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Ärzte-Briefe aus vier Jahrhunderten

Erich Ebstein: Ärzte-Briefe aus vier Jahrhunderten - Kapitel 12
Quellenangabe
typeletter
authorErich Ebstein
titleÄrzte-Briefe aus vier Jahrhunderten
publisherVerlag von Julius Springer
year1920
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Carl von Linné

Geboren am 13. Mai 1707 in Södra Råshult bei Stenbrohult, gestorben den 10. Januar 1778 zu Upsala. Mit seinem Namen ist die Erinnerung an eine der wichtigsten Entwicklungsperioden der Naturforschung eng verknüpft. Sein Genie, seine Forschungen und seine Lehrtätigkeit haben ihn dazu geführt, gewisse allgemeine Grundsätze von großer Tragweite für die Entwicklung der Medizin aufzustellen. (Otto E. A. Hjelt hat Carl v. Linné [Jena 1909] als Arzt und medizinischen Schriftsteller gewürdigt.) Der folgende Brief ist an Linné's Zeitgenossen Albrecht von Haller gerichtet.

Carl von Linné

 

An A. von Haller:

... Was soll ich ... von Dir sagen, der Du Dich mir, dem Fremden so geneigt zeigst, mich berufst, ja sogar mir Würde und Amt eines Professors nebst botanischen Garten [in Göttingen] anbietest. Das ist fast mehr als ein Bruder dem Bruder, ein Vater dem einzigen Sohne bieten würde. Wenn ich auch behaupten darf, daß viele mich gern haben, so ist doch keiner mir so liebevoll entgegengekommen, wie Du. Meinen Dank in Worten entsprechend auszudrücken, ist mir unmöglich. Solange ich lebe, wird Dein Name mir heilig sein, und anderen nach mir. Als Sohn dem Vater gegenüber brauche ich nicht mehr Worte.

Es folgt hier für Dich eine Skizze meines Lebens bis auf den heutigen Tag. Im Jahre 1730 lehrte ich Botanik im botanischen Garten zu Upsala ... Im Jahre 1732 bereiste ich Lappland, zurückgekommen, tradierte ich Scheidekunst und Botanik durch ein Jahr, verließ dann Upsala, und trat mit Gottes Hilfe die Reise nach Dalekarien an. Zu Ende der Reise ging ich nach Fahlun, der Provinzialhauptstadt Dalekarliens zurück, lehrte Mineralogie, kümmerte mich nur wenig um ärztliche Praxis, und verblieb, von allen gern gesehen, über einen Monat. Es befand sich daselbst ein Arzt, der für reich galt, allerdings war er unter allen, in dieser sehr armen Provinz der reichste; Moräus, so hieß er, war unter schwedischen Ärzten, was Wissen betrifft, einer der ersten. Dieser Mann äußerte sehr häufig, daß es keinen erbärmlicheren Erwerb, als den eines praktischen Arztes gebe, mich jedoch hatte er gerne. Ich besuchte als willkommener Gast oft sein Haus. Er hatte zwei Töchter, deren ältere ein Baron vergeblich frequentierte. Als ich sie sah, war ich ganz überrascht und fühlte bestürzt mein Innerstes von bisher nicht gekannten Empfindungen erfüllt. Ich liebte; – sie endlich, von meinen Liebkosungen und Schwüren besiegt, liebte wieder, sagte zu und gab ihr Jawort. Bei meiner großen Dürftigkeit scheute ich mich beim Vater anzuhalten, doch tat ich es. Er sagte nicht ja – nicht nein. Er hatte wohl Gefallen an mir, aber nicht an meiner Lage. Endlich sagte er, meine Tochter bleibt durch drei Jahre ledig, und dann werde ich mich erklären. Nach dieser Verabredung bereitete ich alles zur Abreise vor, und verließ mein Vaterland mit nicht mehr als 36 Goldstücken. Bald nachher promovierte ich als Doktor der Medizin, und da die Heimkehr mir eben nicht viel Vorteile bot, verblieb ich, wie Du weißt, in Belgien. Indessen hatte mein sehr guter Freund B... mir gewissenhaft die Briefe meiner Geliebten übersendet. Im letzten Jahre, das ich bei van Boyen Professor der Botanik in Leiden. zubrachte, und zwar mit Zustimmung meiner Braut (denn es war das vierte Jahr, der Schwiegervater hatte aber nur deren drei bewilligt), da meinte B... er, der doch durch meine Empfehlung Professor geworden war, sei sich selbst der Nächste; so gab er denn vor, ich würde nicht mehr ins Vaterland zurückkehren, bewarb sich um meine Braut, und es wäre ihm beinahe geglückt, wenn nicht ein dritter sich ins Mittel gelegt hätte, der den Verrat entlarvte. Er wurde zur Strafe später vom Unglück verfolgt. Ich kehrte endlich heim, arm wie ich war. Das Mädchen liebte nur mich, nicht jenen. Ich ließ mich in Holm nieder, verspottet von allen wegen meiner Botanik, wieviel schlaflose Nächte und mühselige Stunden ich auch damit verbracht haben mochte, kümmerte niemand, als ich aber von Siegesbeck vernichtet S. nannte Linnés System lasziv, und was die Klasse der Polygamie beträfe, unmoralisch und verderblich usw. wurde, freuten sich alle darüber. Nicht einen Dienstboten traute man mir zum Kurieren an. Ich erhielt mich so gut möglich doch ehrenhaft, und so langsam es auch anfangs mit der Praxis ging, so wendete sich doch bald das Blatt, und nach langem Regen kam endlich Sonnenschein. Ich machte mich bemerklich, wurde zu den Honoratioren geholt, und alles ging nach Wunsch, ohne mich konnte kein Kranker genesen, und nahm ein hübsches Geld ein, von vier Uhr früh bis spät abends machte ich ärztliche Visiten, selbst die Nächte brachte ich am Krankenbette zu. Ei, dachte ich, wie verschafft doch Äskulap alles Gute, Flora aber nur Siegesbecker. Ich entsagte der Flora, und die nur zu vielen Faszikeln, die ich gesammelt hatte, beschloß ich dem Staube und der Vergessenheit zu übergeben, so wie dem Siegesbeck gar nicht zu antworten. Bald darauf erhielt ich die Anstellung als Primararzt der Flotte. Nachher ernannten mich die Stände zum königlichen Botaniker mit Jahresgehalt, um in der Residenz Stockholm öffentlich Botanik zu lehren. Ich fing wieder an, meine Pflanzen lieb zu gewinnen. Nun hielt ich um die mir seit fünf Jahren Verlobte an, und betrat so würdig das Braut- und Hochzeitsgemach. Mein Schwiegervater hat wohl Geld genug, möchte jedoch dem Schwiegersohn nicht gern davon abgeben, ich brauche es auch nicht, und falls ich Kinder bekomme werden sie es haben. Es werden nun wohl beide Lehrkanzeln der Medizin zu Upsala, erledigt werden, indem die alten Professoren Rudbeck und Roberg ihre Entlassung ansuchen; erhalten sie selbe, so wird wohl der treffliche Rosen Robergs Nachfolger, und ich vielleicht Rudbecks. Kömmt's nicht anders, so wünsche ich in Schweden zu leben und zu sterben, und brauche keinen Kompetenten zu scheuen. Sollte ich jedoch die Professur zu Upsala nicht erhalten, und würdest Du mich dann noch, d.i. nach drei Monaten, berufen, so würde ich, wenn es mit meinem Weibchen gestattet ist, hinkommen. Vielleicht könnte ich Dich einmal in Hamburg sehen, wenngleich so weit entfernt, würde ich doch bloß deswegen nach Hamburg kommen. So sehr schätze ich Dich. Auch möchte es mir vor meinem Ende gestattet sein, Dich persönlich zu sprechen, zu sehen. Lebe wohl, lebe lange und glücklich Du Stern erster Größe unserer Kunst.

Stockholm, 1739, den 12. September.

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