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Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores

Achim von Arnim: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleHollin's Liebeleben / Gräfin Dolores
authorAchim von Arnim
year1989
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-60010-0
titleArmut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores
pages101-684
created20011206
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1810
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Fünftes Kapitel

Kommerzienrat Nudelhuber und der Prinzenhofmeister Kirre

Der Graf musizierte die Lieder, und als er sie ganz in der Kehle und Hand hatte, ging er nach dem Schlafzimmer, seine Frau damit zu erwecken. Verwundert hörte er da eine Unterredung mit einem Manne; an der Stimme, die schnarrend und laut, erkannte er den Baron. Er trat hinein und sah, daß seine Frau am Fenster stand, ganz wie sie aus dem Bette gesprungen; der Wind spielte mit ihrem Hemdlein und zitterte in ihrem leichten Nachthäubchen; als sie den Grafen bemerkte, winkte sie ihm näher zu treten; er sah aus dem Fenster den häßlichen Baron in einem Armensünderhemde mit unbedecktem Haupte, wie Kaiser Heinrich vor dem Papste und dessen Geliebten, doch fehlte hier der Schnee. Wie können sie sich unterstehen, rief der Graf, wieder mein Haus zu betreten? – Darum bin ich auch auf dem Hofe geblieben, antwortete der Baron. – Ein ganz unerwarteter Einfall, der einem Zorne begegnet, setzt oft in Verlegenheit, nimmt die Besonnenheit, gut darauf zu antworten, aber der Zorn gestattet nicht das Schweigen, und so antwortet man leicht das Dummste. Ich habe keinen Hof, antwortete der Graf, und hätte ich einen, so wären sie der letzte, den ich darauf anstellte. – Kaltblütig erwiderte der Baron. Wenn sie keinen Hof haben, so ist dies auch nicht ihr Hof, worauf ich stehe, und sie können mich also nicht verweisen. – Die Gräfin legte sich ins Mittel, küßte ihren Mann und sagte, der Baron hätte ihr demütige Abbitte getan, er wollte sich ganz bessern, nur möchten sie ihn nicht aus ihrer Gesellschaft verstoßen. – Wenn es meine Frau wünscht, sagte der Graf, so kommen sie herauf, mir sind sie nicht hinderlicher, als viele andre Menschen, erst aber ziehen sie sich anständig an. – Der Baron ließ sein Hemde fallen und stand da in gewöhnlicher Kleidung und sagte: Ich komme gleich, zieht euch nur erst ruhig an; ich habe noch ein Paar Bekannte zu euch geladen, die werden euch sehr wohl gefallen; es sind gerade Menschen wie ich, etwas geradezu, aber ehrlich und können lustige Historien erzählen; ich will heut alles wieder gut machen. – Das schwör ich euch, rief noch der Graf, führt ihr euch heute nicht ganz gut auf, so endet es nicht gut. – Die Gräfin freute sich auf die neue Unterhaltung.

Nach zwei Stunden kam der häßliche Baron mit seinen beiden Freunden, so beliebte er sie wenigstens zu nennen; der eine, ein knochiger alter Mann mit dickem zwischen den Schultern eingezogenen Kopfe, hatte die dauerhafteste Kleidung an seinem Körper hängen: streifig geschnittenen grünen Plüsch, zu Rock und Weste, schwarzen Plüsch zu Hosen, Stiefelmanschetten und Schmierstiefel; sein Gesicht war ein Ausdruck plumper Spaßhaftigkeit. Der andre sah durchaus bedenklich über seine lange schmale Nase; ein altes hofmäßiges Kleid; ein schlechter stählerner Degen, Schuhe mit großen Schnallen, ein Haarbeutel, zeigten den früheren Bewohner einer großen Stadt. Der Baron stellte jenen als den Kommerzienrat Nudelhuber, berühmten Maler und Bilderhändler aus der Schweiz, diesen als den Prinzenhofmeister Kirre vor; jener war gleich vertraut, griff nach den Händen zum Küssen, machte es sich bequem; dieser belächelte sehr fein seine Ungeschicklichkeit, wollte ihn auch verspotten, wovon aber jener so wenig merkte als ein großer Metzgerhund, wenn ein kleiner Bologneser mit ihm spielen will; ganz zufällig kniff er dagegen den Prinzenhofmeister ganz jämmerlich mit plumpen Einfällen über seinen leichten Anzug. – Der Baron fragte die Gräfin, als die Unterhaltung beim Frühstücke etwas stockte: Nun wie gefallen ihnen meine Freunde, sind es nicht gerade solche Lumpenkerls wie ich? Gleich müssen sie aber auch ihre Kunststücke machen; hört, sprach er zu den beiden, damit sie hier wissen, was an euch, erzählt einmal die Geschichten, wo ich so lachen mußte – ja nicht eure ganze Lebensgeschichte, da könnt ihr nie ein Ende finden. Fang du an Prinzenhofmeister, laß alle deine feinen Hofgeschichten weg, wie du jedem scharfe Antworten gegeben; wir wollen nichts wissen, als die unglückliche Affäre, wie der Erbprinz dir abhanden gekommen. – Welcher Erbprinz? fragte die Gräfin. – Euer ehemaliger gnädiger Herr, antwortete der Baron. – Die Gräfin sagte: daran nehme ich Anteil, er ist mir aus früheren Jahren noch sehr wert; fast möchte ich sagen, wir waren in einander verliebt, so wie Kinder es sind.

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