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Ärzte-Briefe aus vier Jahrhunderten

Erich Ebstein: Ärzte-Briefe aus vier Jahrhunderten - Kapitel 23
Quellenangabe
typeletter
authorErich Ebstein
titleÄrzte-Briefe aus vier Jahrhunderten
publisherVerlag von Julius Springer
year1920
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Franz Joseph Gall

Geboren am 9. März 1758 in Tiefenbronn bei Pforzheim, gestorben am 22. August 1828 auf einem Landgut bei Paris. – In Straßburg studierte Gall Medizin, später in Wien, wo er promovierte und praktischer Arzt war. Von 1796 ab trug er seine Gehirn- und Schädellehre in Privatvorlesungen vor, bis sie dort 1802 verboten wurden. Daher bereiste Gall von 1805-07 Deutschland: In Berlin interessierte sich Hufeland für ihn, in Halle war Goethe sein eifriger Zuhörer, wie der Brief an Schillers Jugendfreund Streicher beweist, und in Göttingen gewann er Blumenbachs Teilnahme. In Paris fand Gall weniger Gegenliebe. – Besteht auch von Galls Organenlehre wenig mehr zu Recht, so verdanken wir ihm die grundlegende Entdeckung, daß die Psyche in der großen Substanz der Großhirnrinde ihr Organ besitzt. Und vorahnend hat Gall daran die Vermutung geknüpft, daß »das Seelenorgan nicht ein einfaches, sondern ein dem komplizierten Aufbau unseres Geistes entsprechend zusammengesetztes sei«. In seiner vermutungsweise ausgesprochenen Irrlehre lag schon der erste Keim für die moderne Lokalisationslehre des Gehirns.

 

An J. Andreas Streicher:

Kopenhagen, d. 15. October 1805.

... Als ich nach Halle kam, wartete schon Göthe auf mich, er war in der Absicht dahin gereist, obschon er sich sehr übel befand. – Er war mein eifrigster Zuhörer, und diese Ehre wurde mir sehr beneidet. Noch obendrein mußte ich ihm öfters eigene Vorlesungen zu Hause geben, damit wir ja mit unsern wechselseitigen Ideen recht vertraut werden sollten. Er bestätigte häufig meine Sätze mit seiner eigenen Erfahrung, und war überaus glücklich bey dem Übergang meiner Aufschlüsse über die bestimmten Eigenschaften des Geistes etc. Unsere Gemüthe schmolzen recht oft so ganz inniglich zusammen. Wir sahen und verließen uns nie, ohne uns herzlich zu umarmen. Es ist aber auch wahr, Göthes Kopf ist ein göttlicher Kopf, was es vorragt, wie edel es sich hinwölbt, wie sichs zum Bild eine Jupiters eignet – ach Streicher, bey solcher Erscheinung möchte ich mir selbst Weihrauch streuen und mir zurufen, ach du seeliger Gall! So hat Gott überall eine leserliche Hand geschrieben, aber nur wenige sind eingeweiht, diese Hand zu lesen können. – Weil ich anfänglich glaubte, daß ich in Weimar nicht lesen würde, so kam die Herzogin Mutter mit ihrem Hofstaate und mit Wieland nach Jena, und hielten sich während den ganzen Kurs da auf. Vgl. Carl Ludwig Fernow's Leben, herausg. von Johanna Schopenhauer. Tübingen 1810, S. 348 ff. Wieland ist das liebenswürdigste Wesen in der Welt, ehrwürdig durch sein hohes und schönes Alter, anbetungswürdig durch seine edle Stirne und durch seine naive Simplizität. Wir speisten täglich beysammen, und fuhren immer in einem Wagen. Wir hatte also Gelegenheit uns zu durchdringen. Hundertmal ergriff er mich bey der Hand, schüttelte sie mir unter dem Ausdruck, du herrlicher Mann! ach warum kannst du nicht bey uns bleiben! – mit Thränen in den Augen mußten wir scheiden – und unter diese Thränen mischten sich die Thränen der vortrefflichen Herzogin. Überhaupt war dieser Aufenthalt in Weimar höchst angenehm. Wieland und Göthe sprachen mit gleich heißem Enthusiasmus von Schillern ihrem so werten Freunde. Auch von meiner göttlichen Gabe sprach man mit hoher Verehrung, und die Herzogin hat ihr in ihren Lustgarten an einem recht heimlichen Orte ein Denckmahl errichtet. Schwerlich wird jemand so glücklich seyn, mit den ausgewählten Menschen von allen Classen so vertraut zu werden wie ich. Keinem Kaiser könnte man mehr Achtung und Zudringlichkeiten bezeugen. Ich muß daher unserm Zeitalter volle Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß es mich weit über meine Verdienste und zwar noch zu Lebzeiten belohnt hat. Dies soll mir aber auch ewig zur Aufmunterung dienen, nie etwas anderes als wohlthätige Wahrheiten zu suchen und diese nicht in die Stuben der Gelehrten sondern in die Herzen der gesamten Menschheit zu vergraben. –

Franz Joseph Gall: Rezept.

 

An Senator Brentano:

[Paris, Mai 1827.]

Tausend Dank für die herrliche Büste von dem großen Goethe. Belieben Sie mir zu sagen, was ich Ihnen – dafür schuldig bin. So einen Mann kann der Erforscher der Organe des Gehirns nicht zu theuer bezahlen. Auch Ihre gütige vielseitige Bemühungen sind nur Beweise, daß Sie ebensoviel Werth darauf legen und folglich auf meine wärmste Erkenntlichkeit rechnen müssen. Erlauben Sie mir nun einige Bemerkungen zu machen. Als ich das Glück hatte, Goethe persönlich in Weimar kennen zu lernen, schien mir sein Kopf größer als nun die Büste ist. Hat etwa der Künstler aus Vorurtheil, daß große Köpfe außer allem Verhältnis mit dem Körper denselben verkleinern zu müssen geglaubt? So versuchen die französischen Bildhauer mit dem Kopf des Voltaire und von Napoleon – oder hat vielleicht, was nicht selten geschieht, das hohe Alter das Seelenorgan und seinen Behälter in engere Grenzen zurückgewiesen? Ebenso fiel mir damahls die seltene große länglicht, eine umgekehrte Pyramide vorstellende Erhabenheit auf dem oberen mittleren Theile der Stirne sehr auf. Auch diese Erhabenheit erscheint jetzt auf der Büste in verkleinertem Maßstabe. So sehr also diese Büste, den Gesichtszügen nach zu urtheilen, ein reiner Abguß zu sein scheint, so fürchte ich doch, daß manches daran durch die übel verstandenen Begriffe von Schönheit verkünstelt worden sein möchte. Über die Seitentheile oder den Schläfen kann ich nicht urtheilen – aber ich habe diese Stellen breiter vermuthet. Da sich also der kostbare, in Jahrtausenden nicht wieder zum Vorschein kommende Mann nicht mehr entschließen will, sich genau ungekünstelt abgießen zu lassen, so bitte ich Sie, theuerster Herr Senator, sich genau um all die Umstände zu erkundigen, und mir gewissenhaft Auskunft darüber zu geben. – Ich werde zwar höchst wahrscheinlich vor Goethe von dieser Welt abtreten, da es aber nicht um mich, sondern über die Bestätigung der Lehre über die Verrichtungen des Gehirns zu thun ist, so beschwöre ich Sie, alle Umgebungen des einzigen Genies zu bestechen, daß womöglich der Kopf der Welt in Natura aufbewahrt bleibt, oder wenigstens, wenn dieser Vorschlag die Seinigen empören sollt, daß nach dem Tode der Kopf geschoren und ganz, sowohl von hinten als von vornen in Gips abgegossen werde. Für die Erhaltung meines Schädels habe ich gesorgt. Es ist dieses vielleicht aus Eigenheit die erste Verfügung in meinem Testament; wenn ich Zeit habe, sie zu vollenden, so wird man in meiner von mir selbst geschriebenen Lebensgeschichte Aufschluß über alle Erhabenheiten und Ebenen und Vertiefungen desselben finden. Thäten dies nur hundert Menschen oder hätten dieses Homer, Ovid, Virgil, Tacit und Bacon usw. gethan, so müßte alle Welt vor der Physiologie des Gehirns verstummen. – Hier in Paris macht man jetzt in allen Akademien Sammlungen von Menschen- und Thierschädeln oder Abgüssen, und die im Anfang meiner Erscheinung so laut über den »Charlatan« geschrien haben, finden sich genöthigt, seinen treuen unläugbaren Beobachtungen zu huldigen! In England bestehen überall große, zahlreiche Gesellschaften, die sich mit diesen Untersuchungen abgeben oder Erfindern Gerechtigkeit widerfahren lassen. Bis nach Kalkutta wird die Lehre gepredigt. Sie sehen also Theuerster, daß ich mich für berechtigt halten kann, auf ausgezeichnete Köpfe, worunter ich auch den Ihrigen zähle, Anspruch zu machen. Meine Sammlung vergrößert sich täglich, und wenn es mein Beutel erlaubte, so würden meine Anhänger von allen Seiten zu tausenden liefern – aber ich habe für mich allein schon zuviel gethan. Meine Knochen wollen das Stiegensteigen nicht mehr vertragen. Es ist also Zeit, seine Pfennige zusammen zu halten.

Ganz der Ihrige

Gall. Rue St. Honoré Nr. 327.

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