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Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores

Achim von Arnim: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleHollin's Liebeleben / Gräfin Dolores
authorAchim von Arnim
year1989
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-60010-0
titleArmut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores
pages101-684
created20011206
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1810
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Neuntes Kapitel

Graf Karl in Armut. Rückreise nach der Universität

Als der Graf bemerkte, daß der Putz seiner geliebten Dolores Freude mache, so fand er diese Liebhaberei am Unbedeutenden so artig mädchenhaft, daß er sich allerhand gute Gelegenheiten ersann, ihr Geschenke der Art zu übermachen; bald kam eine arme Krämerin, die so etwas zum Verkauf bringen mußte zu geringem Preise, bald hatte er, um sie zu erschrecken, eine Puppe schön ausgeputzt, dann war es Jahrmarkt. Klelien schenkte er einige Dichterwerke, auch manches Gedicht von ihm selber, die freilich wie ein allzuheftig schäumendes Getränk den Becher mehr mit feinem glänzenden Schaume als mit erquickender Flüssigkeit füllten, aber von ihr doch sinniger aufgefaßt wurden, als von der Schwester, der er sie viel zu schlecht glaubte. Mit solchen Ausgaben ging das zurückbehaltene Dritteil seines Reisegeldes unbemerkt ganz auf, so fand er sich eines Tages, als er einen kleinen Ring für Dolores erkaufen wollte, ohne Geld; das fiel ihm so schwer aufs Herz mitten in seinem leichten Taumel, er war so fremd in solchen Angelegenheiten, daß er sich oft in der ersten Verwirrung wünschte, von irgend einem fallenden Dachziegel erschlagen zu werden. Ohne diese Geldnot wäre er schwerlich aus dem Zauberschlosse gewichen, aber einige reiche Landsleute, die durchreisend zu seiner Universität von seinem Umgange mit ein Paar armen Mädchen hörten, verpflichteten ihn, indem sie ihm Geld vorstreckten, einen Sitz in ihrem Wagen anzunehmen. Wir wollen uns nicht mit der Erzählung seines Abschiedes den eignen Schmerz aufrühren, der immer noch unter der Asche von tausend genommenen Abschieden glimmt; ich schweige von der sinnreichen Art, wie er sein Angedenken und das Angedenken jeder Stunde mit kleinen Denkmalen im Hause und im Garten zu befestigen suchte; seiner Dolores war er so gewiß, aber der Boden, auf dem er mit ihr so froh gewandelt, hatte sich belebt, war sein Vertrauter geworden, da nur wollte er leben, der sollte einst auch seine Asche empfangen. Sonderbar, sonderbar, wie der Gedanken von Tod sich in ihm, dem frischen blühenden Jüngling so oft den Liebesgedanken beimischte; aber der Gedanke liegt sehr nahe bei dem höchsten Glücke, das wir zu erschwingen vermögen. Klelia hatte noch so manche freundschaftliche Aufmerksamkeit und Dolores war liebreicher als je, oft glaubte er der Abschied sei unmöglich und da war er schon geschehen und es regnete vor seinen Augen, er konnte das Haus kaum sehen, vor dem er stand, und nun ists vorbei; seh' dich noch einmal um, fasse alles recht ins Auge und nun fort. Was soll ich von seiner Sehnsucht, von der Öde sagen, die ihn in der rauschenden jungen Gesellschaft umgab, jeder wollte etwas von der Universität wissen und er hatte sie ganz bei den Gräfinnen vergessen. Überall sah er Beziehungen auf sie, an jedem Mauerwerk war eine Ähnlichkeit mit etwas im Schlosse, aber laut mußte er weinen bei einem kleinen Mädchen, das verkleinert ihm ihre Ähnlichkeit darstellte, ohne daß er eigentlich im ersten Augenblicke erraten konnte, was ihm bei dem Kinde einfiele; er beschenkte es reichlich nach seines Alters Wünschen. Überall schlugen die Uhren erinnernd, was jetzt in dem gleichförmigen Gange des kleinen Haushalts der beiden Mädchen geschehe; überall hingen Haushaltungskalender, die ihm vorrechneten, daß wieder ein Tag ihm verloren; überall sah er Menschen, die Sie nicht kannten, Gegenden, die Sie nicht gesehen. – Zu seiner Zerstreuung ließ er sich überall mit den Menschen in Gespräch ein, einmal mit dem Gärtnerburschen eines großen fürstlichen Gartens. Der Bursche lachte über seinen Obergärtner, der fluchend vorbei lief, und sagte: Der macht sich jetzt in der heißen Sonne ein Geschäft, um nicht zu Hause einzutreffen, da würde ihm die Frau ein Gesicht machen. – Warum denn, ist sie so böse? fragte der Graf. – Wie es kommt, meinte der Bursche, jetzt ist der Fürst bei ihr; nicht wahr, Sie merken wohl was die Glocke geschlagen, unser einer vom Hofe darf davon nicht viel reden. – Der Graf schimpfte über die Nichtswürdigkeit des Obergärtners. Es ist sonst ein braver Mann, sagte der Bursche, aber die Frau taugt nichts und er liebt sie allzu sehr; schon zweimal ist er in alle Welt gelaufen, um den Jammer nicht mit anzusehen, er findet überall Brot; aber dann kommt er immer wieder, und bittet es ihr ab, und kann nicht von ihr lassen; es ist als wenn sie ihm was angetan hätte. – Die Geschichte durchschauerte den Grafen so eigen, als liefe der Tod über sein künftiges Grab: In der nächsten Station blieb er zurück von seiner jugendlichen Gesellschaft, schrieb an seine Dolores alles Zärtliche, alles Besorgliche, was er unterweges gedacht, nur diese Geschichte verschwieg er, dagegen setzte er einen ernsten Brief mit seines Namens Unterschrift an den Fürsten auf, worin er ihm sein Unrecht grell vormalte und mit den Worten schloß: ich habe es gesagt und meine Seele gerettet. – Eine Stunde nachdem er beide Briefe auf die Post gegeben und kühler nachdachte, schämte er sich des letzteren an den Fürsten gar sehr; er drückte die Augen zu, wurde rot, mußte vor sich lächeln so oft er an die Verwunderung, an das Spotten dachte, was vielleicht aus diesem Briefe folge; lange Zeit konnte ihn sogar der Name des Fürsten rot machen, insbesondre wenn er dachte, wie sonderbar sich ein andrer Mensch dieses Rotwerden deuten könnte. Diese Beschämung, etwas dem Weltlaufe so Ungefüges und wahrscheinlich ganz Unnützes vollbracht zu haben, zerstreute ihn etwas auf der Fortsetzung seiner Reise; seine Schritte beschleunigten sich um der Beschämung zu entgehen, während ihn die Liebe bei jedem zurück hielt. Spät Abends, sehr ermüdet kam er nach der Universität auf sein kaltes Zimmer zurück; die Aufwärterin war nicht zu Hause, er bekam von einem neuangekommenen Studenten Licht und fand alles bei sich wie er es verlassen, sogar sein Kaffeegerät stand noch, wie er davon zur Reisegesellschaft abgerufen worden; aber in seinem Herzen war es jetzt so warm und draußen so kalt. Hastig schritt er im Zimmer auf und ab, nahm alles in die Hände, legte alles wieder hin; bald wollte er ausgehen um alte Freunde zu besuchen, um sich den Lektionskatalogus zu holen, bald wollte er noch einen Brief schreiben; aber es wurde aus allem nichts, denn aus der Ferne, aus dem nächsten Gasthause, schallte ihm die reizende Einförmigkeit einer Tanzmusik; bald glaubte er darin verständige Worte zu hören und mußte gegen seinen Willen immerfort mit singen: ich hab sie, ich halt sie, ich lasse sie nicht. Endlich kam die Magd, freute sich weitläufig seiner Ankunft, sprach von angekommenen Briefen und brachte aus ihrem Busen einen hervor, der eben abgegeben worden; der Graf fuhr darauf los, es war der erste Brief seiner Dolores, auch einer von Klelien; er konnte ihn nicht gleich lesen. Er fing mit dem letzteren an, dann folgte unter Herzpochen der erste, der liebste; er konnte bis zum Morgen nicht einschlafen. Alle ihre gegenseitigem Briefe sind durch einen Zufall, den wir später erzählen, verbrannt worden; sie beschäftigten ihn so ernstlich wie Staatsangelegenheiten und kam irgendwo Feuer aus, so war immer sein erster Gedanke, wo er die geliebten Briefe ganz sicher wissen möchte. Diese viel geküßten Briefe seiner Dolores stellten recht lebendig manche kleine Begebenheiten dar, die sich in der Stadt ereigneten; sie selbst aber hatte immer ein gewisses stolzes Vergnügen sich kalt wie eine Götterstatue über der jauchzenden Volksmenge zu denken. Klelia hatte einige Ängstlichkeit in ihren Briefen, sie enthielten manche quälende Betrachtung über den eignen Seelenzustand, ihre Strenge vergrößerte ihre Fehler; ihre Freundschaft, da sie der Liebe noch ermangelte, nahm ohne ihr Wissen alle Ausdrücke feuriger Leidenschaft an. – Der Graf fühlte zuweilen, daß sie ihm beide nicht schrieben, was ihm das Wichtigste, die kleinen Verhältnisse ihres täglichen Lebens, wohin sie gebeten worden, was sie da gesprochen; lauter Dinge, die ihm dringend notwendig waren, um jeden Augenblick ihrer mit Wahrscheinlichkeit bewußt zu werden, und so blieb er immer bei den nächsten Tagen nach seiner Abreise stehen, wo sie zum Prediger der Stadt gehen wollten. Er selbst merkte nicht, daß er eben so wenig treffe, was sie von ihm wissen wollten; was ihm begegnete, schien ihm ganz unwert so herrlichen Wesen erzählt zu werden, auch waren seine sterndrehenden Phantasien, halb in Versen, meist mit flüchtiger Feder so eng geschrieben, daß oft keine der Schwestern sie heraus zu buchstabieren vermochte. Aber jeder seiner Briefe war doch beiden eine Freude; er aber lebte in beider Briefen, lebte darin so schöne selige Stunden, sie waren ihm die höchste Belohnung für jede Arbeit, es schien ihm verdienstlich, wie bei manchen älteren Religionsbüchern ausdrücklich gesagt wird, sie oft durchzulesen, der Briefbote war sein bester Freund, er ahndete sein Kommen. Der Winter verging ihm langsam und schnell, langsam in der Erwartung, schnell wenn er überlegte, daß schon wieder ein Monat überwunden; lange vorher ehe der Frühling die Vögel um die Erde führt, sang ihm der Dompfaffe, den ihm Dolores in schöner Stunde geschenkt hatte und den er in seiner polnischen Mütze fortgetragen hatte, die wunderbare Melodie des Liedes:

Liebend um geliebt zu werden
Reis' ich um die grüne Erde;
Ach wo wird der Blick mich finden,
Der mich bindet,
Und an welchem frommen Herde
Bleib ich um geliebt zu werden.
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