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Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores

Achim von Arnim: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
booktitleHollin's Liebeleben / Gräfin Dolores
authorAchim von Arnim
year1989
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-60010-0
titleArmut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores
pages101-684
created20011206
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1810
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Armut Reichtum Schuld und Buße
der Gräfin Dolores

Eine wahre Geschichte
zur lehrreichen Unterhaltung armer Fräulein
aufgeschrieben von
Ludwig Achim v. Arnim

Zweiter Band
Mit Melodien

Dritte Abteilung
Schuld

Erstes Kapitel

Rückkehr des Grafen Karl und der Gräfin Dolores nach der Stadt. Wochenbett. Taufe

Als ich einmal an einem grauen Tage einsam und gleichgültig meinen Weg wanderte, um mein verhageltes Feld zu besehen, und von einem Hügel zum andern blickte, und so bedachte, wie bald ich auf dem andern, und dann auf dem dritten, und dann – und dann vor Dir stehen könnte, Du treue Seele, zu der ich am liebsten spreche unter allen in der ganzen Welt, und der ich am wenigsten zu sagen habe, weil Du mich gleich verstehst und alle meine Worte in Liebe mehrest und deutest; da wurde mir allmählig so freudig, daß ich rings umher alles mit anderem Auge ansah, als lernte ich jetzt erst sehen und müßte jetzt nachgenießen, was ich den Tag über in Gleichgültigkeit, Ärger und ferner Träumerei versäumt und übersehen hatte. Ich griff nach dem Steine, den ich neben mir zur Wegebesserung mit frischem schwarzglänzendem Bruche zerschlagen fand, und erkannte ihn als einen gültigen Zeugen größerer Weltbegebenheiten, als die ich erlebt hatte; ich nahm einen Grashalm auf, der zum Futter abgemäht, am Wege verloren gegangen, zu meinen Füßen lag, und fand in ihm einen Zeugen des Frühlings, der uns beide beglückte, und in mir schlug das Herz als ein Zeuge der Liebe, die ich untergegangen wähnte. O wie selten wird uns die Gegenwart! Mitten in meiner Freude tönte meine Klage über verlorene Zeit:

Für die Liebe zu zart,
Für die Gedanken zu schnelle,
Eilest du Gegenwart,
Nahende fliehende Welle;
Alles sich spiegelt in dir,
Dir nach sehen wir sehnend von hier,
Stürzten uns gerne dir nach;
Dich erreichet kein Ach!
Dich erreicht nur die Lust,
Strebend dir nach in der schwimmenden Brust,
Dich erreicht sie im Meer;
Ach wer dort nur erst wär,
Wo viel tausend der Wellen
Sich in der Sonne gesellig erhellen.

Das Leben ist uns ewig offen, daß wir uns schauend mit seiner Allgegenwart erfüllen, aber wir selbst stehen uns im Lichte mit toter Vorsicht, wie mancher große Mann gähnend einem Kinde im Lichte steht, bei dem Festaufzuge, der das Kind entzückt hätte; könnten wir uns nur überzeugen, daß nichts alt und nichts neu in der Welt, nichts abgetan sei, und nichts erschöpft. In diesen Gedanken sah ich umher und es fuhren mehrere Wagen an mir vorüber; aus dem einen lachten und winkten mir neckend viel fröhlige Mädchen, und trieben den Kutscher, daß er schnell fahre; im anderen, der sehr bestäubt war, saß ein ernsthaftes und doch jugendliches Paar: ein junger Mann und eine wunderschöne Frau; ohne Betrübnis schienen sie doch beide ganz in sich versunken, und sprachen nicht mit einander, und dankten auch nicht meinem Gruße. O Bilder der Ausreise und der Rückreise, dachte ich bei diesen beiden Wagen; jene, wie von einem Luftballe am hellsten Tage zu Regionen ewiger Sehnsucht getragen, sehen unter sich die ganze Welt offen liegen; diese wie verwundete Gefangene mögen die bekannte Gegend nicht wiedersehen, die sie kürzlich in Sieges-Hoffnung fröhlich durchzogen.

Den Grafen und die Gräfin verließen wir auf ihrer Rückreise nach der Stadt; das gleichmäßige Stoßen des Wagens erweckte in der bekannten Gegend, in dem erregten Zustande, wie sich beide neben einander fanden, sehr verschiedene Nachgedanken und schläferte ihre Unterredung mit einander ein. Die Gräfin erfaßte am Schlusse dieser Nachgedanken eine innige Überzeugung, daß kein Landleben ihr Beruf sei, daß es allen ihren geselligen Talenten und Neigungen entgegengesetzt, im folgenden Jahre auch wegen der Erziehung des erwarteten Kindes notwendig abgekürzt werden müsse. Der Graf in seinem Nachdenken erschrak fast, daß er von den Arbeiten, die er sich auf der Hinfahrt zu beendigen vorgenommen hatte, nur den kleinsten Teil angefangen, und dagegen von tausend Nebensachen zerstreut worden sei. Er bemerkte mit einiger Kränkung, daß die fehlende Mitwürkung seiner Frau ihm einen wirklichen Mangel in aller Ausführung gelassen, den er durch keinen Besoldeten zu ersetzen vermocht; er nahm sich vor, sie ernstlich zur Landwirtschaft zu ermahnen, und sie heimlich zu derselben zu führen. Hier verwunderte er sich, als er sich selbst auf einem klugen krummen Wege überraschte und fand, daß er in dem Laufe seiner Beschäftigungen von der geraden treuherzigen Überredung zum Gebrauche mancher Vorteile, Listen und Klugheiten übergegangen sei, doch mehr im Verhältnisse zu seinen Leuten, als zu seiner Frau. So wußte er schon recht gut, daß Leuten von geringer Bildung nichts so stark, als das Gedächtnis imponiert und in Betrügereien schüchtert; so faßte er deswegen oft unbedeutende Kleinigkeiten auf, um den Leuten bei Gelegenheit als ein allwissendes Gewissen zu erscheinen; so wußte er sein Vertrauen oft scheinbar einem Menschen zu schenken, um ihn kennen zu lernen; so wußte er die Feindschaften der Leute nach seinem Willen zu benutzen; kurz, er fand mit großem Erstaunen daß seiner Einbildung ganz entgegen, die Bauern in die eignen edlen Gesinnungen hinüber zu überzeugen und zu erziehen, sie ihn in ihrer Klugheit und Umschauung erzogen hatten. Diese Klugheit und Umschauung sind auch Himmelsgaben, wenn gleich unter allen die geringsten, die sich am rohen Menschen zuerst entwickeln und darum von höher Gebildeten wie das Gedächtnis leicht zu sehr verachtet werden. – Der Graf sollte sie künftig nur mehr brauchen. Nachdem sich beide so wüste und müde in sich gedacht hatten, fielen sie einander in die Arme, und küßten sich, um ihr Gähnen zu verstecken; niemand sollte sich einen solchen Kuß der Gewohnheit und der Langenweile erlauben, er nimmt allen lebendigen Küssen, die folgen, ihre überzeugende Kraft. Darüber dachten beide nicht nach, beide lebten, so wie sie sich der Stadt näherten, allmählich ganz hinüber, und kaum waren sie angekommen, so erfüllte die Freude des alten Bedienten, der die Aufsicht über Haus und Garten geführt hatte, seine gesammelten Schätze an Früchten des Gartens, die er alle in die Zimmer trug, der Andrang aller Bekannten, die Licht darin gesehen hatten, das ganze Haus. Jeder bemühte sich in der kürzesten Zeit alles Geschehene zu erzählen; das liebe Geheimnis der Gräfin war gleich entdeckt, und es drängten sich viele Frauen mit klugen Mienen an sie, ihr Belehrung zu geben in diesen neuen Umständen. Den Grafen ärgerte etwas dies Geschwätz, dies Heimlichtun, das alle folgende Tage fortdauerte, er überraschte seine Frau sehr bald auf manchem Satze, der ihm in ihrem Munde ganz fremd klang; er konnte nicht begreifen, wie sie daran Vergnügen finden könnte, zu hören, wie jene gesäugt, wie diese voraus wisse, ob es ein Knabe oder ein Mädchen sei; doch sein Mitleid mit den Beschwerlichkeiten ihres Zustandes unterdrückte jeden Tadel. Lächelnd dachte er seines Ärgers über den Prediger Frank und dessen zeugende Blicke, weil wirklich übereinstimmend mit dessen erstem Besuche, der Ursprung des geliebten Kindes gesetzt werden konnte, das ihm unsichtbar entgegen pochte, wie ein neues Herz, und dem er mit Ungeduld entgegensah. Dem Prediger schrieb der Graf wirklich einen scherzhaften eifersüchtigen Brief deswegen, den Frank in gleicher Gesinnung recht artig beantwortete, und mit Leidwesen die Öde in dem Schlosse des Grafen beschrieb.

Die Zeit der befürchteten und gehofften Niederkunft nahete mit dem Eintritt der stärksten Kälte; mit Geschmack hatte er das Wochenzimmer verziert, ein schönes altes Bild, das Christus Kind auf dem Stroh in der Krippe, das mit beiden Händen lächelnd nach den Engeln greift, die in der Luft schweben, verzierte die Hauptwand. Die Freundinnen waren arbeitsam, eine große Zahl zierlich gestrickter Mützen, gestickter Kleiderchen und gestickten Wiegenzeuges zusammen zu bringen. Mitten in diesen Anordnungen überkam eine schnelle und leichte Geburt die Gräfin. Der Graf war ein paar Stunden in notwendigen Geschäften abwesend gewesen, doch behauptete er, einen durchdringenden Schrei in seinen Ohren gehört zu haben, weswegen er mit Besorgnis nach Hause geeilt sei, die aber von dem Anblicke des wohlgebildeten kleinen schreienden Buben, der reinlich auf einer Decke liegend, von allen Hausgenossen angestaunt wurde, zum höchsten Jubel überging. Die Gräfin sagte ihm leise, sie würde um keinen Preis der Welt je wieder in die Wochen kommen; doch die andern Frauen erklärten gleich, daß diese Redensart eben nicht im strengen Sinne zu nehmen, vielmehr als ein Eid anzusehen sei, den die Gefahr erpreßte; der also gerichtlich ungültig werde. So rot und blau sein Kind angelaufen war, so vermischt alle Züge, doch schien es ihm wunderschön; er konnte es nicht begreifen, wie es seine Frau zur Erhaltung ihrer Schönheit einer Amme übergeben mochte; doch jetzt konnte er ihr in nichts mehr widerstreiten, nachdem sie seinetwegen so viel Schmerzen ertragen. Da sich Dolores bald ganz wohl befand, so wurde die Taufe beschleunigt; dies war immer des Grafen heiligstes Sakrament: es hing mit seiner ganzen Ansicht von der Weltentstehung zusammen. Er wendete die höchste Vorsicht in der Wahl der Gevattern an, und ließ im Namen Kleliens ein eben eingesegnetes sehr schönes Mädchen dem Kleinen die hülfegelobende Hand auflegen. Doch verdarb ihm der Geistliche, der seine Aufklärung in einer langweiligen Vorrede beweisen wollte, die ganze Herrlichkeit der heiligen Handlung (Der Kleine wurde Karl genannt). Seine Frau konnte sich in das übrige Zeremoniell der Wöchnerinnen noch weniger finden, sie war zu gesund, um sich auf ihr Bette zu setzen.

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