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Arme Leute - Erzählungen

Carl Brosbøll: Arme Leute - Erzählungen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorCarit Etlar
titleArme Leute - Erzählungen
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidea7a0bf6
created20061202
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5. Laust Sillesens Kriegszug

Wie sie einander lieb hatten, die beiden, ehrerbietig und ehrbar und beständig von Ferne, denn das ist das Zeichen der wahren Liebe, daß die Entfernung sie nicht schwächt. Er stand in der Brauerei, sie in der Küche, so oft er an einer der offenen Luken vorüberging, schaute er zu ihr hinüber, dasselbe that sie von ihrem Fenster aus, und näher kamen sie einander selten. Am letzten April hatte Jes allerdings als eine nähere Erklärung eine gelbe Narcisse vor seinem Fenster angebracht und im Monat Juni eine große glühendrothe Tulpe. Am Tage darauf klebte Marie, oder wie der Vater sie gewöhnlich zu nennen pflegte: Mike, einen schmalen Streifen weißen Papieres oben an die Küchenthür und darüber ein anderes Stückchen Papier, so daß die ganze Figur dem Buchstaben i glich. Das war doch deutlich genug.

Marie war das einzige Kind des reichen Brauers Laust Sillesen Bjerg. Es war auch ein Hans Peter im Hause, ein hoch aufgeschossener Bursch mit einer Haltung wie ein lateinisches C, einem schmutzigen, sommersprossigen Gesicht und feuerrothem Schopfe, dessen oberste Spitzen ins Gelbliche übergingen, aber er war Lausts Brudersohn, Jes dagegen nichts weiter als ein Knecht, der der Brauerei vorstand, ein unermüdlicher Arbeiter, eine treue ergebene Seele, die Laust aus dem Armenhause zu sich genommen und für sein Gewerbe angelernt hatte, einmal, weil ihm dies am billigsten kam, dann aber auch, weil ihm die Stadt in den ersten Jahren auch noch eine Summe Geld für die Pflege des Knaben bezahlen mußte.

An einem Samstagabende ging Jes nach der Arbeitszeit nach dem Brunnen auf dem Hofe, wusch sich sorgfältig, kämmte sein hübsches braunes Haar nach feinster damaliger Mode in die Stirn hinab, zog einen langen hellbraunen Wamms an und klopfte alsdann an die Thür zur Wohnstube des Brauers.

Laust Sillesen Bjerg galt für den reichsten Bürger in Äbeltoft, er saß im Rathe der Stadt und war zugleich Altmeister der Brauer und Branntweinbrenner. Er hatte zwei Schiffe auf der See, und seine Brauerei versah die ganze Umgegend.

Von Person war er ein kleiner fetter Mann mit dicken Backen, hellem Haar und einer dicken klumpigen Nase, die einige Jahre früher Veranlassung zu einer Begebenheit gegeben hatte, so wichtig, daß sie unmöglich in dieser wahrhaften Geschichte übergangen werden kann. Außerdem, daß Laust Bjergs Nase so unangenehm auffallend in der Form war, machte sie sich durch eine fast zinnoberrothe Farbe bemerklich, die bei zunehmender Kälte in das Violette übergehen und bei strengem Frostwetter sogar dunkelblau werden konnte. Laust mußte über die wechselnden Farben dieser Nase viel hören, die Leute waren in Äbeltoft so boshaft und spottsüchtig; im Sommer, wenn die Nase schön roth war, nannten sie ihn Laust Rosenberg; an einem Winterabend schrieb eine neidische Seele mit Kreide auf den Fensterladen: Laust Blauberg. Es war auf die Länge nicht auszuhalten. Nach einer gründlichen Überlegung mit Verwandten und Freunden begab sich Laust auf das Rathhaus und bat die hohe Obrigkeit für sich und seine Nachkommen um Erlaubnis, den Namen Bjerg weglassen zu dürfen, so daß es in den Registern der Stadt, im Steuerbuche und auf dem Schilde vor dem Hause künftig nur hieße »Laust Sillesen«. Die Erlaubnis erhielt er und ich theile die Geschichte von der Verkürzung seines Namens zum Aufschluß für diejenigen mit, welche, wenn sie Laust Sillesens Thaten vernommen haben, den Wunsch hegen könnten, ihre Verwandtschaft mit ihm geltend zu machen.

An dem erwähnten Samstagabend klopfte Jes also an des Brauers Thür und steckte den Kopf hinein, als er aber sah, daß Fremde da waren, wurde er roth, zog sich zurück und wartete draußen vor der Thür. Ein wenig später hatte er besseres Glück, Laust war allein und stand pfeifend am Fenster.

Jes hustete, räusperte sich und zeigte alle Merkmale einer tiefen Verlegenheit, während er dem Hausherrn erzählte, wie sehr er Marie liebte, daß sie seit vielen Jahren seine Hoffnung und Sehnsucht gewesen und es ganz undenkbar wäre, er könnte je ohne sie leben. Laust Sillesen gewährte ihm Zeit sich auszusprechen und es umspielte seinen Mund sogar ein kleines wohlwollendes Lächeln, während Jes in stets muthigeren Ausdrücken seinen Gefühlen Luft machte. Als er endlich nichts mehr zu sagen wußte, ließ sich der Brauer auf die Bank nieder und sagte:

»Setze dich, lieber Jes, dann wollen wir die Sache besprechen. Du kennst mich jetzt seit vielen Jahren und weißt, was für ein tüchtiger und geriebener Geschäftsmann ich bin. Kommt da ein Bauer mit einem Fuder Getreide auf unsern Hof gefahren und ich vernehme, daß er in Geldverlegenheit ist, dann feilsche ich mit ihm und biete ihm nur die Hälfte von dem, was feine Gerste werth ist. Haben wir drüben in der Brauerei eine Pfanne Malz gebrannt und verdorben, und es gelingt mir, sie einem, der sich nicht vorsieht, aufzuschwatzen, so muß er sie bei meiner Seelen Seligkeit nehmen: das ist das Recht des Geschäftsmannes, und in seinem Geschäfte ist jeder ein Dieb. Aber höre, mein Junge, mit Verlust und Schaden die Waare losschlagen, sie fortgeben und nichts dafür bekommen, das könnte, rein herausgesagt, nur ein Schwachkopf thun, aber nicht Laust Sillesen. – Was bist du, werther Jes, anders als ein lausiger Kerl, der nicht so viel Thran hat, um sich die Stiefel schmieren zu können, und was ist Mike? Die reichste Jungfrau in der Stadt.«

»Ich habe seit vier Jahren meinen Lohn bei Ihnen stehen lassen,« wagte Jes zu bemerken. »Ich kann bald selbst ein eigenes Geschäft anfangen.«

»So! Wo ist denn dieser Lohn? – Ich habe dir Geld versprochen, ei freilich, aber ich nehme mein Wort zurück, wenn du auf Dummheiten sinnst. – Ein eigenes Geschäft anfangen! – Ei, hör' nur einer! Ich läugne, daß ich dir einen Schilling schuldig bin, du kannst es durch nichts beweisen. Ich sage, du hast deinen Lohn erhalten, damit sind wir fertig. – Dein eigenes Geschäft anfangen – ei, sieh! Du bist mir im Gegentheil Geld schuldig, viel Geld, viele tausend Thaler, für alles, was ich dir beigebracht habe. Kommst du mir so, dann freue dich auf das Tänzchen, das ich dir aufspielen werde; ich bin nicht umsonst eilf Jahr Gerichtsschöffe gewesen. Ein Mann des Gesetzes spinnt Hanfschnüre, aber wahrhaftig nicht, um sich selbst daran aufzuhängen.«

Jes stand da und weinte über alle die Drohungen und finsteren Bilder, die ihm Laust in Aussicht stellte. »Wenn alles fehl schlägt, so habe ich da zwei starke Arme, die kann mir niemand nehmen, und werden Sie zu streng, dann bekomme ich auch wohl noch in einer andern Brauerei einen Platz.«

»Das glaube ja nicht, mein Junge! Niemand wird von dir etwas wissen wollen, denn sobald ich dich erst fortgejagt habe, gehe ich umher und verklatsche dich bei allen Leuten: Nehmt euch vor dem Bengel in Acht, – er ist nicht so, wie er aussieht, – er kam vor der Zeit aus meinem Brote, – um seiner Vorzüge willen war es schwerlich. Ich sage nichts Bestimmtes, so daß du keine Handhabe gegen mich hast, aber ich werde schon dafür sorgen, daß dich die Leute nicht wieder nehmen. – Ja sicherlich! Du könntest dann dreist zu einer andern Brauerei laufen und erzählen, was für Kunststücke du von mir gelernt hast – gemeinen Gagel, anstatt des Hopfens hinzuzuthun und das Malz zu bräunen, damit das Bier stärker aussähe, – reine Einbildung! Nein, du bleibst hier und schlägst dir die Grille, Mike zur Frau zu nehmen, aus dem Sinne. Kämet ihr zusammen, so müßte ich ja euch beide beköstigen und kleiden, und ihr brächtet mir doch nicht den Nutzen, den ihr mir jetzt bringt. – Ihr könnt euch ja meinetwegen nach wie vor lieben, das verdenke ich euch gar nicht, ich bin ein vernünftiger Vater und verweigere niemandem ein unschuldiges Vergnügen, aber du kommst ihr nicht näher, du siehst nicht nach ihr hin und schwatzest nicht mit ihr hinter der Thür; treffe ich euch zusammen, werde ich euch die Ohren waschen, darauf könnt ihr fluchen. Ich muß auf Ehre und Ansehen halten, da Mike verlobt ist.«

»Verlobt!« wiederholte Jes mit Augen, die vor Schrecken starr waren. »Verlobt?«

»Ja, meiner Treu, sie ist mit dem Sohne des Böttchers Mads verlobt. Die Sache wurde an dem Tage, an dem ich meinen neuen Hut erhielt, abgemacht.«

»Da weiß sie ja nicht ein Wort davon,« stöhnte Jes.

»Was geht das sie an, ehe sie sich kriegen? Zwischen Mads und mir ist es vollkommen in Richtigkeit gebracht. – So haben wir beide denn nichts mehr darüber zu schwatzen. – Guten Abend, lieber Jes! – Aber warte, da fällt mir noch gerade etwas ein! Von den Kriegsschiffen draußen in der Bucht ist mir eine Bierlieferung aufgetragen worden. Das ganze letzte Gebräu soll morgen früh nach den holländischen Schiffen gesandt werden. Das könnte ganz gut vertragen, wenn es etwas schwächer als sonst wäre, du verstehst mich schon, sorge dafür. Ich und Hans Peter werden es selbst abliefern.« – Jes verneigte sich und verließ das Zimmer. Laust begann wieder zu pfeifen.

Unsere Geschichte ereignete sich in dem unglücklichen Jahr 1659. Karl Gustav belagerte Kopenhagen; Kurfürst Friedrich Wilhelm zog mit einem Heere von Brandenburgern, Kaiserlichen und Polen Jütland hinauf. Nach ihrer Versicherung kamen sie, um uns gegen die Schweden zu helfen, und begannen damit in den Städten zu plündern und zu brandschatzen, auf dem Lande zu stehlen, die Kirchen als Pferdeställe zu benutzen, auf jeden Pflug eine Steuer von zehn Thalern zu legen und sie mit zwanzig zu erheben. – Die Feinde waren vorausgegangen, die Freunde folgten ihnen, die Krähen nahmen, was die Raben übrig gelassen hatten.

Äbeltoft und Umgegend erhielt eine Besatzung von Polen unter Befehl des Wojewoden Czarniezki. In seinem Gefolge war ein polnischer Edelmann, Passek, der eine lehrreiche und völlig ungeschminkte Schilderung davon hinterlassen hat, wie seine Landsleute die Zeit in dem fremden Lande damit hinbrachten zu brandschatzen und Contributionen einzutreiben, zu nehmen, was sie fanden, und stets mehr zu verlangen.Siehe Pantins Chronik von Carit Etlar Passek war Rittmeister und lag bei Laust Sillesen im Quartier. Er war jung, schön, lebenslustig und schien ein höchst liebenswürdiger Cavalier zu sein, der in seiner freien Zeit spielte und zechte, den Adel der Umgegend besuchte, auf Jagd ging und die Hirsche in die Torfmoore trieb, worauf sie ergriffen wurden, während sie sich aus dem Wasser zu retten suchten. In dem Hause des Brauers zeigte er sich gutmüthig und zuvorkommend; er hatte nur die Eigenthümlichkeit, daß er sich von keinem anderen als von Marien bedienen lassen wollte.

Ungefähr eine Stunde, nachdem Laust es Jes auf das Strengste verboten hatte, seiner Tochter näher zu kommen, als die Entfernung von der Brauerei bis zur Küche betrug, klopfte Marie an die Thür zu des Rittmeisters Zimmer. Passek lag mit aufgeknöpfter Jacke und polnischen Halbstiefeln auf der Bank am Fenster. Er lächelte, als das junge Mädchen eintrat, blieb liegen und streckte ihr beide Arme entgegen.

»Kommst du endlich,« sagte er, »ich sah deinen Vater in die Vorhalle des langen Gelbgießers hineingehen. Schiebe den Riegel vor die Thür und setze dich hier zu mir her.«

Marie schaute ihn verwundert an. Es lag in ihren großen graublauen Augen, als sie die Thür verriegelte und auf die Bank zuschritt, ein großer Ernst und Kummer.

»Komm, liebes Kind, setze dich, – nein, noch näher. Fürchtest du dich etwa vor mir? – Was für ein feines Händchen! Schade, daß sie von der Sonne so verbrannt ist. Nun wollen wir einmal recht gemüthlich mit einander plaudern, wir beide! Ich habe bemerkt, daß dein Vater, sobald er den langhalsigen Gelbgießer da drüben besucht, stets erst spät heim kommt; sie machen gewiß ein Spielchen. – Sage mir jetzt zu allererst, weshalb du nie in der Dämmerstunde hast zu mir kommen wollen. Ich ließ doch die Thür jeden Abend offen stehen und saß und wartete auf dich.«

Marie war vor der Bank des Rittmeisters stehen geblieben; er hatte ihre Hand genommen und behielt sie in der seinigen, sie schien es nicht zu bemerken. Die Thränen strömten ihr die Wange hinab, indem sie leise mit furchtsamer Stimme sagte:

»Ich habe in den letzten Tagen viel an Sie gedacht, gnädiger Herr! Sie sind so brav und gut, wie Sie aussehen, ich weiß es, und sind der einzige in der ganzen Welt, der mir aus meiner großen Noth und meinem Elend heraushelfen kann.«

Passek stutzte, er ließ ihre Hand los und verstand nicht recht, was sie mit dieser Einleitung meinte. »Woher weißt du, daß ich brav und gut bin?«

»Sie haben Ihren Rappen so lieb und schonen ihn stets. Gestern Morgen schalten Sie den Wärter, weil er ihn mit der Striegel schlug. Als neulich Hans Peter die Leiter des Maurermeisters nahm und eine junge Schwalbe vom Dache holte, nahmen Sie sie ihm ab, kletterten hinauf und setzten sie wieder in das Nest. Da dachte ich daran, daß Sie vielleicht auch mir helfen würden, wenn ich Ihnen meine Noth klagte. Ich bin ebenfalls so ein kleiner Vogel, dem man bittres Leid zufügt, und der sich nicht selbst retten kann.«

Darauf erzählte sie Passek, abgebrochen und nach Worten suchend, und während sich eine tiefe Röthe über ihre Wangen ergoß, daß sie Jes, so lange sie denken könnte, lieb gehabt hätte, und daß es ihres Lebens höchstes Glück sein würde, die Seinige zu werden und mit ihm zusammen zu arbeiten, aber Jes wäre arm, und sie wäre reich, und deshalb könnte nichts daraus werden. Der Vater hätte sie zu ihrem großen Schmerze für den Sohn des Böttchers Mads bestimmt; es nützte nichts, wenn sie auch nein sagte, darüber lachten sie nur. Die Leute meinten, es wäre für sie eine gute Partie, weil Mads ein großes Haus hätte und ein wohlhabender Mann wäre. Nun wäre es ihre demüthige Bitte, der gnädige Herr möchte sich ihrer und des Jes ein wenig annehmen, sie wüßte selbst nicht wie, – ihr rathen, was sie anfangen sollten, – sie wüßte niemanden, an den sie sich wenden könnte, – mit ihrem Vater reden und für sie bitten, – Laust Sillesen hätte so große Achtung vor dem Rittmeister. Sie wüßte nur so viel, daß sie für ihre ganze Lebenszeit unglücklich werden würde, wenn man sie zwänge, mit dem Böttchersohne vor den Traualtar zu treten.

Passek hatte sich, während sie sprach, von der Bank erhoben, er knöpfte seinen Dolman zu und stand gerade und schweigend vor ihr; auch der Ausdruck, mit dem er sie noch so eben begrüßt hatte, war verwandelt. In der wehrlosen Unschuld liegt immer etwas, was Ehrerbietung einflößt; sie kommt zu uns wie der Gesang aus einer Kirche und scheint uns zu sagen: Hier ist Gott gegenwärtig.

»Ich will euch gern helfen,« sagte er, »wüßte ich nur, wie wir das Ding anfangen sollten. Ich schlage dem schieläugigen Böttcherbengel den Kopf ab, ehe er dich bekommt. Ich will hineingehen und deinem Vater eine Predigt halten, – aber was nützt das, er ist ein starrsinniger alter Mann, der mit Glimpflichkeit angefaßt werden muß. – Geh deiner Wege, mein Kind, und laß mich darüber nachdenken, trockne deine Augen, du mußt nicht weinen. Ich finde schon noch ein Mittel. Ihr könnt euch auf mich verlassen, beide. Wir wollen der Sache schon eine Wendung zum Guten geben, – obgleich du, das sage ich dir als meines Herzens aufrichtige Meinung, für diesen Jes mit dem braunen Gesicht und dem krausen Haare als Frau viel zu gut bist.«

Marie trocknete sich die Augen mit der Schürze, küßte Passek die Hand und verließ das Zimmer.

Früh am nächsten Morgen herrschte in dem Hause des Brauers reges Leben. Draußen im Hofe luden die Knechte einige gewaltige Biertonnen auf die Wagen. Jes stand in der Thür des Brauhauses und wichste Laust Sillesens Stiefel; Laust selbst zog sich vor einem kleinen Stück Spiegel am offenen Fenster an. Alle Augenblicke rief er Marie in das Zimmer, ihm das Halstuch zu binden, seinen Hut zu bürsten, den Messinggriff seines Degens zu putzen. Als dies alles besorgt war, mußte sie draußen vor der Thür Wache halten und aufpassen, daß niemand Laust störte, wahrend er im Zimmer auf und ab ging und die Begrüßungsworte überlas, mit denen er draußen auf den Kriegsschiffen vor den Admiral zu treten gedachte. Es wurde ebenfalls glücklich vollbracht, Laust lächelte und betrachtete sich im Spiegel; er war mit sich selbst zufrieden.

Da kam Hans Peter mit einem höchst verzweifelten Gesicht in die Stube gestürmt. Er hatte zweimal zum Schuster nach seinen neuen Schuhen geschickt, sie sollten versprochenermaßen bis acht Uhr fertig sein, jetzt war es neun, und der Mann fand sich nicht ein.

»Onkel, Onkel! Ich komme gewiß nicht mit,« fügte der Bube heulend hinzu.

Laust stand einen Augenblick still und überlegte. Hans Peter mußte nothwendig mit, er sollte ja den Rathsherrnmantel tragen und konnte bei einer so feierlichen Gelegenheit durchaus nicht entbehrt werden.

»Laß das Heulen, Bube! Lauf' nach dem Schrank in der Oberstube und nimm dir die grünen Korduan-Schuh mit den silbernen Schnallen, die du von deiner seligen Tante erbtest; mit denen kannst du gehen.« »Tantens Schuh! u – u! Onkel, Onkel! Der eine ist ja geflickt, und sie sind mir viel zu groß.«

»Dagegen gibt es Mittel, stopfe ein wenig Wolle hinein, mein Junge! Und nun fort mit dir!«

Da Hans Peter aus Erfahrung wußte, daß es gegen diesen Erlaß keinen Widerspruch gab, begnügte er sich damit, eine verdrießliche Miene anzunehmen und schlenderte mit den Achseln zuckend zum Zimmer hinaus.

Die Schuhe der seligen Tante waren jedoch nicht allzu groß, sie paßten so ziemlich, überdies blitzten die silbernen Schnallen, Hans Peter war mit sich eben so zufrieden wie Laust Sillesen. Als er sah, wie sich der Brauer den Degen umschnallte, kam ihm eine neue lichte Idee.

»Der Onkel sieht leibhaftig wie ein Hauptmann, wie ein Oberst aus,« sagte er, »ich will auch Soldat sein.« Mit diesem Entschluß steckte er eine kleine weiße Entenfeder auf seinen Hut und nahm sein großes Taschenmesser in die Hand.

Laust Sillesen kommandirte zum Aufbruch, küßte Marie und der Zug zog zum Hofe hinaus. Zuerst die beiden schweren Bierwagen, begleitet von drei Brauknechten, darauf Laust, zuletzt kam Hans Peter mit dem Rathsherrnmantel, das Taschenmesser trug er geöffnet in der Hand und ging und focht unbarmherzig damit in der Luft umher. Unten auf der Straße traf er einen Jungen, der bei Seite trat und Laust Sillesen mit tiefer Ehrfurcht grüßte.

»Onkel soll mit in den Krieg ziehen!« flüsterte Hans Peter, »da draußen hinaus auf die Schiffe, sie haben nach ihm geschickt. Wenn wir kommen, schießen sie mit all den großen Kanonen. Ich soll auch mit.«

Weiter unten auf der Straße kam ein anderer Junge. »Gott steh' mir bei, Sören Brask!« sagte Hans Peter und streckte ihm mit feierlicher Miene die Hand entgegen. »Jetzt soll ich in den Krieg und mich mit dem Schweden schlagen, an Bord der Kriegsschiffe, weit hinaus in das wilde Meer. Ich bekomme ein weißes Bandelier und einen richtigen Säbel, vielleicht geben sie mir auch ein Luntengewehr, wenn ich mich geschickt anstelle. Grüße die anderen Jungen und sage ihnen Lebewohl, mich seht ihr gewiß nie wieder.«

Nach dieser Versicherung schritt Hans Peter weiter und stach mit dem Taschenmesser noch weit grausamer als zuvor um sich. Je mehr sie sich jedoch dem Strande näherten und nun die Schiffe draußen in der Bucht gewahrten, von der Sonne beschienen mit halb eingezogenen Segeln, die Menge Taue, die sich in allen Richtungen kreuzten und sich dunkel gegen die blaue Luft abzeichneten, desto friedlicher wurde Hans Peter gesinnt; er drängte sich näher an Laust Sillesen heran und mordete keine Feinde mehr. Unten am Hafen klappte er das Messer zu und steckte es in die Tasche, natürlich nicht aus Furcht, sondern weil er sich von der Erhabenheit des sich ihm darbietenden Schauspiels ergriffen fühlte.

Es war kurz vorher beschlossen worden, daß die fremden Hilfstruppen von Jütland aus eine Landung auf Fünen versuchen sollten, und der Kurfürst ließ aus diesem Grunde Transportschiffe in der Äbeltofter Bucht unter dem Schutze von zwei dänischen und drei holländischen Kriegsschiffen sammeln. Das Admiralschiff der Holländer hieß »Magd van Enkhuysen« und ward vom Admiral Opdam geführt; auf dieses sollte Laust Sillesen seine Biertonnen bringen.

Als er zum Einschiffungsplatz hinab kam, lagen zwei Barkassen da und erwarteten ihn. Hans Peter war bewegt, ein leichter Schauder befiel ihn unter dem Ernste des Augenblicks. Laust Sillesen dagegen behielt seine ruhige und würdige Miene bei; sein dreieckiger Hut saß verwegen hinten auf dem Kopfe, der lange Rathsherrndegen, auf dem seine linke Hand ruhte, stand fast wagerecht auf die Seite hinaus. Er wurde sehr überrascht, als er Passek und zwei andere polnische Officiere unten bei den Schiffen traf.

»Wir gehen mit Ihnen an Bord,« sagte der Rittmeister. »Der Admiral gibt heute ein kleines Fest. Es wird lustig hergehen, darauf können Sie sich verlassen.«

Als die Biertonnen in die Schiffe hinabgelassen waren, erschallte die Bootmannspfeife. Die Barkassen stießen vom Lande. Ein Menge Leute standen am Strande umher, die Aufmerksamkeit der meisten war auf den Brauer gerichtet, einmal weil er sich in seiner erhöhten Würde so stattlich ausnahm, besonders aber, weil es Äbeltoft, ihre eigene Stadt, war, die eine Person wie Laust Sillesen hervorgebracht hatte. Indem das Schiff vom Lande stieß, winkte er einem kleinen buckligen Männchen mit einer rothen wollenen Mütze, von der eine lange Troddel bis auf den Nacken hinabhing, und sagte:

»Gehe nach Hause, Peer Siple, und grüße Mike und meine Leute von mir, es würde vielleicht etwas spät werden, ehe ich zurückkehre.«

Darauf machte er zu einem allgemeinen Abschiede von allen eine Handschwenkung und nahm hinten im Boote unter den Officieren Platz.

Die Barkassen hatten weit zu rudern, es war seichtes Wasser in der Bucht, so daß die Kriegsschiffe, welche zum Schutz der Transportflotte dienten, nicht in den Hafen einlaufen konnten, sondern in einer Linie zwischen Helgenäs und Hasselöre ankern mußten. Indessen war das Wetter schön und die See ziemlich ruhig. Laust Sillesen saß da und hielt sich mit der einen Hand am Rande des Bootes fest, die Augen unverwandt auf die gestreifte holländische Flagge auf dem höchsten Topp des Admiralschiffes gerichtet. Während er Schweigen beobachtete, weil niemand da war, der sich an ihn wandte, führten die fremden Officiere unter sich ein lebhaftes Gespräch.

»Ihr müßt mir helfen,« sagte Passek, »ich habe mit diesem Rathsherrn hier etwas vor. Er will seine Tochter einem Ziegenbock von Böttchersohn geben; das Mädchen liebt einen andern, und ich habe ihr versprochen, sie solle ihn bekommen.«

»Wie sieht sie aus?«

»Niedliche Augen, welche verkünden: Was du mir auch sagst, ich glaube allem.«

»Pardieu! Ein junges hübsches Mädchen und ein Rittmeister zur Einquartirung, das Rechenexempel kann man sich zurecht legen.«

»Sie liebt ihren Brauer,« erwiderte Passek, »dabei läßt sich nichts machen. Ich will ihnen helfen, aber wie soll ich es anfangen? – Ich kann den Admiral vielleicht bewegen, den Mann mit dem Degen einige Tage an Bord zurückzuhalten, während wir ihm seine Einwilligung abpressen.«

»Wir machen ihn betrunken,« schlug ein anderer vor, »bewegen ihn, Handgeld zu nehmen, dann ist er angeworben und muß Uniform tragen, bis alles in Ordnung ist.«

Dieser Vorschlag fand Beifall, der Plan war gemacht. Die Officiere warfen einige ausdrucksvolle Blicke zu dem Brauer hinüber, der diese Aufmerksamkeit vollkommen mißverstand, sich in die Brust warf und den Hut noch ein wenig tiefer in den Nacken zurückschob.

Gleich darauf legte die Barkasse bei der Fregatte bei, die Gäste stiegen an Bord, der Admiral empfing sie oben an der Fallreepstreppe und Laust Sillesen wurde, wie er später versicherte, seine Begrüßungsworte, die er sich zu Hause noch einmal überhört hatte, außerordentlich glücklich los. Hans Peter trug den Mantel, er kam zuletzt und kletterte mit großer Vorsicht aus der schaukelnden Barkasse hinauf. Als Laust das Deck entlang ging, wandte er sich nach dem Knaben um und zeigte schweigend auf die großen Kanonen. Hans Peter machte einen schnellen Seitensprung, um so weit wie möglich von ihnen fortzukommen. Gleich darauf zupfte er Laust am Rocke und zeigte auf eine Reihe Enterbeile, Säbel und Pistolen, die in einem Kreise um den großen Mast hingen. Hatte er in diesem Augenblicke seine wahre Herzensmeinung sagen sollen, dann hätte er sich am liebsten nach Äbeltoft zurückgewünscht; er fühlte durchaus keine Lust, in den Krieg zu ziehen und mehr Menschen zu morden als die, welche er bereits draußen auf der Straße umgebracht hatte.

Das Wetter hielt an diesem Tage nicht seine Versprechungen. Die Sonne verbarg sich hinter Wolken, und der Wind erhob sich, die Fregatte begann immer heftiger zu schwanken, je höhere Wellen das Meer in der Bucht schlug. Laust Sillesens Gesichtsfarbe erlitt eine sichtliche Veränderung, er wurde blässer, selbst die Nase zeigte keine Spur von Röthe mehr. Während er so dastand und sich an einem Tauende hielt, kam Passek freundlich und zuvorkommend zu ihm.

»Sie schaukelt entsetzlich,« sagte Laust und blickte mit verächtlichem Lächeln auf die weißen Schaumspitzen hinaus. »Hätte der Admiral Zeit, mir meine Rechnung für das gelieferte Bier zu zahlen, so möchte ich mich am liebsten wieder auf die Heimfahrt machen.«

»Ei, Redensarten! Was soll das heißen? – Ist Ihnen hier draußen angst?«

»Mir angst?« wiederholte Laust und warf sich in die Brust; »das kann unmöglich Ihr Ernst sein, Herr Rittmeister. Ich bin zwar nur Bürger und Rathsherr zu Äbeltoft, habe aber mein Lebenlang Lust zum Kriegshandwerk gehabt. Stechen und fechten ist jetzt mein Hauptvergnügen, und in diesen Kriegszeiten wünsche ich oft, es möchte sich eine Gelegenheit darbieten, bei der ich meinen Muth und meine Mannhaftigkeit an den Tag legen könnte. Nachbar Gelbgießer kann es mir bezeigen, daß ich es oftmals gesagt habe.«

»Ja, wer weiß, die Gelegenheit kann vielleicht kommen.«

»Leider muß ich aber schnell wieder nach Hause, denn wir haben in diesen Tagen viel zu besorgen.«

»Davon kann gar nicht die Rede sein,« meinte Passek. »Man will uns erst eine richtige Mahlzeit vorsetzen, und Sie, Rathsherr, sind auch eingeladen. Ich bin in der Küche des Schiffskochs gewesen. Was werden da für Gerichte bereitet: Hummer und Lachs, Birkhähne und Hasen! Und dann erst die Getränke: Französische und spanische Weine, Marsagli- und Cyperwein, es gibt auf der königlichen Tafel kaum bessere.«

»Ich habe heute keinen Appetit,« versicherte Laust wahrheitsgetreu.

»Wollen Sie ein wenig ruhen, so will ich Sie in die Officier-Kajüte einführen, da können Sie dann bleiben, bis die Mittagsglocke läutet.«

Der Vorschlag fand Lausts Beifall, und er folgte dem Rittmeister in eine kleine Kammer neben der Kajüte des Admirals. Hier schien das Schiff noch stärker zu stampfen. So oft die Wellen gegen die Seite schlugen, knackten die Planken mit einem höchst unheimlichen Ton, die Stückpforten klapperten. Die Luft war schwül und schwer, alles roch nach Theer. Laust fand keine Ruhe, eine seltsame Unruhe überfiel ihn; an Schlafen war gar nicht zu denken; er hatte ein Gefühl, als sollte er weinen.

Hans Peter kam in die Kammer hineingestürzt. »Onkel, Onkel,« rief er jammernd, »ich will nach Hause. Höre, wie es knackt, das Schiff bricht sicher auseinander; oben ist das ganze Deck voller Blut, ich habe einen Tropfen auf Tantens einen Schuh bekommen.«

»Dummes Zeug, Junge! Wo sollte das Blut herkommen; in diesen Tagen ist keine Schlacht gewesen. Laß mich einmal sehen. Das ist ja Theer!«

»Pfui! das ist Theer. Aber ich will doch nach Hause, denn sie gehen dort oben umher und grinsen mich an. Einer von den Matrosen zeigte mich den andern. ›Seht, welche schöne Plattfüße das kleine rothe Meerungethüm hat! Gelt, du bist von Holland?‹ – Dann zog er mich zu sich hin, und als er sah, daß mir Tantens Schuhe an den Hacken zu groß waren, klopfte er in das Loch hinein seine Pfeife aus und spuckte oben drauf. ›Segle jetzt ab,‹ sagte er, ›jetzt hast du Ladung.‹

Laust Sillesen bekam nicht Zeit, seine Theilnahme zu äußern; draußen entstand ein wachsender Lärm, die Bootmannspfeife und Commandorufe erschallten, es rollte auf dem Verdecke hin und her, als ob man sich mit den Kanonen zu schaffen machte. Was dort geschah, erzählt Passek in seinem Tagebuche weitläuftig. Wir können hier nur wenig davon Gebrauch machen.

Der Matrose, der oben im Mastkorbe scharfen Ausguck hielt, hatte hinabgerufen, daß Schiffe auf die Bucht zusegelten. Der Admiral und seine Officiere wurden heraufgerufen, sie sahen aus dem grauen Nebel zwei große Schiffe hervorkommen, die zusammen über das Meer dahinzogen. Gleich darauf meldete der Mann im Mastkorbe, daß noch zwei kämen, und so ging es weiter, bis er die Annäherung von fünfzehn Schiffen berichtet hatte, welche alle auf die ausgedehnte Linie lossteuerten, die die Schiffe der Holländer und der Dänen in der Bucht bildeten. Der Nebel hatte ihnen gestattet, ziemlich nahe zu kommen, ehe sie gesehen wurden. Von der Spitze eines jeden Mastes wehte die schwedische Fahne, und ihre Absicht, die Transportflotte, welche im Hafen versammelt lag, zu nehmen oder zu vernichten, wurde ziemlich deutlich dadurch an den Tag gelegt, daß jedes Schiff, sobald es nahe genug gekommen war, seine Breitseite zeigte und eine heftige und anhaltende Kanonade begann. Opdam erwiderte Schuß um Schuß, er ermunterte und trieb an, stand mit dem Fernrohr vor dem Auge da, commandirte und ließ das Commando weiter verkünden, es war etwas für ihn, er hatte überdies lange in Unthätigkeit dagelegen.

Die See ging immer höher, der Sturm nahm zu, es pfiff und schlug in die Takelagen, das Schiff erbebte unter den dröhnenden Salven. So oft die Lafetten nach den Schüssen zurückprallten, rollten und rasselten sie das Verdeck entlang, und so ging es zu, daß sich Laust Sillesen plötzlich und unvermuthet mitten in dem Schrecken einer Seeschlacht befand und sich endlich die längst gewünschte Gelegenheit darbot, bei der er seinen Muth und seine Mannhaftigkeit an den Tag legen konnte.

Der Kampf wurde fortgesetzt und schien heftiger zu werden. Hans Peter heulte und trippelte in der Kammer auf und nieder, Laust saß mit gefalteten Händen, blauen Lippen und starren Augen auf dem Fußboden. Eine Stückkugel war so eben durch die Wand geschlagen und hatte die Planken der einen Seitenbekleidung zersplittert. Laust wagte kaum dorthin zu sehen, es wurde ja schlimmer und schlimmer.

»Wenn nur die Schweden bald in Fetzen zerschossen würden oder draußen in der hohen See ertränken,« war Hans Peters frommer und aufrichtiger Wunsch.

»Halte den Mund, Junge!« sagte Laust, »falte deine Hände und bete ein Vaterunser, man muß friedfertig sein.«

So ging es eine Weile fort. Der Lärm um sie her nahm zu; sie athmeten nicht mehr Luft, sondern Pulverdampf ein. Hans Peter begann aufs neue zu heulen, seine rothen Haare schienen sich auf seinem Kopfe emporzurichten, während er in der Kammer umhertobte und beide Hände in die Seite stemmte. »Onkel, Onkel, mit mir ist es aus, mit mir ist es aus!« rief er.

Laust kroch hin und öffnete die Thür. Der Junge lief auf das Verdeck hinauf und ließ sich nicht wieder blicken. Etwas später kam Passek herein.

»Wie geht es?« fragte Laust.

»Wir haben mehrere unserer Leute verloren; es ist ein heißer Tag, und keine Aussicht dazu, daß es für das Erste aufhören wird. Sie schlagen sich wie Teufel, diese Schweden, aber Opdam ist ihr Mann. Lieber in die Luft sprengen, als sich ergeben, war so eben sein Wort. Ich sage es Ihnen als Freund, weil es gut ist, auf das, was geschehen kann, bereit zu sein.«

»Bereit!« wiederholte der Rathsherr und stützte die Hände auf den Fußboden, »bereit, auf was?«

»Ja, Sie müssen einmal sterben, wie wir andern alle. In einem Augenblicke wie dieser, pflegt man gern an sein Leben zu denken, und fühlt man sich von irgend einer Sünde oder von einem Unrechte bedrückt, so sucht man es wieder gut zu machen.«

»Ich habe nie gegen jemanden eine Sünde oder Unrecht begangen,« versicherte Laust feierlich.

»Sind Sie dessen sicher?«

»Ich habe jeden Samstag unter die Armen vor der Thüre Almosen vertheilt und den Wittwen und Krüppeln zu Weihnachten Lebensmittel und etwas Fries geschenkt. Auch habe ich, als für die neue Kirchenglocke gesammelt wurde, siebzehn Liespfund altes Messing und zwei Thaler gegeben. Alle meine Kunden erhielten gute Waaren und richtiges Maß. Da war freilich im letzten Sommer die Geschichte mit dem Schweine meines Nachbars, das lief immer auf unsern Hof und fraß mir eine Ente mit neun großen Küchlein auf. Nun sagten sie, ich hätte es in das Wasserloch hinten an der Hecke geworfen und es darin ertränkt, aber der Nachbar gewann den Proceß nicht, – er hatte es nicht beweisen können,« fügte Laust hinzu, aber mit einem halben, selbstzufriedenen Lächeln.

»Anderes haben Sie nicht auf dem Gewissen?«

»Nicht das Mindeste, es müßte denn sein –.« Laust konnte nicht ausreden, eine Kugel flog mit gewaltigem Krachen in die Kammer hinein, zersplitterte die Deckbretter und bohrte sich nur einige Schritte von dem Brauer durch die Wand. Laust stieß einen Schrei aus, streckte Passek die Hände entgegen und flehte ihn um Hilfe an.

»Kann ich nicht Erlaubnis zur Heimfahrt erhalten, lieber, ausgezeichneter Herr Rittmeister? Ich gebe Ihnen einen ganzen Anker von dem theuren spanischen Weine, den Sie so gern trinken, zum Besten. Bitten Sie den Admiral um Erlaubnis, daß ich das Schiff verlassen darf.«

»Er hat jetzt an anderes zu denken. In einem Augenblicke wie dieser, verläßt niemand das Schiff. Es sind nur wenig Feuerwerker und eine geringe Mannschaft vorhanden; verlieren wir noch einige unserer Leute, dann müssen Sie wie ich bei den Kanonen mithelfen. Hier ist die Gelegenheit, von der Sie vorher sprachen, Ihren Muth und Ihre Mannhaftigkeit an den Tag zu legen.«

Eine neue Salve ließ das ganze Schiff erbeben. Laust kroch so weit in die Ecke hinein, als es irgend ging. »Ach, Herr Jesus!« rief er, »laß mich nach Hause kommen. Sie trauen es mir gewiß nicht zu, aber der Teufel soll mich holen, wenn ich Muth oder Mannhaftigkeit besitze. Ich bin nur Rathsherr und Bierbrauer und weiter nichts. Helfen Sie mir! – Ich will es Ihnen nur gestehen, ich war es doch, der das Schwein in das Wasserloch warf und es ertränkte. Darf ich nur wieder nach Hause, soll er es bezahlt erhalten.«

»Das läßt sich jetzt nicht thun,« wiederholte Passek, »aber haben Sie den Ihrigen etwas zu bestellen, so will ich es gewissenhaft ausführen, falls Sie hier draußen zu Schaden kommen sollten. Werden Sie erschossen, will ich es auch auszuwirken suchen, daß sie Ihren Leichnam nicht zum Futter für die Fische über Bord werfen, sondern ihn anständig nach Hause bringen, damit Sie in Äbeltoft, wie es sich geziemt, beerdigt werden können.«

Laust dankte nicht für diese Aufmerksamkeit, sondern saß da und weinte.

»Haben Sie an Ihren letzten Willen gedacht und Ihr Testament gemacht?« fuhr der Rittmeister fort. »Wer soll nach Ihrem Tode Haus und Vermögen bekommen?«

»Mike soll es bekommen,« erwiderte Laust und schluchzte noch heftiger. »Gnädiger Herr Rittmeister, Sie vermögen so viel, können Sie es ruhig mit ansehen, wie ein armer Mann vor Ihren Augen dasitzt und weint und so entsetzliche Qual erduldet?«

»Ich sah gestern Abend ein armes Mädchen vor Ihnen stehen und weinen und bitten und ihre Hände ringen, um den zu bekommen, den sie liebte, aber Sie schalten, Sie drohten, Sie wandten ihr den Rücken. Zum Teufel, Mann, denken Sie ein wenig daran! Kommt da eine Kugel geflogen und reißt Ihnen Arme und Beine fort, und werden Sie verstümmelt nach Hause getragen, dann heirathet sie doch, wen sie will, Sie können es nicht hindern. Wollen Sie etwas Gutes thun und ein rechtschaffener Vater sein, so lassen Sie dieselben ein Paar werden. Sagen Sie ja, dann will ich sehen, was ich für Sie thun kann und mit Ihnen nach Äbeltoft zurückfahren, sollte ich auch das Boot selbst rudern müssen; aber bedenken Sie sich nicht zu lange.«

»Jes ist so arm, er besitzt Salz zu einem einzigen Ei.«

»Was besitzen Sie denn selbst, wenn die Feinde das Schiff in den Grund bohren, und wir alle zusammen im Meere ertrinken?«

»Wollen Sie mich nach Hause rudern, will ich daran denken.«

»Sie thun gewiß am besten, daran zu denken, ehe ich Sie rudere. Gott bewahre, wie die da draußen knallen! Ja, nun gehe ich. Leben Sie wohl, Laust Sillesen! Sollten wir uns in dieser Welt nicht wieder sehen, so nehmen Sie meinen Dank für gute Bewirthung.«

Der Rittmeister faßte die Thürklinke, Laust hielt ihn zurück. »Ach nein, ach nein, verlassen Sie mich doch nicht! Bringen Sie mich mit heiler Haut wieder nach Hause, so will ich ja sagen und Jes zu meinem Nachfolger im Geschäfte machen.«

»Das ist zwar etwas, aber es gehört noch mehr dazu. In vierzehn Tagen richten Sie ihre Hochzeit aus; ich muß wissen, daß sie verheirathet sind, ehe ich die Stadt verlasse. Entscheiden Sie sich schnell, ja oder nein. Hören Sie, wie sie auf dem Verdecke rufen und schreien, ich muß zu ihnen hinaus.«

»In vierzehn Tagen!« wiederholte Laust, indem er seinen Kopf auf die Brust senkte, – »sei es denn, es soll geschehen.«

»Gut, hier ist Feder und Tinte, stehen Sie auf und schreiben Sie, Sie wollen Jes Ihre Tochter Marie geben, ihn zu Ihrem Nachfolger machen und die Hochzeit in vierzehn Tagen ausrichten; wenn nicht, so bescheinigen Sie, Jes eine so große Summe schuldig zu sein, wie nach Abschätzung unparteiischer Männer Ihr Haus und Ihre Brauerei werth ist. Das werden Sie dann unterschreiben, ehe Sie in das Boot steigen.«

»Setzen Sie es an meiner statt auf,« flüsterte Laust, »ich zittere so, daß ich die Feder nicht halten kann.«

Der Rittmeister schrieb, der Brauer setzte seinen Namen darunter. Ein wenig später folgte er Passek auf das Verdeck hinauf. Den Mantel trug er über dem Arme, der Degen hing friedfertig die Seite hinab.

»Das dauert verteufelt lange, ehe Sie kommen,« sagte Admiral Opdam zu Laust. »Ich schickte den Rittmeister nach Ihnen, daß Sie sofort das Schiff verlassen sollten. Beeilen Sie sich jetzt in das Boot hinabzukommen. Es liegt und wartet auf Sie.«

Laust Sillesen blickte Passek an, er fand nicht Worte, seinen tiefen Verdruß über eine so schamlose Täuschung auszudrücken. Der Rittmeister verließ mit dem Boote die Fregatte.

Als sie den Hafen erreichten, läutete in Äbeltoft die Kirchenglocke zum Gottesdienst, aber es kamen an diesem Sonntage nicht viel Leute in die Kirche. Männer und Frauen, Jung und Alt, standen gruppenweise längs des Bollwerks und guckten in die Bucht hinaus, von wo sich noch immer Kanonenschüsse vernehmen ließen und über welcher der Pulverdampf wie eine Reihe hellgrauer Wollen in die Höhe stieg.

Langsam schritt Laust Sillesen zwischen allen diesen Menschen hindurch, er hatte seine aufrechte Haltung und würdige Miene wiedergewonnen; die Hand ruhte wieder auf dem Degen, der jetzt hinter ihm her in die Höhe stand und einem langen Schwanze glich. Er nickte und sandte Freunden und Bekannten rings umher ein wohlwollendes Lächeln zu.

Einen Monat später hielten Jes und Marie Hochzeit.

Aber seitdem rechnete Laust seine Zeit beständig von dem Tage, an welchem er die große Schlacht draußen in der Bucht mitgemacht hatte, und Hans Peter behauptete eben so unbefangen, daß er sich noch muthiger als der Brauer gehalten hätte, denn er lief oben aus dem Verdecke umher, während Laust unten in der Kajüte sitzen blieb.

Ende.
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