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Arme Leute - Erzählungen

Carl Brosbøll: Arme Leute - Erzählungen - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorCarit Etlar
titleArme Leute - Erzählungen
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidea7a0bf6
created20061202
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Arme Leute

Erzählungen

von

Carit Etlar

1. Jens, der lacht.

Jens hieß er und nicht anders. Der Küster kam an einem Pfingstmorgen zum Pfarrer angelaufen, als sollte er zur Kirche läuten, und erzählte, vor der Thüre zum Kirchenchore läge ein kleines Kind, in einen Kutscherrock von grobem Fries gehüllt. Er wäre so besonnen gewesen, das Kind, während er nach dem Pfarrhause liefe und die Sache meldete, an der Stelle liegen zu lassen.

»Man will sich doch mit so etwas nicht gern Verdruß zuziehen,« bemerkte er, »und das Beste ist, Ew. Hochehrwürden sehen selber nach, wie es zusammenhängt.«

Der Pfarrer ging nun mit zur Kirche hinauf, und da fanden sie das Bündel, aufrecht in eine Ecke der Thüre gestellt, klamm und feucht von dem Nachtthaue und unter Bewachung von des Küsters Hund, der sich vor die Thür gelegt hatte. Als sie die Hülle aus einander schlugen, starrten ihnen zwei große braune Augen entgegen, und das Lächeln eines kleinen Kindes begrüßte sie. Unter dem Rocke guckte ein Stück feines Linnen hervor, an dieses war ein Stück zusammengerolltes Papier geheftet, worauf geschrieben stand: »Er ist noch nicht getauft.« – War es Sünde oder Noth, die das kleine Geschöpf dorthin gelegt hatte? Niemand wußte es, auch später hat niemand es erfahren.

Der Pfarrer ließ das Kind nach seinem Hause bringen und gab es seiner Haushälterin in Obhut, während er den Gottesdienst verrichtete. Darauf wurde es wieder in die Kirche gebracht, um getauft zu werden.

Das Gerücht von dem, was geschehen war, hatte sich mittlerweile im Dorfe verbreitet, die Gemeinde war noch zur Stelle, und der Pfarrer wandte sich an die Zunächststehenden mit der Frage, ob jemand von ihnen der Pathe des Knaben sein wollte.

»Ich will es,« sagte der Dorfhirte, als die andern schwiegen. »Ich bin selber von nichts gekommen, und kenne weder Vater noch Mutter; dann soll ihm aber unser Pfarrer auch meinen Namen geben und ihn Jens nennen.«

So wurde er genannt und nach der Taufe traten die Armenvorsteher zusammen, um Jens dem Mindestfordernden in Pflege zu übergeben. Nach vielem Gerede wurde er einem alten Invaliden für die billige Summe von drei lübeckschen Schillingen die Woche überlassen, und als die Sache entschieden war, schlug der Invalide sein Tuch über die Brust und über den kleinen Jens unter seinen Armen hinüber, und trug ihn zu sich nach Hause, wie man eine Henne trägt.

Bei ihm ward Jens von nun an versorgt und brachte fünf Jahre in seinem Hause zu.

»Wenn du tüchtig in die Höhe schießen und dich gut aufführen willst,« sagte der Invalide, »so sollst du Tambour werden und des Königs Rock tragen dürfen. Das ist das beste, wozu es ein Mensch in dieser Welt bringen kann. Der Tambour geht allen andern voran und macht ihnen Musik, auch steht er in den frommen Jugendschriften. In einer habe ich gelesen, daß, wer Vater und Mutter nicht folgen will, was du, einfältiger Junge, nicht kannst, weil du gar keine hast, der soll dem Kalbfell folgen. Wer weiß, wie großes Glück dir noch trotzdem widerfahren kann. Ich sage es nicht für gewiß, aber vielleicht kannst du es so weit bringen, daß du noch einmal die große Trommel zu schlagen bekommst, die schön angestrichene Pauke mit einem Bilde darauf. Na nun, Junge, was sagst du dazu?«

Unter dieser Hoffnung brachte das Kind, wie gesagt, fünf Jahre zu; da starb der Invalide, und Jens wurde wieder vor die Kirchenthür geführt und abermals zur Pflege ausgeboten. Diesmal boten mehrere auf ihn, er sah gesund und stark aus und schien sich schon nützlich machen zu können. Er fiel endlich einem Mühlenbauer in die Hände, der unten am Bache wohnte. Als die Verhandlungen geschlossen waren, wurde Jens draußen vor den Krug gestellt, während der Mann hineinging und mit seinen Bekannten trank; erst gegen Abend zog er ihn nach Hause, und Jens bekam an diesem Tage nichts zu essen.

»Sie bezahlen nur wenig für dich,« sagte der Mühlenbauer, »deshalb mußt du desto mehr arbeiten; bist du behende und anstellig, sollst du Essen erhalten, bist du faul, setzt es Hiebe, und schlägst du gut ein, kannst du es in dieser Welt noch weit bringen. Dafür will ich sorgen. – Tod Gottes, mein Jüngchen, ein Mühlenbauer ist eben so gut wie ein Zimmermann, und von dem ist in der Bibel die Rede; unser Herr Jesus Christus war der Sohn eines Zimmermannes, wie du wohl von deinem Religionslehrer gehört haben wirst.«

»Ich habe keine Religion gelernt,« versetzte Jens.

Der Mühlenbauer machte Halt, stützte seinen Stock gegen den Boden und schlug aufgebracht mit den Armen durch die Luft. »Was für ein Esel muß dein erster Vater gewesen sein! Sieben Jahr alt und keine Religion im Leibe! – Nimm die Beine in die Hand und komme hierher, dann will ich dich Religion lehren, während wir nach Hause gehen. – Du weißt doch, wer Gott ist? Denke nun gut nach und antworte vernünftig.«

»Nein, ich weiß es nicht,« sagte Jens.

»Was für ein Schurke von Invaliden! Hätte ich ihn nur hier, du kannst glauben, ich würde es ihm anstreichen. Nun höre: Gott ist der, welcher auf dem ersten Blatt im A-B-C-buche sitzt mit einem Krug in der einen Hand und einem Stab in der andern. Jesus ist der, welcher drinnen in der Kirche ohne Kleider an das Kreuz über dem Chore angeschlagen hängt, ihn kennst du ja schon; er ist auch Gott und zugleich Gottes Sohn und obendrein eben so alt wie der Vater, aber er hatte noch einen Vater, das war eben dieser Zimmermann Joseph, von dem ich vorhin sprach. Jesus ist übrigens der Beste von den beiden, das habe ich immer vernommen. Wenn es einem an einem Stück Arbeit oder an dem täglichen Brote fehlt, und man sich nur an ihn wendet und ihm tüchtig zusetzt, kann man fast immer gewiß sein, es zu bekommen. So oft ich den Leuten eine Mühle baue, bitte ich ihn, er möchte so freundlich sein, sie gegen Wind und Wetter zu bewahren; das hilft. Mach du es eben so, es wird dir bei allem, was du thust, nützlich sein. Setze ihm nur zu. Nun ist da noch ein dritter Gott, ihn nennen sie den heiligen Geist, aber er hält sich mehr verborgen und hat auch nicht so viel zu sagen. Es kann ja mit den beiden andern auch genug sein, wenn du nur pünktlich thust, was sie verlangen. Thust du es nicht, so bekommst du Schläge. Dafür kann ich dir stehen. So, nun hast du für heute Abend von der Religion genug gelernt, und jetzt sind wir zu Hause. Klettre die Leiter dort hinauf, krieche in das Stroh und lege dich schlafen, bis ich dich morgen, sobald die Sonne aufgeht, rufe.«

Seit jenem Tage begann für Jens ein Leben voller Noth und Drangsal; die Arbeit, welche der Mühlenbauer von ihm verlangte, überstieg seine Kräfte bei weitem; keine Ruhe, kein Lohn, nur Anforderungen.

»Ich erhalte nur geringe Bezahlung für dich,« wiederholte der Mühlenbauer unaufhörlich. »Du mußt sehen, dir deinen Unterhalt durch fleißigere Arbeit zu verdienen.«

Jens besorgte dem Pfarrer die Postsachen, zog dem Schmied den Blasebalg und strich, wenn ihn der Mühlenbauer nicht in Anspruch nahm, Steine und Torf; die Nahrung war schlecht, die Kleidung nicht besser, es regnete Schläge über den unglücklichen Jungen, wenn er zusammensank oder nicht im Stande war, das auszuführen, was von ihm verlangt wurde. Er fand sich in alles, beugte sich unter die Schläge, schwieg und begann von neuem. Wer sollte ihn wohl beschützen? Gegen wen sollte er sich wohl beklagen?

Eines Abends band der Mühlenbauer ihn in einem Eimer fest, ließ ihn dann in den Brunnen hinab und dort mit den Beinen im Wasser über Nacht sitzen, zur Strafe dafür, daß ihm ein Stemmeisen in den Brunnen gefallen war. Als sie ihn hinaufzogen, kam der alte Hirt, sein Pathe, an der Stelle vorüber. Er blieb einen Augenblick stehen und betrachtete den fast bewußtlosen Knaben, der oben am Brunnen ausgestreckt in der Sonne lag, triefend von Wasser, blau vor Kälte.

»Stehe auf,« sagte der Hirt, »und folge mir, jetzt sollst du nicht länger hier bleiben. Ich bin dein Pathe und habe größeres Recht über dich als die anderen. Fragt der Armenvorsteher nach dir, so kann der Mühlenbauer sagen, daß ich dich zu mir nehme und von nun an ernähre und kleide, ohne daß es dem Kirchspiele etwas kosten soll.«

Der Mühlenbauer wollte Jens nicht erlauben, ihn zu verlassen, aber der Hirt war groß und stark, der Knabe umklammerte mit beiden Händen seinen Arm und sah ihn mit einem unbeschreiblich flehenden Blicke an. »Ach, Herr Gott, verlaß mich nicht!« flüsterte er.

So gab denn der Mühlenbauer nach, und sie verließen das Gehöft.

Die Geschichte, welche ich hier erzähle, hat sich oben an der Grenze von Halland zugetragen, in jener wilden und hügelreichen Gegend, die zwischen Fagerhult und Knäröd liegt, wo Felsen, Hügel und munter sich dahinschlängelnde Gewässer mit abgetriebenen Wäldern und mageren, steinigen Haideflächen wechseln, die eine strenge und anhaltende Arbeit nur mit einem geringen und dürftigen Ertrage lohnen. Es sind abgehärtete und fleißige Leute, die in den zerstreut liegenden Häusern wohnen. Die Knechtschaft hat sie gebeugt, die Arbeit sie vor der Zeit alt gemacht, ein düsterer und trauriger Ernst, Kälte und Rauheit prägt sich auf allen Gesichtern in gleicher Weise aus. Mangel, Unglück und der Kampf um das tägliche Brot scheinen alle Herzen versteinert zu haben.

In diesem Rahmen von Haidekraut und Ginster und Sand trifft das Auge auf eine große grüne Ebene, so üppig und reich, daß sie einer andern Gegend und einem milderen Himmel anzugehören scheint. Alte und mächtige Buchen nehmen einen Theil der Ebene ein; in der einen Ecke erhebt sich ein großes, massiv gebautes Gebäude mit zackigen Giebeln und rothen Ziegeln; es ist der Edelhof, zu dem das Dorf und die kleinen Häuser gehören, und hier war Jens von nun an Hirt. Er trieb mit den Schafen über die steinigen Felder, wo einzelne Grashalme zwischen Ginstergestrüpp und Sandhalmen hervorsproßten, und hin über die meilenlangen Sümpfe, wo niedrige und halbverdorrte Birken mit weißem, faserigem Moose bedeckt waren und ein Laubdach über den Moorboden bildeten.

Mitten in dieser Gegend hatte sich der alte Hirt, Jens Hammer war sein Name, eine Hütte von übereinandergehäuften Steinen gebaut, mit Moos und Lehm zusammengeklebt und mit einer niedrigen, rothangestrichenen Thür geschmückt. Aus dem Dache von Haidekraut ragte ein dicker Schornstein empor, von Rauch und Ruß geschwärzt. Die Hütte lag auf einem Hügel, weithin sichtbar; rings um sie her waren nichts als Steine und Sand, von Schnee und Regen gebleicht, nichts als Ginster und Wachholdersträucher, vom Nordostwinde zerzaust und verbogen und an den Spitzen welk. Wüstenei und drückende Einsamkeit überall, kein Haus, kein Zeichen von Leben oder Thätigkeit, so weit das Auge reichte. Wenn die Nachmittagssonne über die Gegend hin schien, verlieh sie dem Bilde einen eigenthümlich wilden und phantastischen Ausdruck, zu welchem die beiden Hirten, in Lumpen und ungegerbte Schaffelle gekleidet und mit langem, ungekämmtem Haare, das bei dem jungen gekräuselt, weich und bläulichschwarz war, wie die Flügel des Raben, vollständig paßten. Als Jens kam, bauten sie die Hütte größer, sie sollte jetzt ja Zweien Platz geben; nach und nach wurde es auch in ihrem Innern zierlicher, und daran war Jens Schuld. Im Lauf des Sommers legte er ein Stückchen Garten an und holte die Erde dazu auf seinem Rücken in einem Korbe unten aus der Ebene. Vor Einbruch des Winters war es ihm auch gelungen, in der einen Wand ein kleines Fenster von grünem Glase anzubringen; das war ein bis dahin unbekannter Luxus. Im Sommer schnitzelten sie Holzlöffel und banden Besen aus Haidekraut, im Winter flochten sie Weidenkörbe oder strickten Strümpfe; dabei erzählte Jens Hammer, und sein Pflegesohn saß und hörte zu.

Der alte Jens war ein kluger und geradsinniger Mann, welcher in dem stillen und einsamen Leben, das sein Loos geworden war, viel aufgefaßt und gedacht hatte. Zerstreuung kann wohl Gedanken schaffen und Samen ausstreuen, aber die Einsamkeit entwickelt ihn und bringt das Samenkorn zur Blüte; die großen Geister besuchen uns nur in der Stille und Dunkelheit.

Eines Abends kam Jens von Engelholm, wo er den Markt besucht und sich eine Jacke gekauft hatte, nach Hause. Er konnte von der fremden Stadt, den vielen Menschen, der geschäftigen Thätigkeit und von den neuen und unbekannten Gegenständen, die er gesehen, nicht genug erzählen. Hammer saß und rührte mit der Feuerzange im Kaminfeuer und hörte schweigend und lächelnd seinem Berichte zu.

»Ja gewiß, man kann in den großen Städten viel sehen und lernen, aber nur wenig Gutes, mein Junge. Da laufen sie umher, alle die Menschen, und toben und lärmen und gönnen einander das bischen Sonnenlicht nicht, was sie bescheint; der eine reibt seine Sünden immer an dem Ärmel des andern ab. Beobachte dort hinter dem Steine die Ameise, sie besorgt das Ihrige, geht ihren eigenen Weg und verrichtet, was ihr obliegt, ohne sich um anderes zu kümmern. Ich halte mehr von dem Lande hier draußen; der Hirtenstand ist gewiß der beste hier in dieser Welt. Sie wußten wohl, was sie thaten, die Alten, von denen die Bibel erzählt; alle waren sie Hirten und hüteten ihre Schafe und Herden.«

»Ich war auch oben in der Kirche,« fuhr Jens fort. »Erst stand ich da und guckte von draußen hinein, aber dann faßte ich Muth und fragte die Frau an der Thüre, ob ich hineingehen dürfte, und sie sagte, es wäre erlaubt. Der Mühlenbauer, bei dem ich früher war, meinte, ich sollte davon bleiben; in die Kirche gehen wäre nichts für einen Geringen, wie ich, damit verlöre ich blos Zeit, und Gott hätte schon mit dem Anhören und Aufschreiben aller Wünsche der Reichen genug zu thun, um noch an mich denken zu können. Damals ging ich jedoch nie an einer Kirche vorüber, ohne einen Augenblick stehen zu bleiben und leise zu beten, Gott-Vater möchte doch so gut sein, mich von den vielen Prügeln zu erlösen. Heute ging ich unverzagt hinein, und Pathe, Pathe, was sah ich! Nein, so eine Pracht habe ich nie erlebt! Es leuchtete und flammte von den angezündeten Wachslichtern, und die Orgel spielte und ein Geistlicher in einem rothen Chorrock, der von Gold und Diamanten flimmerte, stand vor dem Altare, und Leute kamen und gingen und setzten sich nieder, um zu beten.«

»Ja, aber um was beten sie, die Narren! Glaubst du, der allmächtige Gott, der alle die Sterne, die dort oben leuchten und flammen, geschaffen und zu ihnen gesagt hat, du gehst diesen Weg und du jenen, ohne daß ein einziger von ihnen gegen einen andern rennt oder auf unsere Erde herabfällt, glaubst du, daß er erst nöthig hat, durch die Gebete der Leute erinnert zu werden, oder daß er an dem, was einem Menschen einmal beschieden ist, etwas ändern sollte? Der Eine begehrt Sonnenschein zu seinem Geschäfte, der andere verlangt denselben Tag Regen, der eine sehnet sich nach Wind, der andere nach Windstille. Sieh dich um, lieber Junge, und halte die Augen offen! Höre, die Mücke summen, sieh das Zicklein springen, die Eidechse zwischen den Steinen spielen, höre den Frosch im Sumpfe quaken und die Schwalbe zwitschern und die Lerche hoch oben in der blauen Luft jubeln: das ist Jubel und Lobgesang, womit sie ihrem Schöpfer danken. Der Mensch allein, der doch die meisten Güter empfangen zu haben glaubt, hat nicht Zeit zu danken, sondern nur Zeit, um noch um ein wenig mehr zu bitten, um eine kleine Zugabe, oder um etwas anderes als das, was er empfing. – Ich kann die verstehen, welche Gott suchen, um ihm zu danken, aber nicht die, welche kommen, um ihn um noch mehr zu bitten.«

»Ich möchte so gern, daß wir zusammen nach der Kirche gehen könnten; laßt sich das nicht einrichten?«

»Ja, weshalb nicht, besonders jetzt, wo du eine neue Jacke hast.«

Den nächsten Sonntag gingen die beiden Hirten nach der Dorfkirche, Jens in seiner neuen Jacke; Hammer hatte sich ebenfalls geputzt und trug seinen langen Stab in der Hand.

»Dort oben zwischen den andern haben wir beide nichts zu schaffen,« flüsterte der alte Mann, als sie zur Thür hineintraten; »dort sind die Plätze der Reichen, sie bezahlen die Bank, auf der sie sitzen, aber hier unten läßt sich eben so gut weilen.« Er ging einige Schritt weiter zurück nach einem der Pfeiler unter der Orgel; hier legte er zuerst seinen alten breitkrämpigen Hut auf die Steinfliesen, setzte sich dann darauf und stützte beide Hände auf den Stab, während er die Augen schloß und sich mit dem Rücken gegen den Pfeiler lehnte. Jens nahm an seiner Seite Platz. Er faßte die Predigt des Pfarrers nicht vollkommen; der Vorstellungskreis, in dem er sich bewegte, war klein und beschränkt, aber der Choralgesang ergriff ihn; die Stille im Gotteshause, die brennenden Lichter, die Fahnen an den Wänden, die Bilder über dem Altar, das Neue, das Ungewöhnliche rührte den Knaben und zog ihn mit einer so seltsamen Macht an, daß seine Augen zu strahlen begannen.

»Wofür hast du so eben gedankt?« fragte Hammer, als der Gottesdienst zu Ende war.

»Zuerst dafür, daß der liebe Gott so gut war, mich dich finden zu lassen,« erwiderte Jens, und trocknete sich die Augen mit der Hand.

Hammer nickte beifällig, entgegnete jedoch nichts.

»Dann für mein tägliches Brot und meine neue Jacke,« fügte Jens hinzu.

»Du vergaßest die frohe Sommerzeit und den Regen, der das junge Grün hervorsprießen läßt, wenn die Schafe das alte abgeweidet haben, so wie dafür, daß du groß und stark geworden und einen wohlgestalteten Körper empfangen hast. Das verdient wohl, daß du dich dafür bedankst.«

Er wartete noch einen Augenblick, nachdem er sich erhoben hatte, und stand da und zog die Krämpe des alten Hutes wieder gerade, während Jens von neuem zu danken begann; darauf verließen sie die Kirche.

Die Religion gefiel Jens besser als jene, welche ihn der Mühlenbauer gelehrt hatte.

Die Zeit verstrich, Jens und Hammer hüteten nach wie vor Schafe. Der alte Hirt lehrte Jens lesen und schreiben; im Winter erhielt er Erlaubnis, dem Unterrichte der Bauerkinder beizuwohnen. Das Kirchspiel hatte keinen eigenen Lehrer, aber ein Wanderlehrer besuchte einen Hof nach dem andern, sammelte die Kinder um sich, blieb acht Tage an einer Stelle, zog darauf nach einer andern und hielt daselbst Schule. Je älter Jens wurde, desto mehr nahm er an Schönheit zu; in seinen Zügen lag etwas Fremdes, Zutrauen Erweckendes, und in seinen großen traurigen Augen ein sprechender und fesselnder Ausdruck.

Eines Sommertags saß er draußen auf der Haide und band Besen aus Haidekraut. Die Sonne brannte, der Himmel war klar und wolkenfrei, die Schwalben flogen dicht über den Erdboden entlang, die Hitze senkte sich auf alles hernieder. Die Schafe lagen und schnappten zwischen den Steinen nach Luft. Der alte Jens Hammer saß und nickte und schlief mit seiner Arbeit in der Hand. Da tönte Peitschengeknall in der Nähe, ein kleiner Wagen kam den Hohlweg herauf und machte in einiger Entfernung Halt, während ein junges Mädchen in einem hellen Gewande ausstieg. Dasselbe war so kurz, daß sich die Spitzen an ihrem weißen Unterkleide zeigten, als sie leicht und behende von einer kleinen Anhöhe auf die andere sprang, um ihre kleinen Füßchen nicht in den tiefen Sand zu setzen.

Jens ließ den Besen fallen, beugte sich vornüber und starrte sie an; etwas so Anmuthiges, so wunderbar Schönes und Liebliches hatte er nie gesehen, nicht einmal in seinen Träumen. Es war eine Offenbarung aus einer besseren Welt, und ihr Besuch galt ihm, daran war kein Zweifel. Sie kam näher, sie lächelte und schwenkte mit dem weißen Tuche, welches sie in der Hand hielt, grüßend zu ihm herüber. Der alte Jens Hammer war erwacht; er saß seinem Pflegesohne gerade gegenüber mit offenem Munde da und stützte den Oberkörper auf beide Arme.

»Guten Tag, Jens Hammer,« rief sie und streckte ihm eine kleine feine Kinderhand entgegen. »Kennst du mich nicht? Ist es wahr, was die Leute sagen, daß ich mich so sehr verändert habe – zu meinem Vortheile natürlicherweise! – Ich bin ja Klara, oben vom Edelhofe, der du immer Vögel und junge Hasen fingest! Ich bin jetzt aus dem Institut zurückgekehrt und nur hierher gefahren, um dich zu begrüßen. Was sagst du dazu? – Du sollst mir eine von deinen Geschichten erzählen, – verschaffe mir etwas zum Sitzen. Ei, du hast nichts? Geh dann nach dem Wagen und hole mir eine Decke aus demselben. – Wer bist du denn?« fragte sie, als hätte sie Jens erst in diesem Augenblick wahrgenommen. »Ich habe dich früher nicht gesehen. – Du bist so schön und prächtig, vermuthlich ein verkleideter Prinz. Ich kann dich oben beim Papa gebrauchen, wenn wir lebende Bilder stellen sollen. Ich bin dann Maria Antoinette, und du sollst Mozart sein, der uns in Schönbrunn etwas vorspielt. – Streich es dir aus der Stirn zurück,« fuhr sie fort, indem sie sein Haar mit der Spitze ihres Sonnenschirmes berührte. »Ich möchte dich in Ulanenuniform sehen; du müßtest dich herrlich ausnehmen.«

So fuhr sie mit einem Wortstrome fort, der unendlich schien, während Hammer ihre Decken vom Wagen brachte und über das Haidekraut ausbreitete. Sie setzte sich auf sie, öffnete ihren Sonnenschirm, ließ sich betrachten und bewundern, lächelte zu des jungen Hirten starrem, unverwandtem Blicke und streckte ihre kleinen Füßchen so weit auf dem Teppich aus, daß ein Stückchen des weißen Strumpfes über dem Schuhwerk zum Vorschein kam.

»Sieh da, nun sitze ich vortrefflich; erzähle mir nun wie früher eine Geschichte, ein Märchen, etwas, worüber ich lachen muß. Machst du deine Sache gut, so komme ich morgen, komme ich alle Tage wieder, so lange es die Witterung erlaubt. Ich bin mein eigener Herr; Papa hat gesagt, daß mir alle gehorchen sollen; ich will nie mehr nach dem abscheulichen Institut in Stockholm zurück.«

Der alte Jens Hammer räusperte sich, wählte einen besseren Sitz und begann eine Sage zu erzählen, welche sich an die Stelle knüpfte, an der sie sich befanden.

»Auf dem länglichen Hügel dort vor uns kann Fräulein Klara einen großen grauen Stein auf einem Flecke Sand ganz allein dastehen sehen, als fürchteten sich die anderen Steine ihm zu nahe zu kommen. Dort hatte sich die vorige Hirtin der Herrschaft ihre Hütte erbaut. Sie hieß Sippe und war eine junge boshafte Dirne, die wegen des Verdrusses, den sie überall verursachte, wohin sie kommen konnte, weit und breit bekannt war. Eines Tages prügelte sie ein Schaf zu Tode, weil es hinkte und der Herde nicht schnell genug folgen konnte. Da nahm sie es über die Schulter und verbarg es in der Hütte, um es in der Nacht, wenn es niemand sah, zu begraben. Im Laufe des Nachmittags fing es an zu regnen, und es regnete immer stärker, je näher der Abend heranrückte. Sippe stand in der Thür und schaute hinaus; sie wollte fort, um für das getödtete Schaf ein Loch zu graben. Da kam ein altes Weib den Hohlweg heraufgegangen, da, wo Fräulein Klaras Wagen hält; es war ganz eigenthümlich gekleidet und hatte eine Art großer rother Kapuze über den Kopf gezogen. Es ging auf Sippe zu und fragte, ob es bei ihr Obdach bekommen könnte, bis sich der Himmel aufklärte.

»Was gebt Ihr mir dafür?« fragte Sippe.

»Wohin ich in Schweden kam, nahm noch niemand Bezahlung dafür, daß er der Fremden Obdach gab,« sagte die Frau, »aber das kann gleichgiltig sein. Du sollst für deine Beschwerde so viel erhalten, daß du nie mehr einen Schritt zu gehen brauchst, um Schafe zu hüten.«

»Das ist zu wenig,« sagte Sippe.

»Gut! Dann sollst du von heute Abend an nie Mangel an Speise und Trank haben, sondern alles, was du verlangst und worauf du hinzeigst, soll dein sein. Bist du damit zufrieden?«

Sippe machte große Augen. »Beschwöre es,« sagte sie.

Die Alte rief Gott im Himmel zum Zeugen ihres Versprechens an. Nun ließ Sippe sie in die Hütte hereinkommen, machte Feuer im Kamin an und setzte eine Bank davor, auf welcher die Alte sitzen sollte.

»Wer jetzt nur einen guten Trunk Meth oder einen Krug Bier hätte! Danach kann man so gut schlafen,« sagte die alte Frau.

»Bier und Meth läßt sich schon auftreiben, wenn ich nur Geld hätte, um es zu kaufen,« versetzte Sippe.

Die fremde Frau steckte die Hand in ihre Rocktasche, zog einen großen Geldbeutel hervor und nahm einige Schillinge aus ihm. Sippe hörte das Silbergeld klingen und bemerkte, daß der Beutel groß und schwer war. Sie holte einen Krug, warf ein Tuch über den Kopf und ging nach dem Dorfe hinab, um Meth zu kaufen. Unterwegs dachte sie an die fremde Frau und ihr vieles Geld.

»Das könnte ein armes Wurm, wie ich bin, auf lange Zeit glücklich machen; ich könnte auf den Markt gehen und mir eine Schürze kaufen und ein paar neue Schuhe mit Spangen daran, ja, vielleicht reichte es auch noch zu einer neuen blauen Haube. – Die Alte vertrinkt es gewiß doch nur in Meth und Bier.«

»Mir klingt das rechte Ohr,« sagte die fremde Frau in der Hütte; »da ist jemand, der mir etwas Böses anthun will; das muß sie sein, die schlotterige Hirtendirne, denn sie hat falsche Augen. Aber ich werde ihr einen Streich spielen.« – Es dauerte eine gute Weile, ehe Sippe zurückkehrte. Es war weit bis zum Dorfe und Regen und Sturm nahmen mit der Dunkelheit zu. Endlich kam sie leise und schleichend nach der Hütte zurück, setzte draußen die beiden Krüge hin, öffnete vorsichtig die Thür und sah sich um, ehe sie hineinging. Das Feuer im Kamin war ausgegangen, der Lichtspan ebenfalls, aber vom Bette aus hörte sie ein tiefes Athmen, als ob ein Mensch darin läge und schliefe. Sippe wußte nun, was sie wissen wollte. Sie tappte vorwärts, näherte sich dem Bette und stieß das lange Brotmesser dem Schläfer, in dem sie die alte Frau vermuthete, bis an den Griff in die Brust. Als sie es seufzen und jammern hörte, bekam sie Furcht, lief hinaus, verschloß die Thür, machte sich über den Methkrug her und trank so lange, bis sie die Besinnung verlor und da, wo sie saß, einschlief. Es war heller Tag, ehe sie wieder erwachte. Als sie die Augen aufschlug und sich umschaute, stieß sie einen lauten Schrei aus und schlug die Hände zusammen. In der offenen Thür der Hütte stand die fremde Frau, die sie erstochen zu haben meinte und blickte sie an und lächelte ihr zu.

»Du bist wahrlich ein zuverlässiger Bote, um Bier und Meth zu holen,« sagte sie. »Ich saß und wartete und dann kommst du hereingestürzt und stichst dem todten Schafe das Brotmesser in den Leib. Komm und sieh!« Sippe folgte ihr in die Hütte hinein; da lag das todte Schaf, in die Kapuze der Fremden gehüllt, und das Messer steckte noch im Körper desselben.

»Du führtest gewiß nichts Gutes gegen mich im Schilde,« sagte die Alte, »aber mag es darum sein; ich muß dennoch das Versprechen halten, welches ich einmal gab. – Ich sagte, du solltest nie mehr dazu kommen, daß du Hunger oder Durst hättest.« »Ja, und außerdem alles bekommen, worauf ich hinzeigte,« beeilte sich Sippe hinzuzufügen.

»Das ist richtig, alles, worauf du von jetzt an hinzeigst.« Darauf winkte sie Sippe zu sich und ging mit ihr auf den Hügel hinaus. »Ich will auf viele Dinge hinzeigen,« sagte das Hirtenmädchen und sah sich um. »Ihr müßt wissen, daß ich mich nicht mit Wenigem begnüge.«

»Das kann ich mir denken, aber warte einen Augenblick.« Damit zog sie einen kleinen weißen Stab aus ihrer Tasche und legte ihn auf Sippes Schulter. »Fest von unten und fest von oben!« rief sie. »Spürst du nichts?«

»Ja, mir wird so kalt um die Füße,« sagte Sippe. Die Alte lachte und rief: »Fleisch werde zu Stein, werde fest! Spürst du etwas?«

»Ich kann meine Füße nicht weiter setzen,« sagte Sippe. »Was macht Ihr mit mir?« fragte sie weinend.

»Ei, zeige doch auf das, was du haben willst! – Hier sollst du stehen, so lange die Erde steht, zur Warnung für alle, die dem Gaste die Ruhe rauben und mit dem Messer nach ihm stechen, wenn er schläft.« Als die fremde Frau dies gesagt hatte, ging sie den Hügel hinab, Sippe aber blieb stehen und hat sich nie wieder gerührt. In dunklen Nächten können wir es dort oben seufzen und klagen hören, und wenn der Mond über die Gegend scheint, sieht es leibhaftig aus, als ob der graue Stein sich bewegt und fort will, aber dann schlagen wir ein Kreuz und es wird wieder still.«

»Das war eine hübsche Geschichte,« sagte Fräulein Klara. »Nun kommt die Reihe zu erzählen an dich, Junge; du sollst nicht umsonst da sitzen und mich mit deinen großen Augen, die wie Feuerpfeile funkeln, anstarren. Na, weshalb kneifst du sie denn zu? Du wirst ja roth! Kann denn so ein armes Menschenkind auch roth werden? Sieh mich nur an, du darfst es dreist. Nun aber erzähle!«

Jens kannte nur eine Geschichte, die erzählte er. Es war ein Märchen von der bösen Königin; die befahl einem Diener, ihren kleinen Stiefsohn in den Wald zu tragen und dort umzubringen. Der Diener band dem Prinzen seinen goldenen Ring mit einem blauen Steine fest in das Haar und setzte ihn auf der Landstraße aus, wo Leute kamen und ihn aufhoben. Darauf schlachtete der Diener ein Lamm und färbte sein Taschentuch und seine Hände mit dem Blut, damit es aussähe, als hätte er den Befehl der Königin ausgeführt. Als die böse Stiefmutter gestorben, ging der Diener zu der Schwester des Prinzen, fiel auf die Knie und sagte, er könnte nicht Ruhe im Grabe bekommen, ehe er ihr nicht gebeichtet hätte, wie es dem kleinen Prinzen ergangen wäre. Da zog die Prinzessin in die Welt hinaus, um ihren Bruder zu suchen. Er war Hirt bei einem reichen Manne geworden, der behandelte ihn streng und gab ihm nur wenig zu essen. Sie zog durch viele Länder und konnte ihn nicht erfragen; endlich ließ sie öffentlich bekannt machen, wer den goldenen Ring mit dem blauen Steine brächte, der sollte alles bekommen, was er von ihr verlangte. Das wurde in jeder Stadt, in welche sie kam, austrompetet, und dann ließ sie einen scharlachenen Teppich über den Hof und die Treppen hinauf bis zu ihrem Wohnzimmer legen. »Kommt da ein Fremder, der nicht mein Bruder ist,« dachte sie, »so wird er nicht wagen über die scharlachene Decke zu gehen, aber der Rechte wird es wagen.« Da kamen nun viele vornehme Herren zu der Prinzessin herauf, alle hatten sie einen goldenen Ring mit einem blauen Steine vorzuweisen und alle gingen sie über den Hof neben dem Teppich, aber keinen von ihnen wollte sie anerkennen. Eines Tages saß die Prinzessin am Fenster; da sah sie einen halberwachsenen Burschen mit einem alten, niedrigen Hute auf dem Kopfe, mit einem Wamms von Schaffellen und großen Holzschuhen an den Füßen gerade auf das Schloß zuschreiten. Vor dem kostbaren Scharlachteppich blieb er stehen und überlegte einen Augenblick, endlich trat er fest darauf und ging mit seinen schmutzigen Holzschuhen den ganzen Teppich entlang bis oben die Treppen hinauf. »Da geht ein Bursch in einem zerlumpten Wammse; sehe ich recht, so muß das mein Bruder sein. – Hast du einen goldenen Ring mit einem blauen Steine?« fragte sie den Hirtenjungen, als er zu ihr hinauf kam. »Ja, ich habe einen,« erwiderte er. – »So bringe ihn mir.« – »Nein, wenn Sie mir einen Gefallen thun wollen, dann nehmen Sie ihn selbst von der Stelle, wo ich ihn trug, so lange ich ihn habe.«

»Dann lege deinen Kopf in meinen Schoos, ich will dich lausen,« sagte die Prinzessin.

Der Bursch legte sich vor ihr nieder, und die Prinzessin löste den Ring aus seinen Locken. Sie sah nun, daß er der Rechte und der Hirtenjunge ihr Bruder war. Darauf reisten sie nach Hause und lebten herrlich und in Freuden, und der Prinz wurde König im Lande, als sein Vater starb.«

Dies erzählte Jens, und Klara saß da und betrachtete ihn unaufhörlich, während er sprach.

»Du bist gewiß auch so ein verkleidetes Königskind,« sagte sie; »ich habe gehört, daß sie dich auf dem Wege fanden, und daß du weder deinen Vater noch deine Mutter kennst. Ist das wahr?« Jens nickte traurig. »Das ist ja herrlich. Eines Tages kommt gleichfalls die Prinzessin und fragt nach dir. Ich bin die Prinzessin, ich führe dich in die Reiche und Lande des Königs zurück und mache einen großen Herrn aus dir. Steh jetzt auf und trage mich in den Wagen, ich will nicht wieder durch den grausamen Sand waten, aber hülle erst die Decke um mich, daß mein Gewand nicht mit deinen schmutzigen Kleidern in Berührung kommt.«

Jens gehorchte schweigend, schüchtern und erröthend; sie lächelte, blickte ihm in die Augen, wiegte sich in seinen Armen, und ließ sich von ihm in den Wagen tragen.

»Morgen komme ich wieder, nein, nicht morgen, aber vielleicht übermorgen, die Sehnsucht nach mir muß dich erst ein wenig peinigen, und dann mußt du dir auch erst eine neue Geschichte ausdenken, um sie mir zu erzählen.«

Die Pferde trabten, der Wagen verschwand in einer Staubwolke; der junge Hirt blieb stehen, hielt schützend die Hand über die Augen und starrte noch lange, nachdem sie verschwunden war, den Hohlweg hinunter.

Alles, was von Hoffnung und Glück, Träumen und Sehnsucht in Jens lag, erwachte bei dieser Begegnung; aber das Glück hatte keinen Namen, und der Gedanke scheute sich, seine Sehnsucht in Worte zu kleiden. Er stand oben auf dem Hügel und starrte stundenlang in die blaue Luft, in der Richtung nach den dunklen Wäldern, hinter denen der Edelhof lag und wo sie verschwunden war. Sein Ohr fing zuerst den Laut des leichten Wagens auf, der sie zu ihm zurückführte; er erröthete, seine Augen waren wie geblendet, sobald sie kam, das Herz klopfte ihm in der Brust, als ob es zerspringen sollte; es gab für ihn in der Welt keine herrlichere Musik als die, welche in ihrer Stimme lag. Drinnen in der Hütte saß er mit gesenktem Haupte und niederhängenden Armen und vergaß, Besen zu binden.

»Jetzt befürchte ich, daß du auf falschem Wege bist,« sagte der alte Jens Hammer und zuckte mit den Schultern.

»Pathe, Pathe!« rief Jens und streckte ihm beide Arme entgegen, »ich habe ja nichts gesagt, sie wollte ja, ich sollte der Prinz sein und dann wollte sie kommen und mich erlösen.«

»Sie macht sich über dich lustig, die Närrin! Sie braucht dich als Puppe, weil sie gestern und heute keinen bessern hatte. Jetzt vergissest du das Wenige, was ich dir beibrachte, und dankst nicht Gott für das, was du bekamst, sondern verlangst nach dem, was du nicht bekommen kannst.«

»Was habe ich denn bekommen?« rief Jens mit glühenden Wangen und sprang von der Erde empor. »Ich habe dich, du nahmst mich an dein Herz, dafür will ich mein Leben lang danken; aber schau dich um, ein jeder nackte junge Sperling hat einen Vater und eine Mutter: wo sind die meinen? Mich warfen sie in einem Kutscherrock auf die offene Landstraße. Weshalb haben sie sich nie sehen lassen? Ich habe viele Jahre nach ihnen gerufen und auf sie gewartet; ich wollte es mir nicht merken lassen. Jetzt, wo sie hier ist mit Sonnenschein und Wärme, sagst du, ich sei auf falschem Wege. – Es wird hell um mich, ich werde größer, wenn ihre Augen mich anblicken. Ach, schüttle den Kopf nicht; weshalb willst du eine kalte Hand auf das legen, was hier drinnen klopft. Ich werde nie froh, wenn du mir das nimmst, was ich jetzt bekommen habe.«

In diesem Gesprächsgegenstande war er unerschöpflich; der Stumme hatte plötzlich Sprache erhalten, der Stille war beredt geworden; er brachte Jens Hammer zum Schweigen, damit er ihm das Kartenhaus, das er sich gebaut hatte und worin er träumte, nicht umblasen sollte.

Was läßt sich wohl von diesen Träumen erzählen, die sich fort und fort mit denselben Auftritten wiederholten und stets dasselbe Glück schafften? Drei Jahre lang rechnete er die Tage nach den flüchtigen Augenblicken, in denen er sie im Hohlwege auftauchen und wieder verschwinden sah. Klara begann an dieser Zerstreuung Geschmack zu finden; sie besuchte ihn getreulich, hörte ihm zu, redete mit ihm, ließ sich von ihm anbeten, brachte ihn durch ein Achselzucken und ein spöttisches Lächeln zum Beben, und zog ihn, wenn es ihr Spaß machte, wieder durch die weiche Zärtlichkeit, die sie in ihre Stimme zu legen verstand, an sich. Wie der Versucher führte sie ihn auf den Gipfel des Berges und ließ ihn in dem einen Augenblicke die Herrlichkeit der ganzen Welt überschauen, um ihn in dem nächsten in den Abgrund hinabzustürzen. Es war ein Schauspiel, reich an den verschiedensten Auftritten und doch ohne sichtliche Handlung für alle Andern als für die Zwei, die Rollen in demselben hatten.

Einmal kam es ihr in den Sinn, seine Lehrerin zu werden. »Ich werde es nicht überdrüssig bekommen,« versicherte sie; »alles, was ich beschlossen habe, führe ich durch; ich habe eine ungeheure Energie, einen wahrhaft eisernen Willen. Ich will dich, du armer Wilder, alles lehren, was ich weiß und was du nicht weißt; bist du nun zufrieden?«

Jens schaute nach Hammer hinüber; es fehlte ihm an Worten, sein Glück auszudrücken. Klara hielt auch in Folge ihres eisernen Willens treulich ganze vier Stunden aus. Dann wurde die Sache aufgegeben.

Im nächsten Winter ging Jens zu dem alten Pfarrer, der ihn nie aus den Augen verloren hatte und viel von ihm hielt. »Lehren Sie mich etwas,« sagte der junge Hirt, »ich habe Zeit, jetzt in den langen Winterabenden zu arbeiten.«

»Was willst du lernen, mein Sohn?«

Jens wagte nicht recht, mit dem, woran er dachte, hervorzukommen. Er stand und drehte seinen Hut und räusperte sich. »Am liebsten möchte ich Mozart lernen,« erwiderte er endlich, »ist dies aber nicht möglich, dann lehren Sie mich, was Sie selbst wollen.«

Er las, schrieb und rechnete, arbeitete und lächelte zufrieden, wenn der alte Jens ihn lobte. »Das reicht noch nicht hin, Pathe,« sagte er und schüttelte den Kopf. »Es gehört mehr dazu, wenn daraus etwas werden soll. Ich habe einen weiten Weg vor mir, aber auch ein Ziel, und ich ermüde nicht.«

Klara ließ ihn oft nach dem Edelhofe hinaufkommen, um seine Dienste zu benutzen; sie nahm ihn mit in das Treibhaus und zeigte ihm, wie er Blumen pflegen sollte; er holte für sie Putzsachen aus der Stadt; er besorgte heimlich eine Menge kleiner Billete, Gott weiß an wen. Sie brauchte nur zu verlangen, so verschwand er, lief, flog von dannen und brachte zurück, was sie wünschte. Es war die Ergebenheit eines Hundes, die nie müde ward, der Eifer eines Sklaven, der jedem Wink gehorchte, ohne sich darum zu kümmern, den Grund zu erfahren.

»Du mußt dich an meinen Dienst gewöhnen,« sagte sie; »wenn ich mein eigenes Schloß erhalte, sollst du Lakai, nein pfui, Haushofmeister werden, mir an den Augen ablesen, was ich wünsche, während ich in meinem großen Saale sitze, umringt von meinen weißgekleideten Zofen, die sticken und Harfe spielen und mir Heldenlieder vorsingen. Das kann herrlich werden!

In diesem Bilde war etwas, das ihm mißfiel, meist auf Grund des Platzes, den er selbst darin erhielt; er wurde den übrigen Theil des Tages still und traurig, schwieg jedoch und verrichtete seine Arbeit. Er glaubte alles, was sie sagte; er gab sich selbst, wie er war; wie hätte er nun diese erkünstelte Kindlichkeit, dieses heuchlerische und aufreizende Spiel verstehen sollen, das ihm in einer Sprache, die Musik war, und mit bezaubernder Anmuth in Ausdruck und Bewegungen entgegentrat. Die Erinnerung hieran war die Poesie seiner Einsamkeit, die Nahrung seines Herzens, der Stoff seiner Gedanken.

Drei Jahre hatte dieser Traum gewährt, als Jens an einem Sommertage, während er auf dem Hügel stand und Klaras Wagen erwartete, einen Diener aus dem Hohlwege heraufreiten und ihm zuwinken sah.

»Du sollst sogleich bei dem Fräulein auf dem Hofe erscheinen,« sagte er. »Sie schickt mich in dieser verwünschten Hitze zu Pferde nach dir aus. – Hast du den Befehl verstanden? – Komm her und schnalle mir den Sattelgurt fester. – Was war denn das andere? Ich sollte dir doch noch etwas sagen. Der Teufel selbst kann nicht alle die Aufträge behalten, mit denen sie uns fortjagt. – Ja so, das ist ja wahr! Ich sollte dich grüßen und dir sagen, du müßtest deine besten Kleider anziehen. Nimm nun die Beine in die Hand, Jens Vaterlos!«

Nach diesem Bescheid begann der Diener zu pfeifen und ritt wieder nach dem Edelhofe. Jens eilte in die Hütte; als er wieder zum Vorschein kam, trug er seinen besten Staat, eine grüne, kurze Jacke, mit zwei Reihen versilberter Knöpfe besetzt, und eine hochrothe Weste, ebenfalls mit zwei Reihen versilberter Knöpfe und so lang, daß ihr weißes Futter auf dem Rücken gut eine Hand breit unter der Jacke hervorguckte. Der Hemdenkragen war über ein blaues Halstuch zurückgeschlagen. Außerdem trug er ein Paar gelbe Lederhosen, die unter den Knieen über lange Strümpfe von blauer Wolle zusammengebunden waren, und große eisenbeschlagene Schuhe mit dicken Sohlen, deren Spitzen wegen der langen Dürre und des seltenen Gebrauches in die Höhe standen. Er sah etwas unglücklich in diesem Staate aus, Antinous in einer Narrentracht, aber das begriff er nicht; seine blauen Augen strahlten, während er den sich nach dem Edelhofe hinschlängelnden Fußpfad hinaufeilte.

Die Sonne brannte, die Eidechsen liefen über den gelben Sand und verschwanden unter den Steinen im Graben, die Lerche sang, ein gewürzreicher Duft drang aus dem Walde hervor, wo ein Kohlenmeiler einen feinen und bläulichen Rauch in die Höhe sandte.

»Was mag ich nur heute thun sollen?« dachte Jens, – »wieder Briefe nach dem benachbarten Edelhofe bringen? Das habe ich nun im letzten Monat jeden Morgen gethan. Dort wohnt ihr Vetter, er ist glücklich, reich, mächtig, angesehen, hat Vater und Mutter, er kann auch hinüberreiten und sie sehen, so oft er will; aber er ist mager, hinfällig und gelb, wie ein welkes Blatt; ich möchte doch nicht mit ihm tauschen, ich habe meine frohen Lieder, meine starken Arme. – Gott sei gelobet und gepriesen!« rief er in einem Gefühle plötzlichen Entzückens, »viel haben sie mir genommen, und nur gering wurde mein Loos, aber zur Vergeltung ward mir ein Glück zu Theil, so groß, daß es alles andere aufwiegt. Sie ist mir mehr als Vater und Mutter, sie ist aus Güte zu mir gekommen, das merke ich wohl, denn so oft ich recht innig an sie denke, falten sich meine Hände von selbst und ich fühle Lust zu beten.«

Das waren seine Gedanken, während er eiligen Schrittes durch den Wald nach dem Edelhofe wanderte.

Ein Fest war heute dort oben. Im Hofe standen Schaaren von Kutschern und Lakaien und musterten die verschiedenen Wagen der Herrschaften; oben aus den Zimmern tönte Lachen und Geplauder; im Speisesaale klirrten Gläser und Silberzeug, während die Mittagstafel abgedeckt wurde. Auf dem offenen Altane weilte ein Kreis junger weißgekleideter Damen, hingestreckt in ihre Schaukelstühle. Jens blieb, als er zur Pforte hereinkam, einen Augenblick stehen und sah dies alles an. Darauf schlich er die Mauer entlang, an dem Hauptgebäude vorüber.

»Wo ist das Fräulein?« fragte er einen Diener, der dastand und einem Kameraden seine Bemerkungen über ihn mittheilte.

»Was geht das dich an, Hungerleider?«

»Sie hat nach mir gesandt,« erwiderte Jens sanftmüthig.

»Dann ist sie oben im Saale oder draußen auf dem Altane, wenn sie nicht in den Wald gegangen ist; es könnte auch sein, daß sie im Garten sitzt und Kaffee trinkt.«

»Das Fräulein ist unten bei den Treibhäusern,« sagte eine andere mitleidige Seele, und Jens ging in den Garten.

Dort fand er Klara, gekleidet in eine Wolke von Flor und Spitzen, sich an den Arm eines Herrn lehnend, über den sie ihre beiden Händchen gefaltet hatte. Sie schaute ihm in die Augen und neigte ihren Kopf gegen seine Schulter. Jens kam näher, ohne daß sie ihn bemerkten.

»Ja gewiß,« sagte Klara mit dieser weichen und frühlingsfrischen Stimme, die immer einen Wiederhall in dem Herzen des Hirten gefunden hatte, »ich habe eine große Sünde auf dem Gewissen, aber wenn ich sie dir jetzt ehrlich beichte, so wird sie dadurch geringer. – Er interessirte mich wirklich bis zu einem gewissen Grade, er lebte davon, mich zu sehen und zu hören, ich war seine Religion, sein Gott, und hier zu Hause ging ich herum und langweilte mich. Was sollte ich beginnen? Es war immer eins und dasselbe, das konnte ich nicht aushalten. – Erinnerst du dich noch, du hast selbst gesagt, daß eine Natur, wie die meinige, sich nach Zerstreuung sehnte und reichlicher Nahrung bedürfte, du hast es wenigstens in einem deiner Briefe geschrieben; so nahm ich denn vorlieb und belustigte mich mit ihm, so gut ich konnte. Du lächelst, du schweigst, ist denn wohl eigentlich etwas Böses darin?« fügte sie mit einem strahlenden Blick auf das bleiche, runzlige Gesicht, das sie betrachtete, hinzu. – »Aber sieh, da haben wir ihn ja, du bist also nicht böse? – sage nein, sage sogleich nein! Hörst du!«

Der Herr griff nach seinem Augenglase, indem er sich halb nach Jens umwandte, und betrachtete ihn mit einer unbeschreiblichen Geringschätzung. »Böse!« wiederholte er und zuckte die Achsel, »das soll heißen eifersüchtig, und auf das Ding da, nein, meine Liebe, das bin ich in Wahrheit nicht, dazu gibt er keine Veranlassung.«

»Jens, komm hierher!« rief sie, »mache schnell, ich habe dir eine Neuigkeit zu erzählen.«

Jens hatte alles gesehen und gehört, kein Wort von dem Gespräche war ihm entgangen; er stand an einen alten Apfelbaum gelehnt, gegen den Stamm zurückgesunken. Er war sehr bleich, seine Augen blickten starr und ausdruckslos vor sich hin, während er seine farblosen Lippen mit der Zunge netzte.

»Aber so komm doch,« fuhr Klara fort und ging ihm einen Schritt näher, »ich habe mich heute mit diesem Herrn, meinem Vetter, dem Hofjägermeister Fersen zu Billesborg verlobt; er war es, zu dem du alle meine Briefe brachtest.«

Sie lächelte, der Hofjägermeister starrte ihn mit unverhehlter Geringschätzung an, während er sich eine frische Cigarre anzündete. Jens schauderte, griff mit beiden Händen mehrmals hoch in die Luft und brach darauf plötzlich in ein wildes, gellendes Gelächter aus. Es lassen sich unmöglich alle Gefühle beschreiben, die sich in demselben aussprachen. Es klang der Aufschrei eines verwundeten Thieres hindurch, in dem sich Klage, Schmerz und Leiden verriethen; darauf gingen die krampfhaften anhaltenden Töne desselben in ein Gekreisch über, das die ganze Bewußtlosigkeit des Wahnsinns ausdrückte, welcher sich in seinem verzerrten Gesichte und den glasigen, verschleierten Augen ausprägte. Er tappte mit beiden Händen in der Luft umher, schwankte einen Augenblick hin und her und sank darauf stumm und lautlos wie von einem Keulenschlage getroffen vor den Füßen der jungen Dame nieder.

Klara nahm ihr Kleid zusammen, vermied vorsichtig mit dem Gefallenen in Berührung zu kommen und lief nach dem Treibhause, um Hilfe herbeizuholen.

Jens wurde aus dem Garten getragen; er sah sich um, stumm und ausdruckslos, als hätte er jede Erinnerung an den vorgefallenen Auftritt verloren; ein wenig später brach er wieder in ein anhaltendes Gelächter aus, welches sich wiederholte, als sie ihn in einen Erntewagen auf ein Bund Stroh legten und ihn nach Jens Hammers Hütte zurückfuhren.

»Was habt ihr mit meinem Jungen gemacht?« fragte der alte Hirt, als er einige Tage danach auf den Edelhof kam. »Ihr habt ihm ja den Verstand geraubt. Er sitzt draußen wie ein kleines Kind und wühlt mit einem Stocke in den Sand, spricht selten und gibt auf nichts Acht. Ab und zu faßt er mit beiden Händen an den Kopf, als thäte es ihm darin wehe, und dann bricht er in ein Gelächter aus, das mir die Thränen in die Augen treibt.«

Niemand sagte Jens Hammer, was geschehen war; er ging in sein Grab, ohne es zu erfahren. Jens besserte sich nach und nach so weit, daß er an des Alten Stelle Hirte wurde. Er ließ die Hütte oben auf dem Hügel verfallen und baute sich eine andere auf der finstersten und unwegsamsten Stelle im Walde. Wie der verwundete Hirsch suchte er Verborgenheit und Einsamkeit, um zu sterben. Hier konnte man ihn zwischen den Sträuchern sitzend finden, wie er mit bloßem Kopfe, verwirrtem Haare, eingefallenen Wangen, in einem zerrissenen Wammse von Schaffellen starr vor sich in die Luft blickte. Wenn er sich unbemerkt glaubte, hörte man, wie er sich selbst etwas von der Braut in dem Märchen von dem Prinzen vorerzählte, immer dasselbe. Das Fest auf dem Edelhofe hatte seine geistigen Fähigkeiten für immer gelähmt; er war nicht mehr im Stande, zwei Gedanken aneinander zu reihen. Alles, was er sagte, endete mit einem durchdringenden Gelächter, bei dem sich sein Gesicht zu einem leidenden Ausdrucke verzerrte; darauf bedeckte er seine Augen mit beiden Händen und blieb eine Weile mit gegen die Knie gebeugtem Kopfe sitzen. Ein großer, langhaariger Hund folgte ihm, wohin er ging, Schritt für Schritt. Wenn Jens, von Brombeersträuchen halb versteckt, im Dickicht lag, setzte er sich vor ihn hin und heftete seine großen, hellen Augen mit einem ergebenen und forschenden Ausdrucke auf ihn; vielleicht suchte er während dieses stundenlangen, ununterbrochenen Schweigens sich eine Vorstellung von dem Unglücke zu bilden, welches auf Jens lastete. Wenn dieser in Gelächter ausbrach, schlich er sich näher an ihn heran und sah sich nach allen Seiten um, als wollte er Hilfe herbeirufen. In weiter Ferne klang dieses Gelächter über die Gegend fort und hallte im Walde wieder. Wer es zum ersten Male hörte, blieb stehen, lauschte oder ergriff die Flucht, in dem Wahne, daß es der Schrei eines wilden Thieres wäre, das auf Raub ausging.

Eines Tages kam ein herrschaftlicher Wagen auf den Pfarrhof gefahren. Der Diener öffnete den Kutschenschlag und half einem älteren Herrn, dessen Füße in Pelzstiefel eingehüllt waren, mit großer Behutsamkeit heraus. Er bewegte sich mit Mütze einige Schritte nach der Thüre hin, wo der Pfarrer stand und ihn begrüßte.

»Ich wünsche mit Ihnen unter vier Augen zu reden,« sagte der Unbekannte und nickte, ohne die Reisemütze abzunehmen. – »Etwas vorsichtig, etwas vorsichtig!« fuhr er fort, indem sie über die Thürschwelle schritten. »Ich leide am Podagra und kann schnelle Bewegungen nicht vertragen.« Er nahm in dem Lehnstuhle Platz, sah sich um und fragte darauf den Pfarrer, was er von dem fremden Knaben wüßte, der an einem Pfingstmorgen vor der Kirchenthür gelegen hätte.

Der alte Pfarrer war todt, der neue wußte nicht viel von der Sache zu erzählen.

»Sie müssen sich Mühe geben, mir genügenden Bescheid zu verschaffen,« sagte der Herr, »vielleicht nehme ich das Findelkind mit mir. In diesem Falle soll sein und Ihr Glück gemacht sein.«

Der Pfarrer holte das Kirchenbuch und fand nach langem Suchen die Stelle, wo die Taufe des Kindes, dessen Namen und Pathe eingetragen war. Das war alles, was er mittheilen konnte. Allein der alte Küster lebte noch; es wurde nach ihm gesandt, und er konnte sich noch mehrerer Einzelheiten erinnern. Der Kutscherrock, in welchen das Kind eingehüllt gewesen, wurde ebenfalls zur Stelle gebracht. Mittlerweile saß der fremde Herr da und faßte abwechselnd nach den kranken Beinen, nickte zufrieden und rieb sich die mageren Finger, die mit großen und kostbaren Ringen bedeckt waren. Gleich darauf fuhr er mit dem Pfarrer nach der Haide hinaus, wo Jens Schafe hütete. Der Hund bellte, Jens sah in die Höhe; er saß wie gewöhnlich da und schrieb mit einem Stabe in den Sand. Es war an dem Tage heiß, er hatte seinen Schafpelz aufgeknöpft, so daß seine nackte Brust sichtbar war. Der Fremde blieb stehen und betrachtete ihn lange in tiefem Schweigen. Jens fuhr fort zu schreiben, seine Lippen bewegten sich, er flüsterte. Plötzlich erhob er den Kopf, strich das Haar zur Seite und sah den Fremden starr und forschend an.

»Das ist ihr Auge,« flüsterte der Herr, »ihre Stirn und ihr Lächeln.«

»Wessen Auge meinen Ihre Hochwohlgeboren?«

Der Fremde maß den Pfarrer vornehm und zurückweisend. – »Ihre, des scheußlichen Ungeheuers, das mich betrog,« erwiderte er endlich. »Die Sache hat ihre Richtigkeit, selbst die Warze dort am Halse. Man kann sich unmöglich irren.«

»Ich habe auch einen schlimmen Fuß wie Sie,« sagte Jens und verwischte die Zeichen, die er so eben hingezeichnet hatte. »Das kommt davon, daß ich mit den vielen Briefen immer so schnell zu dem Herrn Hofjägermeister Fersen auf Billesborg hinüberlaufen mußte; aber der Prinz war doch nicht so dumm, wie er aussah. Die andern zogen ihre Holzschuhe aus, er behielt die seinen an, als er über den kostbaren Teppich hinfort schritt. Dann legte er seinen Kopf in der Prinzessin Schoos, sie lauste ihn und zog ihm den goldenen Ring ab. – Ich bitte Sie in aller Güte, geben Sie mir meinen goldenen Ring wieder, aber lassen Sie es Jens Hammer nicht erfahren. »Du sollst Gott danken, aber um nichts bitten«, pflegt er immer zu sagen.«

»Ihre Hochwohlgeboren haben Jens in einem glücklichen Augenblick getroffen,« flüsterte der Pfarrer, »es ist selten, daß er so viel auf einmal spricht.« Der Fremde stand in tiefen Gedanken. »Wie ekelhaft und widerlich er ist!« sagte er endlich und winkte seinem Diener. »Komm und hilf mir wieder in den Wagen.«

Der Pfarrer glaubte, er sollte mitfahren, aber der fremde Herr ließ, als er sich gesetzt hatte, den Schlag zumachen. Der Kutscher knallte mit der Peitsche und der Wagen verschwand unten im Hohlwege, während der Pfarrer sprachlos vor Erstaunen dastand und ihm nachstarrte.

Mehrere Jahre später kam ein anderer Wagen denselben Hohlweg hinaufgefahren. Eine Dame stieg aus und ging auf den Hügel zu, auf dem Jens zwischen Steinen versteckt mit dem treuen Hunde zu seinen Füßen dasaß. Die Dame war Klara Fersen. Ihr dunkles Gewand und schwarzer Hut trugen vielleicht dazu bei, ihr Antlitz, aus dem alle Jugend verschwunden zu sein schien und in dessen magren Zügen hier und da eine Runzel sich zeigte, fein und scharf, wie mit einem Messer geschnitten, nur noch bleicher zu machen. Ihr Gemahl war nach zweijähriger Ehe gestorben; ihr Verhältnis sollte nicht glücklich gewesen sein, er hinterließ ihr ein fürstliches Vermögen und ein kleines kränkliches und verkrüppeltes Kind, dessen Tage gezählt zu sein schienen. Als sie zu den weißen Steinen kam, blieb sie vor Jens stehen und betrachtete ihn schweigend und forschend. Es war klar, daß er nicht die geringste Vorstellung davon hatte, wer sie war. Er lächelte und setzte darauf seine Arbeit fort, die darin bestand, eine Hand voll Sand von der Erde aufzunehmen und zwischen beiden Händen zu reiben, bis er ihm zwischen die Finger hindurch rann.

»Kennst du mich?« fragte sie.

Er blickte empor. »Ich will den Mozart spielen,« versetzte er, »wenn sie jetzt lebende Bilder stellen.« Nach diesen Worten brach er in ein Gelächter aus, dessen heftigen und trostlosen Ausdruck die Jahre nach und nach gedämpft und gemildert hatten. Sie schüttelte traurig den Kopf, ging einige Schritte den Hügel hinauf und stützte sich auf Sippe's Stein, während sie über die Ebene hinausschaute. Es ist schwer zu bestimmen, welche Erinnerung bei ihr am meisten vorherrschte, während sie dort oben mit gesenktem Haupte und zusammengepreßten Händen dastand, beschienen von der untergehenden Sonne, die ihr rothes Licht über die Steine und den Wahnsinnigen warf, welcher eifrig damit beschäftigt war, Sand durch die Finger rinnen zu lassen.

»Ich bin Prinz Karl von England,« rief Jens plötzlich, »ich bekam meinen goldenen Ring wieder und ich sitze hier mitten in meinem Königreiche. Sieh, sieh! alle knien vor mir, ich habe, was mein Herz begehrt.« – Er schwieg ein wenig und streckte die Hände gegen Klara aus. »Sie dürfen nicht auf dem Hügel stehen,« fuhr er sanft fort; »es könnte Ihnen sonst gehen wie die Sage von Sippe erzählt: Es soll zu Stein werden, wer sich nicht um die Ruhe des Armen kümmert.«

Klara beugte sich zu ihm hinab, ihre Augen wurden feucht, während ein schmerzliches Lächeln über ihr Antlitz glitt.

»Die Sage ist erfüllt,« flüsterte sie und legte beide Hände auf ihre Brust, – »er jubelt, er hat sein Königreich, und ich – hier drinnen ist alles zu Stein geworden.«

Jens hörte nicht, was sie sagte, er saß da und lachte und ließ Sand zwischen seinen Fingern hindurchrollen.

2. Ein Mann in Banden.

Sigwart Grubbe hieß ein dänischer Edelmann, der war in seinem Leben viel gereist und hatte viel gesehen. Er verließ die Universität Kopenhagen als junger Student und studirte darauf einige Jahre in Wittenberg, war reich, von vornehmer Geburt und persönlich von König Christian IV. geliebt, der ihn zum obersten Kanzleibeamten erhob, als er von seinen Reisen zurückkehrte. Was jedoch Sigwart Grubbe's Namen bis auf unsere Zeiten gebracht hat, ist weder seine Geburt noch seine Stellung, sondern ein Tagebuch, in welchem er mit scharfer Beobachtungsgabe klar und ausführlich eine Menge werthvoller Aufschlüsse gibt, nicht nur über Begebenheiten und die dabei mitwirkenden Kräfte, welche in der Geschichte unseres Vaterlandes Bedeutung erhalten haben, sondern zugleich über Verhältnisse, Sitten, Gebräuche und Ansichten aus der Zeit, in der er lebte. Der vornehmste und eigenthümlichste Gegenstand seiner Schilderungen ist der junge König, an dessen Hofe er eine gern gesehene Persönlichkeit war. Unter den Jungfrauen der Königin hatte er sich die Braut erwählt und den König auf seinen Reisen im Lande wie bei seinen Wanderungen und Abenteuern mehr privater und lichtscheuer Natur begleitet. Einer dieser Ausflüge und das, was das Tagebuch darüber berichtet, hat den Stoff zu folgender Erzählung gegeben.

»Am vierten Mai 1598,« erzählt Sigwart Grubbe, »war der König bei dem Rentmeister Enevold Kruse und wir tranken tüchtig bis tief in die Nacht hinein. Auf dem Rückwege nach dem Schlosse fragte der König bei der Hohen Brücke nach meiner Wohnung, und da sie in der Nähe war, sagte er, hätte ich Lust, Besuch anzunehmen, so wollte er sich einmal meine Einrichtung und meine Wirthin ansehen und sich überzeugen, ob ich einige hübsche Mägde hätte. Ich antwortete augenblicklich, ich hätte eine alte Wirthin, aber einige junge und ausgezeichnet schöne Mägde, außerdem hätte ich ein englisches Getränk, Rose de Sole, welches mein Wirth gestern in einer Korbflasche auf einem englischen Schiffe erhalten hätte. »Das alles sagt mir sehr zu,« versetzte der König. – Ich sandte sofort meinen Knecht vorauf, um das Thor zu öffnen und der Wirthin zu sagen, der König käme und wünschte, daß ihm die Flasche vorgesetzt würde. Als der König von der Rose de Sole gekostet hatte, sagte er: »Die Sorte gefällt mir; das ist nicht Branntwein, sondern diese Rose ist an der Sonne destillirt; es schadet nicht, wenn wir ihr etwas fleißiger zusprechen.« Er trank mir nun ein kleines Glas auf das Wohl meiner Hildeborg zu, ich trank es darauf meinem Nachbar zu, und so machte das Glas zwischen uns Dreien, die wir in der Begleitung des Königs waren, die Runde. Ich nahm darauf ein anderes kleines Glas und trank es dem Könige zu, indem ich ihm meine unterthänige Dankbarkeit aussprach. Aber kaum hatte ich das Glas geleert, so wurde ich so berauscht, daß ich nicht auf den Beinen stehen konnte. Als Joachim Bülow das sah, wollte er mich nach dem Bette führen, aber das Ende war, daß wir beide zu Boden fielen. Börge Trolle, der hierin eine Wirkung der Rose de Sole erkannte, nahm nun heimlich die Flasche und goß den Rest aus. Als der König merkte, daß nichts mehr übrig war, zerschlug er mit der Flasche alle Fensterscheiben. Als er mich darauf verließ, wollte er noch bei dem Lehnsmanne Christian Barnekov, dessen Wohnung in der Nähe lag, vorsprechen. Da nun die Thür verschlossen war, versuchte er zum Fenster hineinzukriechen, fiel aber unglücklicherweise auf seinen Degengriff und verwundete sich über dem rechten Auge. – Joachim Bülow und ich waren sehr krank und wurden gezwungen einige Tage in der Pflege meiner Wirthin zu bleiben, die uns mit fettem, gut gekochtem und heißem Kohle kurirte. Als ich darauf zum Könige kam, sagte er: »Du traktirtest mich gut; sieh, was für ein hübsches Auge ich bekommen habe.« Er gelobte, von dem englischen Getränke nie mehr zu kosten. Als er später die Königin auf ihrem Zimmer besuchte, sagte die Königin zu meiner Hildeborg: »Dein Sigwart hat meinen Herrn ordentlich traktirt.« – Ich machte viele Entschuldigungen und meinte, der König hätte gleich mir und Joachim Bülow in sein Bett gehen sollen.

In demselben Winter gab der Reichshofmeister, der mächtige Herr Christoffer Balkendorf, den Herren und Damen des Hofes ein prächtiges Gastmahl. In dem Gefolge des Königs gewahrte man an diesem Abende Sigwart Grubbe, Christian Barnekow, Hofjunker Bülow, den verwegenen Börge Trolle, Christian Holk und Axel Urne. Letzterer war kurz vorher von seinem väterlichen Gute Aasmark auf Lolland nach Kopenhagen gekommen und wurde bald die Seele aller Lustbarkeiten des jungen sorglosen Hofes. Auf den Wasserpartien war er der Gewandteste, auf der Jagd der Glücklichste, beim Treibjagen der Unerschrockenste. Damals reichten diese Vorzüge hin, sich in der Gunst des Königs fest zu setzen. Axel Urne war jung, schön, leidenschaftlich in allem, was er einmal beschlossen hatte, unerschütterlich, kurz, eine jener Naturen, die an jede ihrer Handlungen mit der ganzen Energie einer feurigen Seele gehen und aus dem Grunde auch fast immer das Ziel ihres Strebens erreichen. Wüßten die Leute nur, wie oft die vornehmsten Eigenschaften der Seele auf dieser unerschütterlichen Ausdauer beruhen.

Es ging bereits gegen Mitternacht, als die Gäste Balkendorfs Haus verließen. Die Königin und ihre Damen ritten nach dem Schlosse zurück, der König zog es dagegen vor, mit seinem Gefolge zu Fuße zu gehen.

»Nun müssen wir uns noch einen kleinen Spaß machen,« sagte König Christian, als sie auf die Straße hinabkamen. »Die Nacht ist in dieser Jahreszeit zu lang, um sie ganz zu verschlafen. Laßt sehen, wer den besten Einfall hat!«

Das war eine willkommene Aufforderung, nach der alle Anwesenden ihre Gesichter mit schwarzseidenen Masken verhüllten; so stürmte die muntre Schaar mit jubelndem Geschrei die Straße hinunter. Die Diener folgten und leuchteten ihnen mit Fackeln und Holzspänen. Erst im Jahre 1673 wurde auf königlichen Befehl bekannt gemacht, daß niemand auf offener Straße brennende Späne oder Fackeln tragen dürfte, sondern nur der Gebrauch der Laternen gestattet wäre. – Das Harz in den Fackeln sprühte und knisterte; die rothen Flammen warfen ihren Schein über die kleinen Häuser hin; die Bürgerwache, welche des Nachts Wächterdienste verrichtete, ergriff die Flucht. Hier klirrte eine Fensterscheibe, dort wurde ein morscher Bretterzaun umgerissen; weiter unten stieß eine verfolgte Unschuld einen Schrei aus, und dann stellte die wilde Jagd einen ehrbaren Bürger, der trällernd aus einer Weinstube kam. Er wurde die Straße entlang gezogen, über eine Wasserpfütze steckten die Edelleute ihre Degen über Kreuz, und nun mußte sich der Mann auf den Bauch legen und unter den Degen durch die Pfütze kriechen. Sub jugum mittere, unter das Joch schicken, nannte Sigwart Grubbe dies. Der Mann schrie und bat um Schonung, die Edelleute lachten und fluchten, alle Hunde in der Nachbarschaft bellten, und die Schaar zog weiter auf neue Thaten aus. Es war höchst lustig!

Kopenhagen war damals noch lange nicht das, was es gegen Ende der Regierung Christians IV. werden sollte. Valkendorf hatte einen Theil der Stadt auf eigene Kosten mit einem neuen Walle umgeben lassen; da, wo der Wall endete, begann ein Bretterzaun, über den auf Befehl des älteren Bülow Dienstleute und Jungen nicht klettern durften. Kleine niedrige Häuser lagen zwischen Gärten und offenen Plätzen, von Hecken und Staketenzäunen eingefriedigt, und schlossen sich um die Kirchen wie eine Heerde um den Hirten zusammen. Rosenborg war noch ein Ackerfeld, von tiefen Wassergräben durchschnitten, die Börse eine Sandinsel oder eine Strecke Ufer, worüber die Möven kreisten. Die Straßen, mit Kies beschüttet, bildeten im Sommer eine Staubwolke, im Winter eine Wasserpfütze; dicht neben den Häusern zog sich ein schmaler Fußweg mit tiefen Rinnsteinen hin, in denen Gänse und Enten und bisweilen auch Ferkel umherspazierten und nach guten Abfällen suchten. Es war noch die Stadt der Zukunft, die des rastlosen Unternehmungsgeistes und der Schöpferkraft des Königs Christian bedurfte, um zu wachsen. – Wir schütteln den Kopf über eine Zeit ohne Literatur, ohne Schauspiel, ohne Musik, ohne Zerstreuung, ohne andere Feste als die, welche die Bewohner der kleinen Häuser sich mit dem Hute in der Hand vor den Thüren der Edelleute mit ansehen durften. Man hatte sich damals, wo man lange nicht so lebhaft war, wie jetzt, das Bild von dem Vogel auf dem Felde angeeignet, der da erntet, ohne zu säen; das Leben war nur eine mühsame Arbeit, die Ruhe der einzige Lohn. – Einen entschiedenen Vorzug hatte jene Zeit jedoch vor uns; alle diese kleinen niedrigen Häuser gewährten ein Heim, welches genügsame Freuden darbot und verbarg; man lebte für die Familie, wie wir jetzt für die Zerstreuung leben; es gab mehr häusliche Tugenden, oder sie traten wenigstens öfter zu Tage; man wurde alt in diesem Heim mit allen Schätzen seines Herzens.

Ungefähr mitten in der Kaufhausstraße lag damals ein großes weißgetünchtes Haus, welches einem reichen und angesehenen Goldschmiede, Namens Jörgen Kaalsing, gehörte. Es war die einzige Stelle in der Straße, wo noch Licht brannte; Jörgen hatte außerdem zwei brennende Laternen draußen vor der Straßenthür an der Wand aufhängen lassen, zum Zeichen, daß diesen Abend ein Fest im Hause war. Um Mitternacht verließen die Gäste ihren Wirth, die Fenster standen offen, und einige junge weißgekleidete Mädchen waren noch zwischen den abgedeckten Tischen beschäftigt. Der alte Goldschmied war gerade im Begriff die brennenden Laternen hereinzunehmen, als der König mit seinem Gefolge vorüberkam. Die Lichter lockten dieselben an, die Schaar blieb stehen, Axel Urne schwang sich in die Fensteröffnung hinein und winkte den andern zu, so daß sie alle nach der Stelle hineilten. Einer der Edelleute löschte Jörgen Kaalsings Laternen aus, und ein anderer drängte ihn zurück, als er sich vor die Thür stellte. Axel Urne war einen Augenblick, wie verloren in den Anblick, der sich ihm darbot, in dem offenen Fenster sitzen geblieben; innerhalb der Stube schrien die jungen Mädchen wiederholentlich auf, als der unbekannte Mann mit einer Maske vor dem Gesicht vor ihnen auftauchte und zum Fenster hineinsprang. In demselben Augenblicke stürmte die ganze Schaar durch die Straßenthüre herein. Man hörte Klirren von Gläsern und Flaschen, die zerschlagen wurden, die Bitten und Drohungen des alten Goldschmiedes vermischten sich mit den Zurufen und dem Gelächter der Edelleute; von draußen konnte man sehen, wie sie durch die Stuben eilten und die fliehenden Mädchen verfolgten. Die Lichter flackerten hin und her, darauf wurden sie nach und nach ausgelöscht; aber deshalb wurde der Lärm nicht geringer, und lauter als das Singen, Lachen und Rufen erhob sich ab und zu ein scharfer gellender Klageschrei und Flehen um Hilfe und Gnade. Kurz darauf brauste die Schaar wieder zur Thüre hinaus. Axel Urne kam zuletzt, er war sehr bleich und sein Vorhemd zerrissen, aber diesmal folgte er nicht wie die anderen der gewöhnlichen Sitte, seine Thaten zu schildern. Die Diener sammelten sich um ihre Herren und drängten die Neugierigen zurück, die sich vor dem Hause des Goldschmiedes aufgestellt hatten.

Der Tag begann zu grauen, die Spitze des Thurmes auf der Nicolaikirche wurde von der Morgensonne geröthet, die Dohlen kreisten schreiend um den Thurm, die Edelleute zogen über die Hohe Brücke in das Schloß, und die Jagd war für diesmal zu Ende.

»Ich habe meine kostbare goldene Kette verloren,« sagte der König, als er sich auszog. Es wurden Boten ausgesandt und nach ihr gesucht und gefragt, aber sie kam nicht wieder zum Vorschein.

Einen Monat später war Ball auf dem Schlosse, welches Christian der Vierte kurz vor seiner Vermählung mit einem neuen Flügel erweitert und vergrößert hatte. Den ganzen Abend bewegte sich über die Hohe Brücke eine dichte zahlreiche Schaar, die von den Sänften oder Pferden der Damen zusammengedrängt und zur Seite gestoßen wurde.

Für die Bürger war es ebenfalls ein Fest, wenigstens für einen Theil, der sich mit Frau und Kindern um den Eingang zum Schlosse versammelt hatte, um die Herrschaften vorüberziehen zu sehen, während sie die Treppen hinaufstiegen. Ab und zu, wenn sich ein Verwegener zu nahe an das Portal wagte, während eine neue Schönheit eintrat, stießen die Wächter den Zudringlichen zurück und schlugen mit dem Schaft ihrer Hellebarden nach ihm.

Ein Lichtmeer entströmte den Fenstern des Schlosses und fiel über den Wasserspiegel. Von innen tönte Jubel und Musik. König Christian hatte vor kurzem aus besonders dazu aufgeforderten ausländischen Künstlern eine eigene Kapelle bilden lassen, unter Leitung des Kapellmeisters Mogens Petersen, eines für seine Zeit berühmten Mannes; das war etwas Neues und brachte eine große Wirkung hervor.

Der Stern, um den sich in dieser Ballnacht alles zu bewegen schien, war ein junges Mädchen, das erst vor kurzem von den Gütern ihres Vaters in Schonen nach der Hauptstadt gekommen war. Dasselbe hieß Karen Gyldenstjerne und war die einzige Tochter des Peter Gyldenstjerne, des Reichen, wie er allgemein genannt wurde. Die junge Dame gehörte dem vornehmsten Adel ihrer Zeit an, indem sie mit den Brahe, Skeele, Rude und vielen anderen alten Familien verwandt war. Die Pernille, deren Ländereien nach Sigvart Grubbes Schätzung einen Werth von 304,026 Thalern besaßen, wobei er, wie er ausdrücklich bemerkt, die Gold- und Schmucksachen und Kleinodien gar nicht in Anschlag gebracht hatte, war eine Tante Peter Gyldenstjerne's.

Karen Gyldenstjerne, mit verschwenderischer Pracht gekleidet und mit einem Antlitz, das fast eben so blaß wie ihr weißes Atlaskleid war, stand an der Seite ihres Vaters. Ein tiefer schwermüthiger Ernst ruhte über ihr, ein Ausdruck vollständiger Gleichgültigkeit gegen die laute Bewunderung, die sie erregte. Lächeln und Lachen schien diesem feinen ovalen Gesichtchen fremd zu sein, dessen weiche unberührte Lippen nur auf die Erlaubniß zu warten schienen, sich zwei Reihen kleiner blendendweißer Zähne zu öffnen. Ihre ganze Seele schien sich in dem forschenden und gleichsam suchenden Blicke ihrer Augen zu vereinen; es waren diese großen, blauen und gedankenreichen Augen, die eine fesselnde, fast bezaubernde Macht ausübten, und doch lag bei genauer Betrachtung weder Feuer noch Leidenschaft in ihren blendenden Strahlen, die nichts verhießen, nicht reizten, deren Sprache ein Räthsel war, deren Licht von einer Seele kam, die dem Leiden näher stand als dem Glücke. Eine vollendete Haltung, eine kindliche Schüchternheit und Anmuth ruhte über jeder ihrer Bewegungen. Sie bewahrte mitten in dem Kreise, der sich immer mehr um sie vergrößerte, und in welchem der junge feurige König ihr seine Huldigung weit häufiger darbrachte, als seine scharf beobachtende Gemahlin vielleicht wünschte, eine natürliche Freiheit. Karen hörte diese Huldigungen an, als ob dieselben ihr gar nicht gälten; sie neigte schweigend ihr Haupt und betrachtete alle diese lächelnden und duftenden Edelleute, wie man die Bilder in einer Galerie betrachtet, ohne daran zu denken, daß man selber beobachtet wird.

Axel Urne war mit in den Strom, der Karen Gyldenstjerne umgab, gerissen worden. Sie schien auf ihn dieselbe Macht wie auf alle andern auszuüben. Ihre Züge kamen ihm bekannt vor und doch durchlief er wieder und wieder den ganzen Kreis seiner Erinnerungen, ohne ausfindig machen zu können, wann und wo er früher mit dieser Schönheit, diesen großen und sprechenden Augen zusammengetroffen wäre.

Mitten unter dem Lärm des Festes, als die Musik, das Gelächter und der Becherklang am lautesten erschallte, näherte er sich ihr. Einige Schritte vor ihr blieb er stehen und lauschte auf das, was sie sagte. Wie er so dastand, reich und prachtvoll gekleidet, ein Mann vom Scheitel bis zu den Zehen, schien es, er müßte unwiderstehlich sein; seine Person hatte nie ein ritterlicheres Gepräge gehabt; vielleicht ahnte er es selbst, sein siegreiches Lächeln verrieth wenigstens das Bewußtsein seiner Vorzüge. In diesem Augenblicke theilte er mit ihr die allgemeine Bewunderung. Alle Zunächststehenden beobachteten diese beiden, die, im Besitze aller frischer Jugendgaben, einander gleich werth zu sein schienen.

Sie war die einzige, die ihn noch nicht bemerkt hatte. Als sich ihre Augen zum ersten Male begegneten, flog ein Schatten über ihr Antlitz; es war, als wäre sie von einem kalten Winde berührt. Sofort wandte sie sich an die Nächststehenden, nahm das Gespräch wieder auf und blickte vor sich hin, als weilten ihre Gedanken ganz wo anders.

Börge Trolle stand neben Axel Urne; er legte ihm die Hand auf den Arm und flüsterte: »Ja, schön ist sie, das ist gewiß; aber sie will nicht tanzen.«

Axel erwachte bei diesen Worten aus seinen Träumen; er wandte sich nach Börge um und erwiderte heiter und bestimmt: »Sie wird tanzen, du sollst es sehen.« Darauf näherte er sich dem alten Edelmanne und grüßte ihn.

»Friede Gottes und einen fröhlichen Abend, Herr Peter Gyldenstjerne! Sie kennen mich wohl. Ich bitte um Erlaubnis, Ihre schöne Jungfrau Tochter begrüßen zu dürfen.« Nach diesen Worten wandte er sich an Karen, verneigte sich so tief, daß die weiße Feder seines Hutes den Boden berührte, und fuhr mit einem einnehmenden Lächeln und in jener geschraubten Sprache, wie sie die jungen Edelleute von ihren Reisen mit heimgebracht und bei Hofe üblich gemacht hatten, fort: Sagen Sie, schöne Jungfrau, weshalb die Sonne sich hier in Finsternis verbirgt und es uns versagt, daß wir uns an ihren Strahlen wärmen?«

»O, höchst galant,« erwiderte Karen, indem sie grüßend ihr Haupt neigte; »allein, woran erkennt man wohl die Sonne, wenn sie sich in Finsternis verbirgt?«

»In der Regel nur an der Wärme, die sie verbreitet.«

»Was wünschen Sie?« fragte sie mit einem Ausdruck und in einem Tone, der nichts von der Artigkeit an sich trug, mit der er ihr entgegen gekommen war.

Axel Urne blieb, auf seinen langen Degen gestützt und mit einem unveränderten Lächeln stehen; er wußte, daß alle Umstehende ihn betrachteten, und entgegnete: »Ich wünschte jetzt, meine Augen wären ein Spiegel, der Ihr schönes Bild aufzufangen vermöchte; doch noch lieber wünschte ich die kleine Blume zu sein, die sich an Ihrer Brust wiegt, ohne ihr Glück zu fassen; – ach, fragen Sie mich nicht, was ich wünsche; vor Ihnen steigen viele Wünsche empor; ich möchte Gott im Himmel sein, um Ihr Leben so schön und reich machen zu können, wie Sie es verdienen. Aber ich bin nichts von dem, was ich genannt habe, und bin in Demuth damit zufrieden, Sie zum Tanze auffordern zu dürfen. Die Paare treten an, die Musik ertönt, die Freude ist wie Sonnenschein im Winter, wir wollen uns derselben hingeben, so lange wir können.«

»Es ist mir hier zu warm, ich tanze nicht,« erwiderte Karen Gyldenstjerne, und als wäre damit alles abgethan, legte sie die Hand auf ihres Vaters Arm und ging mit ihm zu dem Kreise der Hofdamen, der sich um die junge Königin gesammelt hatte.

Axel Urne blieb einen Augenblick stehen; als er um sich blickte, gewahrte er auf den Gesichtern aller, die das Gespräch mit angehört hatten, ein allgemeines Lächeln; er war vor denselben Zuschauern, die sonst nur Zeugen seiner Siege gewesen waren, zurückgewiesen und gedemüthigt worden. Er war aufgebracht und erbittert, besaß jedoch eine so große Gewalt über sich, daß er keine seiner Empfindungen verrieth. Er strich das lockige und duftende Haar aus der Stirne, zuckte die Achseln und ging, seinen Federhut schwenkend, auf eine andere Gruppe zu.

»Sie tanzt nicht,« flüsterte ihm Börge Trolle beim Vorbeigehen über die Schulter zu. Axel biß sich die Lippen blutig, antwortete aber nichts.

Von diesem Augenblicke an war seine Aufmerksamkeit unablässig auf das junge Mädchen gerichtet. Seine offene Weigerung flößte ihm ein größeres Interesse für dasselbe ein, als die größten Zugeständnisse im Stande gewesen wären; zu siegen hatte keinen Reiz mehr für ihn. Während es ihn vergessen zu haben schien, beobachtete er jede seiner Bewegungen. Bei Tische gelang es ihm durch seine Gewandtheit, einen Platz in Karens Nähe zu erhalten. Im ersten Augenblicke, da sie zu ihm sprach, hatte ihre Stimme gebebt; jetzt war dieselbe durchaus ruhig und gefaßt, weich und klangvoll. Einmal trafen sich ihre Augen; da kam ihm ihr Blick scharf und durchbohrend wie ein Pfeilschuß vor, kalt, aber blendend wie ein Blitzstrahl. Er reichte ihr eine Schale mit ausgesuchten Früchten; sie wies sie zurück, indem sie den Kopf schüttelte, ohne ihr Gespräch zu unterbrechen. Er saß da und starrte sie unverwandt an, sie dagegen schaute nicht mehr nach seiner Seite hinüber. Gleich nach Tische verließ Gyldenstjerne mit seiner Tochter das Schloß; eine Schaar junger Edelleute begleitete sie bis an den Fuß der Treppe, wo die Diener mit Karens Sänfte warteten. Als Börge Trolle zurückkam, stand Axel am Fenster und schaute über den Schloßplatz fort, wo die Bürger bei dem hellen Mondscheine standen und warteten.

»Sie tanzt nicht,« wiederholte Börge zum dritten Male. Axels Augenbrauen zogen sich zusammen; Börge wußte wohl, wo er verwundbar war.

Seit jenem Abend schien Axel Urne verwandelt zu sein. Widerstand und Demüthigung war etwas Neues und Unbekanntes für ihn, der bisher auf jedem dieser Wahlplätze, wo man mit Blicken und Lächeln, mit Bitten und Versprechungen kämpft, den Sieg davon getragen hatte. Er brauchte nur zu verlangen, um zu erreichen, und hatte sogar bisweilen erreicht, ohne zu verlangen. In den ersten Wochen nach dem Balle suchte er sich Zutritt zu dem Hause des alten Edelmannes zu verschaffen; er sah Karen Gyldenstjerne wieder und wieder und machte Versuche, sich ihr zu nähern, um abermals mit einer Kälte und Gleichgültigkeit zurückgewiesen zu werden, die ihn zugleich reizte und verletzte. Sie blieb ruhig, kalt und undurchschaulich, ein Stahlpanzer schien diese seine Brust zu umschließen, die er sich heben und senken sah, aber der es ihm nicht gelang ein einziges verwandtes Gefühl zu entlocken. Von Schönheit fand er alles an ihr, von Weiblichem nichts. Es war ihm selbst unmöglich sich zu erklären, weshalb sein Dasein so plötzlich nur von ihr Licht und Farbe erhielt; bis dahin hatte er seine Lust in allem, ohne Maß und Grenze gesucht, hatte wie ein Kind gelebt, das sorglos jeden Tag seine eigene Plage haben läßt, hatte nie Sehnsucht empfunden und sich nie Gedanken gemacht, das gebrauchte Spielzeug von sich geworfen und nach einem neuen gelangt; ob es beim Spielen zerbrach oder erhalten blieb, war nicht seine, sondern des Zufalls Sache.

Wir werden beständig in dem gestraft, worin wir fehlen, und die Mythe von Don Juan ist nicht glücklich, wenn sie den Schatten des Kommandanten als Drohung und Schreckbild für den Sünder benutzt; eine größere und zugleich natürlichere Strafe muß die sein, daß er endlich auf ein Weib trifft, dessen Wege nicht seine Wege sind, dessen Eigenschaften ihn erwecken, ihn erheben, ihn dazu bringen, an das zu glauben, was er vorher bezweifelt hatte, ihm Verlangen, Wünsche und Sehnsucht einstoßen, bis er in dem Kampfe für das Ideal, das er einst verläugnet hat, schließlich zu Grunde geht.

Es war nicht blos eine anhaltende Kälte und Gleichgültigkeit, die Karen Gyldenstjerne gegen ihn zeigte, ihr ganzes Benehmen trug zugleich das Gepräge einer vornehmen und überlegenen Geringschätzung, die vielleicht er allein bemerkte, die ihn aber noch mehr demüthigte und seine Eitelkeit noch tiefer verwundete. Die Erinnerung daran, die ununterbrochene Beschäftigung mit ihr erhöhte die erste Bedeutung, die sie für ihn gewonnen hatte, verlieh ihr Vollkommenheiten und einen Reichthum von Poesie, gegen den die Vorzüge aller übrigen Frauen zurücktraten. Die Vergangenheit und alles, was mit ihr in Verbindung stand, hatte er vergessen; ein tiefer Abgrund lag zwischen ehemals und jetzt; die Zukunft wollte er erobern, und das war sie. Er harrte aus, ermüdete nicht, ruhte nicht; er gehörte zu jenen Naturen, die da Licht finden, wo alle andern nur Finsternis sehen; er glich in diesem Augenblicke einem Seemanne in einem unbekannten Fahrwasser, der nicht wußte, wohin er steuern sollte. Das Bild der Jungfrau begleitete ihn überall hin; er fand sie selbst da, wo sie nicht zugegen war, in dem Lärm der Gesellschaften begegnete er ihren vornehm halb gesenkten Augen, als hielten sie es nicht für werth, ihr volles Licht auf ihn fallen zu lassen; bei den Hoffesten sah er ein stolzerhobenes Haupt, das dem ihrigen glich und sich von ihm abwandte, als wäre er gar nicht vorhanden. Wenn er einsam die Nacht durchwachte, hörte er diese weiche Stimme, die für alle andern so einschmeichelnd sein konnte und nur für ihn ihre Musik verstummen ließ, aber ihn doch wach erhielt und den Schlaf von seinem Lager scheuchte. Nur von ihr strömte alles Licht aus, wie zu ihr all seine Gedanken und all sein Sehnen zurückführten. »Was diese hochmüthige Geringschätzung hervorruft, ist nicht Kälte des Herzens,« sagte er zu sich selbst, »sondern Mangel an lebenskräftigen Gefühlen. Ich habe es gesehen; es hat Zeiten gegeben, wo ihre Augen im Feuer der Leidenschaft leuchteten und strahlten; ich habe ihre Stimme beben gehört, als ob sie fürchtete, zu viel zu sagen. Was ist es also, was sie an mir auszusetzen hat? Ich bin jung, ich bin hübsch, ich bin kräftig, ich bin ihr ebenbürtig, und mein Herz klopft heißer als das ihrige.,«

Begegneten sie sich jetzt nach langen Versuchen und vielen fehlgeschlagenen Plänen, wie bebte dann nicht seine Stimme, wenn er mit ihr redete, wie vollkommen war nicht seine frühere Sicherheit verschwunden, und welche Sprache entströmte nicht seinen Lippen! Er fand Worte, deren er sich früher nie bedient hatte; es lag eine Wahrheit, ein Reichthum in dem allen, der einen jeden gewinnen zu müssen schien. Weshalb fand er also nicht bei ihr Gnade? Wie war es möglich, daß zwei so junge und frische Naturen einander nicht entgegenkommen konnten?

In Sorge und Furcht wurde dieses Gefühl groß gezogen und steigerte sich, bis es jeden Raum seines Herzens einnahm und sich zur höchsten Stufe entwickelte, die eine menschliche Leidenschaft erreichen kann. Ohne daß er es recht begriff, gab es seinem Charakter allmählich eine andere Richtung. Ein jeder Kampf bringt das Gute mit sich, daß er unsere Fähigkeiten entwickelt und veredelt; wir enden stets stärker, als wir begannen, selbst wenn wir die Schlacht verlieren. Es war nicht länger nur die verletzte Eitelkeit, sondern ein Seelendrang, der sich in sein Verlangen, sie zu erkämpfen, mischte; sie erhielt eine Bedeutung für ihn, wie sie früher nie ein Weib für ihn gehabt hatte. Seine Hoffnung und Sehnsucht wechselten mit Furcht und Zweifel, wie Wolken an einem bezogenen Himmel, aber nur selten leuchtete ein Sonnenstrahl durch sie hindurch.

Niemand ahnte, was seit jener Ballnacht in ihm vorging. Er zog sich von dem Kreise seiner früheren Freunde zurück und wurde weniger mittheilsam als früher. Was hatte er auch wohl zu erzählen? Der König vermißte ihn bei jedem lustigen Ausflüge; er glaubte, Axel wäre krank und schickte seinen Arzt, den berühmten Peter Sörensen zu ihm. Einer der jungen Edelleute behauptete, er tränke zu Hause im Geheimen und ginge beständig im Rausche einher. Beide hatten Recht, Arel Urne war krank und war berauscht, nur hinsichtlich der Ursache irrte man sich.

»Du vergeudest nur deine Zeit,« sagte Börge Trolle, der tiefer sah, als alle andern. »Komm zu uns zurück, die Welt ist groß und du bist jung. In dem Kamin, an dem du dich wärmen willst, kann das Feuer nicht brennen, – sie gleicht einem der Schaugerichte auf des Königs Tafel, lustig anzusehen, aber nicht zu essen.,«

Axel kehrte nicht zu seinen Freunden zurück; er spiegelte sich zu seinem Troste vor, sie müßte sich doch endlich von einem so innigen und anhaltenden Gefühle bewegen lassen, eine so hingebende Liebe müßte ihre Tiefe, eine so beständige ihre Größe beweisen.

Eines Morgens erschien er vor Gyldenstjernes Thür und klopfte an. »Ich will mit ihr sprechen," sagte er zu sich selbst, »wagen, was ich vorher nicht gewagt habe, fragen, weshalb ich ihr zuwider bin, und was man thun muß, um ihre Gunst zu gewinnen.,«

Niemand kam und öffnete. Er klopfte abermals. Unten im Keller wurde gleich darauf ein Fenster geöffnet, und ein alter weißhaariger Diener steckte den Kopf heraus.

»Die Herrschaft ist verreist,« sagte er, »und wir dürfen nicht durch das große Portal gehen.,«

»Wo ist sie hingereist?,«

»Ei, für einen armen Diener ist es nicht gut, dergleichen auszuplaudern,« versetzte der Alte, im Begriff das Fenster wieder zu schließen.

»Aber du wirst mir trotzdem Auskunft verschaffen,« sagte Axel Urne und zog einige Silbermünzen ans seinem Geldbeutel. Der Diener ließ das Fenster offen stehen, sah lächelnd das Geld an und blickte in das Zimmer zurück.

»Ich stehe und sinne nach,« sagte er, »und nun fällt mir plötzlich ein, daß der gnädige Herr beim Fortreiten befahl, wir sollten ihm alle Botschaften und Briefe, die in seiner Abwesenheit ankämen, nach seinem Gute bei Fagerhult in Halland nachsenden. Jungfrau Karen bat uns auch zu verschweigen, wohin sie reisten, aber das galt sicherlich Ihnen nicht, wie ich mir leicht denken kann,« fügte der alte Mann hinzu, indem er das Geld nahm und das Fenster schloß.

Axel Urne ging mit gesenktem Haupte die Straße entlang. »Sie ist abgereist, sie hat gemeint, Land und Meer zwischen uns legen zu müssen, damit wir recht getrennt wären. Gut! Sie soll ihren Willen bekommen, von nun an ist alles vorbei, ich will sie so vollständig vergessen, wie sie es wünscht.«

Mit diesem festen Entschlusse ging er heim und schloß sich ein. Das feierliche Gelübde zu entsagen und zu vergessen wurde am Vormittage abgelegt; gleich nach Mittag ritt Axel Urne zur Stadt hinaus nach Helsingör, um sich mit der Fähre über den Sund nach Helsingborg setzen zu lassen, und noch denselben Abend zog er weiter nach Fagerhult hinauf. So standhaft ist das Bollwerk, welches der Verstand der Leidenschaft entgegensetzt.

Die Sonne schien, der grüne Roggen auf dem Felde wogte, die Lerchen sangen hoch über ihm, als ein einsamer Reiter den Weg entlang kam, der sich in nordöstlicher Richtung von Engelholm in den Gjönger District hineinzieht. Je weiter er gelangte, desto wilder wurde die Gegend; die angebauten Felder machten mächtigen Buchen- und Eichenwäldern Platz, die in unserer Zeit wieder einem armseligen Gestrüpp von Ginster, Dornbüschen und Wachholdersträuchern gewichen sind, zwischen welchem sich einzelne knorrige Schößlinge alter Bäume erheben, mit welken Zweigen an den Spitzen, vom Winde gebogen und gekrümmt und mit weißem faserigem Moose bedeckt. An einigen Stellen wechselten die Wälder mit einem kahlen und nackten Landstriche, mit bunten Feldsteinen bedeckt, unter welchen kleine Büschel hellgrüner Farrenkräuter hervorschossen. Ein zerlumpter Hirtenknabe mit einem Sacke hinten über dem Kopfe, stand, auf seinen Stab gestützt, auf einem dieser Steine und guckte dem Reiter nach, während eine Heerde magerer langbeiniger Ziegen die frischen Halme des aus dem Sande hervorsprießenden Strandhafers abnagten. Zu beiden Seiten eines halb ausgetrockneten Flusses schossen aus dem seichten Grunde einige verkrüppelte Birken hervor, zwei halbnackte Kinder rupften das Gras zwischen den Bäumen zum Futter für ihr Vieh. Ein Schwarm Krähen fliegt krächzend um die angenagten Überreste eines gestürzten Pferdes. Armuth schaut aus den Thüren der kleinen Hütten hervor; das Joch der Knechtschaft, Wüstenei und Vergänglichkeit bilden das Gepräge der ganzen Gegend.

Droben bei Fagerhult beginnen die Wälder wieder; dort werden sie größer und tiefer, die Buche breitet ihr Laubdach über den Weg, die Hügel gewinnen an Höhe, die Flüsse an Breite, der Strom schäumt, die Sonne blinkt in den gekräuselten Wellen, die Forelle steigt zum Wasserspiegel empor, das Vieh brüllt und das Thal strotzt von Gräsern.

Dort lag damals zwischen den mächtigen Anhöhen, die sich nach Fagerthult hinabsenken, ein großes, von rothen Ziegelsteinen aufgeführtes Gut. Es gehörte Peter Gyldenstjerne und wurde im Sommer von ihm selbst bewohnt. Axel Urne machte, als ihm das Gehöft zu Gesichte kam, im Hohlwege Halt. Sein Gesicht war finster und verstimmt, es hatte etwas von seinem früheren sorglosen und lebensfrohen Ausdruck verloren. Während er sich umschaute und nachdachte, träumte oder Pläne schmiedete, kam ein hochgewachsener Mann auf einem Fußpfade im Walde angegangen und sprang über die den Weg einfassende Hecke. Es war eine lange magere Person in einer abgetragenen fadenscheinigen Tracht und großen schmutzigen Lederstiefeln, die bis über die Schenkel reichten. Ihr Gesicht war scharf, spitz und voller Sommersprossen, mit dünnem, röthlichem Barte und weißen, buschigen Augenbrauen. Als der Mann Axel gewahrte, blieb er stehen, stieß einen Schrei aus und lief auf ihn zu.

»Ich irre mich nicht,« rief er, den Hut schwenkend, »Sie sind es, mein allertheuerster Freund, Herr Axel Urne, der Günstling Seiner Majestät des Königs, wie man sich erzählt. Und Sie kommen nach Halland geritten! Das nenne ich mir einen glücklichen Tag, der mir eine solche Begegnung bringt. Seien Sie herzlich willkommen, obgleich die Reise mir sicherlich nicht gilt. Aber das sage ich rund heraus, ich lasse Sie nicht los, ich halte Sie fest, bis Sie mir versprechen, ein Stündchen auf meinem Gute, welches hier ganz in der Nähe liegt, vorzusprechen, damit ich Sie ordentlich begrüßen und mit Ihnen etwas von den alten Tagen plaudern kann. – Sie schweigen? Sie bedenken sich? Sie wollen mich wohl nicht mehr als Ihren Freund anerkennen?« Der widerwärtige und abstoßende Ausdruck seines Gesichtes wurde nicht besser durch das angenommene Lächeln, womit er diese Fragen stellte.

»Gewiß erkenne ich Sie,« erwiderte Axel schnell. »Sie sind ja Herr Enevold Skade, der bei der Vermählung Seiner Majestät in Kopenhagen war und uns besuchte und mit mir an den Festtagen das Tournier und das Ringelstechen mitmachte. – Sie wohnen also hier in der Nähe?«

»Ja, ganz nahe,« versicherte Enevold, »mein Gut liegt auf der andern Seite der Anhöhe. Sie kehren bei mir ein, Sie bleiben bei mir, einen Monat, eine Woche, einige Tage, so lange Sie wollen, und erzählen uns inzwischen, wie es bei Hofe hergeht, denn es dauert immer so lange, bis wir Neues von dort erfahren.« »Es soll geschehen, wie Sie sagen,« entgegnete Axel. »Ihr Anerbieten ist mir sehr willkommen. Selbst der Teufel kann das Leben nicht aushalten, das wir dort unten führen. Meine Augen sehen doppelt, und ich leide an der Brust. Ich muß sehen, wieder zu Kräften zu kommen, und deshalb verließ ich die Stadt. Da Sie es mir nun selbst anbieten, nehme ich es an und lasse mich bei Ihnen häuslich nieder.,«

»Ei, das ist ja herrlich,« versetzte Herr Enevold mit einer Miene, die gerade das Umgekehrte ausdrückte. »Lassen Sie uns denn versuchen, ob ich mit Ihnen Schritt halten kann.,« Darauf setzte er sich in Bewegung und ging eine Strecke ohne zu reden. Plötzlich machte er Halt. »Ich habe einem vornehmen Herrn, wie Sie, allerdings nur wenig Bequemlichkeiten in meinem Hause anzubieten, auch ist es mit der Schlafgelegenheit übel bestellt, und da wir morgen noch dazu den Maurermeister bekommen, will ich Sie nicht bitten, über Nacht zu bleiben; aber ein anständiges Mittagbrot kann ich anbieten, wenn Sie mit dem, was in den Kräften eines armen und unbemittelten Mannes steht, vorlieb nehmen wollen.,«

Axel lächelte. »Hören Sie jetzt, Herr Enevold! Wir wollen uns gegenseitig verständigen. Sie haben mich eingeladen, und ich bleibe bei Ihnen, so lange ich hier in der Gegend weile. Wir sind beide gute Edelleute, und es würde sich nicht ziemen, wollte ich Ihnen für Ihre Gastfreiheit Bezahlung bieten; aber wir sind auch Kameraden, wir beide; sind Sie arm, so bin ich reich, und ich habe einen wohlgefüllten Geldbeutel hier in meinem Mantelsack, den theilen wir.,«

»Gott soll mich bewahren!« sagte Enevold mit seinem behaglichen Lächeln; »ich denke nicht an Geld, pfui! Ich meinte nur, Sie wären an Besseres gewöhnt, als ich zu bieten vermag. – Sie sollen Ihren Willen haben und mir herzlich willkommen sein, wenn Sie hier gleich bis zum Herbst bleiben,« versicherte er, indem er freundlich nach dem Mantelsack hinüberblinzelte.

»Jenes Gehöft dort oben aus rothen Ziegeln ist vermuthlich das Ihrige?« fragte Axel, als sie weiter zogen.

»Ach nein,« erwiderte Enevold und zuckte die Schultern, »das nimmt sich nicht so gut aus. Dort droben wohnt Peter Gyldenstjerne, der überall der Reiche genannt wird. Er ist mit seiner schönen Tochter, von der so viel erzählt wird, vor kurzem hier angekommen; seit jenem Tage steht das Thor für Freunde und Gäste nie geschlossen; sie strömen hinaus und strömen hinein, die Leute, leuchtend von Gold und Seide, sie schießen auf dem Sumpfe Schnepfen, machen unter Mitnahme eines Musikcorps Luftfahrten auf dem See und reiten ihre Pferde zu Schanden. Nie zuvor ist hier oben im Gjönger District ein solches Gelärme gewesen. Aber was thut das? Sie haben ja die Mittel dazu, das Geld wegzuwerfen.«

Herr Enevold ging nun voran, bis sie ein kleines Stück Wald erreichten, an dessen Saume ein niedriges, weißgetünchtes Haus mit schiefen Schornsteinen, einem Ziegeldache, das hier und da mit Stroh ausgebessert war, einer Thüre, die nur eine Angel hatte, um sich aufrecht zu erhalten, und vor der Thüre eine große Mistpfütze und eine Menge unbrauchbarer Ackergeräthschaften sichtbar wurden. Enevold schaute zu Axel Urne empor, als wollte er die Gedanken errathen, die der Anblick dieser Herrlichkeiten in ihm hervorrief. Er schüttelte mit einem melancholischen Ausdruck den Kopf und bemerkte:

»Ja, ich sagte es vorher, daß die Stätte, in welche ich Sie, der Sie gewohnt sind, im Schlosse des Königs in Sammet und Seide einherzugehen, einführe, nichts Prunkendes aufzuweisen hat. Ich lebe hier oben einsam für mich allein. Meine Frau setzte sich Grillen in den Kopf und lief mir den ersten Mai des vergangenen Jahres davon, wie Sie vielleicht schon gehört haben. Ich kann sie nicht zur Rückkehr bewegen, obgleich ich klagbar gegen sie geworden bin und die Hilfe des Gerichts in Anspruch genommen habe.«

Ein magerer und schmutziger Jagdhund empfing sie auf dem Hofe und starrte erst den fremden Reiter, darauf seinen Herrn mit einem Ausdrucke tiefen Erstaunens an, als ob er sich darüber wunderte, daß er es sich könnte einfallen lassen, Fremde mitzubringen. Das Innere des Gehöftes stand mit seinem Äußern in bestimmter und untadelhafter Harmonie.

»Wohnungsraum haben wir genug,« sagte Herr Enevold, während er Axel durch mehrere Stuben ohne Möbel und Gardinen führte, die als Kornböden benutzt wurden, »aber ich habe nicht sonderlich viel hineinzustellen. Ich bin, wie gesagt, ein alleinstehender Mann und bekam, Gott Lob, keine Kinder. Als nun mein Weib fortlief, hielt ich Auction und verkaufte den überflüssigen Hausrath. Sehen Sie, diese halte ich für meine beste Stube, und die sollen Sie haben.«

Die beste Stube lag nach dem Walde hinaus; vom Fenster konnte man nach Peter Gyldenstjernes Gut hinüberschauen, ein Umstand, der sofort Axel Urnes Beifall fand. An der Wand hingen einige Säcke Zwiebeln, die bereits zu keimen begannen, und alte Stiefeln, Sättel und Trensen, mit einer dicken Lage weißen Schimmels überzogen.

»Das Haus ist gar zu feucht,« bemerkte Enevold, während er das Fenster vergebens zu öffnen versuchte, worauf er die keimenden Zwiebeln und das Reitzeug auf den Gang hinauswerfen ließ. »Recht übel waren wir hier im Winter auch mit den Ratten dran; es war wahrhaft unangenehm,« fügte er als Erklärung für einige große Strohwische hinzu, die längs der getäfelten Wand aus verschiedenen Löchern hervorragten, »aber mit Eintritt des Sommers zieht das Satansgeschmeiß auf das Feld hinaus, und wir haben lange nichts von ihnen gemerkt. Aber jetzt will ich Sie eine Zeit lang in Ruhe lassen und mich bemühen, die Dirne in Bewegung zu setzen, daß sie Ihnen Mittagsessen bereitet. Sie liegt sicherlich oben im Stroh und schläft.«

Nach diesen einleitenden Erklärungen ging Herr Enevold, und Axel blieb allein. Nach großer Mühe gelang es ihm, das Fenster zu öffnen, und nun setzte er sich an dasselbe. Rund um ihn her war alles todt und still. Die Sonne ergoß ihr Licht über die ganze Gegend, sie schien in den Wald hinein und auf Peter Gyldenstjernes rothe Ziegeldächer. Still hingen die Wolken in der Luft, keine Bewegung, kein Leben, Schweigen, Träumerei oder Leblosigkeit, wohin er blickte. Unten im Hofe wiederholte sich dasselbe: eine Schaar Hühner lag halb im Staub begraben, der Hahn hatte sich wach erhalten und blinzelte zur Sonne empor, der Storch stand auf der Scheune und schlief, den Schnabel unter dem Flügel; die Schwalben allein zeigten Leben, sie kamen und verschwanden mit lautem Gezwitscher und in großen Kreisen um das Dach. Vor dem Eingänge in den Garten stand ein alter Hollunderstrauch in voller Blüte und sandte einen starken Duft zum Zimmer empor.

Axel Urne saß am Fenster und blickte vor sich nieder. In seinen düsteren Gedanken vereinigten sich die Sorgen und fehlgeschlagenen Hoffnungen der letzten Monate mit dem Elend, das ihn hier umgab, zu einem Gesammtbilde. Den Gegensatz bildete der rothe Edelhof unten vor dem Walde, wo die Sonne glänzte, wo alles Glück und Jubel in sich zu bergen schien, und wo er vergessen war. Ab und zu kam es ihm vor, als ob der erwachende Wind frohes Gelächter einer heiteren Gesellschaft durch die Luft zu ihm herübertrug; er reckte sich zum Fenster hinaus, als ob er es einathmen wollte. Gleich darauf lächelte er über sich selbst. Bei einer Natur, wie die seinige war, konnten Grübeleien und Träumereien nicht lange Nahrung finden; er schüttelte den Kopf wie ein Streitroß, wenn das Signal zum Angriff ertönt. Vor ihm lag der Kampfplatz. »Dort will ich siegen oder zu Grunde gehen,« flüsterte er.

Karen Gyldenstjerne hatte für ihn nie so große Bedeutung gehabt als in diesem Augenblicke. Bis dahin war er an den Blumen, die vor seinem Fuße wuchsen, gleichgültig vorübergegangen, und hatte nur für die Auge gehabt, deren Erlangung Mühe kostete. Was ihm zunächst lag, stand seinen Wünschen am fernsten.

Nun galt es handeln; es war nicht seine Sache zu warten, bis Möglichkeiten oder Begebenheiten eintraten. Er zog es vor, sie selbst herbeizuführen und stürmte auf sein Ziel los, ohne sich darum zu kümmern, was es bringen würde, Glück oder Leiden. Nur das wußte er, daß es ihm die vielen Tage lang, seitdem er sie zum letzten Male gesehen, gleichsam an Licht und Athem gefehlt hatte.

Da kam eine große dicke Magd herein, unter der Wucht eines Tisches stöhnend, der ungeachtet seiner verbleichten Vergoldung und seiner vierthalb Beine der Gegenstand der ungetheilten Bewunderung mehrerer verschwundener Generationen gewesen war. Nach dem Tische brachte sie einen Lehnstuhl mit hohem Rücken und stellte ihn mitten in das Zimmer. Das fette rothbackige Gesicht der Magd war von der Sonne und einer eben erst vorgenommenen gründlichen Abwaschung stark marmorirt. Aus dem hellgelben Haar, das unter ihrer Haube zum Vorschein kam, guckte hier und da ein einzelner Strohhalm hervor; übrigens sagte sie nichts, sondern beschränkte sich darauf, Axel mit einem Ausdruck tiefer Verwunderung zu betrachten. Gleich darauf erschien Herr Enevold; sein pockennarbiges und haariges Gesicht perlte von Schweißtropfen.

»Ich bin unten beim Pfarrei gewesen und habe für meinen lieben Gast ein Gericht junger Mohrrüben geliehen; den Sauerampfer haben wir selbst. In kurzem ist das Essen fertig; ich denke, Sie werden zufrieden sein – es gibt einen Puterhahn, einen schönen fetten Puterhahn! – Sie schauen nach Herrn Peters Gehöft hinüber. Sie haben doch hoffentlich mit den Leuten nichts zu schaffen? Gott weiß, daß ich nicht neidisch bin, aber ich halte nicht viel von der Familie. Weshalb sollen sie es besser haben als alle andere?«

»Peter Gyldenstjerne ist mein sehr guter Freund,« erwiderte Axel.

»Meiner ist er nicht; wir grüßen uns kaum, wenn wir uns treffen. Da kommt er im vorigen Jahre mit zwei Dienern hinter sich angeritten und fragt, ob wir nicht auf gemeinschaftliche Kosten eine Brücke über den Bach Bitsö bauen wollen, um uns an dem Wege nach der Mühle anderthalb Meilen zu ersparen. Ich sage ja, denn wie kann ich bei einer Brücke wohl an anderes als an ein paar Bretter über einige eingerammte Pfähle denken, und nun geht er hin und baut eine große mächtige Brücke aus behauenen Steinen mit einem Geländer. Über eine solche konnte die gnädige Herrschaft natürlich angenehmer hinübertraben. Auf mein Theil fielen siebzehn Thaler, und die weigere ich mich zu zahlen.«

»Aber ich werde sie bezahlen,« sagte Axel hurtig. »Nicht wahr, lieber Herr Enevold, wir schicken noch heute Abend einen Boten hinüber, dann ist die Sache abgemacht.«

»Ja,« erwiderte Enevold langgezogen und lächelte dazu, »wenn Sie es wünschen, meinetwegen. Für siebzehn Thaler könnte man sonst viele hübsche Dinge bekommen. Aber dann ist da auch noch eine andere Sache, eine gar häßliche, die mit Karo und den Puten des reichen Peter.«

»Was ist das für eine Sache? Erzählen Sie sie mir, da wir jetzt doch einmal im Zuge sind.«

»Ja, der Karo ist das klügste Thier, das sich auf der ganzen Erde findet. Das sagt unser Pfarrer auch. Denken Sie sich, wenn er einen oder zwei Tage umherläuft, ohne hier zu Hause etwas richtig zu fressen zu bekommen, dann versteht der Satan sich selbst Futter zu verschaffen. Er schleicht dann in der Nachbarschaft umher, wo es etwas zu finden gibt. Nun hat Gyldenstjerne gar große und seltene Puten, die vor Fett strotzen, und die haben ganz besonders seinen Beifall gefunden. Aber Sie dürfen nicht glauben, daß es dem lieben Hunde je in den Sinn kommt, sie auf der Stelle zu verzehren, nein, er bringt sie treulich auf den Hof geschleppt und bellt über seine That noch ebenein aus vollem Halse. Wenn Bengte nun das hört, geht sie hinab und nimmt ihm die Pute fort, aber er bekommt stets sein Stück ab; er kriegt den Kopf und die Beine, und noch etwas als Zugabe. Heute morgen war er wieder nach einer hinüber, und das ist gerade die, welche Sie zum Mittag haben sollen. Wir führen genau Buch über seine Jagdbeute, und machen für jede, die er nimmt, einen Kreidestrich an das Gesims. Jetzt sind wir, wenn ich mich recht erinnere, schon bei der eilften. Nicht wahr, Bengte, – ›Bengte!‹ rief er zum Fenster hinaus der Magd zu, ›sind es mit der, die er heute holte, nicht schon eilf?‹ Der reiche Herr Peter hat herüber geschickt und sich über Karo beschwert; aber ich kümmere mich den Teufel darum; mag er selbst auf seine Puten aufpassen. Ich schwöre auf meine Seligkeit, daß ich den Hund nicht auf sie gehetzt habe.«

Axel hörte nicht mehr nach Enevolds Erzählung hin. Unten auf dem Wege kam eine Schaar Reiter aus dem Walde angejagt und machte vor der Gatterthür Halt. Ein junges Mädchen ritt in ihrer Mitte. Er fühlte sein Herz klopfen, trotz der weiten Entfernung war ein Irrtum nicht möglich. So stolz und vornehm trug nur Karen ihr Haupt, so leicht und wunderbar schön saß nur sie zu Pferde. Herr Peter Gyldenstjerne hielt an ihrer Seite und strich sich mit der Hand über seinen langen weißen Bart und lächelte den jungen eifrigen Kavalieren zu, die nicht die Grenzen der Artigkeit dadurch zu überschreiten glaubten, daß sie sich so nahe wie möglich um Karens Pferd drängten, während sie vor der Gatterthür still hielt. Ihr frisches sorgloses Lachen und einzelne Laute anderer Stimmen tönten wie ein Echo aus einer glücklicheren Welt zu ihm herüber. Sie schaute in dem hellen Tageslichte um sich her, und einmal ruhte ihr Blick fest und unverwandt auf dem Fenster. Lange starrte er ihr und der flüchtigen Schaar nach, die in dem Walde verschwand, zwischen dessen Baumgipfel die Sonne ihre leuchtenden Strahlen warf. Darauf wurde die Luft schwer, der Nebel erhob sich wie eine graue Decke und verbarg die Reiter und Peter Gyldenstjerne's Gut.

Aber Herr Enevold fuhr fort von Karo und seinen Thaten zu erzählen. Er hatte seine Geschichte noch nicht zu Ende gebracht, als die Magd hereinkam und den Tisch deckte, worauf sie die gestohlene Pute auftrug. Axel litt, er seufzte und härmte sich, aber das hinderte ihn nicht, tüchtig in den Braten einzuhauen.

Herr Enevold Skade war mit seinem neuen Gaste sehr zufrieden. Am Abend spielte Axel Domino mit ihm und war so höflich, beständig zu verlieren; er versorgte die Küche und bezahlte endlich die Schuld an Gyldenstjerne. Einige Tage später ritt er hinüber, um dem alten Edelmanne seine Aufwartung zu machen, und wurde von ihm sehr höflich empfangen. Karen ließ sich dagegen nicht blicken, obgleich Axel die Zeit hinzog, so lange es nur möglich war. Gyldenstjerne erwiderte nicht einmal seinen Besuch und bat weder ihn noch Enevold zu den häufigen Festlichkeiten auf dem Gute, zu denen alle übrige umwohnende Familien von einigem Ansehen eingeladen wurden.

Eines Abends sattelte Axel sein Pferd und ritt Schritt für Schritt auf die Waldungen bei Fagerhult zu. Die Sonne stand im Begriff unterzugehen; die Mücken summten und hoben und senkten sich vor dem Kopfe des Pferdes, wie kleine schwarze Wolken. Als er über die Wiese hintritt, wieherten die Füllenstuten in dem Gehege und die Fohlen galoppirten hinter der Einfriedigung auf ihn zu. Ab und zu schallte ein schwaches Klappern von der Wassermühle auf dem anderen Ufer des Baches herüber, und die Birkhenne lief die mit Haidekraut bewachsenen Geleise entlang, gefolgt von ihren Küchlein, die ihre nackten Hälse in gerader Linie vor sich hinstreckten. Am Horizont in Osten zog ein Gewitter herauf, und einzelne schwere Regentropfen fielen bereits auf die grünen Blätter. Er achtete nur flüchtig darauf; in der Schönheit des Abends lag für ihn etwas eigenthümlich Trauriges und Niederschlagendes; alle seine Gedanken vereinigten sich in dem Wunsche, Karen zu begegnen; er mußte, es mochte kosten, was es wollte, sie sehen, sie sprechen hören. Nie zuvor hatte er begriffen, was eine so heftige Sehnsucht sagen wollte. Er war geliebt und umschwärmt worden und hatte vergessen; jetzt wurde er verschmäht und konnte nicht vergessen. Dieselbe Eigenschaft, die früher dazu beitrug, ihm ein so großes Glück zu schaffen, die Eigenschaft, daß er sich all seinen Gefühlen leidenschaftlich hingab, völlig und ohne Vorbehalt, trug jetzt zu seinem Leiden nur um so mehr bei.

»Es gibt also noch eine bessere Liebe,« sagte er, während er mit gesenktem Kopfe in den Wald hineinritt und das Pferd gehen ließ, wohin es wollte, »eine Liebe, die gleichsam über der bis jetzt von mir gekannten schwebt, eine tiefere und innigere, deren Wesen mehr Hingabe und Demuth als Verlangen ist, und die unser ganzes Innere durchdringt wie der Rauch vom Hochaltare durch die Kirche dringt.«

Jenseits des Waldes läutete eine Glocke zum Abendgebete, deren Schläge weich und wehmüthig durch die warme Luft klangen; er faltete die Hände und betete. Um was? Um Glück zu der Hoffnung, der er entgegenging.

An Gyldenstjernes Gartenzaun band er sein Pferd an, nahm ihm das Gebiß ab und ließ es am Grabendamme grasen. Er lauschte, ehe er über den Zaun stieg, alles war ruhig und still darin. Oben in den alten Ulmen schlug ein Nachtigallmännchen in langsamen und getragenen Tönen, als riefe es die Sie. In den leeren Gängen konnte er eine schwache Spur eines feinen und schmalen Füßchens unterscheiden, und auf der Bank, auf der sie am vorhergehenden Abend still und träumerisch wie hingegossen gesessen hatte, lag ein Blumenstrauß, dessen halbwelke und hängende Blätter mit einem Grashalm zusammengebunden waren.

Wie lange er wartete, wußte er nicht; es hatte geregnet und war wieder klares Wetter geworden; der Mond warf seine Strahlen zwischen die Zweige hinab und ließ ein scharfes Streiflicht über das Moos und das Laub auf der Erde gleiten. Im Edelhofe schien alles zu ruhen; aus einem der Gemächer schimmerte Licht hinter der Gardine hervor, und die Thür zum Altane stand offen; eine weiße weibliche Gestalt kam heraus und blickte in den Garten hinab. Er konnte den Hals und den Umriß ihrer Brust unter dem dünnen Stoffe, der sie umhüllte, ziemlich deutlich erkennen. Jetzt war nicht eine Wolke am Himmel; in den Sträuchern hingen die Thautropfen an den frischen Spinnengeweben des letzten Tages. Aus dem Stalle schallte das Prusten der Pferde und das Rasseln ihrer Halfterketten. Karen stand gegen den Altan gelehnt und die Hände auf dem Geländer gefaltet, unbeweglich da. Ein Seufzer ließ sich vernehmen; er betrachtete ihn als eine Brücke zwischen ihnen. Als sie wieder den Kopf erhob, bemerkte sie, wie sich ein Mann über das Geländer schwang und auf den Boden niederkniete. Ihre erste Bewegung war zurückzutreten, dann blieb sie wieder stehen und ihre großen blauen Augen ruhten fest und unverwandt auf ihm. Alles Licht, welches sie in sich bargen, strahlte in diesem Augenblicke fragend und forschend aus ihnen hervor.

»Verzeihen Sie mir,« sagte er mit einer bebenden und furchtsamen Stimme, die etwas Vertrauen Erweckendes hatte, während sie zugleich die ganze Macht und Tiefe seiner Leidenschaft offenbarte. Sie schwieg eine Weile, ehe sie fragte: »Was wollen Sie?«

»Sie sehen. Jagen Sie mich nicht fort; ich weiß alles, was Sie sagen wollen. Hören Sie mich an, schenken Sie mir Glauben. Es muß etwas in meiner Stimme sein, was Ihnen bezeugt, daß ich die Wahrheit rede.«

Seine stammelnden Lippen fanden endlich Worte, und nun brachen sie hervor, diese lange unterdrückten und durchlebten sehnsüchtigen Empfindungen, mit einer brausenden Gewalt und Schnelligkeit, wie ein Strom, der alle seine Dämme durchbricht. Er erzählte, was sie ihm geworden war, wie er gehofft, gesucht und nicht gefunden hätte. Stumm und regungslos stand sie da. Alles, was er sah, war, daß sich ihre Brust unter dem weißen Kleide hob und senkte, wahrend sie die Beichte seiner Seele mit einem Blicke anhörte, der von seinem ruhigen und kalten Ausdrucke nichts verlor.

»Ich liebe Sie,« fuhr er mit dieser eindringenden und weichen Stimme fort, die früher stets Gnade gefunden hatte. »Sie wissen es, wissen es lange, womit ich Sie erzürnt habe. Was soll ich thun, um mir Ihre Gunst ein ganz klein wenig wieder zu gewinnen?«

Nie zuvor hatte sein Gesicht einen beredteren und mehr bezaubernden Ausdruck gehabt. Einen Augenblick gewahrte er in ihrem Blicke eine seltsame Wildheit, aber dieselbe verschwand wieder, während sie sich vor ihm, der sich knieend näherte und ihr seine Hände entgegenstreckte, zurückzog.

»Ich schenke Ihnen keinen Glauben,« erwiderte sie eiskalt. »Vergangenen Winter lebte ich am Hofe, und die Damen daselbst erzählten, wie verschwenderisch Sie mit schönen Versprechungen und Versicherungen wären.«

Sie schien auf Antwort zu warten, aber es erfolgte keine; er beugte unter diesem neuen Schlage sein Haupt nur tiefer.

»Reden Sie wirklich die Wahrheit?« fügte sie hinzu. »Wollen Sie thun, um was ich Sie bitte?« »O reden Sie nur,« flüsterte er leidenschaftlich, »verlangen Sie, ich will alles, alles thun, wozu ein Mann nur im Stande ist.«

»So erheben Sie sich, mein Herr, verlassen Sie mich und kommen Sie nicht öfter hierher.« Mit diesen Worten verließ sie den Altan und zog die Thüre hinter sich zu.

Eine tödtliche Blässe überzog Axels Züge; er blickte ihr nach, lauschte, sie mußte wiederkommen, es war nur eine Prüfung, ein Spiel, eine Strafe vielleicht für ein gebrochenes, er wußte selbst nicht wem abgelegtes Gelübde, aber sie kam nicht. Das Licht flackerte hinter der weißen Gardine; es ließen sich Fußtritte und ein Geräusch vernehmen, als ob eine Thür von innen verschlossen würde. Darauf verschwand das Licht, und der Altan war in Finsternis gehüllt.

Wie er aus dem Garten kam, wußte er nicht; er war noch nie der Gegenstand einer solchen eisigen Kälte gewesen; so tief hatte sie ihn vorher nicht gedemüthigt; nie zuvor war sie ihm schöner vorgekommen. Verlangen, Schmerz und Zorn kämpften in seiner Seele um die Herrschaft. Das arme Pferd mußte die Stimmung seines Reiters entgelten; er spornte es zu einem rasenden Lauf, raufte sich in den Haaren, stieß einen gräßlichen Fluch aus, und die Verzweiflung des Augenblicks war um so größer, weil er keine Möglichkeit sah, ihr ein Ende zu machen. Abzureisen, sie zu vergessen, sie aufzugeben kam ihm nicht in den Sinn.

Der Mond schien, die Drossel schlug im Erlengebüsch; die Bäume warfen lange dunkle Schlagschatten auf ihn hinab; in dem bläulichen, gleichsam wogenden Lichtmeere und bei dem starken Thau sah das Gras und Haidekraut wie eine über die Wiesen gebreitete Decke aus. Er hielt das Pferd an und starrte um sich, verwundert über die Ruhe und den Frieden, den alle Umgebungen verkündeten.

»Sie kann nicht fühlen, kann nicht zu mir emporreichen, sie begreift nichts und faßt nichts, sie ist unfruchtbar wie eine erfrorene Wiese, tobt wie ein welkes Blatt, das man zur Erinnerung bewahrt. Und dennoch, dennoch! sie kann fühlen, kann glauben und geben, wenn sie nur wollte; es stand in ihren Augen zu lesen, eine Secunde, aber nur eine einzige Secunde lang, dann wurde sie wieder zu Stein. – Es klopft in meinen Schläfen, mein Blut ist Feuer, es siedet, als sollte es mir die Brust sprengen, – ist Liebe denn Wahnwitz, oder was ist es, was ich fühle? ...« Er stieß einen durchdringenden Schrei aus, scharf und klagend wie ein verwundetes Thier; oben zwischen den Hügeln hallte er wieder, dann stieß er dem Pferde die Sporen in die Seite und ritt vorwärts durch die Nacht.

Ein polnischer Fürst hatte Peter Gyldenstjerne einen Schimmelhengst geschenkt, von dem in der Gegend viel gesprochen wurde. Er war wild und ungezähmt und in einem hölzernen Käfige über das Meer gebracht worden, was damals mit großer Mühe verbunden war. Den Tag darauf riß sich der Hengst im Stalle los und lief in die Wälder, wo er sich den größten Theil des Sommers aufhielt, ehe es gelang, ihn wieder einzufangen. Im Winter machte er sich abermals frei, und einige Tage darauf kam der Waldläufer nach dem Gute und erzählte, daß in den Lichtungen zwischen den Fichten vier erschlagene Wölfe lägen. Augenscheinlich mußte, ehe sie getödtet worden, ein harter Kampf stattgefunden haben, denn der Schnee war rings um sie her mit Blut besteckt und von Pferdehufen zusammengetreten; endlich waren die Köpfe bei allen vier Wölfen von erhaltenen Schlägen zerschmettert.

Peter Gyldenstjerne lächelte und rieb sich die Hände. »Das hat Kringe getan,« so hieß nämlich der Hengst. »Im ganzen dänischen Reiche hat das Thier nicht seines Gleichen. Könnten wir es nur dahin bringen, daß es dem Zügel gehorchte, das wäre mein höchster Wunsch.«

»Könnten wir nur Kringe erst wieder in den Stall hineinbekommen, gnädiger Herr,« entgegnete der Waldläufer. »Heute Nacht lief es mit den vieren gut ab, aber morgen kommen vielleicht acht, denn da gibt es ja eine Masse von diesen Unthieren.«

»Wir bekommen ihn meiner Treu sicherlich noch in den Stall hinein,« versetzte der reiche Peter; »gerade jetzt, wo die Winterkälte zunimmt und er im Walde nichts zu fressen findet, wird ihm bald die Lust vergehen, sich draußen umherzutreiben.«

Am nächsten Tage stand der Hengst wiehernd unten auf der Wiese; er lief nicht fort, wie er sonst pflegte, wenn sich die Leute näherten, sondern blieb stehen und schlug mit dem Schwänze und legte die Ohren friedfertig zurück, als ob er nur darauf wartete, daß sie ihn wieder ergriffen. Als sie ihn auf den Hof gebracht hatten, bemerkten sie, daß ihm die Haut auf der einen Seite des Halses zerrissen war; sonst fehlte ihm jedoch nichts. War es der Kampf mit den Wölfen oder die ausgestandene Noth im Walde, was Kringe sanfter machte, das ist schwer zu entscheiden, aber seit seiner Rückkehr war er ruhiger als sonst, fand sich willig in die Halfter, duldete sogar, daß man ihm Trense und Zügel anlegte und trabte täglich an einer Leine um die Rennbahn; sobald jedoch jemand Miene machte, ihn zu besteigen, war seine Geduld zu Ende, er schnaubte, schlug aus und erhob sich auf die Hinterbeine. Mehr vermochte man nicht zu erreichen.

Eines Tages kam Herr Enevold Skade nach Hause zurück und erzählte, daß am nächsten Mittag oben beim reichen Peter Gyldenstjerne große Gesellschaft sein würde. »Der Müller geht, um unten im Bache Lachse zu fangen und der Jäger ist seit frühster Morgenstunde auf der Vogeljagd, während reitende Boten nach allen Gütern unterwegs sind. Es wird eine wahre Pracht geben. – Ich allein bin davon ausgeschlossen; ich und auch Sie, mein theuerer Gast. – Die Geschichte mit dem Gelde half nicht sonderlich, wir warfen es für die Brücke zum Fenster hinaus. Übrigens wird von der Lustbarkeit noch lange die Rede sein; leicht möglich, daß sie besser anfängt als ein Ende nimmt.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Der verrückte Torben Steenssön ist zu Herrn Peter gekommen und hat eben mit allen Gästen gewettet, daß er morgen Nachmittag bei Untergang der Sonne Herrn Peters Schimmelhengst, ihn, den Kringe, von dem so viel Gerede ist, satteln will; darauf will er aufsteigen und die Rennbahn rings umreiten, einmal zu seiner eigenen Ehre und zweimal zu Ehren der schönen Karen. Ich möchte mir den Spaß gern mit ansehen,« fügte Enevold hinzu, »denn sicherlich kommt er, kenne ich Kringe recht, nicht mit heiler Haut davon, und wenn Torben auch ein Teufel ist, der weder Feuer noch Branntwein scheut. Einige meinen, Jungfrau Karen habe ein Auge auf ihn.«

»Und Torben will wirklich den Schimmelhengst reiten?« fragte Axel.

»Das will er, und ist es jemand im Stande, so ist er es allein, obgleich es schon allen andern übel ergangen ist.«

Axel Urne saß da und sah zum Fenster hinaus und stellte keine weitere Fragen mehr, aber am folgenden Nachmittage verließ er das Gehöft in ärmlicher schwarzer Tracht. Über dieser trug er einen langen dunklen Mantel, der keinen Schmuck seines Standes aufwies. Ein dunkler Filzhut saß ihm tief auf die Stirn gedrückt.

Das Gerücht von Torben Steensjöns Wette hatte sich verbreitet und viele Menschen bei Peter Gyldenstjerne's Reitbahn versammelt, die außerhalb des Hofes am Saume des Fichtenwaldes lag.

Kurz vor Sonnenuntergang erschienen die Herrschaften und nahmen auf einer Galerie in der einen Ecke der Rennbahn Platz, über welche eine große Decke als Schirmdach gegen die Sonne gespannt war. Ein aufmerksamer Kreis drängte sich wie gewöhnlich in Karens Nähe zusammen. Einer der jungen Herren ging auf die Bahn hinab, wo er den Dienern befahl, die größten Steine, die auf dem Kiesboden umherlagen, anzusammeln. Es war der Held des Tages, Herr Torben Steensjön, eine kleine vierschrötige Person, die, nachdem sie den Mantel abgeworfen hatte, sich in einem grünen Wammse und gelben hirschledernen Beinkleidern zeigte, die in weiße, mit zwei langen eisernen Sporen versehene Stulpstiefel gesteckt waren. Sein Gesicht verrieth einen kühnen und sorglosen Sinn; die frische und glühende Farbe desselben war vielleicht nur eine Folge des Mittagsmahles, an dem er so eben Theil genommen hatte.

Axel Urne war nach dem Walde gegangen, in dem er längst jeden Weg und Steg kannte, am besten jedoch diejenigen, welche nach Peter Gyldenstjerne's Gut führten. Am Saume desselben rieselte eine Quelle, an der er einen langen Sommertag zugebracht hatte, sinnend und harrend, ob er nicht sie, von der er träumte, zu sehen bekommen würde. Auf diesem moosbewachsenen Steine hatte er eine unberechenbare Zeit gesessen, lauschend auf das Sausen in dem Nadelwalde, während die Sonne auf dem Farrenkraut und dem feuchten Moose schimmerte und die gelblichbraunen Eidechsen zwischen demselben zum Vorschein kamen und verschwanden. Dort drüben stand eine gespaltene Eiche, hinter welcher er sich einmal, als sie lächelnd und auf die Worte ihres Begleiters hörend vorüberritt, verborgen hatte. Unten in der Lichtung hatte sie geruht, während der Diener ihren geplatzten Sattelgurt ausbesserte; damals pflückte sie Blumen, band sie zusammen und warf sie darauf wieder fort; sie verwelkten an seiner Brust.

Alle diese Erinnerungen schwebten in diesem Augenblicke wie Schatten an seiner Seele vorüber. Heute wollte er sie wieder zu sehen bekommen, ihr wieder nahe sein, und doch so unendlich fern. In seinem Seufzer und seinem Schmerze lag diesmal etwas Bitteres, etwas, das einem Vorwurfe glich. Er kam sich selbst wie ein Mann vor, der den Gebrauch aller seiner Glieder verloren hatte.

Bei der Rennbahn suchte er einen versteckten Platz unter der Menge außerhalb des Geheges; er sah Karen oben auf dem Altane und Torben unten umherspazieren. Alle Übrige fanden den jungen Edelmann in seiner Ruhe und Unerschrockenheit groß und erhaben; Axel fand ihn abstoßend, er sah nur eine angenommene Gleichgültigkeit und ein schlecht verhehltes Selbstgefühl über die Wichtigkeit, die ihm der Augenblick gab. Zuletzt fand er etwas geradezu Aufdringliches in der Dreistigkeit, mit welcher Torben unaufhörlich Karen Gyldenstjerne anblickte, und noch mehr in dem vertraulichen Lächeln, mit dem er ihr einen Gruß zuwarf.

Als alles vorbereitet war, wurde Kringe von zwei handfesten Knechten, die ihn beide am Zügel hielten, in die Bahn geführt. Der Hengst überschaute verwundert diesen Kreis von Köpfen, die ihn von allen Seiten anstarrten; seine Mähne sträubte sich und der Schaum floß ihm vom Gebiß.

Der reiche Peter war zu Torben hinabgegangen. »Das Thier macht heute böse Augen,« sagte er, »und Karen verlangt, du sollst das Wagestück, es zu reiten, unterlassen. Sie versprach dir, wenn du die Wette gewännest, den Blumenstrauß, welchen sie an ihrer Brust trägt; du sollst ihn so erhalten, ohne erst die Glücksgöttin zu versuchen.«

»Der Teufel soll mich holen, wenn ich darauf eingehe,« erwiderte Torben, »und selbst wenn ich wollte, könnte ich nicht einmal all der Menschen wegen, die hier umherstehen und mich angaffen. Ziehen Sie sich zurück, Herr Peter, und lassen Sie mich in Gottes Namen beginnen.«

Peter Gyldenstjerne ging kopfschüttelnd auf den Altan, Torben näherte sich dem Hengste, that mit ihm schön, streichelte ihn, und Kringe wandte geduldig den Kopf nach ihm hin und scharrte im Sande. Plötzlich schwang sich Torben mit einem gewaltigen Sprunge auf den Rücken des Hengstes, während gleichzeitig die Diener die Zügel, woran sie das Thier bisher gehalten hatten, losließen, und von nun an war der Reiter sich selbst überlassen. Ein allgemeiner Beifallsschrei schallte über den ganzen Platz hin. Kringe stand einen Augenblick wie betäubt; er schien nicht recht zu fassen, was vorgegangen war, darauf erhob er den Kopf, wieherte laut auf und bäumte sich fast senkrecht in die Höhe. Torben blieb sitzen; mit Hilfe der Sporen und des Zaumes suchte er ihn vorwärts zu treiben, ohne daß es ihm gelingen wollte. Kringe machte eine Menge Seitensprünge, senkte den Kopf, fuhr dann wieder zurück, kam aber in der Bahn nicht vorwärts. Einige Minuten dauerte dieser Kampf zwischen Mensch und Thier, und es konnte kaum noch ein Zweifel aufkommen, wer von ihnen obsiegen würde. Torben hatte den Hut verloren, seine rothen Wangen wurden bleich, die Adern in seinen Schläfen waren steif und angespannt. Der Hengst schlug so heftig und so oft hinter einander nach der Seite aus, daß der Reiter über den Sattel emporglitt. Er hielt sich an der Mähne fest, aber Kringe schnaubte und senkte den Kopf, um nach den Beinen desselben zu beißen. Als Torben dadurch das Gleichgewicht verlor, wurde er durch einen neuen heftigen Seitensprung auf die Erde geschleudert, und als wollte er seiner Ohnmacht spotten, stand Kringe augenblicklich still, senkte den Hals und beroch den Gefallenen.

Die Umstehenden hatten den letzten Theil des Kampfs in tiefem athemlosem Schweigen mit angesehen und zollten Torbens Unglück große Theilnahme. Einige Augenblicke blieb er bewußtlos im Sande ausgestreckt liegen, und das Blut strömte ihm aus dem Munde, als ihn die Leute aus der Bahn trugen.

Kringe hatte sich inzwischen von einem alten weißhaarigen Knechte, dessen Wege er im Stalle anvertraut war und der allein einige Gewalt über ihn zu haben schien, fangen lassen. Er trocknete mit seiner rothen wollenen Mütze den mit Schaum bedeckten Hals des Hengstes, liebkoste ihn und sagte zu ihm:

»Ich habe es ihnen oft genug gesagt, daß du dich nicht reiten läßt. Es gibt keinen von christlichen Eltern geborenen Mann, der als Herr auf deinem Rücken sitzen kann; aber sie wollen mir ja nicht glauben.«

Nach Torbens Fall schien das Schauspiel beendet zu sein; die Menge begann bereits den Platz zu verlassen, als ein Mann mit jenem langsamen und bestimmten Gange, der einen festen Willen verräth, in die Bahn trat. Indem er den Mantel über das Geländer warf, zeigte er sich in schwarzer enganschließender Tracht, die alle den Vorzug einer ausgezeichneten Figur erkennen ließ. Mitten auf der Bahn blieb er stehen, machte Gyldenstjerne und seiner Gesellschaft eine tiefe Verneigung und ging dann auf Kringe zu. Der Mann war Axel Urne.

Die Zuschauer jubelten, alle erkannten seine Absicht, und in seiner kräftigen und gewandten Gestalt und noch mehr in seinem ernsten und bestimmten Aussehen lag etwas, das für ihn sprach.

Einige Augenblicke gingen damit hin, Kringes Sattel fester zu schnallen, und mittlerweile bat der alte Knecht Axel, von seinem Vorsatze abzustehen.

»Ich kenne ihn, gnädiger Herr, so genau wie meine Hosentasche,« versicherte der Mann; »Kringe ist von den Polen nicht um nichts und wieder nichts gekommen. Jetzt ist der böse Geist wieder in ihn gefahren, so daß ihn der Teufel in eigener Person nicht bändigen könnte.«

»Wir müssen es einmal probiren,« versetzte Axel.

Er schwang sich mit gleicher Sicherheit wie Torben in den Sattel, und der Kampf zwischen Klugheit und Instinct begann von neuem. Was sich jetzt darstellte, war ein Zeugnis dafür, wie wenig sich Kringes Widerstandsfähigkeit in dem früheren Kampfe zu erkennen gegeben hatte; als Axel im Sattel saß, schien der Hengst wie verwandelt. Die Mähne sträubte sich, er peitschte die Seiten mit seinem langen Schwanze, eine Dampfwolke fuhr in einem langen Strome aus seinen blaßrothen schnaubenden Nüstern, Zähne und Hufe, Sprünge und Sätze wurden aufgeboten, alles Wilde und Unbändige in seiner Natur kam zum Ausbruch, aber alles vergebens. Axel schien mit dem Rücken des Thieres nur ein Ganzes zu bilden, seine Augen strahlten, seine Lippen waren zusammengepreßt, seine Stirn gefaltet, seine Schönheit hatte vielleicht nie ein männlicheres und mehr bezauberndes Gepräge gehabt. Die Zuschauer drängten sich in der Nähe der Stelle, auf der der Kampf vor sich ging, zusammen, aber sie bekamen nur einen undeutlichen Begriff von demselben. Alles war in eine Wolke von Staub und aufgepeitschtem Sande eingehüllt, in der sich eine dunkle, wogende und unerkennbare Masse hob und senkte, nach der Seite drängte und verschwand und von wo Schreien und Schnauben, wie Ausdrücke von Wuth oder Schmerz, herübertönten.

Aus dieser Staubwolke kam plötzlich ein Reiter mit vollkommener Gewalt über das Pferd hervor; Kringe schien wie verwandelt, er bewegte sich im Schritte ängstlich und unsicher vorwärts, allein ein kurzes und laut vernehmliches Schnauben verrieth seine erhitzte Stimmung. Die Sache war die, daß ihm Axel während des Kampfes seine Schärpe um den Kopf gewunden und dadurch auf beiden Augen geblendet hatte. Kringe war jetzt Axel völlig gehorsam und ging, wohin ihn derselbe führte.

Die Zuschauer heulten und riefen ihm Beifall zu, als er mitten über den Platz auf Gyldenstjerne's Tribüne zu ritt. Hier machte er einen Augenblick Halt und grüßte. Dreimal ritt er rings um den Platz. Als er sein Glück von neuem versuchen wollte, blieb das Pferd plötzlich stehen, bäumte sich, drückte den Kopf an sich und beugte ihn zu den Vorderfüßen hinab, um die Binde abzureißen. Als der Versuch mißglückte, stieß es einen rasenden Schrei aus und warf sich in den Sand, indem es Axel mit sich zog und sich über ihn fortwälzte. Dieser hatte den Zügel losgelassen, war aber nicht im Stande gewesen, sich rechtzeitig aus dem Sattel zu schwingen. Er fiel und blieb regungslos im Sande ausgestreckt liegen, während der Hengst wieder aufsprang und wiehernd über die Bahn lief.

Von allen Seiten strömten Leute nach der Stelle hin, wo der Gefallene lag, stürmten über Geländer und Einfriedigung und bildeten einen dichten Kreis um Axel, der mit geflossenen Augen leichenblaß da lag und mit den Händen im Sande krampfhaft umherfaßte. Sie nahmen die Thür des Geländers und legten ihn darauf. Bei dieser Bewegung schien er zu erwachen und schlug die Augen auf. Als er unter den Zuschauern Herrn Peter wahrnahm, winkte er ihn zu sich und versuchte den Kopf in die Höhe zu heben.

»Die Blume! – die Blume! Ihre Blumen!« sagte er kaum hörbar. »Sie versprachen sie für einen dreimaligen Rundritt um die Bahn. – Bin ich nicht die verlangten drei Mal herumgeritten?«

Karen Gyldenstjerne stand an ihres Vaters Seite und hatte beide Hände um seinen Arm gelegt; sie sah in diesem Augenblicke fast eben so bleich wie er aus, der vor ihres Vaters Füßen lag, bewußtlos, mit keuchender Brust, während ihm das feuchte verwirrte Haar auf die Stirn hinabhing, die sich in einer tiefen Falte um die Augen zusammenzog. Indem er den Kopf erhob, trat sie einen Schritt auf ihn zu, als wollte sie etwas sagen, bedachte sich jedoch wieder und reichte ihrem stillschweigenden Vater den Strauß, den sie an ihrem Gürtel trug. Als Axel die Blumen erhielt, lächelte er und drückte sie mit beiden Händen fest an sich; darauf schloß er von neuem die Augen und schien keinen Begriff davon zu haben, daß ihn die Schaar nach Heim Enevolds Gehöft brachte. Es verliefen viele Tage, in welchen Herr Axel Urne nichts von sich selbst zu sagen wußte. Er lag lange in einem tiefen Schlafe, schlug darauf die Augen auf und griff mit der einen Hand nach dem Kopf, als ob ihm derselbe wehe thäte; die andere Hand war in einen großen Verband eingewickelt, welcher ihm jede Bewegung unmöglich machte. Sein Erwachen begann mit heftigen Fieberanfällen; seine Augen blickten wild und starr und auf seiner Stirn perlten Schweißtropfen; er sprach mit sich selbst, stöhnte und streckte wie abwehrend die Hand gegen die Phantasiebilder aus, die sich ihm aufdrängten. Er hörte flüsternde Stimmen, die lachten und spotteten; bleiche Schatten abgeschiedener Geister bekamen plötzlich neues Leben und mahnten an eine Vergangenheit, die ein sorgloser Leichtsinn lange in Vergessenheit gehüllt hatte. Die Ratten hatten in die Tapete gerade über seinem Bette ein Loch genagt. Dieses dunkele Loch wurde ihm zu einem Auge, zu einem Kopfe, zu einer weiblichen Gestalt, der er fort und fort einen anderen Namen gab und die sich über ihn neigte und ihn in ihre Arme drückte. Ein Sonnenstrahl fiel durch einen kleinen Riß in der hinabgelassenen Gardine und ließ ihn in dem wechselnden und schwindenden Lichte, das er über die Wand warf, eine Menge Figuren sehen. Eine Spinne spann von der Decke hinab ihr Netz, sie kam und verschwand wieder und breitete täglich ein größeres Gewebe über das Bett. Alles, was ihn in demselben umgab, nahm phantastische Gestalten an, sprach, drohte und arbeitete in seinem rastlos thätigen Gehirn. Wenn es Abend wurde, zirpten die Grillen in einer Spalte der Mauer; darauf horchte er und führte inzwischen lange Gespräche mit sich selbst, durch welche er, ohne es zu ahnen, die Umstehenden in das Geheimnis einweihte, das er bisher mit so großer Sorgfalt verhehlt hatte.

Enevold Skade übertraf sich selbst in der Pflege seines lieben Gastes; er bot alles auf und wachte persönlich bei ihm. Als sich Axel auf dem Wege der Besserung befand, blies er ihm Stücke auf der Flöte vor und empfing nicht nur täglich Peter Gyldenstjerne's Besuch, sondern aß auch mit größter Gewissenhaftigkeit alle die ausgesuchten Krankenspeisen auf, die der alte Edelmann um Erlaubnis gebeten hatte, senden zu dürfen.

Eines Abends erwachte Axel, als noch die Sonne zu seinem Kammerfenster hineinschien. Er war allein, sein Kopf tat ihm nicht mehr weh. Nach einigen mißlungenen Versuchen erhob er sich aus dem Bette, zog seine Kleider an, schwankte nach dem Fenster und öffnete es. Sein erster Blick fiel auf das Gut des reichen Herrn Peter, das ihm in der klaren Abendluft naher gerückt schien.

Die Kirchenglocke läutete zum Abendgebete, die Kühe brüllten, wahrend die Hirten sie zu den Milchmädchen in den Pferch trieben. Die Schwalben zwitscherten. Es muß wohl der Preis der Sonne sein, den das Vögelchen singt, denn es schweigt, sobald das Licht verschwindet. Alles, was er sah, trat mit einer Schwermuth erweckenden Lieblichkeit an ihn heran; an diesem Frieden hatte er keinen Theil, in dieser Harmonie und Schönheit war er der einzige, der litt, und das Unglück war gerade, daß er zu kämpfen, aber nicht zu leiden verstand.

»Ich habe viel Zeit vor der Thür jenes Gutes verloren,« flüsterte er; »wie glücklich hätte ich nicht in derselben sein können!«

Es war der letzte Seufzer seiner dahinschwindenden Eitelkeit, den er hier ausstieß, indem er das Wamms über sich warf und das Zimmer verließ.

Draußen auf dem Gange hörte er Gelächter und eine heisere Baßstimme, die mehrmals dieselben Worte wiederholte:

»Predbjörn ging hin zu des Krämers Bud'
Und fragte: Ist Meth und Wein heut' gut?
Dann lege ich mich auf den Söller
Und trink' und trink immer töller
Bei der Sonn' wie beim Mond und den hellen Sternen.«

Ein Lichtstrahl fiel aus dem Zimmer über den Gang, Axel öffnete die Thür und sah Herrn Enevold in Hemdärmeln vor einem Tische, auf dessen einer Seite einige geleerte Schüsseln und Teller von einer beendeten Mahlzeit zeugten, während daß Wappen ans jedem Geschirr Herrn Peter Gyldenstjerne als Eigenthümer bezeichnete. Auf der anderen Seite des Tisches lag ein Spiel schmutziger Karten ausgebreitet, und vor diesen saß oder richtiger lag ein beleibter Mann mit hellem struppigem Haar und stützte beide Hände auf eine Weinkanne, die auf dem Tische stand. Es war der Sänger, der bei Axels Erscheinen plötzlich schwieg und die Karten an sich raffte.

»Hier sehen Sie meinen Verwalter Klemmen,« sagte Enevold; »wir sitzen hier und schließen die Rechnungen über die Bewirthschaftung des Gutes von der vorigen Woche ab.«

Klemmen brach in ein schallendes Gelächter aus, richtete sich vom Stuhle empor, fiel aber sofort wieder zurück. »Solch verlogener Schelm!« rief er, »sollen hier sitzen und Rechnungen abschließen! – Glaube das ja nicht! Wir haben seit Mittag hier gesessen und gezecht und uns des reichen Peters Essen schmecken lassen, und jetzt machten wir ein kleines Spielchen, aber ich spiele nicht mehr mit Enevold, denn er prellt mich, und wenn du es noch einmal probirst, dann schlage ich dir die Knochen entzwei, ja, das thue ich, denn ich habe zwei tüchtige haarige Fäuste. – Ich will eine silberne Uhr zum Geschenk haben.«

Enevold warf einen verlegenen Blick zu Axel hinüber; er schämte sich offenbar, in einer so schlechten Gesellschaft angetroffen zu sein.

»Du hast sicherlich ein wenig zu viel getrunken, mein lieber Klemmen,« bemerkte er mit seiner sanftesten und einschmeichelndsten Stimme; »jetzt thätest du am besten, in dein Bett zu gehen, denn morgen müssen wir zeitig auf.«

»Ei sieh, jetzt soll ich also in das Bett gesteckt werden, jetzt bin ich nicht mehr gut genug dazu hier zu sitzen und zu trinken; aber der Teufel soll lebendig in dich fahren, wenn ich mich vom Flecke rühre, so lange noch ein Tropfen in der Kanne ist. So viel will ich Ihnen nur kund und zu wissen thun, daß ich nie mehr in die Kirche gehe, und wenn es schneit, dann will ich hinaus und jagen. – Nein, so ein Hasenfuß, der um den Leib zusammengepreßt ist wie eine Spinne, der will Kringe reiten und läßt sich von ihm wie ein Klotz auf die Erde schleudern und liegt dann da und heult und winselt, weil des reichen Herrn Peters Tochter nichts von ihm wissen will! – Hole mir meine Reitpeitsche, ich will auf den Markt und die Mädchen küssen, – ja wahrhaftig, er wird von der schönen Jungfrau gerade eben so viel bekommen wie von den köstlichen Speisen, die ihm Herr Peter herübergeschickt hat. Enevold und ich essen sie immer. – Während er im Bette da liegt und Unsinn schwatzt und nach Karen im weißen Kleide und nach Elvads Tochter Marie mit den Armspangen ruft, reitet Herr Tyge Krabbe auf das Gut und verlobt sich mit dem Kinde des reichen Peter Gyldenstjerne. Morgen kommt Seine Gnaden der König zu Besuch, dann gibt es einen Schmaus ohne Gleichen. Deshalb schießen sie Wild und fangen Birkhühner und fischen im See nach Lachsen, aber ich will mit dabei sein, und trinken und trinken, bis mir die Augen aus dem Kopfe stehen, denn ich will kreuzlustig sein und eine silberne Uhr zum Geschenk bekommen.«

Enevold hatte wiederholentlich den Versuch gemacht, Klemmens Erzählung zu unterbrechen. So oft er sich näherte, schob der Trunkenbold ihn zurück und fuhr fort zu erzählen. Als er Peter Gyldenstjerne's Namen nannte, legte ihm Axel die Hand auf die Schulter.

»Nun ist's genug mit dem Geschwätz! Achtung vor dem hohen Adel, von dem du redest. Was ist an der Geschichte, von der dieser Mensch erzählt, von Tyge Krabbe und Jungfrau Karen?«

»Es wird allerdings von ihrer Verlobung gesprochen,« erwiderte Enevold ausweichend; »aber wer kann dergleichen Glauben schenken! In dem Gerede haben außer ihnen schon viele gestanden, und niemand weiß etwas Gewisses.«

»Nichts Gewisses?« rief Klemmen und schlug auf den Tisch und zog das kleine Talglicht, welches die Stube erhellte, dicht vor sich hin, so daß Axel jeden Zug in seinem fetten glänzenden Gesicht mit den langen braunen Zähnen sehen konnte, die, sobald er den Mund öffnete, sichtbar wurden. »Es kann schon sein, daß so ein heruntergekommener Taugenichts wie du nichts Gewisses darüber weiß, aber ich kenne Herrn Krabbe's Diener, er trägt einen silbernen Knopf an seiner Mütze. Nun, der kam gestern hier vorüber und guckte grinsend in mein Zimmer – nicht eine einzige ganze Scheibe im Fensterrahmen, kein Glas, sondern das Holzwerk mit Schweineblasen überklebt, das ist nicht einmal zu einer Hundehütte für den alten Karo gut genug, sagte er wegwerfend. Ja, das ist ein Diener, der liest alle Romane wie der beste Magister und bekommt Wort für Wort heraus. – Ich will eine rothe Rübe und einen Salzhäring haben, ich will eine rothe Rübe haben,« sang er plötzlich. »Der erzählte mir, daß jetzt, nämlich wie morgen Abend, Jungfrau Karen und Junker Tyge sich in Gegenwart ihrer adeligen Sippe und Verwandtschaft verloben werden, und das ist so wahr, wie die Sterne am Himmel stehen. – Ich will haben eine rothe Rübe, ich will haben eine rothe Rübe.«

Axel stand mit geschlossenen Augen gegen die Wand gesunken da. «Hilf mir in mein Bett,» sagte er, »ich kann hier in der Stube vor Rauch und Qualm nicht Athem holen.« Enevold faßte ihn unter den Arm. Klemmen machte einen Versuch, ihm zu Hilfe zu kommen, sank aber wieder in den Stuhl zurück.

Als Axel in seinem Zimmer wieder allein war, hörte er die Baßstimme des Verwalters aufs neue von Predbjörn singen, der nach des Krämers Bude ging. Der Gesang wurde noch oftmals bis tief in die Nacht hinein angestimmt, ein Beweis dafür, daß die beiden Freunde noch immer die Rechnungen abschlossen.

Am folgenden Tage war die ganze Gegend in Bewegung. Das nur spärlich bevölkerte Land sah plötzlich eine Menge fremder Menschen erscheinen, die alle das gleiche Ziel hatten und nach dem Gute Peter Gyldenstjerne's hinaufzogen. Von allen Richtungen her kamen sie angeritten oder angegangen, indem sie einander an den Händen hielten, eine Blume im Munde und einen Proviantbeutel über dem Rücken. – Um des Königs willen war das Land diesen Tag in Bewegung; deshalb sammelte man mit solcher Sorgfalt die Steine von der großen Heerstraße, ebnete die Löcher und Geleise mit den Stengeln des Haidekrautes und streute Tannenzweige und Buchenlaub auf den Weg. Vor der Allee, die nach Herrn Peters Gute hinaufführte, war eine große Ehrenpforte von Eichenlaub und gemaltem Papier, welches Blumen vorstellte, errichtet; durch diese sollte der König reiten. Das Gut wimmelte von fremden Edelleuten, die Herr Peter von nah und fern zu Gaste geladen hatte. Jeder entfaltete die größtmögliche Pracht, wallende Federn, flandrisches Tuch, venetianischer Atlas, utrechter Sammet, florentinische Gold- und Silberborten strahlten überall. Als dunkle Wolken in diesem Sonnenschein zeigten sich hier und da einige ältere und ernste Gestalten, Landedelleute in blauangelaufenen und blankpolirten eisernen Rüstungen, deren Harnische bei jedem Schritte rasselten. Diese alten Herren, deren Tracht längst aus der Mode gekommen war, schienen aus ihren Gräbern wieder auferstanden zu sein.

Die Sonne schien, die Luft war blau, die Krähen flogen in großen Kreisen über dem Walde. Es wurde Mittag, und der König war noch nicht gekommen; der Abend war nicht mehr fern, und noch immer schwieg die Kirchenglocke, die ihn anmelden sollte. Enevold Skade ging mehrmals zu Axel hinein und fand ihn jedes Mal schlafend. Gegen Abend zog er sein Staatsgewand an, steckte eine neue Straußfeder auf seinen Hut und ging hin und horchte an der Thür des Krankenzimmers. Axel schien noch immer zu schlafen,

»Der gestrige Auftritt hat ihn sehr ermüdet,« flüsterte Enevold Klemmen zu.

»Ja, daß er uns dasitzen und zechen sah,« versetzte der Verwalter, der in seinem neuen Wammse, in den gewichsten Reitstiefeln und mit einem reinen weißen Hemdenkragen, der über die Schultern hinabfiel, kaum wiederzuerkennen war.

Darauf stiegen sie beide zu Pferde und ritten zum Hofe hinaus. Sobald Axel hörte, wie sich die Thür hinter ihnen schloß, erhob er sich, lauschte und verließ das Bett. Er kleidete sich eilig an, wählte ein Kleidungsstück, verwarf es wieder und sandte ab und zu einen finstern und sprechenden Blick nach dem rothen Gutsschlosse hinüber, wo der Rauch aus allen Schornsteinen in die klare Abendluft emporstieg. Als er fertig war, hüllte er sich in einen grauen Mantel, verließ still und lautlos das Zimmer und kam ohne bemerkt zu werden aus dem Gehöft.

Kurz darauf vernahm man aus weiter Ferne das Läuten einer Kirchenglocke, eine andere antwortete ihr, und die Reiter, welche auf den nächsten Anhöhen des hallander Bergrückens aufgestellt waren, um Ausschau über die Gegend zu halten, jagten in gestrecktem Galopp nach Herrn Peters Gut zurück.

»Er kommt!« riefen sie und schwenkten die Mützen. »Er ist schon unten bei der sveiner Brücke; jetzt kommt er gleich den bjergelöver Bergrücken heraufgeritten.« Und das Volk drängte sich näher an den Weg heran, ohne sich an die Stöcke der Vögte zu kehren, jubelte und prügelte sich um einen bessern Platz, und dann erhob sich aus dieser dicht zusammengedrängten Schaar ein Summen und Brausen, wie ferner Wellenschlag des Meeres an die Küste. Diesmal war der König nicht blos der erste Mann des Landes, nein, er war auch eine Gottheit, die hinriß und blendete, wenn er aus seiner Wolle heraustrat und sich herabließ, der Menge sichtbar zu werden.

Einige Stunden später war das Bild verwandelt; es war Abend geworden, der Nebel stieg aus Sümpfen und Wiesen empor und legte sich wie eine graue Decke über die Baumgipfel. Schwärme wilder Enten zogen über die Gegend fort und die Frösche quakten im Schilfe. König Christian hatte, von Gyldenstjerne und seinen Gästen vor der Ehrenpforte empfangen, seinen Einzug gehalten, das Volk hatte ihm zugejubelt, kleine weißgekleidete Mädchen Blumen auf den Weg gestreut, die Majestät hatte einen gegrüßt, war vor einem andern stehen geblieben, hatte einem dritten die Hand gereicht, kurz gesagt, alle bezaubert. Nun hallte das Schloß von Lust und Leben und dem frischen Lachen junger Mädchen wieder. Licht und Strahlen und Wohlgeruch strömten bis zu dem unten stehenden Volke hinab, das mit tiefer Andacht diesen auserwählten Kreis betrachtete und einander an den Arm stieß, wenn ein bauschiges Seidenkleid oben auf dem Altane rauschte oder sich ein blumengeschmückter Kopf blicken ließ, um frische Luft an den offenstehenden Fenstern zu schöpfen.

Unten vor der Treppe lauschte das Volk auf den Verwalter Klemmen, welcher jedem, der es hören wollte, erzählte, der reiche Herr Peter hätte ihm befohlen, sich Schlag acht Uhr auf dem Hofe einzufinden, damit er in die Zahl der Fackelträger eingereiht werden könnte, welche dem Könige nach dem Schlafzimmer leuchten sollten. Als er diese Erzählung eben zum zehnten Male vorgetragen hatte, fühlte er eine Hand auf seiner Schulter und ein Kopf beugte sich zu dem seinigen herüber und flüsterte:

»Komm ein wenig zu mir her, ich will mit dir plaudern.«

Klemmen wandte sich um und sah einen Mann in einem grauen Mantel, den Hut tief über die Stirn hinabgedrückt. Es war zu finster, um seine Züge zu erkennen, aber er folgte ihm nach einem der Seitengebäude hinüber, wo das Gedränge weniger groß war.

»Du bist der Verwalter Klemmen,« sagte der Mann und zeigte, indem er den Hut zurückschob, Axel Urnes Züge, »du bist derselbe, der mich in Gemeinschaft mit Enevold Skade betrügt, derselbe, der nach dem, was du gestern Abend erzählt hast, nach einer silbernen Uhr Verlangen hat. Leihe mir deinen Mantel und deinen Hut, laß mich an deiner Stelle als Fackelträger mitgehen, und ich will morgen deine rothen Fäuste mit Silbergeld füllen.«

Klemmen bedachte sich, machte Einwendungen und sprach etwas von der großen Ehre, um die er käme, während Axel ihm eine immer größere Belohnung versprach. Darauf tauschten sie Mäntel und Hüte aus und der Edelmann ging die Treppen zum Hauptgebäude hinauf. Hier gab ihm der Haushofmeister eine Fackel und wies ihn in den Gang hinein.

Er drängte sich nach und nach von Zimmer zu Zimmer, langsam und vorsichtig, ohne daß jemand auf ihn Acht gab; endlich machte er vor dem kleinen Zimmer Halt, welches auf den Altan hinausführte, wo er vorher schon einmal Karen Gyldenstjerne gesehen hatte. Die Thüre war nur angelehnt; er hatte sich nicht geirrt, jeder Liebende hat einen unbegreiflichen Instinct, der ihn stets auf die rechte Spur führt, um die zu finden, welche er sucht. Karen stand mit gefalteten Händen am Fenster und blickte zu dem sternhellen Himmel empor; sie war sehr bleich und schien müde oder leidend zu sein. Plötzlich wandte sie sich nach der Thüre um; sie hatte die gedämpften und zögernden Schritte vernommen, die sich von draußen der Thür näherten. Axel stand, gegen den Thürpfosten gelehnt, vor ihr. Er streckte die Hand vor und sagte mit leiser und bebender Stimme:

»Ich bitte Sie, fragen Sie nicht, wer ich bin und was ich will; ich habe nur wenige Worte zu sagen, dann gehe ich und komme nicht öfter.« Karen trat ihm einen Schritt näher; sie stutzte, als sie die Veränderung sah, die mit ihm vorgegangen war. Sein mageres und bleiches Gesicht, die hohlen eingefallenen Wangen, selbst das Bebende und Unsichre in der Stimme verriethen, was er gelitten hatte.

»Sprechen Sie denn,« entgegnete sie mit größerer Freundlichkeit, als ihm früher je von ihr zu Theil geworden war. »Was können Sie mir zu sagen haben?« fügte sie hinzu, während sich ihre großen schwermüthigen Augen fest und unverwandt auf ihn hefteten.

»Ich wollte gern wissen, ob es wahr ist, was man sich erzählt, daß Sie sich heute Abend mit Tyge Krabbe verloben?«

»Und wenn es der Fall ist, was dann?«

Sein Haupt neigte sich auf die Brust, während er einen Augenblick in Schmerz versenkt dastand, aber er erhob es wieder, strich das Haar aus der Stirn zurück und rief: »Was dann? Nichts anderes, als daß ich dann den Becher, den Sie mir reichten, bis auf den Grund geleert habe. Ich glaubte den Sieg erringen zu können; deshalb habe ich gekämpft, gestrebt, danach mich Tage und Nächte gesehnt, ich glaubte, es wäre unmöglich, einem so glühenden und innigen Gefühle gegenüber, wie das meinige ist, kalt zu bleiben. Ich habe auf diesen Würfel mein Leben gesetzt und – ich habe verloren.«

»Was wollen Sie so viel auf das Spiel setzen?« fragte sie. »Es kam ja doch nur darauf an, die früheren Eroberungen um eine neue zu vermehren.«

»Im Winter, als ich Sie zum ersten Male sah, – ja!« erwiderte er freimüthig, ohne seinen Blick von den forschenden Augen abzuwenden, womit sie in seiner Seele zu lesen schien, »aber seitdem, seitdem hat sich alles geändert. Meine Triumphe,« fuhr er fort und zuckte die Achseln, »ich entsinne mich keiner; die Vergangenheit ist vergessen, es gibt in ihr nichts, was der Erinnerung werth ist. Die Zukunft, die Hoffnung, das Glück, alles, was in meinen Augen als das einzige würdige Ziel meines Lebens galt, das waren Sie. – Sie verloben sich mit Tyge. – Ich frage nicht mehr nach der Gleichgiltigkeit, die Sie mir stets bewiesen; sie ist das Recht eines Weibes dem gegenüber, der ihr nicht gefällt. Nie habe ich jedoch ergründen können, weshalb Sie mir, so oft wir uns trafen, diese tiefe Geringschätzung bezeigten. Es muß ein Räthsel in meinem Leben sein, das ich nicht zu lösen vermag. Ist mein Wappenschild nicht so blank wie das Ihrige? Ist meine Familie nicht tapfer und ehrenwerth? Doch mag es darum sein! – Sie verloben sich und fragen: was dann? – Das will ich Ihnen sagen: Erst warte ich, bis es geschehen ist, und wenn das Licht gelöscht und die Thür geschlossen ist, dann gehe ich hin und lasse mich todt schlagen. Ach, seien Sie unbesorgt, das geschieht nicht hier, nicht in Ihrer Gegenwart, die Leute sollen keinen Grund haben, Ihren Namen mit dem meinen zu verbinden. Man schlägt sich ja unten in Deutschland, da gibt es Platz für viele Gräber. Außer Ihnen gibt es nichts, was mich hienieden zurückhalten könnte. Eine Leidenschaft wie die meinige ist groß genug, um davon zu leben, zuweilen stirbt man jedoch auch an ihr. Leben Sie wohl! Der Herr lasse sein Angesicht über Ihnen leuchten!«

Er nahm seine Fackel und ging, Karen hielt ihn nicht zurück, mit geschlossenen Augen stand sie da und sank gegen die Wand zurück, als Axel gegangen war. Die eine Hand preßte sie gegen ihre Brust, als ob ihr dieselbe wehe thäte. Es kostete ihr Anstrengung, Athem zu schöpfen.

Als Axel auf den Gang hinauskam, rief ihn der Haushofmeister zu den übrigen Fackelträgern hin und ließ sie sich in zwei Reihen von dem Speisesaale bis zu des Königs Schlafgemächern aufstellen.

Kurz darauf ging Börge Trolle, der sich mit in dem Gefolge befand, den Gang entlang. Axel wandte, um nicht bemerkt zu werden, den Kopf zur Seite, aber Börge hatte ihn bereits gesehen. Mit einem Ausrufe blieb er vor ihm stehen und legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Geh' deiner Wege und verrathe mich nicht!« flüsterte Axel.

Börge stand einen Augenblick, als ob er sich bedächte, und schüttelte den Kopf. »Sie tanzt nicht!« sagte er mit gedämpfter Stimme und ging in den Saal hinein.

Es wurde spät, ehe König Christian diesen Abend das Zeichen zum Aufbruch gab. Peter Gyldenstjerne begleitete ihn nach seinen Gemächern. Hier wartete Karen nach damaliger Sitte mit dem Nachttrunk, einem Becher warmen und gewürzten Weines.

»Das ist also Ihre schöne Tochter,« sagte der König, »die Jungfrau, deren Schönheit und Anmuth alle unsere Cavaliere preisen, und deren Anblick Sie uns leider entziehen, da Sie sie vom Hofe fern halten.«

Der alte Peter Gyldenstjerne lächelte und seufzte zu gleicher Zeit. »Es ist meine Tochter,« entgegnete er, »und zugleich mein einziges Kind. Ich sollte in der Gegenwart Ew. Majestät nicht davon reden, aber sie hat mir an diesem glücklichen Tage großen Kummer bereitet und heute Abend einen ehrbaren und rechtschaffenen Freier, mit dem ich sie verloben wollte, abgewiesen.«

»Wer war das?«

»Ein Vasall Ew. Majestät, Herr Tyge Krabbe, der Jüngere.«

»Tod Gottes!« sagte der König, »das war übel gethan; ich setze auf Herrn Tyge großen Werth; er ist ein tapferer und muthiger Edelmann. Was haben Sie gegen ihn? Das müssen Sie mir noch heute Abend erklären, vielleicht läßt sich die Sache wieder in Ordnung bringen.« Der König redete laut, wie es seine Gewohnheit war, sobald er heftig wurde. Die Thür nach dem Gange stand offen; die Zunächststehenden konnten hören, was gesagt wurde.

»In diesem Falle,« erwiderte Karen, »wollen wir hineingehen, wenn es Ew. Majestät gefällig ist. Du, Fackelträger, dort, komm her und leuchte uns.«

Ein Mann ging mit der Fackel voran, und als sie in das nächste Zimmer kamen, schloß Karen die Thür.

»Jetzt ein ehrliches und aufrichtiges Bekenntnis,« sagte der König, »ich will genau wissen, weshalb eine Jungfrau, wie Sie, einen Herrn von guter adeliger Geburt, dem sein König wohl gewogen ist, verwirft.«

»Ich liebe Herrn Tyge Krabbe nicht,« entgegnete Karen freimüthig.

»Also nicht,« sagte der König, »aber ich liebe dafür Kinder, die dem Willen ihrer Eltern gehorchen, zumal wenn sie ihnen zum Guten rathen. Ist er Ihnen nicht hübsch genug, meine Schöne, nicht reich genug, nicht mächtig genug? – Letzterem kann ich abhelfen. – Kommen Sie mit Ihrem Grunde hervor, wenn Sie überhaupt einen haben.«

»Wenn er der schönste, der reichste, der mächtigste Mann in allen Landen Ew. Majestät wäre, würde ich mich doch nicht mit ihm verloben,« versetzte Karen. »Fragen Sie nicht weiter, Herr König, Ihr Nachttrunk wird kalt, erlauben Sie mir zu gehen, die Sache läßt sich nicht ändern.«

König Christian ergriff ihre Hand; er fühlte sie in der seinigen beben. Sie war bleich geworden, aber es lag eine Kälte und Bestimmtheit in ihrem Wesen, die des Königs scharfe und durchdringende Augen nicht zu besiegen im Stande waren.

»Unter der Sache steckt etwas anderes, als Sie gestehen wollen,« sagte er, »mich täuscht man nicht. Jetzt fragt der König: Weshalb können Sie sich nicht mit Tyge Krabbe verloben?«

Karen schwieg einen Augenblick. Der König stampfte auf den Boden. »Aber so reden Sie doch, Kind, antworten Sie!«

Da erhob Karen ihr Haupt und antwortete: »Ich bin eine entehrte Frau.« König Christian ließ ihre Hand los und trat einen Schritt zurück. Herr Peter stieß einen wehklagenden Schrei aus, und in der Ecke des Zimmers, in welcher der Fackelträger stand, hörte man einen tiefen Seufzer. Das geschmolzene Wachs tröpfelte auf seine Hand, ohne daß er es merkte. Niemand gab auf ihn Acht.

»Eine entehrte Frau,« wiederholte der König, »Sie! – Es ist unmöglich.«

»Sie redet irr!« rief Herr Peter Gyldenstjerne, »achten Ew. Majestät nicht auf das, was die Unglückliche sagt.«

Der König legte seine Hand auf ihre Schulter. »Sprich, mein Kind, erkläre dich, vertraue dich mir an.«

»Ich habe in eines Mannes Arm geruht,« antwortete Karen, »wenn auch wider meinen Willen; ich habe gefühlt, wie sich die glühenden Lippen eines Mannes auf die meinigen drückten, zwar wider meinen Willen; aber es ist doch geschehen.«

»Wer, wann, wo?« rief der König. »Schaue ich in deine reinen unschuldigen Augen, halte ich es für unmöglich. Erkläre dich!«

»Nein, ich bitte um Vergebung, den Rest mögen Ew. Majestät erklären, wenn Sie sich dieses Schmuckes erinnern.« Mit diesen Worten legte sie eine goldene Halskette auf den Tisch vor dem Könige.

»Was sehe ich?« sagte König Christian, indem er mit tiefem Staunen bald Karen, bald die Kette anblickte. »Es ist die meinige, ich habe sie verloren, Gott mag wissen wo. Von wem haben Sie dieselbe erhalten?«

»Von dem Goldschmied Jörgen Kaalfing. Seine Frau ist meine Amme gewesen; ich besuchte sie eines Abends, und sie baten mich über Nacht zu bleiben. Als wir uns zur Ruhe begeben wollten, kam eine Schaar halbbetrunkener Herren die Straße entlang gestürmt, drang durch Thüre und Fenster hinein, schlug den alten Goldschmied, löschte die Lichter aus und verfolgte die sich flüchtenden jungen Mädchen durch alle Gemächer. Tages darauf fand Jörgen Kaalfing diesen Schmuck.«

»Wer waren diese Herren?« fragte der König.

»Ich kannte sie nicht!«

»Keinen von ihnen?«

»Keinen von ihnen,« wiederholte sie kalt und warf ihr Haupt zurück, während ihr Blick nach wie vor unverwandt auf dem Könige ruhte, der sich auf eine Antwort zu besinnen schien. Er bekam keine Gelegenheit sie zu geben. Von der Thür sah er den Fackelträger zwei Schritt vortreten und darauf niederknien, indem er sagte:

»Ich kenne einen von ihnen, es war ein Mann, der, von der Schönheit eines jungen Mädchens berauscht, überwältigt, hingerissen, zu ihren Bitten lachte und ihren Schrei erstickte. Ein Weib lag an seiner Brust, von seinen Armen umschlossen, und doch waren sie meilenweit von einander getrennt. Welche Reue dieser Mann seither empfunden, davon können Sie, Jungfrau, gewiß etwas erzählen. Tage und Monate hat er damit zugebracht, das Verbrechen eines Augenblicks zu sühnen; das Unglück ist über ihn gekommen, er ist mit dem, woran er sündigte, gestraft worden; er hat gefleht, ohne erhört zu werden, gekämpft, ohne den Sieg zu erringen; er geht jetzt hin, um zu sterben, wenn es ihm nicht gelingt, Verzeihung zu erhalten. – Bitten Sie für mich, mein gnädiger Herr und König, geruhen Sie, mich zu erkennen; ich bin Axel Urne, Ihr getreuer und ergebener Diener; bitten Sie für mich, lieber Herr Peter Guldenstjerne, fragen Sie Ihre Tochter, ob sie meine Gattin vor Gott und Menschen sein will, dann sollen alle meine übrigen Tage meines Lebens nur dem Zwecke geweiht sein, wieder gut zu machen, was ich gegen sie verbrochen habe.«

Jede dieser Äußerungen wurde mit einer weichen, furchtsamen und bebenden Stimme gesagt, die etwas Rührendes an sich hatte. Axel Urne lag knieend zu Karens Füßen; sie brach in Thränen aus und beugte sich zu ihm hernieder, indem sie ihre gefalteten Hände auf seine Schulter legte.

»Sie sind der einzige in der ganzen Welt, der das Recht hat, eine solche Sprache zu führen,« flüsterte sie. »Hier ist meine Hand, mein Herz hat Ihnen, schon lange ehe Sie darum baten, gehört. Hier, nehmen Sie meine beiden Hände, da es einmal Ihr Wunsch ist. Gott möge es zum Besten ausfallen lassen!,«

Mit einem jubelnden Schrei sprang Axel Urne in die Höhe; er schlang seine Arme um Karen und drückte sie an seine Brust. »Ist es denn wahr? Ist es denn wahr? Soll mir denn wirklich noch Heil und Gnade aufgehen? Soll ich nicht mehr leiden?,«

»Ich glaube, wir sind unserer zwei beim Leiden gewesen,« erwiderte sie.

Um folgenden Tage wurde Karen Gyldenstjerne mit Axel Urne verlobt. König Christian hatte alle Bedenklichkeiten bei dem alten Herrn Peter gehoben. Axel war vor Entzücken außer sich, sein bleiches Gesicht strahlte von Glück, Er trug an diesem Tage die Tracht eines Hofmannes, geschmückt mit Bändern und Schleifen. Als er die Glückwünsche der Anwesenden entgegengenommen hatte, ging er durch den Saal, langsam, lächelnd, den Oberkörper hin und her wiegend und den Hut schwenkend. Vor Börge Trolle blieb er stehen, beugte sich zu ihm herüber und flüsterte:

»Sie tanzt doch, und mit mir allein.«

3. Viehhändler Jörgen.

In der Nahe des horsenser Meerbusens lag eine alte Burg mit rothen Ziegelmauern, Thürmen und spitzen Giebeln; sie glich den meisten anderen Edelsitzen aus dem sechszehnten Jahrhundert, und von diesen gibt es seit Walter Scotts Zeit so viele ausführliche und leider noch weit mehr unwahre und langweilige Schilderungen, daß es für den Leser wie für den Verfasser gleich ermüdend sein würde, eine neue zu versuchen. Im Ganzen genommen läßt sich auch von der dänischen Baukunst im Mittelalter nichts sonderlich neues sagen; sie beschränkte sich auf Nachahmung der Bauwerke in den Nachbarländern; wir verschrieben unsere Zeichner, Bildschnitzer und Handwerksleute aus fremden Ländern.

An dem horsenser Meerbusen lag also ein Edelsitz, der einmal Herrn Tyge Hög gehörte. Ihm hatte dieses Gut seine Frau Vibeke nach langwierigem Proceß und Rechtshandel gegen die Familie ihres ersten Mannes zugebracht, was aber mit dieser Geschichte nichts zu thun hat. Tyge und Vibeke waren kinderlos; nachdem sie einige Jahre das Gut bewirthschaftet hatten, beriefen sie eine arme Verwandte und nahmen sie an Kindesstatt an. Sie hieß Ingeborg Bille oder Bilde, denn beide Namen finden sich in den Quellen, denen diese wahrhaftige Geschichte entnommen ist, angeführt.

An einem Sommertage im August kam ein alter Mann auf Tyge Högs Gehöft geritten. Es war Herr Jörgen Skeel aus Gribsholm, in der Gegend wohlbekannt und angesehen, theils weil er ein reicher und mächtiger Herr war, theils auf Grund des ausgedehnten Viehhandels, den er in Jütland und auf den Inseln trieb. Als Jörgen sein Pferd in den Stall gebracht und von dem Knecht gehört hatte, daß die Herrschaft zu einem Krankenbesuche nach dem Dorfe hinabgeritten wäre, begann er zu pfeifen, besah sich ein wenig das Vieh, das auf dem Hofe zur Tränke getrieben wurde und spazierte darauf in den Garten. Hier nahm er in einer Laube Platz, legte die Beine auf die Bank, knöpfte sich Wamms und Weste auf und fiel nach wenigen Augenblicken in einen sanften ruhigen Schlummer. Die Sonne sank und der Tag begann sich zu neigen, im Hause versammelten sich große Schaaren umwohnender Bauern, denn es war Ingeborgs Geburtstag, und der sollte durch ein Gastmahl auf dem Gute gefeiert werden. Die Lerche sang und der Himmel röthete sich bei Untergang der Sonne. Jörgen Skeel lag noch immer in der Laube in tiefem Schlafe, aus welchem er nur geweckt wurde, wenn ihn eine Mücke in die Wange stach.

Als die Kirchenglocke drüben in Hammelöv sieben schlug, kam ein junger Mensch in grünem Wammse und mit einer Feder auf dem Hute zur Gartenthür herein. Er sah sich vorsichtig um und ging darauf rasch in eine Allee in der Nähe der Laube. Zu gleicher Zeit zeigte sich oben auf der Gartentreppe ein junges Mädchen; es war Tyge Högs Pflegetochter, Ingeborg, festlich geschmückt, mit einer Blume im Haare, strahlend von Gesundheit und Glück. Als sie den Junker im grünen Wammse in der Allee verschwinden sah, lächelte sie, bedachte sich ein wenig und folgte ihm darauf. Er stand gegen einen Baum gelehnt, sie streckte ihm beide Hände entgegen.

»Ich komme,« sagte sie, »weil ich es versprochen habe, aber ich will dir nur mittheilen, daß ich gleich im Augenblicke wieder gehe.«

Erst küßte er ihre kleinen weißen Händchen, darauf stieß er einen tiefen Seufzer aus und erwiderte: »Ach, Ingeborg, wenn du wüßtest, was es heißt, Sehnsucht haben!«

»Nein, das weiß ich nicht, aber es hängt ja nur von dir ab, ob ich es erfahren soll.«

»Das ist ja gerade das Unglück, daß es mir in deiner Nähe immer an Worten fehlt. Wenn ich nicht bei dir bin, fallen mir tausenderlei wichtige Dinge ein, die ich dir erzählen sollte, aber sobald wir uns treffen, denke ich an nichts anderes, als daß ich dich so unendlich lieb habe.«

»Das hast du mir noch dazu erzählt, so oft wir uns trafen,« sagte sie lächelnd.

»Und du erwiderst doch nie etwas darauf. Hast du mir denn gar nichts zu sagen?«

»Es ist ja nicht möglich, bei dir je zu Worte zu kommen.«

»Ich muß mich beeilen, mich auszusprechen, so lange wir noch allein sind. In Kurzem kommen alle deine Gäste angefahren oder geritten, eingehüllt in ihre Vornehmheit. Sie drücken dir die Hand und küssen dich auf die Wange, jeder von ihnen bringt seine Gabe. Dieser hat ein Band für dich, jener ein neues Gesangbuch, aber Frau Birthe auf Rosenvold kommt heute wie vor einem Jahre mit ihrem prunkenden Goldlacktopf, den sie, so viel ich mich erinnere, alle Jahre gebracht hat. – Ich habe einen Blick, einen Gruß und nichts anderes, das ist das Scherflein der armen Wittwe.«

»Aber über dieses war im Himmel größere Freude als über alles, was die Reichen brachten,« versetzte sie. »Übrigens bin ich heute Abend nicht so froh, wie ich sein sollte. Denke dir, Frau Brok auf Högholm hat uns benachrichtigt, daß wir hier Palle Bruus als Freier um mich erwarten können.«

»Palle Bruus!« entgegnete Holger mit spöttischem Achselzucken, »der alte Geizhals, der sich kaum wagt auf einen Stuhl zu setzen, aus Furcht, er könnte sich die Wolle von seinen Hosen scheuern! Palle, der gern den Messingbeschlag von seines Vaters Sarg stehlen würde, wenn er nur einen Stüber dabei verdienen könnte! Laß ihn nur kommen.«

»Es ist nicht Palle selbst, sondern sein Sohn, den ich meine.«

»Der kleine Espen? Um so schlimmer. Fünf Fuß Dummheit in ein Adelspatent gebunden. Weißt du was, meine liebe gute Ingeborg? Vor ihm habe ich auch noch nicht Bange. Ich bin fröhlich, ich will den ganzen Abend singen und tanzen, und wenn dir Palle oder sein Sohn zu nahe kommt, so schlage ich sie zu Schanden.«

»Damit willst du den ganzen Abend hinbringen?«

»Den ganzen Abend. Morgen ziehen wir alle auf Jagd, morgen scheint die Sonne über den grünen Wald hinweg, die Peitsche knallt, die Hunde bellen, die Jäger blasen, wir reiten zusammen, lassen die andern trinken und schießen und ihre Pferde zu Tode jagen, ich bleibe an deiner Seite, ich höre deine Stimme, deine Augen schauen mich an. Ich hebe dich auf das Pferd, kein anderer soll sich das unterstehen, dann vergessen wir Palle Bruus und seines Sohnes todtgeborene Liebe.«

In diesem Augenblicke ließ sich in der Nähe ein langgezogener Laut vernehmen, ein Ton, der einem Seufzer oder einem anhaltenden Gähnen glich. Ingeborg sah sich um, stieß einen Schrei aus und flüchtete sich. Holger blieb stehen und starrte in ein rothes lächelndes Gesicht, das sich zwischen den Sträuchern zeigte. Es war Jörgen Skeel, der vor ihm stand. Er war während des letzten Theils des Gespräches erwacht und unbemerkt in dem Gange erschienen. Er nickte Holger zu und streckte ihm die Hand entgegen.

»Grüß dich Gott, Pathe!« rief er. »Ei sieh, du stehst also da und machst Ingeborg den Hof und willst ihr aufs Pferd helfen und mit ihr zu Pferde die grünen Wälder durchstreifen. Die Leute müssen hier dir zu Liebe mit den Händen in den Taschen auf dem Felde spazieren gehen oder daliegen und bis Einbruch der Nacht schlafen, denn es paßt ja niemand auf sie auf, da die Herrschaft umher reitet und der Jungfrau Ingeborg Blumen pflückt oder junge Vögel fängt. Was soll denn aus dem allen werden?«

Holger sah ihn lächelnd an. »Eile mit Weile, Herr Pathe! Ihr kommt ja ganz außer Athem: Ich liebe Ingeborg, damit ist alles gesagt. Sie ist mir theurer als Hof und Gut und Frohnleute. Es ist etwas in mir, das mich zu ihr hinzieht, sie zu sehen, sie zu hören, in derselben Luft mit ihr zu leben; das ist alles, das Übrige ist nichts. Aber das können Sie freilich nicht verstehen, ich bin jung und Sie sind alt, das ist die Sache.«

»Ja, darin hast du meiner Treu Recht,« sagte Skeel und knallte mit seiner Peitsche. »Du bist jünger als ich glaubte, Pathe. Du liebst Ingeborg, aber das thun noch andere als du, denn sie ist ein schönes und gutes Mädchen. Du bringst ihr Blumen und Liebesseufzer, versprichst ihr den Himmel auf die Erde hinabzuholen, und sie ist von allem, was du sagst, überzeugt, weil es ein Vorrecht der Jugend ist, zu glauben und zu hoffen. Was dann? Wenn du nun ihr Jawort und zugleich die Einwilligung der Eltern erhältst, die du, unter uns gesagt, nicht bekommst, da dir ein anderer im Wege steht, lieber Holger, dann führst du sie auf dein Gut. Da drinnen ist es leer, der Wind bläst durch die kalten Stuben, mit dem täglichen Brote ist es schmal bestellt: ist dies das Glück, welches du ihr mit theuren Eiden zuschworst? Sie muß entbehren, muß darben und sich hineinfinden. Ihren Verwandten und Freunden entrissest du sie, du wolltest ihr ja mehr sein als alle andern zusammengenommen; du versprachst ihr das Himmelreich. Bringe erst etwas vor dich, mein Junge, mach es wie der Vogel auf dem Felde, der sich erst sein weiches Nest baut, ehe er daran denkt, es mit Jungen zu bevölkern. Meinst du vielleicht, du brauchtest nicht zu arbeiten? Hat man, wenn man aus adeligem Geschlechte stammt, das Recht, ein Klotz zu sein, der nicht sein eigenes Scherflein zu dem seiner Väter hinzufügt, oder mit seiner eigenen That erst da beginnt, wo die der anderen endet? Zum Teufel, Pathe, wenn du mir mein Alter, seine Mängel und Gebrechen zum Vorwurf machst, weshalb beweisest du dann nicht selbst den Vorzug deiner Jugend?«

»Wenn sie die Meine wird, will ich für sie schaffen und arbeiten; die Welt ist groß, Herr Jörgen Skeel, und ich habe gute Arme; sie soll das Licht sein, sie soll mir Lust und Stärke geben. – Ach, Pathe, wenn Sie wüßten, was das sagen will, ein Weib in seinem Herzen zu tragen! Aber das haben Sie freilich längst vergessen.«

»Das ist ein müßiges Geschwätz, das wir beide hier mit einander führen. Um Ingeborg in deine feuchten vier Wände heimzuführen, mußt du nicht blos ihr Jawort haben, sondern auch die Einwilligung ihrer Eltern, und die geben sie dir nicht, am wenigsten jetzt, wo sie ein besseres Anerbieten erwarten.«

»Von wem?«

»Von mir, mein Sohn, der ich seit vielen Jahren auf meinem Gute ein einsames Leben führe. Ich bin heut hergekommen, um bei den Eltern um sie anzuhalten, und das viele Gute, das du mir von dem Mädchen erzählst, bestärkt mich nur in meinem Vorsatze.«

Holger brach in lautes Lachen aus. »Sie scherzen gewiß, Herr Pathe,« sagte er.

»Ach nein,« versicherte Jörgen, »in meinem Alter verheirathet man sich nicht aus Scherz. Heute Abend halte ich an, den Sonnabend ist Verlobung und am Sonntag muß uns Herr Mads von der Kanzel herab aufbieten. Du bist zwar jung und ich bin alt, aber du bist arm und ich bin reich. Du hast des Mädchens Einwilligung, so sagest du wenigstens, aber ich habe die der Eltern. Du besitzest ihr Herz, ich will es zu gewinnen suchen; jetzt, mein lieber Pathe, weißt du, wie die Sache steht; übrigens wirst du auf meinem Gute nach wie vor ein gerngesehener Gast sein. Komm nur und besuche uns.« Mit diesen Worten knallte Jörgen Skeel mit seiner Peitsche, wandte Holger den Rücken und ging in den Stall hinab, um sich wieder das Vieh ein wenig anzusehen.

Während dieses Gespräch stattfand, ritt Herr Tuge Hög und Frau Vibeke langsam durch den Wald, die Dame voran, einige Schritte hinter ihr der Gemahl. Frau Vibeke war eine stattliche und wohlbeleibte Matrone. Was man von ihrem Gesichte unter einem Hute mit langen, gelben, herabwallenden Federn sah, trug eine fast hochrothe Farbe. Die gelben Federn, das blaue Barett und das rothe Gesicht bildeten zusammen eine vortreffliche Harmonie.

Tyge Hög war eine kleine magere Gestalt mit einem gelbbraunen Gesicht, dessen Haut lauter Runzeln und Falten aufwies. Ein dünner röthlicher Bart und helle, fast wasserblaue Augen trugen nicht dazu bei, ihm ein männlicheres Aussehen zu geben. Er saß über das Pferd gebeugt mit gesenktem Kopfe da, dessen Ausdruck an diesem Tage noch trauriger und willenloser war als gewöhnlich.

»Komm hierher, Schuft!« sagte Frau Vibeke nach längerem Schweigen mit kräftiger und befehlender Stimme, »ich habe mit dir etwas zu sprechen.«

Tyge gehorchte zaudernd; er ritt jetzt an Vibekes Seite, schlug aber die Augen nicht in die Höhe.

»Was hast du heute eigentlich vor, und was soll das bedeuten, daß wir hier in Wald und Gestrüpp umherreiten, anstatt zu Hause zu bleiben und unsere Gäste zu empfangen? Du würdest dich am liebsten allein fortgeschlichen haben; schweig still, ich habe es nur zu gut gemerkt – aber ich setzte dir nach und begleitete dich ins Freie, damit du mir beichten solltest.«

»Unser Sultan thut mir so leid,« stammelte Tyge und schielte zur Seite, weil er nicht wagte, ihr gerade in die drohenden Augen zu blicken, die ihn betrachteten. »Die Esel von Hundejungen haben Karo auf ihn gehetzt und der hat ihm die ganze Fratze verunstaltet.«

»Schäme dich,« rief Frau Vibeke heftig, »jetzt lügst du wieder einmal. Dir liegt ganz etwas anderes in den Gliedern.«

Tyge saß einen Augenblick nachdenklich da, während sein Kopf noch tiefer auf die Brust hinabsank. »Wenn du es durchaus wissen willst,« sagte er, »so gestehe ich, daß mir der Verlust des Ankers Malvasier, den mir mein Bruder Steffen zum Allerseelentage schenkte, das Herz zerreißt. Die Reifen sind zersprungen und der Wein ist in den Keller geflossen.« Frau Vibeke wandte sich nach Tyge herum; ihre kleinen schwarzen Augen funkelten. »Kommst du mir schon wieder mit deinen Geschichten!« rief sie aufgebracht. »Erzähle mir sofort, was los ist, sonst sollst du meine Peitsche schmecken.«

Tyge blickte scheu nach allen Seiten, ob jemand da war, der diese demüthigende Drohung mit angehört hatte, und hielt sein Pferd vorsichtig zurück, als ob er vor dem, was sich ereignen konnte, Furcht hätte. »Du solltest es nur versuchen,« sagte er.

Frau Vibeke erhob ihre kleine Peitsche. – »Hierher, Schuft, und gestehe es mir sofort!«

»Nun denn, da du es durchaus wissen willst: Jürgen Skeel will heute Nachmittag schon früh bei uns sein, und ich möchte nicht gern mit ihm zusammentreffen, ehe die andern Gäste erschienen sind, denn er macht sich immer über mich lustig.«

»Dazu ist Grund genug vorhanden, und das hat er ja immer gethan, aber weshalb willst du heut mit ihm weniger gern zusammentreffen als sonst? Den Kopf in die Höhe und sieh mir gerade in die Augen!«

Tyge war auf das Äußerste getrieben, er wand sich unter dem drohenden Blicke und sah zu der erhobenen Peitsche empor, während er die Lippen mit der Zunge netzte und fortfuhr:

»Es ist zwischen Jörgen und mir noch etwas zu berichtigen, aber du mußt dir das nicht zu Herzen nehmen, meine liebe herrliche Vibeke. Im vorigen Monate habe ich der Versteigerung des Klafterholzes im königlichen Walde mit beigewohnt, – ach, nimm doch die Peitsche fort – dann sprachen wir am Abend ein wenig bei Arveds vor und tranken und würfelten. Der liebe Gott ist mein Zeuge, daß es nicht mit meinem Willen geschah, – aber als wir zu spielen aufhörten, hatte ich siebenthalbhundert Thaler verloren.«

»Jetzt lügst du wieder, Galgenstrick, ich gab dir ja nur vier leichte Thaler mit auf die Reise und du kannst mir das Geld nicht gestohlen haben.«

»Das Geld gestohlen!« wiederholte Tyge mit einem Ausdruck gekränkter Würde, »wie kannst du mich so beschuldigen, liebe gute Vibeke.«

»Komm mir nur nicht mit deinen großen Worten! Du entsinnst dich doch wohl des letzten Males, als ich dich auf falschen Wegen ertappte? Oder solltest du es etwa vergessen haben? Seit jener Zeit hüte ich meine Schlüssel, das kannst du glauben.«

»Was meinst du?« fragte Tyge mit der Miene völliger Unwissenheit.

»Denkst du nicht mehr an das letzte Weihnachtsfest, als ich an heftigen Zahnschmerzen darniederlag, und du in der Nacht aufstandest, das Schlüsselbund nahmest und dich auf bloßen Strümpfen nach meinem Geldschrank schlichest? Erinnerst du dich dessen nicht, theurer vortrefflicher Tyge? Hast du vergessen, daß ich hinter dir herkam?«

»Wahrhaftig, das ist eine angenehme Erinnerung, du betrugest dich schön an jenem Abende, ich werde es nie vergessen. Jagtest du mich nicht auf den Gang hinaus, verschlossest die Thüre und ließest mich die lange Winternacht in bloßem Hemde draußen stehen und frieren?«

Frau Vibeke brach bei der Erinnerung an das Geschehene oder vielleicht nur bei dem Anblick der jämmerlichen Miene ihres Mannes in lautes Gelächter aus. »Wie konntest du so viel Geld verlieren?« fragte sie. »Hüte dich jetzt, mir noch mehr Geschichten aufzutischen, denn meine Geduld ist bald zu Ende. Ich gab dir vier Thaler zu Kost, zu Zehrung mit, und nun verlorest du siebenthalbhundert.«

»Ich zog ja im Namen des Lehnsmannes das Geld für das verkaufte Klafterholz ein und sollte Jörgen Skeel Rechenschaft darüber ablegen. Nun war es schon Abend, als wir zu Arveds kamen und zu trinken begannen.«

»Habe ich dir nicht verboten, mit ihnen zu trinken, du dürrer Klotz! Du kannst ja nichts vertragen.«

»Schrei doch nicht so laut, liebe Vibeke, es kann dort leicht jemand im Gestrüpp liegen und mit anhören, was du sagst. Ich wollte ja auch nicht trinken und stand vom Tische auf und näherte mich dem Ofen, aber da kam Arved und der tolle Fritz Rantzau auf mich zu. Rantzau ergriff mich bei den Ohrläppchen, Arved legte mich der Länge nach auf die Bank und setzte sich mir auf den Leib, und dann schwuren und fluchten sie beide, sie würden mich nicht eher aufstehen lassen, als bis ich die große Weinkanne ausgetrunken hätte. – Was für ein teuflisches Getränk hatten sie doch zusammengebraut! Aber gut schmeckte es und so trank ich denn und trank immer wieder, während mir Rantzau die Ohrläppchen kniff und riß, daß ich hätte vergehen mögen. Ich vergaß alle deine trefflichen Ermahnungen, und als sie mich erst in lustige Laune versetzt hatten, die Halunken, fingen sie an mit mir zu spielen, bis ich alles Geld des Königs verloren hatte. Nun geht mir Jörgen Skeel zu Leibe und ließ mir sagen, er würde heute etwas früher als die andern zum Gastmahl kommen, um die Sache ins Reine zu bringen.«

»Ist es nicht, wie ich immer sage? Ich bin ein unglückliches Weib. Ich saß daheim auf meinem Gute als eine wohlhabende Wittwe und suchte mir unter allen Bewerbern gerade dich aus, Tyge, weil du der Häßlichste, der Einfältigste, der Willenloseste, kurz gesagt der warst, den ich am leichtesten glaubte lenken zu können. Ich ließ in den Ehecontract setzen, daß ich mein Vermögen selbst verwalten wollte; ich versprach dir gute Tage, wenn du gehorchtest und nur das, was ich bestimmte, gut hießest; ich verbot dir erstlich zu trinken, dann zu spielen, darauf mit den andern zu Gastmählern und Lustbarkeiten zu gehen, weil ich wußte, daß sie dich zum Narren hielten; ich hielt dich so knapp, wie ich irgend konnte, dafür kann ich Gott zum Zeugen anrufen, und dennoch betrügst du mich. Was für eine Strafe meinst du wohl für dein Betragen verdient zu haben?«

»Aber mein Gott, süße herrliche liebe Vibeke,« rief Tyge jammernd aus, »gib dich doch zufrieden! Ich werde die Sache schon abmachen. Ich habe einiges Geld, das ich von meiner Mutter erbte, auf der bjergvader Mühle stehen; damit kann ich Jörgen bezahlen. Wenn er nur so vernünftig sein will, mir Frist zu gewähren und mich nicht zu bedrängen.«

Frau Vibeke saß schweigend da, ihr Gesicht drückte ein tiefes Nachsinnen aus; Tyge räusperte sich und blickte wiederholentlich ängstlich und verstohlen zu ihr hinüber.

»Weshalb bist du so still, meine theure Vibeke?« fragte er. »Du runzelst deine weiße Stirn; rede mit mir; ist denn das so eine schlimme Sache, wenn ich sie mit meinen eigenen Mitteln in Ordnung bringen kann? Worüber denkst du nach?«

»Das will ich dir sagen, und du mußt genau aufmerken, denn es wird dir zu wahrem Vortheil gereichen. Weil und vertrocknet bist du an Geist und Herz; dir fehlt alles, was nöthig ist, um ein Mann zu sein, aber dafür hast du einen großen Hang zu zweierlei: du hast eine Vorliebe für gutes Essen und Trinken und liebst die Bequemlichkeit. Man kann dir keinen größeren Verdruß bereiten, als dich dieser beiden Güter zu berauben. Nicht wahr?«

»Ei nun, das kann ich nicht läugnen,« erwiderte der Edelmann, ohne zu begreifen, was seine Dame meinte.

»In diesen beiden Stücken muß ich dich also strafen, denn Strafe mußt du bekommen, das wird dir einleuchten. Ich habe dich gut gehalten, dir aus bedrängten Verhältnissen geholfen, deine Schulden bezahlt und dir gestattet, mein Bett zu theilen, wenn du ganz brav warst. Was nützt das aber alles? Man kann einen Mann nehmen, so elend und jämmerlich, wie man will, kann ihn heben, ihn stützen, ihn an seinem Herzen wärmen, für ihn leben und leiden, er vergilt es uns doch nur mit Betrug und Undank, sobald sich die Gelegenheit darbietet. Du hast gesündigt und mußt büßen, erspare dir jedes Wort der Widerrede und schneide nicht ein solch jämmerliches Gesicht, mein theurer Hausherr; sei stets eingedenk, was wir hier zusammen berathen, dient zu deinem wahren Heil. Du mußt büßen. Die Frage ist nur wie. Ich saß nun eben da und dachte nach, ob ich dich heute vom Festmahle ausschließen sollte, so daß du nichts von all unsern Leckerbissen erhieltest, sondern bis morgen früh auf dem Kornboden eingesperrt würdest, oder ob ich dir nicht lieber das graue Reitpferd nehmen sollte, damit du künftighin gezwungen wärest, auf das Feld zu gehen, anstatt zu reiten, um nach den Leuten zu sehen. Nein, komm mir nur nicht mit Einwendungen; störe mich nicht, Tyge, während ich dasitze und überlege, was dir am schmerzlichsten und empfindlichsten sein könnte und also am geeignetsten wäre, auf dich zu wirken und dich zu bessern. Ich bin darüber noch nicht ganz einig mit mir.«

Tyge Hög sah höchst unglücklich aus, große Thränen rannen seine runzeligen Wangen hinab.

»Herr Gott, liebe Vibeke, was würden die Leute sagen, wenn ich heute nicht bei dem Festmahle erschiene! Ich würde die Schande nicht überleben können.«

»Ich könnte ja erzählen, du wärest nach dem Vorwerke hinübergeritten, um dir von dem Verwalter Rechnung ablegen zu lassen. Sei jedoch nicht bange, ich werde dir am Ende die Theilnahme am Gastmahle doch gestatten.«

»Ach, was für eine holde liebe Vibeke du bist!« rief der Mann begeistert.

»Ich denke, ich werde mich wohl dafür entscheiden, dir das Pferd zu nehmen. Das wird eine längere Mahnung für dich sein, wenn du nun zur Winterzeit auf den schlechten Wegen zu Fuß über Felder und Wiesen traben mußt. Jetzt nichts weiter davon, dort kommen Arveds angeritten. Empor mit dem Kopf, Schuft, lächle und seh' vergnügt aus, du sollst meine Entscheidung erfahren, sobald wir zu Hause sind.«

Als sich Jörgen Skeel in den Ställen umgeschaut hatte, ließ er das Pferd satteln und ritt nach dem Nachbargute hinüber. Dort wohnte ein Edelmann, der Palle Bruus hieß, als geiziger und karger Mann bekannt, dem kein Mittel zu niedrig war, wenn es galt, Geld zu gewinnen und sein Gut zu vergrößern. Man befand sich in der Erntezeit und Palle's Frohnleute fuhren den Roggen in die Scheunen. Nach Brauch und Sitte mußten die armen Bauerweiber mit ihren Kindern damals die Ähren auf dem Felde lesen. Was auf den Äckern und Wegen lag, nachdem die letzte Garbe eingefahren war, gehörte ihnen. Palle war kein Freund dieser Sitte; mit einer langen Peitsche in der Hand und mit einem der Hunde an einer Leine hinter sich, ging er wachsam umher, um aufzupassen, daß kein Fremder über sein Feld ging. Traf er auf eine Schaar Kinder, so jagte er sie fort, konnte er sie mit der Peitsche nicht erreichen, so hetzte er den Hund auf sie. Um den Hals hatte er sich einen Beutel gebunden, in dem er mit großer Sorgfalt alle verlorenen Ähren sammelte, an denen er vorüber kam, während er auf die Kinder aufpaßte.

Jörgen Skeel ritt nach Palle's Gehöft hinüber. Von den Kornfudern, die durch den engen Weg gekommen waren, hingen an den Hecken überall Strohhalme; junge Vögel, die ihre ersten Ausflüge aus dem elterlichen Neste machten, zwitscherten in den Schlehensträuchern, während die sinkende Sonne einen goldenen Schein über die Gegend warf und sich ihre Strahlen in dem sich schlängelnden Bache wiederspiegelten, über dem ein Paar blauweiße Meerschwalben flatterten. Einen Augenblick hoben sie sich in die Luft und schossen darauf pfeilschnell in den See hinab, auf dessen Oberfläche sie eine Reihe Kreise von weiten, schimmernden Streifen hervorriefen. Da, wo sie untertauchten, war der schwache Lufthauch kaum im Stande, das Spiegelbild der von der Abendröthe übergossenen Wolken zu bewegen. Es glühte, es duftete, alles war ein Bild des frischen, farbenreichen Lebens. Der Gutsbesitzer saß da und schaute sich um und lächelte und sprach mit sich selber.

»Da sind nun wieder zwei, die sich einbilden, die ganze Welt hänge in einem Kalbfelle, sie bauen Häuser auf Sand, schreiben Gelübde in Wasser und sehen nicht weiter vor sich hin, als ihre Nase reicht. Es segeln schwarze Wolken über ihre Köpfe hin, aber sie nehmen sie nicht wahr; ein Schlagbaum hat ihnen den Weg versperrt, und sie glauben nicht daran. Eben habe ich sie erst um ihre Jugend und Unerfahrenheit beneidet, jetzt gefällt mir jedoch die Klugheit des Älteren am besten. Was nützt es, eine Hand zum Zugreifen zu haben, wenn man nicht noch eine andere hat, das Ergriffene festzuhalten?«

Nach diesen Worten streckte er selbstgefällig seine gewaltigen Glieder, richtete sich in die Höhe und ritt den nach dem Gute führenden Damm entlang. Vor dem Eingange hielt er still und knallte, als er vor dem offenstehenden Thorwege ankam, gewaltig mit seiner Peitsche.

Palle's Wohnhaus hatte ein verfallenes und schmutziges Äußere, große Risse in den Mauern und kleine, sonnenverbrannte Fenster; Gras und Brennnesseln verbargen das Pflaster vor demselben und sproßten selbst in üppiger Kraft bis auf die oberste Stufe der Haupttreppe empor. Die alten Eschen, die früher eine Allee von der Landstraße bis zum Thorwege gebildet, hatte Palle umhauen und als Brennholz benutzen lassen. Als Jörgen in den gepflasterten Hof hineinritt, steckte ein magerer grauhaariger Hund seinen Kopf aus einer umgedrehten Tonne heraus, die ihm als Hütte diente. Gegenüber bei dem Stallgebäude erblickte man eine lange magere Gestalt, welche die von den Erntewagen hinabgefallenen Ähren auflas.

Es war ein Mann in einem alten Wammse, der von einem Leibgürtel zusammengehalten wurde. Als er den Reiter gewahrte, schlüpfte er schnell zu einer Stallthüre hinein und sagte zu dem Knechte im Stalle, so laut daß es Jörgen deutlich hören konnte: »Laufe hinaus und sage, ich wäre nicht zu Hause.«

»Das nützt nichts, lieber Palle,« rief Jörgen, indem er vom Pferde abstieg und es nach der Stallthür hinführte, »ich habe dich schon gesehen, komm nur zum Vorschein.«

Palle wurde nun sichtbar und streckte mit einer Miene, der er sich vergeblich einen herzlichen Ausdruck zu geben versuchte, Jörgen beide Hände entgegen. Als er sich im vollen Tageslicht zeigte, gewahrte man ein Gesicht, in dem jeder Zug unangenehm war und niedrige und kleinliche Neigungen verrieth. Die Augen waren glanzlos und schielten, die Lippen waren dünn und blaß, die Stirn niedrig, an den Schläfen eingefallen und runzelig. Äußerlich wie innerlich bildete er einen auffallenden Gegensatz zu dem ehrlichen und offenen Jörgen Skeel, der dastand und ihn lächelnd betrachtete, während der Knecht das Pferd in den Stall zog.

»Weshalb bist du nicht angezogen?« fragte Jörgen. »Du erzähltest ja gestern, daß du zu dem Schmause bei Tyge Hög hinüber wolltest.«

»Ja, es ist nicht wegen des Schmauses, daß ich hinüber will, aber ich habe einen Sohn.«

»Ich habe fünf,« versetzte Jörgen.

»Du kennst ja doch den Jakob, den mit den schönen Augen.«

»Wasserblaue Augen und weiße Augenbrauen, ei ja, ich kenne ihn.«

»Er ist jetzt drüben in Kopenhagen. Seine Majestät hat die Gnade gehabt, ihn zum Aufseher aller seiner Pfauen zu ernennen.«

»Das ist wohl ein ganz großartiger Posten?«

»Ich habe viel auf den Jungen verwandt,« fuhr Palle fort, während er die Zeit benutzte, die Ähren, die in der Nähe lagen, aufzusammeln. »Ich muß jetzt sehen, ihn gut zu verheirathen. Ich habe mit Tyge Hög darüber geredet und an seine Tochter gedacht.« »Seine Pflegetochter, meinst du.«

»Sie haben sie ja an Kindesstatt angenommen, so daß sie einst ihre Erbin wird. Den Umstand weiß ich genau.«

Als Jörgen das Gespräch begann, ging er hin und half Strohhalme aufsammeln, und Palle fiel es gar nicht ein, ihn in das Haus einzuladen. Er wurde dieser Arbeit jedoch bald überdrüssig, denn das Bücken machte ihm Mühe. Sein Gesicht war vor Anstrengung roth geworden, als er sich auf eine Wagendeichsel setzte und fortfuhr: »Geh jetzt hinein, Palle, und zieh dich an, denn so hast du doch nicht im Sinne hinüberzureiten. Man wartet bei Högs auf dich.«

»Ich muß erst die Ähren hinter den Leuten her auflesen, denn es ist schändlich, wie sie Gottes Gaben vergeuden. Weshalb glaubst du denn übrigens, daß Hög mich erwartet?«

»Er weiß, daß du für deinen Sohn anhalten willst und bist ihm sicherlich ein sehr willkommener Freier. Wir können ja ohne Umschweife mit einander reden, wir beide, wir kennen einander und ich meine es gut mit dir.«

»Davon bin ich überzeugt, du bist mein alter Freund,« versicherte er.

»Laß uns sagen dein alter Bekannter, das will ich mir gefallen lassen. – Tyge sitzt nicht in der Wolle, so weit ich merken kann, – du dagegen bist ein reicher und wohlhabender Mann, Palle – ei, sicherlich bist du es, weshalb wolltest du es verhehlen? Tyge ist, rein heraus gesagt, in Verlegenheit, und du bist es, der ihm helfen muß.«

Palle's Gesicht verzog sich während dieser Erklärung wie im Schmerze, er richtete sich in die Höhe, stemmte beide Arme in die Seite und betrachtete Jörgen mit tiefem Erstaunen.

»Was sagst du da, Jörgen Skeel? Du bist, so weit ich dich kenne, in jeder Beziehung ein zuverlässiger Mann; aber wie ist es möglich, daß er sich in Noth befinden soll; er hatte ja reich geheirathet, Frau Vibeke hatte großes Vermögen und keine Kinder.«

»Sie haben keine Gütergemeinschaft,« erwiderte Jörgen. »Wenn Frau Vibeke stirbt, dann fällt ihr ganzes Vermögen an ihre eigene Familie zurück; weder Tyge noch Ingeborg hat Anspruch auf ihr Erbe. Ich glaubte, du wüßtest es. Tyge hat Schulden; seit der letzten Auction draußen im Hochwalde ist er der königlichen Kasse noch ungefähr siebenhundert Thaler schuldig. Aber was will das sagen? Jetzt verheirathet sich ja dein Sohn mit Ingeborg; du bist ein vermögender Mann, der sowohl den Willen wie das Herz hat, ihm zu helfen, und damit ist die Geschichte aus.«

Palle stand in einem peinlichen Kampfe mit sich selbst und sah Jörgen und dann wieder die Ähren an, welche er in der Hand hielt. »Was habe ich mit Tyge Högs Schulden zu schaffen?« sagte er kurz und heftig, »ich habe damit nichts zu thun.«

Skeel blickte erstaunt in die Höhe und schüttelte den Kopf. »Das verstehe ich nicht recht. Du willst deinen Sohn in das Haus hineinheirathen lassen, und Tyge weiß, daß du Geld liegen hast. An wen sollte er sich wohl eher wenden als an dich?«

»Ich habe kein Geld,« rief er und stampfte auf die Strohhalme, die er noch so eben in der Hand gehalten hatte.

»Ich wünschte, daß dich – – –«

»Du rufst so laut, Palle, es ist ja niemand, der uns hört. Du leihst an sichere Leute Geld im Osten und Geld im Westen aus und hast nun Gelegenheit, bei Tyge einen Stein im Brette zu bekommen. Er wird sicherlich, wenn ihr heute Abend zusammentrefft, mit dir von seinen Schulden reden; aber folge meinem Rathe und warte nicht darauf, sondern komme ihm zuvor. Erzähle, du habest gehört, daß er sich in Noth befinde, und biete ihm Geld an. Vielleicht schuldet er noch mehr als die Summe, die ich nannte, aber was will das zwischen euch beiden sagen? In der Noth soll man seine wahren Freunde kennen lernen.«

Palle stand mit gesenktem Kopfe und die Hände über den Bauch gefaltet da, die Runzeln um seine zusammengepreßten Lippen wurden größer und tiefer. Als Jörgen schwieg, lächelte er und sagte schnell und bestimmt: »Darin muß ich dir Recht geben, Jörgen Skeel, ich theile vollkommen deine Meinung: in der Noth soll man seine wahren Freunde erkennen, ihnen eine hilfreiche Hand reichen und ihnen fest zur Seite stehen, wenn die Trübsal einbricht, im Himmel wohnt ein gnädiger Gott, der es dermaleinst vergelten wird; wenn man ihnen aber nicht helfen kann, dann thut man am besten, seiner Wege zu gehen und nicht noch die Zeit mit einfältigem Geschwätz zu vergeuden.,«

Nach diesen Worten wandte Palle Jörgen Skeel den Rücken und ging die Treppe zum Hause hinauf. Auf der obersten Stufe blieb er stehen und fügte hinzu: »Ich reite heute nicht zu Tyges hinüber, ich habe gar zu arge Brustschmerzen, und was die Sache mit meinem Jungen und seiner Verlobung anbelangt, so ist sie noch nicht weiter gediehen, als daß wir sie nicht leicht wieder aufgeben könnten, was ich für das Klügste halte.,« Damit ging er in das Haus hinein und schloß die Thür, ohne sich noch einmal umzuschauen.

Ein eigenthümliches Lächeln zeigte sich auf Jörgen Skeels rothem Antlitz, als er das Pferd aus dem Stalle zog und fortritt. In dem Thore wandte er den Kopf zurück. Palle stand oben im offenen Fenster. Sie lächelten einander zu.

Die Sonne war untergegangen, die graublauen Nebel des Herbstabends legten sich über die Gegend, die Krähen flogen in großen Schaaren nach den Wäldern und die Bauern eilten nach Hause, nachdem sie den Tag mit Frohnarbeiten auf dem Gute zugebracht hatten. Högs Gäste waren angelangt, draußen auf dem Hofe tanzten die Leute; Tyge selbst ging, die Hände auf dem Rücken, umher und grüßte und lächelte jeden an, ohne daß es ihm doch recht gelingen wollte, den peinlichen Ausdruck zu verscheuchen, der nach dem Gespräche mit Vibeke zurückgeblieben war. Jörgen Skeel saß oben auf dem Altane, gemächlich gegen die Holzbank gelehnt. Er unterhielt sich mit Frau Vibeke, die ihm gegenüber Platz genommen hatte; sie trug ein kostbares, weit ausgeschnittenes Kleid, das einen größeren Umfang entblößter Formen zeigte, als dem Eindrucke ihrer Erscheinung vortheilhaft war. Jörgens Gesicht behielt sein listiges Lächeln, bei dem sich, während er sprach, seine fetten Wangen bis zu den kleinen Augen emporzogen.

»Ei freilich,« fuhr er fort, »die Zeit wurde mir schrecklich lang, als ihr nicht da waret; deshalb ritt ich zu Palle Bruus auf Lundgaard hinüber.«

»Und Sie trafen ihn doch auch?«

»Ja, auf dem Hofe, wo er umherging und die verlorenen Ähren auflas. Es ist ein entsetzlicher Geizhals, dieser Palle.«

»Wir erwarten ihn heute Abend.«

»Er kommt nicht,« erwiderte Skeel lachend. »Ich hörte freilich, daß er herüberkommen und für seinen Sohn anhalten wollte, aber für ein solches Loos schien mir Ingeborg zu gut. Zärtliche Eltern, wie Sie beide, die damit begannen, das bedauernswerte Kind der Armuth zu entreißen und ihm frohe Tage zu schenken, enden nicht damit, es ins Unglück zu stürzen. Deshalb erzählte ich Palle, daß Sie, Frau Vibeke, mit Tyge nicht in Gütergemeinschaft lebten und Ingeborg also auch nie etwas von Ihnen erben würde. Darüber befiel den ehrlichen Mann eine solche Angst, daß er seinen Besuch heute Abend und seinen Heirathsplan aufgab.«

»Sie sollten sich schämen, Jörgen Steel, daß Sie umherreiten und uns die Freier aus dem Hause jagen,« sagte Frau Vibeke und schlug mit dem Blumenstrauß, den sie in der Hand hatte, nach ihm.

»Ich bringe Ihnen einen besseren Freier, als Palle Bruuse's Junker ist, mit,« entgegnete Jörgen.

»Wer sollte das wohl sein?«

»Das Wissen Sie recht gut, erinnern Sie sich nur, wir haben schon vor heute Abend von der Sache gesprochen.«

»Ach, Sie scherzen stets, Sie haben ja kaum die Trauer um Ihre verstorbene selige Frau abgelegt.«

»Mein Gott,« versetzte Jörgen achselzuckend, »ich kann meine verstorbene Frau doch nicht ewig betrauern. Sie war zu gut für diese Welt, deshalb nahm sie Gott in die seinige hinüber. Sie saß da und studirte vor ihrem Stammbaum ihre heiligen Urgroßmütter, wahrend ich zu Markte zog und studirte, wie ich ein gutes Geschäft abschließen konnte. Als dies auf die Länge etwas langweilig wurde, starb sie aus Sehnsucht, ihre Familie zu begrüßen und hinterließ mir zum Troste das beste Gut in Jütland. Nun geht der Viehhandel besser als je zuvor.«

»Handel und immer wieder Handel, Sie denken an nichts anderes. Das ist also das Leben, welches Jörgen Skeel führt; er sitzt auf einem einsamen und unwohnlichen Gute, keine Hand drückt die seine. Keiner lächelt bei seinem Glücke oder nimmt Theil an seinen Sorgen; des Landes reichster Edelmann verlebt seine Zeit in einem Stalle oder auf einem Viehmarkte.«

»Ja, Sie haben Recht, es ist ein Vergnügen mit Ihnen zu reden, so klug und vernünftig sind Sie. Mir fehlt Gesellschaft, jemand, der die Wirthschaft zu Hause leiten und lenken kann. Von allen, auf die ich meine Gedanken gerichtet habe, ist Ingeborg die beste; sie ist unter Ihrer Zucht und nach Ihrem Beispiel erzogen. Wollen wir jetzt ernstlich von der Sache reden?«

»Allerdings würde mir nicht leicht jemand ein angenehmerer Schwiegersohn sein als Sie,« entgegnete Frau Vibeke, »allein ich finde es sonderbar, daß Sie sich an mich wenden, anstatt zuerst meinen Herrn und Gemahl aufzusuchen, denn nur sein Wille gilt hier im Hause, nur was er für gut findet, dazu sage ich ja.«

»Das weiß ich,« erwiderte Jörgen mit einem zweideutigen Lächeln, »allein die Sache ist, daß es mir leichter fällt Ihnen zu beichten, als Tyge. Sie haben ein sanftes und frommes Gemüth und verstehen mich auch besser. Da haben wir den Mann, reden Sie jetzt für mich. Wenn die Entscheidung auch bei ihm liegt, so können Sie ihn doch besser überreden als irgend ein anderer.«

Während er dies sagte, kam Tyge auf den Altan hinaus geschlendert. Er stutzte, Jörgen im Gespräche mit seiner Frau zu finden, und wollte sich wieder fortschleichen, als ihm Frau Vibeke's Worte Halt geboten.

»Warte ein wenig, mein herzlieber Mann, du kommst uns sehr gelegen.«

Tyge warf ängstlich einen verstohlenen Blick auf Jörgen; er fand auf seinem Angesichte nur das gewöhnliche Lächeln, aber daraus ließ sich nichts schließen. Frau Vibeke erzählte ihm, was Skeel ihr so eben anvertraut hatte. Jörgen saß da und nickte dazu.

»Es ist nun deine Sache, Herrn Jörgen eine entscheidende Antwort zu geben,« fügte Vibeke hinzu; »ich habe ihm erklärt, was er ja im Voraus wußte, daß du hier Herr im Hause bist und wir andern uns nur nach deiner Meinung richten.«

Tyge war in großer Verlegenheit, er räusperte sich, erhob den gesenkten Kopf etwas muthiger, sobald er erfahren hatte, daß die Sache nicht so unangenehm war, wie er im ersten Augenblick vermuthete. Er sah unschlüssig von dem einen zu dem andern, indem er sagte: »Ja, ich kann nichts Bestimmtes sagen, ich will mir die Sache erst überlegen, – ich muß mit Vibe – – – ich meine, es wird uns immer zur Ehre gereichen, mit einem solchen Ehrenmanne, wie Jörgen Skeel ist, in Verwandtschaft zu treten, aber trotzdem, wenn Vibeke – – –« ein entschiedener Blick von Frau Vibeke, den er mißverstand, versetzte ihn in einen neuen Gedankenkreis. – »Ich wollte nur sagen, daß ich mich recht gut sogleich entscheiden kann, selbstverständlich, natürlich, aber da wir bereits von der Sache geredet haben – – –.« Es war dem unglücklichen Manne nicht möglich weiter zu kommen, er trocknete sich die Stirn, wiederholte, was er bereits gesagt hatte und wurde endlich völlig unverständlich.

Frau Vibeke meinte endlich, sie müßte ihm zu Hilfe kommen.

»Ja, ganz gewiß, mein allerliebster Freund,« sagte sie mit ihrer sanftesten Stimme, »ich verstehe dich recht wohl. Du suchst nach den mildesten Worten, um Herrn Jörgen Skeel an den großen Unterschied zwischen seinem und Ingeborgs Alter zu erinnern. Aber werde nur nicht ärgerlich, ich frage ja nur: hat nicht das Alter auch seine Vorzüge? Ich meine die Erfahrung und Klugheit desselben.«

»Ja, meiner Treu, die hat es,« rief Tyge, der jetzt Licht gefunden zu haben glaubte. »Das Alter hat auch seine Vorzüge, und Jörgen ist noch nicht so abgelebt. Er kann zwar nicht mit mir um die Wette laufen, weil er so engbrüstig und dick ist, aber er kann den Besten von uns unter den Tisch trinken, ich sage nicht mehr. Du solltest ihn nur einmal auf seinem Rappen dahin sprengen sehen, – was kann denn überdies so ein albernes kleines Mädchen besser verlangen? Wenn es deshalb dein Wille ist, daß ich ja sagen soll –«

»Du meinst dein Wille, lieber guter Tyge,« erwiderte Frau Vibeke mit derselben sanften Stimme, »ich habe nur deiner Entscheidung beizustimmen, das weißt du ja zur Genüge. Was mir Herrn Jörgen Skeels Bewerbung noch annehmbarer zu machen scheint, ist seine Kenntniß davon, daß Ingeborg nur ein unbemitteltes Mädchen ist.«

»Lassen Sie uns nicht davon reden,« erwiderte Jörgen und jetzt war das Lächeln verschwunden, »ich bin zwar ein Viehhändler und bin stolz darauf, aber es fließt doch zu viel von dem Blute meiner Väter in mir, als daß ich mein Herz gegen einen Geldbeutel vertauschen sollte. Sie bürgen also für mich als Schwiegersohn,« fuhr er fort und streckte Frau Vibeke seine Hand entgegen.

Als Tyge sah, daß seine Frau die ihr dargereichte Hand annahm, beeilte er sich dasselbe zu thun und sagte:

»Ja, meiner Treu, wir thun es. Da ist allerdings noch die Geschichte mit dem Holger Krabbe, der ebenfalls das Mädchen zu lieben scheint, aber Vibeke hat ihm sicherlich nichts versprochen, und ich nehme das Versprechen, das ich ihm gab, zurück. Es war eines Abends, als ich etwas berauscht war.«

»Ja, du sagtest ja nur, daß Herr Holger zwar ein redlicher Mann, aber noch so jung und in den Widerwärtigkeiten des Lebens so unerfahren wäre, daß du Besorgniß hegtest, das Schicksal unseres Kindes seinen Händen anzuvertrauen. Nicht wahr, mein geliebter Freund, das waren deine Worte?«

»So ungefähr, so ungefähr,« versicherte Tyge.

»Holger will ich schon selbst zur Vernunft bringen,« sagte Jörgen. »Er ist mein Pathe und nimmt einige Rücksicht auf meine Wünsche. Jetzt gehe ich in den Garten hinab und sehe mir die Lustbarkeit des Gesindes an; inzwischen haben Sie wohl die Güte, mit Ingeborg zu reden, bis ich wieder komme. Was uns beide betrifft, fügte er gegen Tyge gewandt hinzu, indem er ging, »so ist von der Holzversteigerung her noch eine kleine Rechnung zwischen uns in Ordnung zu bringen. Da wollen wir jetzt jedoch einen Strich hindurch machen; ich habe das Geld bereits in die königliche Kasse eingezahlt.«

Als Jörgen Skeel eine Stunde später auf den Altan zurückkehrte, saß Frau Vibeke noch immer da, und ein Licht brannte in dem offenen Fenster, bei dessen flackernder Flamme er Ingeborg, todtenblaß und weinend, vor ihrer Mutter stehen sah. Zu ihren Füßen lagen die zerpflückten Blätter der Blumen, die sie so eben getragen hatte. Tyge's Hand lag auf ihrem gesenkten Kopfe, während er dastand und seine Frau, die das Wort führte, anstarrte.

»Du schweigst, Kind,« sagte Frau Vibeke mit einer Stimme, die sie sanft und eindringlich zu machen suchte, deren Beben jedoch eine heftige Gemüthserregung verrieth. »Du liebst Jörgen Skeel nicht, weil dir ein anderer besser gefällt, – nun ja, Holger ist gut und achtungswerth, wer läugnet das? Aber er ist persönlich arm und seine Familie unvermögend; er wird nie im Stande sein, dir ein sorgenfreies Heim zu verschaffen; glücklicherweise denkt man in deinem Alter nicht an dergleichen. Aber ich habe daran gedacht, ich bin wachsam, ich habe dir den bestimmt, der dir eine sorgenfreie Zukunft sichern wird. Skeel ist ein braver Edelmann, die Ehre und der Edelmuth selbst.«

»Das ist er allerdings, er besitzt das größte Gut in ganz Nordjütland,« beeilte sich Tyge hinzuzufügen.

»Schweig du still,« bemerkte Vibeke heftig, »jetzt bin ich es, die da spricht. Ich nahm dich aus geringen und ärmlichen Verhältnissen zu mir, Ingeborg, als sich niemand in der Welt um dich kümmerte. Es liegt mir fern, mich dessen zu rühmen, denn du hast es uns mit deiner Liebe vergolten. Aber heut' morgen, als ich früh aufstand, um die Erste zu sein, welche dir ihre Gabe zu deinem Geburtsfeste brachte, erinnerst du dich wohl, was da geschah? Du schlangst die Arme um meinen Hals, küßtest mich und sagtest: wenn es doch nur etwas gäbe, womit ich Ihnen, meine zärtliche Mutter, Ihre Güte vergelten könnte.«

»Ja, das sagtest du allerdings,« versicherte Tyge. »Du drücktest auch mir die Hand.«

Frau Vibeke's sprechender Blick bewog Tyge nicht allein zu schweigen, sondern auch noch einen Schritt zurückzutreten. – »Nun gibt es etwas, womit du uns vergelten kannst,« fuhr sie fort; »es ist nicht blos dein Glück, sondern auch die Ehre und Wohlfahrt deines Vaters, die er in deine Hände gelegt hat.«

Ingeborg stand in heftigem Kampfe mit sich selbst da. Jörgen Skeel war in den Schatten zurückgetreten, er schwieg und lauschte. Nicht ein Zug in dem sorgenvollen und leidenden Gesichte des jungen Mädchens entging ihm. Plötzlich erhob sie ihr Haupt, lächelte durch ihre Thränen und sagte mit bebenden Lippen und mit einer Stimme, die sie sichtlich nur mit Mühe hervorbringen konnte: »Helfe Ihnen Gott, meine lieben Eltern! So will ich denn Jörgen Skeel zum Ehemann nehmen, da es Ihr bestimmter Wille ist; reden Sie mir dann aber auch nie öfter von Ihren Wohlthaten, denn jetzt kann ich nicht mehr thun, sie Ihnen zu vergelten.«

Ein Schmerzensschrei drang, als diese Worte ausgesprochen wurden, aus dem dunklen Zimmer vor dem Altane hervor. Holger kam zum Vorschein und streckte ihr flehend seine Hand entgegen. Ingeborg schüttelte den Kopf und wandte sich ab; sie wagte nicht in die Höhe zu sehen. Der Schrei hatte in ihrer eigenen Brust einen Wiederhall gefunden.

»Verlaß mich,« sagte sie leise, »und komm nie mehr zurück, wir beide scheiden jetzt, da es so sein muß.«

»Du bist ein wirklich vortreffliches liebes Mädchen,« versicherte Hög, als sich Jörgen Skeel in der offenen Thür zeigte und zu ihnen auf den Altan hinaus trat. Der tiefe Ernst, der noch so eben, während er im Finstern dastand und lauschte, auf seinen Zügen geruht hatte, war einem zufriedenen und triumphirenden Lächeln gewichen.

»So lassen Sie mich denn jetzt mein Urtheil hören,« sagte er sorglos.

Frau Vibeke nahm Ingeborg bei der Hand und zog sie zu ihm hin. »Sie gehört Ihnen,« sagte sie.

»Ist es auch wahr?« fragte Jörgen, »und deshalb weint sie, und ihr Glück beginnt mit Thränen auf der Wange?«

»Das ist nur im Anfang,« erklärte Tyge. »Weibsleute sind so verschämt; Vibeke weinte auch, als sie mich nahm. Sie wird schon glücklich werden.«

»Das glaube ich selbst,« sagte Jörgen, »aber du, Holger, was stehst du da und lassest den Kopf hängen, du solltest ein Mann sein und weinst, als wärest du ein Weib.«

Holger trat auf Jörgen zu, indem er erwiderte: »Ich sehe den einen kaufen und den andern verkaufen, ich höre, wie ein Gelübde gebrochen und ein anderes abgelegt wird, scheint Ihnen das so lustig, Pathe, davon Zeuge zu sein?«

»Und doch begreifst du nichts von dem Ganzen, mein Junge. Nichts kennst du und an nichts denkst du, nicht einmal daran, daß ich als dein Pathe gelobte, für dein Glück zu sorgen und es nach bestem Vermögen zu fördern.«

»Das haben Sie heute nicht gethan, Herr Skeel.«

»Wer weiß, ich bin nicht nur dessen eingedenk, was ich damals gelobte, sondern auch der vielen lehrreichen Ermahnungen, die du mir erst vor kurzem ertheiltest. – Frau Vibeke hat so eben Ingeborgs Schicksal in meine Hände gelegt; aber wie könnt ihr beiden Kinder glauben, daß ich die trennen will, die einander so lieb haben? Ich gebe sie dir hier zurück. – Ja, es nützt nichts, was Sie auch sagen mögen, Frau, er soll auf einem meiner Güter da oben in Vendsyssel festgehalten werden, es ist nicht gerathen, ihn länger frei herumlaufen zu lassen. Denken Sie sich nur, er hat geschworen, daß er nichts Nützliches vornehmen will, bis er die bekommt, welche er liebt.«

Ingeborg stieß einen Freudenschrei aus, sie und Holger fielen vor Jörgen auf die Knie und ergriffen seine beiden Hände. Der alte Gutsbesitzer stand da und lächelte und nickte ihnen zu.

»Aber was soll das heißen?« fragte Frau Vibeke, indem sie einen Schritt näher trat.

»Ja, was soll das heißen?« wiederholte Tyge, indem er ebenfalls einen Schritt näher trat, »das möchte ich doch wissen.«

»Nichts anderes, als daß ich heute Nachmittag herüber kam, um dem jungen Pärchen hilfreiche Hand zu leisten. Das habe ich nun gethan, so gut ich konnte. – Lassen Sie uns jetzt zu den andern hineingehen.«

4. Pater Peter.

Bim, bam! bim, bam! Das war der Klang, der sich von allen Kirchen- und Klosterglocken der Stadt Ribe die zweite Woche nach Ostern im Jahre der Gnade 1465 vernehmen ließ. Leute standen gruppenweise auf der Straße und fragten und redeten von einem und demselben. Vor dem bischöflichen Schlosse war eine dicke Schicht Haidekraut über das Steinpflaster gestreut, um die Schritte der Gehenden unhörbar zu machen. Die eisernen Ketten, mit denen die Stadtwächter des Nachts die Straße abzusperren pflegten, waren in den letzten zwei Tagen nicht abgenommen worden, und jeder, der an der Wohnung des Bischofs vorüber wollte, wurde nach dem Zwecke seines Ausgehens gefragt.

Was ist denn los? Weshalb läuten die Glocken in einem fort? Weshalb singen sie Messen und brennen Räucherwerk vor den Bildern der Heiligen in den Kirchen? Weshalb gehen alle diese heiligen Prälaten und Mönche, die Hände in die Ärmel gesteckt, langsamen Schrittes und mit weinerlicher Miene vom Kloster zur Kirche und wieder zurück? – Der Bischof der Stadt, der ehrwürdige und gelehrte Herr, Henrik Stangeberg zu Beierholm, liegt im Sterben. Am Montag hatte er seinen Gedächtnistag gestiftet, in Folge dessen von nun an bis zum Ende der Welt für ihn jeden 29. April eine Seelenmesse in der Liebfrauenkirche gelesen werden sollte, in der gelben Kapelle, welche Sanct Lambert, dem Patrone und Schutzheiligen der Stadt gehörte, dessen vergoldetes Bild die Priester bei stürmischem Wetter in Procession nach dem Strande hinabtrugen, damit er die See ausschelten sollte, wenn sie zu hoch über die Wiesen austrat. Hinsichtlich Henrik Stangebergs hatte der Heilige von nun an den Auftrag erhalten, den lieben Gott zu bitten, dem Bischof seine Schuld im Leben zu vergeben und seine Pein im Fegfeuer nach dem Tode abzukürzen. Diese Mühe hatte ihm vor kurzem ein Edelmann mit 40 Mark lübisch bezahlt; Henrik Stangeberg war ein entschlossener Mann, er gab 62 Mark, dann sollte aber die Messe für ihn zugleich in der Kirche der Kreuzbrüder, vor dem Altare des Leibes Christi wiederholt werden. Der gemeine Mann kam billiger zu der Hilfe der lieben Heiligen, aber bezahlen ließen sie sich doch. Für jeden, der im Kirchspiele starb, hielt der Priester eine Seelenmesse, dafür gab die Familie einen fetten Ochsen oder eine Milchkuh; zwei gute Kälber konnten es auch thun, und diese erhielten dann Erlaubnis, am Begräbnistage mit auf den Kirchhof zu spazieren, und wurden vor dem Leichengefolge her geführt, während die Leiche nach der Sitte der Zeit rings um die Kirche getragen wurde, ehe man sie in das Grab senkte.

Gestern erhielt Henrik Stangeberg die Vorbereitung zum Tode; eine große Procession zog mit Räucherpfannen und brennenden Wachslichtern singend aus der Domkirche, um ihm die beiden Sacramente, die Hostie und das heilige Öl zu bringen. Heute sollte ein Kreuzgang durch die Stadt und um den Lilienberg stattfinden, so hieß nämlich der Berg, auf welchem die Domkirche erbaut war. Das war noch ein größeres Fest, also auch noch größere Ursache, die Glocken zu ziehen und zu läuten.

Der Kreuzgang war übrigens ein alter katholischer Gebrauch, der jeden Palmsonntag, Ostertag und Mittwoch vor Christi Himmelfahrt wiederholt wurde und darin bestand, daß sich alle Geistliche aus der Stadt und den nächsten Dörfern zu einer großen Procession vor der Domkirche versammelten, jeder Mönchsorden mit seiner Kirchenfahne und den Reliquien seiner Kirche, oder mit kleinen Schachteln, Krügen, Kokosnüssen, Straußeiern und vergoldeten Monstranzen, in denen die Reliquien verwahrt wurden. Wenn alle versammelt waren, begann die Procession rings um die Kirche zu gehen, von Osten nach Westen, und von da weiter auf das Land hinaus, um Feld und Korn zu segnen, oder nach dem Schlosse hinab, wenn das Fest zu Ehren des Königs statt fand, oder hier und dort hin, wenn es galt milde Gaben für die Kirche zu sammeln. Vor dem Zuge trug ein Mönch ein ungeheures Becken mit Weihwasser, welches er mit einem Wedel über die Menge hin sprengte. Darauf folgten die Domherren in ihren Meßgewändern, welche die Lichter vor den Reliquien trugen, wobei aber eine gewisse Rangfolge beobachtet wurde, so daß sich die kleinen Heiligen, die sich keiner größeren Nachfrage zu rühmen hatten, bescheiden mit einem kleinen Lichte oder einer Lampe begnügen mußten, während vor den großen ein Dekan mit einem dreiarmigen Silberleuchter ging, auf dem drei tröpfelnde Lichter, von denen zu sechs auf das Pfund, brannten.

Je weiter der Zug durch die Straßen vorwärts schritt, eine desto größere Volksmenge schloß sich demselben an, Große und Kleine, Vornehme und Geringe, Zwei und Zwei, alle betend, alle singend, so laut und so gut ein jeder vermochte.

Heute waren an sieben verschiedenen Stellen oder Stationen in einer gewissen Entfernung von einander Kreuze um die Domkirche aufgerichtet, vor welchen die Procession Halt machte und Messe las, ehe sie weiter zog. Die Reliquien befanden sich unter kleinen, auf vier Stangen getragenen Baldachinen und waren von Chorknaben umgeben, die mit ihren Klingeln schellten und Rauchkessel schwenkten.

Einer der Mönchsorden trug ein Holzbild der heiligen Gertrud, der Schwester Karls des Großen, die ihre Kapelle in der Domkirche hatte. Sie wurde auf der Spitze einer hohen Stange gezeigt, in ein rothes Atlasgewand gekleidet, welches unten mit breiten, ausgezackten Goldtressen besetzt war. In der Hand trug sie eine lange weiße Lilie, und um das Antlitz, welches schneeweiß geschminkt war und liebliche, hellrothe Wangen hatte, schwebte ein Glorienschein aus Goldblech, der im Sonnenschein blinkte und strahlte. Sobald der Mönch, der sie trug, eine Strecke gegangen war, blickte er in die Höhe und drehte die Stange, damit die heilige Dame das Vergnügen hätte, sich auch nach der andern Seite hin ein wenig umzuschauen.

Die Sonne leuchtete, der Gesang klang schön und feierlich durch die klare Luft, und der Wind trug den Duft des Weihrauchs durch die Straßen. Der Theil des Volkes, der sich der Procession nicht anschloß, lag die Mauern entlang auf den Knien, einige sogar mit ausgestreckten Armen der Länge nach auf dem Boden. Aus allen Thüren grüßten Frauen und Kinder und schwenkten die Tücher. Die Gucklöcher, welche anstatt der Fenster dienten, waren mit Zuschauern gefüllt. Die Hunde bellten und heulten.

Was der Procession heute etwas besonders Anziehendes gab und die allgemeine Aufmerksamkeit mehr als sonst fesselte, war ein Mann, der allein in dem Zuge ging, unmittelbar hinter den Reliquien. Er trug eine spitze schwarze Mütze und war bis auf die Hüfte entblößt. In der Hand hatte er einen kleinen, dicken hölzernen Griff, an den drei geflochtene Schnüre, jede mit einer ausgezackten Kugel am Ende, gebunden waren. So oft der Zug unterwegs vor den erwähnten Kreuzen oder bei einer der Kirchen Halt machte, begann der Mann sich unbarmherzig mit der Geißel zu peitschen, stöhnte und seufzte, aber peitschte wieder, und die aufgelaufenen und blutigen Striemen, welche die Schläge auf seinem nackten Rücken und Schultern zurückließen, bezeugten, daß er mit Kraft zuschlug.

Dieser Mann hieß Paul Teiste und hatte »in der Hitze und im Eifer« seinen Mutterbruder mit einer Wollscheere todt gestochen; sein Urtheil wurde auf Bitte des Bischofs dahin abgeändert, daß er sich von der Domkirche an durch die Stadt peitschen und darauf eine Pilgerfahrt nach Sanct Jakob in Spanien machen sollte. Auf diese lange Reise durfte er kein Geld zu seinem Unterhalte mitnehmen, durfte auch gute Leute um nichts bitten, sondern nur annehmen, was sie ihm freiwillig geben würden. Das Urtheil hatte noch das Mildernde, daß der Bischof einem jeden, der sich des Sünders annahm, einen vierzigtägigen Ablaß versprach.

Solche Bußübungen waren früher sehr allgemein gewesen. Bei den großen Kirchenprocessionen in Deutschland und Frankreich ging zu der Zeit, da die Geißelbrüder und Begharden noch im Ansehen standen, eine Schaar Büßender an der Spitze des Zuges, entblößte sich bis zum Gürtel und peitschte sich selbst nach Herzenslust. Man fand, daß die Procession durch die Bereinigung des Feierlichen mit dem Anziehenden nur gewann.

Heute hatte Paul auf seine Bitte Erlaubnis erhalten, den ersten Theil seiner Strafe auszuführen, darauf sollte er bis morgen eingesperrt und dann auf die lange Reise geschickt werden.

Vom Lilienberge zog die Menge nach dem bischöflichen Schlosse, um dort Messe zu lesen. Die Reliquien wurden in die Höhe gehoben, nachdem ihr Sammetüberzug abgestreift war. Die Fenster standen offen, Henrik Stangeberg zeigte sich, todtenbleich, entsetzlich mager, von zwei Klerikern unterstützt, seine Augen schienen geschlossen zu sein, sein Kopf war auf die Brust hinabgesunken. Mehrmals versuchte er während des Gebetes das Zeichen des Kreuzes zu machen, aber die Hand glitt matt und kraftlos wieder hinab. Die Mönche sangen, die Leute starrten hinauf, die Leute schwiegen, sie fühlten, daß sie vor dem Tode standen. Noch vor Beendigung der Messe wurde der Bischof wieder von dem Fenster zurückgeführt, er vermochte sich nicht länger aufrecht zu erhalten. Die Procession zog weiter nach der Kapelle des heiligen Kreuzes außerhalb der Stadt und es wurde auf der Straße wiederum still.

Ein Mönch, Blasius hieß er, als Arzt berühmt und erfahren, war aus Leyden verschrieben; er hatte den ganzen letzten Monat in dem bischöflichen Schlosse zugebracht, kam und ging und versuchte an dem Kranken alle seine Kräutertränke, aber ohne jegliche Wirkung. Gleich nach Mittag rief Blasius die Domherren, welche im Vorzimmer um das Crucifix lagen und beteten, in das Gemach des Kranken hinein, sie sollten in diesem ihr Gebet verrichten, der Tod näherte sich, des Bischofs letztes Stündlein mußte bald schlagen.

Henrik Stangeberg lag angekleidet mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen in einem hölzernen Lehnstuhle, er wollte nicht zu Bett gehen. Die gebogene Nase schien während der Krankheit länger geworden zu sein, die Augen waren mit einem schwarzbraunen Schatten umgeben, die Lippen bläulich und verzerrt, alles war an dieser Gestalt welk, abgemagert und zerstört, nur seine breite und hohe Stirne verrieth die frühere Bestimmtheit und Kraft des Mannes.

Gegen Abend kam ein Mönch aus dem Kloster der schwarzen Brüder herüber und bat mit dem Bischof reden zu dürfen. Henrik war allein und ließ ihn kommen.

Der Mönch trat schweigend und ängstlich ins Zimmer, seine nackten Füße bewegten sich still und lautlos über den steinernen Fußboden. Er beugte sich über den Kranken hinweg und flüsterte:

»Der hochehrwürdige Vater hat nun alles versucht, was wir zu ersinnen wußten, Arzt und Heilige wurden zu Hilfe gerufen, alles mit gleichem Erfolge; jetzt bleibt nur noch ein Mittel übrig. – Ich habe vergangene Nacht einen merkwürdigen Traum gehabt. Unten in dem Gäßchen an dem Horstorger Thor wohnt eine Frau, Malene Kruk ist ihr Name; es kam mir vor, sie stände vor Ihrem Bette und murmelte Gebete und gäbe Ihnen etwas Pillenartiges ein, was Sie wieder gesund machte. Wollen Sie dieselbe nicht jetzt, wo alle andere menschliche Kunst vergeblich ist, holen lassen und einen Versuch mit ihr machen?«

Henrik Stangeberg blickte empor und schüttelte den Kopf.

»Was sprichst du da?" sagte er leise, »die Malene soll ein schlimmes Weib sein, das sich mit Zauberei und ungöttlichem Wesen befaßt; jetzt bin ich im Stande der Gnade, es würde mir übel anstehen, wollte ich ihre Künste versuchen. – Geh! Du meinst es gut mit mir, ich weiß es, laß mich allein.«

Der Mönch verneigte und bekreuzigte sich, küßte die Decke, welche über den Füßen des Bischofs lag, und verließ das Zimmer.

Wieder verstrich eine Zeit, in der alles still war. Von draußen vernahm man den gedämpften Klang der Glocken, und ein schwacher Schimmer der untergehenden Sonne fiel in das Zimmer. Der Bischof klopfte auf den Tisch, ein alter Mann erschien.

»Ist jemand draußen? – Sie sind wirklich sämmtlich fortgegangen? – Dann führe sie herein, die in der Kammer wartet, und passe gut auf, daß niemand kommt, während sie hier ist. Wenn sie geht, mußt du sie durch die kleine Hinterthür hinauslassen und darauf Acht geben, daß es niemand sieht.«

Der Mann verneigte sich und kam mit einer Frau zurück, auf einen dicken Haselstock gestützt und in einen kurzen braunen Mantel gehüllt, der den obersten Theil ihres lumpenähnlichen Kleides verdeckte. Um ihren Kopf hatte sie ein Tuch gebunden, welches jedoch nicht hinderte, daß ihr einige Büschel ihres ergrauenden und struppigen Haares über die Stirn herabfielen. Ihr Gesicht war rauh und von tiefen Runzeln durchfurcht. Als sie zum Bischof hereintrat und ihn steif und unverwandt anstarrte, ruhte ein Ausdruck von Bosheit und Schadenfreude um ihren eingefallenen Mund.

»Ich erinnere mich Ihrer nicht, Mutter Malene, Sie kam so selten zur Kirche,« sagte Henrik Stangeberg, »aber ich habe von Ihr gehört und Sie rufen lassen, weil die Leute sagen, Sie sei ein kluges und erfahrenes Weib. Kann Sie mir wieder zu meiner Gesundheit verhelfen, so soll Ihr Lohn groß sein und Sie von nun an gute Tage haben.«

Malenens spöttisches Lächeln nahm in dem Grade zu, daß ihre braunen, abgebrochenen Zähne zum Vorschein kamen; sie fuhr fort Henrik Stangeberg anzustarren, antwortete aber nicht.

»Nun, rede Sie doch!« sagte der Bischof ungeduldig. »Weshalb antwortet Sie nicht?«

»Ich stehe da und wundere mich darüber, daß es mit Ihnen so weit gekommen ist, daß Sie bei mir Hilfe suchen müssen, Sie, der Sie doch den klugen Doctor aus fremdem Lande haben, Sie, der Sie Gott und alle Heilige zum Beistand rufen können. – Will Ihnen niemand von denselben helfen? – Nein, die wollen nicht, gnädiger Herr! – – Ich auch nicht. – Wenn ich wirklich über Ihnen Beschwörungsworte sprechen und zaubern könnte, würde meine Zunge doch lieber verfaulen, als daß sie ein Wort hervorbrächte; wenn ich ein Heilmittel, eine Arznei wüßte, würde meine Hand doch lieber verdorren, als daß sie es Ihnen reichte. Während man heute dort unten Messe und Gebete las, stand ich hinter der Ecke und kratzte mit einer Krähenklaue an der Mauer und bat den Teufel, Ihr Herz zu peinigen und zu zerreißen, wie der Krähenfuß den Stein zerriß, um all des Unglückes willen, das Sie über die Meinigen gebracht haben. – Sie wissen nichts von mir zu sagen, – Sie erinnern sich nicht meiner bebenden Stimme, obgleich Sie sie doch schon früher gehört haben. Es war meine Mutter, Sibsel Kryk, die saß am Tage vor Mariä Geburt auf dem Markte und verkaufte Honig. Es wurde bewiesen, daß ihr Honig verfälscht war. Das ist leicht möglich, aber sie verkaufte ihn, wie sie ihn gekauft hatte, das beschwor sie vor Gericht, und Sie sagten, sie schwöre einen Meineid; da war es aus mit ihr. – Sie bat um Gnade, sie schleppte sich über die Steine fort, um Ihre Knie zu umfassen, aber Sie stießen sie mit dem Fuße fort und schüttelten den Kopf. Sie wurde nach Riber Recht berurtheilt, ich weiß es wohl, aber Sie waren doch der Mann, der sie retten konnte, wenn Sie gewollt hätten, es hätte Ihnen nur ein Wort gekostet, als sie sie lebendig unter dem Galgen mit einem Kübel über dem Kopfe vergruben. – Unser bischen Hab und Gut fiel an die Kirche, ihr Mund steht weit offen und kann alles verschlucken; wir irrten umher und bettelten und sangen zum Christfeste vor guter Leute Thür und schliefen öfter auf kahlem Felde als unter einem Christendach. An dem Tage, an welchem sie meine arme Mutter zum Richtplatze schleppten, fuhr der Teufel in mich, mein Gemüth wurde hart und schlecht, und so oft ich seitdem an Sie dachte, wünschte ich Ihnen alle Teufel in den Leib, und so oft ich Sie auf sammetnem Sattel und in rothem Hute vorüberreiten sah, stand ich da und dachte daran, ob denn nie ein Augenblick kommen würde, wo ich Ihnen einen Stein in den Weg legen könnte.

– Da lassen Sie mich jetzt selber holen, – ich könnte Ihnen durch Beschwörung Gesundheit und Kraft wiedergeben, ich geringes Weib kenne die kräftigen Worte, die das Blut stillen und das Schwert stumpf machen und das Feuer löschen, nicht umsonst habe ich mich dem Teufel verschrieben, aber ich thue es nicht. – Sie haben dem Diener den Riegel vor die Thür schieben lassen es kann niemand herein kommen, Sie verboten es ja, ich bin allein bei Ihnen, ich werde Sie binnen kurzem sterben sehen, ich werde Ihnen den Namen des Teufels ins Ohr flüstern, sobald es mit Ihnen zu Ende geht. – Kratz, Krähenklaue, kratz! Als ich zum letzten Male zur Communion ging, behielt ich die Hostie auf der Zunge und spie sie, als ich am Rade auf der Richtstätte vorbeikam, über meine linke Schulter aus, dann gehört man ihm mit dem Pferdefuße. – Weshalb zittern Sie und reißen die Augen so auf, hochehrwürdiger Herr? – Sie möchten gern auf den Tisch klopfen und sie herbeirufen; ach nein, ach nein, wir beide wollen hier hübsch allein bleiben. Kratz, Krähenklaue, kratz, peinige ihn, vergilt ihm jede Thräne, die wir vergossen haben. Umkreise ihn, zwicke ihn, Lucifer, Riese mit der gespaltenen Zunge! – – Sie raste im Zimmer umher, breitete mit seltsamen wilden Geberden die Hände über den Sterbenden aus, redete sich in immer größere Wuth hinein, stöhnte und schnaubte, brach in Gelächter aus und zog den Tisch zurück, so oft Henrik Miene machte, Hilfe herbeizurufen. Ungefähr eine Stunde später klopfte sie an die Thür; die Dämmerung war bereits hereingebrochen und das Krankenzimmer fast finster.

»Ich glaube fast, der gnädige Herr ist in einen leichten Schlummer gefallen,« flüsterte sie demüthig und bescheiden dem alten Diener zu. »Lassen Sie mich nach Hause gehen und einen Kräutertrank holen, bis er wieder erwacht.«

Malene Kryl wurde hinausgelassen, kehrte aber nicht zurück, und Bischof Henrik bedurfte auch keines Kräutertrankes mehr, er war todt. Der Diener fand ihn in dem Stuhle ausgestreckt, mit einem Zuge im Gesicht, als wäre es unter dem Eindrucke eines grauenvollen Vorfalles verzerrt und erstarrt.

Acht Tage später läuteten abermals die Kirchenglocken und aufs Neue zog eine große Procession durch die Straßen, als Henrik Stangebergs Leiche aus dem bischöflichen Schlosse nach der Kapelle Bethlehem gebracht und mit all der feierlichen Pracht, die einem mächtigen Edelmanne und dem ersten Diener der Kirche zukam, beigesetzt wurde.

Damit war er vergessen, und die Domherren versammelten sich gleich nach der Beerdigung im Kapitel, um einen neuen Bischof zu wählen. Jeden Tag kamen sie zusammen, sprachen und verhandelten, ohne einig werden zu können; es war nicht blos die Tüchtigkeit, die sie in Betracht zogen; es waren Familien- und Freundschaftsverhältnisse, es waren vor allem persönliche Interessen, die bei dieser Wahl wahrgenommen werden sollten. Viele und fruchtlose Verhandlungen führten endlich dazu, daß sich die Domherren in drei Parteien theilten, deren jede hauptsächlich dafür kämpfte, die Wahl ihres Candidaten durchzusetzen. An der Spitze der einen stand Hartwig Juel, ein Sohn des Knappen Niels Juel, des Stifthauptmannes in Viborg; er hatte Verwandte bei Hofe und erfreute sich daselbst großen Einflusses. Die zweite Partei stimmte für den Dekan, den ehrlichen Thomas Lange, der ebenfalls einer bekannten adeligen Familie angehörte. Die dritte schloß sich dagegen um den Vorsänger Jep Mundelstrup, einen alten, milden und friedliebenden Mann, der nicht streng darauf hielt, seine eigene Meinung durchzusetzen und bei dem man deshalb um so mehr auf Nachgibigkeit rechnen konnte. Es wurde für und wider geredet, heimlich und öffentlich gewirkt, keine der Parteien war im Stande, sich das erforderliche Übergewicht zu verschaffen.

Eines Tages erhob sich nach einem langen und fruchtlosen Streit im Kapitel Jep Mundelstrup und bat um Gehör. Es war das erste Mal, daß er das Wort verlangte; er saß sonst gern und blickte vor sich nieder und hörte den andern zu, während er die Daumen um einander drehte.

»Jetzt will ich Ihnen die Meinung meines Herzens sagen«, sprach der alte Mann und schaute lächelnd um sich, »wenn Sie mich anhören und meinem Rathe folgen wollen, so weiß ich etwas, das unserm Streit ein Ende machen kann. Es sind hier einige gute Freunde und gelehrte Männer, die, Gott weiß weshalb, ihre Wahl haben auf mich fallen lassen, ich selbst habe nie eine so große Ehre begehrt. Ich bezweifle auch, daß ich einer so hohen Stellung gewachsen bin, deshalb thue ich am besten daran, auf dieselbe zu verzichten: ich will nicht Bischof sein, Sie brauchen sich also um einen weniger zu zanken. Senden Sie ferner Boten nach Roager an der Landstraße nach Tønder; dort wohnt ein ehrlicher und unparteiischer Mann, der Pfarrer Peter Nielsen. Er hat, so viel ich weiß, keine Verwandte, keine Freunde oder Bekannte unter uns; überlassen Sie ihm deshalb die Wahl, und möge der, welchen er bezeichnet, unser Bischof sein.«

Als Jep Mundelstrup dies gesagt hatte, setzte er sich wieder hin und trocknete sich die Stirn mit dem Ärmel seiner Kutte; er hatte lange nicht eine so große Rede gehalten.

Sein Vorschlag erregte großes Aufsehen; es war etwas Neues und Unerwartetes in demselben, etwas, das Plänen und Intriguen Spielraum gab, kurz gesagt etwas, das die ganze Sachlage änderte. – Wer ist Herr Peter? – Von wo stammt er? – Wissen Sie etwas von seiner Familie, seiner Vergangenheit? – – Einer wußte, daß er in dürftigen und ärmlichen Verhältnissen lebte, ein anderer, daß er einen adligen Schild führte, der einen männlichen Kopf mit einem Helme zeigte, ein dritter konnte sich entsinnen, daß er der Universität zu Leipzig angehört hatte. Das war alles.

Ehe die Versammlung endete, wurden die Anwesenden darüber einig, den armen Pfarrer aus der Roager Haide zu holen und den, welchen er wählen würde, zum Bischof zu erheben. Noch an demselben Mittag setzte sich einer der Domherren zu Pferde und ritt zu Herrn Peter.

Damals war Roager noch ein geringes Dorf, einige Häuschen, aus Lehm und Haidetorf zusammengeklebt und in einem Kreise um eine kleine unansehnliche Kirche ohne Thurm und Glocke gesammelt. Das Haus des Pfarrers lag am Ende eines Steindammes, der um den Kirchhof herum ging. Als Herr Peter sein Amt erhielt, baute er einen neuen Flügel an sein Haus und hatte jetzt schon viele Jahre in einer ruhigen und friedlichen Einsamkeit gelebt, ohne sich darum zu kümmern, was in der Welt um ihn her vorging.

In seinem Hause befand sich eine ältere Frau, fett und rotbackig, mit dunklen Augen, schwarzem Haar, dicken vorstehenden Lippen und einem Ausdrucke, der List und Schlauheit bezeichnete. Herr Peter selbst nannte sie seine Haushälterin; allerdings gab es andere, die ihr einen noch vertraulicheren Namen beilegten, aber die Leute redeten nicht gern davon, sondern begnügten sich damit, zu wissen, daß, wer etwas bei dem Pater ausgerichtet haben wollte, sich nur an Maren Spield zu wenden brauchte. Sie war die Frau dazu, alles durchzusetzen, das heißt natürlich gegen eine Anerkennung in der Gestalt eines Käses, eines Topfes Butter oder eines jungen Lämmchens, das hing von eines jeden Belieben ab.

Noch eine dritte Person war in Herrn Peters Hause, ein halberwachsenes Mädchen mit hervorstehendem Bauche, kugelrundem Gesicht, kleinen, funkelnden Augen und einer stets feuchten Nase. Es brachte den größten Theil seiner Zeit in Müßiggang zu, schlug sich mit den Bauerkindern, stahl Obst aus den Gärten, warf mit Steinen nach Enten und Gänsen und jagte die Schafe in den Teich. Es nannte die Haushälterin Mutter und nahm in dem Hause des Pfarrers eine noch zweideutigere Stellung ein als Maren Spield.

Als Domherr Sören gegen Abend in Herrn Peters Hof hinein ritt, fand er alle Thüren offen. Maren stand mit aufgestreiften Ärmeln und blutrothem Gesichte da, beschäftigt Handkäse zu kneten. Der Domherr band sein Pferd an und trat in die Stube hinein wo die kleine Sidsel auf dem Fußboden lag und einen jungen Hund quälte, den sie am Schwanze rings herum zog, ohne sich um sein Jammergeheul zu kümmern.

»Mutter, Mutter!« schrie sie beim Anblick des fremden Mannes.

Maren kam herein, wischte sich die Hände an ihrem Rocke ab und glättete sich das Haar, während sie sich vor dem geistlichen Herrn verneigte.

»Ich komme in amtlichen Geschäften zu Herrn Peter; ist er zu Hause?«

»Pater Peter!« verbesserte Sidsel, die in der anmuthigen Stellung, welche ihr gestattete, die nackten Beine in die Höhe zu schlagen, auf dem Fußboden liegen geblieben war. »Pater Peter!«

»Der Pater sitzt in seinem Zimmer und liest sein Brevier,« erwiderte Maren, »er läßt sich während des Gebetes nicht gern stören. Wen soll ich anmelden?«

»Ich bin in einer sehr wichtigen Angelegenheit von den Domherren in Ribe an Herrn Peter gesandt.«

»Pater Peter!« wiederholte Sidsel auf das Eifrigste und focht mit den Beinen in der Luft. Darauf schrie sie laut weiter: »Peter Pater! Pater Peter! Vater Pater! Pater Vater!«

Der Domherr Sören lächelte wohlwollend der kleinen Unschuld zu. Das machte jedenfalls einen angenehmen Eindruck auf sie und erweckte ihr Vertrauen, denn sie stand auf und ging zu ihm hin. »Der Pater ist nicht in seinem Zimmer, wie Mutter sagt,« bemerkte sie und steckte zwei Finger tief in den Mund hinein, als gälte es einen Versuch, die Zunge fest zu halten. »Er ist draußen im Schweinekoben und stellt Rattenfallen auf. Komm und sieh!« Nach dieser Erklärung führte sie den Domherrn nach einem der Gucklöcher. Von hier sah er Peter Nielsen sich in Hemdärmeln, Kniehosen, herabgefallenen Tuchstrümpfen und großen Holzschuhen in einem abgesperrten Schweinekoben bewegen, dessen Bewohner inzwischen ihre Freiheit erhalten hatten und im Hofe umher galoppirten. Sören lachte. Maren Spield warf dem Kinde ein paar mörderische Blicke zu, die diese dadurch, daß sie ihrer Mutter eine lange Nase machte, ebenso ausdrucksvoll beantwortete. Die Mutter haschte nach ihr, aber die kleine Sidsel versteckte sich hinter den Domherrn, drehte sich im Kreise um ihn herum und fuhr fort mit gellender Stimme zu schreien:

»Pater Peter! Peter Pater! Pater Vater! Vater Pater!«

Als Maren sie endlich ergriffen hatte, zog sie sie mit sich zur Thüre hinaus. Bald darauf klatschte es einige Male heftig und ein zorniges und winselndes Geheul ließ sich vernehmen, welches mit einem anhaltenden Schluchzen endete.

Domherr Sören hatte eine Weile gewartet, als sich Sidsel abermals zeigte; diesmal kam sie draußen die Wand entlang geschlichen und schaute zum Guckloch hinein. Der so eben vergossene Thränenstrom hatte zwei reine Streifen die Backen hinab gebildet; sie lächelte und bohrte ihren einen Daumen in einen großen Apfel hinein. Erst saugte sie den Saft ein wenig heraus und dann reichte sie den Apfel auf der Spitze des Daumens Sören hin.

»Mutter ist dabei, dem Pater das Gesicht rein zu waschen,« erklärte sie inzwischen; »dort stehen sie am Wassertrog. Komm nur und sieh, wie er das Gesicht verzieht, weil sie ihn so hart anfaßt. – Morgen wollen wir Gänse schlachten, dann mache ich mir Schnarren aus den Gurgeln; aber sieh nur, ich habe bleierne Ringe in den Ohren.«

Etwas später trat der Pfarrer mit gesenktem Kopfe, die Hände kreuzweise über die Brust gelegt und unter wiederholentlichen tiefen Verbeugungen in das Zimmer. Während ihm Sören seinen Auftrag mittheilte, wurde Herrn Peters gekrümmte Gestalt gleichsam ein wenig gerader, das Demüthige in seiner Miene verschwand, er nahm eine würdigere Haltung an und legte den Finger gegen die Nase, als ob er sich die Sache noch einmal sagte und überlegte, was dabei zu thun wäre.

»Es ist den Domherren bisher nicht möglich gewesen, in der Wahl einig zu werden,« fügte Sören mit vertraulicherer und gedämpfterer Stimme hinzu. »Es stehen einander zwei Parteien scharf gegenüber, die eine hält zu Hartwig Juel, einem milden und mächtigen Herrn, der am königlichen Hofe in großem Ansehen steht.«

Herr Peter blieb noch immer einige Zeit mit dem Finger an der Nase stehen. Als er seine Stellung änderte, geschah es, um die Hand in die Hosentasche zu stecken und sie, mit Kümmel gefüllt, zurückzuziehen. Er nahm ihn in den Mund und begann zu kauen. Die ganze Stube roch sofort nach diesem scharfen Gewürz. Sörens Gesicht drückte tiefes Erstaunen aus, aber der Pfarrer lächelte und sagte:

»Ich liebe den Kümmel, er thut dem Magen gut und stärkt das Gedächtnis. Das war nun Hartwig Juel,« fuhr er fort, »für wen stimmen denn aber die andern?«

»Die halten es mit dem Erzdiakon, Herrn Thomas Lange, einem Manne ohne sonderliches Verdienst, aber mit einem starken Gelüst, in die Höhe zu kommen und in das Adlernest zu kriechen. Ich besorge nur, er wird sich darin nicht fest halten können.«

»Sie stimmen gewiß für Hartwig Juel,« bemerkte Herr Peter als das Resultat einer tiefsinnigen Überlegung.

»Das thue ich sicherlich. Wie konnten Sie das nur errathen, ehrwürdiger Herr? Juel ist ein Mann, der die Gesinnung dazu hat, für seine Freunde etwas zu thun, wenn er zur Macht kommt, das kann ich Ihnen versprechen.«

»Ei ja, an Versprechungen lassen es die Herren nicht fehlen,« versetzte Peter und warf eine neue Handvoll Kümmel in den Mund. »Was haben sie nicht schon alles versprochen, während ich hier draußen sitze. Einer der Domherren hat mir zugeschworen, ich sollte eine Glocke bekommen, ein anderer wollte unserer Kirche einen kleinen Ablaß verschaffen. Was ist daraus geworden? Hier lassen sie mich Jahr aus und Jahr ein in einem geringen Amte, das mir kaum das Getreide abwirft, das ich jetzt zur Wintersaat gebrauche, seufzen und darben.«

»Dagegen gibt es Mittel; ich will noch heute Abend mit Hartwig Juel darüber Rücksprache nehmen.«

»Ei, aus dem Grunde sage ich es nicht, ich bin nicht der Mann, der nach Gunst und Gaben geht, das müssen Sie nicht denken.«

»Kein Saatkorn!« wiederholte Domherr Sören, »wie ist es doch möglich, daß man auf einen so würdigen Diener des Herrn, wie Sie sind, so wenig Rücksicht hat nehmen können.«

»Wenn das noch das Schlimmste wäre, aber da ist auch nicht ein Viertelpfund Fleisch in unserm Pökelfaß, nicht eine einzige Speckseite in unserm Schornstein. Wo soll das herkommen? Der Bauer hier umher ist arm, er sitzt auf magerem Boden und hat wenig Mittel zu Opfern und Messen.«

»Hartwig Juel wird innig gerührt werden, wenn er diese Schilderung hört, er hat einen offenen Beutel und braucht den großen Wohlstand, den der Himmel ihm geschenkt hat, nur dazu, den Darbenden wohl zu thun. Sollte er so glücklich sein gewählt zu werden, so wage ich mit Gewißheit zu versprechen, daß sein erster Gedanke darauf gerichtet sein wird, Leute wie Sie in eine bessere Lage zu versetzen.«

»Das ist wohl möglich, aber wenn ich Lust zu helfen hätte und mächtig und reich wäre, würde ich nicht warten, Gutes zu thun, bis ich Bischof würde. – Wollen Sie nicht einmal eine Handvoll Kümmel kosten?« fügte er hinzu und nahm sich eine neue Portion. »Versuchen Sie nur, es wird Sie merkwürdig beleben.«

Sören schüttelte den Kopf, indem er fortfuhr: »Sie haben mir eine große Freude gemacht, ehrwürdiger Vater, so offenherzig zu sprechen. Ich darf es doch Hartwig mittheilen, wie es hier steht? Vor morgen Abend wird Ihrer Noth abgeholfen sein. Es ist gerade sein liebster Wunsch, für die armen Klöster und Kirchen hier draußen auf dem Lande zu sorgen.«

»Von einer guten Tonne Bier will ich gar nicht erst reden,« bemerkte Herr Peter, der seinem eigenen Gedankengang folgte und gar nicht zu hören schien, was Sören sagte, »die ist seit Palmsonntag vor einem Jahre nicht in meinem Hause gewesen. – Ach nein, arme Leute wie ich müssen sich mit klarem Wasser oder saurem Most begnügen. Ich habe fast vergessen, wie das köstliche alte Riber Bier schmeckt,‹ versicherte er und schmatzte mit der Zunge.

»Das sollen Sie morgen Abend nicht sagen können,« erwiderte Sören in einem immer eifrigeren Tone. »Aber das Pferd scharrt, es wird dunkel, ich muß eilen, die anderthalb Meilen bis nach Ribe wieder zurückzulegen. Verlassen Sie sich darauf, daß ich mir Ihre Worte gemerkt habe, ehrwürdiger Vater, ich werde danach handeln. Qui pacem habet, se primum pacat! Sie verstehen mich wohl?«

»Ja gewiß, ich verstehe Sie meiner Treu, obgleich ich in den letzten Jahren einen Theil meines Lateins verlernt habe.«

Sören beugte sich näher zu dem Pfarrer herüber, lächelte und flüsterte: »Wer das Kreuz hat, segnet sich zuerst.« Damit grüßte er und verließ die Stube.

Auf der Treppe stand Sidsel mit ihrem Apfel, den sie abermals auf der Spitze des einen Daumens darreichte. Sören wies ihr Geschenk zurück, stieg zu Pferde und ritt aus dem Pfarrhofe. Herr Peter schaute ihm nach und lächelte Maren Spield, die das ganze Gespräch draußen vor der Thür mit angehört hatte, mit großer Befriedigung an.

»Es sollte mich wundern, wenn er uns nicht morgen das Haus voll Lebensmittel schickt,« sagte der Pfarrer. »Das ging gut, was?«

»Es ging an, ja, aber Sie hätten gewiß noch mehr aus ihm herauspressen können, ein wenig Fries oder Leinwand für mich und das Mädel, – etwas baares Geld nicht zu vergessen. Man muß das Eisen schmieden, so lange es warm ist. Ei nun, wir werden ja sehen! – Was meinte er denn eigentlich mit seinem Latein? Was will pacem sagen?«

»Ach, das ist gar weitläuftig, Ihr zu erklären.«

»Ich frage nicht, ob es weitläuftig ist, sondern was es sagen will,« versetzte Maren heftig.

»Es ist ein Sprichwort, welches wir Gelehrte im Munde führen, und stammt von dem Friedenskusse her, welchen die ersten Christen einander gaben, wenn sie zusammen kamen. Später wurde damit Mißbrauch getrieben, und der heilige Vater führte nun bei allen gottesdienstlichen Versammlungen Osculatorien ein. Kann Sie mir folgen? Das Osculatorium ist eine kleine Metallplatte, auch pacem genannt, welche, wie Sie gesehen hat, der Priester während des Gottesdienstes hinhält, um sie von der Gemeinde küssen zu lassen. Sie stellt Christus crucifixus, die Madonna oder einen der lieben Heiligen vor. Einige Kirchen begnügen sich damit, den verzierten Einband des Meßbuches zum Kusse zu reichen, aber der Priester küßt stets zuerst selbst, als derjenige, der vor allem wünscht, des Friedens theilhaftig zu werden. Kann Sie folgen? – Davon kommt das Sprüchwort her: Wer den Pacem, den Friedenspender hat, möge sich selbst zuerst den Frieden geben.«

Maren saß da und gähnte während seiner weitläuftigen Erklärung; es gingen ihr inzwischen ganz andere Gedanken durch den Kopf.

»Nun wird wohl auch der andere Domherr, Thomas Lange, zu uns schicken,« sagte sie, »zeigen Sie mir, daß Sie sich dabei vernünftig benehmen können. Es ist, diese Sache anlangend, noch viel zu besprechen, aber wir thun am besten, damit bis heute Abend zu warten, das Mädchen steht an der Thür und horcht.«

Früh am nächsten Morgen kam ein wohlbeladener Wagen auf den Hof gefahren. Er brachte frisches Fleisch, eine geräucherte Speckseite, einen großen Anker Riber Bier und zwei Maltersäcke voller Saatkorn. Herr Peter schlug entzückt die Hände zusammen, Maren Spield lächelte, Sidsel kreischte.

Im Laufe des Vormittags hielt ein Reiter vor der Thür und fragte, ob Herr Peter zu Hause wäre. Der Pfarrer kam in seinem besten Staate, als hätte er den Fremden erwartet, sofort hinaus.

»Da sehen Sie, was ich sagte,« flüsterte Maren. »Pressen Sie ihn nun tüchtig aus; ich stehe hinter der Thürspalte und horche.«

Herr Peter führte den Fremden in das Zimmer hinein und bat ihn auf der Bank Platz zu nehmen. Es war einer der Domherren aus Ribe. Er ritt gerade in einem Geschäfte des Bisthums durch das Dorf Roager und da konnte er denn dem Verlangen nicht widerstehen, seinen lieben, alten Freund, Herrn Peter Nielsen, zu begrüßen.

»Ja, Sie kennen mich doch, ich bin Oluf Krummedige von Almind; wir haben zusammen studirt, wir beide, in unserer Jugend, da drüben in Leipzig. Ich sehne mich so sehr, wieder einmal von den alten Zeiten zu plaudern.«

»Sie haben übrigens viele Jahre zur Befriedigung Ihrer Sehnsucht gebraucht,« erwiderte Herr Peter trocken. »Sicherlich führt Sie auch wohl noch ein anderes Geschäft zu mir,« bemerkte er forschend.

»Ich will es nicht läugnen,« erwiderte der Domherr und schaute sich um. »Wir reden ja hier unter vier Augen. Es kann doch wohl niemand hören, was ich sage?«

»Reden Sie nur,« versetzte Peter mit einem Blick nach der kleinen Spalte, an der Maren auf der Lauer stand. »Es ist wahrhaftig niemand da, der uns hört.«

»Dann will ich mich kurz fassen, mein liebster Freund und Bruder in Christus. Sie haben in Folge der großen Ehre, die Ihnen die Domherren in Ribe erwiesen haben und allerdings auch keinem Würdigeren hätten erweisen können, in diesen Tagen gewiß fleißig und viel zu denken gehabt. – Sie sollen uns ja einen Bischof wählen, da wir unter einander nicht einig werden können.«

»Ja, das soll ich; gestern war Herr Sören Vind hier und hat mich davon in Kenntnis gesetzt.«

»Dann werde ich mich wohl schwerlich irren, wenn er nicht versuchte, ein gutes Wort für Hartwig Juel einzulegen.«

»Hartwig Juel! Ich kenne ihn nicht, aber nach dem Urtheil der Leute soll er ein sehr trefflicher und mildthätiger Herr sein. Sie dürfen mir übrigens nichts zu seinem Lobe sagen, ich bitte Sie darum, das könnte leicht auf meine Wahl einwirken. Ich will mein Gewissen fleckenlos bewahren und am liebsten als der ehrliche und unparteiische Mann zu Werke gehen, für den man mich hält.«

»Sie mißverstehen mich, lieber Herr Peter, ich beabsichtige durchaus nicht von Hartwig Juel zu reden; er kann ja immerhin brav und gutherzig sein, ei ja, vielleicht! – Gott bewahre meinen Mund! Aber – –« Der Domherr zuckte die Achseln und zeigte mit dem Finger nach der Stirn – »den Riber Bischofsstuhl zu besteigen, dazu halte ich ihn nicht für den rechten Mann.«

»Wer ist es dann, von dem Sie reden wollen?« fragte Herr Peter.

In seinen Fragen lag etwas so Bestimmtes und Rückhaltloses und in allen seinen Antworten etwas so Ausweichendes, daß Oluf Krummedige gezwungen wurde, offen zur Sache zu kommen.

»Soll ich die Wahrheit sagen, so würde es mir nie in den Sinn kommen, Hartwig Juel zu wählen, dagegen ist es meine Meinung, daß – –«

»Ach nein, lieber Bruder, nicht Ihre Meinung verlange ich zu wissen, sondern den Zweck Ihres Besuches, Ihr Geschäft oder Ihren Auftrag. Sie müssen sich am liebsten etwas kurz fassen, denn es erwartet mich jemand drüben im Beichtstuhl.«

»Nun denn, ich habe einen Bekannten, dessen Sache ich gern vor Ihnen führen möchte, es ist der brave Thomas Lange, ein Mann mit einem ehrlichen Namen und wegen seiner Gelehrsamkeit, Gottesfurcht und seiner strengen Sitten weit bekannt.«

Herr Peter schüttelte mißbilligend den Kopf und nahm eine bedenkliche Miene an. »Wir sprechen ja hier im Vertrauen, wir beiden,« sagte er und legte die Hand auf Olufs Knie. »Was ich sage, bleibt unter uns. – Mir gefällt der Thomas nicht recht; er ist gewiß ein kreuzbraver Mann, gelehrt, – nun, lassen wir das gehen, in den Ruf kann man billig kommen, aber er hat einen großen Mund, Versprechungen zu machen, und eine kleine Hand, sie zu erfüllen. Nun wissen Sie es. – Im Frühjahr kam er zur Kirchenvisitation heraus und ich führte ihn überall umher. – Der Sturm hatte die eine Seite unseres Daches hinweggeweht, der Regen tröpfelte in meine Studierstube hinein, ich erklärte ihm meine bedrängte Lage: eine Seuche hatte unsere Schafe fortgerafft, die Kühe standen trocken, das thun sie noch jetzt, wie ich glaube, so daß ich nicht einmal im Stande bin, Ihnen eine Schüssel dicke Milch anzubieten. – Er hörte es, er schrieb es auf und versicherte mit Hand und Mund, von nun an sollte es besser werden, er wollte mir eine eiserne Pfanne verschaffen, um mich im Winter daran zu wärmen, er versprach mir einen Opfertag an einem Hauptfeste, einen Dachdecker für das Dach, einen Zimmermann für den Boden. Was ist aus Sämmtlichem geworden? – Ach, und was für ein Schnee ist im vorigen Jahre gefallen! – Nein, nein, Oluf Krummedige, mein alter Freund von Leipzig her, der spielt doch gar zu leichtfertig mit Worten und Versprechungen. Er kann ja gern einen ehrlichen Namen tragen und Gott fürchten und strenge Sitten haben und Freunde, die sein Lob singen, aber mein Mann wird er nie und er taugt wahrlich nicht dazu, auf dem Bischofstuhl zu sitzen.«

»Das muß sicherlich nur auf einer reinen Vergeßlichkeit beruhen,« versicherte Oluf, »aber so sind die frommen und gelehrten Männer einmal, sie wandeln auf Erden und lenken nur an den Himmel.«

»Vielleicht, aber wenn Herr Thomas sich nicht einmal des Wenigen erinnert, woran er als Domherr zu denken hat, wie würde es dann erst werden, wenn er die Arbeitslast eines Bischofs zu tragen hätte?«

»Ich werde ihn ausdrücklich an seine Worte erinnern, Sie können sich darauf verlassen, und jedes Versprechen, das er gegeben hat, soll erfüllt werden, ehe der Sonntag da ist.«

»Ja, nun müssen Sie nur nicht wähnen, daß ich der Mann bin, der die Gelegenheit benutzt, sich Vortheil oder weltlichen Gewinn zu verschaffen. Davon bin ich weit entfernt. Sie haben gefragt, und ich habe geantwortet, mein lieber Bruder und Commiliton von Leipzig; sehen Sie, das ist alles. – Ich werde übrigens jedenfalls nach der Kirche hinübergehen müssen, wo mein Beichtkind sitzt und wartet. Ich möchte gern die Haushälterin rufen, daß sie Ihnen etwas vorsetzen könnte, was unser geringes und armes Haus vermag, aber sie lief wahrhaftig davon, als Sie kamen, denn sie hat nicht einmal ein ordentliches Alltagskleid, um sich darin zu zeigen. Wir wollen erst gar nicht von ihrem Kinde reden, dem holden, herzigen Mädchen, welches da draußen mitten in der Wasserpfütze steht und schreit und von frühem Morgen bis zum späten Abend die Enten und Gänse hüten muß.«

Der Domherr blickte in der Richtung hinaus, in welcher Herr Peter hingezeigt hatte. Er stutzte. Es war auch eine eigenthümliche Weise, Gänse zu hüten. Die kleine Sidsel stand und stampfte in das Wasser, drehte sich im Kreise herum, hüpfte und sprang mit all der Anmuth, die ihr eigen war. Schlamm und Entengrün flogen nach allen Seiten empor, sie schrie und heulte, was bei ihr der Ausdruck einer glücklichen und ausgelassenen Stimmung war. Überdies schlug sie mit einem Holzschuh in jeder Hand den Takt zu ihrer Musik.

»Friede Gottes, mein theurer Bruder,« fügte der Pfarrer hinzu, »die heilige Jungfrau nehme Sie in ihren gnädigen Schutz!« Damit öffnete er die Thür, als ob er erwartete, der Domherr sollte gehen.

»Sie nehmen es also nicht übel, daß ich in Thomas Lange's Sache mit Ihnen zu reden wagte? Das verspreche ich Ihnen, er wird sich beeilen, seine Vergeßlichkeit wieder gut zu machen. Ich liebe ihn wie keinen anderen, und da ich nun Ihr Bekannter und alter Freund bin und gerade vorbei kam, glaubte ich ein gutes Wort für ihn einlegen zu können.« – Herr Oluf streckte beide Arme aus, umarmte den Pfarrer und flüsterte: »Für die Haushälterin und ihr armes fleißiges Kind wird wohl auch noch ein Stück Garn aufzutreiben sein. Warten Sie nur, Sie werden bald von mir hören.«

»Was für einen weltlichen Sinn Sie doch haben, Herr Bruder, daß Sie an solche Kleinigkeiten denken können,« erwiderte Peter salbungsvoll.

»Sie gehören mit dazu,« versicherte Oluf, »sie gehören mit dazu! – Was ist in dieser Welt klein und was ist groß. Wer das Kreuz hat, segnet sich selbst zuerst, wie das Sprüchwort sagt.« Er stieg zu Pferde und ritt nach Ribe zurück in der Überzeugung, seinen Auftrag wohl ausgeführt zu haben.

Jetzt gab es viel zu thun in dem kleinen Pfarrhause, indem die Bischofswahl bevor stand. Jeden Tag kamen neue Besuche, die alle wichtige Verhandlungen mit Herrn Peter hatten. Jeden Tag kamen auch neue Geschenke an, die von Maren Spield mit großer Bereitwilligkeit angenommen wurden. Die gute Frau war in ihrem neuen Alltagskleide, seidenen Bändern, falschen Schmucksachen und mit einem Gesicht, das in noch lebhafteren Rosenfarben als sonst strahlte, kaum wieder zu erkennen. Sidsel wurde auch nicht vergessen; es traf sich nur unglücklich, daß ihre hübsche Tracht so wenig mit den Neigungen des jungen Herzens in Einklang stand. Das Entengrün der Wasserpfütze, der Schlamm der Torfgrube, der Staub des Weges verwandelten die leuchtende rothe Farbe ihres Kleides bald in eine dunkelgraue.

Den Tag, nachdem sie ihre neuen Schuhe erhalten hatte, saß sie singend draußen auf der Treppe und schnitzte dabei mit einem großen Brotmesser an der Spitze des einen.

»Er ist allzu eng, er ist allzu eng und kneift an den kleinen Zehen,« versicherte sie heulend, als Maren dazu kam und freigebig die üblichen Kläppse zu ihrer Besserung austheilte.

Jedes Geschenk, das in das Pfarrhaus gebracht wurde, nahm Herr Peter mit Dank an, fügte aber jedes Mal die Erklärung hinzu, sie möchten doch ja nicht wähnen, daß er der Mann wäre, der sich durch Gunst oder Gaben bestechen ließe. Er sähe in dem Übersandten nur einen Ersatz, den ihm das Schicksal schuldig wäre, weil es ihn so lange hätte darben und entbehren lassen.

Zwischen dem Pfarrer und der Haushälterin fanden ebenfalls häufige und langdauernde Verhandlungen statt, immer hinter verschlossenen Thüren. Niemand erfuhr je, wovon sie sprachen. Vor den Gucklöchern, wo Sidsel getreulich stand und lauschte, konnte sie jedoch hören, daß es fast beständig Maren Spield war, die in einem befehlenden und belehrenden Tone sprach.

So kam denn der wichtige Tag, nachdem Herr Peter einen Monat Zeit gehabt hatte, sich auf die Wahl vorzubereiten. Er wurde mit einem großen Gefolge von Prälaten und Domherren, von denen ihn jeder besonders anlächelte und ihm seine zuvorkommende Aufmerksamkeit bewies, in Ribe eingeholt. Auf des Pfarrers Antlitz ruhte an diesem Morgen eine tiefe und feierliche Würde; er schien von seiner bedeutungsvollen Aufgabe mächtig ergriffen zu sein. Wenn er sich in dem huldigenden und verneigenden Kreise umschaute, konnte bei ihm freilich auf einen Augenblick ein satirisches Lächeln zum Vorschein kommen; es zog und zuckte um seine Mundwinkel, aber das Lächeln verschwand gleich wieder, und der tiefe Ernst kehrte zurück.

Auf Ribe's Straßen stand das Volk und wartete und stellte sich die Häuser entlang in Reihen auf, während der Zug vorüber ritt; alle betrachteten den kleinen dicken Mann, der an der Spitze des Zuges ritt mit krummen Knien, gewölbtem Rücken und in einem schwarzen Priestergewand, das vor Alter schon ein wenig bräunlich schimmerte, und mit großen röthlichen Schuhen von einer Form wie der zunehmende Halbmond. Jeder war mit der Ursache seines Kommens bekannt, jeder wußte, über wie viele Interessen er heute zu entscheiden hatte.

Vor dem Portale der Domkirche machte der Zug Halt; die Treppe war bis zur obersten Stufe mit Blumen und Zweigen des Wachholderstrauches bestreut. Herr Peter wurde von einer neuen Schaar Domherren empfangen, die ihn auf das Chor führten, wo ihm der beste und vornehmste Platz eingeräumt wurde. Erst wurde Messe gelesen, während der Herr Peter mit niedergeschlagenen Augen und gefalteten Händen da saß. Seine Person hatte sicherlich nie zuvor diesen erhabenen Ausdruck von Majestät und Würde gezeigt. Als die Messe zu Ende war, erhob er sich von seinem Sitze, machte das Kreuzeszeichen und küßte das Brevier, mit dem in der Hand er dagesessen hatte. Darauf schritt er weiter und machte mitten zwischen den beiden Stuhlreihen, auf denen die Domherren saßen, Halt.

»Ich bin hierher berufen worden,« sagte er langsam und deutlich, »unter alle diese wackeren Männer und würdigen Väter, um dem Stifte einen Bischof zu wählen; allein das Wichtigste haben Sie vergessen, mir die Namen derjenigen anzugeben, zwischen denen ich wählen soll. Ich frage jetzt und verlange Antwort von allen, die hier anwesend sind, ob Sie unweigerlich gesonnen sind, denjenigen anzuerkennen, den ich bezeichne und dem ich meine Stimme gebe.«

Während er sprach, glitt sein Blick wie prüfend über beide Reihen fort. Hartwig Juel glaubte ganz fest, daß er ihn bezeichnen würde, aber Thomas Lange nährte freilich dieselbe Überzeugung hinsichtlich seiner Person.

Eine allgemeine Bekräftigung antwortete auf die vorgelegte Frage.

Da erhob Herr Peter seine Stimme und seine kleine Person und rief: »Bei dem heiligen Kreuze und unserer lieben Frau erwähle ich demnach Herrn Peter von Roager zum Bischof in Ribe, denn ich habe in diesen Tagen beständig gelernt und oft wiederholen hören, daß wer das Kreuz hat, sich selbst zuerst segnet.«

Die tiefste Überraschung folgte seinen Worten. Die Domherren blickten einander an, ob sie auch recht gehört hätten, der eine schien immer den Einspruch des andern zu erwarten, sie betrachteten Herrn Peter, der ruhig, zuversichtlich und mit einer Miene in dem runden Antlitz stehen blieb, welche zu erkennen gab, daß er aus voller Überzeugung gesprochen hatte. Seine Mundwinkel vibrirten wieder in diesen kleinen Zuckungen, welche man als eine Anstrengung betrachten konnte, ein spöttisches Lächeln zu verbergen. Endlich brach der Sturm los, es wurde gemurmelt, gesprochen, gerufen, eingewendet und widersprochen. Herr Peter stand, die Hände über das Gebetbuch gefaltet, schweigend, regungslos und fest wie ein Felsen da, der dem Wogengang des Meeres rings um sich her trotzt.

Als die Kirchenglocken zu Mittag läuteten und die Domherren sich trennten, war er zum Bischof in Ribe gewählt.

5. Laust Sillesens Kriegszug

Wie sie einander lieb hatten, die beiden, ehrerbietig und ehrbar und beständig von Ferne, denn das ist das Zeichen der wahren Liebe, daß die Entfernung sie nicht schwächt. Er stand in der Brauerei, sie in der Küche, so oft er an einer der offenen Luken vorüberging, schaute er zu ihr hinüber, dasselbe that sie von ihrem Fenster aus, und näher kamen sie einander selten. Am letzten April hatte Jes allerdings als eine nähere Erklärung eine gelbe Narcisse vor seinem Fenster angebracht und im Monat Juni eine große glühendrothe Tulpe. Am Tage darauf klebte Marie, oder wie der Vater sie gewöhnlich zu nennen pflegte: Mike, einen schmalen Streifen weißen Papieres oben an die Küchenthür und darüber ein anderes Stückchen Papier, so daß die ganze Figur dem Buchstaben i glich. Das war doch deutlich genug.

Marie war das einzige Kind des reichen Brauers Laust Sillesen Bjerg. Es war auch ein Hans Peter im Hause, ein hoch aufgeschossener Bursch mit einer Haltung wie ein lateinisches C, einem schmutzigen, sommersprossigen Gesicht und feuerrothem Schopfe, dessen oberste Spitzen ins Gelbliche übergingen, aber er war Lausts Brudersohn, Jes dagegen nichts weiter als ein Knecht, der der Brauerei vorstand, ein unermüdlicher Arbeiter, eine treue ergebene Seele, die Laust aus dem Armenhause zu sich genommen und für sein Gewerbe angelernt hatte, einmal, weil ihm dies am billigsten kam, dann aber auch, weil ihm die Stadt in den ersten Jahren auch noch eine Summe Geld für die Pflege des Knaben bezahlen mußte.

An einem Samstagabende ging Jes nach der Arbeitszeit nach dem Brunnen auf dem Hofe, wusch sich sorgfältig, kämmte sein hübsches braunes Haar nach feinster damaliger Mode in die Stirn hinab, zog einen langen hellbraunen Wamms an und klopfte alsdann an die Thür zur Wohnstube des Brauers.

Laust Sillesen Bjerg galt für den reichsten Bürger in Äbeltoft, er saß im Rathe der Stadt und war zugleich Altmeister der Brauer und Branntweinbrenner. Er hatte zwei Schiffe auf der See, und seine Brauerei versah die ganze Umgegend.

Von Person war er ein kleiner fetter Mann mit dicken Backen, hellem Haar und einer dicken klumpigen Nase, die einige Jahre früher Veranlassung zu einer Begebenheit gegeben hatte, so wichtig, daß sie unmöglich in dieser wahrhaften Geschichte übergangen werden kann. Außerdem, daß Laust Bjergs Nase so unangenehm auffallend in der Form war, machte sie sich durch eine fast zinnoberrothe Farbe bemerklich, die bei zunehmender Kälte in das Violette übergehen und bei strengem Frostwetter sogar dunkelblau werden konnte. Laust mußte über die wechselnden Farben dieser Nase viel hören, die Leute waren in Äbeltoft so boshaft und spottsüchtig; im Sommer, wenn die Nase schön roth war, nannten sie ihn Laust Rosenberg; an einem Winterabend schrieb eine neidische Seele mit Kreide auf den Fensterladen: Laust Blauberg. Es war auf die Länge nicht auszuhalten. Nach einer gründlichen Überlegung mit Verwandten und Freunden begab sich Laust auf das Rathhaus und bat die hohe Obrigkeit für sich und seine Nachkommen um Erlaubnis, den Namen Bjerg weglassen zu dürfen, so daß es in den Registern der Stadt, im Steuerbuche und auf dem Schilde vor dem Hause künftig nur hieße »Laust Sillesen«. Die Erlaubnis erhielt er und ich theile die Geschichte von der Verkürzung seines Namens zum Aufschluß für diejenigen mit, welche, wenn sie Laust Sillesens Thaten vernommen haben, den Wunsch hegen könnten, ihre Verwandtschaft mit ihm geltend zu machen.

An dem erwähnten Samstagabend klopfte Jes also an des Brauers Thür und steckte den Kopf hinein, als er aber sah, daß Fremde da waren, wurde er roth, zog sich zurück und wartete draußen vor der Thür. Ein wenig später hatte er besseres Glück, Laust war allein und stand pfeifend am Fenster.

Jes hustete, räusperte sich und zeigte alle Merkmale einer tiefen Verlegenheit, während er dem Hausherrn erzählte, wie sehr er Marie liebte, daß sie seit vielen Jahren seine Hoffnung und Sehnsucht gewesen und es ganz undenkbar wäre, er könnte je ohne sie leben. Laust Sillesen gewährte ihm Zeit sich auszusprechen und es umspielte seinen Mund sogar ein kleines wohlwollendes Lächeln, während Jes in stets muthigeren Ausdrücken seinen Gefühlen Luft machte. Als er endlich nichts mehr zu sagen wußte, ließ sich der Brauer auf die Bank nieder und sagte:

»Setze dich, lieber Jes, dann wollen wir die Sache besprechen. Du kennst mich jetzt seit vielen Jahren und weißt, was für ein tüchtiger und geriebener Geschäftsmann ich bin. Kommt da ein Bauer mit einem Fuder Getreide auf unsern Hof gefahren und ich vernehme, daß er in Geldverlegenheit ist, dann feilsche ich mit ihm und biete ihm nur die Hälfte von dem, was feine Gerste werth ist. Haben wir drüben in der Brauerei eine Pfanne Malz gebrannt und verdorben, und es gelingt mir, sie einem, der sich nicht vorsieht, aufzuschwatzen, so muß er sie bei meiner Seelen Seligkeit nehmen: das ist das Recht des Geschäftsmannes, und in seinem Geschäfte ist jeder ein Dieb. Aber höre, mein Junge, mit Verlust und Schaden die Waare losschlagen, sie fortgeben und nichts dafür bekommen, das könnte, rein herausgesagt, nur ein Schwachkopf thun, aber nicht Laust Sillesen. – Was bist du, werther Jes, anders als ein lausiger Kerl, der nicht so viel Thran hat, um sich die Stiefel schmieren zu können, und was ist Mike? Die reichste Jungfrau in der Stadt.«

»Ich habe seit vier Jahren meinen Lohn bei Ihnen stehen lassen,« wagte Jes zu bemerken. »Ich kann bald selbst ein eigenes Geschäft anfangen.«

»So! Wo ist denn dieser Lohn? – Ich habe dir Geld versprochen, ei freilich, aber ich nehme mein Wort zurück, wenn du auf Dummheiten sinnst. – Ein eigenes Geschäft anfangen! – Ei, hör' nur einer! Ich läugne, daß ich dir einen Schilling schuldig bin, du kannst es durch nichts beweisen. Ich sage, du hast deinen Lohn erhalten, damit sind wir fertig. – Dein eigenes Geschäft anfangen – ei, sieh! Du bist mir im Gegentheil Geld schuldig, viel Geld, viele tausend Thaler, für alles, was ich dir beigebracht habe. Kommst du mir so, dann freue dich auf das Tänzchen, das ich dir aufspielen werde; ich bin nicht umsonst eilf Jahr Gerichtsschöffe gewesen. Ein Mann des Gesetzes spinnt Hanfschnüre, aber wahrhaftig nicht, um sich selbst daran aufzuhängen.«

Jes stand da und weinte über alle die Drohungen und finsteren Bilder, die ihm Laust in Aussicht stellte. »Wenn alles fehl schlägt, so habe ich da zwei starke Arme, die kann mir niemand nehmen, und werden Sie zu streng, dann bekomme ich auch wohl noch in einer andern Brauerei einen Platz.«

»Das glaube ja nicht, mein Junge! Niemand wird von dir etwas wissen wollen, denn sobald ich dich erst fortgejagt habe, gehe ich umher und verklatsche dich bei allen Leuten: Nehmt euch vor dem Bengel in Acht, – er ist nicht so, wie er aussieht, – er kam vor der Zeit aus meinem Brote, – um seiner Vorzüge willen war es schwerlich. Ich sage nichts Bestimmtes, so daß du keine Handhabe gegen mich hast, aber ich werde schon dafür sorgen, daß dich die Leute nicht wieder nehmen. – Ja sicherlich! Du könntest dann dreist zu einer andern Brauerei laufen und erzählen, was für Kunststücke du von mir gelernt hast – gemeinen Gagel, anstatt des Hopfens hinzuzuthun und das Malz zu bräunen, damit das Bier stärker aussähe, – reine Einbildung! Nein, du bleibst hier und schlägst dir die Grille, Mike zur Frau zu nehmen, aus dem Sinne. Kämet ihr zusammen, so müßte ich ja euch beide beköstigen und kleiden, und ihr brächtet mir doch nicht den Nutzen, den ihr mir jetzt bringt. – Ihr könnt euch ja meinetwegen nach wie vor lieben, das verdenke ich euch gar nicht, ich bin ein vernünftiger Vater und verweigere niemandem ein unschuldiges Vergnügen, aber du kommst ihr nicht näher, du siehst nicht nach ihr hin und schwatzest nicht mit ihr hinter der Thür; treffe ich euch zusammen, werde ich euch die Ohren waschen, darauf könnt ihr fluchen. Ich muß auf Ehre und Ansehen halten, da Mike verlobt ist.«

»Verlobt!« wiederholte Jes mit Augen, die vor Schrecken starr waren. »Verlobt?«

»Ja, meiner Treu, sie ist mit dem Sohne des Böttchers Mads verlobt. Die Sache wurde an dem Tage, an dem ich meinen neuen Hut erhielt, abgemacht.«

»Da weiß sie ja nicht ein Wort davon,« stöhnte Jes.

»Was geht das sie an, ehe sie sich kriegen? Zwischen Mads und mir ist es vollkommen in Richtigkeit gebracht. – So haben wir beide denn nichts mehr darüber zu schwatzen. – Guten Abend, lieber Jes! – Aber warte, da fällt mir noch gerade etwas ein! Von den Kriegsschiffen draußen in der Bucht ist mir eine Bierlieferung aufgetragen worden. Das ganze letzte Gebräu soll morgen früh nach den holländischen Schiffen gesandt werden. Das könnte ganz gut vertragen, wenn es etwas schwächer als sonst wäre, du verstehst mich schon, sorge dafür. Ich und Hans Peter werden es selbst abliefern.« – Jes verneigte sich und verließ das Zimmer. Laust begann wieder zu pfeifen.

Unsere Geschichte ereignete sich in dem unglücklichen Jahr 1659. Karl Gustav belagerte Kopenhagen; Kurfürst Friedrich Wilhelm zog mit einem Heere von Brandenburgern, Kaiserlichen und Polen Jütland hinauf. Nach ihrer Versicherung kamen sie, um uns gegen die Schweden zu helfen, und begannen damit in den Städten zu plündern und zu brandschatzen, auf dem Lande zu stehlen, die Kirchen als Pferdeställe zu benutzen, auf jeden Pflug eine Steuer von zehn Thalern zu legen und sie mit zwanzig zu erheben. – Die Feinde waren vorausgegangen, die Freunde folgten ihnen, die Krähen nahmen, was die Raben übrig gelassen hatten.

Äbeltoft und Umgegend erhielt eine Besatzung von Polen unter Befehl des Wojewoden Czarniezki. In seinem Gefolge war ein polnischer Edelmann, Passek, der eine lehrreiche und völlig ungeschminkte Schilderung davon hinterlassen hat, wie seine Landsleute die Zeit in dem fremden Lande damit hinbrachten zu brandschatzen und Contributionen einzutreiben, zu nehmen, was sie fanden, und stets mehr zu verlangen.Siehe Pantins Chronik von Carit Etlar Passek war Rittmeister und lag bei Laust Sillesen im Quartier. Er war jung, schön, lebenslustig und schien ein höchst liebenswürdiger Cavalier zu sein, der in seiner freien Zeit spielte und zechte, den Adel der Umgegend besuchte, auf Jagd ging und die Hirsche in die Torfmoore trieb, worauf sie ergriffen wurden, während sie sich aus dem Wasser zu retten suchten. In dem Hause des Brauers zeigte er sich gutmüthig und zuvorkommend; er hatte nur die Eigenthümlichkeit, daß er sich von keinem anderen als von Marien bedienen lassen wollte.

Ungefähr eine Stunde, nachdem Laust es Jes auf das Strengste verboten hatte, seiner Tochter näher zu kommen, als die Entfernung von der Brauerei bis zur Küche betrug, klopfte Marie an die Thür zu des Rittmeisters Zimmer. Passek lag mit aufgeknöpfter Jacke und polnischen Halbstiefeln auf der Bank am Fenster. Er lächelte, als das junge Mädchen eintrat, blieb liegen und streckte ihr beide Arme entgegen.

»Kommst du endlich,« sagte er, »ich sah deinen Vater in die Vorhalle des langen Gelbgießers hineingehen. Schiebe den Riegel vor die Thür und setze dich hier zu mir her.«

Marie schaute ihn verwundert an. Es lag in ihren großen graublauen Augen, als sie die Thür verriegelte und auf die Bank zuschritt, ein großer Ernst und Kummer.

»Komm, liebes Kind, setze dich, – nein, noch näher. Fürchtest du dich etwa vor mir? – Was für ein feines Händchen! Schade, daß sie von der Sonne so verbrannt ist. Nun wollen wir einmal recht gemüthlich mit einander plaudern, wir beide! Ich habe bemerkt, daß dein Vater, sobald er den langhalsigen Gelbgießer da drüben besucht, stets erst spät heim kommt; sie machen gewiß ein Spielchen. – Sage mir jetzt zu allererst, weshalb du nie in der Dämmerstunde hast zu mir kommen wollen. Ich ließ doch die Thür jeden Abend offen stehen und saß und wartete auf dich.«

Marie war vor der Bank des Rittmeisters stehen geblieben; er hatte ihre Hand genommen und behielt sie in der seinigen, sie schien es nicht zu bemerken. Die Thränen strömten ihr die Wange hinab, indem sie leise mit furchtsamer Stimme sagte:

»Ich habe in den letzten Tagen viel an Sie gedacht, gnädiger Herr! Sie sind so brav und gut, wie Sie aussehen, ich weiß es, und sind der einzige in der ganzen Welt, der mir aus meiner großen Noth und meinem Elend heraushelfen kann.«

Passek stutzte, er ließ ihre Hand los und verstand nicht recht, was sie mit dieser Einleitung meinte. »Woher weißt du, daß ich brav und gut bin?«

»Sie haben Ihren Rappen so lieb und schonen ihn stets. Gestern Morgen schalten Sie den Wärter, weil er ihn mit der Striegel schlug. Als neulich Hans Peter die Leiter des Maurermeisters nahm und eine junge Schwalbe vom Dache holte, nahmen Sie sie ihm ab, kletterten hinauf und setzten sie wieder in das Nest. Da dachte ich daran, daß Sie vielleicht auch mir helfen würden, wenn ich Ihnen meine Noth klagte. Ich bin ebenfalls so ein kleiner Vogel, dem man bittres Leid zufügt, und der sich nicht selbst retten kann.«

Darauf erzählte sie Passek, abgebrochen und nach Worten suchend, und während sich eine tiefe Röthe über ihre Wangen ergoß, daß sie Jes, so lange sie denken könnte, lieb gehabt hätte, und daß es ihres Lebens höchstes Glück sein würde, die Seinige zu werden und mit ihm zusammen zu arbeiten, aber Jes wäre arm, und sie wäre reich, und deshalb könnte nichts daraus werden. Der Vater hätte sie zu ihrem großen Schmerze für den Sohn des Böttchers Mads bestimmt; es nützte nichts, wenn sie auch nein sagte, darüber lachten sie nur. Die Leute meinten, es wäre für sie eine gute Partie, weil Mads ein großes Haus hätte und ein wohlhabender Mann wäre. Nun wäre es ihre demüthige Bitte, der gnädige Herr möchte sich ihrer und des Jes ein wenig annehmen, sie wüßte selbst nicht wie, – ihr rathen, was sie anfangen sollten, – sie wüßte niemanden, an den sie sich wenden könnte, – mit ihrem Vater reden und für sie bitten, – Laust Sillesen hätte so große Achtung vor dem Rittmeister. Sie wüßte nur so viel, daß sie für ihre ganze Lebenszeit unglücklich werden würde, wenn man sie zwänge, mit dem Böttchersohne vor den Traualtar zu treten.

Passek hatte sich, während sie sprach, von der Bank erhoben, er knöpfte seinen Dolman zu und stand gerade und schweigend vor ihr; auch der Ausdruck, mit dem er sie noch so eben begrüßt hatte, war verwandelt. In der wehrlosen Unschuld liegt immer etwas, was Ehrerbietung einflößt; sie kommt zu uns wie der Gesang aus einer Kirche und scheint uns zu sagen: Hier ist Gott gegenwärtig.

»Ich will euch gern helfen,« sagte er, »wüßte ich nur, wie wir das Ding anfangen sollten. Ich schlage dem schieläugigen Böttcherbengel den Kopf ab, ehe er dich bekommt. Ich will hineingehen und deinem Vater eine Predigt halten, – aber was nützt das, er ist ein starrsinniger alter Mann, der mit Glimpflichkeit angefaßt werden muß. – Geh deiner Wege, mein Kind, und laß mich darüber nachdenken, trockne deine Augen, du mußt nicht weinen. Ich finde schon noch ein Mittel. Ihr könnt euch auf mich verlassen, beide. Wir wollen der Sache schon eine Wendung zum Guten geben, – obgleich du, das sage ich dir als meines Herzens aufrichtige Meinung, für diesen Jes mit dem braunen Gesicht und dem krausen Haare als Frau viel zu gut bist.«

Marie trocknete sich die Augen mit der Schürze, küßte Passek die Hand und verließ das Zimmer.

Früh am nächsten Morgen herrschte in dem Hause des Brauers reges Leben. Draußen im Hofe luden die Knechte einige gewaltige Biertonnen auf die Wagen. Jes stand in der Thür des Brauhauses und wichste Laust Sillesens Stiefel; Laust selbst zog sich vor einem kleinen Stück Spiegel am offenen Fenster an. Alle Augenblicke rief er Marie in das Zimmer, ihm das Halstuch zu binden, seinen Hut zu bürsten, den Messinggriff seines Degens zu putzen. Als dies alles besorgt war, mußte sie draußen vor der Thür Wache halten und aufpassen, daß niemand Laust störte, wahrend er im Zimmer auf und ab ging und die Begrüßungsworte überlas, mit denen er draußen auf den Kriegsschiffen vor den Admiral zu treten gedachte. Es wurde ebenfalls glücklich vollbracht, Laust lächelte und betrachtete sich im Spiegel; er war mit sich selbst zufrieden.

Da kam Hans Peter mit einem höchst verzweifelten Gesicht in die Stube gestürmt. Er hatte zweimal zum Schuster nach seinen neuen Schuhen geschickt, sie sollten versprochenermaßen bis acht Uhr fertig sein, jetzt war es neun, und der Mann fand sich nicht ein.

»Onkel, Onkel! Ich komme gewiß nicht mit,« fügte der Bube heulend hinzu.

Laust stand einen Augenblick still und überlegte. Hans Peter mußte nothwendig mit, er sollte ja den Rathsherrnmantel tragen und konnte bei einer so feierlichen Gelegenheit durchaus nicht entbehrt werden.

»Laß das Heulen, Bube! Lauf' nach dem Schrank in der Oberstube und nimm dir die grünen Korduan-Schuh mit den silbernen Schnallen, die du von deiner seligen Tante erbtest; mit denen kannst du gehen.« »Tantens Schuh! u – u! Onkel, Onkel! Der eine ist ja geflickt, und sie sind mir viel zu groß.«

»Dagegen gibt es Mittel, stopfe ein wenig Wolle hinein, mein Junge! Und nun fort mit dir!«

Da Hans Peter aus Erfahrung wußte, daß es gegen diesen Erlaß keinen Widerspruch gab, begnügte er sich damit, eine verdrießliche Miene anzunehmen und schlenderte mit den Achseln zuckend zum Zimmer hinaus.

Die Schuhe der seligen Tante waren jedoch nicht allzu groß, sie paßten so ziemlich, überdies blitzten die silbernen Schnallen, Hans Peter war mit sich eben so zufrieden wie Laust Sillesen. Als er sah, wie sich der Brauer den Degen umschnallte, kam ihm eine neue lichte Idee.

»Der Onkel sieht leibhaftig wie ein Hauptmann, wie ein Oberst aus,« sagte er, »ich will auch Soldat sein.« Mit diesem Entschluß steckte er eine kleine weiße Entenfeder auf seinen Hut und nahm sein großes Taschenmesser in die Hand.

Laust Sillesen kommandirte zum Aufbruch, küßte Marie und der Zug zog zum Hofe hinaus. Zuerst die beiden schweren Bierwagen, begleitet von drei Brauknechten, darauf Laust, zuletzt kam Hans Peter mit dem Rathsherrnmantel, das Taschenmesser trug er geöffnet in der Hand und ging und focht unbarmherzig damit in der Luft umher. Unten auf der Straße traf er einen Jungen, der bei Seite trat und Laust Sillesen mit tiefer Ehrfurcht grüßte.

»Onkel soll mit in den Krieg ziehen!« flüsterte Hans Peter, »da draußen hinaus auf die Schiffe, sie haben nach ihm geschickt. Wenn wir kommen, schießen sie mit all den großen Kanonen. Ich soll auch mit.«

Weiter unten auf der Straße kam ein anderer Junge. »Gott steh' mir bei, Sören Brask!« sagte Hans Peter und streckte ihm mit feierlicher Miene die Hand entgegen. »Jetzt soll ich in den Krieg und mich mit dem Schweden schlagen, an Bord der Kriegsschiffe, weit hinaus in das wilde Meer. Ich bekomme ein weißes Bandelier und einen richtigen Säbel, vielleicht geben sie mir auch ein Luntengewehr, wenn ich mich geschickt anstelle. Grüße die anderen Jungen und sage ihnen Lebewohl, mich seht ihr gewiß nie wieder.«

Nach dieser Versicherung schritt Hans Peter weiter und stach mit dem Taschenmesser noch weit grausamer als zuvor um sich. Je mehr sie sich jedoch dem Strande näherten und nun die Schiffe draußen in der Bucht gewahrten, von der Sonne beschienen mit halb eingezogenen Segeln, die Menge Taue, die sich in allen Richtungen kreuzten und sich dunkel gegen die blaue Luft abzeichneten, desto friedlicher wurde Hans Peter gesinnt; er drängte sich näher an Laust Sillesen heran und mordete keine Feinde mehr. Unten am Hafen klappte er das Messer zu und steckte es in die Tasche, natürlich nicht aus Furcht, sondern weil er sich von der Erhabenheit des sich ihm darbietenden Schauspiels ergriffen fühlte.

Es war kurz vorher beschlossen worden, daß die fremden Hilfstruppen von Jütland aus eine Landung auf Fünen versuchen sollten, und der Kurfürst ließ aus diesem Grunde Transportschiffe in der Äbeltofter Bucht unter dem Schutze von zwei dänischen und drei holländischen Kriegsschiffen sammeln. Das Admiralschiff der Holländer hieß »Magd van Enkhuysen« und ward vom Admiral Opdam geführt; auf dieses sollte Laust Sillesen seine Biertonnen bringen.

Als er zum Einschiffungsplatz hinab kam, lagen zwei Barkassen da und erwarteten ihn. Hans Peter war bewegt, ein leichter Schauder befiel ihn unter dem Ernste des Augenblicks. Laust Sillesen dagegen behielt seine ruhige und würdige Miene bei; sein dreieckiger Hut saß verwegen hinten auf dem Kopfe, der lange Rathsherrndegen, auf dem seine linke Hand ruhte, stand fast wagerecht auf die Seite hinaus. Er wurde sehr überrascht, als er Passek und zwei andere polnische Officiere unten bei den Schiffen traf.

»Wir gehen mit Ihnen an Bord,« sagte der Rittmeister. »Der Admiral gibt heute ein kleines Fest. Es wird lustig hergehen, darauf können Sie sich verlassen.«

Als die Biertonnen in die Schiffe hinabgelassen waren, erschallte die Bootmannspfeife. Die Barkassen stießen vom Lande. Ein Menge Leute standen am Strande umher, die Aufmerksamkeit der meisten war auf den Brauer gerichtet, einmal weil er sich in seiner erhöhten Würde so stattlich ausnahm, besonders aber, weil es Äbeltoft, ihre eigene Stadt, war, die eine Person wie Laust Sillesen hervorgebracht hatte. Indem das Schiff vom Lande stieß, winkte er einem kleinen buckligen Männchen mit einer rothen wollenen Mütze, von der eine lange Troddel bis auf den Nacken hinabhing, und sagte:

»Gehe nach Hause, Peer Siple, und grüße Mike und meine Leute von mir, es würde vielleicht etwas spät werden, ehe ich zurückkehre.«

Darauf machte er zu einem allgemeinen Abschiede von allen eine Handschwenkung und nahm hinten im Boote unter den Officieren Platz.

Die Barkassen hatten weit zu rudern, es war seichtes Wasser in der Bucht, so daß die Kriegsschiffe, welche zum Schutz der Transportflotte dienten, nicht in den Hafen einlaufen konnten, sondern in einer Linie zwischen Helgenäs und Hasselöre ankern mußten. Indessen war das Wetter schön und die See ziemlich ruhig. Laust Sillesen saß da und hielt sich mit der einen Hand am Rande des Bootes fest, die Augen unverwandt auf die gestreifte holländische Flagge auf dem höchsten Topp des Admiralschiffes gerichtet. Während er Schweigen beobachtete, weil niemand da war, der sich an ihn wandte, führten die fremden Officiere unter sich ein lebhaftes Gespräch.

»Ihr müßt mir helfen,« sagte Passek, »ich habe mit diesem Rathsherrn hier etwas vor. Er will seine Tochter einem Ziegenbock von Böttchersohn geben; das Mädchen liebt einen andern, und ich habe ihr versprochen, sie solle ihn bekommen.«

»Wie sieht sie aus?«

»Niedliche Augen, welche verkünden: Was du mir auch sagst, ich glaube allem.«

»Pardieu! Ein junges hübsches Mädchen und ein Rittmeister zur Einquartirung, das Rechenexempel kann man sich zurecht legen.«

»Sie liebt ihren Brauer,« erwiderte Passek, »dabei läßt sich nichts machen. Ich will ihnen helfen, aber wie soll ich es anfangen? – Ich kann den Admiral vielleicht bewegen, den Mann mit dem Degen einige Tage an Bord zurückzuhalten, während wir ihm seine Einwilligung abpressen.«

»Wir machen ihn betrunken,« schlug ein anderer vor, »bewegen ihn, Handgeld zu nehmen, dann ist er angeworben und muß Uniform tragen, bis alles in Ordnung ist.«

Dieser Vorschlag fand Beifall, der Plan war gemacht. Die Officiere warfen einige ausdrucksvolle Blicke zu dem Brauer hinüber, der diese Aufmerksamkeit vollkommen mißverstand, sich in die Brust warf und den Hut noch ein wenig tiefer in den Nacken zurückschob.

Gleich darauf legte die Barkasse bei der Fregatte bei, die Gäste stiegen an Bord, der Admiral empfing sie oben an der Fallreepstreppe und Laust Sillesen wurde, wie er später versicherte, seine Begrüßungsworte, die er sich zu Hause noch einmal überhört hatte, außerordentlich glücklich los. Hans Peter trug den Mantel, er kam zuletzt und kletterte mit großer Vorsicht aus der schaukelnden Barkasse hinauf. Als Laust das Deck entlang ging, wandte er sich nach dem Knaben um und zeigte schweigend auf die großen Kanonen. Hans Peter machte einen schnellen Seitensprung, um so weit wie möglich von ihnen fortzukommen. Gleich darauf zupfte er Laust am Rocke und zeigte auf eine Reihe Enterbeile, Säbel und Pistolen, die in einem Kreise um den großen Mast hingen. Hatte er in diesem Augenblicke seine wahre Herzensmeinung sagen sollen, dann hätte er sich am liebsten nach Äbeltoft zurückgewünscht; er fühlte durchaus keine Lust, in den Krieg zu ziehen und mehr Menschen zu morden als die, welche er bereits draußen auf der Straße umgebracht hatte.

Das Wetter hielt an diesem Tage nicht seine Versprechungen. Die Sonne verbarg sich hinter Wolken, und der Wind erhob sich, die Fregatte begann immer heftiger zu schwanken, je höhere Wellen das Meer in der Bucht schlug. Laust Sillesens Gesichtsfarbe erlitt eine sichtliche Veränderung, er wurde blässer, selbst die Nase zeigte keine Spur von Röthe mehr. Während er so dastand und sich an einem Tauende hielt, kam Passek freundlich und zuvorkommend zu ihm.

»Sie schaukelt entsetzlich,« sagte Laust und blickte mit verächtlichem Lächeln auf die weißen Schaumspitzen hinaus. »Hätte der Admiral Zeit, mir meine Rechnung für das gelieferte Bier zu zahlen, so möchte ich mich am liebsten wieder auf die Heimfahrt machen.«

»Ei, Redensarten! Was soll das heißen? – Ist Ihnen hier draußen angst?«

»Mir angst?« wiederholte Laust und warf sich in die Brust; »das kann unmöglich Ihr Ernst sein, Herr Rittmeister. Ich bin zwar nur Bürger und Rathsherr zu Äbeltoft, habe aber mein Lebenlang Lust zum Kriegshandwerk gehabt. Stechen und fechten ist jetzt mein Hauptvergnügen, und in diesen Kriegszeiten wünsche ich oft, es möchte sich eine Gelegenheit darbieten, bei der ich meinen Muth und meine Mannhaftigkeit an den Tag legen könnte. Nachbar Gelbgießer kann es mir bezeigen, daß ich es oftmals gesagt habe.«

»Ja, wer weiß, die Gelegenheit kann vielleicht kommen.«

»Leider muß ich aber schnell wieder nach Hause, denn wir haben in diesen Tagen viel zu besorgen.«

»Davon kann gar nicht die Rede sein,« meinte Passek. »Man will uns erst eine richtige Mahlzeit vorsetzen, und Sie, Rathsherr, sind auch eingeladen. Ich bin in der Küche des Schiffskochs gewesen. Was werden da für Gerichte bereitet: Hummer und Lachs, Birkhähne und Hasen! Und dann erst die Getränke: Französische und spanische Weine, Marsagli- und Cyperwein, es gibt auf der königlichen Tafel kaum bessere.«

»Ich habe heute keinen Appetit,« versicherte Laust wahrheitsgetreu.

»Wollen Sie ein wenig ruhen, so will ich Sie in die Officier-Kajüte einführen, da können Sie dann bleiben, bis die Mittagsglocke läutet.«

Der Vorschlag fand Lausts Beifall, und er folgte dem Rittmeister in eine kleine Kammer neben der Kajüte des Admirals. Hier schien das Schiff noch stärker zu stampfen. So oft die Wellen gegen die Seite schlugen, knackten die Planken mit einem höchst unheimlichen Ton, die Stückpforten klapperten. Die Luft war schwül und schwer, alles roch nach Theer. Laust fand keine Ruhe, eine seltsame Unruhe überfiel ihn; an Schlafen war gar nicht zu denken; er hatte ein Gefühl, als sollte er weinen.

Hans Peter kam in die Kammer hineingestürzt. »Onkel, Onkel,« rief er jammernd, »ich will nach Hause. Höre, wie es knackt, das Schiff bricht sicher auseinander; oben ist das ganze Deck voller Blut, ich habe einen Tropfen auf Tantens einen Schuh bekommen.«

»Dummes Zeug, Junge! Wo sollte das Blut herkommen; in diesen Tagen ist keine Schlacht gewesen. Laß mich einmal sehen. Das ist ja Theer!«

»Pfui! das ist Theer. Aber ich will doch nach Hause, denn sie gehen dort oben umher und grinsen mich an. Einer von den Matrosen zeigte mich den andern. ›Seht, welche schöne Plattfüße das kleine rothe Meerungethüm hat! Gelt, du bist von Holland?‹ – Dann zog er mich zu sich hin, und als er sah, daß mir Tantens Schuhe an den Hacken zu groß waren, klopfte er in das Loch hinein seine Pfeife aus und spuckte oben drauf. ›Segle jetzt ab,‹ sagte er, ›jetzt hast du Ladung.‹

Laust Sillesen bekam nicht Zeit, seine Theilnahme zu äußern; draußen entstand ein wachsender Lärm, die Bootmannspfeife und Commandorufe erschallten, es rollte auf dem Verdecke hin und her, als ob man sich mit den Kanonen zu schaffen machte. Was dort geschah, erzählt Passek in seinem Tagebuche weitläuftig. Wir können hier nur wenig davon Gebrauch machen.

Der Matrose, der oben im Mastkorbe scharfen Ausguck hielt, hatte hinabgerufen, daß Schiffe auf die Bucht zusegelten. Der Admiral und seine Officiere wurden heraufgerufen, sie sahen aus dem grauen Nebel zwei große Schiffe hervorkommen, die zusammen über das Meer dahinzogen. Gleich darauf meldete der Mann im Mastkorbe, daß noch zwei kämen, und so ging es weiter, bis er die Annäherung von fünfzehn Schiffen berichtet hatte, welche alle auf die ausgedehnte Linie lossteuerten, die die Schiffe der Holländer und der Dänen in der Bucht bildeten. Der Nebel hatte ihnen gestattet, ziemlich nahe zu kommen, ehe sie gesehen wurden. Von der Spitze eines jeden Mastes wehte die schwedische Fahne, und ihre Absicht, die Transportflotte, welche im Hafen versammelt lag, zu nehmen oder zu vernichten, wurde ziemlich deutlich dadurch an den Tag gelegt, daß jedes Schiff, sobald es nahe genug gekommen war, seine Breitseite zeigte und eine heftige und anhaltende Kanonade begann. Opdam erwiderte Schuß um Schuß, er ermunterte und trieb an, stand mit dem Fernrohr vor dem Auge da, commandirte und ließ das Commando weiter verkünden, es war etwas für ihn, er hatte überdies lange in Unthätigkeit dagelegen.

Die See ging immer höher, der Sturm nahm zu, es pfiff und schlug in die Takelagen, das Schiff erbebte unter den dröhnenden Salven. So oft die Lafetten nach den Schüssen zurückprallten, rollten und rasselten sie das Verdeck entlang, und so ging es zu, daß sich Laust Sillesen plötzlich und unvermuthet mitten in dem Schrecken einer Seeschlacht befand und sich endlich die längst gewünschte Gelegenheit darbot, bei der er seinen Muth und seine Mannhaftigkeit an den Tag legen konnte.

Der Kampf wurde fortgesetzt und schien heftiger zu werden. Hans Peter heulte und trippelte in der Kammer auf und nieder, Laust saß mit gefalteten Händen, blauen Lippen und starren Augen auf dem Fußboden. Eine Stückkugel war so eben durch die Wand geschlagen und hatte die Planken der einen Seitenbekleidung zersplittert. Laust wagte kaum dorthin zu sehen, es wurde ja schlimmer und schlimmer.

»Wenn nur die Schweden bald in Fetzen zerschossen würden oder draußen in der hohen See ertränken,« war Hans Peters frommer und aufrichtiger Wunsch.

»Halte den Mund, Junge!« sagte Laust, »falte deine Hände und bete ein Vaterunser, man muß friedfertig sein.«

So ging es eine Weile fort. Der Lärm um sie her nahm zu; sie athmeten nicht mehr Luft, sondern Pulverdampf ein. Hans Peter begann aufs neue zu heulen, seine rothen Haare schienen sich auf seinem Kopfe emporzurichten, während er in der Kammer umhertobte und beide Hände in die Seite stemmte. »Onkel, Onkel, mit mir ist es aus, mit mir ist es aus!« rief er.

Laust kroch hin und öffnete die Thür. Der Junge lief auf das Verdeck hinauf und ließ sich nicht wieder blicken. Etwas später kam Passek herein.

»Wie geht es?« fragte Laust.

»Wir haben mehrere unserer Leute verloren; es ist ein heißer Tag, und keine Aussicht dazu, daß es für das Erste aufhören wird. Sie schlagen sich wie Teufel, diese Schweden, aber Opdam ist ihr Mann. Lieber in die Luft sprengen, als sich ergeben, war so eben sein Wort. Ich sage es Ihnen als Freund, weil es gut ist, auf das, was geschehen kann, bereit zu sein.«

»Bereit!« wiederholte der Rathsherr und stützte die Hände auf den Fußboden, »bereit, auf was?«

»Ja, Sie müssen einmal sterben, wie wir andern alle. In einem Augenblicke wie dieser, pflegt man gern an sein Leben zu denken, und fühlt man sich von irgend einer Sünde oder von einem Unrechte bedrückt, so sucht man es wieder gut zu machen.«

»Ich habe nie gegen jemanden eine Sünde oder Unrecht begangen,« versicherte Laust feierlich.

»Sind Sie dessen sicher?«

»Ich habe jeden Samstag unter die Armen vor der Thüre Almosen vertheilt und den Wittwen und Krüppeln zu Weihnachten Lebensmittel und etwas Fries geschenkt. Auch habe ich, als für die neue Kirchenglocke gesammelt wurde, siebzehn Liespfund altes Messing und zwei Thaler gegeben. Alle meine Kunden erhielten gute Waaren und richtiges Maß. Da war freilich im letzten Sommer die Geschichte mit dem Schweine meines Nachbars, das lief immer auf unsern Hof und fraß mir eine Ente mit neun großen Küchlein auf. Nun sagten sie, ich hätte es in das Wasserloch hinten an der Hecke geworfen und es darin ertränkt, aber der Nachbar gewann den Proceß nicht, – er hatte es nicht beweisen können,« fügte Laust hinzu, aber mit einem halben, selbstzufriedenen Lächeln.

»Anderes haben Sie nicht auf dem Gewissen?«

»Nicht das Mindeste, es müßte denn sein –.« Laust konnte nicht ausreden, eine Kugel flog mit gewaltigem Krachen in die Kammer hinein, zersplitterte die Deckbretter und bohrte sich nur einige Schritte von dem Brauer durch die Wand. Laust stieß einen Schrei aus, streckte Passek die Hände entgegen und flehte ihn um Hilfe an.

»Kann ich nicht Erlaubnis zur Heimfahrt erhalten, lieber, ausgezeichneter Herr Rittmeister? Ich gebe Ihnen einen ganzen Anker von dem theuren spanischen Weine, den Sie so gern trinken, zum Besten. Bitten Sie den Admiral um Erlaubnis, daß ich das Schiff verlassen darf.«

»Er hat jetzt an anderes zu denken. In einem Augenblicke wie dieser, verläßt niemand das Schiff. Es sind nur wenig Feuerwerker und eine geringe Mannschaft vorhanden; verlieren wir noch einige unserer Leute, dann müssen Sie wie ich bei den Kanonen mithelfen. Hier ist die Gelegenheit, von der Sie vorher sprachen, Ihren Muth und Ihre Mannhaftigkeit an den Tag zu legen.«

Eine neue Salve ließ das ganze Schiff erbeben. Laust kroch so weit in die Ecke hinein, als es irgend ging. »Ach, Herr Jesus!« rief er, »laß mich nach Hause kommen. Sie trauen es mir gewiß nicht zu, aber der Teufel soll mich holen, wenn ich Muth oder Mannhaftigkeit besitze. Ich bin nur Rathsherr und Bierbrauer und weiter nichts. Helfen Sie mir! – Ich will es Ihnen nur gestehen, ich war es doch, der das Schwein in das Wasserloch warf und es ertränkte. Darf ich nur wieder nach Hause, soll er es bezahlt erhalten.«

»Das läßt sich jetzt nicht thun,« wiederholte Passek, »aber haben Sie den Ihrigen etwas zu bestellen, so will ich es gewissenhaft ausführen, falls Sie hier draußen zu Schaden kommen sollten. Werden Sie erschossen, will ich es auch auszuwirken suchen, daß sie Ihren Leichnam nicht zum Futter für die Fische über Bord werfen, sondern ihn anständig nach Hause bringen, damit Sie in Äbeltoft, wie es sich geziemt, beerdigt werden können.«

Laust dankte nicht für diese Aufmerksamkeit, sondern saß da und weinte.

»Haben Sie an Ihren letzten Willen gedacht und Ihr Testament gemacht?« fuhr der Rittmeister fort. »Wer soll nach Ihrem Tode Haus und Vermögen bekommen?«

»Mike soll es bekommen,« erwiderte Laust und schluchzte noch heftiger. »Gnädiger Herr Rittmeister, Sie vermögen so viel, können Sie es ruhig mit ansehen, wie ein armer Mann vor Ihren Augen dasitzt und weint und so entsetzliche Qual erduldet?«

»Ich sah gestern Abend ein armes Mädchen vor Ihnen stehen und weinen und bitten und ihre Hände ringen, um den zu bekommen, den sie liebte, aber Sie schalten, Sie drohten, Sie wandten ihr den Rücken. Zum Teufel, Mann, denken Sie ein wenig daran! Kommt da eine Kugel geflogen und reißt Ihnen Arme und Beine fort, und werden Sie verstümmelt nach Hause getragen, dann heirathet sie doch, wen sie will, Sie können es nicht hindern. Wollen Sie etwas Gutes thun und ein rechtschaffener Vater sein, so lassen Sie dieselben ein Paar werden. Sagen Sie ja, dann will ich sehen, was ich für Sie thun kann und mit Ihnen nach Äbeltoft zurückfahren, sollte ich auch das Boot selbst rudern müssen; aber bedenken Sie sich nicht zu lange.«

»Jes ist so arm, er besitzt Salz zu einem einzigen Ei.«

»Was besitzen Sie denn selbst, wenn die Feinde das Schiff in den Grund bohren, und wir alle zusammen im Meere ertrinken?«

»Wollen Sie mich nach Hause rudern, will ich daran denken.«

»Sie thun gewiß am besten, daran zu denken, ehe ich Sie rudere. Gott bewahre, wie die da draußen knallen! Ja, nun gehe ich. Leben Sie wohl, Laust Sillesen! Sollten wir uns in dieser Welt nicht wieder sehen, so nehmen Sie meinen Dank für gute Bewirthung.«

Der Rittmeister faßte die Thürklinke, Laust hielt ihn zurück. »Ach nein, ach nein, verlassen Sie mich doch nicht! Bringen Sie mich mit heiler Haut wieder nach Hause, so will ich ja sagen und Jes zu meinem Nachfolger im Geschäfte machen.«

»Das ist zwar etwas, aber es gehört noch mehr dazu. In vierzehn Tagen richten Sie ihre Hochzeit aus; ich muß wissen, daß sie verheirathet sind, ehe ich die Stadt verlasse. Entscheiden Sie sich schnell, ja oder nein. Hören Sie, wie sie auf dem Verdecke rufen und schreien, ich muß zu ihnen hinaus.«

»In vierzehn Tagen!« wiederholte Laust, indem er seinen Kopf auf die Brust senkte, – »sei es denn, es soll geschehen.«

»Gut, hier ist Feder und Tinte, stehen Sie auf und schreiben Sie, Sie wollen Jes Ihre Tochter Marie geben, ihn zu Ihrem Nachfolger machen und die Hochzeit in vierzehn Tagen ausrichten; wenn nicht, so bescheinigen Sie, Jes eine so große Summe schuldig zu sein, wie nach Abschätzung unparteiischer Männer Ihr Haus und Ihre Brauerei werth ist. Das werden Sie dann unterschreiben, ehe Sie in das Boot steigen.«

»Setzen Sie es an meiner statt auf,« flüsterte Laust, »ich zittere so, daß ich die Feder nicht halten kann.«

Der Rittmeister schrieb, der Brauer setzte seinen Namen darunter. Ein wenig später folgte er Passek auf das Verdeck hinauf. Den Mantel trug er über dem Arme, der Degen hing friedfertig die Seite hinab.

»Das dauert verteufelt lange, ehe Sie kommen,« sagte Admiral Opdam zu Laust. »Ich schickte den Rittmeister nach Ihnen, daß Sie sofort das Schiff verlassen sollten. Beeilen Sie sich jetzt in das Boot hinabzukommen. Es liegt und wartet auf Sie.«

Laust Sillesen blickte Passek an, er fand nicht Worte, seinen tiefen Verdruß über eine so schamlose Täuschung auszudrücken. Der Rittmeister verließ mit dem Boote die Fregatte.

Als sie den Hafen erreichten, läutete in Äbeltoft die Kirchenglocke zum Gottesdienst, aber es kamen an diesem Sonntage nicht viel Leute in die Kirche. Männer und Frauen, Jung und Alt, standen gruppenweise längs des Bollwerks und guckten in die Bucht hinaus, von wo sich noch immer Kanonenschüsse vernehmen ließen und über welcher der Pulverdampf wie eine Reihe hellgrauer Wollen in die Höhe stieg.

Langsam schritt Laust Sillesen zwischen allen diesen Menschen hindurch, er hatte seine aufrechte Haltung und würdige Miene wiedergewonnen; die Hand ruhte wieder auf dem Degen, der jetzt hinter ihm her in die Höhe stand und einem langen Schwanze glich. Er nickte und sandte Freunden und Bekannten rings umher ein wohlwollendes Lächeln zu.

Einen Monat später hielten Jes und Marie Hochzeit.

Aber seitdem rechnete Laust seine Zeit beständig von dem Tage, an welchem er die große Schlacht draußen in der Bucht mitgemacht hatte, und Hans Peter behauptete eben so unbefangen, daß er sich noch muthiger als der Brauer gehalten hätte, denn er lief oben aus dem Verdecke umher, während Laust unten in der Kajüte sitzen blieb.

Ende.
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