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Armance

Stendhal: Armance - Kapitel 1
Quellenangabe
type
authorStendhal
titleArmance
publisherUllstein
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131208
projectid8b838521
wgs9110
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Vorwort

Eine Frau von Geist, doch ohne bestimmtes Urteil über literarisches Verdienst, hat mich Unwürdigen gebeten, den Stil dieses Romans zu verbessern. Ich bin weit entfernt, gewisse politische Anschauungen zu teilen, die in die Erzählung verwebt scheinen; das mußte ich dem Leser sagen. Der liebenswürdige Verfasser ist in manchem ganz anderer Ansicht als ich, aber die sogenannten »Anspielungen« sind uns beiden gleich zuwider. In London schreibt man sehr anzügliche Romane, »Vivian Grey«, »Almaks High life«, »Matilda« usw., die eines Schlüssels bedürfen. Es sind sehr ergötzliche Karikaturen von Personen, denen der Zufall der Geburt oder des Vermögens eine beneidete Stellung gab.

Diese Art »literarischer« Verdienste lehnen wir ab. Der Verfasser hat den ersten Stock der Tuilerien seit 1814 nicht mehr betreten; er besitzt soviel Stolz, daß er nicht mal die Namen der Leute kennt, die in gewissen Kreisen zweifellos eine hervorragende Rolle spielen.

Aber er läßt Industrielle und Privilegierte auftreten und schreibt eine Satire auf sie. Fragte man die Tauben, die auf den hohen Baumwipfeln girren, nach Neuigkeiten aus dem Tuileriengarten, so sagten sie: »Er ist eine grüne Weite mit dem schönsten Sonnenschein.« Wir Spaziergänger würden antworten: »Er ist eine köstliche, schattige Promenade, wo man vor der erdrückenden Mittagsglut im Sommer Schutz findet.«

So urteilt jeder über die gleiche Sache von seinem Standpunkt verschieden. So widersprechen sich auch in ihren Urteilen über den gegenwärtigen Gesellschaftszustand gleich achtbare Leute, die nur verschiedene Wege einschlagen, um uns zum Glück zu führen. Aber jeder zieht die gegnerische Partei ins Lächerliche.

Wittert man etwa eine boshafte Absicht des Verfassers in den übelwollenden und falschen Beschreibungen, die jede Partei von den Salons der Gegenpartei entwirft? Verlangt man von leidenschaftlichen Menschen abgeklärte Lebensweisheit, d. h. Leidenschaftslosigkeit? Im Jahre 1760 mußte man Grazie und Esprit besitzen, aber weder launisches Wesen noch Ehrenhaftigkeit, wie der Regent zu sagen pflegte, wenn man die Gunst des Gebieters und der Mätresse gewinnen wollte.

Zur Nutzbarmachung der Dampfmaschine bedarf es der Sparsamkeit, zäher Arbeit, Gründlichkeit und eines nüchternen Kopfes. Das ist der Unterschied zwischen dem Zeitalter, das 1789 zu Ende ging, und dem, das um 1815 begann.

Auf dem Marsche nach Rußland summte Napoleon beständig diese Worte aus der »Molinara«, die er von Porto so schön vernommen hatte:

Si batte nel mio cuore
L'inchiostro e la farina In meinem Herzen streiten sich die Tinte und das Mehl, d. h.: Soll man Müller oder Notar werden?.

Das könnten sich viele junge Leute wiederholen, die sowohl Geburt wie Geist besitzen.

Bei diesen Worten über unser Zeitalter finden wir, daß wir zwei Hauptcharaktere der folgenden Novelle skizziert haben. Kaum zwanzig Seiten davon kommen in Gefahr, als satirisch zu erscheinen, aber der Verfasser will auf etwas andres hinaus. Das Zeitalter ist trübsinnig und launisch; man muß sich bei ihm vorsehen, selbst wenn man nur ein Buch veröffentlicht, das binnen sechs Monaten vergessen sein wird, wie die besten ihrer Art. Das habe ich dem Verfasser bereits gesagt.

Inzwischen bitten wir um ein wenig von der Nachsicht, die man den Verfassern des Lustspiels »Trois Quartiers« gewährt hat. Sie haben dem Publikum einen Spiegel vorgehalten. Können sie dafür, wenn in diesem Spiegel häßliche Gestalten erschienen? Zu welcher Partei gehört ein Spiegel?

Man wird im Stil dieses Romans naive Redensarten finden, die zu ändern ich nicht den Mut habe. Für mich ist nichts so langweilig wie der deutsche romantische Schwulst. Der Verfasser pflegte zu sagen: »Ein allzu großes Trachten nach vornehmen Wendungen ruft schließlich Respekt und Kälte hervor. Eine Seite liest man wohl gern, aber diese reizende preziöse Art führt dahin, daß man das Buch nach dem ersten Kapitel zuklappt, und wir möchten doch, daß man möglichst viele Kapitel liest. Lassen Sie mir also meine bäurische oder spießbürgerliche Schlichtheit.«

Man beachte, daß der Verfasser in Verzweiflung wäre, wenn ich ihm einen spießbürgerlichen Stil zutraute. In seinem Herzen wohnt großer Stolz. Dies Herz gehört einer Frau, die sich um zehn Jahre gealtert fühlte, wenn man ihren Namen erführe. Und zudem, solch ein Gegenstand! ...

Saint-Gigouf, 24. Juli 1827.
Stendhal

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