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Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores

Achim von Arnim: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleHollin's Liebeleben / Gräfin Dolores
authorAchim von Arnim
year1989
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-60010-0
titleArmut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores
pages101-684
created20011206
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1810
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Zwanzigstes Kapitel

Der Weber und die Spinnerin

                  Als ich Geselle noch war und webte geschäftig beim Meister,
Sprang ich für Augenblickslohn oft zu der Tochter hinein,
Immer fand ich die Braut beim schnurrenden spinnenden Rädchen,
Ungeduldig einmal schwieg ich tückisch in mir;
Doch sie fragte mich nicht, da brach ich das Schweigen erglühend:
»Wahrlich die Göttin tat recht, als sie Arachnen bestraft;
Denn nur Eitelkeit ists, zu lieben und andres zu schaffen,
Als das zierliche Werk, dessen Rädchen das Herz.«
Ungeschickter, sie sagt, ganz ruhig beschaut sie den Faden,
Stören die Hände dich je, die beschäftigt im Werk?
Höre den ruhigen Takt, das Ungeordnete gleichend,
Und das Auge es weiß, was dir erlaubt sei dabei! –
Wohl ich nützte auch gleich die zart mir gegebne Erlaubnis,
Und ich gab ihr den Kuß, doch nur den Backen er traf.
»Ach, so seufzte ich dann, kein duldendes Weibchen ich wollte,
Sondern das harrend gelauscht, mich im Kommen umschließt!«
Bläulich blühet der Flachs, entgegnet sie, Hoffnung der Liebe,
Daß ein bräutliches Bett wachse in Blumen darauf;
Doch die Blume, sie täuschet, es fallen die bläulichen Blätter,
Und der Faden erwächst unter der Blume versteckt,
Tief gebücket wir ziehen ihn aus zum Brechen und Spinnen,
Ehe die Blumen so hell stehen im Laken gewebt.
Nun verzweifelst du schon, noch ehe dir Arbeit geworden,
Und schon mürrisch du bist, eh noch gesponnen der Flachs. –
Und es brach ihr der Faden, da bat ich sie flehend um Gnade,
Spann nun selber da an, wo ihr gebrochen das Herz;
Grob ward der Faden, ich glaub es, doch hält er länger und länger,
Und sie zeigte mir ihn, streifig im Laken verweht,
Als ich zum eigenen Herd mir holte mein liebliches Bräutlein,
Und das Bette so weiß stand in dem Zimmer bereit.
Seit nun die webende Zeit uns einte, priesterlich segnend,
Was die liebende Brust früher gesegnet in sich,
Da vergaß ich so oft den Faden, vergaß auch die Lehre,
Denn das Eigenste ist, was sich am leichtsten vergißt.
Heute vergaß ich ihn ganz, als zürnend ich aufsprang vom Bette,
Und im flatternden Hemd schimpfte die rastlose Frau,
Die den Mund nur verschließt beim ersten Krähen der Hähne,
Um zu sagen die Stund, die mich zum Webstuhl verbannt.
»War es schimpflich dem Gott, so rief ich, zu spinnen beim Weibe,
Ich ertrüg es so gern, denn ich säh dich dabei.
Doch so muß ich zum Webstuhl, zu schauen die seidenen Faden
Und du selber, du spinnst mich wie den Seidenwurm ein,
Förderst dies flüchtige Rädchen vom Morgen bis wieder zum Abend,
Wäre dies Rädchen entzwei: würde die Liebe mir neu;
Kurzweil wird dir zu lang, die lustgen Gesellen mir werden
Alle jetzunder so fremd, fremd wird der kühlende Wein;
Früh muß ich weben und spät noch, was du gesponnen geschäftig,
Müßig ins Aug dir zu schaun, wär mir ein süßer Geschäft.
Wozu hilft mir das Geld, du sammelst sorgsam den Kindern,
Ich bin ein dienender Greif, der die Schätze bewacht.«
Wütend ergriff ich das Spinnrad und wollte durchs Fenster es schmettern,
Doch der Faden wie Gold glänzte im Morgenlicht hell,
Und die Kinder sie beteten laut im Bettchen zusammen,
Was der Ältste gesagt, spricht ihm der Jüngere nach.
Und ich horchte er sprach: »Du Kleiner falte die Hände,
Mutter das tägliche Brot, Vater, gib es auch heut!«
Und sie reichte den beiden ein Brötchen mit Butter bestrichen,
Das sie am Abend sich selbst, hatte vom Munde gespart.
»O du goldene Frau, so rief ich, daurend in Elend,
Ja du spinnest in Gold Fäden zum Leben mir fest,
Zeit die vergangen mir sonst in die Launen die läßt mir Gewebe,
Und zur Zukunft ich werf ruhig mein webendes Schiff.
Jegliches mehrt sich bei dir, als ruhte ein göttlicher Segen,
Wo du helfend mir nahst, wo du tröstend mir hilfst.
Unsere Enkel dereinst, sie sollen erstaunen des Werkes,
Das in gemeinsamem Fleiß wir zusammen vollbracht.«

Mit Sorge erkundigte sich der Graf nach Wallers Umständen, ob er wirklichen Mangel leide und erbot ihm seine Hülfe. Waller versicherte ihm er lebe recht gut von Schriftstellerei und Schulden und werde auch seine Hülfe noch ansprechen; nachher berichtete er, daß seine Frau nach dieser Elegie sich entschlossen habe, ihn auf den Fußreisen zu begleiten, die er schon lange zur Einsammlung poetischen Stoffes projektiert gehabt; doch diese Märsche hätten, statt ihr vorteilhaft zu sein, wie er erst gehofft, ihre schwache Brust vernichtet; endlich habe er ihr ein Pferdchen anschaffen müssen, und fürchte sehr, daß sie bald auf Charons Nachen in das allerpoetischste Land der Welt, in die Hölle fahren werde, denn selig könne sie aus Mangel an wahrer Religiösität nimmermehr werden; aber das sei auch eben ihr Verdienst, daß sie für sich bestehen könne ohne Gott, wenn sie nur einen Mann hätte. – Ehe sich noch irgend jemand nach dem eigentlichen Sinne solcher Voraussetzung fragen konnte; hatte er sich schon wieder durch einen geschickten Sprung zum allerfremdartigsten hingeworfen; er hatte ganz die Art trostlosen Verstandes der Etymologen, die mit wenigen lächerlichen Übergangstönen die verschieden lautendsten Worte aus einer Wurzel ableiten; der Zuhörer wußte nie, ob er einem mehr gab oder mehr nahm; er suchte nämlich seinen eignen Verstand jedem aufzudrängen, indem er jedem den eignen nahm, oder verkümmerte. Unsern beiden Landleuten, denen niemand leicht widersprach, war diese Methode ein wahres Fest; sie hetzten ihn immermehr, mußten über alles lachen; er schüttete ihnen den ganzen Vorrat seiner Einfälle und Geschichten an einem Abende aus, die ihm sonst Monate vorgehalten. Es ist eigentlich ein Überfluß davon unter den Deutschen, aber es fehlen ihnen die Menschen, wie Waller, die unter Franzosen so häufig sind, die einen Einfall der Mühe wert halten zu bewahren, oder das Geschick haben, ihn gut nachzuerzählen; überhaupt wird in Deutschland aus einer gewissen Trägheit und Besorgnis zu wenig gesprochen. Wurde er eitel mit Unrecht deswegen genannt, so sagte er: Eitelkeit ist die Tugend der Kindheit, viele bleiben ewige Kinder und ich bin es nicht, aber ich mag es gern sein. Von Mädchen wird nie Wahrheit gefordert, darum werden ihnen bedeutende Staatsämter versagt, doch findet sich von je unter ihnen viel Wahrsagerei; ich halts mit den Mädchen und gebe die Wahrheit gern für die Wahrsagerei; wär ich nicht eitel, um gelobt zu loben, wäre ich wahr, so fragte ich euch, ihr bildet euch viel auf eure Liebe zu einander ein, aber die Liebe läßt sich nicht einbilden, wie der Schwindel nicht mit der Vorstellung wegzubringen ist, daß man die Stufen eines Turmes auf ebener Erde ohne Beschwerde ansteigen könne; ihr schwindelt einander aber täglich von ewiger Treue vor, ihr werdet euch auch, wie Schwindelnde, aus bloßer Furcht zu fallen, sich übers Geländer stürzen, über die Treue stürzen; Sie machen ein finster Gesicht, lieber Graf, das ist noch recht, daß es ihnen wenigstens ernst ist; die meisten würden über meine Gotteslästerung lachen. Ob ich wirklich gotteslästerlich bin? Nein, das ist unmöglich, ein gotteslästerlicher Mensch kann nichts Gutes denken; der Gedanke ist ein Prüfstein der Menschen, das Tun ist selten zu durchschauen, es wird wie ein Gedärme durchschlungen, das Herz schlägt drein und gehört doch nicht dazu; auch kann niemand bei Taten sehen, was er hervorbringt, denn er wird selbst erst darin, wie ein Vogel, der sich durchs Ei pickt, weil ihm das Fressen fehlt und statt des Fressens aufs Licht trifft, das ihm statt ins Maul in die Augen fällt. – In diesem Gange einer Springmaus, die bloß darum ungeheure Sätze machen muß, weil ihr die Vorderfüße zu kurz und die Hinterfüße zu lang geschaffen, kam der Abend, und er wurde erinnert seine Frau zu besuchen. Er ging hin, aber bald wurden alle durch einen ungemein lauten Zank erschreckt; er wütete und tobte, daß sie ein Paar Äpfel, die ihm auf der Reise von einer Dame verehrt worden, den Kindern übergeben; die Kinder versteckten sich hinter der Mutter und was diese zu schwach war zu sagen, das schrieen sie mit der unerzogensten Stimme. Die Gräfin wollte alles versöhnen, aber Waller sagte ihr sachte in die Ohren, er sei weiter gar nicht aufgebracht, doch halte er es für notwendig, seine Meinung durchzuführen; auch wäre dies eine gute Übung für die Kinder. Und dann riß er sich wieder in den Haaren und rief, wer einmal das Zutrauen gebrochen, ein teuer anbefohlenes Unterpfand entwendet, wo sind da Grenzen; es ist so arg, als Simson im Schlafe die Haare abzuschneiden. – Die gute kranke Frau Waller weinte still vor sich, und Waller wendete sich sachte zur Gräfin um: Hat sie nicht etwas von einer weinenden Mutter Gottes? Sie ist wunderschön! – Bei diesen Worten flog er um ihren Hals und sprach ihr so traulich, so herzlich, bat so schön um Verzeihung, daß sie gerne alles verzieh und mehr. – Den Grafen verdroß doch diese widrige Gefühlsfabrik; er schwor dem Dichter, seine Gedichte würden nichts schlechter sein, wenn er statt mit lebenden Menschen mit bloß gedachten dergleichen Geschichten aufführte. Dies rührte Waller zu Tränen: Freund sie treffen mein tiefstes Innere; ja ich fühle es, keine Wahrheit ist darin und selbst indem ich ihnen dies bekenne, ist es zum Teil Lüge, denn ich will etwas anderes damit, mir ihr Mitleiden statt des Zutrauens zusichern, das ich verloren. – Der Graf versicherte umsonst, daß wenn man sich so einer Betrachtung über die Wahrheit überlasse, immer notwendig ein Stück fehlen müsse nämlich das betrachtende; es würde dann immer nur zur Wahrheit einer dritten Person die uns nichts angeht, nimmer unsre eigne. Waller schien durch diesen Scharfsinn überrascht, und weil er selten lobte, so war sein Lob schmeichelhaft.

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