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Arthur Schopenhauer's handschriftlicher Nachlaß - Vorlesungen und Abhandlungen

Arthur Schopenhauer: Arthur Schopenhauer's handschriftlicher Nachlaß - Vorlesungen und Abhandlungen - Kapitel 3
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authorArthur Schopenhauer
titleArthur Schopenhauer's handschriftlicher Nachlaß ? Vorlesungen und Abhandlungen
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
editorEduard Grisebach
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Über das Studium der Philosophie.

Einleitung

Ich glaube nicht voraussetzen zu dürfen, daß die Meisten von Ihnen sich schon sonderlich mit Philosophie beschäftigt, ein eigentlich methodisches philosophisches Studium getrieben haben. Dieser Umstand würde mir willkommen seyn, wenn ich darauf die Voraussetzung gründen könnte, Sie völlig unbefangen in dieser Art der Betrachtung zu finden, ohne alle vorgefaßte Meinung, und daher meinem Vortrage desto empfänglicher offen stehend. Aber diese Voraussetzung wäre ganz falsch. Ein Jeder von Ihnen bringt schon eine ganz fertige Philosophie mit, ja er hat sich sogar, wenigstens halb und halb, nur in dem Vertrauen hergesetzt, eine Bestätigung derselben zu vernehmen. Dies kommt nun zum Theil daher, daß jeder Mensch ein geborener Metaphysikus ist: er ist das einzige metaphysische Geschöpf auf der Erde. Daher auch manche Philosophen Das, was im Allgemeinen gilt, als speciell nahmen, und sich einbildeten, die bestimmten Dogmen ihrer Philosophie wären dem Menschen angeboren; da es doch nur der Hang zum metaphysischen Dogmatisiren überhaupt ist, den man jedoch leicht in der Jugend zu bestimmten Dogmen abrichten kann. Alles philosophirt, jedes wilde Volk hat Metaphysik in Mythen, die ihm die Welt in einem gewissen Zusammenhang zu einem Ganzen abrunden und so verständlich machen sollen. Daß bei jedem Volke (obwohl bei einem mehr als dem andern) der Kultus unsichtbarer Wesen einen großen Theil des öffentlichen Lebens ausmacht, ferner daß dieser Kultus mit einem Ernst getrieben wird, wie gar keine andere Sache; endlich der Fanatismus, mit dem er vertheidigt wird; – dies beweist, wie groß die Macht hyperphysischer Vorstellungen auf den Menschen ist, und wie sehr ihm solche angelegen sind. Ueberall philosophiren selbst die Rohesten, die Weiber, die Kinder, und nicht etwa bloß bei seltenen Anlässen, sondern anhaltend und recht fleißig und mit sehr großem Zutrauen zu sich selbst. Dieser Trieb kommt nicht etwa daher, daß, wie Manche es auslegen, der Mensch sich so erhaben über die Natur fühlt, daß sein Geist ihn in Sphären höherer Art, aus der Endlichkeit in die Unendlichkeit zieht, das Irdische ihm nicht genügt u. dgl. m. Der Fall ist selten. Sondern es kommt daher, daß der Mensch mittelst der Besonnenheit, die ihm die Vernunft giebt, das Mißliche seiner Lage einsieht, und es ihm schlecht gefällt, sein Daseyn als ganz prekär und sowohl in Hinsicht auf dessen Anfang als auf dessen Ende ganz dem Zufall unterworfen zu sehn, noch dazu es auf jeden Fall als äußerst kurz zwischen zwei unendlichen Zeiten zu finden, ferner seine Person als verschwindend klein im unendlichen Raum und unter zahllosen Wesen. Dieselbe Vernunft die ihn treibt für die Zukunft in seinem Leben zu sorgen, treibt ihn auch, über die Zukunft nach seinem Leben sich Sorgen zu machen. Er wünscht das All zu begreifen, hauptsächlich um sein Verhältniß zu diesem All zu erkennen. Sein Motiv ist hier, wie meistens, egoistisch. Gäbe man ihm die Gewißheit, daß der Tod ihn ganz zu Nichts macht: so würde er meistentheils sich alles Philosophirens entschlagen und sagen nihil ad me.

Die Philosophie, die, wie ich behaupte, Jeder von Ihnen mitbringt, ist nun theils aus diesem dem Menschen natürlichen Hange entsprungen, theils hat sie aber auch von Außen Nahrung erhalten, fremde fertige Lehren sind ihr zugeführt und, durch die eigene Individualität modificirt, in diese aufgenommen worden. Hieher gehört theils die Religion, deren Unterricht mehr und mehr die Form einer Philosophie angenommen hat und sich mehr auf Ueberzeugung, als auf Offenbarung stützen will; theils ist mit allen Wissenschaften die Philosophie so sehr verwebt, daß Einer mag getrieben oder gelesen haben was er will; es sind immer viel Philosopheme mit eingeflossen.

Also darf ich Ihren Geist keineswegs als eine tabula rasa in Hinsicht auf das Vorzutragende betrachten. Und da dem so ist, so wäre es mir am liebsten, wenn Sie Alle alle vorhandenen Systeme genau kennten. Daß Sie hingegen nur ein einziges der dagewesenen Systeme studirt hätten und Ihre Denkweise ihm angepaßt hätten, wäre mir nicht willkommen: denn bei Einem und dem Andern, der etwa mehr zum Festhalten des Erlernten als zum Aufnehmen des zu Erlernenden fähig und geneigt wäre, könnte so ein einmal vertrauensvoll ergriffenes System zum Glaubensartikel oder gar zu einer Art von fixirten Vorstellungen geworden seyn, die allem Andern, und sei es noch so vorzüglich, den Zugang versperrt. Aber wenn Sie die ganze Geschichte der Philosophie schon kennen gelernt hätten, von allen Systemen einen Begriff hätten, dies wäre mir lieb: – denn Sie würden alsdann am leichtesten dahin kommen, einzusehen, warum der Weg, welchen ich mit Ihnen zu gehn gedenke, der richtige ist oder wenigstens seyn kann, indem Sie bereits aus Erfahrung wüßten, daß alle jene früher versuchten Wege doch nicht zum Ziele führen und überhaupt das Schwierige, ja Mißliche des ganzen Bestrebens deutlich eingesehen hätten; statt daß Sie jetzt manchen jener von Philosophen verschiedener Zeiten eingeschlagenen Wege wohl von selbst gewahr werden und sich wundern möchten, warum man ihn nicht einschlägt. Denn ohne Vorkenntniß der früheren Versuche möchte der Weg, den wir vorhaben, Manchem befremdend, sehr umständlich und beschwerlich und ganz unnatürlich scheinen: denn freilich ist es nicht der auf den die spekulirende Vernunft zuerst geräth, sondern erst nachdem sie die von selbst sich darbietenden und so leicht zu gehenden als falsch befunden hat, durch Erfahrung gewitzigt ist und gesehn hat, daß man einen weitern Anlauf nehmen muß, als die weniger steilen Wege erfordern.

Daß also die spekulirende Vernunft erst allmälig und nach viel mißlungenen Versuchen, den rechten Weg einschlagen konnte, erklärt sich aus Folgendem.

Es ist ein Zusammenhang in der Geschichte der Philosophie und auch ein Fortschritt, so gut als in der Geschichte andrer Wissenschaften, obgleich man hieran zweifeln könnte, wenn man sieht, daß jeder neu auftretende Philosoph es macht, wie jeder neue Sultan, dessen erster Akt die Hinrichtung seiner Brüder ist, nämlich jeder neu auftretende Philosoph damit anfängt, seine Vorgänger zu widerlegen oder wenigstens abzuleugnen und ihre Sätze für null und nichtig zu erklären und ganz von Neuem anhebt, als ob nichts geschehen sei; so daß es ist wie in einer Auktion, wo jedes neue Gebot das frühere annullirt. Die Feinde aller Philosophie benutzen dies: sie behaupten, Philosophie sei ein völlig vergebliches Streben nach einem schlechterdings unerreichbaren Ziel: daher sei ein Versuch darin gerade so viel werth, als der andere, und nach allen Jahrhunderten noch gar kein Fortschritt gemacht worden; denn man höbe ja noch immer von Vorne an. In diesem Sinne ruft Voltaire aus: »O Metaphysik! wir sind grade so weit, als zur Zeit der Druiden!« – Solche entschiedene Feinde der Philosophie kann man nicht aus der Philosophie, die sie nicht gelten lassen, widerlegen, sondern nur aus der Geschichte, nämlich so: Wenn in der Philosophie noch nie etwas geleistet worden, noch kein Fortschritt gemacht worden und eine Philosophie grade so viel werth wäre, als die andere, so wären nicht nur Plato, Aristoteles und Kant Narren, sondern diese unnützen Träumereien hätten auch nie die übrigen Wissenschaften weiter fördern können: nun aber sehn wir durchgängig, daß zu jeder Zeit der Stand aller übrigen Wissenschaften, ja auch der Geist der Zeit und dadurch die Geschichte der Zeit ein ganz genaues Verhältniß zur jedesmaligen Philosophie hat. Wie die Philosophie eines Zeitalters beschaffen ist; so ist auch jedes Mal alles Treiben in den übrigen Wissenschaften, in den Künsten und im Leben: die Philosophie ist im Fortgang des menschlichen Wissens, folglich auch in der Geschichte dieses Fortgangs grade das, was in der Musik der Grundbaß ist; der bestimmt allemal den Ton und Karakter und den Gang des Ganzen: und wie in der Musik jede einzelne musikalische Periode oder Lauf dem Ton entsprechen und mit ihm harmoniren muß, zu welchem der Baß eben fortgeschritten ist: so trägt in jeder Zeitperiode das menschliche Wissen jeder Art durchweg das Gepräge der Philosophie, die zu solcher Zeit herrscht, und jeder Schriftsteller, worüber er auch schreibe, trägt allemal die Spuren der Philosophie seines Zeitalters. Jede große Veränderung in der Philosophie wirkt auf alle Wissenschaften, giebt ihnen einen andern Anstrich. Den Beleg hiezu giebt die Litterargeschichte durchweg. Daher ist jedem Gelehrten das Studium der Philosophie so nothwendig, wie dem Musiker das Studium des Generalbasses. Denn die Philosophie ist der Grundbaß der Wissenschaften. Auch nimmt man, wenn man die Geschichte der Philosophie im Ganzen überblickt, sehr deutlich einen Zusammenhang und einen Fortschritt wahr, dem ähnlich, den unser eigener Gedankengang hat, wenn bei einer Untersuchung wir eine Vermuthung nach der andern verwerfen, eben dadurch den Gegenstand mehr und mehr beleuchten, es in uns immer heller wird, und wir zuletzt bestimmt urtheilen, entweder wie sich die Sache verhält, oder doch wie weit sich etwas davon wissen läßt. So sehn wir auch in der Geschichte der Philosophie die Menschheit nach und nach zur Besinnung kommen, sich selbst deutlich werden, durch Abwege sich belehren lassen, durch vergebliche Anstrengung ihre Kräfte üben und stärken. Durch die Vorgänger wird Jeder, auch wenn er sie verläßt, belehrt, wenigstens negativ, oft auch positiv, indem er das Gegebene beibehält und meistens weiter ausbildet, wobei es oft eine ganz andere Gestalt erhält. So ließe sich also allerdings in der Geschichte der Philosophie eine gewisse Nothwendigkeit, d. h. eine gesetzmäßige, fortschreitende Entwicklung erkennen, wenigstens ebenso gut, ja gewiß besser, als in der Weltgeschichte, obgleich dort wie hier die Individualität derjenigen, die zur Wirksamkeit kamen, als ein zufälliges Element stark eingreift und den Gang der Philosophie wie den der Weltbegebenheiten sehr modifizirt. Stillstände und Rückschritte sind in der Geschichte der Philosophie wie in der Weltgeschichte: dort, wie hier, giebt das Mittelalter einen traurigen Anblick, ist ein Versinken in Barbarei. Aber aus dem Rückschritt erhebt sich immer die Kraft wie neugestärkt durch die Ruhe. Man hat ein gewisses Verhältniß wahrgenommen zwischen dem jedesmaligen Zeitgeist und der Philosophie und auch wohl gemeint, die Philosophie würde durch den Zeitgeist bestimmt: aber es ist grade umgekehrt: die Philosophie bestimmt den Geist der Zeit und dadurch ihre Begebenheiten. Wäre im Mittelalter die Philosophie eine andere gewesen, so hätte kein Gregor VII. und keine Kreuzzüge bestehen können. Aber der Zeitlauf wirkt negativ auf die Philosophie, indem er die zu ihr fähigen Geister nicht zur Ausbildung und nicht zur Sprache gelangen läßt. Positiv wirken auf die Philosophie nur die vorzüglichen Geister, welche die Kraft haben, die Menschheit weiter zu bringen, und die nur als seltene Ausnahmen aus den Händen der Natur hervorgehen: auf diese nun aber wirken allerdings ihre Vorgänger, am meisten die nächsten, dann auch die ferneren, von denen diese abhiengen: also wirkt auf den Philosophen eigentlich nur die Geschichte der Philosophie, nicht die Weltgeschichte, außer sofern diese auf den Menschen wirkt, es ihm möglich macht, seine Individualität auszubilden, zu entfalten, zu benutzen, nicht nur für sich, sondern auch für Andre.

Nehmen wir nun dem Gesagten zufolge eine gewisse notwendige Entwickelung und Fortschreitung in der Geschichte der Philosophie an, so müssen wir auch ihre Irrthümer und Fehler als im gewissen Sinne nothwendige erkennen, müssen sie ansehen, wie im Leben des einzelnen vorzüglichen Menschen die Verirrungen seiner Jugend, die nicht verhindert werden durften, sondern in denen man ihn gewähren lassen mußte, damit er eben vom Leben selbst diejenige Art der Belehrung und Selbstkenntniß erhielte, die ihm auf anderem Wege nicht beigebracht werden konnte, für die es kein Surrogat gab. Denn das Buch wird nie geschrieben werden, welches die Erfahrung ersetzen könnte: durch Erfahrung aber lernt man nicht nur Andre und die Welt, sondern auch sich selbst kennen, seine Fehler, seine Irrthümer als solche, und die richtigen Ansichten, zu denen man, vor Andern, von Natur bestimmt ist und von selbst die Richtung nimmt. Oder wir mögen die nothwendig durchzumachenden Fehler ansehen, wie Blattern und ähnliche Krankheiten, die man überstehen muß, damit das Gift aus dem Leibe komme, das seiner Natur anhieng. Demnach können wir uns nicht wohl denken, daß die Geschichte so gut mit Kant, als mit Thales anfangen konnte u. s. f. Ist aber eine solche mehr oder minder genau bestimmte Notwendigkeit in der Geschichte der Philosophie, so wird man, um den Kant vollständig zu verstehen, auch seine Vorgänger gekannt haben müssen, zuerst die nächsten, den Chr. Wolf, den Hume, den Locke, dann aufwärts bis auf den Thales.

Aus dieser Betrachtung ergiebt sich, daß mir nichts willkommener seyn könnte, als daß Jeder von Ihnen schon eine Kenntnis der Geschichte der Philosophie mitbrächte und daß er besonders meinen nächsten Vorgänger, ihn, den ich als meinen Lehrer betrachte, genau kännte, nämlich Kant. Denn was seit Kant geschehen ist, ist in meinen Augen ganz ohne Gewicht und ohne Bedeutsamkeit, wenigstens für mich, also ohne Einfluß auf mich. So sehr ich aber auch das Studium der Geschichte der Philosophie Ihnen empfehle, so wünsche ich doch nicht, daß, wie oft geschieht, die Geschichte der Philosophie selbst Ihre Philosophie werde. Denn das heißt, statt denken und forschen zu wollen, nur wissen wollen, was Andre gedacht haben, und diese todte Notiz neben andern todten Notizen aufspeichern. Es ist jedoch ein häufiger Fall. Wer zum Denken von Natur die Richtung hat, muß erstaunen und es als ein eignes Problem betrachten, wenn er sieht, wie die allermeisten Menschen ihr Studiren und ihre Lektüre betreiben. Nämlich es fällt ihnen dabei gar nicht ein, wissen zu wollen, was wahr sei; sondern sie wollen bloß wissen, was gesagt worden ist. Sie übernehmen die Mühe des Lesens und des Hörens, ohne im Mindesten den Zweck zu haben, wegen dessen allein solche Mühe lohnen kann, den Zweck der Erkenntniß, der Einsicht: sie suchen nicht die Wahrheit, haben gar kein Interesse an ihr. Sie wollen bloß wissen, was Alles in der Welt gesagt ist, eben nur um davon mitreden zu können, um zu bestehn in der Konversation, oder im Examen, oder sich ein Ansehn geben zu können. Für andre Zwecke sind sie nicht empfänglich. Daher ist beim Lesen oder Hören ihre Urteilskraft ganz unthätig und bloß das Gedächtniß thätig. Sie wiegen die Argumente nicht: sie lernen sie bloß. So sind leider die allermeisten: deshalb hat man immer mehr Zuhörer für die Geschichte der Philosophie, als für die Philosophie. Zum Denken sind wenige Menschen geneigt, obwohl Alle zum Rechthaben. Das Rätselhafte des Daseyns ergreift Wenige mit seinem ganzen Ernst: hingegen zum bloßen Wissen sind Manche geneigt, zum Kunde erhalten von dem Überlieferten, theils aus Langerweile, theils aus Eitelkeit, theils um zum Broderwerb das Gelernte wieder zu lehren und so das Ueberlieferte weiter zu überliefern von Geschlecht zu Geschlecht, ohne daß Die durch deren Hände es geht selbst Gebrauch davon machten. Sie sind dabei den Post-Sekretären gleich, die den Brief empfangen und weiter befördern, ohne ihn zu eröffnen. Es sind die bloß Gebildeten und bloß Gelehrten, die bei aller Bildung und Gelehrsamkeit im Grunde ihres Herzens oft vom Ganzen und dem Wesen des Lebens dieselbe nüchterne und einfältige Ansicht behalten haben; die sie in ihrem 15ten Jahre hatten, oder die das Volk hat, wie man leicht sehn kann, wenn man sie einmal ernstlich ausfragt und von den Worten zu den Sachen kommt. Diese reinen Gelehrten, Ueberlieferer des Ueberlieferten, haben jedoch den Nutzen, daß das Vorhandene durch sie sich erhält und zu dem selbstdenkenden Menschen gelangen kann, der immer nur als eine Ausnahme, als ein Wesen von ungewöhnlicher Art dasteht. Er wird durch jene Ueberlieferer mit seines Gleichen in Verbindung gesetzt, die einzeln und zerstreut in den Jahrhunderten lebten, und kann so die eigene Kraft durch die Bildung stärken und wirksamer machen: wie man durch die Postsekretaire in Verbindung gesetzt wird mit seinen entfernten Anverwandten. – Es sollte mir leid thun, wenn unter meinen Zuhörern sich Viele befänden, deren Tauglichkeit sich auf bloßes Empfangen zum Hinlegen oder zum Weiterbefördern beschränkte. Doch kann ich das nicht ändern. Ich kann Keinen umformen, sondern auf Jeden nur nach Maßgabe der Fähigkeiten wirken, die ihm die Natur ein für allemal gab. Selbst das Wort Fähigkeiten paßt nicht recht zur Philosophie. Es deutet auf ein Können, ein Leisten: das ist gut, wenn man einen Künstler, Handwerker, oder einen Arzt oder Advokaten zu bilden hat; die sollen Können und Leisten lernen. Hier aber gilt es, dem Menschen von seinem Daseyn und dem der ihn umgebenden Welt eine richtigere und deutlichere Vorstellung zu geben. Es ist also nicht sowohl von Fähigkeit zum Lernen die Rede, als von dem Grade der Klarheit des Bewußtseyns, mit dem Jeder sein eigenes Daseyn und das der ihn umgebenden Welt auffaßt. Dieser Grad der Klarheit ist die Basis der Empfänglichkeit für Philosophie. Je klärer und heller in einem Menschen das Bewußtseyn, die Anschauung der Welt ist, desto mehr wird sich ihm das Rätselhafte des Daseyns aufdringen, desto stärker wird das Bedürfniß gefühlt werden, irgend einen Aufschluß, eine Rechenschaft vom Leben und Daseyn überhaupt zu erhalten; desto weniger wird man zufrieden seyn eben nur zu leben und in der Dürftigkeit dieses Lebens die sich täglich meldende Noth immer nur abzuwehren, bis unter vielen getäuschten Hoffnungen und überstandenen Leiden das Leben eben abgelaufen ist, ohne daß man sich die Muße gemacht hätte, je ernstlich darüber nachzudenken. Dies aber ist der Fall Derer, deren Bewußtseyn schwächer, dunkler ist und der thierischen Dumpfheit näher steht. Wie das Thier dahin lebt, ohne umzuschauen weiter als nach seinen Bedürfnissen, und sich daher nicht wundert daß die Welt da ist und so ist, wie sie ist; so sind auch die Menschen von geringeren Anlagen ohne merkliche Verwunderung über die Welt. Sie finden eben Alles ganz natürlich: allenfalls überrascht sie irgend eine ungewöhnliche Erscheinung und macht sie auf deren Ursache begierig: aber das Wunderbare, was im Ganzen aller Erscheinungen liegt, das Wunderbare ihres eigenen Daseyns werden sie nicht inne. Sie sind daher geneigt, diejenigen auszulachen, die sich darüber wundern, darüber nachsinnen, und mit solchen Forschungen sich beschäftigen. Sie meynen, daß sie viel ernstere Dinge vorhaben, das Sorgen für sich und die Ihrigen und allenfalls das nähere Orientiren über den Zusammenhang der Erscheinungen unter einander, zum nützlichen Gebrauche derselben. Aber diese ihre Lebensweisheit theilen sie mit den Thieren, die eben auch dahin leben, für sich und die ihrigen sorgen, unbekümmert, was das Alles sei und bedeute. – Die Klarheit des Bewußtseyns, auf welcher das Bedürfniß und die Anlage zur Philosophie beruht, zeigt sich daher zuerst durch ein Verwundern über die Welt und sein eigenes Daseyn, welches den Geist beunruhigt und es ihm unmöglich macht, dahin zu leben, ohne eben über das Leben selbst zu denken. Dieses Verwundern gab schon Platon als die Quelle der Philosophie an, und sagt: μαλα γαρ φιλοσοφικον τουτο το παϑος, το ϑαυμαζειν. οὐ γαρ ἀλλη ἀρχη φιλοσοφιας ἠ αὐτη. – admirari illud, admodum philosophica affectio est; neque ulla alia res philosophiae principium ac fons est. Theaetet. p. 76. – Aristoteles: διο γαρ το ϑαυμαζειν οἱ ανϑρωποι και νυν και το πρωτον ηρξαντο φιλοσοφειν. Metaph. L. I, c. 2. – Man kann sogar sagen: Die philosophische Anlage bestehe darin, daß man sich über das Gewöhnliche und Alltägliche verwundre und daher das Allgemeine der Erscheinungen zu seinem Problem macht: dagegen die Forscher in speciellen Wissenschaften verwundern sich nur über seltene und ausgesuchte Erscheinungen, nur diese machen sie zu ihrem Problem, dessen Auflösung durch eine Kombination dann darin besteht, daß sie solche zurückführen auf allgemeinere Erscheinungen oder bekanntere Thatsachen.

Um sagen zu können, wie viel Anlage Einer zur Philosophie hat, müßte ich wissen, wie in seinen Augen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sich darstellen, ob als sehr verschiedene Dinge, oder fast Eines wie das Andre, ob sein Bewußtseyn in diesen Strom der Zeit so tief eingetaucht ist, daß es selbst sich mit ihm fortbewegt, oder ob es den Strom der Zeit an sich vorüberfließen sieht und ihn als etwas Fremdes mit Verwunderung beobachtet. Damit Einer das Wunderbare und Räthselhafte der Zeit auffasse, wodurch man besonders zur Philosophie getrieben wird, ist erfordert, daß er eine lebhafte Phantasie habe, aus einem eigenen Grunde: nämlich nur ein Solcher vermag die Scene seines Lebens, die vor 10 Jahren da war, jetzt so lebendig zu vergegenwärtigen, als die wirklich jetzt gegenwärtige Scene: wodurch denn die Verwunderung entsteht über die Form unsers Daseyns, die Zeit, vermöge deren jenes ferne so Reale, so zu gar nichts wird, wie die Vergangenheit nichts ist, und dieses Schicksal auch jeden Moment treffen muß, in dem wir eben uns befinden.

Wo nun die erwähnte Klarheit des Bewußtseyns und das aus ihr hervorgehende Verwundern sich nicht findet: da ist eben keine Anlage zur Philosophie; ihr Vortrag ist für einen Solchen, was dargebotene Speise dem nicht hungernden Magen. Vor allen Dingen muß ja das Räthsel haben Der, dem man die Auflösung desselben geben will; sonst ist ihm diese ein Wort ohne Bedeutsamkeit. Dieses Räthsel aber wird durch den Eindruck der anschaulichen Welt gegeben, durch die Klarheit, mit der sie im Bewußtseyn dasteht. Das Abstrakte, durch Worte Ausgedrückte, hat stets seine Bedeutung allein durch die Beziehung auf das Anschauliche. Wo also jene Klarheit des Bewußtseyns fehlt, ist alles Philosophiren sehr vergeblich und bildet allenfalls Schwätzer, nicht Philosophen. – Uebrigens sind auch solche Leute, die wegen der Dumpfheit ihres Bewußtseyns ohne Bedürfniß und ohne Anlage zur Philosophie sind, darum doch nicht ohne eine Art von Philosophie, von System religiöser oder andrer Art: denn sie sind doch Menschen und bedürfen als solche einer Metaphysik: aber sie haben eben das erste beste festgehalten und sind meistens sehr hartnäckig in dessen Behauptung, weil, wenn sie es fahren ließen, Dies ihnen die Notwendigkeit auflegen würde, zu denken, zu forschen, zu lernen: was sie eben vorzüglich scheuen und daher sehr froh sind, so etwas ein für alle Mal zu haben, was sie jeder Arbeit dieser Art überhebt.

Ich sprach von den Fortschritten der Philosophie, die ihre Geschichte uns darlegt. Da Philosophie zwar die Erfahrung im Allgemeinen, aber doch keine specielle Erfahrung voraussetzt, wie z. B. Physik und Astronomie thun: so ließe es sich, ungeachtet der erwähnten notwendigen Entwickelung in ihrem Gange, doch nicht leugnen, daß vielleicht durch besondere Begünstigung des Schicksals, durch die Geburt der ausgezeichnetsten Geister und ihr Zusammentreffen in derselben Zeit die Fortschritte sehr viel schneller hätten seyn können, ja vielleicht die Wahrheit, gesetzt daß sie gefunden werden könne, gleich Anfangs getroffen wäre. Vielleicht ist Letzteres sogar in gewissem Sinne wirklich der Fall gewesen, jedoch in einem Lande, dessen Kultur von der europäischen ganz getrennt gewesen ist, in Hindostan. Nämlich die Resultate dessen, was ich Ihnen vorzutragen gedenke, stimmen überein mit der ältesten aller Weltansichten, nämlich den Veda's. Doch ist dies nicht so zu verstehen, als ob, was ich lehre, dort schon stehe. Die Veda's, oder vielmehr die Upanischaden, d. i. der dogmatische Theil im Gegensatz des Liturgischen, haben keine wissenschaftliche Form, keine nur irgend systematische Darstellung, gar keine Fortschreitung, keine Entwicklung, keine rechte Einheit. Es ist kein Grundgedanke darin ausgesprochen; sondern sie geben bloß einzelne, sehr dunkele Aussprüche, allegorische Darstellungen, Mythen u. dgl. Den Einheitspunkt, aus dem dies Alles fließt, wissen sie gar nicht auszusprechen, noch weniger ihre Aussprüche durch Gründe zu belegen, nicht einmal sie in irgend einer Ordnung zusammenzustellen: sondern sie geben gleichsam nur Orakelsprüche voll tiefer Weisheit, aber dunkel, ganz vereinzelt und bildlich. Hat man jedoch die Lehre, welche ich vorzubringen habe, inne; so kann man nachher alle jene uralten Indischen Aussprüche als Folgesätze daraus ableiten und ihre Wahrheit nun erkennen; so daß man annehmen muß, daß was ich als Wahrheit erkenne, schon auch von jenen Weisen der Urzeit der Erde erkannt und nach ihrer Art ausgesprochen, aber doch nicht in seiner Einheit ihnen deutlich geworden war; so daß sie ihre Erkenntniß nur in solchen abgerissenen Aussprüchen, welche das Bewußtseyn ihrer hellsten Augenblicke ihnen eingab, nicht aber im Ganzen und im Zusammenhang an den Tag legen konnten. Eine Erkenntniß dieser Art war also möglich gleich Anfangs, ohne daß durch die lange Reihe der Philosophen die Vernunft Gewandtheit, Selbstkenntniß und Witzigung erhalten hatte: aber eine Erkenntniß in jener Form hat keine Waffen gegen skeptische Angriffe jeder Art oder gegen Nebenbuhler, die andere Lehren vortragen. Es ist hiemit gerade, wie in der Astronomie: schon in der ganz alten Zeit lehrten die Pythagoreer, daß die Sonne stehe und die Erde nebst den Planeten um sie laufe (ein gewisser Hiketas soll der Erste gewesen seyn): es war der Ausspruch einer unmittelbaren Erkenntniß, eines ahndungsvollen Treffens des Richtigen: aber die Gründe zeigen, das System beweisen, es im Einzelnen durchführen, anwenden, berechnen, das konnten sie nicht. Darum blieben sie auch ohne Anerkennung, ohne Einfluß, und konnten ihre Wahrheit nicht gegen den herrschenden Irrthum geltend machen, wie er sich im Ptolemäischen System ausspricht, welches von jener richtigen Lehre der Pythagoreer nicht verhindert wurde aufzukommen und allgemein zu gelten. Erst nach den gesammelten Erfahrungen und Belehrungen zweier Jahrtausende konnten Kopernikus, Kepler, Galiläi dieselbe Wahrheit auf einem festen Fundament aufstellen und sie gegen alle Angriffe schützen, weil sie auf dem wissenschaftlichen Wege dazu gelangt waren, und den ganzen Zusammenhang der Sache einsahen.

So also steht, was ich hier vorzubringen habe, obwohl es mit den uralten indischen Aussprüchen sehr genau übereinstimmt, dennoch im Zusammenhang mit der ganzen Entwicklung der Philosophie im Occident und reihet sich an die Geschichte derselben an, ergiebt sich gewissermaaßen als ein Resultat daraus.

Darum ist Geschichte der Philosophie die beste Einleitung zu dem, was ich vorzutragen habe. Ohne dieselbe wird schon der Anfang unsers Ganges, nämlich das Anheben von der Betrachtung des Subjekts, unsres Selbst, unsers Erkenntnißvermögens, Manchem befremdend seyn und seiner Neigung widerstreiten. Denn im Geiste des Einzelnen ist die Anlage und der Hang, denselben Gang zu gehn, den die Erkenntniß des ganzen Menschengeschlechts gegangen ist. Dieser Gang fängt an mit dem Nachdenken über die Außenwelt, aber er endigt mit dem Nachdenken über sich selbst. Man fängt damit an, über das Objekt, über die Dinge der Welt bestimmte Aussprüche zu thun, wie sie an sich sind und seyn müssen: dies Verfahren heißt Dogmatismus. Dann erheben sich Zweifler, Leugner, daß es so sei, wie man sage, Leugner, daß man irgend etwas davon wissen könne: d. i. der Skepticismus. Spät erschien, nämlich mit Kant, der Kriticismus, der als Richter beide hört, beide vermittelt, ihre Ansprüche abwägt, durch eine Untersuchung nicht der Dinge, sondern des Erkenntnißvermögens überhaupt, und demgemäß angiebt, wiefern sich von den Dingen, wie sie an sich sind, etwas wissen lasse und welche Schranke hier das Erkennen als solches, seine ihm wesentliche Form, setze.

In der Occidentalischen Philosophie, (welche wir von der Orientalischen in Hindostan, die gleich Anfangs einen viel kühneren Flug nahm, gänzlich unterscheiden müssen), finden wir nun eben diesen natürlichen Gang. Der Mensch bemerkte zuerst Alles, nur sich selbst nicht, sich übersah er, und seine ganze Aufmerksamkeit haftete auf den Dingen außer ihm: sich sah er nur als ein kleines Glied in der Kette dieser, nicht als eine Hauptbedingung des Daseyns der Außenwelt, wie er es doch ist. Demnach suchten die Philosophen in Ionien, mit denen man die Geschichte der Occidentalischen Philosophie anhebt, nicht sowohl die Natur überhaupt ihrem Daseyn nach, als die bestimmte gegebene Natur ihrer Beschaffenheit nach zu erklären. Sie suchten daher einen Grundstoff, der vor allen Dingen gewesen und durch dessen Veränderungen Alles geworden wäre. Sonach war die erste Philosophie eigentlich Naturwissenschaft. Thales, der Ahnherr aller occidentalischen Philosophie, nimmt das Wasser für jenen Urgrundstoff, aus dem sich alles entwickelt. Diese Philosophen fragten also nicht, wie überhaupt eine Natur möglich sei, – diese ihrer Natur nach vorhergehende Frage warf zuerst Kant nach drittehalb tausend Jahren auf; – sondern sie fragten bloß wie eine so und so beschaffene Natur, als diese hier vorhandene ist, entstehen konnte. Erst nach 2 ½ Jahrtausenden also, fragte Kant nach einer Erklärung dessen, was die ersten Philosophen als gar keiner Erklärung bedürftig, als das, was sich von selbst versteht, angenommen hatten. Von seinem Schüler Anaximander wissen wir noch weniger: er nennt als den Ursprung der Dinge das áðåéñïí, womit er vielleicht nur die Materie als solche, ohne irgend eine Form und Qualität versteht. Anaximenes nimmt die Luft als das erste an, und das ist vielleicht sehr richtig, da die neuste Astronomie es wahrscheinlich macht, das jeder Weltkörper in einem dunstförmigen Aggregatzustande, als ein Nebelstern zuerst existirte, dann in den flüssigen, zuletzt in den festen Zustand übergieng. Diese Ionischen Philosophen betrachteten jedoch die Materie von der sie ausgiengen nicht als ein Todtes (wie später Demokritos that), sondern erkannten, daß Kräfte in ihr wohnen, deren Aeußerungen allein ihre Wirksamkeit ausmache: sie erkannten diese Kräfte als von der Materie verschieden, als etwas Geistiges, redeten daher von einer Seele der Welt. Diese Ansicht trat überwiegend hervor im Anaxagoras, der auf den Anaximenes folgte und die Ionische Philosophie nach Athen brachte. Die inwohnende Seele der Welt, der Geist der in allem wirkt, ? íïõò, ist ihm der erste Ursprung der Dinge, das Schaffende Princip, daher auch Anaxagoras als erster Theist angesehn wird. Der Beiname íïõò mag ein Spottname gewesen seyn, weil er in die Philosophie, die damals Physik war, ein ganz hypothetisches, nicht nachweisbares Princip brachte. Mit seinem Schüler Archelaos sehn wir aber die Philosophie den Weg der Naturbetrachtung plötzlich verlassen, welches allein von der Individualität des Sokrates herrührt, der eine einseitige Neigung für ethische Betrachtungen hatte, die freilich an sich ein viel interessanterer und würdigerer Gegenstand der Betrachtung sind, als die blindwirkenden Kräfte der Natur. Allein die Philosophie ist ein Ganzes, wie das Universum ein Ganzes ist, und so wenig man das Objekt ganz verstehen und ergründen wird, wenn man das Subjekt überspringt, wie die Ionier thaten, so wenig wird man das Subjekt, des Menschen Wollen und das Erkennen, welches das Wollen leitet, ganz und gar verstehn, wenn man das Objekt, das Ganze der Welt und ihr inneres Wesen, außer Acht gelassen hat.

Wir wissen zwar vom Leben des Sokrates ziemlich viel, von seinen Meinungen und Lehren aber äußerst wenig. Aus der Vortrefflichkeit seines Lebenslaufes, aus seinem großen Ansehn bei den Edelsten seiner Zeitgenossen, aus den ausgezeichneten Philosophen, die aus seiner Schule hervorgiengen und, so höchst verschieden ihre Lehren waren, doch alle ihn als ihren Lehrer anerkannten; aus allem diesen schließen wir auf die Vortrefflichkeit seiner Lehren, die wir eigentlich nicht kennen. Xenophon schildert ihn so platt, wie er nicht gewesen seyn kann, sonst er auch nicht dem Aristophanes Stoff zu den Wolken gegeben hätte: Platon schildert ihn zu phantastisch und braucht überhaupt nur seine Maske, unter welcher er selbst lehrt. So viel scheint indessen ganz gewiß, daß des Sokrates Philosophie eine bloße Ethik gewesen. –

Gleichzeitig mit Thales aber lehrte ein höchst wahrscheinlich viel größerer Mann als dieser: Pythagoras. Man könnte den Ursprung der occidentalischen Philosophie ebensowohl von Diesem als von Thales herleiten: denn, obwohl unsichere Angaben ihn auf seinen Reisen auch den Thales besuchen und von ihm lernen lassen, so kann dieser Einfluß des Thales nur einen kleinen Theil an seiner Bildung gehabt haben, da er den ganzen Orient durchwanderte, um überall zu lernen, folglich gar viele Lehrer dem Thales diesen Schüler streitig machen würden: auch würde was er dem Thales verdankt wohl mehr Astronomie als Philosophie seyn. Er selbst steht auf einem viel höhern Standpunkt als Thales, ist nicht wie dieser fast nur hypothesirender Physiker und Astronom, sondern Philosoph im ganzen und großen Sinn dieses Worts, das bekanntlich ihm seinen Ursprung dankt. Seine Philosophie war eigentlich Metaphysik mit Ethik verbunden und sein Wissen umfaßt dabei zugleich eine ziemlich vollkommene Mathematik und alle Real-Kenntniß, die in seinem Zeitalter auf der weiten Erde mühsam zusammengesucht werden konnte. Er scheint die Vielseitigkeit und den Forschungstrieb des Aristoteles mit der Tiefe des Platon zugleich besessen zu haben. Wie er, der bekanntlich in Groß-Griechenland seine Schule und gewissermaaßen seinen Staat gründete, durch einen weiten Raum vom Thales getrennt war; so ist auch seine Lehre im Ganzen völlig unabhängig von der des Thales; und so gut als diese, die obendrein die Theogonien philosophischer Dichter vor sich hatte, ein erster Anfang der Philosophie.

Ewig beklagenswerth ist es, daß zwei so große Männer, wie Pythagoras und Sokrates, nie geschrieben haben. Es bleibt sogar schwer zu begreifen, wie Geister, die das gewöhnliche Menschenmaaß soweit überstiegen, entweder zufrieden seyn konnten, bloß auf ihre Zeitgenossen zu wirken, ohne Einfluß auf die Nachwelt zu suchen; oder daß sie sollten die Fortpflanzung ihrer Lehre genug gesichert geglaubt haben durch den Weg der [Schule], durch die Schüler, die sie durch mündlichen Unterricht gebildet. Von Pythagoras ist es nicht nur fast ganz gewiß, daß er nicht geschrieben; sondern auch, daß seine esoterische Lehre wie ein Mysterium verschwiegen gehalten wurde, mittelst eines Eides der Geweihten. Oeffentlich hielt er populäre Vorträge ethischen Inhalts an das Volk. Aber die eigentlichen Schüler mußten fünf Jahre hindurch mannigfaltige Prüfungen durchgehn: nur höchst wenige bestanden diese so, daß sie zum nackten, unverhüllten Unterricht des Pythagoras gelangten ( intra velum), die anderen erhielten diese Lehren nur in symbolischer Einkleidung. – Pythagoras hatte wohl eingesehn, daß die meisten Menschen unfähig sind, diejenige Wahrheit zu fassen, welche den tiefsten Denkern des menschlichen Geschlechts offenbar geworden: daß sie daher jene Lehren mißverstehen und verdrehen, oder hassen und verfolgen, eben weil sie sie nicht verstehn und ihren Aberglauben dadurch gefährdet halten. Darum wollte er durch vielfältige Prüfungen, deren erste physiognomisch war, die Fähigsten, die in seinen Bereich kamen, auslesen und diesen allein das Beste mittheilen, was er wußte: diese sollten nach seinem Tode auf gleiche Weise seine Lehre fortpflanzen an auf gleiche Weise Auserwählte, und so sollte sie stets leben im Geiste der Edelsten. Der Erfolg lehrte, daß das nicht angieng: die Lehre erlosch mit seinen nächsten Schülern, von denen wenige zuletzt, als die Sekte völlig zerstreut und verfolgt war, Einiges aufgeschrieben haben sollen, um die Trümmer jener Weisheit zu bewahren. Von solchen Bruchstücken sind einzelne bis auf uns gekommen, besonders durch die Neuplatoniker Iamblichos, Porphyrios, Plotinos, Proklos, auch durch Plutarch, Aristoteles, Stobäos: aber Alles höchst unzusammenhängend und von unverbürgter Aechtheit. Besser wäre es gewesen, wenn Pythagoras es gemacht hätte, wie Herakleitos, der sein Buch im Tempel der Diana zu Ephesos niederlegte, daß es dort auf einen würdig es verstehenden Leser im Laufe der Jahrhunderte warten sollte.

Allein, wenn ich oben gesagt, daß man den Ursprung der occidentalischen Philosophie ebensowohl vom Pythagoras als vom Thales herleiten konnte, so ist hiegegen besonders dies einzuwenden, daß es überhaupt die Frage ist, ob nicht die Lehre des Pythagoras im Occident eine ganz fremde Pflanze und eigentlich zur Orientalischen Philosophie gehörig sei. Denn Pythagoras ist auf seinen Wanderungen, die über 30 Jahre gedauert haben sollen, nicht nur nach Aegypten, sondern auch nach Babylon und, wie es mir doch wahrscheinlich ist, bis nach Hindostan gekommen, und dorther scheint ganz und gar das Fundament seiner Lehre genommen zu seyn. Aus den Bruchstücken erhellt soviel fast unwidersprechlich, daß Pythagoras' Lehre im Wesentlichen die in Hindostan entstandene und dort noch vorhandene ist. Nach den neueren Untersuchungen der Engländer in Calcutta aber ist die alte Aegyptische Religion und die Aegyptische herrschende Priesterschaft ganz entschieden in uralter Zeit aus Hindostan gekommen: daher es nicht durchaus nothwendig ist, daß Pythagoras selbst bis Indien gekommen. Denn wir finden als Lehre des Pythagoras das in Europa bis dahin ganz fremde Dogma der Metempsychose, und in Folge desselben das Gebot der Enthaltung von thierischer Nahrung. Sogar aber soll das Dogma der Metempsychose zu den esoterischen gehört haben, und den esoterischen Schülern allein der wahre darunter verborgene Sinn eröffnet worden seyn. Grade so aber ist es in Indien: die Volksreligion glaubt fest die Metempsychose: die Vedas lehren statt dessen das Tatoumes, dessen wesentlichen Inhalt Sie weiterhin in der von mir Ihnen mitzutheilenden Philosophie wiederfinden werden.

Was Pythagoras symbolisch durch Zahlen gelehrt, wie er die Musik, die zuerst von ihm eine arithmetische Grundlage erhielt, damit in Verbindung gebracht, – das Alles liegt ganz im Dunkeln. Ueberhaupt gehört die Betrachtung der übergebliebenen vorgeblichen Lehren des Pythagoras nicht in diese ganz allgemeine historische Betrachtung. In seinen Ethischen Vorschriften erkennen wir eine Anleitung den Geist über alles Irdische hinaus zu erheben und das Leben gleichsam zu einem verklärten, betrachtenden Wandel umzugestalten: nach Indischer Weise; doch nicht ganz so auster und asketisch.

Von seiner Metaphysik scheint soviel gewiß, daß auch seine Lehre, wie die aller alten Philosophen Dem beizuzählen sei, was man Pantheismus nennt d. h. daß er eine Weltseele, ein in allen Wesen der Welt sich äußerndes Princip annahm, welches er θεος genannt haben soll, jedoch in der Hauptstelle, welche im Dorischen Dialekt uns Justinus der Märtyrer erhalten hat, sich ausdrücklich dagegen verwahrt, daß dieser θεος etwas außerhalb der Welt sei, vielmehr sei das innere Lebensprincip der Welt damit gemeint.

Aus der Pythagorischen Schule ist später in Sicilien Empedokles hervorgegangen, zu Agrigentum. Der Pythagorische Ursprung seiner Philosophie giebt sich kund an der Seelenwanderung und an dem in allen Dingen lebenden nämlichen Wesen, wie auch am Verbot thierischer Nahrung. Auch hat aber Empedokles deutlich ein Emanationssystem gelehrt, einen sündlichen Abfall aus einem bessern Daseyn ins gegenwärtige, aus welchem nach überstandener Strafe und Läuterung die Seele zum bessern Daseyn zurückkehrt.

Den Empedokles sehn wir schon nicht bloß auf dem objektiven Weg philosophiren, wie die frühern Philosophen, sondern auch den subjektiven betreten und Untersuchungen über den Ursprung der Erkenntniß anstellen, die sinnliche von der vernünftigen unterscheiden und fragen, welcher zu trauen? Dann entscheiden: der vernünftigen, nicht den Sinnen. Ob er aber zuerst diesen Weg betrat, oder nach Vorgang des Anaxagoras, der ziemlich gleichzeitig lebte, und τα φαινομενα entgegensetzt νοονμενοις, ist ungewiß. Diese Unterscheidung brachte ihn aber dahin eine sinnliche und eine vernünftige Seele im Menschen anzunehmen (anima sensitiva et rationalis), jene als Theil der ewigen Weltseele, diese als Theil der Materie darzustellen, und dadurch den Dualismus von Geist und Materie einzuführen. Jene zwei Seelen und diesen Dualismus finden wir noch beim Cartesius, bei dem die vernünftige Seele, die aus lauter abstrakten Gedanken und überlegten Beschlüssen besteht, Geist und unsterblich ist, hingegen das Anschauende und Empfindende Wesen, Materie, Maschine, wozu er auch die Thiere rechnet. Es scheint, daß diese Unterscheidung zweier Seelen und jener Dualismus seit dem Empedokles bis auf den Cartesius nie ganz außer Kredit gekommen; sondern erst seit Kant. – Die Natur konstruirt Empedokles durch Liebe und Haß, d. i. Suchen und Fliehen, Anziehen und Abstoßen.

Ebenfalls aus der Pythagorischen Schule entsprossen ist die Eleatische, von Xenophanes gestiftet; jedoch hat sie schon einen ganz eigenthümlichen Charakter, berücksichtigt sehr das Subjektive, streitet subtil über die Vernunft und die Sinne als Quell wahrer Erkenntniß, ist aber ganz für die Vernunft, daher geht sie von Begriffen aus und leitet aus diesen Dinge ab, die der Erfahrung gradezu widerstreiten, z. B. die Unmöglichkeit der Bewegung, bleibt demnach der abstrakten Erkenntniß, dem íïïõìåíïí treu, im Gegensatz der Sinnenerkenntniß öáéíïìåíïí. Man ist in neuerer Zeit wieder sehr aufmerksam auf die Eleaten geworden, weil sie ein Aehnliches mit dem Spinozismus haben, der auch erst in unsern Tagen zu Ehren gekommen. Uebrigens waren die Eleatischen Philosophen Xenophanes, Parmenides, Zeno Eleates, Melissos, sehr tiefe Denker, wie die wenigen Bruchstücke bezeugen: Brandis comment. Eleaticae.

Ich darf jedoch nicht fortfahren, die Meinungen der alten Philosophen vorzutragen, da ich sonst Geschichte der Philosophie lehren würde, statt der Philosophie – denn ich müßte nunmehr ausführlich werden, da Philosophen folgen deren Schriften wir besitzen. – Die Eleaten wirkten wieder auf den Sokrates, in welchem sich also die beiden Zweige der alten Philosophie, der Ionische und der Italische vereinigen und beitragen den wunderbaren Mann zu bilden, von dem nachher die mannigfaltigsten Sekten ausgehn, Platon, mit der ganzen Akademie, mittelbar durch diesen Aristoteles, unmittelbar aber noch Aristippos der Hedoniker, Eukleides der Megariker (der die Eristische, streitende Schule stiftete), Antisthenes der Cyniker und Zeno der Stoiker.

Möge Ihnen je die Musse werden, sich mit dem was von diesen Denkern der Vorzeit übrig ist bekannt zu machen: es ist ein sehr schönes Studium, außerordentlich einflußreich auf die ächte Bildung des Geistes, da man in den Systemen der alten Philosophie gewissermaßen lauter natürliche Entwickelungen des menschlichen Denkens findet, einseitige Richtungen, die einmal konsequent durchgeführt werden mußten, damit man sähe, was dabei herauskäme, so die Hedonik, der Stoicismus, der Cynismus, später der Skepticismus. Auf dem theoretischen Wege aber treten zwei gewaltige Geister einander gegenüber, die man als Repräsentanten zweier grosser und durchgreifender entgegengesetzter Geistesrichtungen im Spekulativen ansehn muß: Platon und Aristoteles. Erst aus meinem spätem Vortrage kann Ihnen verständlich werden, was den Gegensatz derselben am schärfsten bezeichnet, nämlich Aristoteles geht der Erkenntniß einzig am Leitfaden des Satzes vom Grunde nach: Platon hingegen verläßt diese, um die ganz entgegengesetzte der Idee zu ergreifen. Verständlicher wird es Ihnen seyn, wenn ich sage: Platon folgte mehr der Erkenntnißweise, aus welcher die Werke der schönen Künste jeder Art hervorgehn; Aristoteles hingegen war der eigentliche Vater der Wissenschaften, er stellte sie auf, sonderte ihre Gebiete und wies jeder ihren Weg. – In den meisten Wissenschaften, namentlich in allen, die der Erfahrung bedürfen, ist man seitdem viel weiter gekommen; hingegen die Logik brachte schon Aristoteles zu solcher Vollendung, daß seitdem im Wesentlichen derselben keine großen Verbesserungen zu machen waren. Aristoteles liebt das Scharfe, Bestimmte, Subtile, und hielt sich so viel möglich auf dem Felde der Erfahrung. Platon hingegen, der eigentlich in die Natur der Dinge viel tiefer eindrang, konnte grade in den Hauptsachen keinen scientifischen, sondern nur einen mythischen Vortrag seiner Gedanken finden. Grade dieser Vortrag aber scheint dem Aristoteles unzugänglich gewesen zu seyn; bei aller Schärfe gieng ihm die Tiefe ab, und es ist verdrießlich zu sehn, wie er das Hauptdogma seines grossen Lehrers, die Ideenlehre, mit trivialen Gründen angreift und eben zeigt, daß er den Sinn davon nicht fassen konnte. Grade diese Ideenlehre des Platon blieb zu allen Zeiten, bis auf den heutigen Tag, ein Gegenstand des Nachdenkens, des Forschens, Zweifelns, der Verehrung, des Spottes, so vieler und so verschieden gesinnter Köpfe im Laufe der Jahrhunderte: ein Beweis, daß sie wichtigen Inhalt und zugleich grosse Dunkelheit hatte. Sie ist die Hauptsache in der ganzen Platonischen Philosophie. Wir werden sie gründlich untersuchen, an ihrem Ort, im weitern Fortgange unserer Betrachtung, und da werde ich nachweisen, daß der eigentliche Sinn derselben ganz übereinstimmt mit der Hauptlehre Kants, der Lehre von der Idealität des Raumes und der Zeit: allein bei aller Identität des Inhalts dieser beiden grossen Hauptlehren der zwei größten Philosophen, die es wahrscheinlich je gegeben hat, ist der Gedankengang, der Vortrag, die individuelle Sinnesart beider so grundverschieden, daß vor mir Niemand die Identität des innern Sinnes beider Lehren eingesehen hat. Vielmehr suchte man auf ganz andern Wegen Beziehungen, Einheitspunkte zwischen Platon und Kant, hielt sich aber an die Worte, statt in den Sinn und Geist zu dringen. Die Erkenntniß dieser Identität aber ist von der größten Wichtigkeit, weil eben, da beide Philosophen auf so ganz verschiedenen Wegen zum selben Ziel gelangten, auf so grundverschiedene Weise dieselbe Wahrheit einsehn und mittheilen, die Philosophie des einen der beste Kommentar zur Philosophie des andern ist. Den Gegensatz aber, der sich so entschieden und deutlich zwischen Platon und Aristoteles aussprach, sehn wir nachher im düstern Mittelalter wieder auftreten im sonderbaren Streit zwischen Realisten und Nominalisten.

In den Dialogen des Platon, wo er in der Person des Sokrates spricht, hat er die Methode seines Lehrers darin beibehalten, daß er zu keinem entschiedenen Resultate geradezu leiten will, sondern nachdem er die Probleme lange hin und her gewendet, sie von allen Seiten betrachtet, alle Data zu ihrer möglichen Auflösung vorgeführt, nun die Auflösung, die Entscheidung dem Leser selbst überläßt, seiner eigenen Sinnesart gemäß. Vom Platon gilt, was man nach Kants Vorgang fälschlich auf alle Philosophen überträgt, daß man von ihm nicht sowohl die Philosophie, als das Philosophiren lernen kann. Er ist die wahre Schule des Philosophen, an ihm entwickeln sich philosophische Kräfte, wo sie vorhanden sind, am allerbesten. Daher hat jeder gewesene und wird jeder künftige Philosoph dem Platon unendlich viel zu danken haben: seine Schriften sind die wahre Denkschule, jede philosophische Saite des Gemüths wird angeregt und doch nicht durch aufgedrungene Dogmen wieder in Ruhestand versetzt, sondern ihr Thätigkeit und Freiheit gegeben und gelassen. Wer daher von Ihnen philosophische Neigung in sich spürt, der lese anhaltend den Platon: er wird nicht etwan gleich aus ihm ganz fertige Weisheit zum Aufspeichern nach Hause tragen, aber er wird denken lernen und zugleich disputiren lernen, Dialektik: er wird die Nachwirkung eines aufmerksamen Studiums des Platon in seinem ganzen Geiste spüren.

Von den übrigen Sekten, die aus Sokrates' Schule entsprangen, Akademikern, Peripatetikern, Megarikern, Hedonikern, Cynikern, Stoikern, Skeptikern u. s. w. zu reden, würde zu weit führen. Die Ethik der Stoiker werden wir im Zusammenhang unserer ferneren Betrachtungen auseinandersetzen. Nach diesen vom Sokrates ausgegangenen Philosophen finden sich keine originellen, ursprünglichen Denker mehr: an den von ihm ausgegangenen Lehren, Ansichten, Methoden mußte die ganze Nachwelt fast zwei Jahrtausende hindurch zehren, nach Abirrungen immer wieder auf dieselben Wege zurückkommen, in der Römerwelt das von jenen Griechen Gelernte mannigfaltig hin- und

herwenden, annehmen und darüber streiten, so daß wir die größten Männer des Römischen Staats sich Peripatetiker, Stoiker, Akademiker, Epikuräer nennen sehn; dann mußte die Lehre Platons zu Alexandrien als Neuplatonismus ein wunderliches Gemisch religiöser Dogmen und Platonischer Lehren hervorbringen: dann gab später Platon den Kirchenvätern Nahrung; sodann kam die lange Nacht des Mittelalters, in der kein andres Licht leuchtete als ein schwacher Wiederschein von dem des Aristoteles, und von den andern Philosophen der Alten nur die Namen bekannt und wie fabelhafte Heroen der Vorzeit genannt wurden. Wie endlich im 14. und 15. Jahrhundert die Wiederherstellung der Wissenschaften eintrat, so waren es ja eben wieder jene Schüler des Sokrates, welche die Menschheit des Occidents aus der tiefen Barbarei und der jämmerlichsten Befangenheit herausrissen. Nun gab es, im 15. und 16. Jahrhundert wieder Platoniker, Peripatetiker, Stoiker, Epikuräer, ja Pythagoreer, Eleaten und Ionische Philosophen! So unglaublich groß, so weitreichend, so kräftig ist die Wirkung einzelner Köpfe auf die ganze Menschheit und so selten sind wirkliche ursprüngliche Denker, so selten auch die Umstände, die sie zur Reife, zur Ausbildung, zur Wirksamkeit gelangen lassen.

Mit dem Eintritt des Christenthums mußte, wie die Weltgeschichte, so auch die Philosophie eine ganz andere Gestalt annehmen: letztere gewiß eine sehr traurige, da ein festes, vom Staat sanktionirtes, mit der Regierung jedes Staates ganz eng verknüpftes Dogma eben das Feld einnahm, auf welchem die Philosophie sich allein bewegt. Alles freie Forschen mußte nothwendig ganz aufhören. Die Kirchenväter benutzten inzwischen aus der Philosophie der Alten, was eben zu ihren Lehren brauchbar war und paßte: das Uebrige verdammten sie und sahen mit Abscheu auf das blinde Heidenthum.

Im eigentlichen Mittelalter, wo die Kirche den höchsten Gipfel erreichte, und die Geistlichkeit die Welt beherrschte, mußte diesem entsprechend die Philosophie am tiefsten sinken, ja in gewissem Sinne, nämlich als freies Forschen betrachtet, untergehn und statt ihrer ein Zerrbild ihrer selbst, ein Gespenst, das bloß Form ohne Substanz war, unter ihrem Namen dastehn: die Scholastik. Diese gab nie vor, etwas Anderes [sein] zu wollen, als die Dienerin der Theologie, profitetur philosophia se theologiae ancillari, nämlich ihre Dogmen erklären, erläutern, beweisen u. s. f. Der Kirchenglaube herrschte nicht nur in der Aussenwelt und mit physischer Macht so, daß die leiseste Abweichung von ihm ein todeswürdiges Verbrechen war; sondern er hatte sich, dadurch, daß alles Denken und Thun sich nur um ihn drehte, auch wirklich der Geister, die schon mit dem allerersten Bewußtseyn sogleich ihn aufnehmen mußten, dergestalt bemächtigt, daß er die Fähigkeit des Denkens, nach dieser Seite hin, gänzlich lähmte, und Jeder, selbst der Gelehrte, die hyperphysischen Dinge, die der Glaube lehrte, für wenigstens so real hielt, als die Aussenwelt, die er sah, und wirklich nie dahin kam, nur zu merken, daß die Welt ein ungelöstes Räthsel ist; sondern die früh aufgedrungenen Dogmen galten ihm wie faktische Wahrheit, an der zu zweifeln Wahnsinn wäre. Es konnte, vor dem lauten, von allen Seiten tönenden Ruf des Glaubens, gar Keiner nur zu so viel Besinnung kommen, daß er sich einmal ernstlich und ehrlich fragte: wer bin ich? was ist diese Welt? die auf mich gekommen ist, wie ein Traum, dessen Anfang ich mir nicht bewußt bin. – Wie soll aber wer noch nicht einmal das Räthsel vernehmen kann, die Lösung finden? An Nachforschung der Natur war auch nicht zu denken: dergleichen brachte in den Verdacht der Zauberei. Die Geschichte schwieg: die Alten waren meist unzugänglich; ihr Studium brachte Gefahr. Aristoteles, in ganz schlechten und verdrehten Saracenischen Uebersetzungen wurde gelesen und als übermenschlich verehrt, eben weil man ihn gar nicht verstand. Und doch lebten auch damals, eben unter den Scholastikern, Leute von Geist und grosser Denkkraft. Ihr Loos ist durch ein Gleichniß verständlich zu machen: man denke sich einen lebhaften Menschen von Kindheit auf in einem Thurme gefangen, ohne Beschäftigung und Gesellschaft. Er wird aus den wenigen Gegenständen, die ihn umgeben, sich eine Welt konstruiren und sie mit seinen Phantasien bevölkern. So die Scholastiker, in ihren Klöstern eingesperrt, ohne deutliche Kunde von der Welt, von der Natur, vom Alterthum, von der Geschichte; allein mit ihrem Glauben und ihrem Aristoteles, konstruirten sie eine christlich-aristotelische Metaphysik: ihr einziges Bauzeug waren höchst abstrakte Begriffe, die weit von aller möglichen Anschaulichkeit lagen: ens, substantia, forma, materia, essentia, existentia, forma substantialis und forma accidentalis, causa formalis, materialis, efficiens und finalis, haecceitas, quidditas, qualitas, quantitas, u. s. f. Dagegen an Realkenntniß fehlte es ganz: der Kirchenglaube vertrat die Stelle der wirklichen Welt, der Erfahrungswelt. Und so, wie die Alten und heute wir über diese wirkliche, in der Erfahrung daliegende Welt Philosophiren, so philosophirten die Scholastiker nur über den Kirchenglauben: den erklärten sie; nicht die Welt. Wie sehr ihnen alle Kunde von dieser abgieng, spricht sich höchst naiv darin aus, daß sie alle ihre Beispiele gleich von hyperphysischen Dingen nehmen: z. B. so: sit aliqua substantia, e. c. Deus, Angelus: denn dergleichen liegt ihnen immer viel näher als die Erfahrungswelt.

Am Leitfaden der unverstandenen und in ihrer gänzlichen Verstümmelung unverständlichen Aristotelischen Metaphysik wurde nun aus solchen abstrakten Begriffen und ihrer Entwickelung eine Philosophie gemacht, die aber in allen Stücken mit dem bestehenden und wunderlich zusammengekommenen Kirchenglauben harmoniren mußte. Der rege, thätige Geist, bei unausgefüllter Musse, nahm vor was er allein hatte, jene Abstrakta, ordnete, spaltete, vereinigte Begriffe, warf sie hin und her und entfaltete selbst bei diesem unfruchtbaren Geschäft oft bewundernswürdige Kräfte, Scharfsinn, Kombinationsgabe, Gründlichkeit, die eines bessern Stoffes würdig gewesen wären. Selbst manche wahre und vortreffliche Gedanken, auch in Hinsicht auf den menschlichen Geist lehrreiche Untersuchungen sind in den Scholastikern anzutreffen: aber der Zeitverlust bei den weitläuftigen Schriften jener müssigen Denker ist so groß, daß man sich höchst selten an sie wagt. (Als Probe Suarez disp: met:)

Nachdem nun schon das Licht der wiederauflebenden klassischen Litteratur seine Strahlen in die Nacht der Scholastik warf und ihre Nebel zerstreute, die Geister empfänglich für das Bessere gemacht und zugleich der Kirche eigentlich den ersten Stoß versetzt hatte, auf den bald ein viel ernstlicherer folgte, die Reformation: da traten endlich am Ende des 16. Jahrhunderts Männer auf, welche durch Lehre und Beispiel zeigten, daß auf die Zeit, worin die Menschheit so tief gesunken war (im Intellektualen), daß sie von ihren eigenen freien Geisteskräften etwas zu hoffen durchaus nicht wagte, ja für vermessen und frevelhaft hielt, sondern sie alles Heil und Licht einzig und allein, theils von der Offenbarung, theils von den Schriften der Alten, den Denkmalen eines edlern und stärkern Geschlechts hoffte; – daß, sage ich, auf diese Zeiten dennoch wieder andre folgen könnten, in denen die Menschheit aus dem Zustande der Unmündigkeit heraustreten und wieder die eigenen Kräfte gebrauchen, auf eigenen Beinen stehen könnte. Schon Cardanus gab ein Beispiel des eigenen Forschens in der Natur und des eigenen Denkens über das Leben. Besonders aber trat Bako von Verulam auf und reformirte den ganzen Geist der Wissenschaften. Statt des Weges, den die ganze Scholastik und zum Theil selbst die Alten gegangen waren, vom Allgemeinen zum Besondern, vom Abstrakten zum Anschaulichen, welches der Weg des Syllogismus ist, stellte er als den allein rechten den umgekehrten Weg dar, den vom Besondern zum Allgemeinen, vom Anschaulichen zum Abstrakten, vom Fall zur Regel, den Weg der Induktion, die allein ausgehen kann von der Erfahrung. – Er hatte es nicht auf spekulative Philosophie abgesehn, sondern auf empirisches Wissen, besonders auf Naturwissenschaft. Alle die grossen Fortschritte dieser in den letzten 200 Jahren, vermöge welcher unsre Zeit auf alle früheren wie auf Kinder herabsieht, haben ihren Ursprung, ihren Ausgangspunkt in der Reform Bako's; diese freilich aber war durch den Geist der Zeit herbeigeführt. Was Luther in der Kirche, ist Bako in der Naturwissenschaft. In der Philosophie ward er, obwohl er selbst nicht spekulirte, noch weniger ein System schuf, Anlaß und indirekter Urheber des eigentlichen Empirismus, der sich schon ganz deutlich aussprach in seinem jüngern Zeitgenossen Hobbes, und endlich ganz vollendet sich hervorthat in Locke, dessen System eine nothwendige Stufe zu seyn scheint, auf der der menschliche Geist einmal stehen mußte. In England herrscht Locke eigentlich noch jetzt. Bako veranlaßte auch die Stiftung der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften in London, und wie er vom Spekuliren zum Experimentiren leitete und mehr die Naturwissenschaft als die Philosophie hob; so ist es noch ganz in Bako's Geist, daß man in England unter natural philosophy Experimental-Physik und unter philosophical transactions die unphilosophischeste aller Sammlungen, nämlich reine Erzählungen sehr schätzbarer Erfahrungen versteht.

Ueberhaupt können wir seit dem Anfange des 17. Jahrhunderts in Europa zwei verschiedene philosophische Stämme unterscheiden, den englischen und den französisch-teutschen. Obgleich sie auf einander wechselseitig einwirkten, so sind sie eigentlich doch getrennt und verschieden und gehn jeder für sich. Den englischen bilden Bako, Hobbes, Locke, Hume, deren Lehren durchaus im Zusammenhang stehn und im selben Geiste sind; wiewohl Hume als Skeptiker die Negative hält. Den französisch-teutschen Stamm bilden Cartesius, Mallebranche, Leibnitz, Wolf. – Eigentlich ganz unabhängig von beiden Stämmen, dem Geiste nach, wiewohl unter dem Einfluß ihrer Form, stehen zwei Männer am Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts, in denen unstreitig viel grösserer philosophischer Tiefsinn, Ernst und Kraft lebte, als in allen jenen: Jord. Brunus und Bened. Spinoza. Sie gehören nicht ihrem Jahrhundert, noch ihrem Welttheil an, die dem Einen mit dem Tode, dem Andern mit Verfolgung und Schimpf lohnten, und denen sie immer fremd blieben. Ihre Geistesheimath war Hindostan, dort waren und sind ähnliche Ansichten zu Hause. Man könnte im Scherz sagen, sie wären Brahminenseelen, zur Strafe ihrer Vergehungen in europäische Leiber inkarnirt, gewesen. Sie haben keine Sekte gestiftet und eigentlich nicht auf den Geist ihrer Zeit, noch auf den Gang der Philosophie unmittelbar eingewirkt. Die Zeit war nicht reif für sie: ihnen sollte erst viel später, erst im 19. Jahrhundert, die gebührende Ehre werden. Beide, sowohl Bruno, als Spinoza, waren erfüllt und durchdrungen von dem Gedanken, daß, so mannigfaltig auch die Erscheinungen der Welt seien, es doch ein Wesen sei, welches in ihnen allen erscheine, welches durch sich allein da wäre, sich ungehindert äussert und ausser welchem es nichts gäbe; daher in ihrer Philosophie Gott als Schöpfer keinen Raum findet, sondern die Welt selbst, weil sie durch sich selbst ist, von ihnen Gott genannt wird. Bruno unterscheidet sehr deutlich das innere Wesen der Welt (die Weltseele) von dessen Erscheinung, die er den Schatten und das Abbild ( ombra, simulacro) jenes nennt; [er] sagt, daß was die Vielheit in den Dingen macht, nicht jenem innern Wesen der Welt zukomme, sondern nur dessen Erscheinung; daß jenes innere Wesen in jedem Dinge der Natur ganz wäre; denn es sei untheilbar: endlich daß im Wesen an sich der Welt Möglichkeit und Wirklichkeit dasselbe seien.

Spinoza lehrt im Ganzen dasselbe: er lebte gleich nach dem Bruno; ob er ihn gekannt, ist ungewiß, doch höchst wahrscheinlich. Er hatte weniger Gelehrsamkeit, besonders weniger alte Litteratur [inne], als Bruno, welches sehr zu bedauern ist; denn er bleibt, was den Vortrag, die Form der Darstellung betrifft, ganz befangen in dem, was die Zeit bot, in den Begriffen der Scholastik, in der Demonstrirmethode, die er mathematisch nennt, im Gange und in den Beweisen des Cartesius, an dessen Philosophie er die seinige unmittelbar knüpft. Er bewegt sich daher mit grosser Mühe in diesem Apparat von Begriffen und Worten, die gemacht waren, ganz andere Dinge auszudrücken, als er zu sagen hatte, und mit denen er stets kämpfen muß. Bruno hatte auch Kenntniß der Natur, die dem Spinoza zu fehlen scheint; Bruno stellt Alles mit italiänischer Lebhaftigkeit dar, in Dialogen, die grosses dramatisches Verdienst haben; Spinoza, der Holländer, bewegt sich schwer und bedächtig in Propositionen, Demonstrationen, Korollarien und Scholien. – Indessen lehren Beide ganz dasselbe, sind von derselben Wahrheit, demselben Geist ergriffen, und es ist nicht zu sagen, wer tiefer eingedrungen sei, obwohl Spinoza gründlicher, methodischer, ausführlicher zu Werke geht. Er lehrt besonders, daß das Eine bestehende Wesen zwei Formen seiner Erscheinung habe, Ausdehnung und Denken, worunter er Vorstellen versteht; sah aber nicht ein, daß die Ausdehnung selbst zur Vorstellung gehört, daher nicht der Gegensatz seyn kann.

Mit der Ethik steht es bei beiden sehr schlecht: Bruno giebt, so viel ich gefunden, gar keine. Spinoza giebt eine, gut gemeinte, aber sehr schlechte, da durch die gröbsten, plumpsten Sophismen aus egoistischen Principien reine Moral abgeleitet wird. Wie in der Musik falsche Töne viel mehr beleidigen, als eine schlechte Stimme; so in der Philosophie Inkonsequenzen, falsche Folgerungen mehr, als falsche Principien: Spinoza's Moral vereinigt aber Beides: seine einzelnen Sätze über Recht und andere Gegenstände beleidigen das Gefühl jedes denkenden Menschen auf's Heftigste. Sonderbar, daß er seine Philosophie Ethik inskribirt: man pikirt sich immer dessen am meisten, wozu man am wenigsten Anlage hat. –

Ich sagte vorhin, daß, nachdem in der alten, wie in der neuen Zeit die Philosophie theils Dogmatismus, theils Skepticismus gewesen war, deren Krieg durch alle Jahrhunderte gedauert und in den mannigfaltigsten Gestalten sich dargestellt hatte, Kant endlich diesen Streit auf immer zu entscheiden unternahm durch eine Untersuchung des Subjekts, der Erkenntnißkräfte, um ein für allemal festzusetzen, was sich, auf dem Wege, den man bisher als den allein möglichen angesehen hatte, leisten lassen könne.

Dieser Weg bestand aber darin, daß man die Außenwelt, die Objekte, als für sich bestehende schlechthin reale Dinge betrachtete und dennoch nach Grundsätzen, die vor aller Erfahrung gewiß wären, entscheiden wollte, wie ein für allemal solche Dinge beschaffen seyn müßten: dies nannte man Ontologie. Kant zeigte, daß eben weil man vor aller Erfahrung über ihre Beschaffenheit urtheilen könne, sie keine Dinge an sich wären, sondern Erscheinungen. Und diese Wahrheit, daß eben weil wir über die Beschaffenheit der die vorhandene Welt ausmachenden Dinge das Allgemeinste durchaus vor aller Erfahrung, d. i. a priori wissen, diese Dinge schlechterdings nur Erscheinungen sind, nicht Dinge an sich, nicht so, wie sie erscheinen, für sich bestehende Wesen, und der hieraus entspringende Unterschied zwischen Erscheinung und Ding an sich: – ist der Kern der ganzen Kant'schen Philosophie, die Erkenntniß davon ist der Geist derselben.

Kant führte aber bei dieser Gelegenheit die Philosophie so sehr von der Außenwelt in die Innenwelt zurück, warf ein so helles Licht in das Subjekt alles Erkennens, zeigte eine so große Bedeutsamkeit des Subjekts im Verhältniß zu allem möglichen Objekt; – daß sich der Philosophie ein ganz neuer Weg, eine neue Sphäre eröffnete, die bis dahin unbekannt geblieben, ja die Kant selbst noch nicht erblickte, weil seine Kräfte, so außerordentlich sie auch waren, durch das, was er geleistet, ihr Maaß erfüllt sahen; so daß er, weil er nicht zum zweiten Mal jung werden und einen neuen Anlauf nehmen konnte, zwar die Menschheit um ein Grosses weiter brachte, jedoch auf einen Punkt, auf welchem sie nicht auch nur einige Jahre hindurch stille stehn konnte, sondern sogleich das Bedürfniß fühlte, weiter zu gehn, den ersten besten, die sich darboten, sich als ihren Führern anvertraute (sie als große Propheten ausschreiend, aber das Geschrei auch wieder verhallen ließ) und die sonderbare Periode zahlloser Ausgeburten, ephemerischer, zum Theil monströser Erscheinungen erlebte, welche die Geschichte der Philosophie dieser letzten 30 Jahre ausmachen. Dieses Alles beweist, daß Kant nichts weniger leistete als was er vermeinte, eine endliche Entscheidung aller metaphysischen Streitigkeiten und einen endlichen Ruhepunkt der Philosophie; sondern ganz im Gegentheil eröffnete er eine neue Bahn, die so einladend war, daß Unzählige sie betraten, ohne das einer mit dauerndem Glück und sichtbarem Gewinne sie gegangen wäre.

Wie wichtig, wie inhaltsreich Kants Schriften seyn müssen, können Sie schon aus dem Angeführten abnehmen: daher ich Jedem das Studium derselben empfehle. Wer es ernstlich treibt und fähig ist einzudringen, wird, wie ich Ihnen schon neulich sagte, einen ganz andern Blick in die Welt erlangen, die Dinge in anderm Lichte sehen, er wird sich und der Dinge mit mehr Besonnenheit bewußt seyn und merken, daß die Erscheinung nicht das Ding an sich ist. – Da ich in Dem, was ich Ihnen vortrage, von Kant ausgehe, so wird wer dessen Philosophie studirt hat, mich viel leichter und vollständiger fassen. Jedoch darf ich bei meinem Vortrag die Kant'sche Philosophie nicht voraussetzen, vielmehr werde ich die Hauptlehren derselben in jenen aufnehmen und ausführlich darstellen. Viele Lehren Kants habe ich unrichtig befunden und in einer Kritik seiner Philosophie dies dargethan. Die Hauptlehren, welche ich beibehalten, sind gerade die einfachsten, deren Darstellung keine große Weitläuftigkeit erfordert, daher ich sie desto leichter einweben kann. Jedoch wird immer Der Vieles voraus haben, der durch Studium der eigenen Schriften Kants die ganz eigene, unglaublich wohlthätige Einwirkung seines außerordentlichen Geistes unmittelbar empfangen hat. – Nun aber wieder, um Kant ganz und gar zu verstehen, ist es von großem Nutzen, ja nothwendig, seine Vorgänger zu kennen, einerseits Leibnitz und Wolf, andererseits Locke und Hume. Erst nachdem man durch Kant auf einen viel höheren Standpunkt gestellt, nun mit Superiorität gerüstet, zu diesen Lehrern des vorigen Jahrhunderts zurückkehrt, sieht man, wo sie eigentlich fehlten, erstaunt, wie sie so große Dinge, so starke Unterschiede übersehen konnten, und indem man nun aus ihnen lernt, wohin jenes Uebersehen, jene Fehltritte führen, versteht man den Kant selbst sehr viel besser als vorher, und ermißt zugleich die ganze Größe seines Verdienstes. Einen ganz ähnlichen Nutzen gewährt nun durchweg das Studium der Geschichte der Philosophie. Es ist eine Geschichte von Irrthümern; aber sie sind überall mit Wahrheiten vermischt, und diese Wahrheiten lernt man vollständiger und gründlicher kennen, nachdem man sich daran geübt hat, sie von so verschiedenen Irrthümern, mit denen sie, zu verschiedenen Zeiten, eng verknüpft auftreten, herauszusondern, abzuscheiden.

Leider ist mir nicht vergönnt, die Geschichte der Philosophie mit Ihnen zu durchgehen. Ich muß in den unserm Zusammenseyn gewidmeten Stunden mich bestreben, Ihnen nicht mein Studium, sondern die Resultate meines Studiums und meines Denkens mitzutheilen. Das Beste, was ich vermag, ist, Sie auf den Standpunkt zu stellen, auf welchem ich selber stehe; ich kann Ihnen aber nicht zeigen, was Alles vorhergehen mußte, ehe es überhaupt möglich war, dahin zu gelangen. – Jedoch werde ich, bei manchen Anlässen, die Gelegenheit benutzen, einige Philosopheme aus berühmten Systemen zu erläutern, da nämlich, wo wir auf einem Standpunkt stehen, von dem aus sie besonders deutlich werden, sowohl was das Wahre in ihnen, als was den Ursprung und die Auflösung des Irrthums in ihnen betrifft.

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