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Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores

Achim von Arnim: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores - Kapitel 69
Quellenangabe
typefiction
booktitleHollin's Liebeleben / Gräfin Dolores
authorAchim von Arnim
year1989
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-60010-0
titleArmut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores
pages101-684
created20011206
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1810
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Vierzehntes Kapitel

Der Minister reiset nach Sicilien

Der Schreiber, immer besorgter das Geheimnis jener Nacht möchte verraten werden, hatte inzwischen gleich nach der Rückkehr vom Ätna einen Brief an den Minister über die Leidenschaft der Fürstin zu seinem Schwiegersohne geschrieben; der Brief war durchaus wahr ohne Übertreibung. So wenig der Minister die Untreue bei Männern für etwas Bedeutendes hielt, so war sie ihm doch unangenehm an seinem Schwiegersohne; er wollte ihn nicht gerne an der Stelle sehen, wo er selbst einst gestanden. Die bestimmte Zeit zur Rückkehr der Fürstin, war längst verstrichen, und mehrere politische Ereignisse machten diese doch notwendig; schon mehrmals hatte er ihr deswegen geschrieben, aber sie antwortete entschlossen, sie würde es vorziehen, die vormundschaftliche Verwaltung für den ausschweifenden Erbprinzen ganz niederzulegen. Durch den Brief des Schreibers überzeugte er sich, daß dieser Entschluß ernstlich begründet sei – so sollte er mehrjährige Bemühung für des Landes Wohl in einer Zeit, die alle seine Stetigkeit und alles Talent der Fürstin forderte, einer gleichgültigen fremden Verwaltung überlassen? – Die Trennung von den Seinen, von seiner Moham und ihren Kindern war ihm sehr unangenehm, aber ein Staatsmann unterzieht sich dem Schwersten; er mußte sich endlich selbst zu einer Reise nach Italien entschließen, nicht um nach eigner Lust sich von vieljähriger Arbeit dort auszuruhen, sondern um wie ein hartes geistliches Gericht ein paar liebende Seelen aus einem unbekannten Verwandtschaftsgrunde von einander zu reißen. Zu seiner Aufheiterung nahm er den Kammerjunker und die Mamsell mit sich; beide waren in höchster Freude daß sie Italien sehen sollten, und er verdarb sie ihnen nie. Rührend war es, wie der alte Geschäftsmann allmählig ohne sein Wissen auftaute, je weiter er nach Süden vordrang; zwar handelten seine Briefe meist von Geschäften, doch verlängerte sich die Nachschrift an seine Freunde bei jedem Briefe. Hier zur Probe nur eine.

Lieben Freunde. Ich schreibe aus Como, dem Geburtsorte der neueren elektrischen Physik; doch kann ich mich nicht entschließen zu dem berühmten Volta zu gehen, so fest hält mich das Marktgewühl an meine Fenster gelehnt; die verschleierten Frauen mit ihren Mägden erwecken meine ganze Neugierde. Ihr werdet fragen, ob ich wohl und gesund bin; zu solchen Fragen bleibt aber hier keine Zeit; jeden Augenblick gibts etwas Neues, und selbst so alte Bekanntinnen wie die Sonne und Sterne, glänzen hier wie in erster Jugend. Ich kann euch meine Verwunderung über den ersten hohen Feigenbaum im Freien nicht ausdrücken, als ich gen Chiavenna auf meinem Maultiere vom Gebürge herabritt, hinter mir ein Gewitter, um mir alles so schwül, Kammerjunker und Mamsell sehr schmachtend gegen einander, und der Baum so frisch, großblättrig; ich mußte stille bei ihm halten, und mir ein paar Blätter davon auf meinen Hut stecken. Die Bauart der Stadt die unter mir lag, die flachen Dächer, das gute Verhältnis zwischen Länge und Breite der Häuser, zwischen Fenstern und Türen, ein Marienbild in der Mauer, das sich durch seine guten Umrisse und Farben von der bloßen mechanischen Heiligen Malerei unsrer katholischen Länder unterschied, machten mir einen so behaglichen Eindruck von einem reiferen gebildetem Lande, daß ich alle Ermüdung vergaß, die ich aus der alten Welt mitgebracht und recht frisch die spinnenden feinen länglichten Weiber vor allen Haustüren beschaute, deren feurige aufmerksame auszeichnende Blicke und laute Stimmen sie gleich von allen Nachbarinnen jenseit der Alpen unterscheiden; Ähnlichkeit haben sie darin mit den Ostindierinnen, nur ist in Italien alles frei offen und erklärt, was sich dort hinter tausend Schleiern verbirgt. Die Eifersucht der Italiäner ist ein altes Märchen: es gibt Eifersüchtige wie allenthalben; die Männer sind meist widrige, schmutzige Eseltreiber, Köche, Faullenzer, eine niedrige List entstellt meist ihre schönen Züge. Das erste Wirtshaus war so durchsichtig, weil alle Türen und Fenster offen standen, daß ich glaubte in einem Lager zu sein, wo die Hütten nur für einen Monat erbaut, so war auch die Kost: gute Sachen schnell und schlecht bereitet. Auf dem Comersee sorgte eine hübsche runde Frau, die ich aus Gefälligkeit in mein Fahrzeug aufgenommen hatte, sehr artig für uns. Sie wollte mein Alter nicht glauben, versicherte mir heimlich, daß ihr noch nie ein so stattlicher Herr wie ich vorgekommen, ich möchte sie doch in Como besuchen. Sagt meiner Frau, daß ich nicht untreu geworden bin. Ein paar Schifferbuben, Pietro und Batista sangen ununterbrochen beim Rudern, der alte Schiffer besserte zuweilen, wo sie falsch gesungen; wie verschieden von uns, wo der Alte sicher den Jungen das Singen bald gelegt hätte. Ja lieben Freunde, wir haben viel Kritik, aber sonst nicht viel, was der Mühe des Lebens wert wäre, und unsre meiste Erziehung besteht doch bloß in einem Entwöhnen von der Freude. Angesicht dieses gebt dem Hofmeister meiner Kinder den Auftrag, alles, was noch volksmäßig gesungen wird, mit ihnen durchzusingen, so haben sie doch etwas, woran sie sich in vergnügten einsamen Stunden halten können. Mir fehlt so etwas; meine beiden Reisegefährten schmachten, schmollen oder schreiben.

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