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Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores

Achim von Arnim: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
booktitleHollin's Liebeleben / Gräfin Dolores
authorAchim von Arnim
year1989
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-60010-0
titleArmut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores
pages101-684
created20011206
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1810
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Vierte Abteilung
Buße

Erstes Kapitel

Des Grafen Genesung. Wallfahrt

Wenn ein heiterer Erzähler zur Unterhaltung seiner Zuhörer schauerliche Geschichten leichtsinnig noch schauerlicher auszubilden sucht, indem er alle dem Tode opfert, mit deren Fortleben er nichts anzufangen weiß, so übt er zwar darin das Recht der Zeit, die ihre Welt, welche sie geboren, zu höherer Umwandlung wieder vernichtet, aber nicht ihre mütterliche Liebe, und nie erreicht er ihren hohen Sinn, mit welchem die wahren Begebenheiten die meisten Dichtungen überragen. Der kühne Mensch, in welchem sich die Ruhe noch nicht entwickelt hat, ist oft jenem leichtsinnigen Erzähler im eigenen Leben gleich, er entzückt sich mit einem Gedanken und verliert sich daran; vergebens warnt ihn seine gute Mutter die Zeit, daß er sich selbst nicht gehöre, sondern ihr, so lange er noch unmündig sei. Der Kühne möchte sich und ihr voreilen und sie muß ihn gehen lassen mit abgewendetem Gesichte auf dem eigenen Wege; leider fällt er bald und kann sich nicht helfen und jammert; noch gibt sie ihn nicht auf, sie steht ihm bei und betrachtet ernst, ob ihn die Reue noch bessern könne, da es die Liebe nicht vermochte. Gewiß, die reuige Buße kann viel, sie ist die wirksamste Kraft in den großen Begebenheiten wie in den kleineren des häuslichen Kreises; ihre Wiedererzeugung, bald unbewußt, hat seit dem Gedenken der Welt alle Krankheiten der Zeitalter geheilt, so verschieden sie immer erscheinen mochte. Bald war die Buße ein zerknirschendes Betrachten, ein Selbstquälen, bald ein tätiges Vernichten des eignen falschen Strebens, in einem Handeln nach entgegengesetzter Richtung; keine Buße darf die andre verachten, jene scheint mehr der geistigen Sünde geeignet, diese geziemt der tätigen ausgeführten Lastertat. Die reine Buße ist die höchste Kraft und Auszeichnung des Menschen. Die Natur hat es ihm versagt wie ein Baum seine abgehauenen Glieder wieder zu ergänzen, aber sie gab ihm dafür diese Kraft geistiger Wiederergänzung, und selbst die Tiere, wie sie sich ihm nähern, verlieren jene Eigenschaft ihres Körpers um dieser geistigen sich zu nähern; die vom Menschen gezähmten mächtigsten Tiere wünschen und erfreuen sich der Buße, wo sie ein Unrecht getan, sie wissen es weder schön noch gut, noch heilig zu machen, sie wollen Strafe. Auch der Mensch unterziehe sich willig der Strafe, wo die Buße ihn nicht ganz erneuen kann: die Strafe ist die Ergänzung der Buße.

Nicht alle Zuschauer waren von dem schreckenvollen Ereignisse so gewaltsam ergriffen als die Gräfin; doch waren die Meisten allzusehr in ihren trägen Betrachtungen gestört, um dem niedergesunkenen Grafen wesentlich Hülfe zu leisten; vielmehr verdarb die Menge, der durch Türen und Fenster eindringenden Menschen, die Luft so schnelle daß der alte Invalide sich mit Gewalt Luft machte, mit seinem Sohne den blutigen Körper des Grafen ergriff und nicht ohne heftigen Widerstand in ein nahes verschlossenes Zimmer trug, ihn dem leeren Mitleid und der widrigen Neugierde zu entziehen. Hier konnte ihm der Stadtwundarzt, der auch Mitglied der Schützengilde war, ungestört die Kleider öffnen und die Wunde untersuchen. Gegen seine Erwartung fand er, daß die Kugel an einer Rippe, die sie streifend zerschlagen, abgegleitet sei und nicht das Herz durchdrungen habe, auch fanden jetzt die Schützen die Kugel in der Wand des Schießsaales eingeschlagen, welches im ersten Schrecken übersehen worden; die weibliche Furchtsamkeit der Gräfin hatte wahrscheinlich vor dem Losdrücken den Lauf von der geraden Richtung gegen das Herz des Grafen abgewendet. Sobald diese gebrochene Rippe ausgebogen und einige Stärkungsmittel ihm eingeflößt waren, atmete der Graf wieder auf, er dachte in einem anderen Leben, und sah sich wieder in dem verhaßten bekannten Kreise, in demselben Leben, das ihm schon unerträglich gewesen noch mit der Last einer schweren Wunde aufs Krankenlager gestreckt. Der Wundarzt wollte es nicht wagen, ihn noch den Abend nach dem Schlosse bringen zu lassen, und so mußte er über sich den ununterbrochenen Jubel der tanzenden Menge hören, die gleich befriedigt, als er am Leben gefunden, seiner Leiden uneingedenk die Nacht durchschwärmte. Die Nachricht von seinem Leben, von der wahrscheinlichen Gefahrlosigkeit seiner Wunde gab der Gräfin das Leben wieder; erschöpft wie sie war, ließ sie es doch nicht, zu ihm zu eilen, und ihn mit einer Vorsorge zu pflegen, die nur Liebe gewähren kann. Wirklich schien ihr der ganze Wert des Mannes nur in dem bedrohten nahen Verluste ganz deutlich geworden zu sein. Dieser letzten Gemütserschütterung schien es zu bedürfen, die eitle Hülle, die sie lange gegen ihn verschlossen, ganz zu durchbrechen; hörte sie doch die ungeheuchelte Anhänglichkeit aller Diener an ihm, so wahr, so unverstellt. Nicht seine dringendsten Bitten konnten sie von seinem Lager entfernen, wenige Viertelstunden Schlafs schienen ihr zu genügen. Sie scheute keinen beschwerlichen Dienst, selbst den Anblick der weit und blutig aufgerissenen Seite lernte sie ertragen; – noch wußte sie nicht, daß ihre Schuld ihm diese Wunde geschlagen, aber schon die bloße zufällige Ursache derselben gewesen zu sein, war ihr unerträglich. Die dauerhafte Gesundheit des Grafen füllte den wilden Riß in seinem schön vollendeten Bau schneller, als der Wundarzt erwartete; wenige Tage nach Abnahme des ersten Verbandes konnte er schon auf sein Schloß getragen werden; hier gab der Graf den Brief Kleliens seiner Frau. Mühsam versteckte sie ihm den fürchterlichen Eindruck, den Abscheu gegen den Herzog, der mit so überlegter Bosheit sich zu einem doppelten Laster angeschickt und es durch ihre eitle Torheit so ganz vollendet hatte; wäre der Graf nicht krank gewesen, sie hätte ihm alles bekannt und sich einen stillen Aufenthalt in abgeschiedner Gegend von ihm erfleht.

Dem Grafen war aber diese Zeit seines Siechtums nicht ohne Wirkung vorüber gegangen; die Pflege seines Körpers machte ihn aufmerksam auf dessen wunderbaren Bau, dessen wunderbares Mitleben mit aller Welt, wie die Schmerzen mit den Stunden kamen, und dem Einflusse ferner Kräuter wichen. Es war ihm, als hätte er eine ungeheure Schandtat getan, und frevelnd, um eine Schickung Gottes abzulenken, statt sie in Tugend und Kraft zu bestehen, dieses heilige Werk Gottes, sein Ebenbild zerstört. In der Fieberhitze glaubte er sich der schändliche Judas, der sich selbst umgebracht, nachdem er den Herren verraten, und der Wundarzt konnte nicht begreifen, wie sein Zustand sich wieder so plötzlich verschlimmerte, besonders was er mit dem roten Barte sagen wolle, von dem er immer spreche. Auch diesen Kampf überstand er; er trug zwar noch einen Verband und durfte nicht von seinem Lager, aber er war schon so gut wie hergestellt: da saß seine Frau am Bette, als er einen Brief erhielt, den er rasch öffnete und nachdenklich las; er schwieg den ganzen übrigen Tag. Die Gräfin, vor sich selbst neben ihm sinnend, befestigte sich immer mehr in dem Entschlusse, ihm ihre Schuld ganz zu bekennen; sie glaubte ihn jetzt stark genug, diesen Schmerz zu ertragen. Nach einigen Schaudern warf sie sich plötzlich neben seinem Sopha auf die Kniee nieder, verhüllte ihr Gesicht und schluchzte: Ach weh mir armen Sünderin, es schnürt mir den Hals zu, ich kann nicht sprechen. – Was ist Dir? fragte der Graf erschrocken. – Tue mit mir, wie du willst, schluchzte sie, ich habe mich schwer an dir versündigt! weiter konnte sie nichts vorbringen. Der Graf fuhr mit einer Hand über ihre Wangen, und bemühte sich an einem Arme sie aufzurichten, aber vergebens; endlich sagte er ihr gefaßt: Hör mich wenigstens jetzt an, bemühe dich, mich zu hören. Auch ich habe dir zu beichten, was du gesündigt, weiß ich, was ich getan, sollst du hören. Du hast die Treue gegen mich gebrochen; ich wollte dich zu meiner Mörderin machen; es war kein Zufall, daß meine Büchse geladen war, Gott weiß es allein und ich, es sollte meine Rache sein, daß ich durch dich so wie für meine Ehre gestorben; ich dachte verblendet mir etwas Großes darin und der Frevel verbarg sich meinem Verstande. Des Himmels Gnade hat die Kugel von meinem Herzen abgeleitet, aber stark angeklopft, daß es sich bessere; der Herr vergibt mir meine Schuld, wie ich vergebe meinen Schuldnern, tue desgleichen. Nicht unsre Rache, aber die Strafe des Verbrechers ist dem Himmel heimgefallen, der den Verbrecher uns durch die engsten Bande des Bluts und der Freundschaft verbunden. Lies diesen Brief deiner Schwester, welch ein frommes Glück ihr der Verruchte gestattet, in ihrer Nähe wird alles gut, – wir dürfen diese Ruhe nicht stören. Nur eins fehlt ihrem Glücke, Kinder; sieh du bekommst ein Kind, das uns zum Fluch geworden wäre, laß es ihr Segen sein; sie fleht mich an, ich hatte ihr deine neue gute Hoffnung in der Freude meines Herzens verkündet, sie fleht um eins meiner Kinder, daß sie ihm ihren Reichtum und ihre Liebe in guter Erziehung schenke, – laß dieses Kind, das noch unter deinem Herzen sich regt, zu seinem rechten Vater kehren, deine Schwester wird es schützen gegen ihn. Wir aber wollen vor den Augen der Welt ruhig beisammen leben, das fordert dein guter Name, – wir wollen zusammen leben, als trennten verschiedne Zeitalter unsre Liebe, oder Verwandtschaft allzunahe des Blutes, in Freundschaft, in gegenseitigem Wohltaten und Diensten – ohne Reue, so vergnügt es sein kann. Uns ist viel Gnade geschehen, wachen wir über uns.

Nach diesen Worten, die er langsam ausgesprochen, hatte sich die Gräfin ihrer niederdrückenden Beschämung ermeistert, daß sie seine Hand küssen und vernehmlich sagen konnte: Du bist allzugroßmütig, du edles Herz, das ich leichtsinnig verspielet, selbst deine Großmut rechnest du dir als Schuld an, wie soll ich vor Gott bestehen; laß mich einsam in einem Kloster meine Schuld büßen, vielleicht können die Jahre uns wieder ausgleichen; Gott vergebe dem Herzoge, ich kann ihm nicht vergeben, vor dir aber vergehe ich in Scham und verzweifle in Reue. – Bei diesen Worten schwankte sie aus dem Zimmer; der Graf stand gegen das Verbot seines Wundarztes vom Lager auf, aber er fühlte einen großen Schmerz, er klingelte und der alte Bediente kam. – Hör, sagte er, geh zu meiner Frau, sei nicht neugierig, sei verschwiegen, vielleicht erfährst du einmal alles; jetzt hüte sie vor Unglück, ermahne sie zu allem Guten, du hast ihr Zutrauen.

Der Alte wußte nicht, was er sagen sollte, doch meinte er, daß schon lange nicht alles gewesen, wie es sein sollte. Er ging zu seiner gnädigen Frau, mußte aber vor der Türe warten; sie hatte sich eingeschlossen. Nach einigen Minuten gab sie ihm einen Brief heraus, an ihren Mann, und so mehrere bis zum Abend – Briefe so zerreißend jammervoll, wie kein Schuldloser sie schreiben kann; der Graf antwortete ihr ernst, aber trostreich. Den folgenden Tag war sie so ermattet, daß sie im Bette blieb, aber den Alten zu sich hereinrief; sie war sonst doch gegen ihn etwas herrschend gewesen, er war es von Jugend an gewohnt; jetzt kränkte es ihn tief, seine Gräfin so in sich zerknirscht zu finden, daß sie ihm wie einem Gerechten, dessen Urteil sie fürchtete, lange Entschuldigungen vorausmachte. Sie konnte es nicht lassen, ihm ihre Geschichte unter vielen Tränen zu erzählen; sie mußte einen Vertrauten haben und seiner Verschwiegenheit war sie völlig gewiß. Der Alte ärgerte sich innerlich, daß er alles das mit seinem guten Eifer weder bemerket noch gehindert; er tröstete sie nach seiner Art recht gut. Am Schlusse ihrer Beichte, sagte sie: Ist Gott gerecht, daß er dem frommen Manne, meinem Grafen, ein so lasterhaftes Weib gegeben und meiner frommen Schwester einen so lasterhaften Mann? – Liebe gnädige Frau, wer so gefehlt hat, soll Gott nicht verurteilen; mir fällt eine alte Erzählung bei diesem Vorfalle ein, die Gottes geheime Absichten recht eindringlich darstellt, wenigstens vertreibt sie Ihnen die böse Zeit. – Als unser Herr Christus mit Petrus noch auf Erden wandelte, kam er einst an eine Wegscheide: da wußten alle beide nicht, welches ihre Straße; denn unser Herr bei aller seiner Erkenntnis Gottes wollte doch in allen menschlichen Dingen wie ein anderer Mensch sein, damit ihn die Menschen verstehen könnten. Nun stand aber ein Baum allda, unter dessen Schatten ein Bauernknecht seine Mahlzeit hielt. Der Herr fragte ihn freundlich nach dem Wege gen Jericho; der träge Bauer antwortete ihm aber kein Wort, sondern stopfte sich das Maul immer voller und aß fort, als stände niemand vor ihm. Wie sie da in Zweifel also lange genug gestanden und nach allen Weltgegenden hinausgesehen hatten, da kam eine Magd gelaufen von weither, die Sichel in der Hand, die Schürze halb voll von Gras, die hatte ihre Zweifelhaftigkeit wohl bemerkt, und fragte, wohin sie gedächten, und geleitete sie weit hinaus auf den rechten Weg, von dem sie abgeirret waren; dann lief sie eilig zurück nach ihrem Acker zur Arbeit und nahm nicht ihr Trinkgeld, und hörte nicht einmal auf ihren Dank. Da sprach Petrus: Meister, die Guttat zu belohnen, mußt du ihr einen wackern Mann bescheren. Da sprach der Herr: Der faule Knecht, der dort im Schatten saß und zu träge zum Sprechen war, der wird ihr Mann. Und als sich Petrus darüber verwunderte, sprach unser Herr weiter: Der Mann würde gänzlich verderben ohne eine fromme gute Frau; die Frau aber würde sich zu viel einbilden auf ihren Fleiß, auf ihr Geschick, denn Eitelkeit tritt der Tugend in die Fußstapfen; also schließt Gott ungleiche Ehen, auf daß eines helfe des andern Bürde tragen, und also sie beide bleiben in Ehren.

Diese Erzählung, die der Alte aus unserm braven alten Hans Sachs gelernt hatte, schien die Gräfin ernstlich zu beruhigen. Als ihr Mann nach ein paar Stunden sich zu ihr hatte führen lassen, erklärte sie ihm mit festerer Stimme, sie habe keinen eignen Willen mehr, sie unterwerfe sich seiner Einsicht ganz, er möge ihr gebieten. Vergebens suchte er sie zu stärken, sie war innerlich in sich wie gebrochen, und ihre Reue war ihm ein steter Vorwurf. Oft wünschte er sich tot, um diesem zwangvollen Verhältnisse entnommen zu sein; denn selbst seinen Ernst und seine Trauer suchte er ihr schonend zu verbergen; aber das Leben hört selten auf unsre Bitten, nur gewaltsam läßt es regieren, hemmen und erwecken, und wem ist dazu ein Recht gegeben? Bald genas er völlig und durchstrich wieder dieses Schloß, diesen Garten, wo jede Stelle mit seinem Glücke mit seinem Unglücke bezeichnet war und alles das mußte er verschweigen. Wem solch ein Verhältnis nie begegnet, der hat es doch sicher in unsrer Zeit allgemeiner Teilnahme an politischen Ereignissen erlebt, daß Leute aus Rücksichten gerade von allem dem, womit ihre Seele einzig beschäftiget, kein Wort sprechen durften; so ungefähr saßen der Graf und die Gräfin häufig einander gegenüber und blickten seitwärts, um einander nicht abzusehen, was sie einander nicht sagen mochten. Sein Wunsch wäre eine Reise gewesen, weit in die Fremde, aber seine Frau ließ sich nicht gerne sehen; jeder Besuch war ihr eine Qual; sie vermied die meisten und das ward ihrem Zustande zugeschrieben. Wunderbar, wie viele lang ersehnte Hoffnungen auf Kinder, die mit Jubel in der Welt aufgenommen sein würden, gehen in einem geringen zufälligen Schrecken unter, und dieses fluchbelastete Kind, das auf einem Tränenstrome in die Welt schwimmen sollte, hatte von allen diesen schrecklichen Ereignissen nicht gelitten. Ein neuer Brief von Klelien drückte ihren Wunsch nach Kindern so schmerzlich aus, sie schrieb so rührend von ihrem Glücke, von ihrem Manne, der ihr der Brennpunkt aller Tugenden, aller Frömmigkeiten war, und nun sah sie mit großem Bedauern rings um sich, wie so alles, was der Herzog und sie auf den Gütern schaffe, einst in fremder Hand wieder untergehen werde, da der Lieblingswunsch ihres Mannes unerfüllt bleibe, daß sie ihm Kinder schenke. Sie fragte sich, um welcher Sünde willen Gott ihren Leib verschlossen; ja sie wünschte sich den Tod, um ihrem Manne diese Freude durch eine andre Gattin gewähren zu lassen. – Diese Frömmigkeit des Herzogs, die in den Augen seiner frommen Frau so rein erscheint, täten wir unrecht ganz zu bezweifeln; auch die Anlage zur Frömmigkeit war in ihm und hatte ihn gleich anfangs in Klelien gereizt, aber freilich nicht lange; die heiteren Briefe ihrer Schwester Dolores, die er bei ihr las, hatten ihn damals zu ihr hingezogen; seitdem bemächtigte sich seiner eine abergläubische Furcht, er hatte die Laster überlebt; jetzt war es nicht bloß Sinn für Frömmigkeit, die ihn an die Wallfahrtsörter Siciliens, zu allen Geistlichen trieb, er schwindelte in die Frömmigkeit hinein, die seiner Frau eigen; es war ihm ein neuer Reiz, den er aber immer neu steigern mußte; die Religion ward ihm eine neue Art Opium, seine Natur forderte immer mehr bis sie nichts mehr fordern konnte. So lebte der Sünder wahrlich nicht unglücklicher als der Graf, den wir doch zu den Bessern rechnen müssen; die Welt ist aber in ewiger Fortschreitung und das Laster endigt früher und geht unter, während die dauernde Tugend mit allen Hindernissen ihrer Entwickelung kämpft. Das unnatürliche Verhältnis des Grafen zu seiner Frau, das nur der umgebenden Welt wegen angenommen war, mußte sein Inneres ausleeren; es gab ihm nichts und gestattete ihm auch nicht einmal die Freiheit, sich nach anderen Richtungen auszubreiten; seine Geschäfte, die er sonst mit Lust getrieben, kosteten ihm unsäglich viel Mühe und Überwindung; er suchte sich Liebhabereien anzugewöhnen, um dadurch beschäftigt zu sein, schaffte kostbare Pferde an und lernte das Schachspiel, wollte ein Buch über Staatskunst schreiben, das er lange entworfen, und wußte nicht, was er schreiben sollte; mit dem Glücke waren ihm alle Gedanken verschwunden. Als er einmal so in seinem Zimmer umhergeschwankt, sich hundert Federn geschnitten und mit keiner geschrieben, hundert Bücher aufgeschlagen und in keinem gelesen hatte, da fand er sich so verwirrt, so öde, so matt und krank, daß er beten wollte und nicht zusammenhängend sprechen konnte; keine Träne wollte ihn erquicken. Draußen tobte ein Marktgewühl auf der Straße, in ihm war alles so stille, er setzte sich nieder und schrieb. »Erkenne Herr, der du die Welt gefüllt hast, diese Leere meines Herzens, diese Leere meiner Gedanken, befreie mich von Qual und Angst, nirgends halte ich mich, nichts hält mich, ich schwanke und muß vergehen, stärke mich Herr; wo ich mich suche, da finde ich mich nicht, wo ich dich suche Herr, da fühle ich nichts, mein Dasein ist mir ein Gram und ich kann mich nicht vergessen; mein Leben ist mir eine Krankheit und doch sind die Krankheiten mir ein Schrecken. Ich fühle mich, daß ich nie so traurig war, wie in diesem Augenblicke; was mich betrübt, ist keine Tat, kein Gedanke, kein Wort, vergebens bemühe ich mich, es zu sagen; was ich gedacht, versteckt sich mir, was ich gefühlt ist mir verloren; ich muß alles ewig von vorne beginnen; ich kann nicht schwärmen mit den Fröhlichen, nicht tätig sein mit den Tätigen, nicht ruhen mit den Trägen; das Überflüssige zu tun, verachte ich und zum Notwendigen fehlt mir der Mut; was mich anregt ist eine schmerzliche Spannung, meist lähmt mich eine klägliche Erschlaffung; noch denke ich, daß ich ein Zutrauen zu Dir habe Herr, aber ich fühle nicht Deine belebende Kraft!« – In diesem Augenblicke erweckten ihn die Glocken der Kirche; er gedachte wie viel er, seit früh an Gott gehangen und wie ihm doch alles Glück verloren; es wurde ihm in tiefster Seele, als gebe es gar keinen heiligen Zusammenhang in der Welt, als sei alles vergebens. Da läuft sagte er vor sich, das schwachsinnige Volk in die Kirchen in alle Ewigkeit und meint, darin etwas Gutes zu tun, es ist doch alles vergebens und umsonst; auch ich will einmal mitlaufen, will auch einmal beichten, will doch sehen, was mir die Dummheit raten wird, die dort an Gottes Stelle sitzt.

Wir werden es häufig bemerken in unsrer Zeit, daß Menschen der gebildeten Stände, die sich lange sehr religiös glauben, doch eigentlich die Religion nur als ein Gedachtes, als ein Nachdenken über die Welt bewahren, nicht als ein Notwendiges, Eingebornes, Anerzognes, nicht als einen Glauben; es gab für die Meisten eine Zeit, wo sie viel dachten und der Religion vergaßen; ihr Spekulieren über Religion hält selten gegen die Not und gegen das Glück aus; beide geben ihnen meist erst ihre feste Richtung, ihren eigentlichen Glauben. In einem verzweifelnden Seelenzustande trat der Graf in die Kirche; er sah mit Verachtung, wie die Menschen so demütig aus den Beichtstühlen heraustreten, doch setzte er sich selbst müde in einen derselben, der im trüben Dunkel einer Kapelle stand, und wartete bis der Geistliche, der nach der andern Seite eine Beichte hörte, das Ohr nach seiner Seite legen würde. Er hatte sich erst vorgenommen seine Sünde, den Versuch sich selbst zu ermorden, oder vielmehr sich ermorden zu lassen, nur ganz allgemein anzudeuten, so daß der Geistliche doch keinesweges ihn gleich erraten könnte. Wie sich dieser zu ihm wendete, sah er auf der andern Seite des Beichtstuhles eine Gestalt heraustreten, aus deren betränten Augen auch sein Schmerz floß; erst schien es ihm Dolores, dann glaubte er sicher, sie wäre es nicht gewesen. Bei diesem Anblicke wurde ihm der Beichtstuhl ganz vertraulich; er sprach von seinen Fehlern so aufrichtig, wie ein Verstorbener, und der Beichtvater, der beider Verhältnis zu durchschauen schien, gab ihm eine Reise nach einem nahen Wallfahrtsorte auf. Nichts auf der Welt war seiner Stimmung so angemessen; gleich tat er dem Geistlichen, der Pater Martin hieß, den Vorschlag, mit ihm noch denselben Abend dahin zu wandern, er verspreche ihm reichliche Belohnung. Pater Martin willigte fröhlich ein; er sagte, daß er schon lange seinem Bruder, der dort mit wenigen im Kloster zurückgeblieben, einen Wein zu kosten versprochen habe. Der Graf schickte nach Hause und ließ melden, daß er ein paar Tage ausbleibe, und so machte er sich mit dem Geistlichen auf den Weg, den er eben so furchtsam und verlegen betrat, wie er sonst keck darauf einher geschritten. Die Unterhaltung mit dem einfältigen Pater Martin war ihm bald quälend; er bat sich dessen Rosenkranz aus und betete so vor sich hin; aber allmählig ward ihm wohl in der einförmigen Wortfolge, bei der er bald an nichts dachte, als was Anfang und Ende sei; ganze Züge von Pilgern traten zu ihnen und stimmten in die Gebete ein, das Gleichmäßige trug ihn. Bald fühlte er, wie einfach das Menschenherz, bei jeder Wiederkehr des Gebetes ward es ihm immer heiliger, rührender; sein Auge blickte umher nach der untergehenden Sonne, und so kam er heiter in einem Wirtshause an, das einsam zwischen großen Seen gelegen die Mitte ihrer Wallfahrt bezeichnete. Die größere Zahl der Pilger trat eilig ins Wirtshaus, um für Speise und Trank nach Lust und Geld zu sorgen. Wallfahrten sind die Badereisen der Ärmeren; sie arbeiten halbe Jahre um durch diese wenigen Tage in sinnlichem und übersinnlichem Genusse sich zu erfrischen. Der Graf war wenig geneigt zu beidem, er blieb vor der Türe sitzen; Bruder Martin mußte zwar aus Höflichkeit bei ihm bleiben, aber er bestellte sich doch durchdringend laut durch die offene Haustüre einen Becher Wein. Nicht lange, so erschien mit einem zinnernen Becher, der voll Wein, ein großes schlankes, aber sehr ernstes Mädchen; ob es der Sternenschein war, der ihre Backen bleichte, dem Grafen schien sie ungemein blaß. Bruder Martin mochte auch diese Blässe bemerken und sie schminken wollen; er umfaßte sie und hätte sie in allen Ehren geküßt, wenn ihr nicht sträubend der Becher mit dem Weine entfallen wäre. Das war kein Spaß; er ließ sie los und sah traurig in den leeren Becher, in dessen Neige sich die Sterne spiegelten. Der Graf hatte sich in der Stille ganz in ihn hinein gelebt, und fand darin einen besonderen Trost der eigenen Leiden; dieser Anblick setzte ihn so ganz in alte gute Laune zurück, daß er in der Seele seines Begleiters dichtete:


Ein Trinklied beim Sternenklang

      Liebe Hand, dich darf ich drücken,
Bringst mir einen Becher Wein,
Und die holden Sterne blicken
In den Becher froh hinein;
Zweifelnd bin ich im Entzücken,
Trink ich erst den duftgen Wein?
Soll ein Kuß mich erst beglücken?
Beides, beides ist nun mein!
Ratet mir treulich, liebliche Sterne
Grüße euch alle, nahe und ferne!

Fliehst du scheu vor meinem Blicke,
Und verschüttest meinen Wein,
Führt mein Ruf dich nicht zurücke,
Ach, so bist du doch nicht mein!
Heiße Liebe, deine Tücke
Läßt mich schmerzlich hier allein,
Als ich meinem stillen Glücke
Wollte froh entgegen schrein;
Feurige Zungen sind da erklungen,
Aber mein Liebchen ist mir entsprungen.

Wandelt weiter, kalte Sterne,
Spiegelnd im vergoßnen Wein,
Suchet ihr doch stets die Ferne,
Nah und ferne, nichts ist mein.
Nur der Tropfen, den ich hege,
Löset meines Herzens Klang,
Schweigend geht ihr eure Wege,
Euren stillen, gleichen Gang;
Als ich noch hoffte, seid ihr erklungen,
Jetzt wie so stille, feurige Zungen.

Allmählig war er in der Gesinnung des Liedes zu sich selbst übergegangen; er wurde sehr traurig, und blieb noch lange so ernst vor sich sitzen, als der Geistliche schon ins Zimmer gegangen und der alte Wirt, ein ehrwürdiger Greis mit weißen Haaren, sich unbemerkt zu ihm gesetzt hatte. – Herr, ihr seid nicht recht vergnügt wie die andern, sagte der Alte; ihr habt aber noch lange Zeit vergnügt zu werden, ich aber bin traurig und alt, und werde wohl nie wieder lustig. – Habt ihr Schaden gelitten in eurer Wirtschaft? fragte der Graf. – Nicht so eigentlich, antwortete jener; mein Vermögen ist nicht groß, aber ich habe mehr, als ich brauche, und doch bin ich ganz arm – seit ich meine Tochter verloren. – Graf Ist sie schon lange tot? – Wirt Sie lebt noch; ihr habt sie auch wohl vorher gesehen, aber sie scheidet so ab, sie ist schändlich betrogen worden; es ist eine traurige Geschichte, und ihr werdet sie schon noch erfahren. Seht nur da drüben den Nachbar Walther, der da seine Schafe in die Hürde treibt, dem war sie bestimmt; ich hatte so lange ich lebe meine Schafe mit den Schafen seines Vaters zusammen getrieben, und dachte gewiß, unsre Kinder würden sich heiraten. Es hat nicht sein sollen! – Bei diesen Worten führte er den Grafen in ein Oberzimmer, das er für ihn und für den Geistlichen abgesondert eingerichtet hatte, und schickte ihnen die Tochter zur Bedienung. Die schöne, blasse Hippolita trat sehr beschämt ein, aber der Graf machte ihr Mut; er fragte nicht nach ihren Begebenheiten, und sprach ihr doch trostreich zu; sie eilte, so viel das übrige Geschäft im Hause erlaubte, in das Zimmer zurück. Der Geistliche hatte bald durch Nachfrage bei den Gästen ausgemittelt, was es eigentlich mit diesem Mädchen für eine Bewandtnis habe. Ein Oberst, der dort im Quartier gelegen, hatte während der Kriegsunordnungen sich in der nahegelegenen Kirche mit ihr trauen lassen, war den Morgen nach der Hochzeit, ohne ihr davon zu sagen, abgereist, und hatte die Nachricht zurückgelassen, daß er in seinem Lande schon verheiratet sei, diese zweite Ehe also ungültig werde. Ihr Kind war in der Geburt gestorben. In der ganzen Gegend, der sie sonst als ein stolzes Muster bekannt gewesen, wurde sie seitdem verachtet und verspottet. Dem Grafen tat diese Erzählung um so weher, je weniger er irgend einen guten Ausweg für das arme Kind entdecken konnte, doch war ihm zu Mute, als gehöre sie durch ihr Unglück zu seiner eigenen Familie. Sehr früh machte er sich den folgenden Morgen auf, doch war das Mädchen schon auf und brachte das Frühstück; der Graf bot ihr ein ansehnliches Geschenk, aber sie schlug es aus. Nach einem herzlichen Abschiede von Vater und Tochter, eilte er rasch fort durch die kalte Morgenluft, und bemerkte erst nach einer Viertelstunde, daß er den ihm vom Pater übergebenen Rosenkranz vergessen hatte. Der Rosenkranz war aus Loretto, und der Pater untröstlich; gleich eilte der Graf zurück, sprang ins Haus nach seiner Kammer, und war sehr verwundert darin singen zu hören. Es war die Tochter, er horchte: sie sang ihr Unglück; er trat ein, fand seinen Rosenkranz in ihrer Hand, und beredete sie, mit ihm nach der wundertätigen Mutter Gottes zu wandern, was auch ihrem Vater sehr lieb war. Der Pater war hoch erfreut, als er den Grafen mit der schönen Tochter und mit dem Rosenkranze zurückkehren sah; er betete eifrig auf dem Wege, die Pilgerin stimmte ein, und der Graf folgte. Der lange Weg war ihnen unbemerkt geschwunden, als die heiligen Bilder die Nähe des Wallfahrtortes bezeichneten; bald waren sie mitten in dem marktlichen Gewimmel, das rings um der alten Kirche wogte, wo man Kerzen einkaufte, und in die weihrauchduftende, hellerleuchtete Kirche trug. Hippolitens Schönheit wirkte da so mächtig, daß ihr jeder Platz machte, als sie nach dem Chore aufstieg, wo sie als Sängerin ihre Stelle verdiente. Sie sang wunderschön, alle sahen auf sie; ein Paar schöne Knaben hielten ihr die Noten, ein Paar andere bekränzten sie mit Rosen und blauen Trauben, ein anderer brachte ihr ein Lamm an einem seidnen Bande: es war ein sehr schöner Anblick, wenn gleich diese Zeichen der Verehrung in jenen Gegenden ganz gewöhnlich sind. Der Graf selbst beschrieb diese Verehrung und öffentliche Beruhigung, die sie nach so mancher unverdienten Beschimpfung hier erhielt, in den folgenden leichten Versen:


Hippolita

        Sie singt in der Kammer:
Nur einen Tag mir dauert
Der Ehrenblume Pracht,
Das hab' ich lang' getrauert,
Sie haben mich verlacht.
Warum so kurz die Freude,
Warum so lang das Leid?
Bei meinem Hochzeitkleide
Liegt jetzt mein Trauerkleid.

Hier war ein herrlich Wesen
Von Reitern schön und kühn,
Und der mich hat erlesen
Vor allen täte ziehn;
Sie folgten ihm doch alle,
Wenn er vor ihnen ritt,
Bei dem Trompetenschalle
Lief auch mein Blut so mit.

Ich fuhr in hohem Wagen,
Mein Herr, der führte ihn,
Die Rappen wiehernd jagten,
So hell die Sonne schien,
Ich sah noch fern die Hütte,
Zum Himmel stieg ihr Rauch;
Aus ihrer stillen Mitte
Ich zog, verflog nun auch.

Die Kirche frisch gestreuet
Mit buntem, krausen Sand,
Vom leisen Tritte schreiet,
Ich reiche ihm die Hand.
»Nicht Mutter weint gebeuget,
Der Ring ist golden ganz.«
Doch sie den Goldschaum zeiget,
Auf manchem Sterbekranz.

Der Priester trat zurücke,
Mein Mann mich hielt so lieb,
Mich grüßten alle Blicke,
Das Blut zur Wange trieb;
Mein Glück, wer kann es fassen,
Es faßte mich so fest,
Und hat mich doch verlassen,
Mich so verlassen läßt.

Ich träumte keine Sorgen,
Mein Aug' der Sonne lacht;
Wo bliebst du Lieber im Morgen,
Eh ich noch war erwacht?
Wo bliebst du Lieber im Morgen,
Es hat dich keiner gesehn;
Mein Kind blieb mir verborgen,
Ich sah es nicht in den Wehn.

Ich sitze zwischen Seen
In meiner Eltern Haus,
Muß dienen und muß gehen
Mit Pilgern ein und aus;
Viel Knaben Mitleid haben
Mit meiner Traurigkeit,
Ihr Trost könnt mich wohl laben,
Ach, blieben sie nur heut!

Muß selber ihnen reichen
Den Pilgerstab und Hut,
Die Hand ich möchte reichen,
Dem, der so traurig tut.
Doch könnte er wohl meinen
Ich liebte ihn wohl gar,
So aber muß ich weinen
Das ganze, ganze Jahr.


Ein Pilger
 
Die Pilgersleut vergaßen
Den Rosenkranz im Haus.
Sie kamen wieder, saßen,
Bei diesem Ohrenschmaus;
So schön sie hörten singen
Der Wirtin Töchterlein,
Ganz heimlich zu ihr gingen
Wohl in das Kämmerlein.

Sie gaben ihr die Hände,
Und nahmen sie auch mit,
Daß sie zur Wallfahrt wende
Den hohen, edeln Schritt,
Zu jenen heiligen Gipfeln,
Die Gottes Lieb' erbaut,
Wo in der Bäume Wipfeln
Ihr Schmerzensbilder schaut.

Da fand sie leer ihr Leiden,
Sie fand ihr Herz so voll,
Sang da zu aller Freuden,
Daß hoch die Kirch erscholl;
Viel Knaben knieten nieder,
Die Noten halten ihr,
Sie dienen ihr wie Brüder,
Und wie die Engel schier.

Darum viel Pilger glauben,
Cäcilien zu sehn,
Mit Ros' und blauen Trauben
Sie da umwinden schön;
Ein Lämmlein zu ihr führen
An einem roten Band,
Mit hohen Kerzen zieren
Der Kirche dunkle Wand.

Da fühlet sie ein Wehen,
Die Taube fliegt zu ihr,
Mit tiefster Ehrfurcht sehen
Die Lästrer auf zu ihr;
Mit hellen Blicken schauet
Der Muttergottes Bild,
Wer sich ihr ganz vertrauet,
Dem zeiget sie sich mild.

Der Graf konnte wohl den milden Blick dieses Gnadenbildes rühmen, auch er hatte ihn erfahren: eine grüne Insel stieg ihm empor aus dem schwarzen Meere, das ihn umwogte; er glaubte ein ganz vertrautes Herz gefunden zu haben; die Gedanken schwanden ihm. Sein Begleiter war längst zu seinem Bruder gegangen, hatte sich der guten Klosterkost erfreut, die Zeit beseufzt, und die heiligen Bilder austeilen helfen; der Graf aber ging aus einer Kapelle in die andere, jede schien ihm so wohnlich für den jetzigen Zustand seines Herzens. Es wurde dunkler und die bunten Glasfenster brannten nur noch in wenigen Strahlen, die auf ein Bild der heiligen Maria Magdalena fielen, wie sie die Perlenschnüre zerreißt, und ihre Tränen immer neue Perlen um sie säen. Er trat hinzu und berührte mit seinem Fuße einen Menschen, den er nicht bemerkt hatte; er bat sanft um Entschuldigung. Es war eine Frau, die ausgestreckt vor dem Bilde lag; aber da sie unbeweglich liegen blieb, auch kein Atemzug zu hören war, die ungewöhnliche Lage ihn auch etwas besorgt machte, so beschaute er sie näher, sie schien tot oder ohnmächtig; er hob sie mit Mühe empor in einen Betstuhl, und derselbe Strahl, der ihm vorher die büßende Magdalena beschienen, zeigte ihm jetzt die geliebte Dolores tot oder ohnmächtig. – Bleibt der Atem lange, ewig aus? – Ihre Schuld war ihm bei diesem schmerzlichen Zweifel so ganz verschwunden, verschwunden die traurige Zeit; so still lag sie in seinen Armen, wie in seinem ersten Glücke. Taumelnd in Überraschung und Verzweiflung, trug er sie nach dem Weihkessel, und besprengte sie mit dem geheiligten Wasser, und wie die ersten Tropfen ihre Schläfe benetzten, da regte sich ihr Haupt, sie schlug die Augen auf, aber sie erkannte ihn nicht. Wiederum fielen ihr die Augen zu, aber ein neuer segnender Regen erschloß sie wieder, sie blickte um sich, und erkannte den Grafen, der sie jetzt mit Küssen bedeckte – die ersten seit jener furchtbaren Nacht. Kaum konnte sie begreifen, wo sie sei, was ihr geschehen, aber in seinen Liebkosungen, in seinen Tränen überkam ihr wieder Besinnung und Erinnerung. Ach, wir Unglücklichen! seufzte sie aus tiefem Herzen. Allmählig entlockte ihr der Graf wie sie nach dem Wallfahrtorte gekommen; auch sie hatte bei dem Pater Martin gebeichtet, auch ihr hatte er zur Buße eine Wallfahrt anbefohlen, und sie, des Gehens ungewohnt, beschwert von ihrem Zustande, hatte sich in der Qual ihres Herzens einsam auf den Weg gemacht; ihre Kräfte waren ganz erschöpft, als sie die Kirche erreicht, in deren kühlem Schoße sie das Bewußtsein ihrer Leiden verloren hatte. Sie bedurfte seiner liebevollen Sorgfalt, und er dachte nur an ihre strenge Buße, an ihre schmerzliche Reue; die tiefe Berührung mit einer höheren Welt, die Tausende an sich zieht, die hier alle von einander getrennt sind hob die harte Eisrinde, unter welcher der Strom ihrer Gefühle noch schmachtete; nie redete sie dem Grafen so rein ansprechend, selbst nicht in der glücklichen Zeit, wie an diesem Abende; er fühlte ein herrliches Ziel seiner Aufopferung, dies geliebte Wesen, das sich ihm jetzt so ganz ergab, zu der Vollendung hinzubilden, wie er in erster Liebe sie sich geträumt hatte. Traulich wanderte er mit ihr zurück, und als sich der Bruder Martin zu ihnen gesellte, und sie mit seinen törichten Reden störte, da fühlte er tief, daß aus dem Menschen, wo er an Gottes Stelle mit treuem Herzen sitzt, eine höhere Zunge spricht; keine Vorstellung hatte der gute Mensch, wie sein Rat zu einer Wallfahrt sie beide so gnädig einander zugeführt hatte. Nicht jeder Tag konnte so erfreulich enden wie dieser; aber der Zustand beider ward doch erträglich. Wunderbar schien es inzwischen der Gräfin, als sie in der heiligen Zeit von neun Monden, die nach den Berechnungen der Mütter die glückliche Lebensverborgenheit des Menschen begrenzen, als sie über diese neun Monate hinaus, seit jenem unseligen Abende, die Last ihrer Sünde tragen mußte.

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