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Ärzte-Briefe aus vier Jahrhunderten

Erich Ebstein: Ärzte-Briefe aus vier Jahrhunderten - Kapitel 39
Quellenangabe
typeletter
authorErich Ebstein
titleÄrzte-Briefe aus vier Jahrhunderten
publisherVerlag von Julius Springer
year1920
correctorreuters@abc.de
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Theodor Schwann

Geboren zu Neuß am 7. Dezember 1810, gestorben am 11. Januar 1882 in Köln a. Rh. – Als Student in Bonn trat er in Beziehung zu Johannes Müller. Er hat darüber ausführlich in dem unten abgedruckten Brief an du Bois-Reymond berichtet, der in dieser Beziehung sehr wichtig ist. Im Jahre 1839 erschienen seine »Mikroskopische Untersuchungen über die Übereinstimmung in der Structur und dem Wachstum der Thiere und Pflanzen«, womit er die Zellenlehre begründet hat und alle lebenden Wesen im letzten Grunde auf die Zelle zurückgeführt hat. In demselben Jahr kam Schwann als ordentlicher Professor der Anatomie nach Löwen und 1849 als Professor der Physiologie nach Lüttich.

 

Lüttich, 22. Dezember 1858

Ich habe Joh. Müller zuerst kennen gelernt im Oktober 1830, indem ich bei ihm seine Vorlesung über Enzyklopädie der Medizin und über allgemeine Pathologie belegte. Müller genoß damals unter allen Studenten eines außerordentlichen Ansehens und Zutrauens sowohl seiner wissenschaftlichen Leistungen als seines offenen loyalen Characters wegen. In dieser Vorlesung sprach er auch über den Bell'schen Lehrsatz und sagte, die Frage über die Verschiedenheit der Empfindungs- und Bewegungsnerven sei noch unentschieden. Ich stand den Winter über in keiner andern Beziehung zu ihm, als daß ich seine Vorlesungen besuchte. Im Frühjahr 1831 begegnete ich ihm zufällig auf einem Spaziergange und wir unterhielten uns über physiologische Gegenstände. Ich machte ihm im Gespräch einen Vorschlag zu einem Versuch über jene Frage, worauf er antwortete, er habe gerade jenen Versuch eben an Fröschen gemacht und die verschiedene Funktion der Nervenwurzeln bewiesen. Er lud mich ein, so oft ich wolle, zu ihm zu kommen, um Versuche zu machen. So habe ich denn während des folgenden Sommers alle Versuche, an denen er damals arbeitete, mit ihn gemacht. Ich erinnere mich namentlich der Versuche über die Empfindungs- und Bewegungsnerven, über Filtration des Blutes, über Bebrütung usw. Gleichzeitig besuchte ich im Sommer 1831 seine Vorlesungen über Physiologie und vergleichende Anatomie. Im Herbst 1831 verließ ich Bonn, um meine Studien in Würzburg fortzusetzen, wo Schönlein damals lehrte. Müller forderte mich damals schon auf mich dem Lehrfach zu widmen, was vorher schon mein Wunsch war, ohne daß ich ihn geäußert hatte.

Seine Vorlesungen zeichneten sich durch Klarheit und Gedrängtheit aus. Er diktierte die wesentlichen Punkte, gab aber dabei mündlich die nötigen Erläuterungen, so daß das Diktat eine Fortsetzung des freien Vortrags zu sein schien.

Als ich um Ostern 1833 von Würzburg nach Berlin ging, war Joh. Müller gerade dahin berufen worden und ich war sehr erfreut ihn dort wieder zu finden. Während meines Aufenthaltes in Würzburg stand ich in Briefwechsel mit ihm. Im ersten Jahre, das ich in Berlin zubrachte, hatte ich mit meinem Staatsexamen und mit meiner Dissertation ›Über die Notwendigkeit der atmosphärischen Luft zur Bebrütung des Vogeleies‹ zu viel zu tun, um mit ihm Versuche zu machen.

Nach Vollendung des Staatexamens forderte er mich von neuem auf mich dem Lehrfach zu widmen und bot mir die Stelle an als Gehilfe am anatomischen Museum, die ich auch annahm und wo ich bis 1839 geblieben bin. In dieser Eigenschaft arbeitete ich jeden Morgen auf der Anatomie oder im Museum und half gelegentlich Joh. Müller bei seinen Versuchen z.B. über Respiration der Frösche in Wasserstoffgas, über das Chondrin, über Flimmerbewegung bei den Fischen, über das Gehorgan. Das Eigentum der gemachten Entdeckungen wurde wechselseitig aufs strengste respectiert, und Müllers Gerechtigkeitssinn verdiente immer nur höchste Achtung.

Der Umgang mit Joh. Müller war außerordentlich aufmunternd, jeden neuen Gedanken, den man ihm äußerte, durch Forschungen und Versuche zu verfolgen. Ich erinnere mich eines auffallenden Faktums, welches darauf Bezug hat. Als Student in Bonn im Jahre 1831 teilte ich ihm auf einem Spaziergange die Idee mit, ob nicht bei der Respiration irgend ein in der atmosphärischen Luft als Dampf enthaltener organischer Stoff eine wesentliche Rolle spielen könne. Bei den gewöhnlichen (damals bekannten) Luftanalysen würde ein solcher Stoff nicht bemerkt werden, weil er als Dampf vorhanden wäre und vielleicht besitze er auch keine auffallenden Reaktionen. Ich verfolgte damals diese Idee nicht weiter, aber als ich vier Jahre später nach Berlin kam, erinnerte er mich noch an diese Idee.

Wenn Sie fragen, ob ich mich als Schüler von Joh. Müller oder als Coätan betrachte, so hängt dies davon ab, was man unter Schüler versteht. Ich habe die Physiologie aus seinen Vorlesungen und aus seiner mündlichen Unterhaltung kennen gelernt. Ich verdanke ihm sehr viel, sowohl durch seine eigene Wissenschaft als durch die Aufmunterung, die er mir immer hat zuteil werden lassen. Dagegen war meine Geistesrichtung schon als Student in Bonn von der seinigen sehr verschieden.

Dem Organismus liegt nach Müller eine einfache Kraft zu Grunde, die denselben nach einer ihr vorschwebenden Idee bildet. Diese Kraft existiert potentia im Ei und betätigt sich faktisch durch die Entwicklung. Die Lebenserscheinungen eines Gewebes sind Wirkungen dieser Kraft, obgleich sie von materiellen Veränderungen begleitet sind. Sie unterscheiden sich wesentlich von den Erscheinungen der toten Natur, weil bei den letzteren äußere Einwirkungen ein Resultat hervorbringen, welches ein Mittelding ist zwischen dem einwirkenden Gegenstand und demjenigen, worauf eingewirkt wird. Bei den lebenden Geweben dagegen bringen die äußeren Einwirkungen nur die eigentümliche, von der Lebenskraft abhängige ›Energie‹ des Gewebes zum Vorschein. Die Eigentümlichkeiten dieser Energien suchte Müller auf experimentellem Wege zu erkennen und hat dadurch die richtige Methode in der deutschen Physiologie begründet und die Naturphilosophie beseitigt. Aber mit diesen vitalistischen Ideen habe ich mich niemals befriedigt gefunden. Die physikalische Richtung, welche ich in der Physiologie eingeschlagen habe und die darin besteht auf eine wirkliche Erklärung der Lebenserscheinungen hinzuarbeiten (was bei jener Vorstellungsweise gar nicht möglich ist), hatte Joh. Müller nicht.

Das erste, was ich in dieser Richtung publiziert habe, waren die Versuche über die Gesetze, wonach die Tragkraft eines Muskels mit dem Grade der Kontraktion abnimmt und worüber ich bei der Naturforscherversammlung in Jena 1836 einen Vortrag gehalten habe (Müllers Physiol. II. p. 59). Dadurch wurde, soviel ich weiß, zum ersten Male eine evidente Lebenserscheinung mathematischen, in Zahlen ausgedrückten Gesetzen unterworfen.

Als ich später meine Untersuchungen über die Zellen anstellte, war Joh. Müller anfangs weit entfernt, auf meine Ideen einzugehen. Die Gefäße schienen ihm für das Wachstum der tierischen Gewebe das Wesentlichste zu sein. Als ich nun bei einzelnen tierischen Geweben die Präexistenz des Zellenkerns und die Bildung der Zelle um denselben nachwies und daraus schon vor der speziellen Untersuchung den Schluß zog, daß die Zellenbildung das allgemeine Entwicklungsprinzip sein müsse und es nur ein Entwickelungsprinzip geben könne, war Joh. Müller keineswegs damit einverstanden. Als sich dieses nun durch weitere Beobachtungen bestätigte, begründete ich darauf meine Theorie der Organismen, die im dritten Abschnitte meiner »Mikroskopischen Untersuchungen« auseinandergesetzt ist und worin ich geradezu alle teleologischen Erklärungen durch eine nach Zwecken wirkende Lebenskraft verwarf und nur beim Menschen (seiner Freiheit wegen) ein von der Materie substantiell verschiedenes Prinzip anerkannte. Diese letztere Annahme, die ich mit voller Überzeugung setze, trennt mein System scharf von dem der Materialisten. Ich habe mich bei dieser Theorie auf die Erscheinungen des Wachstums beschränkt, weil darin schon hinlänglich das antivitalistische Prinzip enthalten war. Ich schrieb aber schon damals, noch in Berlin, die Anwendung der Physikalischen Erklärungsmethode auf die Erscheinungen des animalischen Lebens und bekämpfte dabei gerade jene Ansicht von Johannes Müller über die ›eigene Lebensenergie‹ der Gewebe, namentlich der Nerven. Diesen Bogen habe ich damals bei der Herausgabe unterdrückt, weil ich fürchtete durch zu detaillierte Ausführung die Theorie selbst und die ganze Richtung zu kompromittieren. Die Scheu vor Hypothesen war damals außerordentlich groß als Reaktion gegen die unmittelbar vorhergegangene naturphilosophische Richtung. Es dürfte vielleicht historisches Interesse haben, dieses Manuskript einmal zu publizieren.

Man mag über diese Theorie denken, wie man will, sie zeigte jedenfalls, daß selbst die einzige wesentliche, d. h. allem Lebenden zukommende Lebenserscheinung, das Wachstum, einer physikalischen Erklärungsweise so ganz unzugänglich nicht ist, und ich glaube, daß gerade dadurch die jetzt herrschende physikalische Richtung in der Physiologie den entscheidenden Anstoß erhalten hat. Erst mehrere Jahre später hat Liebig den in den Geweben vorgehenden chemischen Prozeß kennen gelehrt und dadurch allerdings diese Richtung bedeutend gefördert; aber der Anstoß ist von der Physiologie ausgegangen, nicht von der Chemie.

Ich erinnere mich nicht, ob ich Müller jemals meine Theorie auseinandergesetzt habe; ich verließ Berlin unmittelbar nach der Publikation. In dem bald nachher erschienenen Bande seiner Physiologie erkannte Müller zwar das selbständige Leben der Zellen an, hielt aber dennoch seine Idee der Lebenskraft fest, was meiner Ansicht nach ein Widerspruch ist.

Nach alledem darf ich wohl behaupten, daß die Richtung, die ich bei meinen Forschungen genommen habe, eine durchaus selbständige ist. Joh. Müller hat übrigens niemals eine Teilnahme an meinen Arbeiten über die Zellen in Anspruch genommen, sondern sich darauf beschränkt, sie unmittelbar auf die pathologischen Geschwülste anzuwenden, mit denen er damals beschäftigt war. Es wurde unter uns sogar mit großer Ängstlichkeit vermieden in irgendeiner Weise auf das Gebiet des andern überzugreifen.

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