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Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores

Achim von Arnim: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleHollin's Liebeleben / Gräfin Dolores
authorAchim von Arnim
year1989
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-60010-0
titleArmut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores
pages101-684
created20011206
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1810
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Sechstes Kapitel

Die Studenten

Wir wollen dieses junge Blut, das da so fröhlig die Straße herunterschreitet, ungeachtet vorbedeutend eine schwere dunkle Wolke in den zusammengewachsenen Augenbraunen seiner stark gehügelten Stirne lastet, uns im Allgemeinen bekannt machen, ehe wir es näher kennen lernen. Daß Graf Karl Student sei, haben wir schon von dem Bedienten erfahren; aber woran erkennen solche Leute gleich den Musensohn, die nichts von den Musen wissen? Das läßt sich schwer erklären. Die Tracht ist es nicht immer; viele andre Leute machen sie nach, auch ist sie verschieden in verschiedenen Zeiten; es ist mehr die Art wie ihnen die Tracht steht, wie sie um sich schauen und singend ihre Straße wandern. Wer nicht selbst die fröhlichen Züge der Studenten aus dem nördlichen nach dem südlichen Deutschland bis in die Schweiz und weiter zu den schönen Inseln der italienischen Seen, mitgemacht hat, wird doch sicher einmal einer solchen Schar begegnet sein, die mit der frischen Röte ihrer Wangen und der vollen Hoffnung ihres Herzens schon da ein seliges Land zu entdecken glauben, wo die Einwohner sich gleich gut oder gleich schlecht, wie auf der übrigen deutschen Erdfläche befinden. Es tut einem so wohl, von andern glücklich gepriesen zu werden um Güter, die im täglichen Gebrauche ihre Beachtung verloren haben, jeder macht gern seine beste Laune zum Gegengeschenke, daß der unschuldige Bewunderer selten ahndet, daß jedermann überall der Schuh irgendwo drückt, die Grillen irgendwann ansingen, ja daß die luftigste Aussicht von den Bergen den Rauch nicht wegführen kann, der immerdar aus der engen Behausung der Menschen sich mühsam zu erheben sucht und oft ganz auf sie hinuntergedrückt wird. Wie lieb ist die vielwissende Unwissenheit der lernenden Jahre, auch diese Betrachtung könnte ein Student über die Dinge machen, aber im nächsten Augenblicke hätte er sie wieder vergessen, und der Staub auf seinen Schuhen und der Staub der Früchte in ihrer Frische, sie sind einer Art und bezeichnen wie neu sie noch in der Welt sind – sie werden schon lernen in Kutschen zu fahren, viele Meilen an einem Tage, aber die Freude wenige Meilen ganz durch eigene Kraft fußwandernd zurückgelegt zu haben, die kommt ihnen nicht wieder. Wegen dieser Fröhlichkeit haben auch die Gastwirte sie gern, warten auf sie wie auf die Schwalben. Die Studenten finden ihren schlechtesten Wein noch immer köstlich genug, um bei der Gelegenheit ihrer Begeisterung, ihren Liedchen, ihren Späßen freien Lauf zu gönnen, während sie ihre von allen beschauten Naturschönheiten wunden Füße an dem Tische ermüßigen. Selbst die alten Herren, die alle andern Tage mit ihrem bestimmten Schoppen sich stillschweigend begnügten, werden diesmal begehrlicher und fahren mit dem glatten Weine einmal wieder in das mondbeschienene Unterland, wo auch sie sich sehnten nach Unerreichtem, jubelten über ein Nichts und ihre Hüte durchlöcherten, als hätten sie den Erbfeind vor sich. Wahrlich, soll Deutschland Soldaten bekommen, so müssen sie unter einander leben wie die Studenten, wenn sie auch nicht lernen wie sie; frei von allem Zwange, nur der Ehre untertan, gleich unter einander; sicher wird dann der Geschickteste und Mutigste, wie zum Senior, so zum Feldherrn sich durchdrängen. – Eine der ersten Welterfahrungen, die solche wandernden Scharen zu machen Gelegenheit haben, betrifft das allgemeine Mißverhältnis des Geldes zu dem Bedürfnisse, so bleibt mancher lustige Bruder seine Zeche schuldig, verspricht zu senden, was er doch nicht hat, die kleine Not ist recht gut, er lernt entbehren; welcher Wirt könnte aber so hart sein die Jagdtasche, worin nichts als etwas Wäsche, ein Lieblingsbuch und einige Tagebücher zur angehenden Schriftstellerei, im Ernste zurückzubehalten; ein kleiner Schreck kann nicht schaden. Gar mancher macht aber auch andere Erfahrungen auf solchen Zügen und kehrt nicht so fröhlich heim, wie er ausgegangen, er sieht heimschleichend nicht mehr weit vor sich hin, die Wälder rauschen ihm nicht mehr fröhlich, die Singvögel scheinen verschwunden und die Spitzen der Bäume hängen voll Krähen, die sich durch die Nebelwolken aufschwingen; alles tropft, Bäume und Kleider und seine Augen, die immerdar suchen, wovon er sich immer weiter entfernt. Sein Leid vergrößert sich mit jeder Meile, wie der Strom, an dessen Ufer er herunter schreitet; jetzt trägt er schon manches schwarze Schiff, manchen Gedanken, den er schwarz auf weiß der verlaßnen Liebe mitteilen muß. Und dann gehts an die Arbeit für Amt und Brot, die sonst nur leichte Gewohnheit gewesen, er mag nicht warten und sie will auch gern unter die Haube, die er auf der Reise kennen lernte, wie die Leute sich ausdrücken. Mit Lust erzählen wir diesen möglichen Fall, wie es mit unserm Grafen Karl einmal gehen könnte, der auch mit einer Schar Studenten fußreisend ausgezogen war; aber ganz paßt es schon darum nicht, weil dem Grafen nicht notwendig war, wenn er heiraten wollte, sich dem Joche fremder Dienste zu unterziehen. Er besaß ein artiges Vermögen, ungeachtet ihm die vormundschaftliche Verwaltung aus Klugheit nur sehr wenig für seine Studienzeit auswarf, die ihn nach ihren Absichten allein zum wissenschaftlichen Landwirte vorbilden sollte, da die Verwaltung seiner Landgüter seinem Vermögen und seiner Natur angemessener schien, als Dienste eines Fürsten. Er war mit einem Dutzend seiner Landsleute von der Universität ausgewandert, aber die Liebhaberei jedes Einzelnen hatte sie zerstreut; einer sammelte Kräuter, der andre Steine; sein Vergnügen Anhöhen zu besteigen, führte ihn durch den beschwerlichen Bergweg an die Höhe des Gartens, wo er mit der seligen Empfindung des Balboa, wie er zuerst das stille Meer entdeckte, die beiden schönen Kinder unter sich erblickte: zwei glückliche Inseln in dem stillen grünen Meere vor ihm. Eigentlich wurde er ihnen beiden im Augenblick so zugezogen, wie es nur in diesem Alter und in der waglichen Stimmung eines begeisterten Fußreisenden möglich, der, nach einem halben Jahre in engen Zimmern und dumpfen Hörsälen, einmal wieder von Morgen bis Abend unter dem durchsichtigen blauen Himmelsgewölbe wandelt; doch hielt ihn ein Dornstrauch an seinem Kleide fest, als er eben über die Mauer springen wollte. Ahndung und Liebe erscheinen selten getrennt, und so nahm er es als eine warnende Ermahnung der Liebe, nicht auf unrechten Wegen in diesen geheiligten Kreis zu dringen, und begnügte sich sie möglich lange und möglich nahe zu beschauen. Der Wirt hatte seine Begierde die Mädchen kennen zu lernen, durch seinen Bericht von ihrem Stande, von ihren Schicksalen und ihrer stillen Lebensweise noch vermehrt; er war kein Adelstor, wie die meisten seines Standes zu jener Zeit, bei denen er für einen Revolutionär galt, aber er kannte das Achtbare der Familiengesinnungen und Familienehre, die sich noch immer in denen Häusern fortpflanzen, welche sich einst den Herrschern gleich geachtet; das Gleiche mit seinen eigenen Verhältnissen war ihm von guter Vorbedeutung. Es schwebte ein Wunderbild von weiblicher Sanftheit, Zurückgezogenheit und Freundlichkeit in seinem Kopfe, das ihm in den beiden Gräfinnen zum erstenmal gegenwärtig geworden. –

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