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Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores

Achim von Arnim: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleHollin's Liebeleben / Gräfin Dolores
authorAchim von Arnim
year1989
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-60010-0
titleArmut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores
pages101-684
created20011206
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1810
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Erste Abteilung
Armut

Erstes Kapitel

Das fürstliche Schloß und der Palast des Grafen P...

Vor einer kleineren Residenzstadt des südlichen Deutschlands erscheinen dem Reisenden, der die große Heerstraße vom Gebürge herabfährt, zwei große hervorragende Gebäude von ganz verschiedener Bauart und Umgebung. Einem altertümlich getürmten und geschwärzten, von Wassergräben umzogenen Schlosse gegenüber, schimmert ein freier, leichter, heiterer, flachgedeckter italienischer Palast im schönsten Grün eines weiten Gartens, so auffallend vorleuchtend mit hellen Marmorfarben und großen glänzenden Fenstern als glücklicher Nebenbuhler, als eine neue fröhlige Zeit neben einer verschlossenen ängstlichen alten, daß diese Bemerkung sehr wahrscheinlich jedem beim ersten Anblicke eingefallen sein mag. Der gleich nahe Wunsch mit den Bewohnern der fröhligen Zeit näher bekannt zu werden, um mit ihnen in allem Überflusse der schönen Bergwildnis und des reichen mannigfaltig bebauten Tales sich zu erfreuen, verschwindet eben so schnell, wie die Furcht vor dem düster vergitterten Schlosse, sobald sich die Reisenden beiden Gebäuden hinlänglich genähert haben, um alles Einzelne daran zu unterscheiden. Das schwarze Schloß, wohlunterhalten und dauerhaft, mit seinen vorspringenden spitzen Türmen, mit seinen kleinen spitzigen Doppelfenstern, mit dem großen steinernen Wappen über dem Tore, vor allem mit seinen kleinen bunten Gärtchen in den Turmecken, wo vielleicht schöne Fürstentöchter unter selbst gezognen Blumenlauben die vorüber wandernden Ritter belauschen, dies Ganze macht einem das wunderliche Gefühl, das die Leute romantisch zu nennen pflegen, es versetzt uns aus der sonnenklaren Deutlichkeit des guten täglichen Lebens in eine dämmernde Frühzeit, die auch uns erweckt hat und der wir heimlich noch immer mit erster Liebe anhangen und gedenken, ungeachtet es schon lange Mittag geworden und vielleicht bald wieder Nacht werden kann. Sind wir von diesem Gefühle durchdrungen, so scheint der kunstreiche Palast auf seinen schlanken Marmorsäulen, mit seinen nackten Götterbildern, die bis zum Dache hinaufgestiegen in einem Reihentanze erstarrt zu sein scheinen, wie eine leere fremdartige Zauberei, die der Zauberer aufgegeben, nachdem sie Götter und Menschen betört hatte. Auch scheint bei näherer Besichtigung alles an diesem Palaste den zerstörenden Elementen überlassen; der Wohlstand, der darin lange einheimisch gewesen sein mag, hat sich durch viele gewaltsame Auswege Luft gemacht, um zu verschwinden; die Fenster des untern Geschosses sind meist eingeschlagen; oder mit innern Fensterladen notdürftig geschlossen; das lückenvolle Dach hat große Stücken der Gesimse losweichen lassen; die Laden der Dachfenster schlagen im Winde nachlässig auf und zu; das zierliche eiserne Geländer, das den Vorhof schließt, ist des größten Teils seiner vergoldeten Blätter von mutwilliger Hand beraubt; die eisernen Türen liegen ausgehoben daneben, vom hohen Grase überwachsen; die Wände sind von Kindern mit Soldaten und von Soldaten mit den Namen ihres Regiments bezeichnet. Der Reisende sieht ärgerlich davon weg und nach dem Lustgarten, der den Palast umschließt und hinter demselben zu einer prachtvollen Anhöhe sich erhebt. Alles grünt da, alles singt, alles ist wild verwachsen, das Auge unterscheidet nicht, ob das halb eingestürzte Haus auf dem Gipfel des Berges eine absichtliche oder zufällige Ruine; neben den amerikanischen Sträuchern stehen wenige amerikanische Kartoffeln, wahrscheinlich in kindischer Nachahmung des Feldbaus; in den öden großen Baumgängen springen wilde Kaninchen schnell verschwindend umher, sie treiben da ungestört ihren kleinen Bergbau, wie die Vögel ihren Luftbau der Nester auf allen dichteren Baumwipfeln. Arme halbnackte Kinder, wahrscheinlich aus den Nachbarhütten, jagen sich in dem ausgetrockneten Bette des Springbrunnens, nachdem sie ihre Ziegen an Pfählen zwischen den einzelnen Schnörkeln des Buxbaums angebunden haben, der auf dem großen Platze hinter dem Palaste, wie eine von der Hand des Schicksals halbausgewischte bedeutende Schrift, den Reisenden lange vergeblich raten läßt, bis eins der Kinder alles mit ein paar Worten erklärt, es heiße Hektor und Sophie, die Vornamen des Grafen und der Gräfin von P., die dieses Schloß erbaut. Diese Kinder, diese Ziegen und ein paar Lämmer, die sich menschenfreundlicher zu jenen halten, reinigen den Garten von Kraut und Unkraut, von Blumen und Dornen.

Uns beängstigen schon fürstliche Schlösser, die bloß zum Sommeraufenthalte bestimmt, den größeren Teil des Jahres mit hellpolierten, aber verschlossenen Fenstern stille ohne Bewohner mit offenen Augen im Schlafe zu liegen scheinen, da alles Grün umher wacht und rauscht, alle Quellen rieseln, alle Gänge offen stehen; schon diese ungeheueren Anstalten zum Leben ohne Leben erfüllen uns mit der wehmütigen Ahndung einer unbewußt um uns her geschehenen Völkerwanderung, die uns allein unter Fremden zurückgelassen hat, – und was ist diese Wehmut gegen den Schmerz, diese Völkerwanderung wirklich beendigt zu finden, was hoch gestanden tief gestürzt zu finden und die Kleinen wild und höhnend darüber herfallen zu sehen, ohne zu wagen, sich gleicher Höhe zu nahen; wenn sich gemeine rohe Armut über die Trümmer fremder Pracht und Bildung triumphierend lustig macht, unwissend an den Kunstdenkmalen zerstört, weil die Besitzer nicht mehr die Kraft haben zu schützen und zu erhalten, was sie vom Überflusse geschaffen hatten – und darum wendete ich mich schmerzlich von einem Kreise lumpiger Barbarenkinder fort, die dort im Lustgarten des gräflichen Palastes an einem schönen Amor in Marmor, der schlafend unter einer Rosenlaube ruhte, die schändliche Art von Geißelung wiederholten, die ihnen in roher Erziehung zu einer scherzhaften Strafe geworden. Vergebens war mein Pochen an allen Türen, ob denn keine einzige Seele in dem großen Hause, die diesen Frevel, den ich gestört, auch bestrafte, einsam und immer schneller und ungeduldiger hallte mein Schritt, wie von einer Schildwache die abzulösen vergessen, unter den Säulen des Eingangs, daß die Schwalben aus ihren Nestern im Laube der korinthischen Säulen ausflogen, vielleicht um zu schauen, ob es gewittere. Mir war so schwül zu mute und ich dachte nicht, daß in den oberen Zimmern zwei junge Gräfinnen versteckt wären, bei denen mir alles üble Wetter so leicht übergegangen wäre; ich stieg wieder in meinen Wagen und dachte, besser daß ein Wetterstrahl alle Kunstwerke in einem Augenblicke vernichte, ein Feind sie entrisse, als daß sie in vielen Jahren vor den Augen der Völker, die sie nicht verstehen, nicht in heiliger Sitte bewahren, verderben und geschändet werden; denn wer das Schöne zerstört, oder dessen Zerstörung duldet, kann es nie heiligen und erzeugen, wohl aber selbst der, welcher es gar nicht anders, als aus sich und der freien Welt gekannt hat.

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