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Ärzte-Briefe aus vier Jahrhunderten

Erich Ebstein: Ärzte-Briefe aus vier Jahrhunderten - Kapitel 33
Quellenangabe
typeletter
authorErich Ebstein
titleÄrzte-Briefe aus vier Jahrhunderten
publisherVerlag von Julius Springer
year1920
correctorreuters@abc.de
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Johann Friedrich Dieffenbach

Geboren den 1 .Februar 1792 in Königsberg i. Pr., gestorben den 11. November 1847 in Berlin. – Er ging anfangs zum Studium der Theologie nach Rostock und Greifswald, 1813 und 1814 kämpfte er als freiwilliger reitender Jäger mit, dann studierte er in Königsberg Medizin und siedelte 1820 noch Bonn über, wo Heinrich Heine von ihm sagt, er habe zum Entsetzen der Studierenden die Gewohnheit gehabt, Katzen und Hunden die Schwänze abzuschneiden und damals schon den späteren großen Operateur erkennen lassen. Da ihn sein dortiger Lehrer Philipp von Walther als begleitender Arzt auf Reisen schickte, hat er erst am 19. Oktober 1822 in Würzburg mit der Dissertation: »Nonnulla de regeneratione et transplantatione« promoviert. Dieses Tages gedenkt Dieffenbach – 25 Jahre später – in folgendem launigen Schreiben. Seit 1823 in Berlin als Arzt tätig, wurde er 1829 dirigierender Arzt der chirurgischen Abteilung an der Charité, und 1832 außerordentlicher Professor an der Universität. 1840 übernahm Dieffenbach die Direktion der chirurgischen Klinik, und gleichzeitig Schönlein die der medizinischen. Hier wirkte D. als Meister in der plastischen Kunst in Berlin, ebenso meisterhaft in der Darstellung in der »Operativen Chirurgie« (Leipzig 1845ff.), die sein chirurgisches Testament bildet. Der Tod ereilte ihm beim Abhalten der Klinik, eben im Begriff eine Operation vorzunehmen. Er war der Mann des Volkes und der Arzt der Armen. Die Kinder sangen auf der Straße:

Wer kennt nicht Doktor Dieffenbach
Den Doktor der Doktoren!
Er schneidet Arm und Beine ab,
Macht neue Nas' und Ohren.

Johann Friedrich Dieffenbach

 

Königsberg (im December 1814).

... Ich studire schon seit meiner Ankunft Medicin Ja, die Medicin ist auf Grund der Theologie gebaut und eine herrliche Wissenschaft. Schon auf meiner Reise war ich auf's Reine mit mir gekommen, hatte mich fest bestimmt, meine Studien zu ändern. So kam es denn, daß ich dem Onkel, als er mich zu Courmachen bei der hohen Geistlichkeit ermahnte, antwortete: Onkel, kann nicht Theologe bleiben, ich will Medicin studiren. Das thue, antwortete er, und melde dich. Damit war die Sache abgemacht. Die Collegien fingen einige Tage darauf an und jetzt habe ich beinahe schon einen vierteljährigen Cursus mit Lust und Liebe durchgemacht, habe schon den Ekel überwunden. da ich einen buckligen Selbstmörder seciren sah ...

 

Bonn, 5. Juni 1820

Meine geliebte Schwester!

Staunet Ihr nicht, daß ich hier bin, von fernem Norden an das westliche Ende des Vaterlandes, um Ruhe zu finden, die ich nicht finde? Viertehalb Jahre habe ich in Königsberg Medicin studirt, in den ersten Jahren viel gelernt, doch in den letzten anderthalb wenig gethan, Ereignisse anderer deutschen Universitäten, zogen auch Königsberg, besonders auch mich mit in's Spiel. So gerieth ich in tausend Weitläufigkeiten und Untersuchungen. Welch unbedeutenden Ausgang das genommen, wißt Ihr! Und endlich jenes Verhältniß, das früh ohne Not und Qual so viele Sorge machte. Aber gerade das war es, was mich am Leben erhielt, meine Erhalterin, meine verehrte Freundin, die geistvollste, gebildetste, verehrteste Frau Frau Johanna Charlotte Motherby geb. Thielheim; sie stand u. a. mit W. v. Humboldt und E. Moritz Arndt in Briefwechsel. der ganzen Stadt, vor der alle knien, die wachte über mein Leben, tröstete und liebte mich, daß sie selbst in den Tod für mich gegangen wäre. Daß ein solches Verhältniß rein war, sein mußte, ergiebt sich von selbst, da auch Niemand ein Eintrag geschah, aber Ihr habt ihr zu danken, denn ohne: sie wäre ich nicht mehr. Sie war meine geistvolle Lehrerin und Bildnerin, und ich ging und ließ sie im Todeskampf und brachte mich dem Verschmachtungstode nahe. So stark waren wir beide, aber wir wählten diesen entfernten Ort, damit nicht etwa die Lust mich übermannte und ich von einer minder entfernten Universität zu ihr zurückeilte. Ihre Briefe sind meine einzige Labsal auf dieser öden Welt für mich gewesen. Ich reiste also hierher, in Verzweiflung schied ich von ihr, in Thränen gebadet, um mich mit aller Wuth wieder auf die Wissenschaft zu werfen. Auch in Königsberg hatte ich das letzte halbe Jahr wieder tüchtig gearbeitet und mich besonders auf die höhere Chirurgie gelegt, denn zur Chirurgie bin ich geboren. Meine technische und mechanische Fertigkeit der Finger läßt mich mit der Tüchtigkeit eines alten Meisters jede Operation machen. Vierzehn Tag vor meinem Abgange machte ich noch ein tolles Wagestück auf eigene Hand. Die Stadt und die Freunde schrien Tags darauf, als es bekannt wurde, das sieht Dir ähnlich! Mein Vorturner, Vorschwimmer und Fechter war ein schöner, großer, kräftiger junger Mann, der seit frühester Kindheit drei große Drüsen, wie Wallnüsse am Halse hatte, die ganz verhärtet waren. Ärzte hatten ihn oft gesehen und der Gefährlichkeit wegen standen sie von dem Unternehmen der Wegnahme ab. Da er mich sehr liebte und als seinen Meister hochachtete, sagte ich: Junge, ich werde Dich operiren. Zeit und Stunde ward bestimmt, 3 Chirurgen bestellte ich zu Gehülfen; er ward hingelegt, ich machte einen langen Schnitt vom Kinn bis zum Halse, faßte die Dinger warm heraus, bei der dritten, die von Pulsadern umschlungen war, wurde eine zerschnitten, das Blut spritzte in Strömen heraus, die andern bebten und unterstützten mich, ich fand das blutende Gefäß, faßte es mit der Zange, vereinigte die Wunde und die erste glückliche Operation gab mir Muth zu andern. Vorgestern habe ich in aller Stille zwei Stunden von hier einem alten Mann den Staar operirt und wahrscheinlich wird er ganz gut sehen. So etwas geschieht heimlich, wenn Andere dergleichen auch wagten, wie viel mehr Unglück würde noch geschehen. – Wo ich auch sein werde, Praxis werde ich gewiß überall bekommen, eine eigene Sympathie, die ihren Grund in der Wahrhaftigkeit meiner Theilnahme hat, zieht alle Leidenden zu mir hin. In Königsberg schluchzte das ganze Klinikum, als ich ging und auch hier lieben mich alle Kranken. Vergessen habe ich eben zu erzählen, daß ich in nahmhaften Aufzuge das Geleit aus Königsberg bekam; alle Studenten, zu Pferde und zu Wagen, holten mich von meiner Wohnung ab und gaben mir eine Meile das Geleite. Solche Auszeichnung hatte in dem Grade Keiner erfahren; mehr todt als lebendig saß ich in einem mit Füchsen bespannten Wagen. Die treuesten Freunde in deutscher Tracht waren zur Seite und so war auch der ganze Zug gekleidet.

 

Berlin, 13. Juli 1832.

... Endlich das Staatsexamen als letztes überstanden! Für Geld ist hier Alles und aufs Beste zu haben, umsonst und aus Gefälligkeit nichts. Meine Praxis mehrt sich, doch geschieht die meiste Behandlung nur, um Ruf zu bekommen, denn bis jetzt habe ich noch keinen Heller eingenommen. Seid nur ruhig, meine Lieben, es wird mir schon glücken, nur Geduld, ich habe immer ganz unvernünftiges Glück in meiner Praxis und bin ein kühner Operateur ...

 

Berlin 1834.

... Daß es mir in meiner ärztlichen Praxis wohl geht, wirst Du schon daraus ersehen, daß ich noch hier bin. Würde ich denn so toll sein, in einem Orte zu bleiben, an dem ich nichts erwürbe? oder dies zu hoffen hätte. Eine Praxis, die den Mann überreichlich ernährt, bildet sich erst nach 3–6 Jahren; in der ersten Zeit geht es immer schwach mit der Einnahme, die mit der Arbeit in gar keinem Verhältnisse steht. Ich habe hier wirklich schon ziemlichen Ruf und bin mehrere Male zu benachbarten Städten zu chirurgischen Operationen gerufen, selbst von einigen hiesigen Ärzten nach Köpenik zu einer Bruchoperation in der Nacht citirt. Es war aber schon Brand in den Gedärmen, wie ich erkannte, und klüglich unterließ ich die Operation.

 

Wien, 11. September 1840.

... Heute sind es drei Wochen eines wahrhaft glücklichen Aufenthalts in dieser einzigen Stadt. Es lebt sich hier doch dreimal leichter und lustiger als in Paris, Wir alle sind von einer ungeheuren Heiterkeit durchdrungen, Wanderungen durch die volkreichen, mit den schönsten Läden gezierten Straßen, Landpartien und Gesellschaften wechseln mit einander ab. Ja, die Wiener sind ein gutes, harmloses Völkchen, sie sind so gut zu uns und das erstreckt sich bis auf unsere Sprache, welche sie so schön wie vom Burgtheater nennen. Wir dagegen versichern, daß wir ihr Wienerisch gar lieblich finden. Sonntag früh machte ich die Operation des schiefen Halses an dem zwölfjährigen Mossig, wozu ich ein Dutzend Ärzte eingeladen hatte. Mein Assistent ist der Dr. Breuning, früher ein treuer Anhänger in Berlin und hier praktischer Arzt. Ich ließ das Messer in den Hals und Ruck in einer Secunde war der starre Muskel unter der Haut durchschnitten, die erste Operation dieser Art, welche in Wien geschehen. Niemand hat das hier je gemacht, ich habe die Operation in Berlin über hundert Mal ausgeführt. Sie sehen also, man ist hier nicht sehr weit. Die auffallendste Operation ist an einem vor wenigen Tagen hier angelangten Ingenieuroffzier gemacht. Der junge Mann hatte die Nase verloren. Unter dem Erstaunen vieler Ärzte setzte ich ihm eine Nase an, und der Himmel ist dem Armen und mir so günstig gewesen, daß heute, am 4. Tage nach der Operation, schon alle Nadeln, Nähte und Pflaster entfernt und die Nase festsitzt. Diese Reise ist ein höchster Triumph, der um so größer ist, als die Preußen hier die verhaßteste Nation auf der Welt sind. Dies gestehen die guten Wiener ein, ja sie lieben die Franzosen im Vergleich zu uns. Ich bin jetzt das Gespräch des Tages. Was mich glücklich macht, ist nicht geschmeichelte Eitelkeit, nicht das Bewußtsein der herkulischen Überlegenheit über den ganzen hiesigen Stand, sondern das Bewußtsein, ein Plätzchen auf diesem Erdenrund zu wissen, in dem ich glücklich und zufrieden im Kreise meiner Theueren, Vormittags in einer glänzenden Kaiserstadt, Nachmittags in einer bezaubernden Natur, meine Tage hinbringen könnte, wenn das Vaterland fortfährt, mich auf eine so schnöde und undankbare Weise zu behandeln. Erhalte ich keine Klinik in Berlin, so gehe ich nach Ostern hierher als praktischer Arzt.

 

An Dorow:

Berlin, den 22. August 1842.

Theurer Freund!

Ich wollte Ihnen heute Abend einen langen Brief schreiben, da Neigebaurs Geh. Justizrat, Generalkonsul Dr. Xeigebaur (W. Dorow, Erlebtes, Teil 2. Leipzig 1843. S. 167). Erscheinen mich schrecklich an meine Nachlässigkeit erinnert – nun aber bin ich doch zu tief erschüttert, um viel schreiben zu können, denn vor einer Stunde ist die Nachricht vom Tode meiner ersten Frau Johanna Charlotte Thielheim, geb. in Königsberg 1783; seit 1806 verheiratet mit Dr. William Motherby, von 1824–33 mit Dieffenbach. bei uns eingetroffen. Die Arme ist also todt! Ihre Krankheit soll, wie man sagt, eine Art Cholera gewesen sein. –

Was die Griechen Nemesis und die Bibel Gottes Finger nannte, steht in Mindings Schrift. Julius Minding, De vitae fuactionum perturbationibus notiones generales. Diss. (Berlin 1833). Minding war Doktor der Medizin und Privatgelehrter in Berlin. Johann Casper ist der bekannte Professor der Medizin. Ein wahrhaftes Meisterstück. Casper meint zwar, er schüttle sich das alles wie Staub ab. – Der Mann hat noch große Freude und Stützen.

Johann Friedrich Dieffenbach: Rezept.

Leben Sie wohl, theurer Freund, ich kann nicht mehr schreiben. Die Meinigen grüßen herzlich und sind wohl. Ich bin in einem Tage nach Dresden hin, und den zweiten zurückgeflogen. Wie gern hätte ich Sie gesehen, aber die Eisenbahn wartet nicht.

Ihr ergebener Freund Dieffenbach.

 

An ?

Potsdam, 19. Oktober 1847.

Es ist wohl möglich, daß einigen meiner Freunde nicht entgangen ist, daß ich heut vor 25 Jahren promoviert habe. Nur besorge ich, sie könnten von diesem Tage eine Art Aufhebens bei meinen Collegen und Bekannten machen, und etwas veranlassen, wodurch ich mit meinen Empfinden gewissermaßen in die Enge getrieben würde. Von je an ist es mir ein peinlicher Gedanke gewesen, der Löwe einer Feierlichkeit, ein begratulierter Zweckesser zu sein. Ich ließe mir heute lieber etwas operieren, als mich von den edelsten und besten Menschen beglückwünschen. Das ist nicht bloße Demuth, sondern auch eine Art von Sehnsucht nach stiller Einsamkeit an diesem ganz allein für mich wichtigen Tage. Mir sind die 25 Jahre, welche ich für kranke Menschen in meinem Beruf gelebt habe, so schnell und befriedigend verstrichen, als wären es nur 25 Wochen, und ich fühle mich durch das bewegte und erschütternde Leben, indem ich soviele Schmerzen sah, weder an Geist noch an Körper abgemattet, und es ist mir, als hätten die vielen Kranken, unter denen ich gelebt, mich so gestählt und gestärkt, daß ich auf neue 25 Jahre contrahire.

Wenn also heut am 19. Oktober einige Freunde und Bekannte, sowie andere gute Menschen meiner gedenken, weil sie gehört haben, daß mir heut vor 25 Jahren von dem lieben herrlichen seligen d'Outrepont J. S. d'Outrepont (1775–1845), Prof. der Geburtshilfe in Würzburg. der Doctorhut auf den Kopf gesetzt sei, so will ich dies freundliche Andenken in aller Stille und Einsamkeit genießen. Ich will ihnen nicht allein dafür danken, sondern auch für alles das Gute und Liebe, welches sie mir erzeigten und wodurch sie mir zur Erreichung meines Lebenszweckes förderlich waren.

Joh. Friedr. Dieffenbach.

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