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Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores

Achim von Arnim: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleHollin's Liebeleben / Gräfin Dolores
authorAchim von Arnim
year1989
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-60010-0
titleArmut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores
pages101-684
created20011206
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1810
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Achtes Kapitel

Prediger Frank. Gespräch über die bürgerlichen und religiösen Verhältnisse der Liebe

Wirklich war der Tisch gedeckt worden und die Suppe aufgetragen; die Gräfin bezeugte dem Baron ihre ausgezeichnete Zufriedenheit und der Graf trat mit einem fremden Geistlichen herein, als er ihr eben die Hand küßte. Der Graf war nicht eifersüchtig, aber diese Vertraulichkeit mit dem nichtswürdigen Menschen war ihm verhaßt; er stellte ihr sehr ernsthaft den Fremden, als den Prediger Frank aus der Nachbarschaft vor: ein evangelischer Geistlicher, der um die Landwirtschaft der Gegend große Verdienste hatte; der als ein guter Erzähler in der Gegend bekannt war und den der Graf diesmal als Gegengift gegen die beiden lächerlichen Personen der Gräfin geholt hatte. Die Gräfin begrüßte ihn kalt und wendete sich gleich wieder zu dem Baron, und zu seinen Gesellen, und sagte ihnen Artigkeiten. Der Graf nahm den Baron beiseite und sagte ihm ergrimmend: er möchte sich doch gefälligst im Augenblicke gleich und ohne Säumnis mit seinen beiden Gesellen fortscheren. Der Baron wiederholte das ganz laut zur Gräfin und sagte: nun sehen sie wie er ist, ich glaube, wenn ich nicht gleich ginge, schmiß er mich die Treppe hinunter; kann ich mich wohl bei gesunder Vernunft dem Herunterschmeißen aussetzen, das kostete mir wenigstens ein Paar Taler an Salben und Pflastern; viel lieber bezahle ich mein Mittagsessen in der Dorfschenke; nach Tische kommen wir wieder. Um euer Essen ist es mir gar nicht zu tun, aber ihr seid Leute, mit denen sich ein vernünftig Wort reden läßt, ihr seid gerade wie ich; hab ich nicht recht, wir passen allein zu einander in der ganzen Gegend. – Ohne eine Antwort abzuwarten, lief er zwischen seinen beiden Stelzen, so ragte er über beide hinaus, ohne einen Gruß aus dem Zimmer.

Die Gräfin machte dem Grafen, ohne sich vor dem Fremden zurück zu halten, eine Menge Vorwürfe, wie er ihr aus Grillen den einzigen Umgang auf dem Lande verdränge, der ihr erträglich sei; er sollte doch einmal die hoch gepriesenen adlichen Wirtinnen der Nachbarschaft betrachten, wie feist dumm oder mager zänkisch sie alle in dem elendesten Lebenskreise sich herumtummelten? Der Graf antwortete nicht, aber ihn kränkte es tief, daß sie mit solchem Hochmute sich über einen würdigen häuslichen Kreis hinaussetze, dessen ernste Pflichten zu erfüllen sie weder Mut noch Geschick habe, dessen Unterhaltung zu verstehen ihr Kenntnis alles Einzelnen ländlicher Haushaltung abgehe. Der Fremde war ernst und wenig beredt; er sprach einiges mit dem Grafen von der Universitätszeit, die ihm noch mit jugendlichem Reize vorschwebte, und fragte nach einem Studenten Hollin, der nach seiner Zeit eines gewaltsamen Todes gestorben. – Der Graf sagte ihm, daß er selbst dabei gegenwärtig gewesen und gar lange in tiefe Betrübnis dadurch versetzt worden sei, ob er ihm gleich nicht näher bekannt gewesen; von einem seiner Freunde, der wahnsinnig im Kloster gestorben, habe er dessen Papiere erhalten, die er noch wie ein Heiligtum bewahre. – Der Prediger bat um die Mitteilung; denn er nehme recht herzlichen Anteil an dem jungen Manne. – Die Gräfin fragte neugierig nach der Geschichte. – Der Graf Sie ist sehr lang, nach Tische will ich sie ausführlich aus den Papieren erzählen, die in meinem Zimmer liegen; kurz gesagt, sein Unglück war Folge der Eifersucht und ich habe mir seit der Zeit zugeschworen nie eifersüchtig zu sein. – Die Gräfin Das ist nicht artig, keine Leidenschaft ist uns Frauen so schmeichelhaft wie die Eifersucht. – Der Prediger Bei einem Liebhaber geb ich es zu, bei einem Manne ist es aber sehr schmerzlich. – Der Graf .. mehr aber war Hollins Schicksal durch ein Hinaussetzen über bürgerliche und religiöse Verhältnisse in der Liebe zerrüttet. – Die Gräfin Bürgerliche Verhältnisse in der Liebe? – Der Prediger Steht nicht in der Bibel, Gott ist die Liebe und wer in der Liebe lebt, der lebt in Gott? – Der Graf Ich kenne und ehre den Sinn, in welchem dir, liebe Dolores, die Allgewalt und Oberherrschaft der Liebe deutlich geworden ist, sie hat ohne Anstoß unser Glück begründet; aber, lieber Herr Prediger, Gottes Liebe ist nicht des Menschen Liebe zum Menschen. – Der Prediger Sie bestreiten eine Hauptstütze meines Systems, das Durchdringen der göttlichen Liebe in der menschlichen. – Der Graf Nicht gegen die Möglichkeit dieses Durchdringens streite ich, aber nur das Eine weiß ich gewiß, daß dieses Göttliche darin selten rein von menschlich irdischer Beimischung ist, die täuschend das himmlische Feuer nachzuahmen weiß, besonders in unsrer Zeit. – Die Gräfin Hast du an mir diese Erfahrungen gemacht, so beleidigst du mich, hast du das an andern gefunden, so kann ich eifersüchtig werden und warum bist du böse auf unsere Zeit: leben wir nicht alle darin? – Der Graf Sei nicht eifersüchtig auf die Toten, sie sind nicht zu beneiden, so lange uns das Leben grünt; ich habe dir so oft gesagt, daß ich wenig selbst erfahren und das meiste der Offenherzigkeit andrer danke. Auch bin ich nicht frech, unsre Zeit schlimmer zu nennen als jede andre: aber das weiß ich, sie trägt der Vorzeit schwere Sünde, und diese abzubüßen ist ihr hohes Verdienst. – Der Prediger Und eben darum ist ihr die Liebe zum Troste gegeben, aber leider vertraut sie ihr nicht. – Die Gräfin Wie kann sie ihr auch vertrauen, da gleich drei Leute, die hier beisammen, so verschieden von ihr denken. – Aus den Betrachtungen die nun von allen Seiten eintrafen, setzen wir hier eine Übersicht zusammen:


Von der Liebe in unserer Zeit

Wie arm ist unsere Zeit in der Liebe, denn sie ist ihrer selbst ungewiß.

Der Einzelne achtet sich reicher an Vertrauen, als seine Zeit und achtet sich groß, sich ihr zu entziehen.

Aber keiner vermag es, seiner Zeit zu entfliehen, wie noch keiner seine Mutter verleugnen konnte, ehe er geboren.

Was bleibt dem stolzen einsamen Flüchtling zwischen Himmel und Erde; bleibt er sich selbst?

Die Jugend eilt und bald folgen ihr die stolzen Erinnerungen. Mit den Gesängen seines Übermutes erhält der Jüngling die Blumen eines empfundenen Frühlings; aber das Lied verhallt und die Zeugen seines Glückes verwelken.

Was ist fest in dir, dauernd, ruhig?

Der Freude Schmerz, der Hoffnung Sehnen ermüden endlich doch in dem abwechselnden Tanze deiner Träume, wenn die Musik noch lange nachklingt.

Was bleibt dir müde Seele? wo ist der Glanz der Augen, die Fülle der Gedanken, die nahe Freude, die Hoffnung der Ferne?

Dir bleibt Entsagung, Erinnerung, aber du selbst bleibst dir nicht.

Darum sind alle Gebüsche, die mit uns groß wurden, ihr vertrauter Schatten von girrenden Tauben durchflattert, dem verständigen Manne nicht deswegen allein heilig, weil sie Erinnerung der unbemerkt vorschwebenden Jugend sind; der holde Traum will ihm wieder kehren und er möchte den Glanz des Frühlings in der drückenden Glut des Sommers wieder erkennen. Er fühlt wohl: So ist der Frühling und so ist er auch nicht. – Und erwacht ihm im schönen Herbste der Fruchtbaum, dessen Frucht er schon genossen, zu neuer Blüte, und spinnt der blinkende Reif ihn noch blütenreicher ein, dann fühlt er wohl in Augenblicken, der Tod sei die reichste Blüte, denn er sei gewiß: sei Frühling, Sommer, Herbst; aus ihm komme alles.

Wenn dich der eingewurzelte Baum so trösten konnte, du einsamer Mensch, warum sind die freien Menschen dir nur zur Qual, zum Vorwurf; fürchte dich selber, sonst hast du nichts zu fürchten; denn es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Die Lilie erhebt ihr hohes weißes Haupt, aber des Menschen Haupt, das unter ihr ruhet, erhebt sich nicht wieder; jede Lilie scheint aber der andern gleich, die im vorigen Jahre abblühte, ist es gleich eine andere; denn sie deuten auf einander und leben durch einander fort: so der fromme Mensch, der in der Gesinnung seines Volkes und mit ihm fort lebt, treu seinen Vätern in Tat und Glauben; er kennt den Tod nicht und braucht ihn nicht unter Blüten zu verstecken.

Vertraue deinem Volke in der Liebe und im Tode: das ist der Glaube, das wird zur Tat.

Wer seines Volkes Glauben im Glücke leichtsinnig vergißt, in der Not verläßt, den wird Gott in seiner letzten Not vergessen und in seinem Glücke verloren gehen lassen.

Hat unsre Zeit, hat unser Volk einen Glauben? wehe ihnen! wenn sie keinen haben; aber sie erkennen noch heilige Schriften und heilige Gebräuche. Da stehet geschrieben, die Ehe soll ehrlich gehalten werden, die Übertreter richtet Gott und schlägt sie in ihrer Blüte darnieder, daß sie nicht Frucht bringen des Verderbens. Sage keiner, daß ihn Gott versuche, daß er allein sei; wo zweie in seinem Namen versammelt sind, da ist er mitten unter ihnen. Ein jeglicher wird versucht, wenn er von seiner eignen Lust gelocket wird; darnach, wenn die Lust empfangen hat, gebietet sie die Sünde, die Sünde aber wenn sie vollendet ist, gebietet sie den Tod.

Irret nicht lieben Brüder.

 

Frank der am meisten dabei geredet und am wenigsten gesagt hatte, fuhr fort: sie werden meine lange Rede mit meinem Alter und meinem Stande entschuldigen; ich lehrte schon an der Schule, als sie Herr Graf auf die Universität kamen, wenigstens zwölf Jahre sind wir unterschieden. – Doch sind sie noch unverändert jugendlich in Farbe und Bewegung; ich würde sie für jünger halten, meinte der Graf. – Bei uns regelmäßig Beschäftigten, greifen die Lebensalter nicht voraus in einander, meinte der Prediger, meist nach bestimmten Perioden, die auch wohl durch eine Krankheit bezeichnet sind, treten wir die großen Stufen hinunter; durch gleiche Ordnung hört manches Mühsame auf, beschwerlich zu sein; wir kennen auf dem Lande wenig Anstrengungen, die alle unsre Kräfte forderten, und darum werden Sie auch bei Kriegen und andern Ereignissen, die den gewohnten Verkehr stören, dort eine Menge unerklärlicher Krankheiten und Sterbefälle finden; ja ich muß gestehen, daß selbst die Einführung der Wechselwirtschaft in unserer Gegend, an der ich eifrig arbeite, manchen alten Landwirt dahingerafft hat; mich beruhigt dabei, daß er in seinem Berufe gestorben. Die Gräfin machte ihm Vorwürfe darüber, ob es wohl eines Menschenlebens wert sei, daß etwas gehackte Früchte mehr gebaut worden; er lehnte dies ab, indem er bewies, daß eben dadurch viel mehr Menschen künftig gut leben könnten. Der Tisch wurde inzwischen aufgehoben, der Graf führte seine Frau und seinen Freund in eine angenehme Weinlaube hinter dem Schlosse, die als ein großes grünes Dach von wenigen Säulen unterstützt, an welchen der Weinstock aufrankte, ein eigenes Sommerhaus bildete, in welches die Sonne durch die zackigen Blätter gar angenehm auf die kleinen Trauben blickte. Bequeme Sitze, Birkwasser, Rheinwein und Zucker wurde von den Bedienten gebracht; der Graf zeigte dem Prediger in der Gegend umher einzelne Denkmale und erzählte deren Geschichte. Die Gräfin trat mit Berichtigungen dazwischen; sie hatte alles durch die Ilse schon genauer kennen gelernt, als der Graf, ungeachtet er dort aufgezogen war und vieles geschaffen hatte. Der Graf schwieg und der Prediger bat ihn nicht länger die Erzählung vorzuenthalten, die er bei Tische versprochen. Der Graf entfernte sich einige Augenblicke, dann kam er mit einem großen Paket von mancherlei Papieren zurück; ehe er diese geordnet, füllte der Prediger die Stille mit einer pathetischen Anrede, die er irgend einmal auswendig gelernt zu haben schien.

Prediger Ihr geliebten hochgefeierten Musensitze, wie goldene Luftschlösser scheint ihr zuweilen in mein dunkles einsames Pfarrzimmer und meine Augen gehen unter in dem Glanze. Aber hier von der Höhe eines freien reichen altritterlichen Schlosses, darf ich schon zu euch hinblicken ihr goldenen Berge, auf denen die Musen rings auf Apollos Leier horchen, jede ihr Eigenes dabei denkend in sich; alles scheint mir hier so nahe an der Seite des Musenfreundes, an der Seite der Schönheit. Wie glänzet der Roßquell in den Abendstrahlen, es wiehert das Flügelroß....

(Wirklich wieherte in diesem Augenblicke des Grafen Rappe, der in der grünen Koppel alle Anstrengungen des vorigen Tages vergessen hatte.) Nur ein Trunk alter Lust, nur ein Jubelgesang alter Stimmung und ich bin wieder derselbe, dem die Zeit, wie ein Vogel in höchster heller Lufthöhe mit gleichen Flügeln schwebend stille zu stehen schien. Dieses Glas trinke ich dir zu, Mutter aller Musen, Erinnerung, du wunderbare Schicksalsgöttin alles inneren Lebens, aller Gedanken; denn wer die Töchter gewinnen will, der muß es mit der Mutter halten. Wie so ganz gegenwärtig wird mir die erste Bekanntschaft mit Hollin in H.; wie zeichnete er sich als Redner der Studenten bei dem glänzenden Morgenfeste aus, das von der Universität in dem botanischen Garten zur Feier des ersten Besuches unsres Königs und der schönen Königin gegeben wurde; sein Anstand, seine tiefe Stimme, das männlich Vollendete seines Wesens nahmen alle Zuschauer für ihn ein; auch die hohen Herrschaften dankten ihm gnädig. Jedermann mußte ihm gut sein, so gar kein böser Hinterhalt war hinter seinen Augen möglich, die so lebendig mitsprachen, daß seine Seele wie in einem Glashause dachte, wo jedermann zuschauen konnte, ohne daß er etwas davon ahndete. Darum sahen die Mädchen meist nieder, wenn er sie anblickte, und die älteren Frauen in ungefährlichen Jahren lachten ihm alle freundlich entgegen; er hatte sein Teil erwählt, er gab wenig auf sie acht und mich zerstreute bald die mannigfaltige Pracht des Hofes und der Frauen die farbig unter den farbigen Zelten wie unter hohen Blumen saßen, die sie geboren, und mit ihnen an den hohen Bäumen noch zu schweben schienen. Auch mich ergriff der allgemeine Verkehr, auch ich sah ihn nicht wieder in dem allgemeinen Jubel, der sich immer nach dem Hofe drängte und von ihm zurück strömte. Der König fragte mit Weisheit nach den Bedürfnissen der Stadt und der Universität, rühmte das zarte Ehrgefühl, die gute freie Lebensart der Studenten, ihre Begeisterung für Kunst Wissenschaft und Vaterland. Die Früchte des Landes und die fremden Früchte des Gartens, Ananas, Melonen und Feigen wetteiferten in Fülle, Süße und Saftigkeit; der Wein wurde reichlich geschenkt, daß selbst der Boden von seinem Opfer duftete; doch vor allem war herrlich der Gesang wackerer Jünglinge und Mädchen, deren Chöre abwechselnd, die Luft einander zuschmeichelnd, sie mit Wollust erfüllten. In diesem Jubel sah ich Hollin zum letzten mal; der Hof zog fort und die Stadt schien mir ausgestorben; alle junge Leute hatten sich in die zwei Hofdamen verliebt und das Unbedeutendste, was sie gesagt, wie sie sich getragen, wiederholten wir einander.

Unterdessen hatte der Graf alle Papiere in Ordnung gebracht und er begann die Geschichte ohne alle Umständlichkeit, indem er ihr gleich einen Titel gab.

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