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Ärzte-Briefe aus vier Jahrhunderten

Erich Ebstein: Ärzte-Briefe aus vier Jahrhunderten - Kapitel 24
Quellenangabe
typeletter
authorErich Ebstein
titleÄrzte-Briefe aus vier Jahrhunderten
publisherVerlag von Julius Springer
year1920
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130820
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Johann Christian Reil

Geboren zu Rhaude in Ostfriesland am 28.Februar 1759, wurde er 1788 Direktor der medizinischen Klinik in Halle, wo er als Gelehrter und Lehrer einen bedeutenden Einfluß übte. Im Sommer 1809 stand Wilhelm Grimm dort in Reil's Behandlung, die er in Briefen an seinen Bruder Jacob genau beschreibt (hsg. von H. Grimm u, G. Hinrichs. Weimar 1881, S. 74ff Wie der Brief an Oken lehrt, lehnte er einen Ruf nach Freiburg ab, um 1810 den Lehrstuhl der klinischen Medizin in Berlin zu übernehmen. Indes erlag er während des Krieges 1813, als er mit der Leitung der Kriegsspitäler betraut war, selbst dem Typhus und starb in Halle am 22. November 1813. Goethe, der öfter seinen Rat erbat, hat ihm 1814 in dem Festspiel: »Was wir bringen« ein dauerndes Denkmal gesetzt. Zwischen Reil und Hufeland bestand in Berlin ein gewisser Antagonismus, so daß die höher philosophisch gebildeten Schüler Reils sich als die »Sonnenkinder« und Hufelands Jünger sich als »Erdenkinder« betrachteten.

 

An Autenrieth:

Halle, den 22sten Februar 1807.

Doch wünschte ich, daß Sie uns eine Abhandlung über den Zusammenhang des vegetativen und animalischen Lebens lieferten. Die Aufgabe mag nicht die leichteste seyn, und ich finde in derselben das Problem, was noch keine Naturphilosophie gelöst hat, wie man von der Idee zur Materie komme? Warum ist das bewegende Leben nothwendig an das bildende gebunden, dieses die Basis von jenem? Wie pflanzen sich Metamorphosen der vegetativen Sphäre auf die animalische fort, und umgekehrt, wie können Emotionen der Seele auf den Zustand des Körpers wirken? Ich finde hier den Gegensatz von Kraft und Stoff, von Leib und Seele, von Thätigkeit und Seyn, von Subjectivität und Objectivität. Und endlich gesetzt, wir sehen das Materielle der Organisation als eine fixirte Thätigkeit an, die immerhin in dem Leben und durch dasselbe frei wird, das Leben also zwischen Bindung und Lösung der Materie schwebend, warum kann dieses Wechselspiel nicht innerhalb des Organismus selbst fortdauern und permanent seyn? Warum muß immerhin durch die Alimentation frische Materie eintreten, die alte durch die Excretion ausgestoßen werden?

Sollte nicht der letzte Gegensatz, durch welchen zunächst und unmittelbar die Action hervorgeht, immer im Organismus liegen, und das absolut Äußere blos nur jenen Gegensatz sollicitiren? der Organismus also nur relative Totalität seyn, sich selbst reizen, und dem Reiz reagiren, also alles in sich haben und aus sich produciren? Sollte nicht das Vegetative und Animalische, Thätigkeit und Stoff, sich gegenseitig als Reiz und Gereiztes zu einander verhalten, so daß bald das Subjective das Objective, bald das Objective das Subjective erregt, z. B. in dem Gegensatz der Muskelbewegung durch den eigenmächtigen Einfluß?

 

An Reil's Tochter:

Demoiselle Rieke Reil in Halle.

            [o.J. u.o. D.]

Liebes Kind! Ich bin mit Deiner Mutter glücklich in den frankischen Kreis angekommen. Bey unserer Rückkunft werden wir Dir und Deinen Geschwistern Reil hatte zwei Söhne und vier Töchter; die Gatten derselben waren später v. Scheele, Krukenberg, Kieser und Blume. wohl viel Neues erzählen, auch etwas Schönes mitbringen. Nimm Dich in Acht, daß Du Deiner Gesundheit nicht durch Erkältung oder Diätfehler schadest. Grüße Deine Geschwister, vertragt Euch auch schwesterlich. Das wird mir und Deiner Mutter wohlgefallen.

Dein Dich liebender
Vater Reil.

 

An Oken:

Halle, 30. Januar 1809.

Diese Antwort auf Ihr Schreiben ist die Sprache meines Herzens, in demselben keine Falte, die Ihnen etwas verbirgt. Ich halte Sie, wie mich, für einen ehrlichen Mann und fürchte daher nicht, daß Sie von dem Gesagten irgend etwas zu meinem Nachtheil gebrauchen oder den Inhalt dieses Briefes einem anderen mittheilen werden.

Ich bin an Halle durch unendlich viele Fäden geknüpft ... Freilich wünschte ich meinen Verlust durch den Krieg repariren und in der Folge so fort leben zu können, wie ich bis jezt gelebt habe. Dies würde ich in Moskau und Berlin können, wohin ich einen Ruf habe. Berlin zieht mich noch außerdem in anderer Hinsicht; ich habe Hoffnung, daselbst die Direktion der medizinischen Schule zu bekommen; und dies ist mein höchster Wunsch, an einer Schule lehren zu können, die ihren Namen verdient. Übrigens ziehe ich das südliche Deutschland vor, hasse aber die Nachbarschaft desselben.

Doch wenn ich auch von allen diesem absehe, so kann ich Ihre Anfrage nicht eher in ernstliche Überlegung nehmen, bevor ich nicht über einige Fragen bestimmte Gewißheit habe ... Dann muß ich Ihnen noch sagen, daß die besten Jahre meines Lebens dahin sind. Als Lehrer werde ich nicht soviel mehr wirken können. Aber eine medizinische Schule zu organisiren, wie noch keine ist und die von allen Weltgegenden besucht werden muß, das hoffe ich noch leisten zu können! Dazu gehörte dann aber, daß ich das Ohr des Curators hätte.

Auf Moskau werde ich wahrscheinlich renonciren, über die projektirte Universität in Berlin muß ich erst bestimmtere Nachricht haben als ich sie jezt noch habe. Könnte daher die Besetzung der Stelle in Freiburg noch einige Zeit verzögert werden, ich in der Zeit den Ort einmal sehen, mich von der Lebensweise unterrichten und den Curator selbst sprechen, so würde ich bald im Stande sein, auf Ihre Anfrage eine bestimmtere Antwort zu geben.

Ihren Aufsaz über den Kreislauf des Blutes habe ich mit ungemein vielem Vergnügen gelesen und werde nächstens Ihnen besonders über denselben schreiben. Zu dem jezigen Heft des Archivs war schon alles besezt, daher ich ihn in demselben nicht abdrucken lassen konnte.

Ich empfehle mich Ihnen mit ausgezeichneter Hochachtung

Der Ihrige
Reil

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