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Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores

Achim von Arnim: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleHollin's Liebeleben / Gräfin Dolores
authorAchim von Arnim
year1989
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-60010-0
titleArmut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores
pages101-684
created20011206
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1810
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Siebentes Kapitel

Graf Karls erster Besuch bei den beiden Gräfinnen

Erst in der Türe ihres Schlosses fiel es ihm heiß ein, daß es doch ganz unwürdig sei, mit der erlogenen Kauflust die Begierde nach der Bekanntschaft der Mädchen zu bemänteln; aber es ließ sich nicht ändern, die Türe war schon hinter ihm geschlossen ; durch die Säulen der Treppe schimmerte schon das rotgestreifte weiße Kleid der Gräfin Dolores, ihre Tritte schallten im Gewölbe. Sie trat ihm, beschämt, daß er die Mängel ihres Anzuges entdecken möchte, mit einigen unverständlichen Worten entgegen, aber ihr reizender Blick machte seine Worte noch undeutlicher, es war ein Schimmer in den hellbraunen Augen, der sich nicht malen läßt; und doch kommt viel darauf an, jedes zur rechten Zeit zu sehen, zu tun; wäre ihm Klelia so begegnet, wahrscheinlich hätte er sich ihr eben so bestimmt ergeben, wie er sich jetzt der schöneren prächtigen Schwester eigen fühlte. Der Bediente half beiden, indem er weitläuftig von allen Bequemlichkeiten redete, die der untere Speisesaal verberge; von der Wasserleitung, worin sonst das Getränk gekühlt worden, die aber jetzt verstopft sei. – Die innern Wand-Verzierungen des Schlosses waren meist architektonisch, entweder in Stein, oder in Gips. Da der alte Graf viele gute Gemälde besaß, so scheute er sich, sie irgendwo mit Fabrikmalerei gewöhnlicher Tapeten zusammen zu bringen, denn beide verlieren dadurch; das Mechanische jener verwöhnt das Auge, auch indem Lebendigen der andern etwas der Art zu sehen und jene wiederum büßen die Art von Gefälligkeit ein, die sie in Abwesenheit eigentlicher Kunstwerke bewahren. Diese Gemälde waren verkauft, eben so Sessel und Tische und alles was zu dem eigentlichen Gebrauche der Menschen gehört, auch hatte wohl die Kriegsfurie hin und wieder ihre Fackel an den Wänden geputzt, aber größer und würdiger sahen offenbar diese edlen architektonischen Verzierungen in dieser ungehinderten Übersicht aus. Der Graf hatte nie etwas so Prächtiges gesehen, ohne alle Kauflust war er eingetreten, jetzt aber dachte er sichs als das höchste Glück in den schönen Verhältnissen dieser Zimmer sein Leben zu führen, unbemerkt, hoffte er, müsse dies alles Widersprechende, Ungleiche in ihm ordnen; noch gestand er sich nicht, daß ihm zur Seite auch solche frische Lebensgöttin, von so schönem Verhältnisse wie Dolores gehen müsse, ihm war es als sei ihre Schönheit, die Wölbung ihrer Augenbraunen, das schöne Verhältnis ihrer Zähne, woran die edelsten Säulenordnung zu erläutern, nur eine Wirkung von der Herrlichkeit dieses Baues, oder sie selbst sei die Baugöttin, so ganz erbaut war er von ihr, von ihrer Rede, von jeder ihrer Bewegungen. So gingen sie durch die schönen Geschosse und der Graf mit dem Wunsche, die Aussicht ganz zu kennen, stieg noch eine Treppe höher in das oberste Geschoß, das sonst den Bedienten bestimmt gewesen, wo aber jetzt die Gräfinnen wohnten und das Dolores mit ihren Malereien verziert hatte. Sehr ungern folgte sie ihm dahin, sie wußte sich aber durchaus auf keinen Entschuldigungsgrund zu besinnen. Der Graf bewunderte die ausnehmende Fertigkeit, die schönen sichern Umrisse dieser Bilder, Dolores gestand, daß es ein müßiges Spiel von ihr sei. Er glaubte nicht, daß dies das Beste sei, was sie in der Art machen könnte und so ehrte er sie plötzlich als das höchste Malergenie, das ihm je begegnet, er bewunderte von einer Vorstellung zur andern und so kam er unbemerkt an das Zimmer der Klelia; er meinte es auch leer, als er aber jemand darin erblickte so machte er die Türe mit einer Entschuldigung schnell zu, ohne sie zu unterscheiden. Gleich wendete er sich zur Gräfin Dolores, die verlegen hinter ihm gestanden, weil ihre Schwester sich nicht ordentlich angezogen, nachdem sie ihr das Beste vorweg genommen: Wer war die Dame? – Meine Kammerjungfer, sagte die Gräfin und der Bediente brummte heimlich vor sich, daß sie nun sogar ihre Schwester verleugne, nachdem sie selbige um einen Liebhaber betrogen; er hatte nämlich die Klelia von Jugend auf viel lieber, auch blieb er hier zurück um Klelien dahin zu bewegen sich anzuziehen, so gut es gehe und in den Garten zu kommen, wohin jetzt die Gräfin am Arme des Grafen eilte. Diese beiden gingen nun vor dem grünen Platze vorbei, wo der Graf mit einem Seufzer das Leinenzeug vermißte, das ihn morgens in der Sonne geblendet hatte; all der Glanz war zu seiner schönen Führerin übergegangen. Mit manchem Umschweife, ungewiß, ob er auch nicht beleidige, erzählte er, wie er sie schon am Morgen beobachtet, sie wurde beschämt, daß sie bei so niedrer Arbeit überrascht worden, sie wollte ihm einen Wink geben, daß er schweigen möchte, aber er drückte die Hände an seinen Mund. So waren sie bis zur Höhe angestiegen, wo eine Laube von Geißblatt, die sich über einem Steine wölbte, der einer Bank ganz ähnlich sah, die schönste Stelle schien, die scheidende Pracht der Sonne und die tausend Liebesblicke zu begrüßen, die sie dem schönen Tale noch schenkte. Der Graf setzte sich auf den Stein. Nicht doch, rief die Gräfin, wissen sie denn worauf sie sitzen? Der Graf sprang auf und sah in den Stein Noten und ein Lied eingehauen; vor der Sonne, die er angeschauet, erschien ihm die Schrift grün wie die Schrift des Frühlings die über der ganzen erstorbnen Erde läuft. Mit einiger Beschämung las er laut ab:

Mädchen, führet dich dein Knabe
In dem letzten Abendscheine
Hier zu meinem stillen Grabe
Und er wagt es nicht alleine,
Küß' ihn einmal mir zu Ehren,
Das sind meine Seelenmessen;
Kann ich euch das Küssen lehren,
Werd' ich nimmermehr vergessen.

Neue Melodien kommen
Und verdrängen meine Lieder,
Doch so viel ich hab' vernommen,
Kommt das Küssen immer wieder,
Und von diesen Liebesnoten,
Die ich liebend hab' erfunden,
Schallen mir noch bei den Toten
Alle Wiederholungsstunden.

Dolores erzählte nun dem Grafen, daß ihr Vater hier einen lustigen tiefsinnigen Musiker begraben, der lange Zeit sein Freund und Vertrauter gewesen, und den Weg zu diesem schönen Platze zuerst gefunden und geebnet habe. Der Graf sang mit seiner angenehmen Stimme die einfache wohlige Melodie dieses Liedes, der letzte Abendschein schwankte vor seinen trunknen Augen über der Ebene und sah in die Tiefen der Berge; er sah Ihr so sicher in die Augen und sie konnte sie nicht von ihm wenden: es war der gefälligste Mann, der ihr seit langer Zeit erschienen; sie sah in ihm den Glanz ihrer Geburt wieder hervorgehen, sie hörte wieder die rollenden Kutschen vor ihrer Türe, sah in den Fenstern des Schlosses, die vom Abendhimmel widerschienen, alles wie ehemals von Wachskerzen erleuchtet, in den Büschen schienen ihr Musikchöre versteckt und sie verweigerte ihm nicht den keuschen Kuß, den er auf ihre Lippen drückte. Wir eilen, denn unter einfachen Verhältnissen gleicht sich alles in der Welt und jeglicher hat hinlänglich Gefühl in seiner Brust, und wär er noch so arm, um sich lebendiger in solche Stunde hinein zu denken, als es die Worte ihm vorsagen können. Nach diesem Kusse schien dem Grafen alles, was er noch sagen könnte, so leer und nüchtern, daß er mit einem zweiten Kusse von der Errötenden Abschied nahm, und auf und davon über Hecken und Mauer ins Gebürge eilte, seines frohen Herzens selbst bewußt zu werden, das ihn so mächtig anregte. Aber statt ganz fröhlig zu werden, wurde er immer wehmütiger und es rief in ihm, bis er es auswendig wußte:

Sie gab, was mich verarmet,
Mir scheidend ihren Mund,
Sie hat sich mein erbarmet,
Ach Gott, wem tu ichs kund!
Ich kann's nicht in mir lassen,
Es sprenget meine Brust,
Es kann's die Welt nicht fassen,
Was mir allein bewußt.
Wie mir der Abend rötet,
Noch niemand wissen muß;
Ach hätt' sie mich getötet
Im ersten ersten Kuß!
Von Schmerzen könnt ich ruhen,
Im Jubel vieles tun,
In schweren Reiseschuhen
Tanz ich so törigt nun!

Wirklich hatte er in sich jubelnd eine glatte Buche umfaßt, und tanzte um sie her, weil er niemand fand mit dem er tanzen konnte und lachte dann. Allmählig sammelte sich der Taumel aller einzelnen Gefühle, die in ihm aufgeregt, endlich wurde er so gewiß in sich, daß Liebe und Gegenliebe, zwei Gottheiten, die so lange getrennt über den Erdboden einander suchend umherirrten, sich in ihnen beiden so vollkommen begegnet und begrüßt hätten, daß sie wohl nie wieder von einander lassen würden in Zeit und Ewigkeit. Als er nach Hause kam, wollte er noch spät sein Tagebuch schreiben, aber er wußte nicht auszudrücken, was ihm begegnet, schlafen konnte er auch nicht, ob er sich gleich endlich niederlegte und so sang er der Nachtigall zu und dem rauschenden Strome, die mit einander wetteiferten.

Mir ist zu licht zum Schlafen,
Der Tag bricht in die Nacht
Die Seele ruht im Hafen
Ich bin so froh verwacht.

Ich hauchte meine Seele
Im ersten Kusse aus,
Was ist's, daß ich mich quäle,
Ob sie auch fand ein Haus.

Sie hat es wohl gefunden,
Auf ihren Lippen schön,
O welche sel'ge Stunden,
Wie ist mir so geschehn.

Was soll ich nun noch sehen,
Ach alles ist in ihr,
Was fühlen, was erflehen,
Es ward ja alles mir.

Ich habe was zu sinnen,
Ich hab', was mich beglückt,
In allen meinen Sinnen
Bin ich von ihr entzückt.

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