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Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores

Achim von Arnim: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
booktitleHollin's Liebeleben / Gräfin Dolores
authorAchim von Arnim
year1989
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-60010-0
titleArmut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores
pages101-684
created20011206
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1810
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Viertes Kapitel

Der Graf reist allein aufs Land

Welche schöne Ewigkeit lebt in einer treuen Seele, als er allein auf seinem Gute seine Arbeit beschleunigte, nach wilden Vögeln jagte, nach Adlern Falken und Geiern, die seine Singvögel störten; ihm war so alles noch gegenwärtig, wie er als Knabe bei solcher Jagd sich erfreut, wie es ihn so unwiderstehlich über die Berge getrieben, wie er die Falken an die Türe seines Gärtchens angenagelt hatte, und sich als einen Beschützer der Unschuld und des Rechts geträumt. Wie er dann befriedigt die Schätze der dunkelen Erde aufgewühlt, sie ruhig besät und bepflanzt habe, feurig in der Lust seiner Kraft, welche den Spaten Stoß auf Stoß durch den tückischen Bau der Regenwürmer trieb, daß er wie ein Schlangentöter unter dem ringenden Gewürme stand. Und neben diesem ersten Heldentume stand noch so fest in tiefer Seele die ganze Gegenwärtigkeit erster hoffender Liebe: wie ihm Dolores als Student bei jedem Glockenklange vorgeschwebt; der Genuß hatte ihm nichts geraubt, er hatte nur dadurch an Erinnerungen gewonnen; kein Augenblick war ihm leer und was ihn quälte, war allein, daß nicht gleich alles fertig war: Wege, Baumgänge, Denkmale, die er im Geiste schon deutlich sah; daß er mit Händen nicht greifen konnte die Geliebte, die so deutlich ihm vorschwebte. In solcher Stimmung, wo die Idee sich nicht mit der Idee begnügen will, sondern ungeduldig die Wirklichkeit sucht, schweifte er jagend über den Bergwald und verweilte am liebsten bei den Riesensteinen, die ein untergegangener heiliger Dienst errichtet hatte. Dort grub er in einem Hünengrabe nach dem Nachlasse eines Helden, von dem er endlich nichts mehr fand und kennen lernte, als die Asche in einem zerbrochenen Kruge, dabei eine Streitaxt, silberne Armringe und wenige erbeutete Münzen; neben ihm einen Aschenkrug, dessen Spindelstein und Ohrenspangen seines Weibes Schönstes und Liebstes, was sie in ihrem Leben gebraucht und getragen, bezeichnete; rings die Tränensammler leer und ausgetrocknet, – sehr rührend, noch ein Zeichen der Liebe und guten Zusammenlebens aus Zeiten und Völkern, von denen wir, wie von untergegangenen Tiergeschlechtern, nur riesenhafte Knochen haben, und die doch vielleicht unsre Voreltern waren. Mit heiliger Scheu nahete er sich diesen vergessenen Denkmälern, statt mit voreiliger Neugierde alles herauszureißen, und in irgend einer Sammlung mit andern Kuriositäten zu verschütten, zeichnete er alles treulich ab, stellte es dann wieder in die alte Ordnung, ummauerte es mit einer anständigen einfachen Architektur, daß der Schatz jedem, der sich dem eisernen Gitter näherte, sichtbar werden und jeden erinnern konnte an die Hinfälligkeit des größten Einzelnen, ohne ein dauerndes Bestehen seines Volkes: Darum sei es der Helden größte Sorge, Heldenkinder zu erziehen. Väterlich voreilend dachte er dann, wie er seinen Sohn Karl unter großen unternehmenden Menschen wolle aufwachsen lassen, mehr dem Beispiele als der Lehre trauend; wie er sich in allem versuchen solle, um sein Eigenes zu finden; wie er des Jahres und der Tage Abwechselung in steter Abhärtung vergessen lernen sollte. Und von solchen Erziehungsplanen ging er in der arabeskenartigen Verwandlung des Gemüts, das leicht halb von einem halb von dem andern erfüllt sein kann, wieder zur Mutter über, zu seiner Frau, von der er nun schon ein Paar Wochen fern war; und das ganze Heldentum, das sich vor seinen Augen aus den Knöcheln Funken schlug, schmolz in ein weiches Sehnen nach Genuß zusammen; die Helden hatten ihm kein Ehrenlied abstreiten können, aber die wirkliche Sehnsucht entlockte ihm ein Liebesliedchen, das er gleich als einen Brief an seine Frau absendete.

Was jagt mich,
So matt und müde?
Ich such dich
In meinem Liede,
Ich such dich
In meinem Jagen;
Hier muß ich
Die Buchen fragen.

Die Frage
Im Widerhalle
Wird Klage,
Daß Laub schon falle;
Es falle
Weil es ermattet,
Es walle,
Wenn es dir schattet.

Das Windspiel
Mit deinem Bande,
Vergißt Spiel
Und spürt im Sande;
Es legt sich
Mit seinem Munde,
Es hört dich,
Verliert die Kunde.

Es weint dann,
Wie Kinder weinen,
Und gräbt dann
Mit seinen Beinen;
Begräbt sich
Im tiefen Sande,
Begräbt mich
Im Heldenlande,

In weichen Armen,
In stillem Kuß,
Zu lang mir Armen
Fehlt der Genuß.
Begrab mich
Und meine Lieder,
Bald komm ich
Und hol dich wieder.

An dieser Stelle habe ich den Brief dreimal geküßt; in vierzehn Tagen bin ich sicher bei Dir. Könnte ich nur einen Augenblick dieses Wort sein; sicher siehst du es recht freundlich an, du strahlender Augapfel im dunklen Laube. – Also schloß sich dieser Brief.

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