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Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores

Achim von Arnim: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleHollin's Liebeleben / Gräfin Dolores
authorAchim von Arnim
year1989
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-60010-0
titleArmut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores
pages101-684
created20011206
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1810
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Vierzehntes Kapitel

Geschichte der Fräulein Lila, der Fräulein Mirrha und der Fräulein Walpurgis

Hier endete sich das Spiel mit einem zärtlichen Kusse, den die Gräfin ihrem Manne gab, und er fühlte sich so reichlich für allen kleinen Kummer des vorigen Tages entschädigt; auch die Stiftsfräulein sahen mit Rührung ein Glück, dessen Hoffnung ihnen so ferne lag, und konnten nicht lassen, es zu rühmen. Kaum hatte der Graf und seine Gesellschaft die ersten Ehrentänze gemacht, so hielt auch seine Dienerschaft und sodann das ganze Dorf mit Braut und Bräutigam einen schnell abwechselnden Umtanz, an dessen Schlusse nach alter ländlicher Gewohnheit eine Verkleidung ausgeführt wurde. Die tolle Ilse kam in geistlicher Kleidung, eine Perücke von ausgeblasenen Eiern auf dem Kopfe, eine lächerliche Maske vor dem Gesichte und versicherte, das neue Ehepaar sei noch nicht ordentlich und vollständig getraut. Alle stellten sich erschrocken und die Neuverheirateten mußten demütig um eine vollständige Trauung bitten; die Maske erfüllte nach vielen Umständen »warum man sich nicht gleich an sie gewendet« diese Bitte, das Trauungszeremoniell wurde lächerlich parodiert, einigen unanständigen Liedern folgte eine lange Rede voll Zoten, die von allen herzlich belacht wurden, weil jeder sie seit Jahren kannte; des Grafen zierliches Spiel war aus dem Gedächtnisse aller verwischt. Nach dem Ende des Spiels sagte der katholische Geistliche, daß er nun schon zwanzig Jahre vergebens daran arbeite, diesen anstößigen Spaß abzubringen, aber jede Hochzeit vermehre ihn mit neuen Einfällen; die ernsthaftesten gesittetsten Leute des Dorfs bestanden eben so sehr auf die Beibehaltung, als das junge lustige Volk. Der Graf dachte darüber nach, und sah, daß die Leute nicht unsittlicher nach dem Spaße, als vorher aussahen, da fuhr es so aus ihm heraus, er wußte selbst nicht, ob er an das glauben sollte, was er sprach: Der rohe und meist der unschuldigste Mensch läßt seinen Scherz gemeinhin über die Verhältnisse der Geschlechter aus, weil sie ihm am deutlichsten und wichtigsten unter allem sind; uns sind andre Verhältnisse, der Staat, die Gesetze, der Krieg wichtig geworden, wir reißen damit im fröhlichen Augenblicke unsre Zoten und wer weiß, welche die besten sind; eine gute Zote erfordert auch ihr Talent; ich wüßte keine zu machen, sie hält Leib und Seele zusammen; – überhaupt, worüber man einmal mitgelacht hat, das sollte man nicht mehr verdammen dürfen. – Der Geistliche war sehr beschämt, denn er hatte wirklich von ganzem Herzen gelacht; der Graf lenkte wieder ein: Freilich das Ehrenwerte der Religion, der bessere Scherz, die feinere Unterhaltung muß darüber nicht zu Grunde gehen, insbesondre muß man bedenken, daß die Zote ihrem Grund und Boden leibeigen ist, und daher nicht in die Welt eingeführt werden kann, ohne eine Ungerechtigkeit gegen die edle Unterhaltung zu begehen. – Der Geistliche bejahte das und der Graf führte seine Gesellschaft von Damen nach der Weinlaube, wo ein Tisch mit Zuckerwerk, Erfrischungen, Weinen und Früchten jeder Art für sie gedeckt stand; dort brachte er sie unbemerkt auf Erzählungen von ihrem Stifte und dessen innern Verhältnissen; endlich eröffnete er ihnen geradezu, sie wären seit einigen Tagen im Schlosse in ein so allgemeines Geschichterzählen gekommen, daß er sich durchaus wenigstens ein Paar Lebensgeschichten von ihnen erbitten müsse. Die armen Fräuleins zierten sich gewaltig; eine wollte der andern die Last aufbürden; es wurde aber nichts daraus, bis eine anfing, von der andern zu erzählen; da erschienen nun viel alltägliche Historien, von Stiefeltern, die ihnen den Aufenthalt im Hause verleidet, von Vätern, die erschossen worden: nur ein Paar finden wir des Aufzeichnens wert. Fräulein Lila warf der Fräulein Mirrha vor, sie könnte glücklich verheiratet sein, wenn sie nicht die Stunden des Verlöbnisses versäumt hätte, wie sie noch jetzt alle Tage zum Essen zu spät käme und von der Äbtissin in Strafe genommen würde; ja selbst zu dieser Fahrt, zu welcher sich alle gefreut, sie eine halbe Stunde habe warten lassen. – Mirrha leugnete das nicht, aber fuhr sie fort: ich kann es nicht lassen und glaubt ihr, daß ich nur mit Aufopferung dieser Gewohnheit eine glückliche Ehe hätte erreichen können, wahrhaftig sie wäre mir so unerreichlich geblieben, wie der Himmel auf Erden. Von meiner ersten Kindheit hatte ich diese Gewohnheit, wenn es nicht gerade Zeit war zum Aufstehen, so machte ich mir noch ein andres Geschäft: spielte, strickte im Bette; erst, wenn die Glocke schlug, wo ich in der Lehrstunde sein sollte, konnte ich zu dem Entschlusse kommen, aufzuspringen; dann eilte ich mit der größten Hast, verwarf darüber Kamm oder Fingerhut, und mußte suchen; während des Suchens geriet ich auf etwas, das mich unterhielt, ein Buch zum Beispiel, fing halb angezogen an, darin zu lesen, bis mich heftige Verweise von meinem Zimmer trieben, wohin ich sicher wieder ein paarmal umkehren mußte, weil ich immer das Notwendigste vergessen hatte. Als ich verliebt war, da nahm dieses Übel zehnfach zu, in jedem Geschäfte fiel mir zehnerlei von meinem Bräutigam ein, was er mir gerühmt hatte, ein Kleid, eine Arbeit, ich mußte es besehen, oder eine Stelle aus seinen Briefen, die mußte ich nachlesen, von einem las ich zum andern bis zum ersten, und dieses unglückselige Lesen war es, was mich eine Stunde lang in meinem Zimmer zurückhielt, während alle zur Verlobung feierlich versammelt waren. Niemand glaubte mich auf meinem Zimmer, weil ich schon unten gewesen war; meine Mutter rief mit großer Sorge im Garten umher, ich war aber in meinen Briefen so vertieft, daß ich es nicht hörte. Mein Bräutigam war zu argwöhnisch, um dieses Ausbleiben einem Zufalle zuzuschreiben, er ritt fort und reiste in der Stunde noch in die weite Welt, um seinen Schmerz und die Lächerlichkeit für andre zu vergessen, die durch dieses öffentliche Verschmähen auf ihn haftete. Er hat mir viel Tränen gekostet und du Lila hättest mich nicht daran erinnern sollen, während du selbst auf keine klügere Art um deine drei Freier gekommen bist. – Wir drangen in sie zu erzählen; Fräulein Lila mochte ihr zuwinken, so viel sie wollte. – Mirrha fuhr auch ruhig fort: Es ist ja gar kein Vorwurf für dich, liebe Lila, du hattest dich bloß von unsern Modedichtern anführen lassen, die alle Liebe über einen Kamm scheren und weil sie wahrscheinlich nie selbst eigentümliche, sondern nur eingebildete Liebe erfahren, alle ihre Kopien nach einem Paar ganz einzelner Originale machen, die aller Welt durch den Zufall besonders kund geworden. Da meinen sie, die erste Liebe müsse plötzlich beim ersten Anblicke auflodern, keine Ruhe lassen, keinem Zweifel Raum geben; es soll keinen Augenblick geben, wo man weniger verliebt sei, wo ein anderer einem in die Augen fiele, wo man einem andern gefallen möchte. Sehen sie solch ein strenges Liebessystem beherrschte Lila; sehr brav war sie entschlossen, niemand zu heiraten, den sie nicht liebe, aber daß sie ihn nun gerade so lieben wollte, das war zuviel; immer glaubte sie, wo ihr jemand wohlgefallen, ihr sei der große Wurf gelungen, und traurig fühlte sie wieder im nächsten Monate, daß sie immer noch nicht genug liebe; und so entließ sie einen Freier nach dem andern: denn, unter uns gesagt, sie war wunderschön und eigentlich, jedermann in sie verliebt. – Lila klatschte strafend den vollen Rücken der Erzählenden, und sagte: Neulich, als ich mich im Spiegel betrachtete, da fand ich, daß Augen, Mund, Kinn und Backen noch nicht häßlich, aber die le nez, die le nez, ich weiß nicht, wie mir die Nase so besonders hervorgewachsen, als sähe sie sich immer weiter in der Welt um, doch habe ich das schon öfters bei alten Jungfern bemerkt, die Nase wächst ihnen zu einer ungeheuren Größe. Wir lachten alle über das gutmütige Mädchen, die so heiter über sich selbst spotten konnte, nur eine blasse Fräulein Walpurgis blieb ungerührt. Der Graf bat sie um ihre Geschichte, wenn es ihr nicht schmerzhaft sei. Keinesweges antwortete sie; allzu bekannt, um sie in meinem Herzen zu verschließen, teile ich sie gern meinen Bekannten mit, daß sie mir um so leichter gewisse unangenehme Minuten verzeihen. Ich war in früheren Jahren sehr heiter, leichtsinnig und mutwillig; in keinen Menschen, selbst in die, welche ich liebte, ging ich tief genug ein, um ihre heimlicheren oft wesentlichsten Charakterzüge kennen zu lernen. So war ich auch einem jungen Edelmann verlobt und herzlich in ihn verliebt, ohne daß ich glaubte, was er mir sagte, könne ernsthafter, bedeutender sein, als was ich ihm zu sagen hätte; ich schwatzte froh in alles hinein und bemerkte nicht, wie er verlegen wurde, wenn ich oft querfeldein über die wichtigsten Gegenstände, über Politik, über Kunstwerke meine Worte auslaufen ließ; es bedeutete mir gar nichts, denn ich hatte damals ein solches Bedürfnis, zu reden, daß ich oft allein mit den Wänden konversierte. Worum er mich gebeten, vergaß ich eben so leichtsinnig, wie alles das, worin er mich belehrte, und das hatte ihn endlich zu dem Entschlusse gebracht, mich auf die Probe zu stellen. Er sagte mir eines Tages, als Abends ein kleiner Ball in der Stadt gehalten werden sollte, er müsse den Tag verreisen, ich möchte ihm etwas versprechen, woran er sähe, daß ich ihn liebte: ich möchte ihm versprechen, den Abend nicht auf dem Balle zu tanzen. Ich lachte über das leichte Versprechen; der Tanz war gar nicht meine Leidenschaft und der Bälle so viele, daß dieses Ausruhen gar keine Entsagung zu nennen; ich versprach es bei meiner Liebe und gab ihm die Hand darauf. Abends auf dem Balle dachte ich der ganzen Geschichte nicht mehr; zwar war es mir, als hielte mich bei einer Aufforderung eine geheime Hand, daß ich abschlagen sollte, aber ich hatte einmal zugesagt, und als mir nachher mein Versprechen einfiel, fürchtete ich, lächerlich und beleidigend zugleich bei meinem Tänzer zu werden, der in der ganzen Stadt mit seinem Urteile galt. Ohne Sorge tanzte ich meinen schottischen Tanz herunter; als ich unten außer Atem anlange, steht mein Bräutigam mit ganz verwirrtem Auge vor mir, frägt mich, ob ich ihn sehe , ob ich ihn kenne, ob ich mich meines Versprechens erinnere, das ich eben gebrochen, ob mir je zu trauen sei, nachdem ich in erster Liebe ihn getäuscht? Dann versicherte er mir, ich sähe ihn zum letztenmal und in Gegenwart der ganzen Gesellschaft schwöre er mir, er wolle seiner Ehre verlustig sein, wenn er sich mir je nähere, wenn er je die Verbindung mit mir wieder anknüpfe, von der er sich so viel Seligkeit versprochen. – Bei diesen Worten stürzte er zur Türe hinaus, und ich ohnmächtig und in Krämpfen auf dem Boden nieder. Noch jetzt, nach so vielen Jahren, empfinde ich, ohne zu wissen, was die Glocke sei, gegen diese Zeit eine Traurigkeit, daß ich mich von den Menschen wegwende. – Sie stand bei diesen Worten auf und ging den Gang hinunter. Jeder äußerte nun seine Meinung über das Verfahren des Bräutigams; die Gräfin nannte ihn einen grausamen Barbaren, von dem sich jede Frau nachher hätte zurückziehen sollen. Der Graf schwor, er hätte es sicher in gleichem Verhältnisse ganz eben so gemacht; wer ein solches Versprechen vergessen könne, den müsse man wieder vergessen können; die Gräfin widerstritt ihm das, nannte dies Vergessen eine Kleinigkeit, ja es hätte selbst nichts zu bedeuten, wenn sie mit Absicht ein so törigtes Versprechen gebrochen hätte, und so gerieten der Graf und die Gräfin in einen lebhaften Streit mit einander. Eine kleine runde Stiftsdame, die eine Störung des ganzen Festes von diesem Streite befürchtete, legte sich auf einmal mit ihrer metallenen Stimme so laut dazwischen, und versprach eine so lustige Erzählung, daß niemand mehr der traurigen Geschichte denken sollte. Alle baten eifrig um die Geschichte und sie begann recht fröhlich zu improvisieren.

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