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Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores

Achim von Arnim: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleHollin's Liebeleben / Gräfin Dolores
authorAchim von Arnim
year1989
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-60010-0
titleArmut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores
pages101-684
created20011206
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1810
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Achtzehntes Kapitel

Adel. Der Gerichtstag

Solche Reihen gleicher Tage, von außen still, voll abwechselnder innerer Bewegung, überspringen wir, denn das Glück lehrt nicht: es ist ein Geheimnis. Selbst einen schönen guten Morgen, wo der Graf die Nachricht von seiner Frau erhielt, daß sie sich von mehreren Nachbarinnen überzeugen lasse, sie sei in gesegneten Umständen, wollen wir ungefeiert lassen. Doch waren sie beinahe über den Namen des Kindes in Streitigkeiten verwickelt worden, da die Gräfin einige Lieblingsnamen aus Wallers Gedichten, die sie besonders achtete, in ihre Familie einführen wollte, und der Graf unabänderlich darauf bestand, daß man in einer Zeit, die so wenig Bestehendes hervorbringe, das Angeerbte durchaus bewahren müsse, wo es nicht dagegen anstieße, denn es ruhe Segen darauf. In diesem Gespräche entwickelte sich eine Verschiedenheit politischer Ansicht, die beiden gleich unangenehm war, weil sie ihnen eine Quelle der Unterhaltungen aus den Zeitungen verschloß. Die Gräfin, ohne irgend stolz aristokratisch zu sein, hatte doch ihre früheren geistig bestimmenden Zeiten unter der eigensinnigen Klasse von Leuten zugebracht, die sich damals in Deutschland bildete, welche blind an eine notwendige Rückkehr derselben Verhältnisse glaubte, die lange ihnen bequem gewesen. Der Graf, der erst auf Universitäten eine bestimmte politische Ansicht gewonnen, hatte dagegen den Kopf voll rascher Weltverbesserungen, weil ihm manches Bestehende in dem Unterrichte verhaßt geworden, insbesondre war es aber sein Lieblingsplan, alles Gute und Ehrenvolle, was sich in den adlichen Häusern, nach seiner Meinung entwickelt habe, allgemein zu machen, alle Welt zu adeln. Beides stritt notwendig gegen einander; dem Grafen war es ein angenehmer Gedanke auf Du und Du mit aller Welt zu sein, der Gräfin war jede Vertraulichkeit niederer Klassen unerträglich, und die tolle Ilse wußte schon dadurch sich ihr einzuschmeicheln, daß sie jeden Vorwitz durch tiefe Demütigungen, durch ein schnelles Rockküssen oder Niederknieen gutmachte. Diese Gesinnung kam erst bei dieser Veranlassung zur Sprache, weil der Graf seine Meinungen über die allgemeineren Begebenheiten, in deren Kreis er nicht eingreifen konnte, nur bei einem bedeutenden Anlasse aussagte. Als ihm die Gräfin heftig widerstritt, glaubte er, sie verstehe ihn nicht ganz, wollte sich aber mündlich darüber nicht weiter einlassen, sondern schrieb ihr in ein Gedenkbuch, das er im Hause gestiftet und wo beide das Bedeutendste einschrieben, was dem ganzen Hause begegnete, neben der frohen Hoffnung auf ein Kind.

Still bewahr es in Gedanken
Dieses tief geheime Wort,
Nur im Herzen ist der Ort,
Wo der Adel tritt in Schranken,
Wenn die Tugend in den Nöten
Hellauf rufet mit Trommeten.

In den Schranken stehn die Ahnen,
Wenn der Zweifel Kampf beginnt,
Wie aus Fels die Quelle rinnt,
Frischend ihre Geister mahnen,
Geister werden zu Gedanken,
Halten fest, wo alle wanken.

Geister sind in jedem Hause.
Wecken aus dem Schlaf den Mut,
Also rinnt das edle Blut,
Geistig wie der Wein beim Schmause,
Daß vereinet, die getrennet,
Eine Lieb in allen brennet.

Immer mit dem größten Maße
Mißt des Hauses Geist das Kind,
Und das Kind sich dehnt geschwind,
Will sich zeigen von der Rasse,
Was ihm Herrliches bescheret,
Zeigt sich höher, sicher währet.

Nicht die Geister zu vertreiben,
Steht des Volkes Geist jetzt auf,
Nein, daß jedem freier Lauf,
Jedem Haus ein Geist soll bleiben:
Nein, daß adlich all auf Erden,
Muß der Adel Bürger werden.

Sie wollte ihm diese Grundsätze, die sie für anstößig erklärte, widerlegen, aber es war das erstemal, daß er mit Ernst an die Schranken erinnerte, die einer Frau zugemessen. Sie war überrascht davon, aber nicht überzeugt, besah einige Augenblicke ihre schönen Nägel, die so angenehm rötlich glänzten, und auf deren jedem ein aufgehender Mond zu schauen war; dann sagte sie spottend: Du bist heute wohl so ernsthaft, weil du Gerichtstag halten läßt. Hör Karl, einen Gefallen mußt du mir tun: siehst du wohl die alte Frau, die dort mit einem zugebundnen Teller um das Schloß schleicht, es ist eine gute Alte, sie heißt die Petschen und hat eine böse Schwiegertochter, die schlägt sie jetzt, nachdem sie dem Sohne ihr Haus und ihren Garten abgetreten hat. – Woher weißt du das? fragte der Graf. – Von meiner Ilse, antwortete die Gräfin, die arme Frau bringt ihr für mich kleine Birnen zum Geschenk; sie hat mich so lieb. – Ich will aufmerksam zuhören, meinte der Graf, aber in die Aussprüche mische ich mich nicht; ich suche die Leute zu deutlicher Erklärung zu bringen und ihnen Gerichtskosten zu ersparen, alles übrige ist dem Gerichtshalter überlassen, der mit seinem Eide den Gesetzen strenge gebunden ist. Überhaupt hasse ich dies Gerichtswesen des Adels sowohl wie der Fürsten, die Gerichte müssen im ganzen Lande von den tätigen Gewalten unabhängig sein, ganz auf freier Wahl beruhen und wo Richter nicht genügten, müßten Geschworene zu Hülfe kommen, nur dadurch würde eine nationale Gesetzgebung entstehen, die alles Fremde, alle unnütze Weitläuftigkeit und drückende Kosten aufhöbe. Ich schwöre dir, daß mich oft, wenn ich für einige elende Zeilen, die eine ganz überflüssige Formalität enthielten, ein Paar Taler zahlen mußte, eine Wut packte, das Tintfaß dem Justizkommissar in die Zähne zu schlagen, oder daß ich jeden Augenblick wartete, ob nicht ein Himmelsstrahl ihn und sein ganzes Aktengeschmiere aufbrennen würde. Wenn ich das so fühle, wie viel schärfer schmerzt solche Ausgabe die Ärmeren, die vielleicht eine ganze Woche vom Morgen bis in die Nacht für dieses Geld arbeiten mußten. Dazu kommt noch, daß bei den vielen fremden Worten, bei der Heimlichkeit der Verhandlung ihnen die Rechtspflege wie eine Art Magie vorkommt, wie eine Art Zauberspiel, wo der Zufall entscheidet, wogegen sie sich listig verkriechenVergl. Anhang zum ersten Bande des Wunderhorns S. 438. . Die Heimlichkeit der Verhandlung habe ich aufheben können; der große Saal gestattet jedermann den Zutritt, durch Schranken sind die Zuhörer von den Klagenden getrennt; mein Gerichtsverwalter ist auch ein braver Mann, der freundlich jedem den Grund des Rechtes deutlich macht; aber das Eine fühl ich sehr beschwerlich in jedem kleineren Kreise der Justizverwaltung, es ist sehr schwer sich alles Rechtsenthusiasmus zu erwehren; so wie du für die Alte moralisch eingenommen bist, so bin ichs für andre. Heute kommt ein wunderlicher Fall vor. Ein Schneider hat von einem Mädchen, das seine Hand ausgeschlagen, schlecht gesprochen: das kommt bei einem Kindtaufsschmause zur Sprache; die Eltern ärgern sich darüber, holen eine Stiefelbürste und gehen beide in das Haus des Schneiders, stellen ihm recht ernstlich seine Bosheit vor, daß er mit seinem Munde den guten Ruf des Mädchens befleckt; sie versichern ihm, er habe einen unreinen Mund, sie müßten ihn erst putzen, und fahren mit den schmutzigen Stiefelbürsten, nachdem er sich mit dem Bügeleisen vergebens gewehrt hatte, ihm in den Mund, daß ihm die Nase blutet. – Nun da geschah ihm recht, sagte die Gräfin. – Ich fühle das auch, fuhr der Graf fort, und doch müssen sie bestraft werden; die Art, wie sie ihn straften, war widerrechtlich. – Der Graf wurde jetzt abgerufen, der Hof stand schon gedrängt voller Leute, die sich hier vor den letzten Stufen des Gerichtssaals noch ärger verhetzten; viele redeten vor sich, manche waren bleich der Entscheidung harrend, der große Gerichtsdiener schritt mit Wichtigkeit umher, und erteilte bedeutsam seinen Rat, während er den Gefängnisturm lüftete und die alten Gerichtswerkzeuge, spanischen Mantel, hölzerne Fiedel und Halseisen, ungeachtet sie nie mehr gebraucht wurden, sonnte, und zum Schauder Aller ausstellte; jeder Bediente des Schlosses erschien den Leuten als eine mächtige Protektion; er wurde beiseite genommen, von dem streitigen Falle unterrichtet, die Hände gedrückt und ein Schnaps zugetrunken; nun forderte der Ruf des Gerichtsdieners die Parteien vor und die ganze Protektion war vernichtet. – Der Graf wartete ungeduldig auf die alte Frau, die ihm von der Gräfin empfohlen, sie kam mit vielen Höflichkeitsbezeugungen; ihr Sohn, ein kleiner magerer Leineweber und eine sehr rüstige Schwiegertochter traten ihr entgegen. Es sei uns hier vergönnt die Leser mit einem sehr traurigen Familienverhältnisse bekannt zu machen, das unter den ärmeren Klassen auf dem Lande häufig hervortritt, wo ein kleines Eigentum, Haus und Garten, selten geeignet ist, mehr als eine Familie zu erhalten. Die Eltern, welche zur Arbeit zu schwach werden, nehmen dann gemeiniglich eins ihrer verheirateten Kinder zu sich, sie bedingen sich ein Dritteil der Gartenfrüchte, einen Sitz auf der Ofenbank und andre ähnliche Vorteile. So lange wenig Kinder in der aufgenommenen Familie sind, geht alles in gutem Frieden; die Alten halten zwar meist sehr strenge auf ihre Forderungen, aber sie dienen auch mit allem Fleiße in der Wirtschaft; mehren sich aber die Kinder, dann überwiegt die Liebe zu ihnen die Liebe zu den Eltern, und ihr Tod wird oft ganz laut gewünscht; dies war auch das Verhältnis zwischen der Alten und ihren Kindern. Die Alte wollte gern ihre Abtretung an den Sohn aufheben, sie glaubte sich durch ein Geschenk an Frühbirnen, das sie der Gräfin durch die tolle Ilse einhändigen ließ, einzuschmeicheln, und durch dies Einschmeicheln ihren Zweck zu erreichen; auf dem Lande erscheint eine Kammerjungfer, wie eine Oberhofmeisterin an großen Höfen. Ihr Dritteil an den Birnen wollte sie nicht gern allein zu diesem Geschenke anstrengen; als daher das Birnenschütteln und Teilen nach manchem Probieren auf einen Sonntag angeordnet war, schlich sie sich früh Morgens, als sich die jungen Leute noch im Bette erfreuten, auf den Baum und schüttelte und pflückte nach ihres Herzens Lust, die sich in der Arbeit mehrte. Die junge Frau sagt endlich etwas, das die Alte einem schreienden Kinde tun soll, sie erhält keine böse Antwort, verwundert sich und sieht, daß die Mutter schon aufgestanden sei; gleich weiß sie, worauf das gehe: auch sie hatte gestern den Baum mit Sehnsucht angesehen; sie springt heraus und findet die Alte, wie sie auf dem Birnbaume wütet. Das gab Schimpfreden, aber die Alte war so erbittert auf die Birnen, daß sie gar nicht vom Baume herunter zu bringen war, bis die Schwiegertochter sie wie eine Katze, oder wie ein Eichhorn herunterschüttelte, und sie unten am Boden wie ein näschiges Kind abstrafte. Da beide unrecht hatten, die Alte als Diebin, die Tochter wegen der zugefügten Mißhandlungen, so wurden sie nach heftigem Gestreite beide auf ein Paar Stunden ins Gefängnis gebracht; der arme Leineweber wollte aus Achtung gegen Mutter und Frau dabei verzweifeln, und ließ sich zu ihrer Unterhaltung mit einsperren. – Als der Graf seiner Frau diesen Schluß lachend meldete, fühlte sie sich doch gekränkt: Ich finde es gar nicht zum Lachen, sagte sie, wenn meine Vorsprache dir so gar nichts gilt; die Leute werden mir künftig alle Achtung versagen. – Der Graf sah ärgerlich zum Fenster hinaus.

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