Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Achim von Arnim >

Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores

Achim von Arnim: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleHollin's Liebeleben / Gräfin Dolores
authorAchim von Arnim
year1989
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-60010-0
titleArmut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores
pages101-684
created20011206
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1810
Schließen

Navigation:

Sechs und zwanzigstes Kapitel

Der häßliche Baron, Nudelhuber, Kirre und Waller ziehen in den Krieg

Es schlug und läutete zum Mittagsessen und es fuhr ein Reisewagen ins Schloß, aus welchem der Baron in alter Uniform mit seinen beiden lächerlichen Begleitern ausstieg; auch Waller wurde sichtbar, doch mit geborstenen Lippen, die ihm das Lachen nicht erlaubten, und zu gleicher Zeit sprengte Frank auf seinem Filialklepper herbei. Als die ganze sonderbare Gesellschaft beisammen, bat der Baron noch einmal den Grafen und die Gräfin wegen seines Frevels um Verzeihung, wobei die lächerlichen Begleiter schweigend die Gebärden nachahmten; er zeigte ihnen in der bereits angetretenen Reise die Erfüllung seines Versprechens zu einem tätigen Leben überzugehen. Alle verziehen, doch wurden ihm manche Fragen noch über seine sonderbare Bildung vorgelegt. Von meiner häßlichen Bildung, sagt er, kommt alles; Liebe zu erwecken schien mir von frühester Kindheit unmöglich, weil mich die eigene Mutter mit Abscheu anlachte, mit meinem Grinsen Possen trieb und mich dann im Ekel von sich warf. Ich suchte also den Leuten bedeutend zu werden, indem ich mich in aller andern Art, nur nicht im Guten, auszuzeichnen suchte; unzählige Schläge und Kränkungen machten mich noch härter und trotziger, und was anfangs nur ein willkürlicher Versuch war, mich geltend zu machen, das wurde bald meine andre Natur und meine einzige. Hätte ich ein glattes Gesicht behalten, wie der Graf, ich glaube auch, daß ich zu allem Großmütigen aufgelegt gewesen und geblieben wäre; und punktierte, tatovierte, bemalte und kerbte man sich hier wie bei den Wilden, so hätte ich ausgesehen wie alle andern und wäre auch ein edler Mensch; die Schönheit macht aber alles Unglück der Welt. Dieser widrige Mensch entzückte Wallern; vielleicht mochte auch die Kränkung der vorigen Nacht, vom Grafen heimlich beobachtet zu sein, nachwirken; genug er beschloß den Baron zu begleiten, der mit rechtem Behagen seine Sammlung noch um eine wunderliche Menschenspezies vermehrte. Waller sendete gleich seinen Sohn Alonso mit einem freundlichen Briefe an die Amtmannstochter, beschwor sie bei der Liebe, die sie zu seiner Frau getragen, bei der reinen Segnung, die ihr aus dem Himmel dieses reinen Engels herabstrahlen werde, der Erziehung dieses Kindes alle Sorgfalt zu weihen, es sei gut geartet und werde ihnen im Gedeihen reichlich lohnen. Traugott überließ er dem Grafen, doch wagte er ihm nicht mündlich Ermahnungen zu geben, sie hätten sonst allesamt in den Lachkrampf, wie in der Nacht bei der Mühle zurückfallen können. Nun suchte er sich im Hause zusammen, was er auf der Reise brauchen könnte, statt des Weibersattels seiner Frau legte er dem Pferde einen Sattel des Grafen auf, packte aber alle seine Sachen in Tücher gebunden nicht auf das Pferd, sondern in den Wagen des Barons; die beiden Ziegen verkaufte er dem Grafen, der sie ihm vielfach teurer bezahlte, als sie wert waren. Nachher setzte er sich zuerst in den Wagen und ließ sein Reitpferd anbinden, darüber vergaß er den Abschied; der Baron schied mit der ersten Rührung seines Lebens und setzte sich still neben ihn; der Schweizer folgte ihm mit der Versicherung, es wären doch liebe, liebe Leute, der Graf habe ihm ein paar Kupferstiche gut bezahlt. Wie erschrak aber der gute Mann, als er seinen Sitz mit den Sachen Wallers besetzt fand, ohne Anfrage warf er alles zum Wagen hinaus. Waller fiel über ihn her, aber jener drückte ihn als der Stärkere zusammen; der Prinzenhofmeister stieg ein mit einem feinen spottenden Blicke über dies Ereignis; der Baron rief, fahr zu und in wenigen Augenblicken waren sie entrollt und der Staub senkte sich stille hinter ihnen. Die sogenannten Sachen des Dichters bestanden aber eigentlich nur in einer Masse einzelner Papiere in Tücher gebunden wie alte Wäsche; die Tücher hatten sich gelöst und die Blätter flogen im Winde umher. Der Graf schickte alle seine Leute auf diese Schmetterlingsjagd, sie zu erfassen, aber dieser Ephemeren waren zu viele und eine so innere Flüchtigkeit in allen, daß immer zehne wieder entflogen, während eines dieser Papiere eingefangen wurde. Noch am andern Morgen fanden die Dorfkinder am Rande des Baches einzelne Blätter in denen der Geistliche die herrlichsten Sapphischen Oden und große Stücke aus einem kleinen epischen Gedichte über das Weltmeer entdeckte, und dieser brachte den Grafen der gerade den Knopf der neuerbauten Kirche aufsetzen wollte, auf den Gedanken neben tausend besseren Denkmälern, auch alle diese Papiere in der großen kupfernen Kugel, dicht verlötet, in die höheren Regionen erheben zu lassen, daß sie als ein Zeugnis der kommenden Welt dienten, wie weit es unsre Zeit gebracht habe.

 << Kapitel 35  Kapitel 37 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.