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Gutenberg > Moritz Heimann >

Armand Carrel

Moritz Heimann: Armand Carrel - Kapitel 1
Quellenangabe
typedrama
booktitleArmand Carrel
authorMoritz Heimann
year1920
firstpub1920
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleArmand Carrel
pages76
created20101009
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Armand Carrel

Drama

von

Moritz Heimann

 


 

1920
S. Fischer / Verlag / Berlin

 


 

Personen

                Vom »National«:
    Armand Carrel
    Thibaudeau
    Persat
Von der »Presse«:
    Emile de Girardin
    Lautour de Mézeray
    Paillard de Villeneuve
Herr Duport
Dr. Marx
Dr. Blanche
Ein berühmter Dichter
Capo de Feuillide, vom »Bon Sens«
Eliza
Delphine de Girardin
Louis de Paira, ehemaliger Gardekapitän
Frau de Paira, seine Mutter
Diener. Eine ältere Dienerin. Ein Hausmädchen, Charlotte.
Zeit: Mitte Juli 1836, in Paris.

 


 

Erster Akt

Salon bei Girardin. Ein vorderer und ein hinterer Raum, getrennt durch eine Wand, deren sehr große Türen offen stehen. Vorn an einem Tisch Duport, Emile de Girardin, daneben steht Lautour, Dr. Blanche schlendert umher. Hinten sitzt Delphine de Girardin bei einer Stickerei. Der Dichter hat mit ihr geplaudert und ist eben aufgestanden, er kommt zuweilen in die Tür und hört zu.

Lautour de Mézeray: Bis heute, in den paar Wochen, seit der Prospekt der »Presse« erschienen ist, haben wir an 500 000 Franken Zeichnungen, die Aktien sind um 20% gestiegen, die Abonnenten laufen uns in Scharen zu. Noch niemals ist eine neue Zeitung mit einer solchen Begier aufgenommen worden.

Duport: Schon recht. Das stand heute früh in Herrn von Girardins Artikel, und ich habe es gelesen. Nun haben aber doch die Zeitungen bisher niemals ohne Zuschüsse existieren können. Sie setzen den Preis von 80 Franken auf 40 herab; werden sie jetzt besser bestehen können? Wird der Ausfall am Abonnement durch die größere Anzahl der Abonnenten sich ausgleichen – und mehr als ausgleichen? Denn wir, die unser gutes Geld an das Unternehmen setzen, brauchen einen Gewinn, der sich lohnt!

Lautour: Da gibt es nichts zu zweifeln. Man sollte nicht über unsere Kühnheit erstaunen, sondern darüber, daß wir die ersten sind, die diesen klaren Gedanken gefaßt haben – –

Emile de Girardin: Wir sind nicht ganz die ersten – – 8

Lautour: Aber die ersten, die ihn praktisch, gesund, erfolgreich machen. Es war nicht länger zu dulden, daß die Zeitung, das tägliche Brot des Geistes, durch ihren hohen Preis dem weiteren Publikum gesperrt würde, durch eine veraltete Organisation gehemmt, durch eine Affektation von Gelehrsamkeit beschwert bliebe und ein Leben im Verborgenen führte. Sie mußte Flügel bekommen, und wir haben sie ihr angebunden. Und dabei hätte nichts näher gelegen, als daß die Julirevolution, die einen neuen König, neue Parteien und neue Volksschichten in das Licht des Tages gehoben hat, daß sie auch der Presse neue Methoden gewiesen hätte.

Duport: Ganz ausgezeichnet. Indessen, Herr Lautour, Sie wollen damit nicht sagen, daß die Presse versäumt hat, auf ihre Rechte zu dringen – sie hat nicht geschwiegen, und man hat sie gehört.

Lautour: An der Einsicht in das Zunächstliegende, an dem Verständnis ihres eigentlichen Wesens, an dem Vertrauen in ihre eigenen eigentümlichen Kräfte, an alledem hat es ihr doch gefehlt – bis zu Herrn Girardins Tat. Oder nicht? Als der Zensus, das ist sechs Jahre her, von 300 auf 200 Franken herabgesetzt wurde, hatten wir in Frankreich mit einem Schlage statt knapper 100 000 Wähler deren über 200 000. Eine Verdoppelung der Wählerzahl, was bedeutet sie für die Presse, Herr Duport? Sie bedeutet eine Verdreifachung, eine Vervierfachung aller der Leute, die sich mit Politik befassen, und das heißt zugleich aller Leser von Zeitungen.

Duport: Schon recht. Was mich betrifft, mich, so brauchte es der Herabsetzung des Zensus nicht, um mich zum Wähler zu machen. Ich war schon unter Ihren »100 000«, Herr Lautour. Womit ich natürlich gegen die Revolution nichts gesagt haben will, Louis Philippe ist ein wahrer Bürger. Und dennoch muß ich an Ihr und mein Gewissen die Frage stellen, ob eine so uferlose Erweiterung der 9 politischen Rechte – mit allem, was daran hängt, und wenn es auch eine hohe Abonnentenziffer ist – ob gerade wir nach diesem Ziele streben dürfen? Denn eines Tages werden ja, vorausgesetzt, daß Ihre Rechnung stimmt und 200 000 Wähler wirklich 400 000 Zeitungsleser ausmachen, eines Tages werden diese 400 000 auch Wähler sein wollen – und was dann?

Girardin: Das zu entscheiden ist nicht unsere Aufgabe. Der Staat, was will er? Was macht sein Wesen und am Ende auch seinen Wert aus? Daß er ein Mittel ist, alle Kräfte, die sich regen, ins Gleichgewicht zu setzen. Um so nötiger ist es, daß jede Leidenschaft nicht zu genau wisse, in welchem Dienste sie steht; daß sie nicht in den Verdacht komme, ausgenutzt zu werden; daß sie einigermaßen blind bleibe; daß sie nur sich selbst und ihr Recht und ihre starken Muskeln fühle. So auch die Zeitung. Sie muß vor allem andern sich selbst wollen! Der König und seine Minister mögen anders denken: wir machen soviel Politik, wie die Zeitung verträgt; nicht aber soviel Zeitung, wie die Politik verträgt.

Duport: Aber das ist Opposition – bedenklichste, unzweifelhafte Opposition, Herr von Girardin!

Girardin: Durchaus nicht. Wir sind trotzdem auf unsre Weise ministeriell; und wir werden mit unserer Methode den Schwarmgeistern der ewigen Revolution das Handwerk besser legen, als wenn wir uns in die Hand eines regierenden Herrn fügten, wie ein Stock oder wie ein Schreibgriffel.

Dr. Blanche: Man erzählt sich ein böses Scherzwort von Herrn Carrel. Er soll gespottet haben, Sie bemühten sich umsonst; Sie rechneten auf mehr Franzosen, die lesen können, als es gäbe.

Lautour: Das ist zu dumm für Carrel.

Der Dichter: Oder wir müssen helfen, daß sie alle lesen lernen.

Girardin: Und zwar werden sie uns lesen, uns. 10

Der Dichter: Ein Journalist, das ist eine Idee auf dem Anmarsch.

Girardin: Herrliches Wort, Meister! Und wie wahr es ist, das eben soll die Welt von jetzt an erfahren.

Der Dichter: Man darf nicht sagen, lieber Freund, daß Herr Carrel geringer von seinem Berufe denkt.

Girardin: Er denkt hochmütiger, er denkt pedantischer von ihm. Er hat den »National« gegründet – mit wem? Mit Mignet, mit Thiers. Sehen Sie zu, wo die beiden jetzt stehen, und wo er selbst! Sie regieren Frankreich, und er, Carrel, den man den Ersten Konsul nennt, er, die Säule und Hoffnung aller Republikaner Frankreichs, leitet sein Blatt mit zugeknöpfter Würde und hat es nicht dazu zu benutzen verstanden, die Macht zu erobern, die berauschende, reale Macht.

Duport (bewundernd): Sie werden sie erobern, Herr von Girardin, Sie sind der Mann dazu.

Girardin (lachend): Ich – will sehen. Genug, daß es eine Presse in Europa erst von dem Tage an gibt, wo die meinige erschienen ist. Wir werden jeden Tag eine Idee haben.

Ein Diener (meldet): Herr Paillard de Villeneuve.

(Der Angemeldete tritt ein.)

Lautour: Nun, was sagt man in der Stadt? Was sagt der Minister?

Paillard: Die ganze Stadt spricht von nichts als von Ihrem Artikel in der heutigen Morgennummer der »Presse«, Herr von Girardin; die Zeitungsjungen haben ein lustiges Geschäft gemacht; die republikanischen Hitzköpfe sind erbost; alle Welt, wie natürlich, erwartet sich ein Duell.

Lautour: Und der Minister?

Paillard: Herr Thiers denkt – wie alle Welt.

Girardin: Haben Sie mit ihm selbst gesprochen?

Paillard: Das war leider nicht möglich, er ist sehr beschäftigt; doch ich höre genug von seinen Echos – 11

Der Dichter: Die pflegen in solchen Fällen um einiges klarer zu sein, als die Stimme selbst.

Paillard: In diesem gewiß.

Girardin: Nun, und was sagten sie, die Echos?

Paillard: Sie wußten sich zu erinnern, daß Herr Carrel immer eine lose Klinge gehabt hat, daß er trotz seiner republikanischen Leidenschaften immer ein Aristokrat geblieben sei, und daß schon der ehemalige Offizier, den er nie verleugnet hat, einen öffentlich ausgesprochenen Zweifel an seiner Ehrenhaftigkeit nicht hinnehmen könne, ohne Genugtuung zu fordern.

Girardin: Man erwartet dort ein Duell, das heißt man rechnet darauf, man rechnet damit. (Pause.) Aber Zweifel an Herrn Carrels Ehrenhaftigkeit? Das finde ich eine sehr grobe Auslegung. In meinem Artikel steht nichts davon, wie mir scheint.

Paillard: Oh, Herr Girardin, das kommt in der Tat nur auf die Auslegung an. Dürfen wir sie sehr empfindlich nennen, wenn sie keine Schmeichelei darin liest (zitierend), »daß man in Herrn Carrels Sätzen von gestern die Loyalität vermisse, die man ihm zuschreiben wolle?«

Girardin: Immerhin wird er sich sagen müssen, daß dieses Mal der Vorwurf nicht ohne Grund war, zumal in der plötzlichen Zuspitzung des Streites, in der notwendigen Hitze des Kampfes.

Paillard: Oh, oh, die Hitze des Kampfes mag später einmal, wenn er vorbei ist, alles entschuldigen. Aber sie pflegt nicht dazu beizutragen, daß die Dinge sachte laufen, noch während sie laufen.

Lautour: Natürlich! Sie haben es immer eilig, Paillard; haben immer Ihre Freude daran, Pulver zu riechen oder einen Degen funkeln zu sehen.

Paillard: Und Sie? Sie etwa nicht?

Lautour: Mein Lieber, es handelt sich nicht um mich 12 und nicht um Sie. Lassen Sie uns unsere Gelüste kalt stellen, bis unser Freund seinen Entschluß gefaßt hat.

Paillard (naiv): Aber nicht er ist ja der Beleidigte! Herr Carrel ist es – –

Lautour: Wir müssen uns klar sein, daß alles noch auf des Messers Schneide steht; und wer es auf die eine oder auf die andere Seite stoßen kann, das ist Girardin, nicht Carrel. Ich kenne ihn gut; ich habe es erfahren, daß er über die hitzigen Jahre hinaus ist. Seit er das letzte Mal mit einem Degenstich im Bauche zwischen Tod und Leben gehangen hat – –

Paillard: Ah, ganz Frankreich zitterte ja um dieses kostbare Leben – Chateaubriand beschwor ihn, der alte Béranger flehte ihn auf den Knieen an, sich niemals wieder der Gefahr, dem Zufall preiszugeben – – Und Sie glauben, daß das im Ernst eine andere Wirkung auf ihn gehabt habe, als seine Eitelkeit zu steigern?

Lautour: Es könnte doch so sein. Er ist, ich will nicht sagen: vorsichtiger geworden, aber bitterer und womöglich noch stolzer. Nicht nur sich selbst, sondern auch seine Freunde versucht er noch mehr als früher am Zügel zu halten; und Sie wissen ja, daß er es war, der mich, keineswegs seinen Freund, mit großer Feinheit und Umsicht davor bewahrt hat, mich mit Véron zu schlagen.

Paillard: Welch ein Grund zur Dankbarkeit!

Girardin: Nun, trotzdem kann man Carrel zu allem haben, wozu man ihn auffordert; auch zum Duell – – und er ist nicht glücklich in Duellen. Er ist überhaupt keineswegs ein glücklicher, ein siegreicher Mensch.

Der Dichter: Er ist ein Hamlet. Dieser Gegner der Romantiker, dieser Kritiker Hernanis und Othellos – – ist der einzige Romantiker in Wahrheit.

Girardin: Jawohl, und das macht alle seine Talente vergeblich (er steht auf)! Gerechtigkeit, Freiheit, Wahrheit – – sehr große Ideen. Sagt man nicht allgemein 13 bei Freund und Feind, daß sie in Herrn Carrel verkörpert seien? Aber sie vermögen nichts zu wirken, eingeschlossen in einen sterblichen Körper; sie sind darauf angewiesen, nur durch die Jahrhunderte zu wirken. Es steckt in jeder Idee etwas Heuchelei, und das weiß Carrel nicht. Er mag sich in die Toga hüllen, so erhaben er wolle, er ist zu Inkonsequenzen verurteilt und wird auch heute noch jedes Duell annehmen, das man ihm nur von fern hinhält.

Duport: Meine Herren, meine Freunde! Sie sprechen von einem Duell, wie unsereins von einer Wagenfahrt am Sonntagmorgen.

Girardin: Wie aber, wenn ein Renkontre mit Carrel – noch besser für uns rechnete als irgendein Posten in unsern kühnsten Prospekten? Wenn dieses Duell hieße: denn wir sind im Recht, vergessen Sie das nicht! – – wenn es hieße: Glorie der »Presse«, Sturm der Abonnenten, Zufriedenheit der Regierung – und eine Dividende für die Aktionäre, die alle Erwartung hinter sich läßt?

Dr. Blanche: Vorwärts, Papa! Was würden Sie in diesem Falle zu dem Duell sagen?

Duport: Ich würde sagen, ich: Herr von Girardin ist ein großer Mann! Denn ich bin mir ja nicht im unklaren darüber, daß er mehr vor hat, als einen Puthahn zu tranchieren, sondern daß er sein eigenes Leben aufs Spiel setzt! –

Girardin (lacht): Böses Auge!

Paillard: Man setzt nicht sein eigenes Leben daran, immer nur das des andern!

Lautour: Seien Sie nicht frivol! Und Sie, Herr Duport, hätten sich hüten sollen, leichthin ein Wort über die Lippen zu lassen, welches – ein Wort immerhin, das –

Duport (schlägt sich mit der Hand vor die Augen): Heiliger Dionys! Ich habe bisher für alle Dinge des Lebens einen guten Blick gehabt, keinen bösen.

Der Diener (meldet): Herr Carrel, Herr Thibaudeau! 14

(Alle sind betroffen. Auch Delphine hat die Meldung gehört; sie legt die Stickerei weg, kommt in die Tür, winkt Paillards Gruße dankend zu, sieht ihren Mann an, der eine Handbewegung macht, wie »selbstverständlich«, und sagt zum Diener: Bitte!) (Der Diener ab.)

Girardin: Das ist – sehr ungewöhnlich.

Duport: Man wird doch nicht etwa jetzt . . .

Dr. Blanche: (klopft dem alten Philister, der sich trotzdem mit mühsamer Lebhaftigkeit erhebt, ein paarmal derb auf die Schulter.)

(Armand Carrel und Adolphe Thibaudeau treten ein. Verbeugungen. Da Delphine ihm einen Schritt entgegen tut, so geht Carrel auf sie zu.)

Carrel: Gnädige Frau . . .

Delphine: Ich freue mich, Sie bei mir zu sehen, Herr Carrel . . .

Carrel: Es hätte früher geschehen sollen, ich weiß, ich bin es, der das Versäumnis zu beklagen hat; aber die Umstände, die mich verhindert haben, waren mächtiger als ich.

Delphine: Leider muß ich darnach annehmen, daß die Umstände, die Sie nun doch hierherführen, von einer besonderen Dringlichkeit sind . . .

Carrel: Es ist so.

Delphine: Wie auch immer. an meinem Willkommen ändert das nichts . . .

Carrel: Ich danke Ihnen. Niemand hat zuviel von Ihrer Güte gesagt.

Delphine: So will ich Ihren Geschäften keinen Augenblick im Wege stehen. Es würde mir eine große, aufrichtige Freude sein, Sie nachher noch einmal begrüßen zu dürfen.

Carrel: Soviel an mir liegt . . .

(Delphine gibt ihm die Hand, die er küßt, desgleichen Thibaudeau. Delphine geht zu ihrem früheren Platz im hinteren Teil des Zimmers, nimmt ihre Stickerei zusammen und verläßt den Raum. Begrüßung zwischen den Herren, die einander kennen, bis auf Duport, den Girardin vorstellt.) 15

Dr. Blanche: Ohne Umstände, Herr Carrel, Herr Thibaudeau, Sie sind nicht hier, um auch nur eine Minute Ihrer Zeit zu verlieren! Kommen Sie, Papa . . .

Duport: Wirklich? Wie schade!

Carrel: Da mein Freund, Herr Thibaudeau, die Güte hatte, auf meine Bitte hin, mich zu begleiten, und Sie, Herr von Girardin, ihm erlauben, an unserer Unterhaltung teilzuuehmen, so wäre es Ihnen vielleicht erwünscht, auch einen Ihrer Freunde hinzuzuziehen.

Girardin (lächelnd): Ich danke Ihnen, das ist sehr gut. Lautour wird mein Sekundant sein.

Duport (im Abgehen): Haben Sie dieses Wort gehört, Doktor? Ein schreckliches Wort . . .

Der Dichter: Ein schreckliches Wort! Aber er behält dabei sein Lächeln im Gesicht, das Lächeln eines Mannes, dem auf der Straße der Schirm hinfällt. Herr Carrel, meine Herren . . .

Girardin: Sie gehen noch zu meiner Frau, hoffe ich, und nehmen Sie Paillard mit!

(Es bleiben: Girardin, Lautour, Carrel und Thibaudeau.)

Girardin: Wollen wir uns setzen. (Sie setzen sich; Carrel und Girardin vorn.)

Carrel: Ich kenne das Ungewöhnliche meines Besuches – –

Girardin: Sie, Herr Carrel, haben das Recht, Ungewöhnliches zu tun – –

Carrel: Nicht deswegen; oh, nicht deswegen. Es ist ein Mißverständnis zwischen uns; und nur an uns liegt es, ob mehr daraus werden soll. Man hat mir erzählt, daß in der Stadt viel Eifer sich in Bewegung setzt, mehr daraus zu machen. Aber es scheint mir, daß wir das niemandem überlassen sollten, keiner Begierde noch Aufregung, keiner Schadenfreude, keiner der Mächte, die auf diese Weise uns nur zu Schauspielern ihres ewig offenen Theaters haben würden. 16

Girardin: Sie sprechen hiermit geringschätziger von der öffentlichen Meinung, als ich mir von ihr zu denken erlaube. Wenn diese öffentliche Meinung in der Tat, wie Sie sagen, von uns etwas – verlangte, irgend etwas – auch nur voraussetzte, was ihr zum Austrag irgendeines – Prozesses notwendig erschiene, so würde ich mich für verpflichtet halten, sehr genau hinzuhören, sehr gewissenhaft zu prüfen. Aber ich habe bisher weiter nichts vernommen als Beifall und Mißfallen zu Ihren und meinen Zeitungsartikeln.

Carrel: Um so besser; wir haben also diese Rücksicht weder hoch noch niedrig zu achten und können die Klarheit zwischen uns herbeiführen, an der mir liegt.

Girardin: Ich brauche nicht zu versichern: auch mir. Ein Streit mit Ihnen, Herr Carrel, oder sein Gegenteil, beides scheint mir gleich ehrenvoll für mich.

Carrel: Das kann ich nicht umhin überraschend zu finden, (fragende Gebärde Girardins) nach einem Satz in Ihrem Artikel von heute morgen. Es ist der Satz, worin Sie von der Ehrenhaftigkeit zu sprechen belieben, die man mir zuschreibt, eine Ausdrucksweise, die den Schluß zuläßt, daß Sie selbst, Herr von Girardin, sich außerhalb dieser allgemeinen Annahme meines guten Rufes stellen.

Girardin (kleine Pause): Es ist, sofern ich die Sprache richtig verstehe, kein Schluß, der notwendigerweise aus meinem Satz zu ziehen ist.

Carrel: Gewiß nicht, denn sonst wäre ich nicht hier.

Girardin: Bevor wir diesen einen Satz, ja dieses eine Wort untersuchen, scheint es mir unvermeidbar, vorerst die Entwicklung der ganzen Situation, die sich so überraschenderweise zugespitzt hat, zwischen uns beiden festzustellen.

Carrel: Ja, das müssen wir wohl.

Girardin: Ich sage: überraschenderweise; denn als ich die Prospekte meiner Zeitung verbreitete, als ich darnach sogleich eine Schar von entrüsteten Kollegen wie eine Hornissenschar um mein Gesicht, meinen Nacken und meine 17 Hände fühlte, da waren Sie, Herr Carrel, zu meiner Freude nicht unter meinen Gegnern.

Carrel: Ich war es doch und werde Ihnen die Gründe nicht verhehlen. Aber freilich widerstand es mir, mich in den Zank um die kaufmännischen Kalkulationen zu mischen, um die Ertragsmöglichkeit des geschäftlichen Unternehmens, um den höheren oder geringeren Preis des Zeitungsabonnements.

Girardin: Und doch muß ich darauf bestehen, daß dieser von Ihnen so geringschätzig beiseite geschobene Gegenstand nicht bloß den Anlaß, sondern die eigentliche Materie unseres Zwistes ausmacht. Ich habe den Preis der Zeitung von 80 auf 40 Franken herabgesetzt und unserm Publikum klargemacht: entweder die Zeitung braucht einen Preis von 80 Franken, dann sind ihre Verwalter ohne Talent; oder sie kann mit 40 auskommen, dann schröpft sie die Käufer. Das war mein ganzes Verbrechen.

Carrel (lächelnd): Nicht das ganze.

Girardin: Ich gebe zu, daß auch meine übrigen Reformen den Herren unbequem sind. Wie jener General, der den Krieg sich durch den Krieg ernähren ließ, habe ich den Anfang damit gemacht, daß die Presse sich durch sich selbst ernährt, daß die Zeitung aus dem Kinderlaufkorb springt. Ich verrechne mich nicht: ich werde das Annoncenwesen auf eine selbst von meinen Freunden noch nicht geahnte Höhe bringen. Ich werde durch Romane die Frauen von Nummer zu Nummer fiebern lassen. Ein tägliches Feuilleton wird die Schwerfälligkeit der Belehrung in Geist und Witz auflösen und so das undankbarste Geschäft zum dankbarsten machen. Nicht lange, und man wird eher das Brot entbehren können als die Zeitung auf dem Morgentisch. Leider sind alle Leute von Zunft immer gekränkt, wenn man sie aus ihrer Gewohnheit aufjagt; und auch Herr Capo de Feuillide, dem es beliebte, seine vier Artikel gegen mich abzubrennen, ist ein Mann der Gewohnheit – wenn er sie auch ziemlich häufig wechselt. 18

Carrel: Diese Artikel Capos gegen Ihren Prospekt sind nicht in meiner Zeitung erschienen.

Girardin: Es ist mir bekannt, daß auch andere Leute Ihres Kreises die Artikel Capos nicht gebilligt haben; sogar Louis Blanc nicht, obgleich er von der Zeitung so hoch denkt, daß er sie »einen heiligen Opferdienst« nennt – beiläufig, etwas übertrieben.

Thibaudeau: Auch ich, Herr von Girardin, war gegen Capo. Aber ich sage das rein um der Wahrheit willen, nicht um Sie Ihren ungerechten persönlichen Ausfall gegen mich, in Ihrem Artikel von heute früh, bereuen zu lassen.

Girardin: Mit der Reue, mein verehrter Herr, habe ich es nie sehr eilig.

Thibaudeau: Um so weniger fühle ich mich dem Verdacht ausgesetzt, als wollte ich für mich gut Wetter machen. Ich erkläre noch einmal: Ihr Angriff gegen mich war ungerecht – aber ich habe Capos Vorgehen nicht gebilligt.

Lautour: Ich fürchte, wir kommen vom Thema ab . . .

Carrel: In der Tat, es nützt uns wenig, festzustellen, daß Herr Blanc und Herr Thibaudeau gegen die Artikel Capos waren; andere waren dafür. Was hier aufgeregt wurde, das war die Sorge um Prinzipien. Mochte dieser oder jener sich selbst mißverstehen: es handelte sich bei jedem von uns um etwas mehr als um die Billigung oder die Bekämpfung Ihres Kalkuls.

Girardin: Wohl! Und so hätte ich es verstanden, wenn Sie die ganze Wucht Ihres Talentes und Ihres Namens gegen mich eingesetzt hätten. Aber statt dessen haben Sie geschwiegen und Capo Unsinn schreiben lassen – – Unsinn? Ein Mann von Ihrem Feingefühl weiß, daß es Schlimmeres war. Es war Beleidigung und Verleumdung.

Carrel: Ich könnte hierauf einfach erwidern, daß ich nicht Meister und Vormund Capos bin.

Girardin: Es handelt sich also um Capo. Gut! Was habe nun ich getan? Ich habe ihn verklagt, ich habe den Beleidiger 19 verklagt. Gestern sollte der Prozeß verhandelt werden; und gestern erscheint im »National«, in Ihrer Zeitung, von Ihnen geschrieben, ein kleiner Artikel, oh, sehr beiläufig, sehr von oben herab, worin Sie sich in einem Tone, dessen kränkende Gewalt nicht unbeabsichtigt gewesen sein kann, auf Capos Seite stellen, auf die schlechte Seite.

Carrel: Nicht auf Capos Seite, aber nicht auf die schlechte Seite. Welche Genugtuung immer Sie von Capo einzutreiben hatten, eine ihrer Formen war Ihnen verwehrt: Sie durften ihn nicht verklagen! Denn Sie, Herr von Girardin, sind Abgeordneter. Sie genießen nach unserer Verfassung diesen ehrenvollen Schutz, daß niemand Sie vor die Gerichte ziehen kann; und so durften Sie – ich spreche von keinerlei persönlichen Pflichten, sondern von denen unseres gemeinsamen Standes – Sie durften gegen einen Journalisten nicht mit einer Waffe kämpfen, die er gehindert ist, gegen Sie zu wenden.

Girardin (ganz kleine Pause): Man hat mir erzählt, daß Sie . . . dem Austrag von Streitigkeiten durch die Waffe . . . nicht mehr so geneigt seien wie früher.

Carrel: Man hat Ihnen damit keine Unwahrheit erzählt. Und Sie, die Sie mehr als ein Duell mit Bravour ausgefochten haben, brauchten wahrlich den Verdacht nicht zu fürchten, als fürchteten Sie die Waffe. Waffe! Ihre Waffe ist die Feder, aber besser wäre noch der Degen gewesen, als daß Sie an die Gerichte gingen. Sie kennen den ganzen furchtbaren Kampf, den wir um die Freiheit der Presse führen mußten und noch heute führen müssen; Sie selbst waren gegen die Septembergesetze – –

Girardin: Aber jetzt sind sie Gesetz! Auch Sie werden eines Tages die Revolution für abgeschlossen erklären müssen.

Thibaudeau: Der »National« hat in drei Jahren vierzehn Prozesse gehabt, die Summe seiner Geldstrafen ist außerordentlich, Herr Carrel selbst hat viele Monate im Gefängnis zugebracht, von anderem zu schweigen. Wort und Tat, die dieser Praxis zustimmen, stimmen einem System zu, 20 das jeden Gedanken ermorden kann, wenn es ihm beliebt; das jeden Angriff, ja jede Anspielung auf den König, jede mißfällige Theorie unter Strafe stellen und alles, was ihm als Aufreizung zu definieren erwünscht ist, vor Ausnahmegerichte bringen kann. Ist das der Erfolg der Revolution?

Girardin: Die Antwort, die Sie jetzt von mir erwarten, kann ich nicht geben! Sie erwarten von mir Verlegenheit, schlechtes Gewissen und dergleichen; ich bin darüber hinweg. Denn, Herr Carrel, die Freiheit der Presse, um die man sich so eifrig seit Jahrzehnten bemüht, um die man kämpft und leidet, die werde ich – – schaffen. Die Zeitung, die ich mir denke, und die ich machen werde, die wird aus eigener Vitalität sich erobern, was sie auf andere Weise immer nur als ein Geschenk von der Torheit der Machthaber erwarten kann.

Carrel: Das wird eine trübe Freiheit sein, diese erschlichene Freiheit.

Girardin: Der ganze Teig muß gären, und wenn er Jahrhunderte gärt.

Carrel: Man muß nicht für die Jahrhunderte sorgen.

Girardin: Das sagt der Idealist?

Carrel: Es ist dem Idealisten nicht um Jahrhunderte zu tun. In hundert Jahren kann die Welt kosakisch oder amerikanisch sein, und dann wäre alles, was ein Franzose ihr zu sagen, zu wünschen oder zu geben hat, ausgelöscht; sollen wir uns schon deshalb heute auf diese Möglichkeit einrichten? Was den wahren Ruhm eines Mannes ausmacht, gehört nicht dem Weiten und Ungewissen.

Girardin: Ich glaube, jeder Ruhm ist wahrer Ruhm; das liegt in der Natur des ganzen Begriffes.

Carrel: So lassen wir den Ruhm und besinnen uns auf das immer Gültige, auf unser unbestechliches Herz. Sie haben mich unter den Gegnern Ihres Prospektes vermißt; ich sagte schon einmal: ich bin darunter. Aber nicht weil ich Ihren Kalkul für falsch, sondern weil ich ihn für richtig halte. 21

Girardin: (Auch Lautour und Thibaudeau machen Gebärden der Überraschung.)

Carrel: Ja, Ihre Rechnung stimmt, sie stimmt nur allzu gut! Ich sehe Ihren Erfolg voraus. Sie werden die Zeitung zur Herrschaft bringen – – aber es wird die Herrschaft des Eunuchen über den Sultan sein. Schon jetzt erfahren wir es täglich, wie schwer es ist, unsere Leser zu führen, streng gegen sie wie gegen uns selbst; und so werden wir es uns bequem machen und sie verführen. Ja wirklich wie Kuppler, nicht einmal wie Dirnen. Jedes Volk ist leicht über sich selbst zu betrügen, und nicht zum wenigsten das französische. Es wird zu Ende sein damit, daß eine Idee ihr ächtes Wachstum lebt, ihre Wahrheit erprobt, ihr Schicksal erfährt, denn die neue wird es eilig haben. Wir werden in Masse jene Menschen hervorbringen, in deren unendlicher Leere jeder Gedanke Platz hat, weil sie von keinem den Ursprung und die Konsequenz wissen, weil sie sich um keinen gemüht, um keinen sich etwas versagt haben; es wird nur ein Müßiggang mehr sein, sich zu unterrichten. Wir werden alles sammeln und alles verwirren und unsern Profit noch vom Tode Gottes ziehen. Noch hat alles sein bißchen ehrlichen Wert, sogar die Dummheit, sogar die Schlechtigkeit. Aber wenn nur erst die Zeitung gesiegt hat! Sie wird alles zur Ware machen, alles zum Wettbewerb, alles zum Fang von Kunden. Sie wird alles Schlechte verfechten – –

Girardin: Und alles Gute!

Carrel: Und alles Gute, zum noch schlimmeren Schaden, niemand wird mehr wissen, was gut ist und was schlecht ist. Wie denn? Die Zeitungen dieses neuen Stils, im Besitze von Geldmännern wie jede andere Industrie, zu den täglichen Überraschungen gezwungen, die Sie uns versprechen, die werden ja einander überschreien müssen, und sie werden die Ohren und die Seelen so abstumpfen, daß alles Menschliche sein Gewicht verliert. Sie werden das Edle und 22 Tiefe bekämpfen und ihm dadurch seine Frische und sieghafte Heiterkeit verbittern, und nach einer Weile werden sie es in ihre Spalten aufnehmen, hoch bezahlen und es dadurch vollends zugrunde richten. Und alles das, wie in einer Arena, vor den Augen eines schadenfrohen Pöbels. Ich sehe die Zeit heraufkommen, wo es genügen wird, ein paar Fremdwörter falsch zu verstehen, um ein gebildeter Mann zu heißen.

Girardin: Der Gelehrte spricht aus Ihnen, der Geschichtsschreiber der englischen Revolution, der Freund und Gehilfe Thierrys. Es kommt nicht soviel aufs Verstehen an, wie man allgemein glaubt; und übrigens – was ist denn die Bildung der Gebildetsten anderes, als ein Mißverständnis von ein paar Fremdwörtern? Zum Beispiel Gott, Welt, Ewigkeit und Himmel und Hölle . . .

Carrel: Dann ist es mit der Bildung der Gebildetsten nicht gut bestellt, und es wäre an uns, ihnen die mißverstandenen und mißbrauchten Fremdwörter zu verleiden.

Girardin: Eine Aufgabe auch vielleicht für Jahrhunderte! Die Zeitung wird sie besser lösen, als alle Philosophen es vermocht haben.

Carrel (beugt sich über den Tisch, spricht mit einer veränderten Stimme, so, als wäre jede Spur von Debatte aus ihr weggewischt): Erlauben Sie mir auf eine Viertelstunde. dieses nicht für Zynismus zu halten. Der ganze Teig soll gären, haben Sie vorhin gesagt. Auch Sie wollen also das Brot, auch Sie wollen die Wahrheit! Wer sie aber anerkennt überhaupt, der muß einverstanden damit sein, daß sie in jedem Augenblick gilt, nicht nur für die Zukunft. Dann gibt es keinen Zweck, der die Mittel heiligte.

Girardin: Und so glauben Sie, ich werde mich in einer Viertelstunde überzeugen lassen? Pläne womöglich, voll Saft, im Stiche lassen, und morgen greift eine ungeschicktere Hand als die meine sie auf und verhunzt sie?

Carrel: Denken Sie das Unwahrscheinliche: ich habe 23 wirklich Augenblicke, wo ich aufhöre, ein Menschenkenner zu sein, und wo mir, wie in einer Zerstreutheit, zumute ist, als müßte ein Wort seine Stätte finden.

Girardin: Das ist zu groß von den Menschen gedacht – und zu klein von mir.

Carrel (schüttelt den Kopf, dann wieder mit seiner gespannteren Stimme): Meine Viertelstunde ist um, noch ehe sie angefangen hat. Verzeihen Sie die Abschweifung, Herr von Girardin; aber nötig war auch die vielleicht, um klar zu machen, worum es mir eigentlich geht, und worin meine Gegnerschaft gegen Ihre Entwürfe begründet ist.

Girardin: Ich frage Sie wieder, warum Sie das nicht alles geschrieben haben, warum Sie nicht verhindert haben, daß ein anderer das Niveau verschob und ich erst Herrn Capo anfassen mußte, ehe Sie herauskamen.

Thibaudeau: Erleichtert es die Situation, wenn ich – über deinen Kopf hinweg, Carrel – wenn ich verrate, daß Herr Carrel seinen kleinen Artikel erst nach wiederholtem Aufschub, auf das Drängen des Sekretärs L'Héritier, flüchtig, plötzlich und fast überrumpelt geschrieben und das nasse Blatt in die Druckerei gegeben hat?

Lautour (schnell): Dieses ist eine formelle Entschuldigung.

(Carrel und Girardin sehen einander lange und wie in einem stummen Kampfe an.)

Carrel: Ich habe nichts gegen eine solche Auffassung, vorausgesetzt, daß auch Sie – –

Girardin: Da Herr Thibaudeau für Sie gesprochen hat, so Herr Lautour für mich. (Er verbeugt sich vor Carrel, darnach vor Thibaudeau.)

Thibaudeau: In dem Augenblick, wo Herrn Carrels Artikel nachträglich ausgeglichen wird, bedarf auch der Ihrige von heut früh einer Revision.

Girardin: Gewiß! Wir werden eine Form suchen . . .

Thibaudeau: Vor der öffentlichen – Zurechtrückung bedarf es einer privaten. Herr Capo, der Ihre Rechnung 24 nachzuprüfen unternahm, war so leichtsinnig, Ihnen den Bankerott zu prophezeien; aber Ihr Gegenhieb traf nicht Herrn Capo, sondern mich. Gegenüber dem Bankerott, den man Ihnen voraussagt, machen Sie die versteckte und um so empfindlichere Andeutung . . . von Bankerotten, die auf unserer Seite schon eingetreten seien, und drohen uns, die Öffentlichkeit damit zu unterhalten. Sie künden die »Biographien« einiger von uns an. Ich weiß, daß ich es bin, auf den Sie zielten. Es ist wahr, ich bin der Leiter einer geschäftlichen Unternehmung gewesen, die zugrunde ging; es ist wahr desgleichen, daß ich mein Vermögen in dem Zusammenbruch Lafittes mit habe verschwinden sehen. Wir alle wissen, daß es einen ehrenhafteren Bankerott nie gegeben hat – meinen Namen anzutasten hat noch keiner gewagt.

Girardin: Auch mir liegt es fern. Halten Sie mir zugute, daß ich mit Grund gereizt war, und daß ich Sie alle für solidarisch nahm; ein Irrtum ohne Zweifel. Ich bedaure ausdrücklich diese Anspielung – aber mache ich sie nicht schlimmer, wenn ich sie öffentlich zurücknehme?

Lautour: Vielleicht sollte man in aller Interesse dem Vergleich eine so allgemeine Redaktion geben, daß jede Einzelheit mit ausgelöscht würde.

Girardin: Wenn das Herrn Thibaudeau genügt?

Thibaudeau: Ja.

Lautour: Man müßte also eine öffentliche Erklärung abgeben, etwa des Inhalts – –

Girardin: Ich improvisiere eine solche, und zwar schlage ich vor eine gemeinsame, gleichlautende für die »Presse« und den »National«.

Carrel: Würde es nicht ausreichen, daß wir ein jeder die seine, in seiner Zeitung, am selben Tag, an derselben Stelle des Blattes druckten?

Girardin: Das hat für mich nicht den gleichen Wert.

Carrel: Aber es erleichtert uns die Formulierung. Wir 25 könnten uns auf ein Minimum beschränken, und der Akt würde für sich selber sprechen.

Girardin: Das ist in der Tat ein Vorteil. Und übrigens werde ich es dadurch als persönliches Vergnügen genießen, das eine mißverständliche Wort, das zwischen uns stand, richtig zu interpretieren. Ich habe von der Loyalität gesprochen, die jeder an Herrn Carrel kennt – und deren besonderen Adel empfunden zu haben mir den heutigen Tag zu einem wichtigen macht.

Carrel (verbeugt sich): Ich bin Ihnen schuldig und selbstverständlich bereit dazu, Ihnen die Fassung meiner Erklärung vorzulegen.

Girardin: Ich werde dasselbe mit der meinen tun.

Lautour: Das müßte wohl noch bis heute abend geschehen. Treffe ich Sie, Herr Thibaudeau, in Ihrer Redaktion?

Thibaudeau: Es ist sehr gütig, daß Sie sich bemühen – aber ich bin ja leider wirklich der ältere von uns beiden.

Girardin (nach einigem Zaudern): Ja, so geht es.

Carrel: Gern würde ich mich auch von Frau von Girardin verabschieden.

Girardin: Sie erwartet das! Lautour ist so freundlich, sie zu holen. (Lautour geht nach hinten ab. Girardin spricht das Nächste mit einer gewissen Bonhomie.) Sie werden über kurz oder lang eine eigentümliche Schwierigkeit haben, Herr Carrel. Sie werden weiter natürlich nicht bloß der Gegner meiner Politik, sondern auch meines Blattes sein. Aber um es zu bekämpfen, dessen bin ich sicher, werden Sie seinen Typus annehmen müssen.

Thibaudeau: Es gibt Indianer, die sich eine Hirschhaut überziehen, wenn sie Hirsche beschleichen.

Carrel: Wir wollen es aber noch eine Weile ohne die indianische Praxis versuchen.

(Delphine, der Dichter, Paillard und Lautour treten ein). 26

Delphine (prüft erst ihren Mann und Carrel mit dem Blick und nickt erfreut und befriedigt. Sie geht lebhaft auf Carrel zu und gibt ihm die Hand): Während Sie hier – ich weiß nicht über was disputierten, haben Sie eine Wette zu meinen Gunsten entschieden.

Carrel (lächelnd): Wurde um uns gewettet? Ich wollte, wir könnten alle unsere Angelegenheiten so fassen und rücken, daß immer noch ein Anlaß zur Heiterkeit darin bleibt.

Delphine (den Dichter präsentierend): Hier unser Freund, der ein Menschenkenner von Beruf ist, hat behauptet: es dauert lange, sie werden sich zanken. Ich dagegen bestand darauf: es dauert lange, sie werden sich vertragen. Bei der Zusammenkunft zweier weiblicher Rivalen hätte ich umgekehrt entschieden.

Carrel: Das halte ich für eine Wahrheit, und das macht den Frauen Ehre.

Der Dichter: Ich halte es für eine der Bosheiten über die Frau, wie gerade Frauen sie auszusprechen lieben; sie sind dabei in der angenehmen Lage, uns zürnen zu können, wenn wir ihnen zustimmen, und wenn wir ihnen widersprechen.

Delphine: Auch wenn Sie uns nur ein Kompliment haben machen wollen, glaube ich doch, daß Sie, Herr Carrel, nicht ohne Grund so denken.

Carrel: Die Frauen wissen auf den ersten Blick, woran sie miteinander sind, und eigentlich kann darnach die Sprache sie nur verwirren. Wir sind immer im unklaren miteinander, ja mit uns selbst, wir brauchen eines Vormunds – den gibt alles das ab, was seit ein paar Jahrtausenden uns vorgedacht wurde, und so können wir uns, von wo wir auch kommen, an einem Punkt zusammenfinden und uns verstehen. In Wirklichkeit verstehen wir dabei einer den andern nicht, aber jeder von uns versteht den pythagoreischen Lehrsatz.

Delphine: Man untersuche nur genau jedes Kompliment, 27 das ein Mann den Frauen macht; und wenn es über das Banale hinausgeht, wird man eine Bosheit finden.

Girardin: Du tust Herrn Carrel unrecht; erinnere dich, daß im achtzehnten Jahrhundert unsere Damen viel Mathematik verstanden.

Delphine: Ich leider nicht. Aber ich tue Herrn Carrel nicht unrecht. Herr Carrel hat mir eine große Freude bereitet, und ich weiß, welcher seiner Eigenschaften ich sie verdanke. (Wieder zu Carrel gewandt.) Ich habe die Bemerkung gemacht, daß bei Menschen von Geist die Lippen und die Augen meistens in einem Widerspruch zueinander stehen; es gibt nur wenige Ausnahmen von dieser Regel, und das sind die Menschen – – mit einem freien Herzen. (Sie reicht ihm die Hand, die er küßt.)

Carrel (indem er die Haltung des Sichverabschiedens annimmt): Wie großmütig Sie sind! Und wenn ich für nichts in mir gut stehen kann – ein Wort, welches wärmt, vergesse ich nicht.

Delphine (gibt ihm wieder die Hand und sagt mit liebenswürdigstem Lächeln): Ich rechne darauf, daß es nicht weitere drei Jahre dauert, bis ich Sie wiedersehe.

(Carrel und Thibaudeau verabschieden sich; Carrel von allen, außer von Paillard, mit Handgeben; zu Lautour spricht er dabei ein Wort des Dankes; Thibaudeau macht nur seine Verbeugungen vor Delphine, vor Girardin und eine vor den übrigen insgesamt. Sie gehen. Pause.)

Paillard: Was war das? Das sah aus wie eine Verbrüderung. So ist also alles in Ordnung gebracht – was Sie Ordnung nennen, Lautour. Darf man die Bedingungen wissen?

Girardin: Erhitzen Sie sich nicht, Paillard; Sie werden zur rechten Zeit alles hören. – Was meintest du mit den drei Jahren, Delphine?

Delphine: Das war ein Geheimnis, lieber Freund. Ich habe einmal vor drei Jahren Carrel zu meinen Abenden eingeladen, aber er schrieb, sehr höflich allerdings, ab. 28

Girardin: Nachgetragen hast du es ihm nicht; du warst sehr freundlich gegen ihn.

Delphine: Man muß einem Manne nur in der Art schmeicheln, als wäre man ein wenig verliebt in ihn, dann wird er sogleich gerührt und umgänglich. Auch hieße es ja ihn verachten, wenn es nicht ein wenig wahr wäre. (Girardin lacht.)

Der Dichter: Ich kann mir denken, warum er damals nicht zu Ihnen gekommen ist.

Delphine: Nun? Warum?

Der Dichter: Weil er ein treuer Mann ist und auch in der Treue leidenschaftlich.

Delphine: So hätte er doch erst recht keine Gefahr zu fürchten.

Paillard: Der Meister hat es trotzdem getroffen. Ha, Euer Carrel! Ein Römer – die verdrießlichste Sorte von Römer, ein Cato; und also auch eine Art Christ. Und darum hat er sich gehütet, Sie anzusehen – denn er hätte damit schon die Ehe gebrochen in seinem Herzen.

Delphine: Zitieren Sie nicht Evangelien!

Lautour (fast gleichzeitig): Aber er ist ja gar nicht verheiratet. (Alle lachen.)

Girardin: Nein, das ist er nicht, und scheint infolgedessen von seiner Ungebundenheit mehr eingebüßt zu haben, als jede Ehe fordern würde.

Paillard: Sie war die Frau seines Bataillonskommandeurs. Er weiß ganz gut, warum er seine »Biographie« einstweilen vermeiden möchte. Mich wundert – ich will nicht einmal davon reden, daß er auf den Einfall kam, aber daß es ihm gelungen ist, die Dame seines Herzens so im Verborgnen zu halten: es gibt viele, die von dem Verhältnis nichts wissen. Gesehen hat sie außer seinen nächsten Freunden keiner.

Delphine: Sogar Sie nicht.

Paillard: Sogar ich nicht. 29

Der Dichter: Ich aber habe die beiden gesehen.

Delphine: Ei! Das müssen Sie erzählen.

Der Dichter: Genauer ausgedrückt, ich habe sie einmal belauscht; und es war da etwas, was mir einen großen Eindruck gemacht hat. Es war an einem Spätabend des vorigen Sommers, in den Gärten von St. Cloud. Und ich sah die beiden Menschen – die mich nicht bemerkten – nebeneinander auf einem der Steige hergehen, und in beiden war das – jener Augenblick des Zitterns und der zärtlichsten Zurückhaltung von Liebenden, weil jedes fürchtet, durch ein lautes Wort, ja durch eine entschiedene Gebärde prosaisch zu werden – – Dann verabschiedete er sich von ihr, und sie sah ihn dabei natürlich an und sah ihm nach. Das müssen Sie aber nun sehr wörtlich nehmen: sie sah; sie war eine sehende Frau. Das nämlich ist etwas ungeheuer Seltenes, dieses Sehen, wie ich es meine. Ganz wenige Menschen, ganz wenige Frauen sehen; die Zerstreutheit ist zu groß.

Paillard: Nach wieviel –? nach fünfzehn Jahren alles Mögliche.

Der Dichter: Daß dieses Verhältnis zur Heimlichkeit verurteilt ist, hat Carrel vielleicht noch spröder gemacht, als er von Natur wohl wäre. Denn damit haben Sie recht, Delphine, ein freies Herz – das ist er.

Delphine: Ich wollte sogar noch etwas Stärkeres sagen, ich meinte: ein Genie!

Der Dichter: Freiheit ist sein Element so sehr, daß, ich glaube, er sich wundert, warum die Pferde unsere Wägen ziehen.

Girardin: Es ist doch merkwürdig, wie – – ja wie überschwänglich man immer von dem Feinde spricht, mit dem soeben ein Streit versöhnlich ausgegangen ist. Es scheint, als ob uns der versöhnte Feind näher stünde als der Freund, der das Verdienst nicht vorweisen kann, uns gekränkt zu haben. 30

Delphine (nimmt ein Schreibtäfelchen hervor): Ausgezeichnet! Darf ich mir diese Bemerkung notieren? (Das ist im Ernst gesprochen.)

Girardin (sachlich): Wenn du sie brauchen kannst, selbstverständlich.

(Während Delphine in der Tat in ihr Büchlein schreibt, geht Girardin an den Schreibtisch und legt sich Papier usw. zurecht.)

Delphine (blickt auf): Du hast noch zu arbeiten?

Girardin: Laß mir ein paar Minuten mit Lautour; ich habe mit Herrn Carrel eine Erklärung verabredet – aber bleiben Sie auch hier, Paillard!

Delphine (gebt zu ihrem Manne, legt ihm die Hand auf den Arm). Darf ich drin sitzen?

Girardin: Wenn du nicht zu genau herhörst – – (sie lächeln einander zu, Delphine geht in das hintere Zimmer, und der Dichter folgt ihr. Man sieht sie ihre Arbeit aufnehmen.)

Girardin (setzt sich an den Schreibtisch; Paillard und Lautour an den vorderen Tisch. Pause, während der Girardin schreibt; dann dreht er sich zu den beiden her): Lautour, es war abgemacht, daß es in dem Streit zwischen Herrn Carrel und mir keinen Sieger geben dürfte.

Paillard (fährt in die Höhe): Es gab einen in demselben Augenblick, in welchem Herr Carrel hier hereintrat, und der waren Sie.

Girardin: Es scheint aber, als er hinausging, daß er der Sieger war, und das würde gegen die stillschweigende Abrede sein. Wenn ich mir – dieses Gespräch –, das wir hier eben unter uns Freunden gehabt haben –, wenn ich mir das vorstellen müßte – ungefähr als ein Abbild von dem, was morgen die allgemeine Stimmung von Paris ist, so bin ich mit dem Resultat für mich nicht ganz zufrieden.

Lautour: Dies Bedenken ist mehr als widerlegt, wie auch Paillard sagte, durch Ihren Triumph, daß er kam. 31

Girardin: So glaubte ich auch, und so rechnete ich; aber nun bin ich doch zweifelhaft geworden. Warum, frage ich mich immer wieder, ist er gekommen? Aus Rücksicht auf jene Frau, aus Furcht, daß wir ihren Namen an den seinen heften könnten? Das kann für Carrel nicht der Grund gewesen sein; das ist höchstens der Grund, den er sich vormacht.

Lautour: Ich habe schon vorhin erwähnt. daß Carrel sich mehrfach Mühe gegeben hat, Duelle zu vermeiden.

Girardin: Wäre es das, das hätte er einfacher erreichen können; er braucht mich ja bloß nicht zu fordern. Und wenn ihm der Anlaß zwingend erschien, so hätte er mir schreiben oder einen Mittelsmann schicken können. Warum ist er gekommen?

Paillard: Aus Hochmut!

Girardin (zuckt zusammen, wirft einen bösen Blick auf Paillard, dann beruhigt er sich wieder zur Kälte): Vielleicht doch nicht aus Hochmut. Vielleicht ist er schwächer, als wir alle glauben. Ich halte, ganz objektiv gesprochen, seinen Schritt für einen Fehler – und ich muß mir doch noch (er schiebt das Papier zurück) überlegen, wie ich – als Politiker bin ich dazu verpflichtet – seinen Fehler ausnutze.

Paillard (springt begeistert in die Höhe).

Girardin: Ich glaube, dieser Tag ist noch nicht zu Ende. Ich werde ihm einen Pfeil durch den rechten Flügel schießen. (Er steht auf.)

 
Der Vorhang fällt. 32

 

Zweiter Akt

(Abend desselben Tages. Bei Carrel. Carrel sitzt am Schreibtisch, überliest ein eben geschriebenes Blatt, faltet es und siegelt es; darauf legt er es in eine Schublade des Tisches. Er steht auf, bleibt einen Augenblick in Nachdenken versunken, geht dann zu einer Tür der Hinterwand und öffnet sie. Sogleich tritt ihm daraus Eliza entgegen, und Carrel schließt hinter ihr die Tür.)

Carrel: Du hast gewartet?

Eliza: Nichts als gewartet, Armand; nur am Tisch gesessen und gewartet –

Carrel: Das ist kein angenehmes Geschäft, Eliza, und man wird unruhig davon.

Eliza: Heute, mein lieber Armand, brauchte ich nicht erst unruhig zu werden.

Carrel: Klingt es immer noch nach? Bist du die Sorge immer noch nicht los? Ich habe dir wirklich von dem ganzen Verlauf dieses Besuches nicht das Geringste verschwiegen.

Eliza: Daran habe ich nicht gezweifelt. Du wirst nie unser Abkommen verletzen, die volle Wahrheit mich wissen zu lassen in allen Dingen, die mich angehen, und das sind alle, die dein Glück, deine Kraft, deine Heiterkeit angehen. Ich weiß, was unser Zusammenleben, was deine Treue zu mir dich kostet, ich weiß, wie sehr sie dich vor der Öffentlichkeit bindet und klemmt – –

Carrel: Du sollst davon nicht sprechen, Eliza.

Eliza: Wenn ich denken müßte, daß du noch mehr an mir zu tragen hast, als zwischen uns zu Worte kommt, so würde ich vor dir ein Schuldgefühl haben, und das darf nicht sein, nicht wahr, Armand? 33

Carrel: Du sollst nicht so sprechen, Eliza. Es ist falsch, daß du glaubst, unser Zusammenleben mache mich unfrei vor der Öffentlichkeit. Du mußt dir durchaus klar vor Augen halten, daß diese rohen Verhältnisse, diese groben und erlogenen Umstände, die uns die Eheschließung unmöglich machen, kein Zufall, nichts Abseitiges in meinem sonstigen politischen Kampfe bedeuten. Daß deine erste Ehe nicht geschieden werden kann, und also ein Mensch wie du zu einer zweideutigen Stellung, zur Dunkelheit und Verborgenheit gezwungen ist, das ist nicht bloß ein Unglück – –

Eliza: Es ist kein Unglück.

Carrel: Nein, es ist keins. (Er küßt sie auf die Stirn.) Um so mehr ist es ein Unrecht; es gehört mit zu dem Unrecht, gegen das ich kämpfe. In unserer Zeit, in einem Lande, dessen Regierung durch Revolution zur Macht gekommen ist, bei unserm Stande der Religion, der Gesellschaft, der Sittlichkeit, die Ehescheidung zu verbieten, das ist eine Heuchelei, wie sie lächerlicher nicht zu denken ist. Wär' es Moral! Ich würde mich auch in das strengste Gesetz zu fügen wissen. Aber es ist nichts als Heuchelei, und allmählich ist sie ganz grotesk geworden und fletscht die Zähne, wie eine boshafte Äffin. Die Tugend erlaubt unserer edlen Königin nicht, die Ehescheidung zu bewilligen; aber sie hat ihr erlaubt, die Hure und Mörderin des letzten Condé zu empfangen; und jetzt hat sie, diese erhabene Königin, sogar das Vermögen dieses selben ermordeten Condé für ihren Sohn angenommen. Was in alledem mich empört, würde es nicht minder tun, auch wenn es dich und mich nicht träfe. Und darum darfst du an die Sorge, daß du mich irgendwo und irgendwie hindertest, niemals einen Gedanken setzen. Du weißt, Eliza, daß du mich stärkst – in allem.

Eliza (streichelt seine Hand). Immer glaubt man, und einmal zweifelt man doch. Vorhin war es mir von Zimmer 34 zu Zimmer, durch Wand und geschlossene Tür hindurch, als ob ich in dir etwas spürte, keine Unruhe vielleicht, aber doch keine Ruhe.

Carrel: Es stammt wohl einfach daher, daß wir heute abend, so spät es ist, unser noch nicht sicher sind. Wir haben noch Besucher zu erwarten. Persat wird sich wahrscheinlich von seinem Ausflug aufs Land zurückmelden, Capo wird vielleicht hereintanzen, und der brave Thibaudeau erscheint sicher.

Eliza (nachdenklich, sie setzt sich): Der brave Thibaudeau! Als du den Verlauf der Unterredung mit Girardin erzähltest, sagtest du ein paarmal, Armand, »der brave, steife Thibaudeau«. Du machtest dich ein wenig lustig über ihn, und das ist deine Art sonst nicht. Nein, es war anders: Du gabst dir den Anschein, als ob du dich über ihn lustig machtest. Du wolltest mich ein wenig ablenken von der Hauptsache und schobst mir deinen braven, steifen Thibaudeau ins Licht; den sollte ich sehen. Und ich glaube, Armand, das war es, was mich unruhig gemacht hat, verschwiegen hast du mir nichts.

Carrel (längere Pause, mit verdunkelter Stimme): Du hast wahrscheinlich recht. Wenn ich jetzt die Augen schließe (er tut es) und sie wieder aufmache, dann hast du sogar vollkommen recht.

Eliza: Hast du deine Erklärung niedergeschrieben? Darf ich sie lesen?

(Carrel geht zum Schreibtisch, holt und zeigt ihr das oberste aufliegende Blatt Papier; er legt es wieder zurück.)

Eliza: Das war ein leeres Blatt.

Carrel: Ich habe die Erklärung noch nicht geschrieben – – ich habe etwas anderes geschrieben (Eliza sieht ihn aufmerksam und fragend an). Ich will es dir sagen, Eliza, und du wirst es als etwas so verständlich Unverständliches nehmen, wie ich es getan habe. Ich habe mein Testament geschrieben. 35

Eliza (steht hastig auf, bezwingt sich aber sogleich): So hast du mir also doch etwas verschwiegen.

Carrel: Offenbar; meine Entschuldigung ist, daß ich es nicht mit Absicht tat. Erst als ich allein war, hier am Schreibtisch, da saß, um eine – ja um eine Ehrenerklärung abzufassen, für etwas, dem ich keine Ehre zuerkenne, erst da kam diese Unruhe über mich, die du gefühlt hast. Daß ich Herrn Girardins Mühle treiben würde, das wußte ich, als ich sein Haus verließ; aber erst jetzt eben wußte ich, mir ist es sogar, als wüßt' ich es in diesem Augenblick zum erstenmal, wer er ist, Herr Emile de Girardin. Müßte man nicht eigentlich lachen? Denn grade, wenn man ihn sich genau besieht, weiß man ja eben nicht, wer er ist. Er ist 1806 geboren, und als es ihm dazu paßte, Abgeordneter zu werden, war er 1802 geboren. Er ist ein Schweizer, und er ist ein Franzose; er hat es sogar fertig gebracht, zwei verschiedene Väter zu haben und im rechten Augenblick den rechten zu präsentieren.

Eliza: Dies kann es nicht sein, Armand, was dich unsicher gemacht hat; denn das alles ist jedermann längst bekannt, und daß der geschickte Mensch so bedenkliche Dinge verwunden hat, könnte eher für ihn sprechen.

Carrel: Meine liebe Eliza, ich werfe ihm gar nichts vor. Er ist nicht von der Sorte, der man etwas vorwirft oder verzeiht. Er ist ein so furchtbares Stück Zukunft, daß es eine Wollust sein müßte, ihn auszurotten.

Eliza: Willst du das Duell wieder heraufbeschwören? Du willst ihn töten?

Carrel: Ich – will mich mit ihm schlagen; töten kann nur das, was uns sterblich geschaffen hat. Wenn ich mich nicht scheute, ein zu großes Wort zu gebrauchen, so würde ich sagen: Die Erde hat nicht Raum für ihn und für mich.

Eliza (weint).

Carrel: Du weinst?

Eliza: Ich habe dich nie so in Haß gesehen, Armand. 36

Carrel (atmet tief und befreit): Dank für dieses Wort, Eliza – denn nun haß' ich nicht mehr. Wirklich, dazu durfte es nicht kommen, daß ich Girardin hasse; denn das hieße ja, ihn bestätigen, nicht wahr? Er ist aber nur, dieser überwirkliche Mensch, ein Gespenst. Ach, und was wissen wir denn, wie die Welt durch ein Herz, durch ein Hirn lebt? Er mag so siegreich sein, wie die leicht betrügbare Welt es von jedermann verlangt; so glücklich, wie seine Laster und Sinne es fordern; ja, sein Gewissen mag ihm bis in die schlaflosen Nächte hinein Ruhe gönnen – – wir würden Narren sein, wenn wir ihm seine gespenstische Welt beneiden – die seiner spottet und derer er spottet. Er zählt seinen Schatz bis zur vollen Zahl; aber es sind falsche Dukaten darunter.

Eliza (mit einem Lächeln): So rachsüchtig bist du? Du wünschst ihm die Hölle, Armand – wenn es auch eine Privathölle ist.

Carrel: Ich wünsche sie ihm nicht; ich weiß sie.

Eliza: Du, Armand?

Carrel: Nicht weil ich selbst in irgendeiner Hölle wäre, fürchte das nicht. Aber zuweilen nimmt einem der Genius die Binde von den Augen, und man sieht in die Dinge, wie sie sind.

Eliza (mit einer schnellen, fast schüchternen Liebkosung): Ja, deine Augen sind zuweilen genial; aber dein Herz ist es immer.

Carrel: Seit einiger Zeit habe ich Anfälle von unmotivierter, schwächender, aber dabei höchst angenehmer Weichheit. Dieses ist ein solcher Augenblick, Eliza, und ich wüßte nicht, was ich gegen irgendeinen Menschen hätte, gegen irgendeinen Girardin oder Delamothe oder wie er heißen mag.

Eliza: Du wirst bei diesem Entschluß bleiben, Armand, versprich es mir! Es ist doch ein Entschluß? Auch wenn du nicht bei deiner Weichheit bleibst? Du wirst die verabredete Erklärung aufschreiben? 37

Carrel: Siehst du; zu dieser selben Stimmung, vor der Herr Girardin nicht existiert, gehört aber auch, daß es mir ganz unmöglich ist, die Erklärung zu schreiben. Und nun kennst du mich und weißt, daß ich wirklich vollkommen heiter bin. Ich habe keinen Gedanken an einen schlechten Ausgang. Ein geringeres Geschick, als zu dem ich bestimmt bin, kann mir nicht begegnen; und so bin ich versucht, die Probe zu wagen!

Eliza: Wer dürfte es wagen, das Geschick herauszufordern? Auch du nicht, Armand, du zu allerletzt. Ich werde nicht so töricht sein, daß ich glaubte, man könnte in einem Augenblick, wie dieser ist, zum Guten reden. Dennoch, Armand ich verstehe nicht, daß überhaupt noch ein Duell, jede Woche bringt eines, dir zum Ausgleich von irgend etwas möglich scheint, und nun gar, nachdem du selbst es verworfen hattest. Dabei fühlte ich durchaus, etwas wie Ungeheures dein Gang zu Girardin war; so ungeheuer wie alles ganz Natürliche, ganz Menschliche, ganz Einfache. Ich könnte es mir schon erklären, wenn du darnach in einer gewissen Verwunderung herumgingest, mit einem gewissen Lächeln, und, verstehe mich, nicht Lust hättest, etwas zu arbeiten. Möglicherweise habe ich etwas Ähnliches erwartet. Du würdest kommen und sagen: Eliza, nimm dein Tuch und deinen Hut, wir wollen hinaus. Aber nun soll alles beim alten sein und sogar ärger als vorher? Steckt doch noch der Soldat in dir?

Carrel (setzt sich): Junge Jahre in St. Cyr vergißt man nicht, das versteht sich. Aber schon nach Spanien bin ich, trotz meiner Jugend, nicht gegangen aus bloßem Gelüst an Waffentaten – trotzdem ich damals wahrhaftig von Ehrgeiz wußte und meine Schuldigkeit getan habe. Es ist ja wohl auch keine kleine Erinnerung, daß ich mit diesen meinen Armen den todwunden Pacchiarotti gehalten habe, und daß er auf mich sogar etwas wie eine Hoffnung setzte – Hoffnung wofür? Für den Krieg der spanischen Republik gegen 38 ihre Bourbonen, gegen das unsterbliche Rückwärts – und wir hatten das unsrige im eigenen Land. So kindisch das Unternehmen war, einem fremden Lande die Freiheit aufzuzwingen, es war doch schließlich nur die Freiheit, für die ich fechten wollte. Und schon damals hat mein Prozeß mich mehr Wirklichkeit gelehrt als die Schlacht und das Scharmützel. Zum Tode verurteilt sein, wie ich es war, und den Schurken ihre Paragraphen zerfetzen, das ist keine kleine Genugtuung. Und darnach blieb es bei der Freiheit – trotzdem ich sie inzwischen näher kennengelernt habe. Sie ist keine schöne Frau, die Freiheit, aber sie hat so wunderbare Augen.

Eliza: Du hast vergessen, deine Soldatenzeit auf die rechte Weise zu loben. Wir haben uns durch sie kennengelernt.

Carrel: Das ist mir in diesem Zusammenhang noch niemals eingefallen. Wir beide, Eliza, gehören zusammen von Anbeginn.

Eliza: Ich frage mich zuweilen, ob es derselbe Carrel ist, der seit vielen Jahren täglich dem Lärm der Politik die Stirn bietet, und der mit mir zufrieden ist und Gedanken eines Dichters träumt. Sie lieben dich, diese lauten, geschäftigen Menschen, und du, bist du nicht eigentlich ein Aristokrat?

Carrel: Ach, Eliza, die Stille ist gut, und der Lärm ist nun einmal da; beides ein Grund, beides zu lieben. Ich weiß von Trauer und Leid. Ich kenne die Schrecken des Todes und die Unerschöpflichkeit des Lebens; und ich sehe die furchtbare Narrheit des Menschengeschlechts: Auf der Überfahrt von einem Flußufer zum anderen, müßte man nicht glauben, daß sie im Schiffe sich brüderlich erkennen, erfassen und voreinander erstaunen? Statt dessen langweilen sie sich und zerfleischen sich gegenseitig. All das brennt mir durch die Seele mit einer tödlichen Gewißheit, unwiderlegbar, unbarmherzig. Aber dieses Gefühl lebt nur im Schweigen, und manchmal möchte ich mich wohl zu Tode 39 schweigen. Sobald ich jedoch rede, sobald ich schreibe, blicke, messe, sogleich sage ich ja zu der ganzen Welt, wie sie ist, fühle Luft, wenn ich mich in ihren Kampf stürze, und weiß mir jedenfalls auf mein aristokratisches Gelüst nichts zugute. Jeder ausgesprochene Gedanke ist ein Demokrat.

Eliza: Du hast es schwerer, als sie alle.

Carrel: Auf schwer oder nicht schwer muß man es nicht ansehen. Aber ich habe von diesem Abend eine so schöne Stunde nicht mehr erwartet.

Eliza: Fast möchte ich leichtsinnig sein und dir einen Rat geben, Armand: schreib die Erklärung hin, mach' einen dummen Strich unter den dummen Tag.

Carrel: Ich kann es noch nicht. Ich will es noch nicht.

(Es klopft.)

Carrel (ruft): Herein.

(Thibaudeau tritt von rechts ein und begrüßt höflich und herzlich Eliza.)

Eliza: Guten Abend, Herr Thibaudeau. Ich freue mich, Sie noch zu sehen, und – Sie brauchen nicht zu stutzen, Sie können über alles mit Carrel sprechen, was Ihnen am Herzen liegt, ich bin unterrichtet. Ich weiß von dem heutigen Gang; und daß Sie ihn mit mehr Widerstreben gemacht haben als Carrel, der den Einfall hatte, ist natürlich – um so höher rechne ich das Ihrer Freundschaft an.

Thibaudeau: Was will das schließlich sagen! Ich gebe zu, daß mir heiß war über die ganze Haut, daß mir eng in der eigenen Kehle wurde, und daß ich mich in gewissen Augenblicken, so als wollte ich durch die Decke mit dem Kopf, steif machte wie ein Pfahl. Warum lachen Sie?

Eliza. Es ist nur, weil ich so ungefähr mir Ihre Verfassung vorstellte, in der Höhle des Löwen.

Thibaudeau: Im Bau des Fuchses. Oh Carrel, du hast recht getan; aber was hast du getan! Wenn es so weiter geht, wirst du noch in der Mönchskutte durch die Länder ziehen, mit einer Glocke die Neugierigen heranbimmeln und auf Straßen und Märkten Liebe predigen. 40

Carrel: Fandest du mich so liebevoll?

Thibaudeau (wieder zu Eliza): Die Wahrheit zu sagen, er war herrlich! (Er stutzt.) Ich spreche so daher, und es fehlt nicht viel, daß ich erzähle; so sehr vergesse ich (er ergreift ihre Hand), wie es mich erschüttert, daß Sie alles wissen. Es gibt nicht viele Frauen auf der Welt, zu denen auch ein hochgesinnter Mann soviel Vertrauen haben dürfte; denn es ging ja doch vielleicht um Leben und Tod. (Sich lebhaft zu Carrel wendend.) Es ging? Ich komme von der Redaktion, Carrel; ja eigentlich hat man mich hergeschickt. Wir hätten doch längst deine Erklärung haben müssen.

Carrel: Habt ihr schon die von Girardin?

Thibaudeau: Nein, aber das macht natürlich unser Erstaunen nicht kleiner.

Carrel: Da müssen wir uns eben noch gedulden.

Thibaudeau (zu Eliza hingewendet): Er ist vollkommen ruhig, Carrel, nicht wahr? Er macht sich nicht über mich lustig? Du darfst nicht vergessen, Freund, daß wir seit ein paar Stunden nichts anderes getan haben als diesen Besuch durchzusprechen, seinen Anlaß, seine Aussicht, den erstaunlichen Erfolg und auch die Konsequenzen, die daraus möglicherweise bis in die Politik hinein entstehen werden. Es war mir, als ob die ganze Luft bis zur Unerträglichkeit, bis zum Rausch voll wäre. Und nun finde ich hier eine Gelassenheit, der ich, hol' mich der Teufel, nicht ganz traue. Es war doch ausgemacht, daß Bonnet zu ihnen ginge und sie mir Lautour schickten heut abend – –

Carrel: Der Abend ist noch nicht zu Ende.

Thibaudeau: Geschrieben hast du also?

Carrel: Das ist die Arbeit von ein paar Minuten, und ist fertig in dem Augenblick, wo man es braucht.

Thibaudeau: Und Girardin?

Carrel: Ich weiß nichts von ihm. Vielleicht hindert ihn oder seinen Beauftragten irgend etwas so gut wie mich. 41 Da ich noch nicht geschrieben habe, ist ihm logischerweise kein Vorwurf daraus zu machen, daß er es auch noch nicht getan hat.

Thibaudeau (wie häufig mit einer Wendung zu Eliza hin): Ich verstehe das nicht ganz – warum in aller Welt zögerst du denn?

Carrel: Ich hätte vielleicht früher daran denken sollen: Du wirst mir aber recht geben, daß ich gerade in dieser Sache ohne Persat nichts unternehmen darf, Persat ist der Verantwortliche für den »National«, und es ist mir ungehörig erschienen, in die Zeitung, für die er mit seinem Namen eintritt, etwas hineinzustecken, was er nicht gesehen hätte – eine Bagatelle vielleicht, vielleicht aber auch ein höchstwichtiges Dokument.

Thibaudeau (sehr konsterniert): Du hättest in der Tat entweder früher daran denken können, du brauchst es aber auch jetzt nicht; denn Persat wird selbstverständlich nicht das geringste einzuwenden haben. Wie käme er auch dazu?

Carrel: Das ist ganz meine Meinung, und deshalb ist dieses Zögern auch von gar keiner Bedeutung – eine reine Formalität.

Thibaudeau: Und nun habe ich nichts weiter nötig, als zu glauben, daß eine ähnliche Formalität auch bei Girardin mitspricht.

Carrel: Es wäre ja gewiß ein merkwürdiger Zufall; aber was sonst als einer dieser Zufälle – wenn man sie erraten will, kommt man immer auf den falschen – was sonst sollte da geschehen sein?

Thibaudeau (mit starkem Ausbruch): Man soll sich nie auf die schiefe Ebene begeben, es gibt dann kein Halten mehr, man hört auf, Herr über sich zu sein. Um eine so unerhörte Gebärde zu machen, wie die deine, dazu gehört die Voraussetzung, daß sie einem großmütigen Herzen gilt; nur ein solches ist besiegbar. Aber dieser – dieser Spieler! der so – spielt mit derselben Kälte um jeden Einsatz. Ein anständiger Mensch fürchtet den Staub mehr als den Stein; 42 er fürchtet keinen Staub und keinen Schmutz. Hat Schande seiner eigenen Mutter nachgesagt, um sich einen General zum Vater heranzuprozessieren. Ich bin schuld, ich war zu voreilig heute nachmittag, (mit einem Klang von Scham in der Stimme:) du sahst plötzlich so gequält aus, Carrel, daß ich ein Ende machen mußte. Wenn du es aber gar meinetwegen getan hast, Carrel, um mir die Beschämung zu ersparen, von diesem Menschen Verhältnisse vor die Öffentlichkeit gezerrt zu sehen, die, so gewiß sie ehrenhaft waren, doch eben vor der Öffentlichkeit . . .

Carrel (unterbricht heftig): Nicht!

(Thibaudeau fährt zusammen, weil er versteht.)

Eliza: Gibt es etwas, was ich nicht hören soll, so lasse ich euch allein.

Carrel: Gewiß nicht, Eliza.

Thibaudeau (zu Eliza): Verzeihen Sie mir! Es ist nichts weiter. Ich vergesse nur immer wieder, was Ihnen damit zugemutet wird, daß Sie alles mit anhören müssen; und ich bin zwar trotz meiner Wut und meines Ärgers gern in dieser Sorte Dinge drin; habe nicht viel anderes. Aber eine Dame, eine Frau, soviel sehe ich ein, mag wohl nicht hoch von den Männern denken, die im Grunde nichts weiter zustandebringen, als einfache Dinge kompliziert machen und dann nicht herauskönnen. Frauen haben ja – wenn ich von Frauen spreche, meine ich immer nur Sie – Frauen haben die Gabe, komplizierte Dinge einfach zu machen.

Eliza: Wenn sie aber aus denen auch nicht herausfinden, wo bleibt da der Unterschied – (sie unterbricht sich, wie sie denn überhaupt schon zerstreut geantwortet hat; denn während Thibaudeau gesprochen hat, ist die Tür rechts, der er den Rücken zukehrt, leise geöffnet worden, ein älteres Hausmädchen ist hereingekommen, und Carrel hat sie sogleich abgefangen. Sie hat ihm eine Visitenkarte gereicht, er hat sie bedeutet, zu warten, und steht, mit dieser Gebärde und die Karte in der Hand, ein Weilchen still da, den Rücken zu den beiden Sprechenden 43 gewendet; dann dreht er sich um, schweigt noch ein paar Atemzüge lang, und man merkt, daß er es tut, um seine Erregung ganz zu meistern.)

Carrel: Endlich wird nun alles in Ordnung kommen. (Carrel und Eliza sehen einander an. Er reicht ihr die Visitenkarte hin, sie liest den Namen und kann sich nicht so beherrschen, daß sie sich nicht setzen müßte. Kleine Pause. Carrel nickt ihr zu.) Thibaudeau, du hattest ja für den Abend nichts weiter vor; du mußt noch bleiben. Ich empfange den Besuch von Herrn Girardin und nehme an, daß hier gemeinsam der Wortlaut unserer Erklärungen festzustellen sein wird. Ich brauche dazu nachher deinen Rat.

Thibaudeau: Er kommt hierher?

Carrel: Du siehst daraus, daß wir auf dem besten Wege sind. (Während der letzten Worte hat Eliza das Mädchen zu sich gewinkt und ihr etwas ins Ohr geflüstert. Sie steht auf.)

Eliza: Kommen Sie mit, Herr Thibaudeau. (Sie macht eine Bewegung, hinauszugehen, und veranlaßt dadurch Thibaudeau, seinerseits zu gehen; sie kehrt sich noch einmal zu Carrel um, drückt ihm krampfhaft die Hand und sagt:) Wenn es möglich ist, Armand, schone mein Leben! (Eliza und Thibaudeau gehen hinaus. Carrel wartet, bis die Tür hinter ihnen geschlossen ist, dann wendet er sich frei und kräftig zu dem Mädchen.)

Carrel: Führen Sie Herrn von Girardin herein.

(Das Mädchen ab.)

(Carrel stützt sich einen Augenblick auf den Sessel, in welchem Eliza gesessen hat. Man merkt, daß er sich vorübergehend in eine Art Geistesabwesenheit versinnt; dann tritt er hinter dem Sessel vor, als wolle er Girardin ohne einen Schutz erwarten. Die Tür öffnet sich, Girardin tritt ein, und die Tür schließt sich wieder hinter ihm.)

Girardin: Das ist ein Tag der Überraschungen, Herr Carrel. Ich hätte heute früh nicht vermutet, daß ich am Nachmittag Ihren Besuch empfangen – und daß ich ihn so schnell erwidern würde. Bedarf die späte Stunde einer Entschuldigung? 44

Carrel: Unter keinen Umständen, geschweige denn unter den jetzigen.

Girardin: Ist es nicht merkwürdig, daß offenbar wir beide gezögert haben, unsere, wie es schien, vollständig geklärte Abmachung zu erfüllen?

Carrel: Es ist noch merkwürdiger, daß ich meinerseits es zu einem Teil getan habe, weil ich – denken Sie, Herr von Girardin, das Sonderbare: – ich habe auf Ihren Besuch fast sicher gerechnet.

Girardin: Daraus geht hervor, daß wir heute nachmittag doch nicht – das letzte Glas aus der Flasche gegossen haben.

Carrel: Nun, das tut man wohl nie; sogar Freunde nur für den Augenblick, wo sie aufhören, es zu sein.

Girardin (lachend): Um so eher durften wir es; denn wir hatten ja noch nicht einmal damit angefangen.

Carrel: Sie werden es verstehen (macht eine Handbewegung, man setzt sieh), Herr von Girardin, daß ich gern wüßte, was Sie mir vor ein paar Stunden Verschwiegenes sagen wollen. Bloß um unsern Vertrag zu widerrufen, hätten Sie sich gewiß nicht persönlich bemüht.

Girardin: Das ist wahr. Mir kam der Einfall, Ihnen etwas vorzutragen – was – auf der Schneide des Messers steht; und da Sie selbst in einer Weise, die ich bewundere und für die ich Ihnen von nun an immer dankbar sein werde, einen nicht gewöhnlichen Schritt mir gegenüber getan haben, glaubte ich Ihrem Beispiel folgen zu dürfen. (Er nimmt eine bequemere Haltung an.) Wir haben einen Streit miteinander und sind im Begriff, ihn beizulegen. Was wäre im Grunde damit gewonnen?

Carrel: Es wäre an und für sich etwas Erfreuliches. Mehr ist nicht nötig.

Girardin: Ich biete mehr.

Carrel (sehr lebhaft): Was wäre das?

Girardin: Ich kann es auch anders ausdrücken: ich fordere mehr. 45

Carrel (stolz): Fordern?

Girardin: Das Wort lege ich nicht auf die Wagschale. Als Sie heute von uns gegangen waren, wurde Ihr Lob, der Preis Ihrer Humanität und Ihres Edelmutes in vielen Tönen gesungen.

Carrel: Ich hoffe, daß Sie das nicht verstimmt hat.

Girardin (mit einem fatalen Lächeln): Oh, ganz gewiß nicht. Aber ich rühme mich, scharfsichtiger zu sein als alle meine Freunde, den großen Psychologen inbegriffen, den ich die Ehre habe, unter sie zu rechnen. Ich nämlich erkannte, daß doch nicht bloß die Außerordentlichkeit Ihrer Stellung Ihnen erlaubt hat, zu mir zu kommen, sondern – daß Ihre Schwäche es war.

Carrel (fährt auf): Rühren Sie hiermit an die Drohung, die ich aus Ihrem heutigen Aufsatz gelesen habe?

Girardin: Ganz und gar nicht. Ich meine nichts Privates. Ich bitte, sich nicht zu beunruhigen.

Carrel: Man beunruhigt sich wirklich immer nur selbst. Wenn ein anderer es wagt, ist es vorbei damit.

Girardin: Um so besser. Die Schwäche, die ich mir anzudeuten erlaubte, ist die – Ihrer politischen Situation.

Carrel: Ich glaube nicht, daß Sie mich kennen, und darum allein schon muß jedes Urteil von Ihnen über meine politische Situation, wie Sie es bezeichnen, falsch sein.

Girardin: Diesen Schluß gebe ich nicht zu. Ich kenne Sie nicht? Nun gut, aber ich kenne die Welt, und zu der gehören auch Sie. Und ich müßte mich sehr irren, wenn ich mir nicht darüber klar wäre, daß ein Mann wie Sie einen Schritt wie Ihren heutigen schließlich doch um keiner persönlichen Ritterlichkeit willen tut, weder nach der einen, noch nach der anderen Seite. Nur aus einer Schwäche, aus einer Unsicherheit im ganzen, konnte er entstehen.

Carrel (Pause, Lächeln): Wenn dem so wäre, so verstehe ich doch nicht, was Sie von mir deswegen zu fordern oder was mir zu bieten imstande wären. 46

Girardin: Wenn jemand – sagen wir, nicht weiter kann, wenn jemand gewöhnt ist, daß man auf ihn hört, und er entdeckt plötzlich, daß er zu tauben Ohren spricht, so denke ich, er tut am besten, eine Weile zu schweigen.

Carrel (ganz ruhig): Und Sie meinen, in einer ähnlichen Lage wäre ich? Doch lassen wir das noch. Einstweilen spreche ich ja öffentlich nur vor Gericht, als Angeklagter, und sonst, indem ich schreibe.

Girardin: Morgen, übermorgen werden Sie Abgeordneter sein, Sie brauchen nur zu wollen; und wir wissen ja, daß Sie wollen. Sie werden also schreiben und reden.

Carrel (mit einem plötzlichen Lachen). Wenn dabei die Ohren taub sind, so haben ja Sie und Ihre Leute nichts zu verlieren. Ich sehe nicht ein, warum Sie einen ohnmächtigen Carrel fürchten!

Girardin: Ich habe nicht gesagt »ohnmächtig«. Ich habe aber auch nichts von »fürchten« gesagt. Die Mathematik fürchtet sich vor keiner Zahl, aber sie eliminiert sie, wenn sie sie nicht brauchen kann; und so denkt auch die Politik.

Carrel: Heißt unser Herrscher Napoleon, daß Sie sich so stolz berühmen? Ihr König, scheint mir, ist ein so kaltblütiger Mathematiker nicht.

Girardin: Der König mag sich unsicher fühlen und sich daher fürchten; beiläufig, Sie wissen, wie ich das meine; vor Mördern hat sich Louis Philippe nie gefürchtet. Ja, sogar eine Regierung mag sich fürchten. Die Politik sagt, und das ist ihr oberstes Gesetz: Es gibt keine Lage, die nur schlecht wäre.

Carrel: Eine solche Erkenntnis hat man für gewöhnlich, wenn es einem miserabel geht. Sie machen mir ein unfreiwilliges Geständnis, Herr von Girardin.

Girardin: Das werden wir sehen. Aber lassen Sie mich noch eine Weile bei meinem Satz bleiben – und ich nehme mir heraus, so im allgemeinen, so theoretisch jetzt zu Ihnen zu reden, wie Sie heute zu mir. Aus meinem Satz folgt 47 nichts weiter, als daß wir mit Kühle und Genauigkeit prüfen, welchen Vorteil wir haben, wenn Carrel bleibt oder wenn er geht.

Carrel: Ich schmeichle mir, der letztere ist größer. Sonst wären Sie wohl auch kaum auf den Gedanken verfallen, mich, ja wozu eigentlich überreden zu wollen? Soll ich auf meine Kandidatur fürs Parlament verzichten, oder gar – auf alle politische Tätigkeit?

Girardin: Sie zeigen mir, wie ich nicht leugne, sehr deutlich, welcher Kühnheit ich mich unterfange. Wenn Sie wollen, betrachten wir unsere Unterhaltung als eine akademische. Ihnen die Politik ausreden zu wollen, das wäre ja nichts Gescheiteres, als wenn ich der Seine verbieten wollte, zu fließen. Aber, was ich freilich Ihnen als erwägenswert vorstellen möchte, das ist – zu warten, eine Pause zu machen.

Carrel: Und dieses alles, wie soll ich sagen, aus gutem Herzen, rein um meinetwillen?

Girardin: Vielleicht ahnen Sie den Vorteil, den wir uns für uns davon versprechen, doch nicht. Ich weiß nicht, ob ich ihn werde nennen wollen. Nur das eine bitte ich Sie zu glauben, daß Sie uns als Gegner in diesem Augenblick nicht so unbequem sind, wie Sie vielleicht denken.

Carrel: Sie werden mir noch beweisen, daß ich Ihnen von Nutzen bin.

Girardin: Das würde Ihrem Stolz allerdings empfindlich sein; aber, Herr Carrel, es ist in der Tat nicht weit davon; denn sehen Sie, und wir wissen damit zu rechnen: Sie schaffen Verwirrung in Ihren eigenen Reihen.

Carrel (wie immer, wider Willen in die Beweisführung hineingerissen). Ich schaffe Klarheit in die Reihen der Verwirrten.

Girardin: Eben, eben das ist's. Sie bestätigen mich aufs Wort. Wer in ein verwirrtes Volk Klarheit bringt, den regiert der Dämon der Verwirrung. Lassen Sie mich ein Beispiel 48 für hundert anführen. Ein Narr, ein irregeleiteter Sprudelkopf, schießt auf den König, immerhin einer aus Ihrer Gefolgschaft.

Carrel: Nun, und? Sie wissen, daß ich Alibauds Attentat verdammt habe wie das Fieschis, wie jede dieser Explosionen von Kurzsichtigkeit und verbrecherischem Wahnsinn.

Girardin: Gewiß. Denn, wenn Sie die Tat gebilligt hätten, wäre mein Beweis hinfällig. Aber nun wird Alibaud verurteilt, und Sie – schreiben einen Artikel nach dem andern, worin Sie von der Regierung seine Begnadigung fordern. Wer soll das verstehen?

Carrel: Alle Leute von Herz.

Girardin: Das ist eine sehr kleine Partei. Sie ist nicht größer geworden in den letzten Jahren. Erinnern Sie sich der Julitage von 1830? Als die Straße anfing zu wirbeln, zu schäumen, als wir alle wußten: Ein Königreich stürzt zusammen, und ein neues, von unserer, des Volkes Gnade, wird seine Stelle einnehmen – Sie waren unter denen voran, die nach der neuen Dynastie gerufen hatten – aber am Tage der Revolution nahmen Sie Ihr Spazierstöckchen und gingen müßig dorthin, wo geschossen wurde. Sie glaubten nicht, Offizier, der Sie sind, daß ein zusammengelaufener Haufen von Krämern, Arbeitern und Schuljungen eine disziplinierte Truppe besiegen könnte.

Carrel: Guizot sagte an dem Abend: Ich bin einer von den Siegern; aber es ist ein recht trübseliger Sieg. Auch ich wollte Karl X. durch Louis Philippe ersetzt wissen; aber das heißt nicht, daß ich Louis Philippe wollte. Ich wollte einen Schritt weiter kommen; wir aber sind in diesen Jahren zurückgeglitten, Tag für Tag. Es ist nicht besser mit uns geworden, sondern nur unvornehmer. An die Stelle des Degens ist der Geldbeutel geschlüpft, nur eine veränderte Methode, um das wahrhafte Volk, das arbeitende, auszupressen. Wenn eines Tages die Entdeckung gemacht 49 würde, daß man aus Menschendärmen bessere Violinsaiten drehen kann als aus Schafsdärmen, dann sage ich für nichts mehr gut. An die Stelle einer naiven Bigotterie ist eine schielende getreten. und die Mittel der Unterdrückung sind noch tückischer geworden als früher. Ihr König hat vergessen, woher er sein Mandat hat. Kaum ein Jahr lang saß er auf dem Thron, auf dem wir ihm erlaubt haben Platz zu nehmen, und er verriet uns, verriet jedes Versprechen, jeden freien Gedanken. Er lügt sich in die Gottesgnade hinein, und ein Lügner ist schlimmer als ein Narr. Karl war auf seine Art, auf eine achtenswerte Narrenart, legitim. Ein Louis Philippe, der die Revolution vergessen machen will, der sie eskamotiert, ist etwas vollkommen Widriges. In den Unterröcken der Pompadour steckte mehr Stolz als in allen diesen Leuten.

Girardin: Sollten Sie wirklich nicht bloß ein literarischer Bewunderer Chateaubriands sein? Sie sprechen fast wie ein Legitimist.

Carrel: Dann haben Sie recht ungenau zugehört. Ich bin ein Republikaner – und Sie wissen das.

Girardin: Jedermann kennt Ihre Begriffe von Tugend und Ehre – und Sie wollen den Pöbel zur Herrschaft bringen? Das wird freilich nicht gehen.

Carrel: Es wird einst keinen Pöbel mehr geben.

Girardin: Das ist eine Lehre vom tausendjährigen Reich. Inzwischen werden Sie selbst von der Raserei der Besessenen, von den Predigern des Nichts-als-Aufruhr in jeder planvollen Arbeit gestört. Wir wissen, welche Mühe Sie haben, in Ihrer nächsten Umgebung Zucht zu halten.

Carrel: Ja, keine kleine Mühe, in der Tat. Sie rühren an das, was meine tiefste Genugtuung ausmacht. An etwas – das vielleicht mich heute sogar zu Ihnen geführt hat, Herr von Girardin. Verwirrung des Geistes, ob in meinen Reihen oder wo anders, scheint mir ein Unglück für uns alle, für unser Land. Sie wollen sie noch vergrößern, und einzig das 50 fürchtete ich von Ihrer neuen Zeitung, keine Konkurrenz keinerlei Art. Dieser Widerspruch jetzt eben beim Attentat Alibauds – Sie verstehen ihn nicht, und ich rühme mich seiner, fast als wäre es meine Aufgabe im Leben. Ein so einfaches Ding –: auf keiner Seite das Unrecht dulden.

Girardin: Was ist Unrecht, was ist Recht? Mag das noch einigermaßen zu entscheiden sein, solange es sich um Individuen handelt; aber – wenn – in Lyon die Arbeiter revoltieren? Sie müßten Ihre ganze Natur, den Rhythmus Ihrer Sätze und den Blick Ihres Auges verleugnen, wenn Sie nicht eine feste Hand über dem Volke wollten.

Carrel: Niemals mehr wird ein König diese feste Hand haben, außer zum Unheil. Frankreich hat das Schicksal gehabt, daß einmal das Königtum einen vollen Sieg in ihm errungen hat, einen Sieg bis zur furchtbarsten Würdelosigkeit des Besiegten, wie nirgend sonst in dem westlichen Europa. Das ist unsere Krankheit, und wir verwinden sie schwer, Paris ist unsere Krankheit. Solange wir dieses übermächtige Zentrum haben, so lange werden wir Unterdrückung, Unwahrheit und Korruption haben.

Girardin: Man merkt, daß Sie kein Pariser sind.

Carrel: Ich bin aus Rouen! (Ganz ohne Angriff.) Aber Sie? Sind Sie in Paris geboren? Einige sagen ja, Sie stammten aus der Schweiz.

Girardin (mit unterdrückter Wut): Wir wollen doch einander nicht das Privatleben antasten.

Carrel: Ich bin sehr weit davon entfernt, einen Vorwurf aus etwas zu machen, was ich ja eben selbst eher als einen Vorzug erwähnt habe. Mir scheint nur, daß Sie aus natürlichen Gründen, weil Sie von draußen kommen, zu stark zum Zentrum hindrängen. Sie erwähnten die Arbeiter von Lyon. Das Volk unterliegt nicht den Moralgesetzen, nur wir, die wir es führen. Wie Arbeitern in Lyon zumute ist, was sie fordern dürfen und wünschen müßten, das weiß man nicht mehr recht von Herzen, wenn man von hier, vom 51 Mittelpunkt dieser kläglichen, zufälligen Macht an sie denkt. Es wird für jeden, selbst für Cäsar, auf die Dauer wenig damit gewonnen sein, wenn er sie beherrscht; sie müssen einmal sich selbst beherrschen. Aber das wird nicht eher sein, als bis dieses Frankreich – in Länder zerfällt, aus Ländern sich wieder herrlich sammelt. Ich habe Stunden, wo ich mit Neid auf das zerrissene Deutschland, auf das in Trümmern hingestreute Italien blicke.

Girardin: Sie tun mir die Ehre an, mir Ihre Träume zu entwickeln.

Carrel: Nur meine letzten Gründe, warum ich Revolutionen gering achte, Attentate und selbst die freilich unwahrscheinlichen Reformen des heutigen Regiments.

Girardin: Es ist gut, daß Sie diese Gedanken sich für die seltenen Stunden vorbehalten. Sie würden sonst noch isolierter dastehen als jetzt.

Carrel (lächelnd): Und doch wäre es ein Irrtum, wenn Sie mich für ungefährlich hielten.

Girardin: Ungefährlich ist das Unklare nie – ich spreche nicht von Ihrem Stil. Sie sind gegen den König, gegen die Bürger und gegen die Revolution: Ihre Sätze mögen klar sein, Ihre Stellung ist es nicht; und wenn Sie sich daraus einen Ruhm herleiten, so kostet es Sie doch jeden realen Einfluß.

Carrel: Geben Sie sich nicht zuviel Mühe um einen so schwachen Menschen?

Girardin: Keinen schwachen! Ihr Talent, Ihr Charakter wird immer eine Macht sein; aber eine wie große, das würde Frankreich doch erst erfahren, wenn Sie an der richtigen Stelle stünden.

Carrel: Und die wäre?

Girardin: Für einen Mann von Geist, der kein Fanatiker ist, immer die jeweils legitime Macht.

Carrel (nach einem schweren Aufatmen): Es ist ein Meisterstück, selbst noch mit der Schmeichelei zu beleidigen. 52

Girardin: Keine Schmeichelei, keine Beleidigung! Als ich Ihnen anbot, für eine Weile mit uns so etwas wie einen Waffenstillstand zu schließen, hatte ich gehofft, wir würden uns eines Tages – an einer Wegkreuzung begegnen. Ich sah Sie in Ihrem Kampfe nach rechts und nach links; und da wir ja nicht für ewig bleiben werden, die wir sind, so konnte wohl, wenn wir nur erst Ruhe im Lande hätten – Carrel auch einmal der Minister Louis Philippes werden. Das ist aber nun wohl vorbei.

Carrel (fast müde vor Verachtung): Wessen der König sich von mir zu versehen hat, das weiß er; wessen von Ihnen, Herr von Girardin, das weiß er nicht. Uns – ich meine mich und Ihre öffentliche Wirksamkeit – trennt nicht bloß die Politik. Was Sie für Politik halten, das ist mir eine Tätigkeit, die ich schließlich weder nach ihrem Nutzen, noch nach ihrem Schaden beurteilen mag. (Girardin erhebt sich.) Wenn ich allein stehe, wie Sie sagen (auch er steht auf), so ist es nicht schlimm für mich; es ist auch nichts Ausgezeichnetes. Ich stehe nur so allein, wie jeder Mensch in seinen wahrsten Augenblicken. Meine Theorien kann man verwerfen; aber ich fürchte, es ist Ihnen versagt, den letzten Herzensgrund zu erkennen, aus dem alles stammt, was ich tue. Es gibt keine Politik, Herr von Girardin – aber Sie sind ein Politiker.

Girardin: Wie merkwürdig, daß wir beide Zeitungsschreiber sind.

Carrel: Wenn Sie und ich in diesem Augenblick auf den Wink einen Gottes, im Nu, dahin wären, ausgelöscht aus der Reihe, so würden Sie und ich unsern Kampf weiterkämpfen. (Lächelnd.) Wozu also der Kampf? Was soll dieser zufällige Streit zwischen uns entscheiden, wie er sich auch entschiede? Und welchen Sinn hat andererseits seine Beilegung?

Girardin: Wenn Sie, Herr Carrel, unsern Kampf auf diese Weise verewigen, so dürfen Sie nicht vergessen, daß 53 wir ja nun eben doch nicht durch den Wink eines Gottes ausgelöscht sind. Wir bleiben – die Kämpfer unseres Kampfes. Und so sei es denn! Sie haben uns sehr hoch gehoben, Herr Carrel; so hoch, als wären wir nicht mehr persönliche Gegner. Es gibt also nichts Privates an einem von uns für den andern. Und somit habe ich von Ihnen selbst das Recht bekommen, Sie zu verwunden, wo Sie verwundbar sind.

Carrel (mit dem Kopfe nickend): Das ist eine Auslegung –!

Girardin: Den Feind, den ich unschädlich machen will, den kann ich nicht fragen: Tut es hier weh oder dort? Was Sie sind, das sind Sie unteilbar.

Carrel: Sie, Herr von Girardin, haben die Kraft zu ertragen, daß man Ihnen an den Nerv des persönlichsten Empfindens rührt.

Girardin: Ich habe sie, und, Herr Carrel, Sie werden sie brauchen.

Carrel: Das heißt, Sie werden sich nicht scheuen, das zu schreiben, was Sie heute meine Biographie genannt haben, und zwar so zu schreiben, daß ein Mensch, den ich vor dem Anhauch dieser pestilenzialischen Zeit bewahren möchte – für alle diese (macht eine weite Handbewegung –) da ist.

Girardin: In der Tat, das will ich nicht – aber ich behalte mir es vor für den Augenblick, wo ich es nötig habe

Carrel: Findet einer meiner Freunde Sie heute noch zu Haus?

Girardin: Ich werde ihn erwarten.

Carrel (macht eine Verbeugung) Danke.

(Girardin verbeugt sieh und geht.)

(Carrel begibt sich an seinen Schreibtisch, schiebt einige Dinge, die darauf liegen, in Ordnung und zieht dann an einem Klingelzug, der ihm handgerecht hängt. Nach einer Weile erscheint, von rechts, die alte Bedienerin.)

Carrel: Es tut mir leid. aber ich bitte Sie heute ein bißchen länger aufzubleiben; ich erwarte noch Herrn Persat, und nachher – 54

Die Bedienerin: Herr Persat ist schon hier; ich sagte ihm, daß Sie Besuch hätten, und führte ihn zur gnädigen Frau. Auch Herr Capo de Feuillide ist drin.

Carrel (bleibt am Schreibtisch): Dann klopfen Sie doch mal an die Tür und bitten Sie die Herrschaften alle herein.

(Die Bedienerin geht an die Tür hinten, klopft, und auf Elizas »Herein« öffnet sie, macht einen Knix und lächelt. Eliza, Persat, Thibaudeau und Capo kommen lebhaft herein; die Bedienerin schließt hinter ihnen die Tür und entfernt sich wieder nach rechts.)

Carrel (hat den Eintretenden länger, als man erwarten würde, den Rücken zugekehrt und dreht sich nun mit einem Ruck ihnen zu): Ich hatte wahrhaftig nicht gehört, Eliza, daß du soviel Besuch bei dir hast. Guten Abend, Persat. War es schön draußen? Sie verdienen ein Extralob, Herr Capo; Ihre Stimme höre ich sonst durch ein paar Wände.

Capo: Das ist kein schmeichelhaftes Lob, denn eigentlich kann ich mich mit Herrn Persat nicht messen, übrigens auch sonst nicht, aber hauptsächlich nicht, was die Gewalt des rednerischen Organs betrifft.

Carrel: Aber Persat ist ein Löwe, und was aus seiner Kehle kommt, ist eins mit den Elementen. Wenn er knurrt, so kann man denken, es war der Zorn in der eigenen Brust.

(Eliza hängt sich in seinen Arm.)

Persat: Du hast wohl dergleichen Zorn verspürt, Armand? Guten Abend.

Carrel: Wie war es draußen? War es schön? Hattest du ein Boot? Ach, Eliza, wir hätten auch heute die Seine draußen sehen sollen, statt hier vom Fenster.

Eliza (zieht ihren Arm aus dem seinen): Es lief nicht gut aus?

Carrel: Nein, nicht gut. Du mußt uns ein paar Minuten allein lassen.

Eliza (streckt ihre beiden Arme mit den Handflächen nach außen von sich): Welche entsetzliche Ohnmacht ist in diesen armen 55 Händen! (Sie senkt die Arme, den Kopf, und geht schnell hinaus; die Männer sehen ihr unwillkürlich nach.)

Carrel: Wir müssen es kurz machen. Ich brauche euch noch; dich, Persat, dich, Thibaudeau.

Thibaudeau (mit einem Faustschlag auf die Lehne des nächsten Stuhles). Ich habe das geahnt.

Persat: Daß mich der Satan heute wegtrieb! Ich hätte diese – diese – deine erste Dummheit, Armand, nicht zugegeben. Und jetzt werde ich es nicht zu der zweiten kommen lassen!

Carrel: Keine Vorwürfe, Persat, und kreuze mich nicht!

Persat: Wenn hier etwas auszumachen ist, bin ich der Mann dazu. Deine Notiz war nicht gezeichnet, und ich bin der Verantwortliche des »National«.

Capo: Wie? Es soll wegen dieser Notiz zu einem Renkontre kommen? Das wird nicht geschehen! Ich werde diesem Halunken von Girardin eher die Knochen im Leibe zerschlagen.

Carrel: Zähmen Sie Ihr Temperament, Capo.

Capo: Herr Carrel! Ich bin Ihr Geschöpf, Sie wissen es. Ich war ein Royalist bis auf die Knochen, ein junger Tunichtgut, als ich Sie vor dem Kriegsgericht in Toulouse reden hörte, Sie, den auf den Tod Angeklagten! Sie waren kaum älter als ich, und die Richter waren Wachs in Ihren Händen, und ich auch.

Carrel: Es ist vielleicht nicht gut, wenn solche Augenblicke über ein Leben entscheiden. Es wäre mir lieber, daß Sie an der Sache mehr hingen, als an mir.

Capo: Sie sind die Sache! Mit Ihnen steht und fällt sie.

Thibaudeau: Sprechen Sie keine Narrheiten!

Capo: Was will man von mir? Ich hoffe, ich habe mehr als einmal bewiesen, daß ich für die Sache lebe. Dieser Girardin wird aus der Zeitung ein Bordell machen.

Carrel: Aber in dem Empfangsraum werden Sie es sehr vornehm finden. Dort wird eine auserlesene Bibliothek 56 stehen, und zuweilen wird darin ein Geistlicher von der calvinistischen Richtung gegen die Unzucht predigen.

(Capo lacht unbändig.)

Persat: Ich halte das nicht aus, Herr Capo. Mir wird's eng auf der Brust. Diese Sache gehört mir, Carrel. Ich bin der Verantwortliche des »National«.

Carrel: Höre, Persat: du hast jetzt nur die Wahl, mich in einer Not im Stich zu lassen oder mir zu helfen. Zwischen Herrn Girardin und mir steht nicht mehr sein oder mein Artikel. Was ich mit ihm auszumachen habe – ich hoffe, ich bin dir keine Erklärung schuldig. Nimm an, es sei diese letzte halbe Stunde, von der du nichts weißt.

Thibaudeau: Wohin haben wir zu gehen?

Carrel: Dank dir, Thibaudeau. Leider werdet ihr zu Herrn Girardin selbst ins Haus gehen müssen: denn morgen früh muß alles zu Ende sein.

Persat: Ich kann für mich nicht gut sagen, wenn ich den Mann sehe.

Carrel: Das wird kaum nötig sein; du wirst Freunde von ihm finden.

Thibaudeau: Die Bedingungen?

Carrel: Wir machen keinen Spaß – alles übrige mögt ihr selbst ordnen. Und vergiß nicht, Thibaudeau, auch den Dr. Marx in Kenntnis zu setzen.

Thibaudeau: Wir werden Herrn Capo, wenn er sonst mag, zu ihm schicken.

Capo: Ich würde auch ohne diese Belehrung nicht nach Ihnen hiergeblieben sein, Herr Thibaudeau. Aber Ihren Auftrag nehme ich an.

Persat (mit Wut): Triff ihn, Carrel!

Carrel (mit einem Lächeln): Ich werde mir Mühe geben. Ob er aber auch zu treffen ist?

Persat: Ziele nur gut!

Carrel: Sonderbar! Dieser Herr Girardin ist ein 57 angenehmer, gescheiter, nützlicher und in mancher Hinsicht vielleicht sogar wohlwollender Mensch – also gibt es keinen Teufel – also gibt es keinen Gott. Aber nun macht euch an euer Geschäft, und auf Wiedersehen!

Thibaudeau: Wirst du nachher allein sein, wenn wir kommen?

Carrel: Das weiß ich nicht. Auf Wiedersehen!

(Persat, Thibaudeau und Capo, dieser nach einem heftigen Schütteln der Hand Carrels, gehen.)

Carrel (tritt ans Fenster links und schaut hinaus. Er spricht laut vor sich hin): Velut aegri somnia!

Eliza (kommt herein und geht zu ihm hin. Sie stehen eine Weile nebeneinander, ohne zu sprechen, dann sagt)

Carrel: Ein Fluß zur Nacht, an den kein Gedanke denkt – von irgendwoher – gurgelnd um seine kleinen Inseln – an seinen Bergen ungesehen klagend vorbei – nur manchmal fährt ein Boot mit einer Laterne drüber – und unaufhörlich, nie gestillt, schiebt es sich und schäumt seinen Weg . . .

 
Der Vorhang fällt. 58

 

Dritter Akt

Im Hause des ehemaligen Hauptmanns Louis de Paira, in dem östlichen Pariser Vorort St. Mandé. Früh am Morgen des nächsten Tages. Frau de Paira tut die letzten Handgriffe der Säuberung und Ordnung des Zimmers; sie ist eine frische Frau von Anfang sechzig. De Paira kommt durch eine Tür links; er trägt im linken Arm ein Nest frischgeschnittener Blumen, zum größten Teil Rosen, und läßt sie vorsichtig auf den Tisch fallen, auf welchem seine Mutter eben eine Decke zurechtstreicht; worauf er, die Fäuste in die Hüften gestemmt, zurücktritt. Die Mutter hat nur einmal aufgesehen, aber sich nicht stören lassen, rückt die Decke zurecht, so daß die Blumen auseinanderfallen, und beginnt dann auszuwählen und sie in überall herumstehende kleine Vasen zu stecken. Der Sohn beteiligt sich an der Arbeit, beide schweigen, aber es ist nicht etwa ein unfreundliches Schweigen.

Paira: Der Tempel ist geschmückt, die Braut kann eintreten.

Frau Paira: Welche Braut?

Paira: Die aus dem Hohen Lied oder eine von den Fünfen mit Öl oder – du weißt ja besser in der Bibel Bescheid als ich.

Frau Paira: Ich hatte schon einen Schreck bekommen; dachte, daß du beim Rosenschneiden Heiratsgedanken aufgelesen hättest.

Paira (setzt sich auf einen Stuhl an der Wand steif hin): Willst du nicht auch Platz nehmen, Mama?

Frau Paira: Als ob ich nichts anderes zu tun hätte, jetzt am frühen Morgen; es ist ja wohl eben sieben vorbei.

Paira (steht wieder auf): Siehst du, Mama, und ich habe nun für den ganzen Tag nichts mehr zu tun. 59

Frau Paira: In einer halben Stunde ist dein Arbeitszimmer fertig; und wenn du erst bei deinen Büchern und Karten bist, wird dir die Zeit eher zu kurz als zu lang.

Paira: Was glaubst du wohl, Mama, wie viele abgedankte Offiziere heute in Frankreich ihre Zeit damit verbringen, Kommentare zu den Feldzügen Napoleons zu schreiben – Kommentare, die niemals fertig werden, die niemals gedruckt werden, und von denen es außerdem ganz gleichgültig ist, ob sie fertig und gedruckt werden.

Frau Paira (mit Stolz): Du bist kein abgedankter Offizier.

Paira: Was denn?

Frau Paira: Du bist der Hauptmann Louis de Paira von der königlichen Garde und hast deinen Abschied freiwillig genommen, weil du deinem König treu warst und unter dem falschen keine Karriere machen wolltest. Denn eine Karriere, eine glänzende, mein Sohn, hättest du auch unter Louis Philippe machen können.

Paira: Vielleicht sogar eine glänzendere als früher; das ist erst der ganze Schwindel. Aber auch die glänzendste Karriere, die man hätte machen können, ist doch kein rechter Lebensinhalt, das mußt du zugeben, Mama. (Er setzt sich unmittelbar vor sie auf einen Stuhl nieder.)

Frau Paira: Wenn ich bedenke, wieviel Zeit wir Frauen zubringen müssen mit nichts, und es ist doch etwas, es ist doch gelebt, und was es war, erfährt man auch dann und wann, aber immer nur in Augenblicken – dann wird es mir immer wieder klar, daß ihr Männer auf eure Art Kinder seid und bleibt. Du vergißt eben in deiner Ungeduld, daß man ein Opfer, das man bringt, sehr ordentlich, auf Heller und Pfennig, bezahlen muß. So kann es natürlich nicht abgetan sein, daß man mit einer großartigen Gebärde dem unächten König, wie in einer Rittererzählung, den Degen vor die Füße wirft. Darnach heißt es, ohne Degen, Tag für Tag, zufrieden sein. 60

Paira: Ein Amt kann ich nicht annehmen; zu Geschäften bin ich nicht gemacht – Tag – für Tag – ist eben doch nicht leicht.

Frau Paira: Du vergißt nur eins: nämlich, daß diese böse Zeit der Empörung, der Unwahrheit, der Herz- und Gottlosigkeit vorübergehen muß, und daß dein wahrer König dich rufen wird. Ich bete darum jeden Tag, und deshalb wird mir keiner zu viel. Wenn du willst, Louis, aber oben (sie zeigt mit dem Finger nach der Decke) fluche du darum jeden Tag – doch das tust du ja wohl.

Paira (faßt sie beim Unterarm und zwingt sie gleichfalls auf einen Stuhl nieder): Hör' mir einmal zu, Mama. Ich fluche in der Tat was Gehöriges in den Stunden »da oben«, es ist aber eine sonderbare Art von Fluchen; wenn es einer hörte, würde es ihm klingen, wie »Hurra«. Kommentare zu Napoleons Feldzügen, die schreiben sich nicht ohne Hurra. Und fällt dir nichts dabei auf, daß ich, der legitimistische Offizier und »Märtyrer«, zu den Taten Karl X. und Ludwigs XVIII. keine Kommentare schreibe?

Frau Paira: Du hast unter Karl in Algier gekämpft.

Paira: Das ist wahr, und ich bin stolz darauf – aber unter Karl? Er war währenddessen in Paris. Ich werfe ihm das nicht vor. Ich habe ihn von Herzen verehrt. Ich segne sein Andenken. Ich hoffe auf seinen wahrhaften Erben. Ich – schreibe Kommentare zu den Feldzügen Napoleons.

Frau Paira: Der Soldat in dir tut das.

Paira: Aber ich bin ja Soldat – und ich hätte unter Napoleon gedient, wenn ich schon die Jahre dazu gehabt hätte. Carrels Freund, Persat, mit dem ich in Algier zusammen gedient habe, hat noch das Kreuz von Napoleon selbst bekommen; ich habe ihn rasend darum beneidet. Da siehst du also etwas in mir, was stärker ist, als mein Ideal der Legitimität; und heißt das nicht im Grunde, daß ich, auf meine Art, so gut ein Revolutionär bin, wie ein anderer auf seine? 61

Frau Paira: Sohn, das sind keine guten Gedanken. Ich würde sehr traurig sein, wenn du durch die lange Geduldsprobe mürbe würdest. Wenn etwa dieser elende Louis Philippe, ich meine natürlich, wenn seine Minister etwa von deines Jugendfreundes Carrel Feuer sich anstecken ließen und eine Politik mit dem Schwert in der Faust gegen Europa machten, würdest du imstande sein, wieder Dienste zu nehmen?

Paira: Offen gesagt, Mama, es wäre Leichtsinn, wenn ich auf diese Frage antwortete. Der Augenblick würde es mich lehren. Du mußt das nicht »mürbe geworden« heißen. Ich habe diese sechs Jahre seit der Revolution nicht mitgelebt; aber immerhin habe ich doch gelebt, und ich glaube, ich stehe nicht mehr, wo ich 1830 stand. Das Gegenwärtige ist mir zuwider, aber das Vergangene ist mir irgendwie, wie soll ich es nennen? – verwelkt, ich schneide es nicht jeden Morgen mit den Rosen frisch vom Strauch. Die Zeit hat nun einmal zwei Gesichter; wenn das eine auch eine Fratze ist, das andere ist doch das Gesicht der Natur selbst, der Schöpferin, Mama, von allem! Man ist über ihr – man ist unter ihr. Gerade die Lage von unsereinem zeigt es, wie nötig für ein Volk die Kontinuität ist.

Frau Paira: Damit, mein Sohn, sprichst du ja die Verderblichkeit der Revolution aus.

Paira: Gewiß, Mama, aber leider jeder Revolution.

Frau Paira: Würdest du etwa den Sturz Louis Philippes nun auch wieder eine Revolution nennen?

Paira: In gewissem Sinne, ja. Leider. Ich würde für sie kämpfen, darüber bin ich mit mir vollkommen einig; aber irgend etwas in mir weiß, daß es Krankheit wäre, die eine Krankheit heilen will. Wurde nicht eben an der Gartentür geklingelt?

Frau Paira: Mein lieber Sohn, laß dich nicht dadurch verwirren, daß du leidest. Laß dich stark werden dadurch, daß du leidest; das eben ist ja das Opfer. Ich bin stolz 62 gewesen auf dich vom Tage deiner Geburt; aber es kommt auf dich nicht an. Das Recht wird niemals ein Unrecht, auch wenn es dir weh tut.

Paira (springt auf): Wer reißt denn da an der Klingel? (Er geht zum Fenster.)

Frau Paira (steht auf): Mag einmal Charlotte hinsehen.

Paira (am Fenster): Sie ist schon auf dem Weg; eine Dame steht dort – und kommt herein? (Wendet sich ins Zimmer zurück.)

Frau Paira: Das ist eine frühe Stunde für einen Besuch.

Paira: Es wird ein Mißverständnis sein. (Er geht zur Mutter und liebkost sie.) Du hast mir aber ordentlich die Leviten gelesen, Mama; streng, wie ich es gern habe.

Frau Paira (lachend): Besser, du hast es gern, als du hast es nötig.

Paira: Besser am frühen Morgen als am späten Abend. Man wird frisch dadurch am Morgen und trübselig am Abend, und übrigens, Mama, weißt du, daß ich ein Wort von dir zu jeder Stunde gern höre.

Frau Paira: Da ist doch jemand im Haus?

(Von dem Hausmädchen Charlotte wird durch die Tür links Eliza hereingeführt. Eliza ist sehr blaß, versucht sich zu fassen, aber sie muß sich doch mit zitternder Hand auf einen Stuhl stützen. Sie ringt ein paar Augenblicke nach Worten, dann überwindet sie sich, geht zwei Schritte vor und spricht.)

Eliza: Herr Hauptmann de Paira?

Paira: Ja, der bin ich; womit kann ich Ihnen dienen? Sie sind erschöpft, wollen Sie sich nicht setzen?

Eliza: Nein, ich danke. Es geht um Minuten. Herr Armand Carrel hat sich erinnert, daß Sie hier wohnen.

Paira: Ja, Carrel, was ist's mit ihm?

Eliza: Sie sind sein Kamerad gewesen, er ist verwundet, schwer verwundet. (Sie wird fester unter dem Zwang, berichten zu müssen.) Es gab ein Duell, hier im Gehölz von Vincennes. 63 Es scheint unmöglich, ihn durch die ganze Stadt zu transportieren, er ist schwer verwundet. Er hat sich erinnert, daß Sie hier wohnen und bittet – (momentanes Versagen.) Ich bitte Sie, ihn für die nächsten Stunden aufzunehmen.

Paira (sehr erregt): Das ist selbstverständlich. Ich danke ihm, daß er auf den Einfall gekommen ist. Immer nobel. (Da Eliza eine Bewegung macht, als ob sie fort wolle, hält er sie zurück.) Nein, Sie bleiben hier; er kommt die Dorfstraße her, nicht wahr? Ruhen Sie, bis wir hier sind, es tut Ihnen not, ich gehe ihm entgegen. Man trägt ihn?

Eliza: Man trägt ihn und er geht, nein; man trägt ihn auf einer Bahre, aber vorhin ging er noch. Der Wagen wurde in die Stadt geschickt, um noch Ärzte zu holen.

Frau Paira (zu ihrem Sohn): Deinen Hut, Louis.

Paira (mit einer Handbewegung): Hut! Laß gleich das Schlafzimmer herrichten, meines. (Im Begriff zu gehen, kehrt er schnell zur Mutter zurück und flüstert ihr etwas ins Ohr. Die Mutter stutzt, ihr Gesicht nimmt eine strengere Miene an, aber den dringenden Blick des Sohnes erwidert sie mit einem kaum merklichen Neigen des Kopfes.)

Paira: Und macht die Haustür nicht hinter mir zu, auch die Gartentür nicht.

(Er geht eilends ab; da Eliza eine Bewegung macht, als ob sie ihm folgen wolle, tritt Frau Paira an sie heran und zwingt sie in einen Stuhl.)

Frau Paira: Nein, mein Sohn hat recht; es ist besser, Sie bleiben, Sie werden Ihre Kräfte noch brauchen. Ja, darf ich Sie denn überhaupt allein lassen? (Zu Charlotte.) Charlotte, richten Sie schnell des Herrn Schlafzimmer her, ich komme dann nachsehen. (Charlotte zur Tür rechts hinaus.)

Eliza: Ich bitte, sorgen Sie sich nicht um mich; ich kann auch durchaus allein bleiben.

Frau Paira: Ich bin dort nicht nötig, und – weiß zwar nicht, ob ich es hier bei Ihnen bin – oder wollen Sie, daß ich gehe? 64

Eliza: Warum sollt' ich das wollen?

Frau Paira: Ihre Nerven wollen es vielleicht.

Eliza: Es gibt Augenblicke, wo man sich sehr schämen müßte, wenn einem die Nerven etwas zu sagen hätten.

Frau Paira (die bisher, ohne es zu wollen und zu wissen, keineswegs sehr freundlich gewesen ist, wird jetzt wärmer, sie setzt sich zu Eliza). Das ist recht, und die Frauen sollten sich überhaupt darnach richten. Dann brauche ich auch keine Scheu zu tragen, Sie zu fragen. Sie können sich denken, daß Herrn Carrels Name bei uns öfters genannt wird, mir ist sogar so, als ob wir vorhin von ihm gesprochen hätten, eigentümlich, immer dieses Zusammentreffen. Sie sagten, er sei schwer verwundet?

Eliza: Ja, es ist ein Schuß in den Leib. Herr Carrel konnte zwar, indem man ihn unterstützte, die Beine setzen, scheinbar gehen; aber nur seine Selbstbeherrschung hat ihm das erlaubt.

Frau Paira: Wurde er verbunden?

Eliza: Der Arzt untersuchte die Wunde und machte einen vorläufigen Verband.

Frau Paira: Na, und der Gegner? Ist der so davon gekommen?

Eliza: Er hat einen leichten Streifschuß am Bein.

Frau Paira: Wer war's denn?

Eliza: Herr Girardin.

Frau Paira (lehnt sich zurück): Sieh mal an! Dahin mußte es kommen, daß sie sich gegenseitig zerfleischen! Das ist die prächtige, neue, gesegnete Zeit.

Eliza (richtet sich ein wenig straffer): Man hat sich auch unter der früheren Regierung duelliert.

Frau Paira (stutzt, sieht sie scharf an): Hat man! Na ja, Sie mögen recht behalten; dumm und gottlos war man immer, es ändert sich im Grunde doch nichts mit den Menschen.

Eliza: Herr Carrel gehört nicht zu den Männern, über die ein allgemeines Urteil etwas aussagte. 65

Frau Paira (getroffen): Ich nehme es für ihn zurück, und – liebes Kind, lassen Sie es für mich gelten. Es wäre vielleicht zu viel behauptet, wenn ich mich der Gottlosigkeit anklagte; aber dumm – bin ich eben gewesen. Nun möchte ich jedoch wissen, so etwas machen doch die Männer gewöhnlich unter sich ab, wie Sie in diese Geschichte hineinkommen?

(Eliza wird ganz abwehrend).

Frau Paira: Jetzt mißverstehen Sie mich. Ich kenne Ihr Recht auf Anteil an Herrn Carrel; mein Sohn hat mir vorhin davon gesagt, und Sie werden das begreiflich finden. Nein, aber wie Sie dabei sein konnten, mein' ich, bei der Affäre selbst?

Eliza: Ich hatte es mir ausbedungen; ich war natürlich nicht unmittelbar an der Stelle. Die Begegnung war im Gehölz, und ich wartete an der Straße von Charenton her.

Frau Paira: Armes Kind! – Haben Sie womöglich – gehört? –

Eliza (nach einem Augenblick des Würgens): Ja, ich habe gehört.

Frau Paira: Armes Kind. Oder ich sollte wohl eher sagen, daß Sie eine stolze Frau sind, und Sie haben sich mehr Recht genommen als jede andere, die – mehr Recht hätte. Das ist stolz, und das ist gut, das gleicht etwas aus.

(Beide sehen einander scharf an, dann reicht Frau Paira ihre Hand hin, und Eliza nimmt sie, aber erst nach einem weiteren Augenblick ernsten Prüfens und ohne Bewegtheit.)

Frau Paira (steht auf): Ich sehe nun im Schlafzimmer nach dem rechten, bin im Augenblick wieder da. (Sie geht in das Zimmer rechts.)

(Eliza bleibt sitzen, gerät ins Zittern, schüttelt den Kopf; dann sitzt sie mit geschlossenen Augen eine Weile da, steht auf, wendet sich dem Fenster zu, als Frau Paira lebhaft wieder hereintritt, sie daran hindert und sie ins Zimmer zurückwendet.)

Frau Paira: Sie sind schon da und werden gleich durch den Garten kommen.

(Eliza zuckt zusammen.) 66

Frau Paira (faßt sie fester, gütiger): Nun gilt es, so ruhig sein wie möglich.

Eliza (nickt): Ja, und ich kann es, hoffe ich.

Frau Paira: Sie haben es sich zu schwer gemacht, Sie hätten lieber einen von den Männern schicken sollen. Jetzt müssen Sie es ein zweites Mal aushalten, das Wiedersehen.

Eliza: Ich wollte auch das Auffallen vermeiden, wenn eine Frau dabei wäre.

Frau Paira: Ja, ja, das war auch recht; die Männer haben sich in solchen Situationen leicht wunderlich.

(Sie geht zur Tür links und macht sie weit auf. Eine Weile Schweigen, dann hört man draußen die Männer kommen, unter leisen gegenseitigen Anrufen und Ermahnungen zur Vorsicht. Dann kommt zuerst Paira und schiebt mit ausgebreiteten Armen seine Mutter zurück, dann tragen Thibaudeau und Persat die Bahre herein, auf der Carrel liegt mit unterstütztem Kopf. An der Tür hat Dr. Marx das Handgelenk Carrels freigegeben, kommt aber sogleich hinter dem Zug wieder herum und faßt wieder das Gelenk. Paira schließt die Tür, die beiden Tragenden setzen die Bahre sanft nieder. Carrel hat Eliza zugenickt, die aber auf ihrem Platze bleibt. Dann gewahrt er Frau de Paira und grüßt auch sie.)

Carrel: Verzeihung für die böse Unruhe . . .

Dr. Marx (hebt die Hand): Nicht sprechen. Ist das Zimmer fertig?

Frau Paira: Alles in Ordnung, und alles, Herr Carrel, ohne jede Störung, ohne jede Mühe, leicht zu besorgen.

Dr. Marx: Zum Umbetten möcht' ich doch meine geübten Wärter haben, holen Sie sie aus dem Garten herauf, Herr Thibaudeau.

Persat (verbissen): Wir werden es sanfter machen, als die Wärter, lassen Sie uns das.

Carrel: Bleib ruhig, Persat; ich leide es auch nicht, daß der Doktor dich wegdrängt.

Dr. Marx: Gut; aber nun, wie vorhin, mit größter Vorsicht. 67

Carrel (macht eine abwehrende Handbewegung): Es eilt mir nicht. Ich bin ohne Schmerzen, Doktor. Lassen Sie mich ruhig noch ein Weilchen hier sein.

Dr. Marx: Aber warum denn? Aber doch nicht sprechen!

Carrel: Lassen Sie mich ruhig noch ein Weilchen sprechen; ich werde ganz sanft sprechen. Ich mache meinen ersten Besuch hier und bin sehr glücklich darüber. Welch sonderbarer Apparate es doch brauchte, daß ich dich wiedersehe, Paira. Wie lange ist es her?

Paira (mit mühsam unterdrücktem Schluchzen). Seit gestern, Armand.

Carrel: Richtig, seit gestern. Nämlich seit wir jung waren, und das war gestern.

Dr. Marx: Ich darf dieses viele Sprechen nicht erlauben, Carrel, nehmen Sie Rücksicht auf das Gewissen des Arztes.

Carrel: Ihr Sohn und ich, wir waren jung miteinander, wir waren Kameraden in St. Cyr, und wir haben gemeinsame Träume von Ruhm geträumt.

Frau Paira (geht zu ihm hin): Mein lieber Herr, wir wissen, daß Ihre Träume nicht leer waren.

Carrel: Das sind die Träume nie.

Paira: Das Leben schon eher, Armand.

Carrel: Auch nicht, Paira.

Dr. Marx: Liebster Carrel – –

Carrel: Wollen Sie durchaus etwas für mich tun, Doktor? (Fragende Gebärde des Doktors.) So nehmen Sie einen Stuhl und setzen ihn hierher für Eliza. (Paira setzt den Stuhl hin.) Quälen Sie sich nicht und quälen Sie mich nicht. Sie haben gesagt, daß Sie an mir nichts weiteres vornehmen wollen, bis Ihre Kollegen da sind. Wenn Frau de Paira es erlaubt, warum soll ich nicht so gut hier wie wo anders warten?

Dr. Marx: Weil Sie vollständige Ruhe brauchen.

Carrel: Glauben Sie mir doch, ich kann nicht ruhiger sein, als ich bin. Ich würde vielleicht erregter sein, wenn 68 ich allein läge. Auch das Sprechen strengt mich nicht an. Und eines vor allen Dingen, und bitte richten Sie sich wirklich darnach: wir machen uns hier nichts vor, wir wissen, woran wir sind.

Dr. Marx: Ich weiß das nicht.

Carrel (mit einer Handbewegung): Hoffnung ist bei den Lebendigen. Sagen Sie sich als Arzt, lieber Marx, daß ein Zustand wie der meinige, das heißt wie ich mich jetzt fühle, keinem Kranken schaden kann. Ich fühle mich unbeschreiblich wohl. Einige Teile meines Körpers scheinen nicht vorhanden zu sein seit dem letzten Ruck auf der Treppe. Aber mir ist wohl dabei, Doktor. Würden Sie erlauben, daß man mich ein klein wenig rückte zum Fenster hin?

(Dr. Marx zuckt die Schultern in die Höhe.)

Carrel: Also faßt einmal an, Persat, hier ist ja der Fußboden glatt wie ein Spiegel, da ist es ein leichtes für euch.

(Persat und Thibaudeau winken einander zu, gehen zu Kopf- und Fußenden und rücken die Bahre mit äußerster Vorsicht ein wenig nach rechts um.)

Carrel: Danke. Hier wohnst du also, Paira? Es ist strahlend schön bei dir. Ich habe niemals ein schöneres Zimmer gesehen.

Frau Paira: Das sagen Sie, Herr Carrel? In einer Zeit, wo die reichen Leute sich alle fünf Jahre neu einrichten, was sie, glaube ich, einen »Stil« nennen; und das hier sind noch die Möbel aus meiner Ehe, und wir hatten es knapp.

Carrel: Ja, meine verehrte Frau von Paira, es gibt Hände, die sauber sind, weil man sie alle Viertelstunde wäscht; aber andere Hände bleiben sauber aus einer inneren Kraft und Gesundheit des Blutes.

(Paira holt während dieser letzten Worte ein paar Rosen aus verschiedenen Vasen und legt sie Carrel auf die Decke. Carrel nimmt eine davon in die rechte Hand, betrachtet sie, läßt sie wieder sinken, was sich im Laufe des folgenden mehrere Male wiederholt. Zuweilen wendet er unmittelbar darnach den Kopf langsam für einen Augenblick zum Fenster.) 69

Carrel: Deine eigenen, selbstgezogenen Blumen, Paira. Ich sah das Gärtchen vorhin wohl – (Er unterbricht sich. So entsteht eine kleine Pause, während der er Eliza ansieht. Eliza senkt den Kopf und beginnt ohne Laut bitterlich zu weinen. Ganz in dieser Haltung geht sie zu dem Stuhl hinüber, der für sie von Paira hingestellt ist und setzt sich. Zuweilen streichelt sie, fast wie in einer Zerstreutheit, Carrels Hand. Alle sind irgendwie von diesem Augenblick besonders ergriffen; und die Ruhe, in der sie sich verhalten, bekommt etwas Ungezwungenes, bis auf Persat, in dessen Gesicht die Muskeln spielen.)

Carrel: Zuweilen, wenn ich in der Nacht aufwachte, hatte ich ein Gefühl von einem Einverständnis mit der ganzen Welt, das unbeschreiblich ist. Ich hatte es in diesen Augenblicken nicht nötig, gut zu sein, denn alles war gut. Die Bösewichter und Narren, mit denen sich der Tag herumschlagen muß, auch sie waren gut. Das heißt, sie waren nicht gut, sie waren Bösewichter und Narren auch für die Nacht. Aber es war doch gut, ich mache mich nicht deutlich, ich weiß wohl. In einem solchen Zustand fühle ich mich jetzt (er wird etwas erregter) und merkwürdigerweise von dem Augenblick an, wo ich den Schuß bekommen habe.

Dr. Marx (legt ihm beide Hände auf die beiden Schultern). Ruhig, Carrel, oder ich übernehme doch das Kommando.

Carrel: Was ist mit Persat? Was hast du?

Persat (mit mühsamer Gehemmtheit): Du hast mir etwas angetan, Carrel.

Thibaudeau: Sind Sie toll, Persat?

Carrel: Das war Thibaudeaus erstes Wort, seit Sie mich verbunden haben, Doktor. Aber Persat soll reden, und so laut, wie er will; macht keine Krankenstube um mich, sonst entlaß ich euch alle.

Persat: Carrel, als du den Schuß hattest, und der Schuft, der Girardin, da diesen kleinen Zwick am Bein, statt daß er es in sein Herz bekommen hätte, da, als wir 70 dich vorbeiführten – (er schlägt sich vor die Stirn) da fragtest du ihn, ob ihm seine Wunde weh tue? du – ihn! Carrel, was war das, warst du ein Heiliger oder ein Schauspieler?

Carrel (lächelnd, aber alle andern sind entsetzt): Was würdest du tun, wenn ich eines von beiden war?

Persat: Ich würde keinem Menschen auf Erden mehr trauen.

Carrel: Traue ihnen ruhig weiter, wo sie es verdienen. Es war weder eine so unnormale Güte, noch war es Verstellung. Es war nichts als eine tiefe Schwäche, die mich überkam, so daß ich nicht wußte, wer ich war und wo ich war, und sah auf den Mann wie auf einen völlig Fremden. Auch meine Wunde fühlte ich gewissermaßen, wie in einem fremden Körper, der dabei doch ich war. Schmerz hatte ich erst bei der Untersuchung – und jetzt ist er auch wieder weg, oder um es genauer zu sagen, er ist wo anders, hier ist er nicht. Und das verdanke ich Paira. Zuweilen, wenn ich in der Nacht erwache, ist es mir – (er zögert, schüttelt leise den Kopf) habe ich das nicht schon gesagt? Es ist nämlich ein so sonderbarer Zustand, daß sich alles darin wiederholt. Nein – so als ob alles immer da wäre. Keine Veränderung. Und siehst du, Eliza, das ist dasselbe, worüber wir nicht Bescheid wußten, und was uns immer so selig ratlos machte – die unendliche Gegenwart der Natur, wenn wir draußen waren auf den Wiesen, am Fluß – diese unentrinnbare, liebevolle Gegenwart, die erinnerungslose, zukunftlose. – Nach sechs Wochen Sonne erinnert man sich an einem zweiten Regentag nicht der Sonne mehr. Und wenn sie eine halbe Stunde wieder da ist, ist sie das nie zu trübende Wunder, der unanfechtbare Sieg. Man geht und will wohin kommen, aus dem Garten auf die Wiese, von der Wiese in den Wald. Aber der Weg ist vollendet bei jedem Schritt.

(Das Haupt sinkt ihm ein wenig nach hinten, er schließt die Augen, als ob er schlummere. 71 Die Anwesenden machen einander Zeichen, die zur Lautlosigkeit ermahnen. Dr. Marx sieht nach seiner Uhr. Pause.)

Carrel (als ob er aufwachte): Ah, ich habe herrlich geschlafen. Wie lange habe ich geschlafen, Eliza?

Eliza: Solange, Armand, wie es dich erquickt hat.

Carrel (streichelt ihre Hand): Welch eine kluge Antwort, Eliza! Ihr steht ja noch alle da, wie vorhin. Herrlich! Herrlich! Was ist die Zeit? Ein, zwei, drei Tage noch, so werden die sagen, die zählen, und werden glauben, es sei wenig. Du wirst bei mir sein, Eliza; ich werde keinen Geiz kennen mit den Stunden, keine Hast, keine Resignation, ich werde herrlich leben, ich werde Verse hören – schön, daß es im Sommer ist. Die einzige Form, in der ich die Lebensfurcht kannte, war die, zuweilen, daß es im Winter geschehen würde.

Dr. Marx: Was reden Sie da von Tagen? Wenn ich Sie gesund machen soll, brauche ich Ihren Willen dazu.

Carrel: Den haben Sie, Dr. Marx. Aber trotz der Zuversicht des Doktors, mein teuerster Paira, ist es doch sehr viel verlangt von dir, und vielmehr noch von Frau de Paira, wenn ich bitte, daß man mich noch eine Weile hier behalte.

Paira: Versuch' einmal zu bitten, daß man dich von hier wegnehme! Da würdest du erfahren, daß dein Eigensinn dir nichts nützt. Hier hast du Ruhe, einen Baum vorm Fenster – na, und so weiter.

Frau Paira: Und so weiter bin ich. Wenn Sie nicht mit mir zufrieden sein werden, wird es aber der Herr Doktor sein.

Dr. Marx: Ich muß jedoch aufmerksam darauf machen, daß meine Autorität zu Ende ist, sobald meine Herren Kollegen kommen. Und was sie anordnen, dem werden wir uns fügen. Nicht wahr, Carrel?

Carrel: Die sind alle nicht klüger, als Sie, Dr. Marx. Und Ihr Gesicht habe ich verstanden.

Eliza: Willst du etwas trinken, Armand? 72

Dr. Marx (fühlt seinen Puls und seine Stirn an): Etwas Zitronenwasser würde ich erlauben.

Carrel: Ich brauche nichts. Es ist ein guter Zustand, etwas Fieber. (Frau Paira geht trotzdem links hinaus.)

Dr. Marx: Ich habe nichts gesagt vom Fieber.

Carrel: Ihr wißt alle nichts. Ihr glaubt mir nicht, wie mir zu Sinne ist. Ich habe noch – diese – Seligkeit der Schwäche von heut morgen, aber nicht die Schwäche mehr. Wenn ihr alle diesen Kleinmut habt, daß ihr außerstande seid, mich zu wissen, und immer nur daran denkt, wie leid es euch tut, daß hier einer Schmerzen fühlt, den ihr liebt, und daß er womöglich nicht weit – davon ist – (Pause.) Ich bin aber so stark, daß ich euch weiß. Du wirst deine Arbeit tun, Thibaudeau.

Thibaudeau: Unter deinen Augen, wie immer.

Carrel: Damit bin ich einverstanden, gib mir deine Hand darauf! (Thibaudeau beugt sich zu ihm nieder und gibt ihm die Hand, tritt wieder zurück.) Meine Augen, die auf dir ruhen, werden nicht matter werden. Und du, Persat, wirst dich, ich weiß es, mit Girardin schlagen. (Alle sind betroffen.)

Persat (grimmig): Ich werde ihn mir holen – Aber daß du das sagst?

Carrel: Du verstehst mich gar nicht. Ich spreche ja nicht von mir, sondern von dir. Ich sage, daß du es tun wirst, falls er dir herauskommt. Ich sage nicht, daß du es tun sollst. Es wäre ja, und das weiß ich besser als du, Persat, ein Streich ins Leere. Denn Girardin, seht ihr, ist unverletzbar; wir können ihn nicht töten; wir müßten leben, solange es nur geht, um ihn niederzuhalten. Unsterblicher Girardin! Weiß ich es endlich, daß ich ein schweres Unrecht begangen habe, als ich zu diesem unsinnigen, untauglichen Mittel griff? Aber ich bereue es nicht. Reue – das wäre mir, als ob ich mich gegen die Herrlichkeit der Welt versündigte.

(Er sinkt wieder hin.) 73

Dr. Marx: Ich kann das nicht länger dulden. So gepeinigt bin ich in meinem Beruf noch nicht gewesen.

Eliza: Herr Doktor, ich bitte Sie; lassen Sie nun alles geschehen. Er schadet sich wirklich nicht. Er tut auch jetzt nur, was er immer getan hat. Wollen Sie ihn ändern? Die Menschen, sagt man, ändern sich nur vor dem Tode; und Carrel stirbt nicht.

Paira: So war es an unsern verbotenen Abenden in St. Cyr. Wir wurden müde an ihm und wollten doch, daß der Abend kein Ende nehme; und schließlich war er es, der uns in die Betten jagen mußte. Immer, wenn Carrel seine Stunde hatte, war es uns, als ob die Zeit still stünde, und das waren dann Augenblicke, wo wir etwas wußten – (mit einer breiten Handbewegung vor sich hin), was wir jetzt nicht mehr wissen.

Persat (zu Thibaudeau): Wir mögen ihn reichlich oft mißverstanden haben, Thibaudeau.

Thibaudeau: Wieso? Er ist immer klar, und es ist nicht schwer, ihn zu verstehen. Aber es ist schwer, genau das zu tun, was er will. Ich werde mir noch mehr Mühe geben als bisher.

(Frau Paira erscheint mit einem Glas Zitronenwasser, stellt es aber auf einen Wink beiseite.)

Frau Paira: Schläft er? Gott sei Dank!

Carrel (hebt wieder das Haupt, führt die Rose, die er in der Hand hat, vor die Augen, betrachtet sie und läßt sie wieder sinken): Es ist wunderschön, etwas so anzusehen, wie man sonst nur etwa riecht. Mit der Unersättlichkeit des Riechens und dabei doch mit der vollkommenen Selbstlosigkeit des Sehens. Auch das Hören kann ein solches Glück erleben. Ich habe gehört, was ihr alle gesprochen habt. (Er drückt krampfhaft Elizas Hand.) Wie kommt es, Paira, daß du mir noch immer gut bist? Unsere Wege sind sehr weit auseinandergegangen.

Paira: Es gibt wohl etwas, Armand, was die Menschen zu einigen vermag, mögen auch ihre Überzeugungen sein, wie sie wollen. 74

Carrel (schüttelt den Kopf): Das ist falsch, und das darf nicht sein. Unsere Überzeugungen, das sind wir selbst; sie müssen uns trennen, wenn sie getrennt sind. Und dennoch hast du, ich weiß nicht warum, irgendwie recht. Denn ich bin ja nicht aus Not zu dir gekommen, sondern mit Freude. Und um keinen Preis möchte ich jetzt wo anders liegen. Was ist das?

Frau Paira: Das ist Ritterlichkeit, Herr Carrel.

Carrel: Ritterlichkeit – die Brücke über einen Abgrund, den Abgrund der Feindschaft. Es ist keine schlechte Welt, die damit auskäme; aber es ist die meine nicht mehr.

Eliza: Keiner steht ja dort, wo der andere; und wenn sie alle dasselbe Ziel haben, können ihre Wege nicht dieselben sein.

Carrel: Aber das Ziel muß man wissen.

Paira: Wer darf sich dieses Übermuts vermessen?

Frau Paira: Da ist kein Übermut, Sohn. Vor Gott – – ist Demut.

Carrel: Hier lüge ich nicht mehr, Frau de Paira. Ungern spreche ich von Gott, von dem niemand etwas weiß. Aber etwas weiß ich auch von ihm. Gott ist – – der Stolz in meiner Brust. In alles dessen, was wächst, herrlichem Wachstum. Stolz ist in dieser Blume, Frau de Paira. (Berührt mit der Blume die Hand Elizas.) Stolz ist in dieser Frau; und Stolz, unerhörter, ist in euch allen, wie ich euch hier sehe. Ja, ich war gestern und schon eine Weile vorher kleinmütig; daß ich es jetzt bekenne, ist mein Glück und mein Stolz. Brot für jeden, Licht für alle! Kein Herr und kein Diener auf Erden – aber Herrschaft und Dienst, freiwillig beides. Dafür habe ich gelebt – was sage ich? – dafür lebe ich. Und bis zum letzten Atemzuge werde ich es gegen diese Gegenwart an die Zukunft weitergeben – und an jede Gegenwart. Wir, Persat, Thibaudeau, wir haben gekämpft; und jeder wahre Kampf ist der Sieg. Aber es gibt etwas, das noch schöner ist. Ihr glaubt das nicht? Es erschreckt euch? 75

Persat (schwer): Aber man möchte doch was vor sich bringen, den Stein weiterwälzen. Du weißt, Carrel, daß ich es ehrlich meine, und daß ich schließlich auch kein schwacher Hund bin. Aber – werde uns gesund! Wir brauchen dich!

Thibaudeau: Wir brauchen dich, Carrel; niemals mehr als jetzt. Denn die Verwirrung ist groß auf allen Seiten, und dahin und dorthin treibt es.

Carrel: Ihr dürft eines nicht vergessen, Freunde, alles, was die kleinen Leute sagen, und sei es noch so klug, und scheine es noch so richtig, ist Gefecht auf dem Rückzug. Was denkt ihr denn von mir? Ihr überschätzt mich weit. Vielleicht habe ich nur eines vor euch voraus, nämlich, daß ich etwas sehe: ich sehe, wie ein paar – in allen Jahrhunderten wenige – große Geister die Menschen vor sich hertreiben; und die Menschen – anfangs sind sie benommen und befangen von dem Zuruf des Geistes. Dann wehren sie sich dagegen und schimpfen und lachen Hohn; sie drehen sich um und schütteln ihre Fäuste, und also rückwärts gehen sie, ohne es zu wissen, dem Ziele zu, wohin der Geist sie treibt. Indem sie Widerstand leisten, werden sie geführt.

Thibaudeau: Du bist der Führer.

Carrel: Ich? Ich kann ja morgen sterben. Nein, Thibaudeau, man muß sich auf länger einrichten als auf das Leben eines Menschen. Wie lange dauert das Leben eines Menschen, Frau de Paira?

Frau Paira: So lange es Gott gefällt.

Carrel: Aber Ihr Gott rechnet! Er sagt siebzig Jahre und wenn es hoch kommt, achtzig. Meiner (er hat plötzlich das Lächeln eines Knaben), von dem ich vorhin sprach, der Stolz, der sagt: ewig. (Er sinkt zurück.)

Eliza (steht auf, blickt alle Anwesenden nacheinander an. Dann, als ob sie niemand fände, zu dem sie sprechen könnte, tritt sie ein paar Schritte zurück und sagt): Mir ist, wenn ich je wieder weine, müßte es aus Glück sein – aus Glück über diesen Augenblick. 76

Frau Paira (schüttelt den Kopf).

Paira: Ein Wagen fährt vor.

Dr. Marx (sieh niederbeugend): Wir müssen Sie nun hineintragen, Carrel.

Carrel (während Persat und Thibaudeau sich an ihre Plätze begeben): Schade; aber die fremden Herren darf ich wohl nicht tyrannisieren? Man tyrannisiert nur, was man liebt, guter Doktor Marx. Eliza darf wohl auch jetzt nicht mit hinein? (Er hält Eliza die Rose hin.) Auf Wiedersehen, Eliza. (Sie küßt ihn vorsichtig auf die Stirn.) Nimm diese; und mir gibt Paira eine andere.

Paira (nimmt eine Handvoll Rosen aus einer Vase und legt sie auf Carrels Decke).

Carrel: Vergeßt nicht – Thibaudeau, du denkst daran, – mir die Zeitungen von heute früh zu besorgen. Ich danke Ihnen, Frau de Paira, für alle Ihre Sorgfalt.

Dr. Marx (winkt den beiden Trägern, diese heben die Bahre mit großer Vorsicht auf, während Paira zur Tür geht und beide Flügel aufmacht. Persat und Thibaudeau tragen Carrel hinaus; als Dr. Marx ihnen folgen will, hält ihn Eliza, nach einem jähen Schritt, mit heftigem Griff am Arm zurück).

Eliza: Herr Doktor – – – wie lange?

Dr. Marx (nach einer kleinen Pause, während der er, gleichsam schielend, auf ihre Stirn sieht): Zwei Tage – – (und geht zur Tür hinaus).

Eliza (setzt sich auf einen Stuhl, auf dessen Lehne sie ihren rechten Arm legt, die Hand beginnt zu zittern. Frau Paira nickt drei-, viermal in einer gewissen zustimmenden Härte mit dem Kopf. Inzwischen ist die Tür wieder geschlossen worden).

 
Der Vorhang fällt.

 








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