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Ärzte-Briefe aus vier Jahrhunderten

Erich Ebstein: Ärzte-Briefe aus vier Jahrhunderten - Kapitel 35
Quellenangabe
typeletter
authorErich Ebstein
titleÄrzte-Briefe aus vier Jahrhunderten
publisherVerlag von Julius Springer
year1920
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Friedrich Wöhler

Geboren in Eschersheim bei Frankfurt a. M. am 31. Juli 1800, gestorben am 23. September 1882 in Göttingen. – Obwohl von Beruf Chemiker, gehörte er seinem Studiengang nach der Medizin an, die ihm unter anderen die Darstellung des Harnstoffs aus zyansaurem Ammoniak (1828) und seine Arbeiten über die Harnsäure (1837/38) verdankt. Als Student hat Wöhler unter anderem Anatomie studiert und sich an den Sezierübungen beteiligt. In den späteren Semestern hat er sich unter Leitung des Geburtshelfers Naegele für dieses Fach interessiert. Dagegen ist es wunderbar genug, daß Wöhler als Student niemals Vorlesungen über Chemie besucht hat. Später freilich hat Wöhler bei Berzelius in Stockholm Chemie gehört. Nach dem medizinischen Doktorexamen 1823 riet Gmelin die praktische Medizin aufzugeben und sich ganz der Chemie zu widmen. »Wöhler hat das, was ihm das Studium der Medizin gespendet hat, tausendfältig mit seinem reichen, unbeschadet aller in das scheinbar Kleine sich vertiefenden Studien doch stets das große Ganze im Auge behaltenden Genius wiedererstattet.« Bis zu seinem Lebensende gehörte er der Göttinger medizinischen Fakultät als ordentlicher Professor an. Der folgende fröhlich-schalkhafte Brief ist an v. Meyer gerichtet und betrifft Liebigs und Wöhlers Arbeit: »Untersuchung über die Natur der Harnsäure«, Poggendorffs Annalen, Bd. 91, und Liebigs Annalen. Bd. 26.

 

Göttingen, 17. April 1838.

Lieber Freund!

Ich komme mit einer Bitte, mit der Bitte, daß auch Du bald mit einer Bitte kommen mögest, damit ich Gelegenheit bekomme, Dir Deine Güte, die ich in unberechenbarer, nie versiegbarer Quantität vorauszusetzen alle Ursache habe, wieder zu vergelten.

Von der Caßler Messe kommend, wird wahrscheinlich auch in Frankfurt eine Riesin (Une géante, accompagnée du Marquis de Carabas, wie der Zettel sagt). Außer diesem Marquis ist diese Riesin noch begleitet von einer großen Schlange, welche gleich dem Marquis und der Riesin und allen Lebenden von Zeit zu Zeit ihre Notdurft verrichtet. Der Dreck, den sie dabei von sich giebt, hat für mich großen Werth – ich meine damit die weiße Masse (wie bei den Vögeln), die der Harn ist, wie Du weißt, und aus Harnsäure besteht. Wir sind, Liebig und ich, mit einer Untersuchung über letztere beschäftigt, wovon wir schon einen Theil in Poggendorffs Annalen publicirt haben, und wir besitzen zur Beendigung der Arbeit nicht mehr so viel Material, als wir nöthig haben. Wir bieten daher, in betracht der Merkwürdigkeit der Resultate, zu denen wir bereits gelangt sind, alles auf, uns Schlangendreck zu verschaffen, um die Arbeit nach allen Seiten hin vollenden zu können. Von dem Besitzer der obigen Thiere, der Schlange, der Riesin und des Marquis de Carabas, habe ich bereits in Cassel einiges Excrement – wohl zu verstehen, von der Schlange nicht vom Marquis – erhalten. Ich habe ihm gesagt, – um ihm den Preis des Dreckes nicht zu sehr steigern zu lassen, wenn er sieht, daß eine große Concurrenz darum ist – daß er eigentlich für einen Freund in Frankfurt bestimmt sei, der ein Liebhaber von allerlei Dreck sei, und auch dort zu ihm kommen werde, um womöglich noch jeden Stuhlgang, dessen sich die Schlange zu erfreuen gehabt hätte, zu bekommen.

Meine Bitte geht nun dahin, daß es Dir gefallen möge, in jene durch das herrliche Gemälde der Riesin erkennbare Bude zu gehen, Dich als den Excrement-Liebhaber, für den der Dreck in Cassel gekauft worden sei, zu präsentiren und Alles davon zu kaufen, was Du nur bekommen kannst, auch dabei auf jeden Dreck zu pränumeriren und Beschlag zu legen, den die Schlange während ihres Aufenthalts in Frankfurt von sich geben wird.

Ich habe meinem Vater eine Anweisung geben, daß er Dir, wenn Du ihn auf einem Zettel Deine Auslage wissen läßt, dieselbe wieder erstattet. Ich wende mich an Dich, weil Du in dergleichen eine Einsicht hast, Dich auf den Rummel versteht und Dich dafür interessirst. Ich wollte mich anfangs an den Dr. ´ Böttger Rud. Böttger (1806–1881), Dr. phil., Prof. der Physik und Chemie am physikalischen Verein zu Frankfurt. wenden, bedachte aber, daß er weniger als Du zu Aufträgen und Geschäften geeignet ist.

Vielleicht bist Du so glücklich zu erfahren, daß in Frankfurt sonst ein Besitzer von Schlangenexcrement (von früheren Menagerien her) existirt, der für mich, für Geld und gute Worte davon abgeben wollte. Je mehr ich bekommen kann, um so besser, ich würde einen ganzen Wagen voll nehmen. – Vor allem siehe zu, daß Du dem Dr. Böltger zuvorkommst, der ohne Zweifel ebenfalls sein Augenmerk darauf haben wird. Er muß ihn dann wieder herausgeben, ich will ihm andere chemische Dinge dafür anbieten.

Was Du bekommen hast, schicke mir durch die Post mit der Signatur »chemische Präparate«.

Leb wohl

Dein alter Freund
Wöhler.

*

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