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Gutenberg > Achim von Arnim >

Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores

Achim von Arnim: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores - Kapitel 70
Quellenangabe
typefiction
booktitleHollin's Liebeleben / Gräfin Dolores
authorAchim von Arnim
year1989
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-60010-0
titleArmut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores
pages101-684
created20011206
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1810
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Funfzehntes Kapitel

Unterhaltung der Reisenden in den pontinischen Sümpfen

Die eine charakteristische Ansicht von Italien mag genügen; zu dem Schlusse des Briefes müssen wir aber bemerken, daß er den beiden zum Schreiben gar mancherlei Veranlassung gab. Er hatte die Methode mit Fähigkeiten aller Art die Klingenprobe zu machen, etwas von ihnen zu fordern, was gewöhnlich nicht gefordert werden kann, um ihren Umfang und ihre Dauer ganz zu kennen. So sollten sie ihm im Wagen fertige Tragödien schreiben, besonders gab er ihnen dazu einen Stoff, der ganz sonderbar war, und den sie gleich ausführten. Er setzte eine Fürstin nach Italien, die sich in einen schönen griechischen Schiffsknaben verliebt hätte, und die von ihrem Minister in ihr Land zurückgerufen wurde. Der Kammerjunker lachte erstaunlich, wenn er sich den fischköpfigen Primaner, dies tölpelhafte Ungeheuer, als einen solchen Liebling dachte. Beim Werke, sagte der Minister, nehmen sie darauf Rücksicht, daß in ihm erste, in ihr letzte Liebe wirkt, daß sie in einer Masse von Verhältnissen höherer Art gelebt hat, wovon der Grieche nichts versteht, so daß ein großer Teil ihrer Bildung brach liegen mußte, der auch seinen Umgang sucht; diesen wollen viele unverschämte geldgierige Künstler ausfüllen, dies letztere muß ihnen lustige Szenen geben. – So entstand sehr schnell die folgende kleine Tragikomödie vom


Hylas

Ausgang eines bedeckten Säulenganges nach dem Meere, auf der andern Seite ein hoher Felsen mit Gangen, Blumen, Grotten verziert.


1.

Der Musiker Das halt ich nicht aus, sie laufen immerzu und sagen gar kein Wort.

Der Maler Sie sehen sich nicht um, das ist viel schlimmer.

Der Musiker Wer hat den Strakino zuerst gesehen? wer fand den Bäckerladen?

Der Maler Was wollen sie aber mit dem Zeuge, mit Käse und Brot? Die Fürstin riechts am Ende.

Der Musiker Ich stelle mich immer unter den Wind; es soll ihnen noch gut schmecken, nach allem dem süßen Zeuge, was man hier bekommt, der Magen wird einem ganz hohl davon; der Mensch muß aber einen Kern haben, um zu wachsen, wie kein Getreide vom bloßen Regen wächst.

Der Maler Ich bin noch nicht hier gewesen, geben sie ein Stück her.

Der Musiker Warten sie doch, da bringt ein Kammerdiener Sorbetti, das zuerst, der Käse löst die Dissonanz auf.

Der Maler Das wird schön lauten. Sagen sie, greift man hier so gerade zu?

Der Musiker Nun sehen sie, wie ichs mache. Mein lieber Herr Kammerdiener, wie gehts mit ihrer Flöte. Sie haben da Eis, geben sie mir davon.

Der Kammerdiener Mit meiner Flöte steht es schlecht, Herr Kapellmeister, ich habe zuviel darauf geblasen, die Klappe will nicht mehr halten, und da geht mir die Luft immer zu früh heraus.

Der Musiker Noch ein Glas Eis, wenn ich bitten darf, auch eins für meinen Freund. Es ist jetzt heiße Zeit, ich rate ihnen sehr, da kein Instrumentenmacher in der Nähe, lassen sie die Flöte jetzt ruhig liegen, sie ist bloß ausgetrocknet, wie der Röhrbrunnen vor der Villa; ich wette darauf im Herbste akkompagnieren sie wieder.

Der Kammerdiener Nein, seit der Grieche bei uns ist, werde ich nicht mehr zum Konzerte verlangt; der bläst ihnen wie ein Blasebalg und wird niemals müde und hat einen feineren Ansatz.

Der Musiker Noch ein Glas Eis, wenn ich sie nicht bemühe; Freund essen sie doch, ich fand es lange nicht so gut gerieben, ein wahres Meisterstück. Ein außerordentlicher, ein verfluchter Herr der Grieche! er tut mir auch Schaden, die Fürstin nimmt zwei Singestunden weniger.

Der Maler Ist er denn ein Freund von der Kunst?

Der Kammerdiener Was ist denn das, die Kunst?

Der Maler Die Kunst, ja, sehn sie, die Kunst ist nun eben die Kunst. Ich bitte um ein Glas Eis, es tut doch gut in solcher warmen Zeit. – Ja, wo blieb ich stehn, die Kunst, müssen sie wissen, die Kunst bei einer Fürstin, ich setze ein Beispiel an mir, ich bin ein Maler.

Der Kammerdiener Wenn nun die Fürstin allerlei Schildereien kauft, so ist sie eine Kunstfreundin.

Der Maler Sie wissen es schon, der eine muß es machen und der andere bezahlen. Ich habe nun eine ganze Reihe Landschaften von vier Zoll Breite und drei Zoll Höhe bis fünf Fuß Breite und vier Fuß Höhe, ist wohl im Schlosse noch eine leere Wand, wo sie sich gut machen würden, es soll ihr Schade nicht sein; hier ist meine Taxe, just wie mit den Spiegeln für jeden Quadratzoll mehr, ein Taler. Noch ein Glas Eis, damit mir nicht eine Seite schwerer wird, als die andere.

Der Musiker Was kommentieren sie denn jeden ihrer Bissen, sehen sie, ich nehm ein Glas und schmeiß es in das Meer, daß auch die Fische mitgenießen; nicht wahr Herr Kammerdiener, hier geht alles ganz ins Große.

Der Kammerdiener Es ist doch schad ums Glas, denn schmiß man sie zum Haus hinaus, so wärs doch schad um ihren Rock. Es ist nur beispielweis.

Der Musiker Ja wir verstehn uns alter Freund. Seht noch ein neuer Gast, der Bildhauer mit dem Buckel. Wo seid ihr denn so lang geblieben Packenträger, ihr habt nicht mitgekonnt, wir gingen doch zu gleicher Zeit aus.

Der Bildhauer Das nennt ihr Kraft, den Weg mit schnellen Schritten so kurz zu treten, daß er gar nichts ist. Was ist denn jetzt das Beschwerliche? Die Sonne! Und ich bin so viel länger in der Sonne geblieben, also habe ich vielmehr Beschwerliches ertragen als ihr, die ihr vorzeitige Geburten, halbgare Erdenklöße seid; und seht mich an, ich spring euch noch übern Stock, als käme ich eben aus dem Bette; und vor dem Dorfe hab ich erst eben eine hübsche Grasschneiderin beim Kopf genommen, vorige Nacht war ich bei der Marquise und heute Morgen hab ich einen Zentner Marmor zur Bewegung abgeschlagen.

Der Maler Ein rechter Michelangelo; drück nur einmal, wenn du bei Kräften bist aufs Überbein an deinem Rücken, vielleicht vergeht es noch, du bist noch jung.

Der Bildhauer Ich weiß nicht, was du hast mit meinem Buckel; ich habe mich erst heute noch im Spiegel angesehn, ganz nackt, es ist bloß der Unterschied zwischen rechter und linker Seite, die ihr bei Stieren auch bemerkt. Du bist auch der einzige Mensch, der das findet, ich frage dich du jämmerlicher Musikant, ich bin nicht gerade schön gewachsen aber. –

Der Musiker Nicht gerade, ist so viel wie ungerade, und das muß wahr sein.

Der Bildhauer Herr, ihr seid ein Esel.

Der Maler Leids nicht, steck ihn unter den Tisch, wir wollen ihm Tritte geben.

Der Bildhauer Ich schlag euer Hirn gegen die Mauer, wie ein faul Ei; wer wagts.

Der Kammerdiener Ihr Rekel, könnt ihr denn nicht Frieden halten, wenn ihr Geschäfte machen wollt, es ist ja euer eigener Vorteil.

Der Bildhauer Ich bin zu unmäßig im Zorn, verzeiht ihr Freunde, meine Leidenschaften bringen mich ums Leben. Wie gefällt meine neue Alabasterlampe: Luna, wie sie den Endymion küßt.

Der Dichter eintretend:
O dieses Meeres süße Küsse,
Wie kühlen sie der Nymphen leichte Füße,
Sie laufen nach
Um mit der Well zu spielen,
Doch ach
Sie müssen sich umwunden fühlen
Demütig schmeichelnd scheint die Liebe erst,
Gebietend ist sie, wenn du sie erhörst.

Der Musiker
Willkommen, werter Freund, ich will gleich musizieren,
Womit sie eben jetzt die Ohren mir berühren.
Sie sind im schönsten Kreis von einem Kunstvereine,
Was fehlet uns noch jetzt, die Fürstin ganz alleine.

Der Dichter
O heilger Tag, der mich an diese Schwelle,
In seinem heitern Laufe bringt,
Und wie ein Bach, so irrt ich in der Helle,
Bis jede Welle an der Schwelle klingt,
Da endet mir des Himmels öde Leere,
Ich fühle
Mich wiederklingend endlos in dem Meere,
Und Einklang in dem ewigen Gewühle.
O welches Leben ist mir nun beschieden,
Seit ich mein neblig Vaterland gemieden.

Der Musiker
Hier ist das Land der Kunst, doch ist es etwas heiß,
Beliebt es ihnen auch, ich nehme ein Glas Eis.

Der Dichter
O welches fromme Haus,
Hier stößt mich keiner aus.
O welche milde Hand
Hat Labung mir gesandt;
Ich armer Knab ging aus
Mit einem Blütenstrauß,
Und wollt ein wenig sehn,
Woher die Lüfte wehn,
Die milde zu uns dringen,
Daß alle Kehlen singen.
O Haus voll sanfter Luft,
O Haus voll reichem Duft,
Auch Früchte find ich hier,
An deiner offnen Tür.
Hier streckt ihr Riesenhaupt
Melone aus der Erde,
O wär es mir erlaubt,
Zu folgen der Gebärde:
Sie will gegessen sein,
Doch nimmer ganz allein,
Gebt Zucker hohe Götter,
Und lachet nicht ihr Spötter.
Zuviel ist dieses All,
Daß ich es einsam fühlte
Genießt mit mir einmal,
Was meinen Durst erkühlte;
Ach wären auch die Meinen hier,
Das wär viel lieber mir.

Der Musiker
Sie haben recht mein Freund, wenn mans bei uns nur wüßte,
Sie kriegten all danach ein mächtiges Gelüste;
Versuchen wir einmal, es möchte uns wohl glücken
Gebacknes Obst von hier nach Deutschland auszuschicken.

Der Dichter
Nichts von Gebackenem,
Schnöder Gedanke!
Schaue der Ründung
Himmlischen Bogen,
Schaue die sanft verwachsene Spalte,
Schaue dies wollige
Schützende Kleid,
Schaue den duftenden
Farbigen Staub,
Fühle die Kühle.
O Aprikose
Sage wer wagte
Je dich zu backen,
Der dich gesehen
Schwellend im Glanze,
Irdischer Jugend!

Der Musiker
Sie haben vielen Sinn, doch ist er viel zu weich,
Es wird kein Hebebaum aus einem schlanken Zweig,
Der Künstler sei was hart, will er die Welt besingen,
Denn da muß vielerlei über die Klinge springen.

Der Bildhauer Herr sie haben keinen Mannesmuskel, sie haben Froschschenkel, ihre Lieder passen fürs Wasser, ein ewges Einerlei von Weinerlichkeit.

Der Dichter
Du von der Natur
Schändlich gezeichneter,
Sage mir nur,
Mich den bezeichneten
Himmlischen Adler,
Wagst du zu höhnen;
Heute ich prange
Irdischem Schönen
Morgen entreißen mich
Götter zu sich.

Der Kammerdiener Durchlaucht die Fürstin bedauert sehr, daß sie die Herren heute nicht sprechen kann, sie wäre dringend beschäftigt.

Der Musiker Gelt, mit dem schönen Griechen, lieber Herzensfreund, den Menschen müssen wir los sein, – legen sie ihr doch morgen meine Sonate wieder auf das Klavierpult, die ich ihr dediziert habe, und geben sie ihr doch so vor sich zu verstehen, eine goldne Dose wäre das Wenigste, was sie mir geben könnte, es soll ihr Schade nicht sein.

Der Maler Nun vergessen sie nicht Herzensfreund, sehen sie doch an den Wänden herum, wo noch Platz ist; ich male für alle Arten Lichter, auch da wo keins ist.

Der Bildhauer Da die Fürstin nichts gegen die Lampe sagen läßt, so nehme ich an, daß sie dieselbe nehme und das Geld schaffen sie mir bald, lieber Bester.

Der Maler Hört Kapellmeisterchen, holt doch einmal euern Käse und Brot heraus, ich hab zu viel von dem süßem Zeuge in den Hals laufen lassen.

Der Dichter
Genießt der holden Gunst
In milder Luft zu schweben;
So wird die reine Kunst
Auf euren Lippen leben.

Der Kammerdiener Das Volk wird nie satt.

Der Musiker Die Kunst geht nach Brot.

Alle ab.


2.

Hylas tritt mit einer Mandoline auf und singt:
Wie so schwer vom Herzensgrunde
Reißen sich die Worte los,
Hängen dann noch fest am Munde,
Küssen mich fast atemlos,
Und die Augen gehn mir über
Von der hohen Töne Fieber;
    Ausgestoßen von dem Munde
    Flüchten sie in fremde Welt,
    Ist es auch die rechte Stunde,
    Wo ein jeder Ton gefällt?
    Vor der bang geschlossnen Pforte
    Schweigen scheu der Liebe Worte!

Der Dichter an der Gartenmauer singt:
Worte rufen nach Gedanken,
Die Gespielen blieben heim,
Die spielordnend loben, zanken,
Da begegnen sie dem Reim.
Daß er sie in Reih und Glieder
Ordne zu dem Spiel der Lieder.
    Und dem Reim folgt der Gedanken
    Beide sind ein liebend Paar,
    Beid auf schmalem Stege schwanken,
    Sich umschlingen in Gefahr,
    Weinlaub so umschlingt die Bäume,
    Daß es sie mit Glanz besäume.

Hylas
Hoffend tauch ich in das Grüne,
Singend in das Himmelblau,
Und die ganze Frühlingsbühne
Sagt von dir du schöne Frau,
Könnt ichs so geläufig sagen,
Würd ich nicht nach Liedern fragen:
    Muß ich nicht bedenklich werden
    Folg ich dir mit dem Getön,
    Ziehet kalter Wind auf Erden
    Und ich hör nur sein Gestöhn,
    Rings die Wärme seh ich zittern
    Und die Ferne hell gewittern.

Die Fürstin in der Ferne:
Wär am Himmel sichre Helle,
Himmelglatt der Erde Rand,
Aber an des Himmels Schwelle
Ist gezahntes Felsenland
Und der Regen tritt entgegen,
Will sich zwischen uns noch legen:
    Himmels Fensterscheiben brechen
    Und die Laden donnern an,
    Da ich wollt vertraulich sprechen,
    Uns die Sonne ganz zerrann:
    Ach ich meine im Zerstören
    Warnend einen Geist zu hören.

Hylas
Klimm mit mir zu jenen Höhen,
Und ich sag von Liebe dir!
Ach wie ist mir nun geschehen,
Nun das Meer tief unter mir,
Hör die Steinlein drinnen schallen,
Die von meinen Tritten fallen.
    O so fallen leicht vom Herzen
    Meine Wort ins Freudenmeer,
    Und es scheinen meine Schmerzen,
    Wie die Worte mir so leer:
    Halt mich fest und lieb mich wieder,
    Sieh ich stürze sonst hernieder.

Die Fürstin Hier laß uns weilen auf dem Rasensitze,
Denn schönern Blick gewährt wohl nie die Welt;
Wie schwingt sich alles auf in Lust und Klang,
Nur du bist stumm, mein süßer, süßer Freund.

Hylas Ich sehe in ein tiefes grünes Wasser,
In tiefe blaue Luft, in blendend Feuer
Und bin ich nicht ein Stein, muß ich vergehn.
Sieh doch, jetzt ist die Luft schon wieder blau,
Ich bin noch finster wie sie eben schien,
Auch bricht die Nacht bald über uns herein.

Fürstin So sprichst du immer anders, als erwartet,
Warum kannst du nicht artig schwatzen, so wie ich;
Was in die Hand mir fällt wird mir zum Spiel,
In jedem Blatt schenk ich dir neu ein Herz,
In jeden Stengel schling ich Liebesknoten,
Ich bring ihn dir, du schweigst und läßt ihn fallen.

Hylas Du gibst zu viel, und sollt ichs all bewahren,
Ach ich erläge unter Dankes Last;
Hab ichs dir nicht gesagt, als wir zum erstenmale
Vertraulichkeit mit unsern Lippen tauschten:
Sind meine Augen dir nicht klar wie Glas,
Ins Innere des Herzens mir zu lesen,
Durch meine Zunge läßt es sich nicht aus,
Und nur wie Funken aus dem Stein geschlagen
Entwickelt sich ein kurzer Schein, wer den
Nicht fängt, in Flammen höher auf zu lodern
Der kennt ihn nicht, dem bin ich tot,
Und wie in einem Sarg in mir verschlossen.

Fürstin Verkenne nicht mein sorgliches Nachfragen,
Die Lieb spricht gern ein überflüssig Wort,
Damit sie nicht, was irgend Not, versäume, –
Nicht ich bedarf der steten Rede Spiel,
Es saget mir dein lieber Blick so viel,
Wenn meine Hand dir Stirn und Wang berühret,
Es sagt mir mehr, als je ein Mund gesagt,
Wenn ich dein Herz lebendger schlagend spüre;
O welches Lied kann hüpfen also leicht.
Nein nicht um mich brich dieses lange Schweigen,
Mit dem du oft an meinen Blicken haftest,
Nur ich, ich fürchte du bemerkst an mir
Was dir mißfällt, was du mir gern verschwiegest.

Hylas So kommt ihr her, aus eures Nordens Wüste,
Den lieblichsten Genuß mißgönnt die Furcht,
Die sonst um euch in der Natur gelauschet,
Bis sie den Weg zu eurer Seele fand;
Wie ihr sonst schwindelnd auf den Bergen standet,
So steht ihr fürchtend auf der Liebe Wipfel!
Es mögen Flammen aus dem Wipfel steigen,
Die Länder beben in dem innern Grund,
Hier lasse schwinden alles eigne Leben
Vor einem Leben, das uns all durchdringt,
Das heftig unsern Atem hier bewegt
Und mit dem Mond, der dort dem Meer entsteigt,
In einer Nacht für Millionen lebt.
Bewahren läßt sich nichts und viel genießen,
Mir lasse ganz des Busens Freude scheinen;
Und was dir noch von alter Sorge bleibt,
Das schreibe all an alte Freund nach Haus,
In jene Gegend, wo sie immer sorgen.

Fürstin Ach wohl bekenn ich mich der Sünde schuldig,
Mit Wahn den keimenden Genuß zu stören,
Doch ist er nicht so leer mein schöner Knabe;
Auf meinen Wangen prangt nicht mehr die Frische.
Mit der du gern in jeder Frucht dich siehst,
Mit allen Lüften fühlst und dich bewegst,
Und was in mir geschieht ist fast geendet.
Sieh morgens nur dein Angesicht im Wasser,
Es wird bewegt von wechselndem Verlangen,
Es wird bewegt wie von der Luft das Feld
Und es vergeht kein Tag, wo du nicht lernest,
Wo du nicht wächst zum größern Manne auf.
O sag in diesem Blick, was sagtest du,
O sag, was dachtest du im Augenblicke.

Hylas Beim Zeus, ich dachte nicht, ich sah dich an,
Wie von der Lampen Schimmer du erhellt,
Die einen neuen Tag in Nächten schaffen
Und hab ich mehr gedacht, ich weiß nichts mehr;
Beim Zeus, du denkst dir gar zu viel in mir,
An deiner Seite denk ich nur an Dich.

Fürstin O schweig, es war der lieblichste Gedanke,
Du willst mit neuer Lust mich überraschen,
O daß du mir so was verbergen kannst,
Daß ich nicht ganz in dir mich kann verlieren,
Nicht kann mit deinen dunklen Augen sehen,
Mit deinen Pulsen nicht die Zeit mir messen!
Bewache mich, daß ich die Brust dir nicht
Zerreiß, mein Schicksal dir im Herzen lesend;
Wie jene Deuter in der alten Zeit
Die schönsten Menschen opferten, um dann
Aus ihrem Innern Künftges zu vernehmen;
Dann wär ich ja mit meinem Schicksal fertig.

Hylas Du läßt mir gar nichts übrig, dir zu sagen,
Denn wie das Meer Italien umspannt,
So sanft, so wild, so schrecklich und so lieblich,
So regst du jeden Sinn in dem Gemüte,
Und gibst ihm gleich ein ewig deutlich Wort.
Was kann ich mehr noch, als dein Nachklang sein,
Und bessres, nimmer als dein Widerhall.

Fürstin Was ich dir gebe, bring ich dir zurück,
Ich habs von dir, du nichts von mir empfangen,
Denn wie die Biene alle Blüten regt,
Die an der Erde träge duftend liegen,
Mit ihrem Atem nicht, mit ihren Flügeln,
So regen auch, wenn du die Arme um mich legest,
Sich alle frohen Blüten wieder auf.

Hylas Und wie ich jetzt so an mein Herz dich drücke,
Da fühl ich in dem Augenblicke wieder,
Was ich oft überhört, wenn du gesprochen;
Du weißt, ich habe manchen alten Traum,
Der mich nicht läßt, hab ich ihn gleich verlassen.

Fürstin Ich sitz dir stets zur Beichte, leg den Mund
Dir immer an das Ohr, dir zu bekennen,
Was in mir vorgeht; nun bekenn mir auch,
Was ist es für ein Traum, der dich bewegt,
Der dich aus meinen Liebesnetzen zieht
Und an den wesenlosen Himmel mahnt,
Dem ich dich schöner Vogel hab geraubet;
Ein nutzlos Mühen hast du so verloren,
Sieh wie die Vögel steigen um zu fallen,
In meiner Liebe steigst du immerdar.

Hylas Du bist mir Vaterland und Freiheit, alles
Was ich verloren und – was ich gehofft.
Und füttre ich die Tauben und die Schwäne,
Mir sind sie lieb, weil du zu ihnen lächelst,
Nach keinem Ausflug mehr verlangt mein Herz;
Denn gar ein wunderbares geistges Leben,
Seh ich in deinen Künsten überschweben.
Ach wär ich doch ein Bild von deiner Hand;
Verachte meine kleinen Künste nicht,
Der Himmel treibt die Gärtnerei mit mir.

Fürstin Der Himmel will dir wohl, er denkt wie ich,
Du weißt es ja, ich freu mich jeder Blume,
Die du mir sorglich aufgezogen hast;
Und ihre Kränze sind lebendger doch,
Als alles, was mein Pinsel dir kann zaubern.
Erfreu dich deines Werks, weil ichs bewundre,
Und rühmen keine andre deinen Garten,
Gedenk, ich leb darin die schönsten Stunden.
O sieh die Malven, die du einst geflochten,
Zum Zelte mir, wo wir so traulich schliefen,
Sieh, wie die Sonne heut daran gewelkt;
Gewiß, sie schmachten heut nach frischem Regen;
Ich muß vergelten, wie sie mir getan,
So will ich sie auch heute noch erquicken.

Hylas Sie sind so schöner Mühe doch nicht wert.

Fürstin Ich bitte dich, o laß mir diese Sorgen,
Denn eine Sorge muß ich immer haben,
Wie du mir oftmals liebend vorgeworfen.

Hylas So seh ich dir hier unterm Kirschbaum zu,
Und jeder deiner Schritte scheint mir Tanz,
Und Anmut schwebt in jeglicher Bewegung;
Ein schöner Demantstrom entrinnt der Hand,
Im Lampenschimmer düftets rings so frisch.

Fürstin singt während des Begießens der Blumen:
Der Himmel ist oft hell, kann dann bald weinen,
Deckt seine klaren Augen zu,
Die auch verhüllet noch zu trauren scheinen,
So glänzest Du, so scheinest Du.

So traure Du, so sei verlassen trübe,
Ja regne Tränen ohne Zahl,
Wenn wandelbar einst unsre Liebe
Denn solches Glück besorgt den Fall.

In wunderbar geflochtner stummer Liebe
Ist so besorglich schon die Qual,
Daß sie so gern zur Totenfeier hübe
Den frohsten Blick zum Sternensaal.

Du stiller Winter wehest schon vom Himmel,
Ihr weißen Wolken, ewger Schnee,
Ihr zieht schon vor die Sterne mit Getümmel,
Der Mond stürzt weinend in die See.

Hier blüht der Garten, Lilien deine Wangen
Mit Tausendschönen mischen sich,
Wo keusche Rosen schwankend überhangen,
Schwül ist die Luft für mich und Dich.

Hylas singt halb träumend:
Der Kirschbaum blüht, ich sitze da im Stillen,
Die Blüte sinkt und mag die Lippen füllen,
Auch sinkt der Mond schon in der Erde Schoß
Und schien so munter, schien so rot und groß;
Die Sterne blinken zweifelhaft im Blauen
Und leidens nicht, sie weiter anzuschauen.
Die Fürstin verliert sich unter den Blumen; Hylas schläft ein.


3.

Der Kanzler tritt durch die Gartentüre ein:
Dies ist der Fürstin Schloß, ich habs erkannt
Nach dem Gemälde, das sie uns gesendet,
Doch kaum erreicht hat ihrer Maler Kunst
Den Reichtum dieser wunderbaren Gegend,
Die weit umher in nächtlicher Beleuchtung glänzet,
Als sei ein ewger Tag rings um sie her.
Wie fühl ich mich so weich in diesem Land,
Als würd ich erst in meinem Alter reif,
Und grausam soll ich Sie dem Land entreißen?
Ich werde alt, ich wünsche auch Genuß,
Wie lange soll mich noch die öde Arbeit halten,
Die in sich selber ungeheuer wächst,
Da meiner Kräfte Schnellkraft sich verlieret,
Daß ich sie nur im steten Kampf mag zähmen;
Wo find ich Ruhe bei geliebten Wesen?
Und meine Fürstin hat sie hier gefunden!
Ich hab nicht Weib, nicht Kinder, weh mir Armen,
Und für die Liebe bin ich nun zu alt.
Ja Mond, so geht es in der Welt: dem Jüngling,
Versprachst du viel, und so läuft alles ab.
Er sieht Hylas.
Welch schöner Jüngling ruht hier unterm Kirschbaum?
An diesem Bild der Fürstin, das ihn ziert,
Erkenn ich ihn, es ist der schöne Grieche,
Der ihre Neigung so allmächtig fesselt.
Nie sah ich Schönheit in so wilder Stärke,
Dir solls nicht fehlen, schlafe ruhig fort,
Ich reiße dich aus der Geliebten Armen,
Die eher deine Mutter könnte sein.
Ich führ als Vater dich ins junge Leben,
Du bist geschickt zum Kriege, wie zur Liebe;
Ich fühl an dir ein väterlich Gefallen,
Und muß ich dir auch heute wehe tun,
Ich kann es bald als Vater dir vergüten.
Wer weiß, ob du dich viel darum bekümmerst,
Denn aufwärts klimmt die Neigung gar zu selten.
Daß sie dich liebt, ich kann es wohl begreifen,
Doch deine Neigung kann nicht dauernd sein.
Ich löse schnell, was sich bald selbst vernichtet.
Die Fürstin kommt; jetzt träge Überlegung,
Jetzt weiche, mach der Überredung Platz;
Sie ist verändert unsre Fürstin hier,
Hat gar nichts mehr vom alten Herrschertritte
Der schnell und fest uns oftmals glauben machte,
Es käm ein fremder Held durchs Nebenzimmer.


4.
Der Kanzler, die Fürstin.

Fürstin Wie? Täuscht mich nicht der Lampen farbger Schimmer,
Sie sind es Freund, mein treuer, vielbewährter,
Die Stütze unsres Landes; bester Kanzler,
Woher so unerwartet? Um so freudger
Begrüß ich sie!
Sie reicht ihm die Hand zum Küssen.

Kanzler         Wohl mir, die schöne Hand
Errat ich nun nicht mehr aus bloßen Zeichen,
Die der Gedanken hohen Lauf mir sagen,
Ich fasse sie und möchte nie sie lassen,
Bis ich des Staates Zügel drein gelegt,
Denn ihr allein ist folgsam jene Menge,
Die mit mir durchgeht, trotzig widerstrebend
Vom Diener dulden Diener selten Strenge.

Fürstin O legen sie die weisen Sprüche ab,
Es steckt noch kalte Luft in allen Falten,
Hier lüften sie sich bei dem Meeresrauschen,
Worin die Sterne spielend niederwallen,
Hier wird die Nacht zum aller frohsten Tage.

Kanzler Ach könnten wir das ganze Land herschwemmen,
Wie eine neue Insel, und ein Volk
Von Glücklichen in leichter Lust regieren!

Fürstin Regieren sie, ich bin ein schwaches Weib,
Hab nicht der Männer Sinn, nicht ihre Kraft;
Sie Freund, sie machens besser jetzt als ich,
Als ich es je vermocht, ein jeder rühmt sie.

Kanzler Gedenken sie der letzten Briefe nicht?

Fürstin Wohl, ja, doch las ich nur den Schluß davon,
Daß alle noch gesund sind, die mir lieb.

Kanzler Sie lasen nicht den Anfang dieser Briefe?

Fürstin Ich weiß seit lang, sie machen alles recht.

Kanzler Wohl mir, daß ich zur rechten Zeit noch bringe
So wichtige, bedeutungsschwere Nachricht:
Ihr Bruder, gnädge Fürstin, hat ganz trotzig
Sich einen Kreis von Abenteurern kühn
Gesammelt; die guten Bürger hängen noch
An ihrer Fürstin, doch sie fordern schnell
Die Gegenwart, die alles kann vereinen,
Die Frevler ohne Blutvergießen schreckt,
Die allen Guten gibt das Zutraun wieder.

Fürstin Sie wähnen nun, ich würd ganz eilig kommen,
Mich selbst dem allgemeinen Wohl zu opfern,
Wo keiner hat den Mut, für mich zu streiten.

Kanzler Ich habs gewagt, ich bin verhöhnt, verwundet.

Fürstin Ich nehme sie von Allen immer aus,
Doch eben weil sie da so einzeln stehn,
So ist des Volkes Rest wohl nicht viel wert,
Und ists was wert, ich bin zu schwach zum Schützen,
Ich kenne sie, fest wie ein Eichenbaum,
Ich bin aus leichtem Holz und wie ein Rohr,
So schwank ich in den Lüften hin und her;
Ich mag nichts machen in der Welt, denn was
Geschieht, das macht sich selbst und wird nicht schwer.

Kanzler Nein, ich versteh sie nicht, sie sind verwandelt.
Bei Gott, es gibt auf Erden ihrer zweie,
Die eine war des Vaters Ebenbild,
Es sprach sein Geist durch ihren heilgen Mund,
Die Klugheit, früh entwickelt an der Größe,
Die Weisheit, an der Tätigkeit gekeimt,
Die Güte, in Erfahrung schön gereift;
Das sind sie nun nicht mehr, wer kanns erklären?

Fürstin führt ihn zu dem schlafenden Hylas:
Hier sehen sie die Weisheit, die mich blendet,
Die Güte, die mich hat so schön gereift,
Und meine Klugheit ist, ihn zu bewahren,
Vor dessen Schönheit tausend Thronen sinken;
Wenn die geschloßnen Augen mich beherrschen,
Wo nähm ich Macht, wenn sie sich öffneten,
Um scheidend mich zum letztenmal zu grüßen.

Kanzler Ja ich bekenn' es, dieser Tausch ist hart
Und dieser Jüngling wert des schönsten Throns.

Fürstin Des Herzens wert, zu gut für jeden Thron;
Für ihn ist das Entsagen jedes Throns
Nicht schwerer zu vollbringen, als zu sprechen.
Ich kenne was ich meinen Reichsgesetzen,
Was ich als erstes Beispiel schuldig bin;
Nicht andre will ich selbst zur Torheit mahnen,
Sie führte mich so schnell von alter Weisheit:
Es waltet über jedes Volk ein Schicksal,
Ich überlaß mein trostlos Volk dem seinen,
Mein Schicksal ist die Liebe nun allein.

Kanzler Ich war nicht vorbereitet, gnädge Fürstin,
Daß ihr Entschluß so überlegt und fest.

Fürstin Er ist gefaßt nach langer Überlegung,
In meinem Zimmer lieget die Entsagung
Nur wenig wünsch ich aus des Vaters Schätzen,
Ein mäßig Jahrgehalt, und wird mir dies
Verweigert – arm in diesen Armen ist
Auch Reichtum – viele möchten mit mir tauschen.

Kanzler Was meine Rede mir im Mund erstarrt,
Beweget tiefer noch mein ganz Gemüte;
Ich war bereitet auf ein schwer Geschäft,
Doch abgeschlossen alles hier zu finden,
Vorüber alles, alles wohl bedacht,
Wie ich es nimmermehr erleben möchte,
Vieljährge Arbeit in den Wind zu streuen!
O Fürstin, schweigen denn Millionen Stimmen
In ihrem Herzen, die in diesem Drucke
Der unnatürlich gegen sich ergrimmten Zeit
Viel tausend Seufzer täglich, nächtlich senden?
Ach dieser Strom der Luft, der uns umhaucht,
Und aus dem Norden strömt, ist schwer beladen
Mit tausendfacher Not, die jene drängt.
Er klagt es leise seiner Hoffnung Fürstin,
Der Schöpferin von allem unserm Glücke
Soll dieses ganze Glück in Torheit sinken,
Denn also wills des Bruders wahner Sinn.

Fürstin Sie quälen mich; ich überzeug mich nicht.
Mein Volk vergeß ich nie im treuen Herzen,
Doch weil ich schwach, darum vermag ich nichts,
Es liegt mir nah, der holde Schläfer näher:
Ich bin ein schwaches Weib, ich bin nicht mehr,
Wie ich wohl einstmals war, eh ich ihn sah.
Was ich geschaffen, würd ich jetzo stören,
Was mir im Glück geriet, verdürbe Unglück.
Ich bin viel törigter als je mein Bruder,
Und dieser Knabe ist mir Gott und Welt,
Ihm opfere ich mich und auch mein Volk.

Kanzler Der tätge Mensch vergißt so viel,
Und jeder Tag macht neu die tätge Seele.

Fürstin Das Weib vergißt so viel, und doch nicht alles;
Das Vaterland, die Eltern und die Freunde,
Vergißt das Weib und folget ihrem Mann.
Doch fort von hier – es regt sich der Geliebte;
Nie darf er wissen, was wir hier gesprochen.
Sie gehen mit einander fort.

 

Hylas richtet sich auf:
Nie darf er wissen, was wir hier gesprochen,
Und welcher Gott gab es im Schlaf mir ein;
Der Gott, der gibts den Seinen in dem Schlaf,
Ich stamme auch aus dem Geschlecht der Götter,
Träum aus du arme Seele, träume aus,
Damit du klar erwachst vom trüben Denken!
Hier stand der ernste Mann mit finstrer Stirn,
Er sprach mit tiefer Stimm ein ernstes Wort:
Dem Knaben opferst du dein ganzes Volk?
Und ruhig sprach da meine Fürstin drauf:
Ihm opfere ich mich und auch mein Volk.
Was dringt in meine Adern, welche Scham,
In meine Sehnen, welche Heldenstärke,
In alle Sinne, welche ewge Klarheit,
Mein ganzer Wille wird nun zum Entschluß;
Schon steh ich jenseit dieses wüsten Lebens,
Weit über euch ihr niedern Erdengötter,
Da ruh ich in der Schicksalsgöttin Armen.
Ich sollt mir opfern sehn so reine Größe,
Und nichts gewinnen als ein schwelgend Leben?
Ich hasse euch ihr unglückselgen Götter,
Die ihr das rote Blut in tausend Bächen
An den Altären müsset fließen sehen;
Des Mitleids Qualen könnt ihr nimmer stillen,
Euch opfern nie dem Schicksal ewger Liebe!
Ich fühls, jetzt wird im Kopfe mir so licht,
Dem neuen Tage strahle ich entgegen,
Der aus den Fluten sich so kräftig dränget.
Nein ich gehör nicht mehr dem neuen Tage,
Er zwingt mich nicht zu glauben an sein Licht,
Das nur ein Gegenschein von meiner Liebe.
Bald werf ich mich der Sonne froh entgegen,
Damit ich selbst der weiten Welt erscheine. –
Noch einmal denk ich alles Glücks allhier!
Seit mich die Fürstin in die Arme nahm,
Da fiel des Glückes Tau so reichlich mir;
So unersättlich ich darin auch schwelgte,
Ich fragte nicht, ob es auch dauern könne,
Wär es das Glück, wenn Zeit zum Umschaun bliebe;
Es reißt uns an den Haaren in die Höh
Und läßt uns dann in öde Tiefen fallen,
Wie Steine unter meinen Tritten fallen,
Und schallen in dem bodenlosen Meer.
Lebt wohl ihr Blumen, die ich lieben lehrte,
Hier unter euch, da sah ich sie verschwinden
In meines Abschieds trüber Dunkelheit;
Bald wird es Tag von einem neuen Lichte
Und werd ich Licht, wenn ich dem Meer entsteige,
So fall ich hier in ihre holden Augen!
Ihr Tauben, meiner Liebe, sanfte Boten,
Ich glaub mit euch zu fliegen übers Meer,
Ich seh ins ewig Ruhelose freudig,
Das steigend fällt und fallend steigt,
O nimm mich auf, ich bin wie Du!
Er stürzt sich mit ausgebreiteten Armen ins Meer, dem die Sonne entsteigt.


6.
Die Fürstin und der Kanzler.

Fürstin Sie kennen mich, daß ich nie mehr gesagt,
Als ich vollführen kann; ich kenne sie,
Daß sie nicht wiederholen mögen, was
Vergebens bleibt. Mein Schluß bleibt immer fest.
Dem Throne zu entsagen ist mir leicht;
Von ihnen wird der Abschied schwer mein Freund.

Kanzler Mich hält, ich weiß nicht welche Hoffnung fest,
Daß sich ihr harter Sinn noch läßt erweichen;
Umsonst gewirkt zu haben ist so schwer,
Uns beide trifft das, wenn es dabei bleibt.

Fürstin Ich hab gelebt, seit ich nicht mehr gewirkt,
Versuchen sie in gleichem Sinn zu leben;
Dann frag ich sie, ob sie nicht gern entsagen.

Kanzler Ich bin zu alt zu einem neuen Leben.
Es läßt sich Liebe nicht so leicht erwerben,
Was nicht erworben, läßt sich nicht bewahren.

Fürstin Ich bin auch älter als mein schöner Hylas;
Ich sterbe früher, weil ich älter bin:
So überlebt mich herrlich meine Liebe.
O Hylas komm, nach solchen ernsten Worten
Bedarf ich deiner Töne leichtes Spiel,
Und deiner Züge viel bedeutend Bild.

Kanzler Ich höre an dem Meere Klagetöne.

Fürstin Es ist so mancher Unglücksfall am Meer.
Mein Hylas komm! Er hat ein zart Gemüt
Und vor der Trauer muß ich ihn bewahren;
Er ist so klar so froh wie jene Sonne,
Die aus den Wellen hellgebadet steigt.


7.
Die Künstler tragen die Leiche des Hylas nach dem Hause.

Der Dichter
Setzet nieder eure Bürde,
Schweigt im ernsten Trauerhaus,
Wohl geziemt sich Ernst und Würde,
Wo die Schönheit lischt in Graus.
Wo die Wärme ist verschwunden
Kommt der öde Winterschlaf,
Alle Stärke ist geschwunden
Alle Glieder sinken schlaff.

Fürstin
Keinen Toten kann ich sehen,
Helfen kann ich ihm doch nicht,
Kann zur Hülfe was geschehen,
Sorgt, daß ja nichts hier gebricht.
Gern will ich ihm Obdach schenken,
Bis die Erde ihn verschließt,
Doch mit anderen Geschenken
Wär ich lieber heut begrüßt.

Dichter
Sehnlich wirst du nach ihm sehen,
Und in den erblaßten Zügen
Les auf einmal alles Wehe,
Kenne wieder dein Vergnügen.

Fürstin
Sagt, wer ist es denn gewesen,
Daß ihr mich wollt zu ihm ziehen.

Dichter
Ach das schönste aller Wesen,
Selbst der Tod in ihm ist Blühen

Fürstin
Wehe, wehe, Hylas, Hylas!
Ach das ist mein Hylas nicht,
Denn er hört nicht, Hylas, Hylas!
Blaß ist auch sein Angesicht.
Kalt die Lippen, und gebrochen
Ist der Augen Feuerschein,
Tausend Tränen in den Locken,
Ach er ist nun nicht mehr mein!

Kanzler
Ist kein Mittel ihn zu retten?

Dichter
Alles ist umsonst versucht!
Ach wer kann das Leben retten,
Das vor sich in eigner Flucht;
Denn die Arme ausgebreitet,
Stürzte er sich selbst ins Meer,

Fürstin
Welcher Gott hat ihn geleitet,
Und verwundet mich so schwer.

Kanzler
Fürstin seht des Schicksals Willen,
Dem der schöne Knabe fiel.

Fürstin
Sterbend muß ich so erfüllen,
Was für meine Kraft zu viel.

Kanzler
Traurend konntest du beglücken
Schöner Gott, der hier verbannt,
Mochtest oft zum Himmel blicken,
Heimwärts hast du dich gewandt.
Fallet alle vor ihm nieder,
Seine Seele strahlt im Meer,
Gebt den Staub dem Staube wieder,
Dieser Leib war ihm zu schwer.
Ihm zum Tempel sei geweihet
Dieses Schlosses weiter Raum,
Daß die schöne Kunst erneuet,
Was im Leben flüchtger Traum.

Fürstin
Führe mich du weise Stärke,
Ich gehorche deinem Rat,
Tränen sind nun meine Werke,
Jammer meine einzge Tat.

Die Schwalben
Wir versuchen die jungen Flügel
An dem grünenden Grabes Hügel,
Schlagen mit schwarzem Flügel die Luft,
Streifen vorüber im Morgenduft;
Singen einander mit fröhligem Munde,
Unser Leben, das mißt nicht die Stunde,
Einmal erscheinet ein Morgenrot
Weht in der Asche, leuchtet im Tod,
Netzet die Flügel im Meeresschaume
Und wir erwecken euch alle vom Traume.


8.
Fürstin, Kanzler ziehen fort. Die Künstler bleiben.

Dichter
Wie die Fürstin es befohlen
Sorget für ein Trauerfest.

Musiker
Meine Zeit ist nicht gestohlen,
Sorgen sie erst für das Best.

Bildhauer Wie konnten sie so dumm sein und die Fürstin so fortgehen lassen, ohne ihr einen Überschlag der Kosten zu machen, wenn wir dem neuen Gotte einen Tempel wirklich erbauen sollen.

Dichter
Meine Tränen, wer kann sie bezahlen,
Meine Worte ach, wer kann sie hemmen?

Musiker
Meine Noten laß ich mir bezahlen,
Also werden sie sich auch bequemen.

Kammerdiener Die Fürstin hat mir die Vollmacht gegeben, alles Notwendige zu dem Denkmale zu berichtigen.

Bildhauer Was ist nun für Not. Victoria, es lebe, ich wollte sagen, es sterbe der Herr Hylas.

Musiker Pereat.

Maler Dreimal tief

Dichter
Alle andern ziehen lachend,
Von dir fort du schöner Gott,
Böse Zeit, wo Schönheit Spott;
Mich begeistre bei dir wachend,
Daß ich wieder neubelebe
Dieses Herz, das ganz gestillt,
Oder daß ich toderfüllt
Mit dir zu dem Äther schwebe.

 

Während der Vorlesung waren die Reisenden in den schlimmsten Teil der pontinischen Sümpfe gefahren; ferne brauste das Seewasser durch den Felsenrachen ins Meer zurück, aber es stand noch überall in kleinen Lachen von farbiger Schlangenhaut überzogen; bleiche Menschen beschäftigten sich mit der Straßenbesserung, und erinnerten die Reisenden sich nicht dem Schlafe zu überlassen, weil er tödlich, und doch umflog der Schlaf hier so unablässig mit seinen Nachtfaltern das Haupt, daß jeder mit stetem Bewegen sich dagegen zu verteidigen bemüht war. Der Minister aber versicherte, wenn die Poesie sie nicht einmal gegen den Schlaf sichern könne, so wäre sie zu gar nichts wert, und damit wurde dem Kammer<junker> aufgetragen, noch etwas mitzuteilen, etwa eine Geschichte, worin die Verschiedenheit des Alters in Freundschaft, Haß, Liebe recht wunderlich zwischenträte. – Der Kammerjunker versicherte, daß er nach einer sonderbaren Bergwerksgeschichte eine eben so sonderbare Ballade geschrieben, die er hersagen könne.


Des ersten Bergmanns ewige Jugend

        Ein Knabe lacht sich an im Bronnen,
Hält Festtagskuchen in der Hand,
Er hatte lange nachgesonnen,
Was drunten für ein neues Land.
Gar lange hatte er gesonnen
Wie drunten sei der Quelle Lauf;
So grub er endlich einen Bronnen,
Und rufet still in sich, Glück auf!
Ihm ist sein Kopf voll Fröhlichkeiten,
Von selber lacht der schöne Mund,
Er weiß nicht, was es kann bedeuten,
Doch tut sich ihm so vieles kund.

Er höret fern den Tanz erschallen,
Er ist zum Tanzen noch zu jung,
Der Wasserbilder spiegelnd Wallen
Umzieht ihn mit Verwandelung,
Es wandelte wie Wetterleuchten
Der hellen Wolken Wunderschar,
Doch anders will es ihm noch deuchten,
Als eine Frau sich stellet dar:
Da weichen alle bunte Wellen,
Sie schauet, küßt sein spiegelnd Bild,
Er sieht sie, wo er sich mag stellen,
Auch ist sie gar kein Spiegelbild.

»Ich hab nicht Fest, nicht Festes Kuchen,
Bin in den Tiefen lang verbannt!«
So spricht sie, möchte ihn versuchen,
Er reicht ein Stück ihr mit der Hand;
Er kann es gar kein Wunder nennen,
Viel wunderbarer ist ihm heut,
In seinem Kopf viel Lichter brennen
Und ihn umfängt ganz neue Freud;
Von seiner Schule dumpfem Zimmer,
Von seiner Eltern Scheltwort frei,
Umfließet ihn ein selger Schimmer,
Und alles ist ihm einerlei.

Sie faßt die Hand, dem Knaben schaudert,
Sie ziehet stark, der Knabe lacht,
Kein Augenblick sein Mut verzaudert,
Er zieht mit seiner ganzen Macht,
Und hat sie kräftig überrungen
Die Königin der dunklen Welt,
Sie fürchtet harte Mißhandlungen
Und bietet ihm ihr blankes Geld.
»Mag nicht Rubin, nicht Goldgeflimmer«,
Der starke Knabe schmeichelnd spricht,
»Ich mag den dunklen Feuerschimmer
Von deinem wilden Angesicht.«

»So komm zur Kühlung mit hinunter!«
Die Königin, ihm schmeichelnd, sagt,
»Da unten blüht die Hoffnung bunter
Wo bleichend sich das Grün versagt.
Dort zeige ich dir große Schätze,
Die reich den lieben Eltern hin,
Die streichen da nach dem Gesetze,
Wie ich dir streiche übers Kinn.«
So rührt sie seiner Sehnsucht Saiten,
Die Sehnsucht nach der Unterwelt,
Gar schöne Melodien leiten
Ihn in ihr starres Lagerzelt.

Gar freudig klettert er hinunter,
Sie zeigt ihm ihrer Adern Gold,
In Flammen spielt Kristall da munter,
Der Knabe spielt in Minnesold.
Er ist so gar ein wackrer Hauer
Mit wilder Kühnheit angetan,
Hat um sein Leben keine Trauer,
Macht in den Tiefen neue Bahn,
Und bringet dann die goldnen Stufen
Von seiner Köngin Kammertür,
Als ihn die Eltern lange rufen
Zu seinen Eltern kühn herfür.

Die Eltern freuen sich der Gaben
Und sie erzwingen von ihm mehr,
Viel Schlösser sie erbauet haben
Und sie besolden bald ein Heer:
Er muß in strenger Arbeit geben,
Worin sie prunken ohne Not.
Einst hört er oben festlich Leben,
Den trocknen Kuchen man ihm bot.
Da kann die Köngin ihn nicht halten,
Mit irdisch kaltem Todesarm,
Denn in dem Knaben aufwärts wallten,
So Licht als Liebe herzlich warm.

Er tritt zum Schloß zum frohen Feste,
Die Eltern staunen ihn da an,
Es blickt zu ihm der Jungfraun Beste,
Es faßt ihr Blick den schönen Mann,
Im Bergkleid tritt er mit zum Tanze
Und hat die Jungfrau sich erwählt,
Und sie beschenkt ihn mit dem Kranze,
Er hat die Küsse nicht gezählt.
Da sind die Brüder zugetreten
Und seine Eltern allzugleich,
Die alle haben ihn gebeten
Daß er doch von dem Feste weich.

Da hat er trotzig ausgerufen:
»Ich will auch einmal lustig sein,
Und morgen bring ich wieder Stufen
Und heute geh ich auf das Frein!«
Da hat er einen Ring genommen,
Vom Gold, wie es noch keiner fand,
Den hat die Jungfraun angenommen,
Als er ihn steckt an ihre Hand.
Dann sitzt er froh mit ihr zum Weine,
Hat manches Glas hinein gestürzt;
Spät schwankt er fort und ganz alleine,
Manch liebreich Bild die Zeit verkürzt.

Die Lieb ist aus, das Haus geschlossen
Im Schacht der reichen Königin;
Er hat die Türe eingestoßen
Und steigt so nach Gewohnheit hin.
Die Eifersüchtge hört ihn rufen,
Sie leuchtet nicht, er stürzt herab,
Er fand zur Kammer nicht die Stufen,
So findet er nun dort sein Grab.
Nun seufzt sie, wie er schön gewesen,
Und legt ihn in ein Grab von Gold,
Das ihn bewahrt vor dem Verwesen,
Das ist ihr letzter Minnesold.

Die Eltern haben ihn vergessen,
Da er nicht kommt zum Licht zurück,
Und andre Kinder unterdessen
Erwühlen neu der Erde Glück,
Und bringen andre schöne Gaben,
An Silber, Kupfer, Eisen, Blei,
Doch mit dem Gold, was er gegraben,
Damit scheint es nun ganz vorbei.
Die Jungfrau lebet nur in Tränen,
Die Liebe nimmt der Hoffnung Lauf,
Und meint in ihrer Hoffnung Wähnen,
Ihr steh das Glück noch einmal auf.

Glück auf! nach funfzig sauren Jahren
Ein kühner Durchschlag wird gemacht,
Die Köngin kämpet mit den Scharen
Und hat gar viele umgebracht.
Sie hat gestellt viel böse Wetter,
Die um des Lieblings Grabmal stehn,
Doch Klugheit wird der Kühnen Retter,
Sie lassen die Maschinen gehn;
Da haben sie den Knaben funden
In kalten Händen kaltes Gold,
So hat er sterbend noch umwunden
Die Königin, die ihm einst hold.

Zur Luft ihn tragend alle fragen,
»Weiß keiner wer der Knabe war,
Ein schöner Bursche, zum Beklagen,
Gar viele rafft hinweg das Jahr,
Doch keiner je so wohl erhalten
Kam aus der Erde Schoß zurück,
Denn selbst die flüchtigen Farben walten,
Noch auf der Wangen frohem Glück;
Es sind noch weich die starken Sehnen,
Es zeigt die Tracht auf alte Zeit,
Er kostete wohl viele Tränen,
Jetzt kennt ihn keiner weit und breit.«

Die Jungfrau war tief alt geworden,
Seit jenem Fest, wo sie ihn sah,
Spät trat sie in den Nonnenorden
Und geht vorbei und ist ihm nah;
Sie kommt gar mühsam hergegangen,
Gestützt auf einem Krückenstab,
Ein Traum hielt sie die Nacht umfangen,
Daß sie den Bräutgam wieder hab.
Sie sieht ihn da mit frischen Wangen,
Als schliefe er nach schöner Lust,
Gern weckte sie ihn mit Verlangen,
Hier stürzt sie auf die stille Brust.

Da fühlt sie nicht das Herz mehr schlagen,
Die Männer sehn verwundert zu:
»Was will die Hexe mit dem Knaben,
Sie sollt ihm gönnen seine Ruh.
Das wär doch gar ein schlimm Erwachen,
Wenn er erwachte, frisch gesund,
Und sie ihn wollte froh anlachen
Und hätte keinen Zahn im Mund.«
Jetzt schauet sie sein hart Erstarren
An dieser neuen Himmelsluft,
Die Farbe will nicht länger harren,
Die treu bewahrt der Köngin Gruft.

Hier ist die Jugend, dort die Liebe,
Doch sind sie beide nicht vereint,
Die schöne Jugend scheint so müde,
Die alte Liebe trostlos weint.
Was hülf es ihr, wenn er nun lebte,
Und wäre nun ein alter Greis,
Ihr Herz wohl nicht mehr zu ihm strebte,
Wie jetzt zu dieses Toten Preis.
Wie eine Statue er da scheinet
Von einem lang vergeßnen Gott,
Die Alte treu im Dienst erscheinet
Und ist der jungen Welt zum Spott.

Es mag der Fürst sie nimmer scheiden,
Er schenket ihr den Leichnam mild,
Verlaßne möchten ihr wohl neiden
Ein also gleich und ähnlich Bild.
Da sitzet sie nun vor dem Bilde,
Die Hände sanft gefalten sind,
Und sieht es an und lächelt milde,
Und spricht: »Du liebes, liebes Kind,
Kaum haben solche alte Frauen,
Wie ich noch solche Kinder schön,
Als meinen Enkel muß ich schauen,
Den ich als Bräutgam einst gesehn.«

Der Minister bezeigte bei dieser Erzählung eine ihm ungewöhnliche Rührung; seine Gesellschafter befragten ihn um den Grund, er gab ihnen ganz unbestimmte Antworten. Endlich redete der Kammerjunker zu der Dichterin ganz leise; sie aber schüttelte mit dem Kopfe und sagte, es geht nicht. Frei heraus rief der Minister, ich denke, wir sind auf der Reise genugsam mit einander bekannt geworden, um die Scheu alter Verhältnisse aufzugeben; ein Reisewagen muß allmählig zu einem Körper alle Reisenden verbinden, so daß jeder seine gemäßen Funktionen verrichtet; ich will wetten, ihr habt einmal irgend einen Scherz auf mich gemacht. – Da sie es erraten, antwortete die Dichterin, so kann ich es ihnen nicht verschweigen, liebwerter Landesvater: es ist ein kleines Gedankenspiel, was ich nach allerlei Gerüchten über ihr Verhältnis zur Fürstin freilich unter veränderten Nebenumständen, und selbst mit mancher Verwandlung, die mir in der Arbeit gut dünkte, damals darstellte, als sie sich mit ihr nach dem Tode des Fürsten versöhnten. – Nun seht Kinder wie unglücklich ein Minister ist, sagte der Minister, selbst das Nächste was um ihn her geschieht, erfährt er nicht, und soll das Entfernteste im Lande kennen und beurteilen; wahrhaftig ich glaube die einzige Art brauchbare Minister einem Lande zu verschaffen, ist die jährliche Ernennung derselben; wenn auch nicht immer die Geschicktesten oben an kommen, so sind sie doch stets wohl bekannt und eingewohnt in den Verhältnissen des Landes; das mag auch wohl das eigentliche Förderungsmittel der Freistaaten gewesen sein, und in unsern Reichsstädten kam noch hinzu, daß keiner dieser Angestellten so mit Geschäften überhäuft war, um andrem Lebensverkehr und bürgerlicher Nahrung zu entsagen; seht jetzt kann ich mitten unter Poeten nicht einmal aus meinen Amtsberichten herauskommen, schämt euch nicht und tragt schnell eure Sachen vor. – Nach einigen Umschweifen, nach mehreren Küssen, welche die Dichterin auf die rauhen Backen des Ministers in ihrer kindischen Art gedrückt hatte, holte sie aus ihrer dick angeschwollenen schwarzen Brieftasche, vor der ein geheimes Zahlenschloß lag, ein kleines Spiel heraus, das wir als Darstellung eines wunderlichen eheligen Verhältnisses hier am rechten Orte finden.

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