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Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores

Achim von Arnim: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleHollin's Liebeleben / Gräfin Dolores
authorAchim von Arnim
year1989
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-60010-0
titleArmut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores
pages101-684
created20011206
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1810
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Siebentes Kapitel

Geschichte der verlornen Erb-Prinzessin Wenda

Nudelhuber begann im Biedermannstone: Ich bin ein guter, ehrlicher Schweizer, und Sie sind lauter liebe, liebe Leute, ich kann lange denken und weiß viel zu erzählen, aber ein Glas Wein muß ich mir ausbitten; wir ehrlichen Schweizer müssen unsern Wein haben, sonst wird uns das Maul trocken. Nun ja, ich soll Ihnen von der Prinzessin Wenda erzählen. Als ich mit meinem kleinen Bilderkram nach Warschau zur Messe gekommen, so warteten alle auf den Einzug der siegreichen Polacken. Es war ein heißer Sommer, das Bier war alles sauer geworden, weil die Polen keine Korkpfropfen, sondern ein Stücklein Lehm auf die Flasche stecken. Lauter liebe Leute, ausgenommen, was das Bier, das Ungeziefer und die Höflichkeit angeht. Um Gottes Willen durfte ich mich bei der Prinzeß Casimire und bei der Prinzeß Thorixene nicht sehen lassen, sie hätten mich sonst nicht wieder losgelassen; ich kenne das schon an Höfen, da kommt man des Morgens zum Frühstück und muß zum Mittag bleiben, und nach Tische spricht man so lange mit den kleinen Prinzen, daß sie einen doch auf den Abend nicht ungespeist nach Hause schicken können, und so schlägt man den ganzen Tag um nichts und wieder nichts um die Ohren. Ich mußte mich aber alle die Tage recht an die Arbeit halten, meine Bilder noch einmal zu firnissen; die Polen lieben das und schlagen alle Tage ein Weißes vom Ei über jedes Gemälde, was sie haben, daß es nach ein paar Jahren wie durch eine dicke Glasscheibe durchsieht. Auch mußte ich meinen Kirschgeist auspacken; mit Polacken kommt ein Handelchen immer am ersten bei einem Glase zu Stande; das Volk schreit dabei und kann nichts vertragen; ich aber werde niemals besoffen, ich habe einen ausgepichten Magen.

Es war gut Wetter zum Einzuge, viele Kaufleute hatten ihre Buden geschlossen, um selbst zu sehen; ich dachte vom Sehen wird einem der Magen nicht voll, packte meinen lustigsten Kupferstichkram vor der Bude aus; aber die verfluchten Stadtnonnen teilten den Tag von ihren verfluchten getippelten, scheckigen, glänzenden Papierheiligen umsonst aus, daß ich wenig verkaufte.

Die Gräfin sah bei diesen Worten den Grafen an und sagte: Hör' nur, der Herr Kommerzienrat hält auch nicht viel auf das Bilderzeug der Nonnen; weißt du noch, wie du so böse warst, als ich den Heiligen Schnurrbärte gemacht; nicht wahr, jetzt siehst du doch ein, daß du Unrecht hattest? – Es gibt ein ganz fatales Gedächtnis, das zur unrechten Zeit meine ich; es gibt eine dumme Listigkeit, die zur unrechten Zeit verstehe ich. Der Graf erschrak in sich, wie sie so leichtsinnig an eine Zeit denken und erinnern könne, die ihm so schwer zu erleben geworden; der bittre Ärger trat ihm auf die Zunge; er nahm sich zusammen und sagte, eilig zur Türe hinauslaufend: Lassen Sie sich nicht stören, ich komme nicht sobald wieder. – Die Gräfin bemerkte gar nichts, und bat den Kommerzienrat fortzufahren.

...... Ja, es sind verfluchte bunte Bilder, die von den Nonnen, bei mir auf der Fabrik können sie nicht gut nachgemacht werden, und das gemeine Volk mag sie gerne; wenn nur ein Nonnenkloster wieder aufgehoben wird, ich kaufe mir zu der Arbeit ein Dutzend Nonnen. Als ich so müßig meine Bilder abstaubte, wurde auf der Brücke von dem dicken Opferpriester ein Hammel abgeschlachtet, wovon er das Herz in die Weichsel unter allerlei Singsang weit wegschmiß. Darauf trat die schöne Prinzessin Wenda zu ihm hin und rief: Die Götter haben den Polacken zu viel Gnade erwiesen, um ihnen bloß mit Schlachtvieh und Räucherkerzen zu danken, ich will mich selber ihnen opfern, um alle Landesnot zu endigen. Bei diesen Worten sprang sie an die Spitze der Planke – denn in Polen haben die Brücken keine Geländer, es sind schwimmende Planken, die an einander gebunden – und dann stürzte sie sich mit den Worten in die Weichsel: Empfange mich das Meer als ein reines Opfer. – Alles war wie erstarrt und vernarrt, ich hielt es für eine bloße Komödie, so sah es aus; aber viele sprangen nach, sie zu retten, konnten sie aber nicht mehr erreichen. Ich dachte, das sind Narren, und sah recht genau nach, was aus der Prinzeß werden möchte, die immer noch an ihrem weißen Kleide zu erkennen war, das auf dem Wasser herumwirbelte; es war ein schönes Weibsbild, sie hat mir aber nie für einen Groschen abgekauft, darum dachte ich, hol sie der Teufel. Da sah ich, wie sie vom Strome in einen Aalfang getrieben wurde, da verschwand sie, ich dachte, nun die ist auch – aber ich hatte mich geirrt, wie alle andern. Der Aalfang gehörte den Priestern, und endigte sich in einen meilenlangen Sack von schlesischer Leinwand, der im Tempel des Obergottes alle gefangenen Aale und auch die tote Prinzessin absetzte, allwo der Oberpriester sie wieder in seinem Bürgerrettungsapparate zum Leben brachte. Das sah ich nicht voraus; denn damals hielten wir sie alle für tot. Viele, die ihr nachgeschwommen, waren entweder ersoffen, oder wurden doch für tot ans Land gebracht, und da hielt ich ihnen vor, ob sie denn ganz unvernünftig gewesen wären, sich in solchen reißenden Strom zu werfen, da doch das Wasser überall keine Balken hat. Was gibt es doch für Narren in der Welt; will sie ersaufen, was geht es euch an, was habt ihr davon? – Aber das Volk wurde böse auf mich, denn ein Narr macht viele Narren, und da Prügel nicht gut schmecken, so nahm ich meine Beine unterm Arm und kam zu meiner Bude. Nun denken sie sich meinen Schreck, da finde ich, daß mir die Leute wohl die Hälfte von meinem kleinen Kram weggestohlen hatten, was so vorne ausgelegen. – Spitzbubenvolk, rief ich, und raufte mir meine Paar Haare aus, das läuft, das schwimmt, ein Weibsbild zu retten, die ihr Leben los sein will, und mir nimmts die Bilder, die ich nicht umsonst weggeben mag. Wie ich meine salzigen Tränen so weine, da kommt die Prinzeß Casimire leichenblaß vorbei gefahren; sie sieht mich und ruft mir zu: ich wäre ein guter alter Mann, ich sollte nicht verzweifeln wegen der Prinzessin, ich möchte bedenken, daß ich zu Hause Kinder hätte, sie würde meine herzliche Teilnahme an ihrer Familie nun und nimmermehr vergessen. – Ja, hat sich was Teilnahme um die ersoffene Prinzessin, hätte mir einer meine Bilder wiedergebracht, so hätte meinetwegen die Prinzessin Casimire mit Kutsch und Pferden in die Weichsel ihr nachfahren können: das dachte ich wohl bei mir, aber ich sagte es nicht; sie müssen es mir auch nicht übel nehmen, es weiß kein Mensch, wie sauer es einem armen ehrlichen Schweizer in den grausamen Gebirgnissen wird, sich einen Groschen Geld zu verdienen. Als ich so in Verzweifelung meine Hände rang, gab mir Gott einen herrlichen Einfall: ich sollte nun alles Übrige doppelt so teuer verkaufen, so wäre mein Schaden gut gemacht. Das tröstete mich, und es mußten auch gleich ein paar Leute so viel bezahlen, warum waren sie solche Narren; wenn man Narren zu Markte schickt, so lösen die Krämer Geld; nun mein Gott, jeder Mensch will doch leben und kein Mensch lebt von der Luft. Es war unterdessen spät geworden, ich packte ein. Mein Magen hing mir so schief; ich ging Abends zur Tafelzeit hin nach dem Schlosse der Prinzeß Casimire, um mich für ihren Trost zu bedanken. Das ganze Schloß war in Bestürzung, ich fand nur einen Lakaien im Vorzimmer der Prinzessin, der mir dreist versicherte, die Prinzessin wolle mit der Prinzeß Thorixene allein sein, er dürfe niemand einlassen. – Hat nichts auf sich, erwiderte ich, und schob ihn unversehens bei Seite, mich wird sie schon sprechen, ich muß sie sprechen. – Freilich mußte ich sie auch noch sprechen, ich hatte ihr eine betrübte Madonna mit dem Dolche im Herzen und einen St. Sebastian, der wie ein Stachelschwein voll Pfeile steckte, mitgebracht; sie liebt solch Zeug und sollte es mir gut bezahlen. Nun müssen Sie sich nicht wundern, daß die Polacken Christum und dabei alle die heidnischen Satans, Jupiter, Apollo und wie sie alle heißen, anbeten; das ist bei den Polacken nicht anders; das Volk frißt Ihnen alles unter einander; die beste Schüssel bei dem Landvolke ist immer Sauerkohl mit brennenden Talglichtern darin: ein verfluchtes Fressen. Ja, wo blieb ich doch stehen – also trat ich zur Prinzessin herein, und wie ich herein trat, fragte mich die Prinzessin verwundert: Mein lieber Kommerzienrat, war niemand im Vorzimmer, der Ihnen gesagt hat, wir wollten allein sein. – Hat nichts zu sagen, antwortete ich, inkommodieren sie sich gar nicht um mich alten Mann, genieren sie sich gar nicht in Redensarten; ich habe denn doch mehr gesehen in der Welt, ich habe zwar heute viel verloren – und dabei dachte ich an meine Bilder und weinte bitterlich, daß mir die Tränen piperlings die Backen herunterliefen. – Die Prinzessin weinte mit und wollte mich trösten; sie sagte, daß sie eben der Prinzeß Torixene die geheime Geschichte der unglücklichen Wenda habe erzählen wollen. – Ich bat, sie möchte immer erzählen, wenn es auch mich nicht unterhielte, so hätte ich alter ehrlicher Schweizer genug in meinem alten Kopfe zu denken, was wohl bedacht sein müsse; auch könnte ich mir die Zeit wohl vertreiben, wenn sie mir etwas zu Essen vorsetzen wollte; ich hätte im Vorbeigehen in der Küche noch eine gute gespickte angeschnittene Kälberkeule liegen sehen; von dem Tee knurre es mir im Leibe, ich wäre ihn nicht gewohnt und dabei die Rührung, mir würde ganz miserabel; wenigstens möchten sie mir ein Paar Eidotter hineinrühren. Sie wußte schon alles, was mir gut schmeckte, stand auch wirklich von ihrem Teezeuge auf, und mußte mitten in ihrer Betrübnis einen gnädig lächelnden Blick auf mich werfen; ich aber fuhr fort und sagte: Ich kann nicht begreifen, was die vornehmen Leute von dem Tee haben; es ist schlabbrig Zeug, macht keinen satt und froh und kostet doch auch viel bei jetziger Zeit. Wie sie nun aufgestanden war, setzte ich mich auf das atlassene kleine Sopha, wo sie gesessen hatte und die Prinzessin Thorixene meinte, sie würden dann nicht Platz behalten. Sein sie ohne Sorge, antwortete ich, wir rücken hübsch zusammen; ich alter Schweizer mag gerne Abends ein bißchen einnicken und da ist es mir hier schon begegnet, daß ich mit dem Stuhle umgeschlagen bin, und das macht ihnen nur Schreck, wenn erzählt wird. – Die Prinzessin brachte ihre Hunde mit; was die Köter mich anbellten und beschniffelten, weil ich den Morgen einen Hering in der Tasche gehabt hatte; die führten sich recht schlecht auf. Ich fragte die Prinzessin, wie sie das leiden könne, ich wäre doch ein Mensch und wollte mir so was nicht unterstehen. Nun Gott sei gelobt, da wird die Suppe hereingetragen; es sind doch liebe liebe Leute, die Herren Bediente, daß sie so was nicht auf dem Wege halb auffressen, ich würde es sicher so machen.

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