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Ärzte-Briefe aus vier Jahrhunderten

Erich Ebstein: Ärzte-Briefe aus vier Jahrhunderten - Kapitel 10
Quellenangabe
typeletter
authorErich Ebstein
titleÄrzte-Briefe aus vier Jahrhunderten
publisherVerlag von Julius Springer
year1920
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130820
projectidb4ccd074
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Marcello Malpighi

In dem Erscheinungsjahr von Harveys Entdeckung des Blutkreislaufs (1628) geboren, zeigte er 1661 den Kapillarkreislauf zuerst in der Lunge und an dem Mesenterium des Frosches, und 1665 entdeckte er unter anderem die Blutkörperchen, die Lungenalveolen usw. Man kann ihn den Begründer der mikroskopischen Anatomie nennen. Er erlag am 29. November 1694 einem wiederholten apoplektischen Insult. Baglivi hat über seine Krankheit berichtet und den Sektionsbefund mitgeteilt.

Der folgende – übersetzte – Brief ist an Borelli gerichtet (Leidener Ausgabe 1687).

 

Bei den Sektionen, denen ich mich von Tag zu Tag mit steigendem Eifer hingab, habe ich mich in letzter Zeit ganz besonders mit dem Baue und der Funktion der Lungen beschäftigt, über die mir noch recht viel Unklarheit zu herrschen schien. Die Ergebnisse meiner Studien will ich Dir nun mitteilen, damit Du aus ihnen mit Deinem in anatomischen Dingen so geübten Blick das Richtige vom Falschen aussondern und so meine Entdeckungen wahrhaft nutzbar machen kannst ... Ich bin nun ganz entgegengesetzter Ansicht, denn durch eifrige Untersuchungen habe ich gefunden, daß die ganze Masse der Lungen die an den vom Herzen entspringenden Gefäßen hängt, aus sehr feinen und zarten Membranen besteht, und daß diese Membranen, die bald gespannt, bald gefaltet sind, sehr viele den Zellen eines Bienenstockes vergleichbare Bläschen bilden, deren Lage und Zusammenhang derart ist, daß die Bläschen sowohl untereinander wie mit der Trachea in direkter Verbindung stehen, und daß sie insgesamt in eine zusammenhängende Membran auslaufen. Am besten zeigt sich das bei Lungen, die einem lebenden Tiere entnommen sind; man kann da besonders am unteren Ende zahlreiche, durch Luft geschwellte, kleine Bläschen deutlich sehen, wie es auch bei einer mitten durchgeschnittenen und luftleer gemachten Lunge, wenn auch weniger deutlich, zu erkennen ist ... An der Oberfläche der Lungen ist bei auffallendem Lichte ein wunderbares Netz ausgespannt sichtbar, das mit den einzelnen Bläschen eng verbunden erscheint; dasselbe ist auch im Inneren an einer aufgeschnittenen Lunge, wenn auch weniger deutlich, zu beobachten ...

Gewöhnlich teilt man die Lungen nach ihrer Gestalt und Lage ein. Man unterscheidet zwei Hauptteile, zwischen denen sich das Mediastinum befindet, und jeder dieser Teile zerfällt bei den Menschen in zwei, bei den Tieren in mehrere Unterabteilungen. Ich selbst habe eine wunderbarere und kompliziertere Einteilung gefunden. Die Gesamtmasse der Lungen besteht aus sehr kleinen Läppchen, die von einer besonderen Membran umgeben, mit eigenen Gefäßen ausgestattet sind und von den Ausläufern der Trachea gebildet werden.

Um sich die einzelnen Läppchen sichtbar zu machen, muß man die halb aufgeblasene Lunge gegen das Licht halten, wobei die Zwischenräume deutlich hervortreten und, indem man von der Trachea aus Luft einbläst, die von einer besonderen Membran eingehüllten Läppchen mit kleinen Schnitten von den anhaftenden Gefäßen trennen. Durch eine sehr sorgfältige Präparation kann man auf diese Weise zum Ziele kommen ... Was die Funktion der Lungen anbetrifft, so weiß ich, daß vieles, was von den Alten als sicher angenommen wird, noch sehr zweifelhaft ist, so besonders die Blutabkühlung, die nach der hergebrachten Ansicht den Hauptzweck der Lungen bilden soll; es stützt sich das auf die Annahme einer vom Herzen aufsteigenden Wärme, die einen Ausweg suche. Ich halte es jedoch aus Gründen, die ich später anführen werde, für wahrscheinlich, daß die Lungen von der Natur dazu bestimmt sind, die Mischung der Blutmasse herbeizuführen. Was aber das Blut betrifft, so glaube ich nicht, daß es aus den vier gewöhnlich angenommenen Flüssigkeiten, den beiden Gallenstoffen, dem eigentlichen Blut und dem Speichel zusammengesetzt ist, sondern ich bin der Ansicht, daß die ganze Masse, die ununterbrochen durch die Venen und Arterien fließt, und die aus kleinsten Teilchen besteht, nur aus zwei einander sehr ähnlichen Flüssigkeiten zusammengesetzt ist, einer weißlichen, die allgemein Serum genannt wird, und einer rötlichen ...

Außer den bisher angeführten Funktionen der Lungen könnte ich noch die als sehr notwendig aufführen, daß nämlich die Lungen von der Natur zu einem Blutreservoir bestimmt sind, von dem aus fortwährend Blut zum Herzen fließt; von dort aus wird es dann durch den Herzschlag in den ganzen Körper getrieben und bringt so allen Teilchen Leben und Bewegung. Da dies jedoch schon von anderen geschildert ist, so will ich nur das eine kurz erwähnen, daß, wenn man bei noch lebenden Tieren nach Eröffnung des Brustkastens in die schon kollabierten Lungen eine Röhre einführt und Luft einbläst, der Herzschlag sich wieder erholt, auch wenn er schon fast ganz erloschen war dadurch, daß durch den Luftdruck Blut in den linken Ventrikel eindringt. Auch die Erfahrung am Krankenbett lehrt dasselbe. Denn bei einer Verstopfung der Lungengefäße tritt zuerst Unregelmäßigkeit des Pulses an den Ohren und dann der Tod ein. Die Lungen sind auch bei allen Lebewesen von solcher Wichtigkeit, daß die meisten Krankheiten entweder bei den Lungen beginnen oder bei ihnen endigen.

All diese Beobachtungen, die ich bei meinen anatomischen Studien gemacht habe, und ich hätte vieles noch weit sorgfältiger begründet, wenn es sich nicht dabei um die kleinsten und für das Auge kaum wahrnehmbaren Dinge handelte. Ich bitte Dich, mir Deine Freundschaft auch fernerhin zu bewahren. Möge Dir noch ein langes und glückliches Leben beschieden sein.

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