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Ärzte-Briefe aus vier Jahrhunderten

Erich Ebstein: Ärzte-Briefe aus vier Jahrhunderten - Kapitel 2
Quellenangabe
typeletter
authorErich Ebstein
titleÄrzte-Briefe aus vier Jahrhunderten
publisherVerlag von Julius Springer
year1920
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130820
projectidb4ccd074
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Vorwort

Das Sammeln von Ärztebriefen ist fast ausschließlich das Gebiet von Autogrammensammlern, denen oft mehr daran liegt, einen Brief in eigener Schrift zu besitzen, als es ihnen auf den Inhalt selbst ankommt. Indes hat es auch nicht an solchen Sammlern gefehlt, die in dem Briefwechsel der Ärzte das geistige Austauschmittel vergangener Zeiten aufbewahren wollten. So werden z. B. aus der Blütenlese von Briefen, die Placzek vor kurzem (Med. Klinik 1915/16) »aus seiner medizinischen Autographenmappe« dargeboten hat, »die Persönlichkeiten und ihre Leistungen von neuem lebendig« und »treten uns auch menschlich näher«.

Im großen Maßstab hat Prof. Dr. Ludwig Darmstaedter eine umfassende Sammlung von Briefen der bedeutendsten, namentlich der bahnbrechenden Forscher zusammengebracht, von dem Gedanken ausgehend, ein historisches Bild der Entwicklung der Wissenschaften vom 16. Jahrhundert ab bis in die neueste Zeit zu geben. Diese Sammlung hat Darmstaedter mit Stiftungsakt vom 31. Dezember 1907 der Königlichen Bibliothek in Berlin zur Eröffnung ihres neuen Gebäudes geschenkt. Der 1909 erschienene Katalog dieser Sammlung (977 Seiten) enthält die Briefe von Entdeckern und Erfindern aus den Gebieten der Welt- und Kulturgeschichte, sowie der freien und exakten Naturwissenschaften. Die Sammlung zählt jetzt 50 000 bis 60 000 Stück und ein neuer Zettelkatalog ist in voller Arbeit, wie mir Herr Prof. Darmstaedter vor kurzem mitteilte. »Wie seine Autographensammlung entstand«, hat er selbst lehrreich und anschaulich geschildert. (Die Woche, 1909, Nr. 23, S. 973-976.) Bei dem Kauf von Autogrammen legte Darmstaedter mit Recht »stets den Hauptwert darauf, Stücke zu erhalten, die sich durch ihren Inhalt auszeichneten«, und er bevorzugte namentlich solche, die von einer Entdeckung des betreffenden Forschers handelten.

Auch ohne Goethes Urteil zu besitzen, daß Briefe unter die wichtigsten Denkmäler gehören, die der einzelne Mensch hinterlassen kann, hätte man sich wahrscheinlich mit der Sammlung von Briefen bedeutender Forscher und Gelehrten befaßt. Indes sind bei derartigen Sammlungen, wobei ich an die von Klaiber und Lyon, Die Meister des deutschen Briefes, 1901, denke, – wenn sie auch ihren Zweck erfüllt – die Ärzte kaum genannt oder jedenfalls überhaupt nicht zu Wort gekommen. Gerade bei derjenigen Gattung von Ärzten, die wenig an Werken hinterlassen haben, sind wir, um ihre Persönlichkeit festzuhalten, häufig nur auf ihre Briefe angewiesen; zu diesen gehört unter anderen der Berliner Kliniker Johann Lucas Schönlein, dessen Briefe zu sammeln ich seit Jahren mich bemühe. Bei einer anderen Gattung von Ärzten, die viel veröffentlicht haben, haben wir aber auch den Wunsch, sie von der rein menschlichen Seite kennen zu lernen. Hierher gehört die treffliche Beobachtung Varnhagen von Enses (Tagebücher Bd. 12, 241), daß »die vielseitigsten, gemütvollsten, menschenfreundlichen Menschen« von jeher ergiebig, ja verschwenderisch im Briefschreiben waren, während »ganz einseitige und ganz egoistische Menschen« selten Briefschreiber sind, da sie »am liebsten mit ihrer eignen Person beschäftigt« sind.

Daher habe ich in den folgenden Bogen zum erstenmal den Versuch gemacht, etwa fünfzig namhafte Ärzte, von Paracelsus bis auf Paul Ehrlich, in ihren brieflichen Äußerungen zu uns reden und so wieder lebendig werden zu lassen. Manchmal kann ein kleiner Briefzettel charakteristischer sein als eine größere biographische Skizze.

Um eine gewisse Entwicklungslinie, die den Stil, den wissenschaftlichen Fortschritt usw. betrifft, aus dieser Briefauswahl, die vier Jahrhunderte umfaßt, erkennen zu lassen, lag es am nächsten, die Briefe, die teilweise gekürzt werden mußten, um das Wichtige zusammenzudrängen, nach den Geburtszeiten der Briefschreiber zu ordnen.

Daß eine solche Auswahl für den jeweiligen Briefschreiber nur eine subjektive sein kann, ist einleuchtend und auch beschränkt durch das vorliegende Material an Briefen. Es lag vorerst nahe, aus den zerstreut gedruckt vorliegenden Briefschätzen zu schöpfen und eine Verwertung von noch ungedrucktem Material für später zurückzustellen. Die Quellen, aus denen die gedruckten und ungedruckten Briefe stammen, habe ich in einem dem Bande angehängten Verzeichnis nachgewiesen.

Mögen die in ihren Briefen zu Wort kommenden Ärzte von sich selbst reden, oder mögen sie über ihre ärztliche Kunst im allgemeinen sprechen, ihre Gefühle und Gedanken bleiben immer persönlich, und es spricht aus ihnen der »unmittelbare Lebenshauch«. Darum sagt Goethe einmal: »Briefe sind soviel wert, weil sie das Unmittelbare des Daseins aufbewahren.« Aus der Gesamtheit dieser Persönlichkeitsäußerungen aber ergibt sich wie von selbst etwas, das man eine Ärztegeschichte in Briefen nennen könnte.

Es handelt sich dabei allerdings nicht um die Darstellung einer klaren Entwicklungslinie, sondern nur um eine Aneinanderreihung lebender Punkte.

Es wäre gewiß an der Zeit und reizvoll genug, die Entwicklungsgeschichte des Ärztebriefes zu schreiben, zu der bisher nur wenig Ansätze vorliegen. Steinhausen hat die »Geschichte des deutschen Briefes« (Berlin 1889, 2 Teile) in kultureller Beziehung geschrieben und den deutschen Privatbriefen des Mittelalters (Berlin 1899 u. 1907) wertvolle Quellenstudien gewidmet. Jedoch ist der Brief des Arztes dabei kaum berücksichtigt worden. Vgl. Bd. 2, S. 93, Nr. 88.. Es ist hierbei zu bemerken, daß nach Steinhausen »die deutsche Ausdrucksweise dieser Zeit noch überaus konventionell ist und immer nur bedingte Rückschlüsse auf die Menschen selbst erlaubt«. Dahin gehört z. B. wohl auch der ärztliche Brief des Dr. Johann Lasster aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts., den K. Sudhoff vor kurzem veröffentlicht hat; Archiv f. Geschichte der Medizin. Bd. 8 (1915), S. 450f. was der Kollege über den Harn des Kranken aussagt, hat er der Harnschau entnommen. Die gewisse Ähnlichkeit der ärztlichen Briefe des 16. Jahrhunderts in Form und Inhalt bestätigt z. B. auch H. Peters H. Peters, in Sudhoff-Festschrift Archiv f. d. Geschichte der Naturwissenschaften. Bd. 6, S 283–287. auf Grund einer kleinen in Hannover vorhandenen Sammlung von Ärztebriefen.

Auch unter den deutschen Ärzten der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts gab es solche, die dem Brauch der italienischen Meister – Baglivi, Malpighi, Morgagni – folgten und wissenschaftliche Abhandlungen und Mitteilungen in Briefform kleideten. Von derartigen »Epistolae medicinales« des pfalzgräflichen Leibarztes Johannes Lange (1485–1565) hat uns V. Fossel Archiv f. Geschichte der Medizin, Bd. 7 (1914), S. 238–252. Nachricht gegeben. Diese wissenschaftliche Behandlung von medizinischen Gegenständen in Briefform hat sich in der Folgezeit bis ins neunzehnte Jahrhundert erhalten. So druckte – nur um ein Beispiel anzuführen – Johannes Müller zwei an ihn gerichtete Briefe von Schönlein in seinem Archiv ab, von denen der eine die Entdeckung des den Favus verursachenden Pilzes brachte. In unserem Jahrhundert hat mein Vater Wilhelm Ebstein gelegentlich des 70. Geburtstages von Franz König in seinem Büchlein »Vererbbare cellulare Stoffwechselkrankheiten« (Stuttgart 1902) die Briefform deshalb gewählt, um dem abzuhandelnden Stoff – als Geburtstagsgabe bestimmt – eine gefälligere Form zu geben.

Mag nun der ärztliche Brief mehr wissenschaftlichen Zwecken dienen oder mehr menschliche Seiten in des Arztes Forschertätigkeit enthüllen, wie in Billroths Briefen, so hat er stets das »Unmittelbare des Daseins«, das er wiedergibt, für sich. Billroth »hatte das Bedürfnis, seine reiche Gedankenwelt in Briefen niederzulegen und sich dadurch über unbestimmte Vorstellungen und Empfindungen klar zu werden. Wes sein Herz voll war, das floß ihm in die Feder. Meine Feder ist verzogen, sie beherrscht mich mehr als ich sie!« schreibt Billroth einmal. »Sogar in derselben Stadt unterhielt er mit den Freunden eine fortlaufende Korrespondenz, und da bei Tag die Zeit dazu fehlte, schrieb er oft bis in die Nacht hinein. Vor jeder Mühe schützte ihn ein überaus leichter Stil. Nie verlegen um das Wort oder um ein seiner regen Phantasie entnommenes Bild gestaltete er die Gedanken natürlich und doch künstlerisch, ohne lange abzuwägen, stets frisch vom Fleck losschießend.« G. Fischer, in: Briefe von Billroth, S. XI, 8. Aufl. 1910.

Daher gilt auch von den Ärztebriefen, was Lothar Schmidt L. Schmidt, Die Renaissance in Briefen usw. Bd. 1. Leipzig 1909, S. 3. über Briefe im allgemeinen sagt: »Es gibt keine beredtere Zeugnisse für Menschen, die gewesen sind, als die Briefe, die von ihnen blieben. Der Brief ist nächst dem gesprochenen Worte und oft noch in höherem Maße als dieses der individuellste Ausdruck menschlichen Fühlens und Empfindens. Keine künstlerische Darstellung, kein wissenschaftliches Forschen läßt in ähnlicher Weise die ins Schattenreich der Toten eingegangenen Lieben wieder Fleisch und Blut werden und alles einst lebendige Drum und Dran von Ort und Zeit wieder auferstehen.«

Leipzig, den 27. November 1918.

Erich Ebstein.

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