichen und polemisches Salz streuen. Haben die Leute, die gegenwärtig auf diesem Gebiete, d. h. dem der allgemeinen Physiologie, der physiologischen Mechanik etc. das Wort zu führen, nach Deiner Überzeugung Unrecht, so muß man sie offen, direct angreifen, ihnen ihre Widersprüche nachweisen, ihnen scharf zu Leibe gehen und keine Ruhe lassen. Unter diesen Leuten, glaube ich, wären hauptsächlich zu berücksichtigen a) Liebig (mit seinen Bewegungserscheinungen), b) Lotze (Allgemeine Pathologie und Therapie als mechanische Naturwissenschaft) 1863. Letzterer ist Philosoph, beschäftigt sich in seinem – ziemlich geistreichen – Buche viel mit dem, was man in der Physiologie unter Kraft zu verstehen habe; willst Du es, so kann ich Dir's schicken. Solche Angriffe und tüchtige critische Aufsätze erregen die Aufmerksamkeit viel mehr, als das ruhige Hinstellen der eigenen Sätze.

Zweitens solltest Du den physiologischen Theil ebendeßwegen länger und ausführlicher machen. Es wäre freilich ganz unzweckmäßig, eine vorschnelle Anwendung auf das Einzelne der organischen Processe zu versuchen, aber gerade das, was sich für das Allgemeine und Ganze der Ansichten über die Lebenserscheinungen ergibt, sollte höher besprochen werden, und zwar gerade mit Berücksichtigung fremder Ansichten. Auch auf Valentin wäre Rücksicht zu nehmen, der in Bezug auf Methode Deiner Tendenz nahe steht.

Ich weiß wohl, was es ist, Gedanken zu haben, sie animo volvere, nicht los werden zu können, ferne reformatorische Consequenzen durchblicken zu sehen. Es gibt nur ein einziges Mittel, hinaus mit ihnen, hingeschrieben, Aufsätze, Broschüren publicirt! Alles psychische Reflexaction! – So befreit man sich, so hat Goethe gedichtet, so haben noch alle Leute, die eigene Gedanken haben arbeiten müssen.

Nächsten Herbst besuche ich Dich, dann wollen wir recht discuriren. – Für jetzt verzeih mir, wenn ich Deine Arbeit vielleicht noch ein paar Tage liegen lassen muß; ob ich überhaupt ein ordentliches Urtheil darüber haben kann, steht dahin; eine rein logische, formal logische Prüfung gibt es eigentlich nicht ohne Kenntniß des Gegenstands. An dem Ausdruck »verwandelt sich« habe ich bereits wieder Anstoß genommen.

Mir gehts hier vortrefflich; viel zu thun, was mir lieb ist; Psychiatrie zu lesen, die Füchse auscultiren zu lernen. Ich bin zufrieden. Adieu, lieber Geist, schönstens grüßt Dich

Dein

W. Griesinger.
Tübingen, 18. Juni 1844.

 

Den Nicht-Verbrauch der Muskelfaser gebe ich nicht so zu. Man sieht, wie die Ernährung des Muskels sich unter gewissen Verhältnissen der Bewegung und Ruhe schnell ändert, fettige sehnige Degeneration des Muskels bei Ruhe in gefalteter oder gespannter Lage.

*

 << Kapitel 40  Kapitel 42 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.