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Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores

Achim von Arnim: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores - Kapitel 67
Quellenangabe
typefiction
booktitleHollin's Liebeleben / Gräfin Dolores
authorAchim von Arnim
year1989
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-60010-0
titleArmut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores
pages101-684
created20011206
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1810
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Dreizehntes Kapitel

Der Besuch der Obristin. Die Fürstin besteigt mit dem Grafen den Ätna. Nächtliche Verwechselung. Die Meerfahrt. Der Prinz von Palagonien. Die Mineraliensammlung. Johannes und Hyolda

In dieser Zeit wurde die Herzogin von der alten Obristin, die sie nach Sicilien geführt hatte, sehr angenehm überrascht. Diese heitre alte Frau, die sich mit einem gewissen Stolze als die Schöpferin alles Glücks dieses Hauses ehren ließ, trat auch gewissermaßen herrschend darin auf, da selbst die Herzogin aus Ehrfurcht gegen sie manche ihrer gewohnten Beschäftigungen aussetzte. Die Obristin haßte das Schulehalten, das Bessern, ihr war alles so ganz recht, wie es in der Welt gegangen und wie es geht; keine Lustbarkeit war ihr burlesk genug, immer fügte sie noch etwas als höchste Spitze hinzu, und ihr kleidete manches, was einer jüngeren Frau nicht verziehen worden wäre. Was sind das für junge Leute, rief sie kurz nach ihrem Eintritte, das lacht nicht, das springt nicht, das tanzt nicht; als ich in eurem Alter war, ritt ich noch die Treppengeländer herunter. Besonders aber war ihr Dolores Gegenstand des Spottes, weil die sonst am meisten von allen in ihre Lustbarkeiten eingegangen und jetzt in manchen fremden Gedanken über ihren Mann vertieft, manches überhörte, wenigstens zu keiner Ausführung brachte. Sie hetzte alle ihre Kinder gegen sie auf, daß sie ihr keinen Augenblick Ruhe ließen und wollte sich dann über die Not der guten Mutter, allen helfen zu wollen, halb krank lachen. Die Fürstin merkte bald ihre Laune, und obgleich viel betrübter in sich, hatte sie doch in ihrem mannigfaltigen Leben genug Herrschaft über sich gewonnen so etwas mit dem heißen Mantel der gezwungenen Lustbarkeit wohl zu bedecken; sie entzückte die Obristin, die sie Mutter nannte, indem sie ihren Willen immer vollständig ausführte. Da wurden alle die alten Pfänderspiele durchgespielt, welche die Obristin in ihrer Jugend gelernt hatte; ihre Hauptfreude war ein großes Küssen zu veranlassen; bald mußte einer in den Brunnen fallen, bald unzählige Sterne zählen. Zu solchem Sternzählen brachte sie auch nicht ohne Absicht, um sich an der Verlegenheit des regierenden Hauptes zu ergötzen, den Grafen und die Fürstin zusammen; aber sie dachte nicht, welche Flammen und welche Liebessterne sie in dem Herzen der armen Fürstin damit entzündete; noch nicht zufrieden mit diesem Spaße, brachte sie auch den Schreiber mit der Fürstin zusammen, indem er mehrere Ellen tief in einen Brunnen gefallen. Der arme Junge wurde so rot von diesen Küssen, daß ihn die Obristin den ganzen Abend damit neckte, er sei in seine Herrschaft verliebt; er hatte sich auf seiner Reise wirklich sehr verschönert und sah in seiner Bescheidenheit recht wohl aus. Bis in die Nacht mußte gesungen werden und dann hatte sie sicher das Bettzeug von einigen zusammennehmen lassen, und frühmorgens war sie sicher schon zuerst auf und erweckte alle die Schläfer mit irgend einem Schrecknisse. Sie hatte in sich ganz unverändert die ganze Masse verwegener Lustigkeiten bewahrt, die sonst die deutschen Schlösser durchtobte, die sich alles erlaubte und alles vergab, und ein fröhliches Toben allen dem zierlichsten Witze der Einzelnen vorzog, die jetzt meist als Erzähler oder Vorleser die eigentümliche Tätigkeit der andern einschlafen lassen. Sie hatte eine gewisse Härte in ihrer Art zu reden, war aber gegen alle Leidende sehr hülfreich; wo sich andre aus Ekel wegwendeten, da stand sie mit Klugheit und Ergebung bei; so sprach sie lachend von der Gebrechlichkeit ihres alten Mannes, aber sie pflegte seiner als Frau und Magd zugleich; ihm schrieb sie alle Tage in Knittelversen, was vorgegangen, und machte so eine Art lächerliche Zeitung, wozu jeder sich beeiferte irgend einen wunderlichen Zug zu liefern. Die Geschichte des Pfänderspiels schloß sie mit den Worten.

Die Frau Fürstin und der Herr Graf
Zählten die Sterne bis es zutraf,
Die Frau Fürstin fands immer noch nicht richtig,
Sie wurde noch immer einen Stern ansichtig,
Es schien ihr das Zählen gar sehr zu gefallen,
Da ließ ich ihren Schreiber in den Brunnen fallen,
Gar viele viele Ellen tief,
Daß er gar erbärmlich rief;
Sie mußte mühsam hinaus ihn ziehen,
Daß beiden von der Arbeit die Backen recht glühen
etc.

Seit diesem Sternenzählen kränkelte die Fürstin; ihre wachsende Neigung zum Grafen und seine Unverständigkeit, die nicht zu erraten, kränkten sie tief. Die Obristin schrieb dies Übelbefinden dem sitzenden Leben zu, und ermahnte sie eine Fußreise nach dem Ätna zu machen; der Graf könne sie begleiten, während sie noch ein paar Tage recht vertraulich mit ihren beiden Pflegetöchtern zubringen wolle; sie wisse nicht, ob sie je wieder bei ihnen sein werde, da ihr Alter ihre Munterkeit mit überlegener Zahl endlich einmal schnell besiegen könne. Der Graf ergriff diesen Vorschlag mit Lust, die Fürstin war bereit; und so zog er mit ihr und dem Schreiber am nächsten Morgen aus. Wer kennt Siciliens Reize nicht, alle Reisebeschreiber alter und neuer Zeit erschöpfen sich in Lob: es ist der Lustgarten Europens, dessen vereinte Säfte darin zu den wunderbarsten Bäumen und Blumen treiben, der von Scilla und Charibdes gegen äußere Feinde bewacht, nur in seinen Innern einen jetzt fast beschwichtigten, einst aber furchtbar tobenden und zerstörenden Feind, den Ätna trägt, der unzähligmal die friedlichen Ölbäume mit seinen Feuerströmen bedeckt hat, während der Schnee in den Klüften seines Wipfels die Bewohner gegen die heiße Sonne kühlt. Abwechselnd zeigt die Insel die Spuren der ungeheueren Bevölkerung früherer Zeit: die großen Stadtmauern laufen durch öde Feldmarken, in den Überresten eines Theaters liegt zu weilen der ganze Rest einer Stadt, der es ehemals zum vorübergehenden Vergnügen erbaut war; dann trifft der Reisende auf so ungeheuere Zerstörung, daß er die Kühnheit eines Volkes bewundert, das sich mitten darin anzubauen wagt, und während der Arbeit, die so oft vergebens gewesen, wie bei einem Spiele alles absingt, was andre Völker träge langsam und verdrossen sprechen. Die Sitten, die Gewohnheiten, die Beschränkungen der andern Welt erscheinen da, wo alles nach schnellem Genusse strebt, fast lächerlich, und so fühlte heimlich auch die Fürstin den Zwang, der sie von dem Grafen trennte, als ein junger Pater ihr in einem Kloster erzählte, wie leichtsinnig solche Übertretungen der Treue da abgebeichtet und für das Abbeten eines Rosenkranzes vergeben würden. Der Graf und der Schreiber waren inzwischen mit den tiefsten antiquarischen Nachforschungen über einige alte Inschriften in dem Kloster beschäftigt, aus denen die Fürstin, die sich wieder ins Freie sehnte, sie nur mit Mühe herausriß. Sie machten diese Reise in kleinen Tagemärschen zu Fuß; ihre Diener blieben in bestimmter Entfernung von ihnen, um nur im Notfalle ihnen nützlich zu werden; in jedem Wirtshause wo sie aber verweilen wollten, war alles Bequeme und Erquickende im Überfluß voraus angeordnet; der Graf hatte sich in einen Zauberer verwandelt, der auf jeden Wink der Fürstin einen gedeckten Tisch, ein Ruhebett herbeischaffen konnte. Einige Tage solcher Reisen machen vertraulicher mit einander bekannt, als jahrelanger Umgang, es ist deswegen die Gewohnheit der Neuverheirateten in England sehr lobenswert aus der Kirche in die Welt ganz einsam mit einander zu fahren, um in ein paar Wochen mit dem ersten Vergnügen auch alle die störenden Gewohnheiten an einander kennen zu lernen, die sich sonst wohl verbergen und späterhin zu ungelegener Zeit hervortreten. Wie oft bedauerte die Fürstin, daß sie den Schreiber mitgenommen; es lag ihr in den wenigen Tagen ein langes Leben, überall behinderte er ihre Äußerungen, daß sie dadurch in einen wunderlich gereizten Zustand versetzt wurde. Sie schlief ungeachtet der Ermüdung wenig und nie sehr fest; die Träume hielten immer noch einen Laden auf, wo das Weltlicht störend in die alles vergessende Dunkelheit einblickte; besonders früh war sie an dem Morgen auf, wo sie auf den ersten Anhöhen des Ätna geschlafen hatten. Es schauderte ihr, als sie den fröhlich bebauten Bergrücken verließen, um durch ein Aschenmeer zu dringen, über welchem die Raubvögel wild seufzten; sie glaubte sich selbst in der Leidenschaftlichkeit bei ihrem Alter, das schon manches Haar ihr grau gefärbt hatte, darin zu erkennen und hinter sich in dem fröhlichen Grafen das reichbebaute Land; sie blieb lange stille. Einige Wolken lagerten sich um sie her; es wurde kalt, aber ihre Neigung glühte mit dem Fieber, das in ihr begann; sie ließ sich fast von dem Grafen tragen, so lehnte sie sich an ihn. Zufällig und sehr natürlich erzählte hier der Graf Petrarchs wunderbares Ereignis, als er mit großer Beschwerde einen hohen Berg bestiegen und in den Bekenntnissen des heiligen Augustinus mit überraschender Rührung die Worte aufgeschlagen habe: Die Menschen gehen hin die Höhen der Berge, die Wellen des Meeres, die gewaltigen Ströme, den weiten Umfang des Ozeans und die Kraft der Sterne zu bewundern, und verlassen sich selbst. – Diese Geschichte machte einen tiefen Eindruck auf die Fürstin; sie, wollte sich nicht verlassen, so schwor sie in sich und doch konnte sie nicht vom Grafen lassen, der Kopf ging ihr herum. Sie war so erschöpft als sie durch die Schneegegend in die Nähe des Kraters kamen, daß sie einige Stärkungsmittel nehmen mußte; nachher als der Schreiber umherging allerlei Laven abzuschlagen, drängte sie sich mit vieler Kühnheit immer weiter vor, durch die schwarzen Steinmassen und den lockeren beschneiten Boden, bei den rauchenden Schornsteinen vorbei, nach dem Krater. Der Graf rief ihr zu, sie möchte sich doch in Acht nehmen, und sprang ihr nach, sie aber fragte ihn heftig vorschreitend: Sind sie mein Freund, mein bester Freund? – Der Graf begriff sie nicht; er glaubte das starke Getränk habe sie in der dünnen Luft berauscht, sprang ganz zu ihr hin, hielt sie heftig und sagte bestürzt: Und sie glauben nicht an mir? – Die Fürstin suchte sich loszureißen und flehete: Lassen sie mich, mit der Überzeugung, einziger Freund, will ich unten bei den erschlagenen Himmelsstürmern Ruhe suchen. – In dem Augenblicke machte sie einen Versuch sich herabzustürzen, aber der Graf hielt sie kräftig und gefaßt, trug sie fort und sagte: Gut, daß ich dabei war, das ist ganz die Art des Schwindels, wie ich gehört habe, aus Furcht vor dem Fallen stürzen sich die Schwindelnden meist hinab. – Die Fürstin ließ sich jetzt ruhig hinunterführen; es war nur eine Anwandlung in ihr gewesen, diese Sterbelust, die sich wieder ganz in Zärtlichkeiten gegen den Grafen auflöste, der sie davon errettet, ausströmend in stillen Blicken zu ihm. Sie kamen spät und sehr ermüdet nach einem Wirtshause am Fuße des Berges, wo alles auf sie wartete; der Schreiber war ganz verschlossen, der Graf noch immer verwundert, die Fürstin fing an leichtsinnig beredter zu werden, seit dem gefährlichen Ereignisse über das sie spottete. So verging das Abendessen, wobei sehr stark getrunken wurde, denn der Wein war vortrefflich und allesamt sehr durstig geworden; alle glühten von der scharfen Luft, die sie durchstrichen hatten. Der Schreiber verließ zuerst die Gesellschaft, um nicht durch sein Einschlafen das Lachen immer wieder zu erwecken. Bald stand auch die Fürstin auf; sie wankte von Müdigkeit und der Wirt und der Graf begleiteten sie bis vor ihr Schlafzimmer. Im Vorbeigehen sagte der Wirt: Hier Herr Graf ist ihr Zimmer. – Die Fürstin drückte dem Grafen die Hand zum Nachtgruße, er drückte ihre Hand freundlich wieder, sie sang: Nein dieses Tages Feuer nimmer o nimmer vergeht! Der Graf fiel ein: Nein dieser Töne Feier nimmer o nimmer verweht. So schieden sie. Der Graf ging in sein Zimmer, fand aber, daß sich der Schreiber aus Versehen schon darin festgelegt habe und fest eingeschlafen sei; ohne Verdruß machte er die Türe leise zu, und nahm dessen schlechteres Zimmer und Bett ein; es gab auf der Welt keinen wohlwollenderen Mann gegen die Jugend.

Die Fürstin befand sich von der Anstrengung, von dem Wachen, von der Gemütsbewegung in einem fieberhaften Zustande; sie legte sich mit dem Vorsatze ins Bett, alles zu verschlafen, aber sie konnte es nicht aushalten, es quälte sie ein Gedanke wie ein eingebrannter Buchstabe, was der Graf jetzt von dem Vorfalle denken möchte. Sie mußte dem Grafen alles erklären; sie schlich in sein Zimmer, das ihr vom Wirte bezeichnet war. In der Dunkelheit konnte sie es nicht bemerken, daß sie ihn verfehlt hatte; der, den sie traf, beschwichtigte so bald ihren Mund, sie fühlte sich so ganz beglückt und sie ließ ihr Bild in einer goldnen Fassung dem Freunde zurück, daß er seines Traumes Gewißheit erkenne.

Am andern Morgen war sie sehr heiter, sie empfing den Grafen so vertraulich, daß dieser meinte, alles ängstlich Gezwungene, was ihn in den letzten Tagen an ihr geängstet, sei in dem Krampfe des vorigen Tages untergegangen. Der Schreiber, der sonst immer zuerst von allen wach war, und im Hause anordnete, kam diesmal später zum Vorschein und entschuldigte sich damit, daß er vor den Wanzen nicht ruhig habe schlafen können; der Graf vermied es ihm seine Zimmerwechselung vorzuhalten, um ihn nicht noch mehr zu beschämen, da er schon jetzt wegen der Verspätung sehr verlegen erschien. Die Rückreise wurde nach dem Wunsche der Fürstin sehr eilfertig im Wagen gemacht; der ausgezeichnete Punkt, der Ätna der sie immer zum ruhigen Ertragen aller Beschwerden angemahnt hatte, war nun erstiegen, sie hatte ihr Ziel erreicht. Befremdend war es ihr während dieser Rückreise den Grafen ganz unverändert in jedem Blicke, in jedem Worte wie den Tag vorher zu finden; während sich in ihr alles vorhergehende Leben so froh erloschen zeigte; ununterbrochen war er beschäftigt, alles zu ordnen, was er seiner Frau an mancherlei Merkwürdigkeiten zusammengesucht hatte.

Der Graf und die Fürstin wurden auf dem Schlosse mit vielen Küssen empfangen; die Obristin war schon verreist, hatte aber noch ein Blatt Knittelverse für die Reisenden zurückgelassen.

Merkwürdig ist es, daß weder jetzt noch früher die Herzogin irgend etwas von der Leidenschaft der Fürstin bemerkte; teils war sie zuviel beschäftigt, teils zu unbekannt mit den verschiedenen Äußerungen der Liebe. Dem Blicke der Gräfin war diese Leidenschaft der Fürstin für ihren Mann nicht entgangen, aber ihr Zutrauen zu ihm blieb unwandelbar; sie glaubte es eine notwendige Buße für ihre frühere Verwirrung von ihren Besorgnissen niemand sagen zu dürfen; was er auch tun mochte, sie war nicht berechtigt ihm Vorwürfe zu machen. Mit hoher Festigkeit verschwieg sie jedem ihre Qual, als sie beide der Versuchung einer Reise sich so unbesorgt aussetzen sah; sie verschwieg es, als sie den Äußerungen der Fürstin zu entahnden meinte, daß sie mit ihrem Manne in enger Vertraulichkeit lebe. Gebet war ihr Trost; sie mochte nichts beichten was ihrem Manne nachteilig, und damit ihr Beten nicht auffallend sein könnte den alles bemerkenden Kindern, so gewöhnte sie sich ein stilles Gebet an, das keinem hörbar, keinem sichtbar, durch die gewöhnlichen Beschäftigungen nicht gestört wurde, wobei sie sich nur zuweilen vertiefte, als habe sie geschlafen. Während dieses Gebets glaubte sie eines Morgens die Stimme des verstorbenen Bedienten zu hören, der sie ängstlich gerufen; sie ging verwundert nach dem Vorsaale, woher der Ton zu kommen schien, und sah eins ihrer Kinder, die kleine Magdalena, die sich über ein Treppengeländer übergelehnt hatte, und im Herabstürzen zu sein schien. Sie ergriff das Kind am Kleide und erhielt es mit leichter Mühe, und von diesem Augenblicke an durchdrang sie eine Zuversicht, daß Gott sie nicht verlasse, daß ihr Mann ihr nimmermehr untreu werde.

Doch erschütterte ein andrer Vorfall zwei Tage darauf ihr ganzes Gemüt. Bei einer Meerfahrt, die der Graf zu Ehren der Fürstin auf purpurnen Böten mit Musik besetzt, von vergoldeten Rudern getrieben, an einem sonnigen stillen Tage veranstaltet hatte, wo sich jedes in Erzählungen vergangener Geschichten ausließ, zeigte der Graf der Fürstin den Ring der Apostel in deren Mitte Christus, den Dolores noch immer an ihrem Finger trug. Die Fürstin erbat ihn sich; Dolores verwunderte sich daß er diesmal von ihren Finger ließ, da er sonst nur sehr schwer abzustreifen war. Die Fürstin glaubte in dem Ringe einen besondern Talisman für die Treue des Grafen zu erkennen; sie wünschte ihn vernichtet und gleich begünstigte ein Zufall ihren Wunsch: ein paar Kinder traten lebhaft nach einer Seite, das Boot schwankte, die Fürstin schrie auf, und der Ring schnellte aus ihrer Hand ins Meer. Die Gräfin war untröstlich, aber der Graf, der den Unfall nicht minder tief empfand, hatte mehr Gewalt über sich; er wollte nicht die verehrte Freundin durch Vorwürfe kränken; er bat seine Frau sehr zärtlich, dies kleine Zeichen ihrer Liebe nicht so zu beweinen, da ihnen so viel größere übrig blieben. Diese scheinbare Gleichgültigkeit deutete Dolores auf ein Erkalten seiner Liebe, so wie den Verlust des Ringes auf den Untergang ihrer glücklichen Ehe; aber in stiller Buße sagte sie davon kein Wort, nur mit heimlichen Gebeten suchte sie ihr Schicksal abzuwenden, das durch ein zutrauliches Wort mit ihrem Manne zu lösen war. O der späten unausbleiblichen Strafe aller Schuld!

Diese Fahrt, welche ein paar Tage dauerte, war mitten in der höchsten Lust, durch eine Verbindung aller Naturschönheit mit dem glücklichsten Himmel und seinen günstigsten Winden und schönsten Festen, voll trauriger Zeichen für die besorgte Dolores. – Sie fuhren in die tiefen Felsengrotten bei Favarotta; die Fürstin, der Graf und der Schreiber hatten Flinten geladen, und erhoben plötzlich ein verabredetes Getöse, welches die Tauben aus ihren Nestern aufschreckte, die in einer dichten leichten Wolke über ihnen schwebten; jetzt wurde Feuer unter sie gegeben, und es stürzten eine Menge tot und verwundet herab; die Hunde holten die gefallenen aus dem Wasser, und die Jagd wiederholte sich. Die Gräfin konnte kein Vergnügen stören; sie sah wie lebhaft die Jäger auf jeden Schuß sich freuten, aber immer rief es in ihr, was wird aus den Jungen im Neste, sie schwieg aber und sah ins klare Wasser, das durch die eigentümliche Beleuchtung der Höhle bis zum tiefsten Grunde alles durchscheinen ließ, als wäre es zu einer hellen Luft geworden, in der die Barke schwebte; da sah sie die wandernden Züge der geselligen kleinen Fische, ihr blitzschnelles Drehen, das drehende Fortbewegen der Seesterne, der Medusen sternartiges, formloses Nichts; wie Muscheln und Krabben gesellig bei einander lagen, halb in Moosen versteckt, größere Krabben trugen die kleineren mütterlich auf ihren Armen in Sicherheit, wenn zuweilen Delphinen an die Oberfläche rauschten. Aus dieser fremden Welt, die für das Schrecken der umgebenden entschädigen wollte, drangen plötzlich Sirenen hervor, schöne schwimmende Mädchen, die gar anmutig eine Einladung absangen:

Auf der Erde ist es schwül,
In den Wassern ist es kühl,
Sonne, Mond und alle Sterne
Stürzen sich hinein so gerne,
Denn im Wasser wirds so klar,
Wies auf Erden traurig war.

Ruhig schlaft ihr bei uns ein
In der Wasser grünem Schein,
Höret keine Kinder schrein,
Fühlet keine Liebespein,
Liebet ohne Eifersucht,
Findet alles, was ihr sucht.

Was verloren in dem Meer,
Stehet da im Haus umher,
Alter Zeiten Schätz und Kunst
Brauchet ihr durch unsre Gunst,
Jeder Sturm bringt neue Gäst
Zu dem ewgen Freudenfest.

Wenn wir tanzen in dem Kreis,
Wirbelt sich die Welle weiß,
Wenn wir unten lustig sind,
Stürmet über uns der Wind,
Stürmt in unsrer Haare Glanz
Und das kühlet in dem Tanz.

Diese Fischer Mädchen denn das waren diese Sirenen, hatte der wunderliche Prinz von Palagonien abgerichtet, gleichwie er sein ganzes Ländchen zu den abenteuerlichsten Effekten anordnete, die aber meist alle eine so gereizte Stimmung forderten, wie sie Dolores in diesen Tagen hegte, um nicht ihre ganze Wirkung zu verfehlen. – Oft sind diese Sirenen von den mutwilligen Sicilianern beschimpft und bekriegt worden, dann erfolgte gemeiniglich zuletzt ihre Flucht aufs Land, die mit den Schwimmgürteln und Federkleidern eben so lächerlich als beschwerlich ausfiel. Unsre Reisenden fügten sich aber ganz ernsthaft in diese Launen des wunderlichen Prinzen, sie hatten ihm ihre Ankunft gemeldet, sie wollten sein abenteuerliches Schloß beschauen; und taten gegen die Sirenen, als wenn sie sich aus Furcht vor ihnen ans Land zurück zögen. Dieser Landungsplatz gehörte schon zum Garten des Prinzen, sie sahen niemand bereit sie zu führen, aber aus einigen Bäumen, die zu ihrer Verwunderung umgedreht waren, so daß die krause Wurzel fein belaubt aufgerichtet stand, befahl ihnen eine Göttin, den Weg nach dem Schlosse einzuschlagen. Das Schloß dieses Prinzen ist allzubekannt, um es weitläuftiger zu beschreiben, es hat unermeßliche Summen gekostet um alles hervorzubringen, was gegen den Geschmack, gegen die Bequemlichkeit, gegen jede Art Kunstsinn verstößt. Keine Mauer ist gerade, oder in einer bestimmten Krümmung, kein Fenster dem andern gleich; die schiefe Türe, die von der Mitte des Hauses wenig absteht, ist von den ekelhaftesten in Marmor gehauenen Chimären umgeben; erst da bemerkt man, daß die ganze Mauer mit solchen Unwesen ordnungslos überzogen ist. Beim Eintritte erschrickt der Kunstliebende vor den schönen heiligen Bildern großer Meister, womit der Fußboden belegt ist, wogegen die Wände mit den Zerrbildern kleiner Kinder in kostbaren Rähmen prangen; alle Fensterscheiben sind aus zerbrochenen Stücken sehr beschwerlich zusammengelötet, und die Decke des Zimmers ist mit einem Gemische alter goldener Rahmen, Muscheln, Ordensbänder und Dokumente mit großen Wappen bedeckt; die prächtigen Stühle haben alle nur zwei Beine, und die Tische liegen alle umgekehrt. Das Kostbare aber in seiner Vermischung ganz ungenießbare Frühstück, war in einem künstlichen Pferdestalle unsern Reisenden bereitet, der freilich nie den Pferden eingeräumt worden; die herrlichsten Majolikagefäße als Krippen, die künstlichsten Glasgitter als Heuraufen zeichneten ihn vor allen Zimmern im Schlosse aus. Hier ließen sich die Reisenden zum Ausruhen nieder, wenn sie gleich von den Speisen nichts anrühren mochten; weder Herr noch Diener war irgend zu erblicken, alle unterhielten sich über die Veranlassung, eine Grille, die einen andern Menschen auch wohl einen Augenblick hätte beschäftigen können, mit solchem Aufwande über sein ganzes Leben auszubreiten. Die Fürstin glaubte, er hätte sich durch diese Wunderlichkeiten auszeichnen wollen; was ihm auf dem gewohnten Wege andrer Menschen vielleicht nicht gelungen; es gehe ihm nicht ärger als gar manchem Dichter, manchem Fürsten. Der Graf meinte eine eigne Gedankenunzucht darin zu entdecken; er glaubte, daß ein Mensch allmählig in solcher heimlichen Lust alles Ekelhafte sich zu denken, weil es niemand in seiner Äußerung leiden würde, zu so einer fixierten Verdrehung alles Kunstsinns gelangen könne; wunderten wir uns doch oft, sagte er über unerklärliche leidenschaftliche Liebe zwischen ganz Ungleichartigen, die in ihrer Verbindung noch ärger wie dieser Palast erschrecken, aber keiner läßt sich träumen, welche geistige Zwischenglieder sie ganz natürlich verbinden; es ist nichts heiliger in der Welt als die Gedanken und nichts muß heiliger gehalten werden; manche Sünder erscheinen da schuldlos gegen die scheinbar guten und frommen Seelen, so entzieht ihnen auch der heilige Geist ihre Kunstgaben nicht, während jene in sich aussterben und verarmen. – Diese Äußerung des Grafen, ganz ohne Beziehung auf die Umgebenden, zog die Gräfin sich zu Gemüte; sie glaubte die Fürstin, deren frühere Verbindung mit ihrem Vater und anderen sie kannte, als jene öffentliche Sünderin zu erkennen, und sich in der heimlichen wieder zu finden; wie sie durch ihre Kinder von aller Äußerung ehemaliger Kunstanlage abgehalten, wie jene ihren ganzen Stolz in die Ausbildung ihres Talents gesetzt, das vermischte sich in ihrer tiefen Demütigung mit den Äußerungen des Grafen über die Austeilung des heiligen Geistes; sie wollte ihre Tränen zurückhalten, aber die gewaltsame Wirkung dieser Verzweiflung an sich in ihrem Innern zusammengepreßt, störte den ruhigen Zusammenhang des Äußeren mit dem Inneren; sie sank in einer Ohnmacht nieder. Der Graf schrieb es der ungewohnten Fahrt zu, und trug sie in den Garten. Erst nach einer Viertelstunde erwachte sie an der freien Luft in den Armen ihres Mannes, unter seinen Küssen und Tränen, die kühlend auf ihre Schläfe gefallen; die Kanarienvögel sangen über ihr in dem Rosengebüsche. Sie wußte nicht wie ihr geschehen, es war ihr wie beim Erwachen nach dem Hochzeitfeste noch einmal so selig, denn der Graf war ihr so viel teurer; es schien ihr dasselbe und ein andres Leben, alle Besorgnisse dieser Tage wurden für eine Stunde von dem wunderlichen Schlosse beschworen. Der Graf drang aus Besorgnis wegen der Gräfin auf die Rückfahrt; den Kindern tat es sehr leid, sie erzählten ohne Aufhören von dem Schlosse; die Reise endete heitrer und traulicher, als das Ereignis mit dem Ringe erwarten ließ. Wer vermag es Ahndungen zu deuten?

Am Abende nach ihrer Rückkehr, wo in Gegenwart eines Mönchs aus dem nahen Franziskanerkloster, von dem Prinzen von Palagonien wieder gesprochen und verschieden gemutmaßt wurde, erregte er mit der Versicherung alle Rätsel lösen zu wollen, die allgemeine Aufmerksamkeit: Habt ihr nie, sagte er, von dem alten Geschlechte der Stauffenberge in eurem Vaterlande gehört? Peter von Stauffenberg war der letzte und schönste seines Geschlechts im Deutschen Lande, von ihm stammen die Prinzen von Palagonien.

Die Fürstin fiel hier ein und erinnerte, daß freilich der echte männliche Stamm aus gültiger Ehe entsprossen, in Deutschland erloschen sei; daß aber eine Tochter Sigelindens, die ihm nach einer alten Fabelgeschichte von einer Meerfeie geboren sei, also wahrscheinlich ein Kind, das er von einer Meerfahrt mitgebracht, die Stammutter ihres Hauses wäre. – Der Mönch meinte, sie würde in Hinsicht dieser Verwandtschaft sehr begierig sein den Prinzen kennen zu lernen; die Fürstin aber versicherte, daß sie genug blödsinnige Vettern in ihrem Hause besäße, und der Mönch fuhr in seiner Geschichte fort. Sie werden vielleicht nicht wissen hohe Fürstin, wenn sie gleich nach heutigem Welttone daran zweifeln, was die allgemeine Sage von diesem schönen Stauffenberge erzählt, der in aller Welt herum reiste, seine Schönheit und sein Geschick und ritterliche Tugend zu zeigen; ich will seine Geschichte ganz kurz erzählen. Kein Mann konnte ihn weder im Ernste noch im Scherze bestehen, den Frauen war er eben so gefährlich, aber allen ihren Blicken, Sendungen und Verführungen blieb er verschlossen, als hätte die Natur alle seine Lust zum Schrecken, zur Gewalt aufgezehrt, daß der Liebe nichts geblieben. Als sich aber einst die Tochter des Kaisers Otto, Helena mit Namen bei einem feierlichen Gestech in ihn verliebte, der Kaiser sie ihm zur Gemahlin bot und er sie öffentlich ausschlug, da mußte er bei Ritterpflicht dem Kaiser bekennen, was ihn im ehelosen Stande halte. Der Ritter von Stauffenberg bekannte daß er mit einer schönen Meerfeie seit Jahren verheiratet sei, deren Name Nixe, nachher allgemein für die Geister der Wasser gebraucht worden; ihr sei er mit seinem ritterlichen Handschlage verpflichtet, den er ihr einst bei seinem ersten Auszuge in die Fremde gegeben, als sie ihm Liebe und Schutz gegen alle Fährlichkeit seines Lebens zugesagt hätte. Wann er es wünsche und er allein sei, erscheine sie ihm in ewiger Jugend wie das erstemal, herrlich gekleidet aber mit nassen Haaren; sie wäre dann gefällig seinem Willen als einer eheligen Frau gezieme und habe ihm ein Mädchen Sigelinde geboren; in allem öffentlichem Verkehre und was er denke und dichte erscheine sie dagegen nie, aber sie flüstere ihm oft, wo er in Not sei, guten Ratschlag ein, und habe ihm erst den Morgen zugerufen, sich stumm zu stellen, was er aber aus Ritterpflicht unterlassen. Die Geistlichkeit erklärte die Meerfeie für einen Teufel, dem der Ritter entsagen müsse nach seiner ritterlichen Ehre, und der Kaiser schwor, daß er zum offenen Zeugnisse dieser Entsagung seine schöne Tochter Helena, die aus Liebe zu ihm sterbe, sogleich heiraten müsse. Der Ritter versicherte, daß die Meerfeie ihm heilig zugeschworen, er müsse nach dreien Tagen hinsterben, nachdem er die Treue zu ihr gebrochen; aber die Ritter riefen einmütig, daß solche Furcht vor dem Teufel keinem Ritter gezieme, der Leib und Leben dem Werke Gottes geweihet. Der Ritter fühlte sich überwiesen, die Verlobung mit Helena wurde gleich vollbracht; noch eine Nacht erbat er sich vor der festlichen Verheiratung. Als er allein war, da wünschte er zu sich die geliebte Frau; sie erschien, aber ihr fröhliches Auge war in Tränen erloschen, nicht bloß ihr Haar, ihr ganzes Kleid war genäßt; sie konnte kein Wort sprechen, als sie den Ritter an sich drückte. Ach weh daß ich zu Ruhm gekommen, daß mich ein fürstlich Weib genommen, so rief der Ritter und die Meerfeie schluchzte, daß er ihr nicht mehr gefolgt sei; in dreien Tagen da sei er tot und sie verfalle in der Liebe Bann. Die drei Tage solle er fröhlich genießen, am dritten Tage wolle sie ihm zeigen den Fuß, auf den er sie zuerst geküßt, daß jedermann ihn sehen könne zum Zeichen daß sie kein Hirngespinst sei. Und da umfingen sie sich zum letzten mal, und da sagte er: ach Sterben ist nun mein Gewinn, weil ich nimmermehr bei dir bin. Schon klang es im Schlosse von der verhaßten Hochzeitfeier; sie verschwand, Lärmen und Pracht, Wein und Liebkosungen machten ihn bald der Drohung wie eines Traums vergessen. Die Vermählung geschah feierlich; der alte Kaiser begrüßte die Neuvermählten am folgenden Morgen, wie sie Arm in Arm, von Freuden müde an einander eingeschlafen waren, und brachte ihnen kostbare Mäntel und Rüstung, fand aber die ganze Decke des Bettes mit so kostbaren Perlen gestickt daß seine Geschenke davor ganz ärmlich erschienen. Diese Perlen waren die Tränen der verlassenen Meerfeie und der Ritter erkannte sie wohl beim Erwachen; wo aber kein Ausweg zu finden, da schreitet der Mutige vorwärts, und so verging auch der zweite Hochzeittag in Lust, und am andern Morgen fand er die Decke so reich mit Perlen besetzt, daß sie ihn fast erdrückte. Am dritten Hochzeittage endlich, als eben die Gäste scheiden wollten, da durchstieß etwas die Decke über der das Brautbett gestanden; dem Ritter entfiel der hohe Pokal, er und alle Anwesenden erblickten einen wunderschönen Weiberfuß, wie ihn Helena wohl nicht zeigen konnte, so schön sie übrigens war. Allmählig befiederte sich das schöne Bein, – bald drang eine Seemöve an der Stelle ins Zimmer die es mit Jammergeschrei umkreiste, und sich dann durch das offene Fenster in den Rheinstrom stürzte, der immerdar nach dem Meere läuft. Der Ritter erkrankte während dieses Gesichts; alles floh, nur seine Helena blieb bei ihm, und wartete seiner bis er den Geist aufgegeben. Sie bauete ihm ein Denkmal: sein schönes Bild, wie er von den Fluten fortgerissen mit seinem Ritterschwerte, das da wurzelt und grünt von der Erde festgehalten wird. An diesem Denkmale wurde sie mit dem Beistande einer fremden Frau von einem Knaben entbunden, den sie nach dem Vater nannte; die unbekannte schöne Frau brachte ihr, statt einen Dank zu verlangen mit vielen Tränen ein Töchterlein von zwei Jahren, Sigelinde: und bekannte ihr, daß es des Ritters Tochter von ihr sei, und da verschwand sie als ein Vogel und versank unten im Rhein. Helena hatte also zwei Kinder ihres Ritters, die sie in frommer Liebe erzog, die aber beide früh eine mächtige Lust zu einander zeigten, daß sie beide trennen mußte. Den Knaben nahm der Kaiser nach Sicilien und gab ihm dort den Titel eines Prinzen von Palagonien, die Tochter wurde bald darauf eurem edlen Ahnherren vermählt. – War euer Geschlecht mit Glück gesegnet, fragte der Mönch die Fürstin zum Schlusse. Die Fürstin errötete und sprach: Vor allen war es glücklich, bis ich bin eingetreten; mein entarteter Sohn, der sich einem wilden Leben ergab, verleugnete den Segen seines Hauses. Der Mönch fuhr fort: Ganz anders erging es dem männlichen Stamme dieses Hauses in Sicilien; sein Unglück ist ein Irrgarten, jede Ehe war mit Mord bezeichnet; es ist keiner in dem Hause, der nicht entweder sich oder einen der Seinen umgebracht hat. Dem jetzigen Prinzen, der durch frühes Unglück seine Eltern verloren, dem Letzten seines Hauses, wurde in einer ängstlichen Erziehung eine so gewaltige Scheu vor den Menschen, vor jedem Unternehmen beigebracht, daß er nie zu etwas kam, sobald er etwas dabei tun sollte, und nie etwas annehmen mochte, was ein andrer für ihn tat; so verzögerte er in gewaltsamer Anstrengung seines Geistes jedes Unternehmen, bis es unmöglich auszuführen war. War eine Stelle eben besetzt, so wünschte er sie sich, die er vorher ausgeschlagen. Er liebte, und wurde geliebt, aber er konnte sich zu keinem Worte entschließen, dieses auszudrücken; seine Geliebte starb aus Gram darüber; ihre nachgelassenen Worte der Liebe zerrissen sein Herz. Er beschloß in sich seinen unglücklichen Stamm zu vertilgen, der nur Unglück erfahren und Unglück gebracht hatte. In stiller Verzweiflung zog er sich von allen Menschen zurück; aber seine Schönheit, sein Verstand zogen manche zu ihm, sein Reichtum brachte ihm vielen Zuspruch; so beschloß er mit seinem Reichtume etwas zu begründen, das die Leute von seiner Schönheit abschreckte, indem es ihm den Ruf des Wahnsinns gebe; so entstand der berufene Palast, der wohl eine Menge Neugierige für ein Paar Stunden herbeizieht, aber sie alle sehr bald ermüdet und zurück weist. Als die Maurer diesen Palast bis zu der Höhe aufgerichtet hatten, daß er vom Meere gesehen werden konnte, da haben sie eines Morgens eine weibliche schöne Gestalt auf einer Klippe sitzen sehen, die mit grünen Augen auf den Bau geblickt, während sie ihr nasses Haar mit den Fingern durchzogen; ihr Haupt wurde dabei von Meervögeln mit klagendem Geschrei umkreiset. Als sie verwundert zu ihr hingeblickt, ist sie untergetaucht. Ob der <Prinz> dieses Meerweib gekannt, läßt sich nicht bestimmen; er habe sich nicht verwundert und gleich gesagt, ob es nicht sechs Uhr Morgens gewesen, welches sie alle bejaht. Nach einiger Zeit hat der <Prinz> ein paar Fischermädchen die gut schwimmen konnten, im Singen unterrichten lassen, daß sie nahe bei dem Landungsplatze die Fremden als Sirenen begrüßen. Es ist ein Gerede unter den Menschen, daß er einen nächtlichen Umgang mit dem Meerweibe habe, wenigstens schifft er sich oft Nachts ganz allein, selbst wenn es stürmt, in einem Boote ein, fährt auf die Höhe, und kommt erst nach Sonnenaufgang zurück; ich weiß nichts davon, aber ein Schiffer der ihm dies Boot in Ordnung hält, sagte in der Beichte, daß er einst zwei schöne Perlen darin gefunden, die er sich zugeeignet und für tausend Zechinen verkauft habe. Andre sagen, es sei die Sybille von Marsalla mit der er zu tun habe, gewiß ist dort der einzige Ort wo er sich am Abende vor dem Johannisfeste in der bekannten Grotte einfindet, von dem wunderbaren Wasser trinkt, und in die schallende Höhle wunderbare fremde Worte ruft, die ihm eben so wunderbar beantwortet werden. Viele Menschen die von Wundern nichts halten, sagen, daß er in geheimer Verbindung stehe mit der berufenen Tuneser Seeräuberkönigin Onanide, die alle Monat ihm einen Besuch ablegen soll, gewiß ist daß an einem Tage im Monat, welchen der Mondenlauf bestimmt sein Schloß nächtlich erleuchtet ist; aber keiner seiner Leute darf bleiben; er läßt sie hinaus, und zieht selbst die Zugbrücken auf. Nach jeder solchen Nacht schickt er in der ganzen Gegend Geschenke aus, meist fremde Sachen, die hier nie gesehen, die niemand brauchen kann. So sendete er im vorigen Monate große schöne Schränke in unser Kloster. Wir öffneten sie mit großer Neugierde; aber denken sie sich was wir in den Schiebekasten fanden; Felsstücke, sauber eingepackt auf Baumwolle gelegt; kein einziger kostbarer Stein war darunter. Das wird eine Mineraliensammlung sein, sagte der Graf, die wäre mir willkommen, ich habe gerade darin am meisten nachzuholen und nachzulernen – Der Mönch versicherte, daß ihm diese Sammlung gegen irgend ein Geschenk, das zum Kirchendienste taugte, gern überlassen werde; der Graf wurde darüber sehr heiter und fast ungeduldig, sie zu besitzen. Die Fürstin äußerte, daß die wunderbare geahndete Verbindung des Prinzen vielleicht eine Muse sei: ein gänzliches Ergeben an Studien, denn dies Geschenk sei gar zu wissenschaftlich für eine Meerfeie, oder für eine Seeräuberin. – Nein, sagte die Gräfin, die alles Allegorische haßte, was ihr eine geglaubte Wirklichkeit entrückte, es ist gewiß eine Meerfeie, welche ihrem Freunde von den untergegangenen Schiffen alles Herrliche verehrt. – Darüber verloren sich die andern in Wünschen, nach diesen untergegangenen Schätzen; einer wollte Michael Angelos Zeichnungen zum Danke, ein andrer Hamiltons Vasen; die Fürstin aber meinte, wenn ihr niemand wiederschaffen könne, was an Kunstwerken in Feuer aufgegangen, von der Erde verschüttet sei, so möchte das Wasser immer seinen Teil behalten, manches solle nun einmal der Welt verloren gehen. Gleich den folgenden Tag fuhr der Graf mit einem schönen Altarbilde nach dem Kloster, das ihm ein junger Maler Grimm aus Deutschland zurückgelassen hatte; es stellte die Einsetzung des Abendmahles dar; die Köpfe der Apostel waren meist Gesichter seiner Bekannten im Schlosse. Die Mönche waren sehr erfreut über den Tausch, und der Graf ließ den Wagen voll Schränke, wie im Triumphe, mit Musik zu sich einfahren. Die Fürstin, die alles ergriff, was ihm Vergnügen machte, bat es sich aus, daß die Sammlung in ihrem Hause aufgestellt werde; der Schreiber, welcher gute Kenntnisse von den neueren mineralogischen Systemen hatte, sollte sie in seinem Zimmer durchsehen und ordnen. Der Graf willfahrte ihr und lebte, in der Sammlung vertieft, halbe Tage in ihrer Nähe. Lächeln mußte er, als er auch in dieser Sammlung die Besorglichkeit des Prinzen vorscheinen sah; die giftigen Metallkalke waren alle schon im Äußeren des Schiebkastens mit dem Zeichen des Totenkopfes und der Knochen, aller leichtsinnigen Neugierde, die sie unvorsichtig abreiben könnte, verwarnt.

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