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Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores

Achim von Arnim: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
booktitleHollin's Liebeleben / Gräfin Dolores
authorAchim von Arnim
year1989
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-60010-0
titleArmut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores
pages101-684
created20011206
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1810
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Siebentes Kapitel

Rückkehr des alten Grafen P... mit seiner ostindischen Familie nach dem Palaste in Deutschland

Erinnern wir uns noch einmal, daß der Graf das Schloß seines Schwiegervaters, des Grafen P..., als ein verschlossenes Denkmal seiner früheren Zeit, seines Glücks und Unglücks unbewohnt zurückgelassen hatte, aber für dessen Erhaltung sorgen ließ; jährlich erhielt er Nachricht, was unvermeidliche Zufälle im Schlosse oder Garten verändert; aber wie alles mit Einsichten gebaut, so schien alles durch die Zeit zu gewinnen und kleine Beschädigungen waren ohne große Kosten ergänzt. Ein seltsames Toben, das in gewissen Nächten das Schloß erfüllte, die Erleuchtung, die dann in mehreren Zimmern bemerkt wurde, gaben zu wunderlichen Gerüchten Anlaß; man sprach von dem Geiste des alten Grafen, der da umginge, und wie in alter Zeit in Festlichkeiten schwelge. Keiner wagte es ohne Auftrag, die Sache zu untersuchen; auch dieses wurde dem Grafen berichtet, der aber unter dem hellen Sicilischen Himmel die Dunst und Nebelgestalten des Nordens wenig beachtete; seinen Schwiegervater hatte er wegen des Leichtsinns, mit welchem er die Seinen verlassen, nie leiden können, sein Geist war ihm ganz gleichgültig. Ungefähr zehn Jahre nach dem Auszuge des Grafen in derselben Nacht, die vor eilf Jahren den Treubruch der Gräfin verhüllte, kam ihr Vater, der alte Graf P.. mit vier großen sechsspännigen Kutschen über die Heerstraße die Anhöhe herunter gefahren, von welcher die beiden Schlösser und die alte Stadt so herrlich zu übersehen. Er fuhr mit einer ostindischen Frau und zwei Kindern, die sie ihm in Ostindien geboren, in einem Wagen; seine dort erworbenen Schätze und seine Dienerschaft folgte in den drei andern. Er hatte seinen Namen verändert, und galt für einen Engländer; von den Seinen hatte er nichts erfahren, nicht einmal ob seine Frau und Kinder noch lebten; die Sehnsucht nach seinem Schlosse, von dem er seiner Moham (der neuen Frau) täglich vorerzählte, trieb ihn einzig in diese Gegend zurück. Von der Anhöhe sah er viele Zimmer seines Schlosses hellerleuchtet; erst jetzt gedachte er ernstlich in seinem leichtsinnigen Gemüte, wie er seine neue Frau, seiner ersten vorstellen solle, die beide nichts von einander wußten, wenn diese vielleicht noch am Leben sei. Die Geschichte des Herrn von Gleichen, der seiner Frau aus den Kreuzzügen heimkehrend eine Sarazenin zuführte, die ihn aus Liebe von der Sklaverei befreit, und dafür aus Dankbarkeit von der ersten Frau als Mitgenossin ihres Ehebettes anerkannt wurde: diese Geschichte, die seinem Leichtsinne bis dahin als genugtuend für alle Fälle vorgeschwebt hatte, wollte ihn nicht ganz beruhigen. Er ließ langsam fahren, und stieg mit Herzklopfen vor dem Schlosse aus dem Wagen, und trat in das Schloß das offen stand, und wo ihn eine prachtvolle Dienerschaft empfing. Er fragte, ob die Gräfin P.... noch zu sprechen wäre, die Diener sahen ihn verwundert an, und fragten ihn, ob er nicht wisse, daß sie schon seit neun Jahren mit dem Herzoge von A.... verheiratet wäre, sie würden ihn anmelden. Er nannte sich Moham und sagte, daß er Bestellungen von einem alten Freunde des Hauses brächte. Sobald dieses ausgerichtet, wurde er zu der Frau vom Hause geführt, er fand sie wenig verändert, nur etwas blässer; sie kannte ihn nicht, was nicht zu verwundern, da er sehr gealtert und vom heißen Klima fast dunkelbraun gebrannt worden; er sagte ihr, daß ihr voriger Mann noch lebe, und daß er von ihm gesendet sei, das Schloß nach dem Maße seiner jetzigen Reichtümer zu verschönern. Die Herzogin erwiderte ihm, daß er kein Recht auf das Schloß behalten, daß sie es von seinen Schuldnern erkauft und selbst, nachdem sie den Leichtsinnigen in allen öffentlichen Blättern vorgefordert, einem andern Manne, dem spanischen Herzoge von A. vermählt sei. Der Graf verriet sich nicht, so unangenehm ihm der Verlust seines Schlosses war, so lieb war ihm der Verlust seiner Frau, die ihm gar nicht mehr liebenswürdig erschien; er sagte, daß er alles ihrem ersten Gemahl berichten wolle, doch glaube er durch das unumschränkte Zutrauen desselben wohl berechtigt zu sein, um ein Nachtlager für sich und die Seinen zu bitten. Die Frau vom Hause bewilligte es ihm gern, und stellte ihm den Herzog, ihren Gemahl vor, der eben mit großer Pracht ins Zimmer getreten war. Der Herzog überhäufte ihn mit Artigkeiten, und schimpfte doch dabei auf den alten Grafen, der darüber in einer ängstlichen Verlegenheit war; die Ostindianerin Moham hatte sich und ihre Kinder verschleiert; man setzte sich zu Tische, man aß und trank prachtvoll, und der Herzog machte der fremden Frau mit solcher unwiderstehlichen Liebenswürdigkeit den Hof, daß diese sich entschleierte und ihm sichtbare Zeichen ihrer Zuneigung gab. Die Verlegenheit des Grafen hatte den Gipfel erreicht, als der Tisch aufgehoben wurde, und sich einer nach dem andern unter verschiedenem Vorwande beurlaubte; dem Herzoge sagte zuletzt ein Diener Botschaft von der Gräfin Dolores, und er wurde so heftig bewegt, zitterte so gewaltsam, die Haare sträubten sich ihm empor, er flog zur Türe hinaus ohne Abschied, und nahm das letzte Licht mit sich fort. Der alte Graf fühlte bei seinem Anblicke eine Reue, einen innern Vorwurf, den er nie möglich geglaubt; er wagte nicht an seine Tochter Dolores zu denken, und wußte nicht warum; Frau und Kinder drängten sich ebenfalls erschrocken in dem Dunkel an ihn, und sie warteten alle ängstlich, aber vergebens, daß die Lichter von der Dienerschaft wieder gebracht würden, wie es die Schicklichkeit forderte. Plötzlich erhellte sich indessen das Zimmer von außen; ihre eigenen Leute und viele Bürger der Stadt durchrannten mit Feuergeschrei die Vorsäle, und kamen nun zu ihnen; mit halben Worten erfuhren sie jetzt, daß das Schloß mit dem Glockenschlage zwölfe an vier Ecken habe angefangen zu brennen; mit Mühe konnte der Graf sich und die Seinen und seine reiche Wagen retten, von denen schon einer abgepackt worden; seine ostindischen Leute erstarrten vor den unbegreiflichen Erscheinungen, und waren ihm mehr Last als Hülfe. Nachdem er alles und alle im freien Felde geborgen, und die Bürger hörte, wie sie so nachlässig zum Löschen gingen, weil sie meinten, das sei Gottes Finger, der vor dem Einzuge ihres Fürsten, noch das hochmütige Schloß des Grafen habe demütigen wollen, daß er eine reine Aussicht aus seinen Zimmern bekomme, auch sei es schon lange darin umgegangen mit allerlei Erscheinungen; da kam er auf den Glauben, das Feuer sei absichtlich angelegt gewesen. So bitter ihm dieser Gedanke im ersten Augenblicke war, so herrlich sich die schönen Verhältnisse des Gebäudes mit scheidender Sehnsucht in dem Feuer verklärten, so hatte er, der alles aufgeben, alles vergessen konnte, auch darüber sich bald gefaßt; er zündete seinen Zigaro an einem heruntergestürzten brennenden Balken an, und ließ sich mit einigen müßigen Zuschauern in Unterredung ein. Er fragte zuerst nach dem Herzoge von A...., der ihm ganz unbekannt sei; sie verwunderten sich alle, daß er den nicht kenne, der habe die junge Gräfin Klelia geheiratet, sei aber nun schon lange tot, und der brave Graf Karl, der an Gräfin Dolores vermählt, sei mit ihr zur Witwe hingezogen, keiner wisse recht warum; doch sage man, der alte Graf P.... sei so oft im Schlosse umgegangen und habe so viel Tumult nach seiner Art gemacht, daß sie es nicht aushalten können, gewiß wäre es, daß nach ihrem Abzuge kein Mensch vor seinem Spuken im Schlosse hätte aushalten können. – Der Graf war nicht wenig erstaunt, sich als ein Gespenst in seinem alten Wohnsitze anerkannt zu wissen; er fragte mit einigen Herzklopfen, ob man nicht wisse, wo der alte Graf geblieben. – Der hochmütige üppige Narr, antwortete ein Bürger, nachdem er unserm Fürsten mit Bauen und Fresserei alles gebrannte Herzleid angetan, mußte schuldenhalber davon laufen, ließ Frau und Kinder im Stich, und die Frau starb bald aus Gram. – Jetzt wußte er genug von dem Schicksale der Seinen; er drehte sich um, und das Gewissen zog eine tiefe Furche über seine Erinnerungen, wie der Ackermann über eine verfluchte und zerstörte Stadt. Er mußte fort, er wollte dieselbe Straße zurück, aber seine Pferde, die er den vorigen Tag sehr angestrengt, bedurften der Ruhe; um nichts Übles mehr von sich zu hören, gab er sich für einen alten Freund des Grafen P. aus, der ihn hätte besuchen wollen. – Den Schelm, sagte der Wirt, wo er abgetreten, wollt ihr besuchen Herr? da müßtet ihr weit fahren und hoch steigen; der ist in Amsterdam an den höchsten Galgen gegangen. – Bewahre Gott, sagte der Graf. – Ich schwöre es euch bei Seel und Seligkeit, antwortete der Wirt; ein holländischer Kaufmann, der ihn gar wohl kannte, hat ihn hängen sehen, weil er in Holland falsche Wechsel gemacht, und darüber Streit mit dem Erbstatthalter bekommen. – Der Graf beschleunigte ungeduldig seine Abreise; der Wirt konnte es nicht begreifen, daß er um den alten Spitzbuben, den Grafen so weit gefahren, und nicht einen Tag bleiben wolle, um den prächtigen Einzug ihres Fürsten zu sehen, der nach so vielen Jahren des Elendes wieder zurückkehre, den sie auf Händen in die Stadt tragen würden; ja daran erkennt man gleich den Herren Engländer, versicherte der Wirt. – Der Graf sah tief gekränkt zum Fenster hinaus, nach der Brandstätte; viel Rauch aber wenig Flamme stieg mehr auf. Mehrere Mauern waren halb eingestürzt, sie waren nicht dauerhaft gebaut, die übrigen besonders an den Zuglöchern der Fenster sehr geschwärzt. Das altertümliche fürstliche Schloß trat glänzend hervor im Morgenrot; der Wächter blies mit seinem Horn von der hohen Zinne den Tag an, es schien noch Jahrhunderte zu überschauen und des Grafen luftiges Gebäude, das so lange darauf zu spotten schien, lag da wie eine untergehende leichtsinnige Zeit reuig abbittend vor einer alten dauerhaften wiederkehrenden bescheidenern. – Der Graf konnte das alles nicht länger ertragen, ihm war zu Mute, als erginge über ihn das Totengericht der ägyptischen Könige; er sah zu, ob sich seine Leute etwas erholt hätten, und befragt sie, wie es ihnen im Schlosse ergangen. Ihre verwirrten Aussagen kamen alle darauf hinaus, daß sie von einer Dienerschaft, die sehr prächtig gewesen, sehr gut aufgenommen worden; daß sich aber auf wiederholtes Klingeln einer nach dem andern mit den Lichtern entfernt, und sie gleich darauf das Feuer bemerkt, auch niemand von den Dienern wieder gesehen hätten. Der Graf gebot ihnen zu schweigen, fragte noch wann denn der Fürst ankäme; der Wirt sagte um Mittag, da ließ er anspannen, um ihn zu vermeiden.

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