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Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores

Achim von Arnim: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleHollin's Liebeleben / Gräfin Dolores
authorAchim von Arnim
year1989
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-60010-0
titleArmut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores
pages101-684
created20011206
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1810
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Neuntes Kapitel

Hollin's LiebelebenDieselbe Geschichte in Briefen ist erschienen Göttingen 1802; in diesem erzählenden Auszuge habe ich erhalten, was noch belehrend schien.

Hollin und Odoardo kamen denselben Tag auf eine Schule, gewannen einander sogleich lieb und veranlaßten dadurch, daß ihnen der Rektor ein gemeinschaftliches Zimmer anwies, das sie auch bis zu ihrem Abgange nach der Universität mit einander bewohnten. Jener war dem letzteren an Alter, Vermögen und Talent überlegen; diese Überlegenheit war alte Gewohnheit und machte keinen Riß durch ihre Freundschaft. Sie versuchten sich mit einander in allem, was das Schulleben mit sich führt; sie präparierten sich miteinander, brateten heimlich einander Kartoffeln, schlugen gemeinschaftlich ihre Feinde auf andern Schulen, hielten sich zusammen heimlich einen Renommistenanzug, in welchem sie abwechselnd Komödie und Kaffeehaus besuchten; sie waren auf der ganzen Schule unter dem Namen Kastor und Pollux bekannt, Odoardo, der früher schlimme Jahre bei seinem armen Vater zugebracht hatte, welcher Doktor in G. war, hatte mehr Bewußtsein dadurch, mehr Vorsicht und Klugheit gewonnen, war dadurch eine Art wohltätigen Hofmeister Hollins, der ihn von tausend Unbesonnenheiten zurückhielt; in allem übrigen lebten sie so in einander über, daß die Lehrer Mühe hatten ihre Handschriften zu unterscheiden. Die Vormünder schickten Hollin nach H., der Vater berief Odoardo nach G.; beides war ihren vereinigten Bemühungen unabänderlich, weil jeder vom andern die Abänderung erwartet hatte; sie trennten sich mit tausend Schmerzen und fühlten doch erst nachher, was sie an einander verloren hatten. Als sie von einander Abschied nahmen, sagte Odoardo, dies ist ein Augenblick, wo wir uns trennen, vielleicht kommt ein Augenblick, wo wir uns wiedersehen, gewiß aber einer, wo wir uns hinlegen und nicht wieder aufstehen; und erinnerte seinen Freund daran in seinem ersten Briefe und an manches andre Traurige: wie ihre kleine Schulwelt hinter ihnen bis auf die Namen, die sie in ihre Bänke eingeschnitten, bald vernichtet sein werde; dabei erinnerte er sich, wie er als Kind fest geglaubt, er werde ewig leben, bis sein liebster Spielkamerad, ein Hund, sich in der Morgensonne ausgestreckt, still geworden und gestorben sei; – von der Universität schrieb er nichts. Ganz anders beschrieb Hollin seine Gedanken bei dem Anblicke der Universität: Himmel, welch ein Gefühl, als ich die ersten Spitzen der Türme und immer mehr, endlich die ganze herrliche Freistadt der Jugend aus der Ebene hervortreten sah. Noch ist er nicht verhallt in mir der innere Ruf nach Freiheit, der mich als Kind schon zum kühnen Spiele auftrieb. Ringt nicht jedes Wesen nach Licht und Freiheit, Keime, Blüten, Vogelbrut, selbst die stummen Fische verlassen im Sonnenscheine ihr Element und schlagen sich empor und rauschen über seine Fläche hin. Und wir, frei aufgerichtet zur Mittagssonne, die wir unsre Erde in Luft und Wasser umkreisen und durchstreifen dürfen, sollten die Fülle der schwellenden Kraft und Freude im trägen Kleinmute des Bürgerlebens eindämmen. Der Wagen schien mir unerträglich langsam fortzuschleichen, wie die Zeit auf unsern Schulbänken. Bald kam eine Schar in ritterlicher Kleidung mit Helm und Schwert, bewillkommte uns zutraulich, ohne uns zu kennen, lud uns gastfrei zum Mahle ein und verbrüderte sich mit uns: verbrüdert uns nicht alle menschliche Gestalt, ist nicht die Liebe frei und ist es nicht der innerste Drang des Menschen, alles liebevoll zu umfassen und in sich aufzunehmen. – Im nächsten Briefe erzählte er seinem Freunde, daß er in eine Landsmannschaft aufgenommen, einer der besten Fechter geworden sei; daß er sich bemühe ihnen dagegen seinen Sinn für alles Tiefe in der Philosophie mitzuteilen. Warnend schreibt Odoardo von seiner Universität: Mir ist alles hier unerträglich einförmig bis auf die untergeschobenen, auswendig gelernten Einfälle. Ein paar lächerliche Namen, ein Dutzend Scherze über Dinge des täglichen Gebrauchs, dieselbe Manier arme Leute zu beleidigen, die sie nicht fürchten, viel Erzählungen ehemaliger Tapferkeit und nachahmenden Mut aus Furcht vor der Schande; das hab ich schon entdeckt. Wer nicht platt ist, wird aberwitzig genannt, wer Poesie liebt ein Kraftgenie, wer einen andern als den hergebrachten Spaß treibt, von dem heißt es, er wolle etwas vorstellen. In den Gesellschaften ist stummes eitles Hofmachen, alles in ernsthafter Wichtigkeit; haben sie dann etwas Wein genossen, so werden sie grob, nach ihrer Art genialisch, und sagen den Frauen Unanständigkeiten; diese fliegen verstört auf und werden von ihren Beleidigern nach Hause geführt. Dann gibts Schlägereien, selbst zwischen Freunden, die einander alles verziehen haben; zum Glück kommt selten was dabei heraus. Von dem unsinnigen Lernen sage ich kein Wort, die meisten tun nichts als Heftschreiben.

Hollin hatte sich mit solcher Lust in die Studentenwirtschaft geworfen, daß ihm sehr bald ein Vorsteheramt seiner Landsmannschaft übergeben wurde. Eine große Streitigkeit zwischen Landsmannschaften und Orden entzweite damals die Universität; er nahm heftig die Partei der erstern, weil er darin wenigstens keinen solchen Trennungsgrund wie in den Orden fand, die notwendig, weil alle daran teilnehmen konnten, im ewigen Kampfe unter einander bleiben mußten. Alles sollte durch einen Zweikampf zwischen beiden Parteien ausgeglichen werden; er wollte für alle fechten, das erfüllte ihn mit Freude; nur das Unbestimmte des Kampfes bewegte ihn; hätte er sich bestimmt einen Arm, einen Fuß, abhauen lassen dürfen, es wäre ihm lieber gewesen. Er kam früh auf das Dorf, wo gekämpft werden sollte. Freunde und Feinde unterhielten sich wie gewöhnlich von Nebensachen ganz frei. Vor allen gewann er einen gewissen Lenardo aus G... ganz ungemein lieb, der aus Hang zur Unabhängigkeit von seinem Vater, der ihn dort einschränken wollte, ohne Abschied nach H. abgereist war. Offen ohne Zweck, lustig aus Bedürfnis und darum dem Weine, dem Spiele, den Mädchen ergeben; fleißig zum Scherz, mutig ohne es zu wissen, nie Beleidiger fast immer Versöhner beim Weine; mit allen Gutfreund, mit keinem insbesondere, hatte er soviel Bekanntschaften gestiftet, soviel Brüderschaften getrunken, so viel Trennungen erfahren, daß er in jedem neuen Bekannten zehn alte wieder begrüßte und wiederfand, ohne es zu wissen. Er war immer der einzige ohne Stammbuch, der sich in allen Stammbüchern fand; immer von Memorabilien umgeben, der aber keine einzige behielt, dem die vergangene Zeit ganz vergangen. Witz hörte er gern von andern, um Gelegenheit zum Lachen zu haben, er selbst hatte den Witz nur im Trunke; rasch im Wetten, aber selten glücklich, weil er wenig genau hörte; glücklich im Spiele, gewann er doch selten, weil er nur im Unglücke wagte; leichten Weibern sehr willkommen war er doch selten geneigt den Umständen einer etwas vornehmeren Verbindung sich zu unterziehen; die schnellere Entscheidung bei den unteren Klassen machte ihm mehr Genuß; in den Künsten zeigte er stets ein vorwiegendes dramatisches Talent. So ist er noch jetzt, und so war er; denn er gehört zu den unveränderlichsten Menschen, unversehrt ob er gleich zehn verschiedene Weine an einem Abende auf einander setzt. Dies wurde sein Gegner, sie umarmten sich erst, dann schlugen sie sich; Lenardo wurde sehr bald schwer in den Leib verwundet. Hollin hätte sich in seinen Hieber stürzen mögen; doch der Wunsch seinem Freunde zu helfen, trieb ihn zu Pferde nach der Stadt einen Wundarzt zu holen; dem Mediziner, der gegenwärtig, fehlte es an Geschick, er hatte mit seinem Bindezeuge bloß figuriert. Als dieser ankam und den Verwundeten, der an einem Ofen halb gebraten und halb erstarrt lag, von dem drückenden Verbande der Schnupftücher befreit hatte, und mit der Sonde auf und nieder fuhr in der Wunde, da hing Hollin wie ein loser Stein über dem Abgrunde; endlich hielt ihn die Hoffnung fest und die Hoffnung ließ ihn nicht zu Schanden werden; die edlen Teile im Innern waren unverletzt. Ohne Ermüdung wachte er in den kalten Nächten bei dem Freunde und der Zufall machte ihn bald mit allen Lebensverhältnissen Lenardos bekannt. Er mußte an dessen Schwester Marie schreiben, sie möchte sein böses Verhältnis mit dem Vater ausgleichen; dabei rühmte er ihm die Schwester als unendlich liebevoll und gut. Hollin hatte einen jugendlichen Hochmut gegen die Weiber, aus Mangel an Umgang mit ihnen hielt er sie kaum für Menschen; insbesondre hatte er gegen alle moderne Sitten derselben aus einigen Darstellungen in Komödien neuerer Zeit einen bestimmten Abscheu; was er von Liebe wußte war nur im Allgemeinen empfunden, nie bei einer einzelnen entdeckt. Lenardo sprach mit ihm, ob er ein Mädchen heiraten sollte, die ihm recht gut sei, und viel Geld habe, er wäre dann auf einmal aus seiner Schuldenlast. Hollin fand das frevelhaft, behauptete, wenn es überhaupt eine Ehe geben dürfe, so müsse sie das Band zweier Liebenden sein; der Liebe gehöre jede Hingebung und alle äußeren Verhältnisse müßten vor ihr verschwinden: ein Hingeben ohne Liebe sei Unzucht; wer mit dem Feuer der Haushaltung die Liebesfackel anzünden wolle, der werde darin wie im höllischen Feuer verbrennen und nur aus dieser Unnatur, die häufig sogar aus Pflicht getrieben würde, entstehe alle sinnlose Ausschweifung der Männer und die feile Liebe. –

 

Da hat er einmal nicht ganz recht! rief die Gräfin eifrig. – Sie haben recht, entgegnete der Prediger; ich leugne, was er von dem Hinaussetzen der Liebe über äußere Verhältnisse sagt, insofern sie doch nicht aus der Welt hinaus versetzen kann. – Das meinte ich nicht, antwortete die Gräfin, aber mir sind viele Beispiele bekannt, daß Ehen bloß der Ausstattung wegen gestiftet worden, die sehr glücklich ausschlugen; das Entgegengesetzte sah ich oft bei Liebenden. – So etwas muß man nicht sehen! brummte der Graf vor sich.

 

.... Lenardo genas, und Hollin zog sich von dem großen Studentenhaufen zu seinen Büchern zurück; der Wunsch andre zu bilden mißlang ihm fast gänzlich, denn er wollte alles in der Natur übereilen. Einsam durchstrich er zum erstenmal die schnell aufgrünende Frühlingsbühne, schwelgte an jedem neu grünen Blatte und im Laufe der krummen Fußwege kam er über eine Brücke auf eine Insel; im Gefühle der Einsamkeit ließ er sich einen kleinen Geiger kommen, setzte sich in eine Laube und knackte Nüsse, die meist hohl waren; sein Herz war voll. Lenardo schreckte ihn heranspringend mit den Worten auf, er werde gleich seine Schwester zu ihm führen, die heute angekommen; sein Vater sei versöhnt, Hollins Brief habe das ganze Haus entzückt, alle wären begierig ihn kennen zu lernen. Er sprang fort, ohne Hollins Antwort zu hören, der ihm versicherte, er könne in dem Augenblicke mit keinem Weibe reden. Hollin warf aus Verdruß Tisch und Bank um, ließ den Kleinen ein Schandlied musizieren und lief in das Dickicht. Bald kam Lenardo mit seiner Schwester und noch einem Mädchen. Lenardo erklärte ihnen lachend den wunderlichen Haß seines Freundes gegen alle Weiber; beide schienen dadurch etwas beleidigt. Alles das sah Hollin aus dem Dickicht und für seinen Haß und für seine Ruhe sah er zu viel; beide verschwanden im Augenblicke. Was hätte er jetzt dafür gegeben mit Marien sprechen zu dürfen; aber er hatte sie beleidigt, was hätte er ihr sagen können; ihr Bild schwebte ihm noch deutlich vor, als sie lange fort war, und am Abend trieb er sich vor ihrem Fenster herum und meinte, wo ein Schatten durch die Gardinen der erleuchteten Fenster dunkelte, da stehe sie, und da meinte er etwas zu sehen. – Lenardo reiste den nächsten Tag mit seiner Schwester und seinem Vater fort; nach seiner Weise hatte er vergessen, irgend jemand davon zu sprechen; niemand wußte wohin. Hollin ärgerte diese Nachlässigkeit, denn er konnte nicht Ruhe finden, bis er die Beleidigung gut gemacht, der er selbst diese stille Abreise fälschlich zuschrieb; er entschloß sich zur Zerstreuung den Harz zu Fuße zu durchstreichen und es gelang ihm wenigstens auf den wilden Höhen, in den großen Ansichten der Natur sich selbst mehr zu vergessen. Eines Tages kehrte er in Goslar spät abends ein; die Altertümlichkeit der Stadt machte ihn selbst alt; er ging durch die engen Gassen, von fließendem Wasser durchschnitten, vor dem Rathause voll bunter Schnitzwerke, vor der alten Kirche, mit wunderbaren Bildern geziert, vorbei; ihm ward ein so wohltuendes Gefühl durch alle Adern gegossen, als kehre er nach abgebüßten Sünden von einem Kreuzzuge heim, als werde ihm morgen des Glückes Sonne einmal wieder scheinen. Im Gasthofe fand er einen trüben Brief von Odoardo, Werthers Leiden waren dem in die Hände gefallen, und fühlte er auch nicht das zerstörende, sich selbst wiederkäuende Ungeheuer in der Welt, so fühlte er doch, bedrängt von lästiger ärztlicher Praxis, die er für seinen Vater übernommen hatte, eine ewig leere lieblose freudelose Bewegung, ein törichtes ermüdendes Spiel aller Naturerscheinungen, eine ewige Wiederkehr der Jahre, derselben Blüten, derselben Menschen, ihrer Verhältnisse, weswegen man in alle Ewigkeit hin in demselben Zinne, aus derselben Apokalipse prophezeien könne. Wir müssen so laufen, schrieb er, damit die Schuhe ausgetreten werden, und sind sie ausgetreten, so sind sie zerrissen und die neuen drücken wieder; die Unendlichkeit steht, lacht dazu verzweiflungsvoll aus der Ferne und wir können ihr Angesicht nicht erblicken. Und denke ich deiner Freundschaft, sieh, da füllt sich meine Seele mit Herrlichkeit wie der gehemmte Strom vor mir, in welchem noch eben ein armer Junge nach Lumpen suchte, mit klarem Wasser, nachdem die Schleusen erschlossen sind. Wie ist alles so voll und so leer, so freundlich und traurig zugleich: alles Tag in Nacht. Im Lichte der Freundschaft glänzt die Spitze unsres Hauptes in Klarheit, aber die Augen trauren schon in der dunkelen Nacht. Tausend Menschen leben in Feindschaft eng beisammen; die wenigen, welche ihr Inneres austauschen und Freude zeugen, sie treibt der starke Bogen des Schicksals in alle vier Weltteile. Und wie wenige dieser verschossenen Pfeile erreichen ein Ziel? Gibt es ein Ziel? Könnte ich diese Welt der Bewegung nur aus mir los werden – alle Abend denke ich mit Freude und Sehnsucht an den Tod einer Gräfin, von der erzählt worden, wie sie ruhig zu Bette gegangen, und in Selbstverbrennung vernichtet, ohne Verletzung ihres Bettes und ihrer Umgebung, in ein Aschenhäufchen verwandelt wiedergefunden sei. – Hollin antwortete gleich seinem altem Schulfreunde zur Aufmunterung und Warnung: Dein Brief war Selbstmord. Glaub mir nur dies, die meisten Menschen sind Selbstmörder, und du gehörst zu den vielen, die es verachten ihr Leben durch einen mächtigen Giftbecher zu enden, aber das Gift gierig in tausend schönen Lebensblumen aufsuchen und einsaugen. Und ist nicht das letzte unwillkürliche Ringen nach Leben, der Todeskampf, das letzte Aufatmen, der Todesseufzer ein eigentlicher Abscheu der Natur, das Verdammungsurteil des Selbstmörders. Uns leitet das elende Zeitalter zum Selbstmorde; die meisten folgen und fallen darin, wenn sie auch nicht Hand an sich legen; laß uns mutig und kräftig dem Strome der Zeit entgegen schwimmen; wer in dem Kampfe zur Rettung jedes guten Lebens erliegt, der stirbt für die Freiheit und lebt in ihr. Bist du aber wahnsinnig in trüben Stunden und kannst nicht anders, und mußt so denken wie Werther, so laß dich anketten in guten Stunden durch eine andre gleiche, weniger anstrengende, dir mehr angemessene Tätigkeit, als jene ist, zu welcher dich dein Vater bestimmt, auf daß dir die müßige leere Zeit zum Nachdenken verschwinde, die dir nicht taugt und nie getaugt hat.

Mitten in dem Schreiben wurde er durch einen Seufzer im Nebenzimmer gestört; das regte ihn an, allerlei sanfte Nachtlieder anzustimmen; es klingelte im Nebenzimmer, er hörte eine weibliche Stimme; seine Lust an Abenteuern erwachte; er trat an die Türe und fragte mit einer nachgemachten Kellnerstimme: Was beliebt? – Eine alte Weiberstimme antwortete ihm: Bitt' er doch den Herrn im Nebenzimmer, daß er seine Nachtmusik bis morgen verspart, wenn wir fort sind. – Dies Abenteuer machte ihm ungemein viel Spaß; aber wie wurde er erschreckt, als er am Morgen vom echten Kellner die Namen seiner Nachbarn hörte; es war Maria Lenardo mit ihrer Mutter gewesen. Beide waren ganz früh mit dem Vater dem Brocken zugewandert. Kaum war der Kellner fort, so sprang er in sich wütend und tief gekränkt in das Nebenzimmer, alle verlassenen Reste ihres kurzen Daseins zu sammeln; sie mußte ganz ihm zunächst geschlafen haben, durch ein dünnes Brett geschieden; denn das andere Bette war nach der Gewohnheit älterer Leute hoch aufgestapelt mit Kissen. Er konnte es nicht lassen, er stürzte sich in das glückliche Bett, das sie umschlossen; es war noch erwärmt, und der Duft der Gesundheit erfüllte es ganz und immer tiefer drängte er sich in das Federbett, es schlägt über ihm zusammen, er sinkt in Wohlsein unter. Als er sich zusammengerafft, sich angezogen hatte, eilte er der Gesellschaft mit solcher Eile nach, daß er sie in drei Stunden schweißtriefend erreichte; er wollte sich erst als Fremdling ihnen vorstellen, um kein Vorurteil für sich und gegen sich zu erregen. In der schönen Gegend ließ er sich aber so frei aus, daß sein Geheimnis bald seinen Lippen entfiel, von Marien recht zart aufgenommen und mit einem Kranze für alles Verdienst zurückgegeben wurde, was er sich um ihren Bruder erworben. Die Mutter sorgte an einem Ruhepunkte für die Haushaltung aller, und Marie schenkte mit sorgsamen, freundlichen, fragenden Blicken den Tee ein; der Vater botanisierte nachher mit seiner Frau, die nichts davon verstand; Hollin ging mit Marien über Tal und Höhe so selig, daß er über die schöne Gegend kein Wort sagen konnte. Sie kamen bei sternklarem Himmel im neuen Brockenhause an, das wie der Mond am Berge zu ruhen geschienen, woraus ihnen aber Lenardo mit vollem Glase entgegentrat. Er neckte Schwester und Freund; der Vater stellte sich auch jung mit ihm, um sich vor seiner Frau auszuzeichnen. Lenardo brachte eine Zahl steifer Gesellen herein, die in ihren hohen Stiefeln beinahe Arm und Bein auf den Felsen gebrochen hatten; alle wußte er in Tätigkeit zu bringen, sie mußten mit seiner Schwester tanzen; auch Hollin legte seine Hand zum Walzer auf ihren schönen Rücken. Dann forderte Lenardo Hollin auf, seine Schwester zur Ruhe zu magnetisieren; das war dem Vater ein sehr willkommenes Experiment, und Hollin mußte sich anschicken, mit dem wundervollen Treiben des Bluts in der Nähe der Geliebten, in der ganzen Anspannung des geheimnisvollen Schwungs der magnetischen Bewegung über alle Schönheit zwischen Berührung und Nichtberührung hinzu schweben: der qualvollste Genuß in der ganzen Welt, fast wie aller Umgang zwischen Braut und Bräutigam, die zu vertraut sind, um sich Gewöhnliches zu sagen und sich nicht mehr erlauben dürfen. Einer meiner Freunde klagte mir einst in solchem Zustande, daß ihm von dem ewigen Lächeln dabei die Lippen wehe täten. Hollin lief gleich darauf ins Freie, während der Rat das Einschlafen der Tochter wissenschaftlich erklärte; er ging und stolperte über die Hexenaltäre und als er zurückkam, stand Maria in Nachtkleidern mit ihrem Munde gegen die Scheiben des Fensters gelehnt, zu tief in sich versenkt, um zu bemerken wie er still einen Kuß auf dieselbe Scheibe von außen drückte. Nachher stieg er zu den Studenten auf den Turm, und trank der deutschen Freiheit ein Lebehoch! Am Morgen früh auf, sah er Städte, Hügel, Ströme im Frühscheine durch das Wolkenmeer leise vordringen, sah die Grundsteine vieler Häuser rings, wo jetzt alles unbewohnt nur ein Schauplatz der Neugierde geworden ist, und er dachte sich ein Volk, das diese große Natur und ihre Beschwerden in täglicher Gewohnheit gebraucht, und fragte sich, ob wohl alle Künste zu dieser Herrschaft über die Natur wiederhinführen könnten? Ein scharfes Wehen am Himmel verkündete ihm die Nähe der Sonne, er nahte sich dem Hause und Maria trat mit einem Brockenstrauße hinaus. Er glaubte das alles gerade so und alles umher aus einem anderen Leben vorausgesehen zu haben; er sank in stiller Andacht vor ihr nieder und betete unbewußt. Sie berührte seine Stirne mit ihrer Hand, er sprang freudig auf, die Sonne jagte durchbrechend das Wolkenmeer vor sich fort, daß eine Welt in der Reinheit erster Schöpfung vor ihnen lag und als sie sich vom Glanze abwandten und hinter sich blickten, da sahen sie sich selbst in ungeheurer Größe auf den Wolken, daß sie in sich tief erschauderten. Der Rat und die Studenten, die beim Kaffee den Sonnenaufgang versäumt hatten, kamen dazu und freuten sich über die Lufterscheinung des sogenannten Brockengespenstes, wovon sie alle gehört hatten. Lenardo spielte eine lächerliche Tragödienszene als Schattenspiel in den Wolken. – Da Hollin bald enger mit Marien verbunden wird, so scheint es nötig Ihre frühere Geschichte zu charakterisieren. Nie gab es ein ergebneres Mädchen: der Ausdruck läßt sich durch keinen andern erklären; sie setzte sich allen nach und wo sie liebte, wußte sie nichts Höheres, als ganz demütig zu dienen, den leisesten Wünschen des Geliebten ohne Überlegung und Rücksicht entgegen zu kommen. Schon ihre Kinderfrau sagte ihr deswegen, sie werde noch viel Not erleben; mit gleicher Ergebenheit liebte sie Mutter, Bruder, und Vater, so streitig jene drei unter einander waren; jedem tat sie einzeln wohl, schmeichelte und half jedem; waren sie beisammen, dann ging ihre Verlegenheit an, die ein sehr verschlossenes Leben in ihr hervorgebracht hatte. Unserm Hollin fühlte sie sich eigen, noch ehe sie ihn gesehen und seit der Zeit war ihr stetes Bemühen, ihm das zu beweisen, doch lange vergeblich, da seine Bescheidenheit sich solch eine Eroberung nicht beizumessen wagte. Aber sie reisten jetzt weiter mit einander, waren oft allein, durchkrochen die Bielshöhle zusammen, und verstanden sich ohne einander etwas Bestimmtes gesagt zu haben; alles war abgemacht, doch mußte alles geheim gehalten werden, weil Hollin ohne Amt in den Augen des Vaters für keinen Freier gelten konnte. Bald sollte auch der ganz offenen Freundschaft gegen Odoardo ein Geheimnis aus dieser Liebe werden, denn die Liebe hat höhere Geheimnisse. Maria verweilte einige Zeit mit ihren Eltern bei Freunden in der Nähe von Blankenburg; um Marien desto ungestörter allein zu sehen, nahm er von den Eltern Abschied und versteckte sich in der Nähe in einer öden Försterhütte unter den angenommenen Namen eines bekannten Malers, und als er die erste Nacht weit entfernt von ihr schlief, träumte er die ganze Nacht, er liege verkehrt in seinem Bette. Maria ging oft allein aus, dies fiel niemand auf; an einem der schönsten Morgen traf sie mit dem Geliebten zusammen auf dem Wege nach der Roßtrappe; sie gestützt auf ihn, er umschlungen von ihr, so strichen sie in leisem Geflüster durch das dichte Buchengebüsch; es war Sonntag und niemand begegnete ihnen. Auf einmal wurde es hell über ihnen, sie taten aufjauchzend noch einige Schritte und standen dann auf der Spitze der Granitwand, die schroff aufgerichtet steht zwischen dem Toben und Blühen freier Natur im eingeschlossenen grünen Tale, von Wasserfällen durchschnitten und zwischen dem gesetzten Wirken der Menschen, von welchem das dumpfe gleiche Stoßen des Eisenhammers an der andern Seite entgegenschallte. Und sie gedachten mit Rührung der schönen Königstochter, die von einem verhaßten Freier verfolgt ihr Roß mutig über den Abgrund spornte und ihm entkam. Noch war der Tritt des Rosses im Felsen zu sehen; der Regen hatte den Eindruck erfüllt und Maria ließ eine Träne dabei fallen; auch sie erwartete bei ihrer Rückkehr ein verhaßter reicher Freier und sie fühlte nicht Kraft in sich, den Bitten von Vater und Mutter zu widerstehen. Erst hier erfuhr Hollin diesen geheimen Kummer, der in den festen Schranken bürgerlicher Ordnung und Weltsitte ihr schönes Leben aufzehren wollte. Zu uns! deutete ihnen das Rauschen des Baches unter ihnen, die tiefe Klarheit des Tals, das dichte Grün, die Stimmen der Vögel in ihrer Sicherheit: ergebt euch der Natur mit aller ihrer Schönheit in allen ihren Schrecken; hier unten lieget die goldne Krone der schönen Königstochter, die ihr im raschen Sprunge vom Haupte fiel, euch ists bestimmt sie zu finden, die lange aufgegeben ist. Ich steige hinab, sagte Hollin, und will da einsam mein Leben beschließen, wenn du mir nicht folgst Maria. – Und so stieg er rasch voran, und bezeichnete ihr die Stufen und sie folgte ihm wie eine junge Gemse der alten, so kindlich ergeben und treu in der Gefahr nach. Und wie sie unten ins Tal kamen, da schien ihnen alle Welt anders, sie glaubten sich im Paradiese und die einzigen Menschen auf Erden; sie lagerten sich unter einer Laube, wo ein Reh aufgesprungen war; die Schranken des Lebens öffneten sich, er fand und raubte die Mirtenkrone, der ewige Bund wurde geschlossen. Sie waren eins, aber dieses Einssein war ihr Alles; sie hatten die Welt vergessen, auf der sie so sanft ruhten, den Himmel, der sie so mild gedeckt hatte und der nun furchtbar schwarz über ihnen gewitterte und seine Regenschauer sandte. Mit Anstrengung aller Kraft brachte Hollin die Halbohnmächtige nach Hause; der Liebe Leben währt ewig, rief er ihr scheidend; sie konnte in diesem Ungewitter leicht einen Grund ihrer verzögerten Rückkehr angeben. Sie kehrte noch mehrmals zu ihm zurück, so lange die guten Tage dauern wollten, und doch kam endlich der schwere letzte Tag, wo Hollin ihr nochmals unwandelbare Treue gelobte und ernstes Bestreben nach einem bürgerlichen Unterkommen. Als Hollin nun nach der Universität zurückkehrte war es Nacht; einzelne Lichtfenster blickten im Tale, die Türme sahen finster über die dunkle Häusermasse hinaus, das Wasser unter ihm glänzte und rauschte über das Wehr, Gesang schallte an einer Seite; im Ganzen herrschte tiefe Ruhe und keiner dachte seiner. Und da grauete ihm, wie er dachte, daß andre noch Lust am Leben bewahren könnten, die nicht lebten wie er; er fragte sich, womit er dies Glück vor allen andern verdiene. Alles schwieg umher, auch zwei Nachtigallen, die bis dahin wetteifernd geschlagen; ihm war, als hätten sie sich tot gesungen, weil nichts ihr Glück ganz sagen und verkünden könne. – Bald eilte er von der Universität nach der Hauptstadt; die bürgerliche Ordnung, die er erst kühn gebrochen, suchte er jetzt auf, um darin Schutz, Unterhalt und Ruhe für sein Glück zu finden. Er gefiel allgemein; seine Kenntnisse waren eben so gründlich als mitteilbar; der Strom der Gesellschaft erfaßte ihn von allen Seiten und er spielte mit jeder Welle, denn alles war ihm neu und er trauete jeder.

Sie erinnern sich, daß eine Bekannte von Marien sie damals auf der Insel begleitete, wo Hollin sie so unhöflich abgewiesen hatte; dieses Mädchen deren Namen ich verschweige, die häßlich und boshaft, dennoch das Vertrauen von Marien gewonnen hatte, hielt sich in der Hauptstadt auf, und wurde von Marien erwählt, den geheimen Briefwechsel zu bestellen. Sie haßte Hollin seit jenem Tage, und nun hörte sie in dem gemeinen Stadtgeschwätze, wie er verschiedene sehr verdächtige Frauen besuche, wie er mit verschiedenen Mädchen versprochen sei; darum hielt sie die ersten Briefe Mariens zurück, und berichtete ihr alles so bedenklich, daß Maria sich nicht trauete, wieder zu schreiben. Hollin ohne allen bösen Willen und Absicht, in aller schlechten Gesellschaft rein und einzig mit seiner Marie beschäftigt, konnte dieses Stillschweigen nicht begreifen. Mariens Freundin leugnete ihm alle Aufträge ab, Briefe an sie zu bestellen. Endlich schrieb er an Odoardo, er möchte ihm doch von Marien Nachricht geben. Odoardo suchte mit großer Feinheit Bekanntschaft, fand nie eine gute Gelegenheit, mit Vorsicht sich zu erklären, und konnte ihm weiter nichts schreiben, als was die Stadt wußte, daß die Heirat Mariens mit dem reichen Kaufmanne rückgängig geworden; dabei warnte er seinen Freund, keiner flüchtig feurigen Gewalt eines Frühlingsaugenblickes über seine ganze Zukunft die Zügel zu geben. Maria sei kein Weib für ihn; sein umfassender Geist würde ihres kleinen häuslichen Kreises bald überdrüssig sein; die Schönheit werde bei einer gewissen Geistesbeschränkung undenklich verhaßt. – Hollin lachte des Briefes; er kannte seine Marie besser; aber der Brief verschloß ihn gegen den Freund, sein Urteil schien ihm hochmütig; ließ er aber seine Empfindlichkeit aus, so konnte jener das Geheimnis erraten, das er ihm mit Mühe verbarg. Er schob seinen Brief auf, bis eine Krankheit, die er rettend bei einer großen Feuersbrunst sich zugezogen, ihn längere Zeit dazu unfähig machte. Kaum war er so weit genesen, so schrieb er in erster Freude dem Freunde; die Versündigung an Marien verwies er ihm mit wenigen Worten; dann erzählte er ihm seine Krankheit ausführlich, insbesondre einen schweren Traum der ihn sehr gequält. Bald sah ich viele Erscheinungen umher, schreibt er: Maria in einem schwarzen Kleide, eine Königskrone auf dem Haupte, trat weinend zu mir und legte eine warme Hand auf meine Stirn; du warfest dich schmerzlich bei mir nieder, es standen viele alte Krieger umher, man trug mich fort; die Leichenfrau war mit mir beschäftigt; ich sah mich selbst, wie ich in dem schwarzen Sarge mit zinnernen Griffen lag. Da schoß es mir urplötzlich in den Sinn: aber ich sähe ja das alles, wie könne ich tot sein; ich schauderte vor dem Gedanken, lebend begraben zu werden; ich wollte den Trauernden umher mein Leben kund tun. Aber keinen Arm konnte ich heben, mein Mund war geschlossen, nur mit den starren Augen blickte ich, um Schonung von euch zu fordern. Da kam Marie und drückte auch diese Augen mir zu und ließ eine Träne darauf fallen. Ich fühlte ihren Schmerz und den meinen, sie zu verlassen; ich konnte euch und mich nicht mehr retten; der Sargdeckel wurde zugeschlagen, die Träger hoben mich, die Schüler sangen: Ach wie herrlich, ach wie labend ist nach einem heißen Tage, solch ein schöner kühler Abend; das Geläut der Glocken klang durch und das Weinen der Lieben, die mich begleiteten. Da sammelte ich meine letzte Kraft, euch ein Zeichen meines Lebens zu geben und erwachte zum Genesen. – Mariens Freundin war unterdessen beschäftigt gewesen, ihr jede Stunde zu verkümmern, von ihr erfuhr sie, er sei durch Ausschweifungen gefährlich krank; eine sehr verrufene Frau pflege sein. Dieser Pflege, es ist wahr, dankte er sein Leben; aber diese Pflege war bloß Folge jener Güte, die fast das Einzige Löbliche ist, wozu der Sinn durch ein leichtsinniges Hingeben geweckt wird; der herrliche Mann tat ihr leid, ob sie ihn gleich nie näher gekannt hatte. Sie wissen noch nicht, in welchem Grade Marie aus dem Himmel ihrer Liebe gestoßen, auch in allen andern Verhältnissen durch die falschen Nachrichten der Freundin unglücklich wurde; sie wissen nicht, was Marie sich und der ganzen Welt gern verheimlicht hätte, das sie in wenig Monaten von den Folgen jener schönen Besuche im einsamen Gebürge entbunden werden sollte, die jetzt ihr Inneres doppelt zerrissen. Lenardo quälte sie dabei mit einem besonderen Ansinnen; er hatte die eben erschienene Maria Stuart Schillers so lieb gewonnen und den Vater ganz auf seine Seite gebracht, daß dieses Trauerspiel zu einem Geburtstage der Mutter in ihrem Hause aufgeführt werden solle, und daß Maria die Hauptrolle übernehmen müsse. Er schrieb an Hollin, daß er ihm auf dem Krankenlager nach der Verwundung versprochen, ihm einmal einen Dienst zu leisten, insofern er seinen Kräften angemessen; nun sei niemand in G... der den Mortimer machen könne und niemand in der Welt, der ihn besser machen könne als Hollin, er möchte sich also dazu einfinden. Hollin kam die Einladung sehr gelegen; er war denselben Morgen als Bergrat angestellt worden; er konnte jetzt, bei dem Besitze von dem eignen Vermögen, eine Frau ernähren; gleich schrieb er an Lenardo, er komme gewiß, aber erst am Tage der Aufführung; er müsse ganz geheim halten, wer die Rolle übernommen; er selbst könne sie leicht in den Proben spielen und für die Kleider wolle er selbst sorgen. – Seinem Odoardo meldete er seine Versorgung und seine Ankunft und bat ihn Marien davon zu benachrichtigen; den letzteren Brief legte er in jenen. – Lenardo war zu erfreut über das Gelingen seines Planes, um den Brief an seinen Freund richtig zu bestellen, erst am Morgen der Aufführung fand er ihn in einer Tasche und gab ihn dem Odoardo, der den Leicester im Stücke recht brav probierte. Odoardo fand in seinem Briefe einen andern an Maria eingeschlossen; er fand keine Gelegenheit ihn während der Probe abzugeben und wollte ihr nachher einen Besuch machen.

Hollin hatte unterdessen die Reise mit unglaublicher Ungeduld zurückgelegt; er kam in der Nacht in einem Wirtshause zu G... an. Hier am Ziele seiner Wünsche scheint ihn die erste Unentschlossenheit angewandelt zu haben, die erste Besorgnis über Mariens Schweigen, das er bis dahin der strengen Bewachung der Ihren zugeschrieben hatte, man fand in seinem Taschenbuche aufgeschrieben: Maria, als mein Arm zuerst dich umfing, spielte die Natur zu unserm Tanz eine fröhliche Weise; Blumen sproßten unter deinem Tritte, die Vögel liebkosten dich mit süßen Klängen. Die Blumen sind verblüht, die Vögel hinweggezogen, der kalte Herbstwind kräuselt mit dürrem Laube den Staub des Bodens. Noch in eben dem Tanze bebt, pocht mein Herz bei dem leisesten Anhauche deiner Erinnerung, sein Frühling ist nicht entschwunden, nicht seine Blüten. Bist du es noch Hochgeliebte, die wie ehemals meiner wartet; süße Liebe, hättest du nur ein Wort zur Antwort mir geschrieben, nur ein Angedenken jener Zeit, ein Tannensträußchen mir gesandt, ich wäre nicht einsam allein so nahe dir: doch ich war ja immer dir nahe und selbst dein Schweigen war mir lieb.

Nach Endigung der Probe ging Marie auf ihr Zimmer und fand einen Brief von der boshaften Freundin, die ihr Hollins Anstellung und seine nahe Abreise anzeigte; man glaube, er hole sich eine Frau aus der Gegend, wer aber diese Glückliche sei bei den vielen, denen er Hof gemacht, sei schwer zu bestimmen. – Mariens erste Empfindung war, das sei gelogen; aber dann ergriff sie eine Angst, Rache härtete sie; mit aller Heftigkeit der gemißhandelten Liebe wollte sie ihm schreiben, sie wollte aller Welt ihre Liebe und ihre Schande bekennen. In dem Augenblicke trat Hollin herein, der sich bei einem Untermieter im Hause ein Zimmer schon frühmorgens zu verschaffen gewußt hatte – er sieht sie und stürzt sprachlos in ihre Arme. Sie dreht sich in einem Gemische aus Zorn und Liebe von ihm weg; sie drückt ihn sanft von sich. In diesem Wegwenden fühlt er unschuldig die Qual der Verdammten, von denen Gott sein Angesicht gekehrt; halb erstickt ruft er: Maria, du wendest dich von mir, bist nicht mehr ganz mein? nur ein Wort, ein Blick bei aller Liebe, die uns einte, bei aller heilgen Treue, du bist mein! – Treue, Liebe! rief sie, das ist vorbei, ganz vorbei; wie hast du mich so berauben können um beide, und sie nachher der Welt Preis gegeben; fort, deine Nähe quält mich mehr als ewige Entfernung von dir; wie warst du anders sonst, wie war alles anders! Was sollte er sagen; es gibt Augenblicke, wo man glaubt, die Welt habe eine andre Sprache gelernt, oder man habe die eigne vergessen; er stammelte unzusammenhängende Worte von Angedenken und Seligkeit; sie sagte mit den ersten Tränen, die sich in ihren Augen gesammelt hatten: Wohl bleibt mir ein Angedenken unsrer Liebe, der Schmerz! – Jetzt hörte sie im Gange vor der Türe einige lauten Fußtritte; sie rief: Um meiner Ruhe willen fort, fort, mein Vater kommt! – Sie drängte Hollin mit Angst, mehr aus einer unwillkürlichen Scheu, als aus Überlegung nach der Türe. – Elende! sagte er leise im Abgehen und ging nach dem Zimmer im Unterstocke in einem wunderbar schmerzlich träumenden Zustande, wie ein Opfertier, das der Schlag, der es niederstrecken sollte, nur betäubt hatte. So saß er auf einem Stuhle betäubt und einsam; während Odoardo, denn der war es, sich vorsichtig dem Zimmer Mariens genähert und im dunklen Gange den, nach der andern Seite eilenden Freund nicht erkannt hatte. Die mitgebrachten Briefe und Nachrichten erweckten in ihr eine Freude, an die sie nicht glauben wollte. Sie mußte ihm ganz laut den Schluß von Hollins Brief lesen: dir bringe ich dasselbe liebende Herz zurück, welches in den herrlichsten Tagen meines Lebens mein ganzes Wesen erfüllte, das deine Liebe mir gewonnen. Maria, die Erinnerung der blitzschnellen Stunde im Harze erfüllt mich ganz; bald liebes Lebenswunder werde ich dich umfangen, dich küssen im fremden Namen, aber dich nicht mein nennen. Du wirst mich zurückstoßen. Sei nur recht hart zurückstoßend, weiches Herz, verbirg dich im Königsschmucke, du Schönste ohne Schmuck und Kleid, damit ich nicht taumle und des ganzen Lebens Wonne in der gedoppelten Liebe der Kunst und der Natur, allen zur Schau an mich reiße. Du verstehst mich noch nicht Herzenskündige; Odoardo wird dir alles alles erklären; ich kann jetzt nicht, die Hand bebt mir von Lust. In neun Tagen bin ich bei dir; eine Ringmauer umfaßt uns, aber nicht ein Bett; Fräulein Lenardo bist du und ich Herr Hollin; die Lichter sind angezündet, der Vorhang rauscht auf; warum trauerst du Maria Stuart, hat dir die Liebe nichts verraten, kein Traum, keine Ahndung dich umstrahlet; der Retter ist dir nah, wie freudig will er für dich sterben, wie selig mit dir leben! Wie soll ich meinen Augen trauen? der harte böse Neffe Paulets, der Mortimer ist mein Hollin! Eilende Wolken! Segler der Lüfte, wer mit euch wanderte, mit euch schiffte.

 

Dieses laute Vorlesen hatte Odoardo ein Vertrauen geschenkt, wozu er sonst nach seiner rückhaltenden Art schwerlich gelangt wäre. Maria erzählte ihm jetzt, welche Nachrichten sie von Hollin durch eine Freundin empfangen; erzählte ihm von des Freundes Ankunft. Odoardo freudig dieser Ankunft, schwor ihr bei allen Heiligen, die bösen Gerüchte seien falsche Verleumdung, alles sei Mißverständnis und lasse sich leicht heben; er eile Hollin aufzusuchen um ihn zu versöhnen. Der ungeheure Wechsel von Schmerz in Freude nahm ihr wie den lange Eingekerkerten bei der Rückkehr an die freie Luft Atem und Besinnung; sie fiel sprachlos und bewußtlos in Odoardos Arme. In diesem Augenblicke eröffnete Hollin, der sich noch zu einem Versuche entschlossen, alles Rätselhafte in der Geschichte aufzuklären, ganz leise die Türe; Odoardo war ängstlich beschäftigt seine schöne Bürde zu ermuntern, er achtete nicht des Geräusches. Hollin starrte, wandte sich um, eilte fort und ließ die Türe offen, deren frischer Luftstrom die Ohnmächtige erweckte. Odoardo eilte jetzt Marien alle Briefe Hollins zu bringen, wo er von seinem Umgange mit allen den Weibern so offen, so wahr, so unschuldig schrieb, daß sie innig von seiner Treue überzeugt wurde; ihre Freude war das letzte Aufleben, die Eßlust eines Todkranken. Dann eilte Odoardo in alle Wirtshäuser, seinen Freund aufzusuchen; wo er wohnte, war er unter fremden Namen aufgeschrieben, und wie wir wissen hatte er schon seit dem Morgen das Wirtshaus verlassen. Odoardo ahndete ein Unglück, aber er durchstrich die Stadt vergebens; er begegnete Hollin nirgends.

Hollin scheint indessen weit umhergewesen zu sein, sich an den verschiedensten Orten einen Ruheplatz zu suchen, wo er sich schreibend zu sammeln bemüht war; was sollte er tun? die überall abgerissene Schrift in seinem Taschenbuch zeigte, daß er nirgends mit sich abschließen konnte. Wahrscheinlich nachdem er die Litanei in einer Kirche gehört schrieb er hinein:

Kirie Eleison, Christe Eleison, ich habe euch vergeben, Halleluja dem Allerbarmer, er hat die fressende Wut eingedämmt. – Buhlerin, wie du so leichtsinnig mit mir fromme alte Sitte gebrochen, so leicht wurde es dir auch mit andern; wie du deine Eltern betrogst, so betrogst du mich.

Mußte ich dich so wiederfinden, Odoardo, liebster Freund, ärgster Feind in den schändlichen Armen. Odoardo du bist unschuldig; eine Umarmung von ihr ist reicher wie der Himmel. Noch einmal will ich sie sehen, sie umarmen, dann fort, fort, über Land und Meer.

 

Die Zeit der Aufführung kam heran, die Zuhörer sammelten sich. Maria ohne Argwohn kleidete sich fröhlich an; Odoardo vermied es, ihr seine Besorgnisse mitzuteilen. Es begann eine rührende Symphonie, als Hollin unbemerkt im Dunkel in sein gemietetes Zimmer zurückkam und ohne Beihülfe andrer seine Theaterkleider anlegte. Wahrscheinlich während dieser Musik schrieb er zu seiner Beruhigung in die Schreibtafel. ... Was es für Töne sein mögen, die aus dem Innern hervordringend den Schmerz des unruhigen Lebens übertönen? Nicht von außen kommen sie mir, es ist die Trauermusik vor einem Toten. Zuerst der Posaunenklang, in welchem die großen Orgelgeister erwachen, wie sie allmächtig die Kirchenwände erschüttern, daß die Betglocke leise anschlägt. In diesen lustwandeln Oboen und Klarinetten; es schallen munter Geigen und Zimbeln dazwischen. Da erschallt die erste geweckte Menschenbrust und schwebt im Gesange empor getragen, aber der Atem geht ihr aus. Wie du so einsam trauerst, Maria, Mutter Gottes um den verratenen Sohn; kann denn dein Sohn nicht mehr trauern, daß du ihn geboren! Warum durchbricht so selten der Strahl des Auferstandenen diese dunklen Fenster? – Es ist tiefe Nacht übers ganze Land ausgegossen. Da muß ich in der Finsternis an die blöden Augen schlagen; ich sehe dann funkelndes Morgenlicht. – Sieh wie die Mauern erbeben, Strahlen auf und nieder schweben, Kindlein mit goldnen Flüglein auf der Leiter herniedersteigen, die Himmelsscharen sich freundlich beugen, Luft, Luft, es öffnet sich jede Gruft, Mariens Auge die Himmelsbläue durchbricht; freudig Erbeben, seliges Leben, ewiges Licht.

 

Lenardo hatte indessen mit unglaublicher Ungeduld nach allen Seiten umgeblickt, ob Hollin nicht komme und als der Vorhang aufging, selbst ein Kleid angelegt, das der Rolle bestimmt war.

Maria rührte durch ihr Elend als Stuart ungemein; sie war so ruhig, war so gewiß, daß Hollin seine Rolle spielen werde und wirklich trat er unerwartet zu dem Auftritte heraus, wo er sich ihr als treuester Freund offenbaren sollte. Unser Freund, durch die Schönheit seines kräftigen Baues, durch den vorteilhaften alten Anzug gehoben, erregte allgemeines Aufsehen; das Rollen seiner Augen wurde als erste Theaterverwirrung aufgenommen, man machte ihm mit Händeklatschen Mut, und Lenardo sprang triumphierend ins Parterre um den Dank für seinen Scherz in Empfang zu nehmen. Auch Maria war bei seinem Anblicken selig erstaunt, doch gewannen beide bald genug Geistesfreiheit, um ihre Rolle auszuspielen. Mit überirdischer Heiligkeit sprach er die Rede, von der hohen Wirkung des großen Kirchenfestes. Hollin schien nur gekommen, Marien noch einmal, zum letztenmal zu sehen, und nun sah er sie in aller Schönheit, in allem Glanze, mit dem ganzen Zauber der Kunst; er fühlte erst jetzt alles Treffende seiner Rolle auf sich; er glaubte eine höhere Macht in diesem wunderbaren Zufalle und überließ sich ihrer bösen Gewalt. – Am Schlusse seines Auftrittes verschwand er; Odoardo wollte ihm nach, aber Lenardo stellte sich vor ihn und hinderte es, weil Hollin ihm geschrieben, er bäte sich aus, ihn während der Vorstellung gegen alle Anreden zu schützen; er habe die Rolle so schnell gelernt, daß er jede Pause zum Wiederholen strenge benutzen müsse. – In dieser Zwischenpause scheint er das Folgende in sein Taschenbuch geschrieben zu haben: So ruhig heilig traurig konntest du vor mir erscheinen, Maria, meinen Blick ertragen? – Du spielst im Leben auch zur Schau! – Mir ward in deinem Blick so weh und bang; die Engel und die Teufel alle, sie schienen, von dir loszulassen, mich zu umdrängen, mich zu fassen, die Liebe und die Rache rangen auf, die Allmacht riß mich fort: Soll durch den Tod sich Liebe lohnen, muß Liebe in dem Tode wohnen! – Die Sterne gehn in ewger Nacht, sie drängen unaufhaltsam fort, sie schweben in einem engen Raume; das Leben kämpft und erlöscht im Leben; bald ist die Bühne voll, es freuen alle sich des vielen Glänzens; die eine Bahn von Ost nach West strebt jeder zu durchlaufen; sie wollen alle sich ersticken – verzweifelnd bricht dem Helden nun das Herz, der seine Bahn an ihre Bahn geknüpft. Wohl dann, bin ich kein Held, ich sterbe doch als Held! ich opfre mich, weil ich nichts anderes zu opfern hier vermag. Auf ewig soll ich von euch scheiden. Noch einmal will ich ihn, den Saum des strahlenden Gewandes, küssen, das deinen Mond Maria blau umflattert; noch einmal streb ich mich, dem Ring der Kette anzuschließen, die mich so lange hat umschlossen. Der Ring zerspringt; es klingt der laute Beifallsjubel der künstlerischen Freunde; Verzweiflung packt mich Wut reißt geißelnd mich durch Meeresflut. Ha Kunst, du hast gesiegt! Jetzt wirft mich Nordwind auf die öde Felsenspitze; gefesselt lieg ich und kann nichts erfassen; es schimmern über mir die kalten Morgennebel und die Gestaltung all ist fern. Noch liebevoll geb ich den welkigen Gestalten Namen; schließ Freundschaftsbündnis mit den dunklen Armen, deren schwarzer Ring durch alle Winde standhaft kämpft; da mein ich schon, ich find ihn wieder den verlornen Ring; ich faß nach ihm mit beiden Armen, da schleudert er des Blitzstrahls zackig rollende Schlangen auf mich herab. Ich leb nicht mehr, da hallts im Widerhall der Felsen: Soll durch den Tod die Liebe lohnen, wird Liebe in dem Tode wohnen......

 

Das verstehe ich nicht, unterbrach die Gräfin den Erzähler. Den Grafen mußte heut alles ärgern, auch das fühllose Unterbrechen der Erzählung. Es ist ja so klar: er zeigt durch den verhängnisvollen schwarzen Gewitterring die neue unechte Verbindung an, die zwischen ihm und Maria im Schauspiele dargestellt wird.

 

..... Sie erinnern sich wohl, daß Mortimer in seiner Liebe zu Maria Stuart einen glücklichen aber elenden Nebenbuhler an Leicester hat, den Odoardo spielte; Leicester wünscht Maria zu retten doch ohne eigne Aufopferung; er hat den Mortimer in Verdacht, daß er gegen Marien kundschafte, Mortimer gegen ihn; eine Unterredung voll gegenseitigem Mißtrauens konnte Hollin nicht ohne Bitterkeit ausführen. Odoardo wurde beklommen und wußte nicht warum; wäre er festeren Entschlusses gewesen, er hätte Hollin aufgesucht, als er eben in seinem Zimmer geschrieben:

Gott segne euch mit allem, was ihr liebt! erleuchte euch nimmer, daß ihr eure Fehler nicht seht, behüte euch vor jeder Erinnerung an mich in alle Ewigkeit!

 

Nun begann der dritte Akt des erregenden Spiels mit aller seiner Schönheit. Maria übertraf alle Erwartung. Nach der unseligen Unterredung mit Elisabeth, trat unser Mortimer mit Heftigkeit auf; er schien mit dem Leben zu ringen, als er ausrief:

Was ist mir alles Leben gegen dich
Und meine Liebe. Eh ich dir entsage,
Eh nahe sich das Ende aller Tage.

Maria rief wie aus eigner Seele: Gott welche Sprache Herr, und welche Blicke! – Und wie er sie umarmte und wie sie ihn zurück stieß: es ist unwiderstehlig wahr und reizend gewesen. Mit welcher Gewalt warf er einen Sessel, der sie beide trennte, in die Kulissen. Was ist alle andre Schauspielkunst gegen die schreckliche Wahrheit solcher Darstellung. Alle waren beklommen, es schien etwas Grausenvolles sich zu entwickeln; keiner wagte es, zum Nachbar zu sprechen; allen klopfte das Herz. Maria fühlte sich so heiter in ihrer Rolle, weil sie dadurch vom ersten liebevollen Kusse wieder beschenkt worden. In der Zwischenzeit bis zum letzten Auftritte blieb Hollin so weit in der Kulisse vorstehen, daß niemand mit ihm reden konnte. Nun kam die Unterredung zwischen ihm und Leicester: der schreckliche Verrat des letzteren; sein Edelmut zog unwiderstehlich aller Menschen Neigung zu ihm hin. Mit welcher Verachtung wendete sich Hollin zu der Wache, die ihn fesseln will. »Was willst du, feiler Sklav der Tirannei, Ich spotte deiner, ich bin frei.« Wie geschickt erwehrte er sich der Eindringenden und rief dann: Geliebte, nicht erretten kann ich dich, so will ich dir ein männlich Beispiel geben. Maria, Heilge bitt für mich und nimm mich zu dir in dein himmlisch Leben. – Bei diesen Worten durchsucht sich Mortimer mit dem Dolche. – Laut riefen alle Beifall, riefen Bravo; da ruft einer aus der Wache, der ihn aufheben will: Jesus, er zuckt fürchterlich und ist voll Blut. Entsetzen überfällt alle, lähmt alle; nur Maria in dem glücklichen Wahne, alles sei nur Täuschung, wagt es hinzublicken. Hollin winkte ihr sich zu nähern und sagte fest: Meine Augenblicke sind wenige, täuschende Kunst hat mich hingerafft; Odoardo wird für dich sorgen, bleibe ihm treu! – Odoardo hielt den Dolch fest, den Hollin bei diesen Worten aus der Wunde reißen wollte, er sah als geschickter Chirurge, daß er dann im Augenblicke sterbe; wer will seinen Schmerz als Freund dabei fühlen, fast fürchten wir uns vor der Stärke des eignen Mitgefühles. Maria erwachte aus der ersten Betäubung, die sie neben ihm hingestreckt; sie beschwor ihn, für Sie, für sein Kind unter ihrem Herzen zu leben; die Wunde schien nicht gefährlich; es entwickelte sich der ganze schreckliche Irrtum, der ihn verwirrt hatte; seine Liebe und Freundschaft kehrten aus der Ewigkeit zurück, wohin er sie schon verbannt hatte. Er ließ den Vorhang niederziehen, ließ alle Fremden entfernen, flehete bei Mariens Vater um Verzeihung, daß er die heiligen Rechte bürgerlicher Ordnung und göttlicher Einsetzung leichtsinnig gebrochen; er wollte sich ihrer guten Folgen für Marie und ihr Kind nach seinem Tode noch erfreuen, ihnen sein Vermögen sichern. Ein Geistlicher, mit Hintansetzung einiger Bedenklichkeit, trauete ihn mit der bewußtlosen Maria durch die einfachen Worte: Was Gott zusammenfügt soll der Mensch nicht trennen. Amen sagten alle! Hollin rief aber: Ich habe es doch getan, Odoardo, edler Freund, sorge für sie – der Liebe Leben – ewig! Bei diesen Worten zog er den Dolch aus seiner Wunde; das Blut strömte heftig, sein Kopf sank nieder, er war tot.

Marie drückte ihm in der schrecklichen Fühllosigkeit des unsäglichen Schmerzes die Augen zu. Odoardo mußte sie gewaltsam von der Leiche wegreißen. Er grub seinem Freunde ein Grab außerhalb der Kirchhofsmauer im Flugsande. Maria starb eine Woche später in der frühzeitigen Geburt mit dem Kinde zugleich. Auch sie begrub er außer der Kirchhofsmauer neben ihm, und das Kind zwischen ihnen und alle Rosen und andre Erinnerungen ihrer Liebe. Nachdem er alles, was er liebte, begraben, ging er in ein Kloster. Sein böses Schicksal ging nicht mit ihm ein; er verlor Gedächtnis und Erinnerung, wurde froh wie ein Kind und las oft lächelnd die Briefe seines Freundes. als sei es ihm eine fremde Geschichte.

 

Bei den letzten Worten dieser Erzählung des Grafen stand der Prediger auf, entfernte sich langsam, indem er einen offenen Gang hinunterschritt. Die Gräfin sah ihm nach, lachte und fragte. Er ist es doch wohl nicht gar selber, dieser Odoardo? – Ehre den Schmerz, antwortete der Graf. – Ich weiß nicht, wie du mir heute vorkommst, meinte die Gräfin, ganz anders wie sonst; ich bin meiner Natur gemäß lustig, hasse alle elende Sentimentalität; es tut mir leid, daß Herr Hollin gestorben; könnte ich ihn retten, so tät ich's, aber den schönen Nachmittag soll er mir nicht verleiden. Der Graf ging dem Prediger nach und brachte ihn sehr bald ganz ruhig und gefaßt zurück. Die Gräfin fragte ihn; da er den Ehestand so lebhaft verteidige, so müsse er wahrscheinlich recht glücklich verheiratet sein. – Ich bin nicht verheiratet, antwortete er, aber ich bin versprochen, muß aber noch 6 Jahre auf meine Vermählung warten, und wer weiß, ob dann noch etwas daraus wird. Mein Leben ist sonderbar, aber vorwurfsfrei; ein Kind von zehn Jahren, das Kind eines armen Handwerkers, gewann als ich noch Hofmeister war, meine ganze Zuneigung: noch weiß sie nichts davon; sie ehrt mich als Wohltäter und ihr liebes bedeutendes Gesicht senkt sich oft demütig zum Handkusse, während es mein ganzes Wesen beherrscht. Ich bin meiner selbst gewaltig; ich bin gewiß, daß ich dem lieben Mädchen nichts von meinem Wohlwollen entziehe; sie mag mich oder einen andern in rechter Zeit erwählen, ihre Neigung mag sie frei erklären, nie soll ein Vorwurf von mir sie bestimmen; in dieser Überzeugung trage ich keine Scheu, meine Leidenschaft zu bekennen; nur ihre Verheimlichung gegen andre würde sie zum Verbrechen machen. – Aber lieber Herr Prediger, ist es ihnen nicht drückend, so lange ganz allein zu wirtschaften, die Hoffnung auf Kinder so weit hinaus zu setzen? fragte der Graf. – Mein werter Graf, von meinem Pfarrhause seh ich die Wohnung eines katholischen Pfarrers, ihres Predigers; der Mann hat für sein ganzes Leben all den Freuden entsagen können, um seinem heiligen Willen zu folgen, und ich könnte nicht einmal sechs Jahre aufopfern, der Mensch kann sehr viel, was unserm weichligen Zeitalter unmöglich scheint; der Krieg hat gar manchem diese Wahrheit bewiesen und die Bekanntschaft mit Indien, die sich jetzt so allgemein verbreitet, führt denselben Beweis für die mögliche Aufopferung aller Kräfte zu einem heilig verpflichteten Dienste. Kinder fehlen mir nicht, ich habe deren viele, ohne die gute Sitte zu verletzen; mir ist eine wunderbare Kraft verliehen, die mir ganz bewußt ist; wo ich glückliche Ehen sehe, die der Kinder ermangeln, da blicke ich die Frauen an und erfülle sie mit guter Hoffnung; diese Wirkung ist in mir ohne alle sündliche Neigung; ja meist mir ganz unbewußt geschieht diese geistige Durchdringung. Lachen sie nicht gnädige Gräfin, wer weiß ob sie selbst mir nicht Zeugnis ablegen müssen. – Der Graf fand den Scherz nicht ganz angenehm; die Gräfin dagegen ließ sich in lustige Betrachtungen über die wunderlichen Verwandtschaften ein, die aus solchen geistigen Blicken entständen; sie erklärte Leidenschaften und Freundschaften, die oft eben so plötzlich als überraschend sind, aus solcher geistigen Verwandtschaft. Der Prediger gab ihr recht und fügte noch hinzu, daß gerade darin das Tiefergreifende dieser gleichen Liebe in Unschuld und Jahren, und dieses Wunsches liege, der sicher jedem bei Hollins Schicksale erwacht, ihn retten zu können, wenn wir auch seine Unbesonnenheit tadeln, daß in so seltenen Fällen diese gleiche Unschuld sich begegnet und ganz froh macht; in den meisten Liebschaften ist die geistige Verwandtschaft von dem Verlangen der Natur ganz geschieden, und sucht sich nur in Täuschungen zu verbinden. – Sie scheinen viele sonderbare Erfahrungen gemacht zu haben, erzählen sie uns noch etwas davon, wenn ich so ins lässige Zuhören gekommen, da mag ich den ganzen Abend nicht mehr reden; auch schloß Karls letzte Liebeshistorie gar zu ernsthaft; sie müssen es durch etwas Lustiges aus ihrem eignen Leben wieder gut machen. –

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