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Christoph Martin Wieland: Aristipp - Kapitel 163
Quellenangabe
typefiction
booktitleAristipp und einige seier Zeitgenossen
authorChristoph Martin Wieland
year1993
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20135-2
titleAristipp
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1800-1801
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Daß das erste und zweyte Buch hiervon eine Ausnahme macht brachte die Natur der Sache mit sich. In einer Gesellschaft von mehr als zwölf Personen, will sichs nicht wohl schicken, daß Einer sich der Rede sogleich ausschließlich bemächtige; und Plato benutzt diesen Umstand, seine Leser gleich Anfangs durch das Gespräch zwischen Sokrates und dem alten Cefalus (dem Herrn des Hauses) über die Vortheile und Nachtheile des hohen Alters (die kleinste und schönste Episode dieses Werks) in Erwartung einer angenehmen und interessanten Unterhaltung zu setzen. Aber lange kann der Platonische Sokrates ein Gespräch dieser Art nicht ausdauern. Er muß etwas zu disputieren haben; und da ihm Cefalus keine Gelegenheit dazu giebt, macht er sie selbst, indem er ihn, man sieht nicht recht warum, durch eine verfängliche Frage in einen Streit über den richtigen Begriff der Gerechtigkeit zu ziehen sucht, und dadurch den eigentlichen Gegenstand dieses Dialogs, wiewohl ein wenig bey den Haaren, herbeyzieht. Der schlaue Alte, der die Falle sogleich gewahr wird, macht sich, mit der Entschuldigung, daß seine Gegenwart beym Opfer nöthig sey, in Zeiten aus dem Staube; seinem Sohne Polemarchus auftragend, die Sache mit dem kampflustigen Herren auszufechten. Der junge Mann zeigt sich dazu bereitwillig, und der Streit beginnt über den Spruch des Simonides, »jedem das Seine geben ist gerecht,« welchen Polemarch behauptet, Sokrates hingegen mit verstellter Bescheidenheit und Ehrfurcht »vor einem so weisen und göttlichen Manne wie Simonides,« unter dem ironischen Vorwand: er verstehe die Meinung dieser Worte nicht recht; nach seiner gewohnten Art bestreitet, indem er jenen durch unerwartete Fragen und Indukzionen in die Enge zu treiben und zum Widerspruch mit sich selbst zu bringen sucht. Polemarch wehrt sich zwar eine Weile, sieht sich aber, da er zu rasch und hitzig dabey zu Werke geht und seinem Gegner an Spitzfindigkeit nicht gewachsen ist, ziemlich bald genöthigt, seine Meinung zurück zu nehmen. Ich gestehe, daß ich es, an Platons Stelle, nicht über mich hätte gewinnen können, weder den Sokrates mit so ströhernen Waffen fechten, noch den Sohn des Cefalus sich so unrühmlich überwunden geben zu lassen. Man könnte zwar zu seiner Entschuldigung sagen: Bekannter Maßen habe Sokrates sich gegen die Sofisten und ihre Schüler aus Verachtung keiner schwerern Waffen bedient; da es ihm nicht darum zu thun gewesen sey, sie zu belehren, sondern ihrer zu spotten, sie in Widersprüche mit sich selbst zu verwickeln, und eben dadurch, daß sie sich so leicht verwirren und in Verlegenheit setzen ließen, sie selbst und die Zuhörer ihrer Unwissenheit und Geistesschwäche zu überweisen. Ich antworte aber: so bald Plato, der Schriftsteller, sich die Freyheit herausnahm, den nicht mehr lebenden Sokrates zum Helden seiner filosofischen Dramen und dialektischen Kampfspiele zu wählen, und ihm zu diesem Ende eine subtile, schwärmerische, die Grenzen des Menschenverstandes überfliegende Filosofie, die nichts weniger als die seinige war, in den Busen zu schieben; mit Einem Wort, so bald er sich erlaubte aus dem wirklichen Sokrates einen idealischen zu machen, würde es ihm sehr wohl angestanden haben, auch die einzigen Züge, die er ihm lassen mußte, wenn er sich selbst noch ähnlich sehen sollte, die Art wie er die Ironie und die Indukzion zu handhaben pflegte, zu idealisieren; ich will sagen, sie mit aller der Feinheit und Kunst zu behandeln, deren sie bedarf, wenn sie für eine Methode gelten soll, dem gemeinen Menschenverstand den Sieg über sofistische Spitzfindigkeit und täuschende Gaukeley mit Ähnlichkeiten, Wortspielen und Trugschlüssen zu verschaffen. Dieß, denke ich, müßte ihm Pflicht seyn, wenn er das Andenken seines ehrwürdigen Lehrers wirklich in Ehren hielte, und ich sehe nicht, womit er zu entschuldigen wäre, daß er in diesem Wortgefechte mit Polemarch gerade das Gegentheil thut. Oder muß es nicht dem blödesten Leser in die Augen springen, daß sein vorgeblicher Sokrates den Spruch des Simonides auf eine Art bestreitet, die den Leser ungewiß läßt, ob der Sofist Sokrates den ehrlichen Polemarch, oder der Sofist Plato den ehrlichen Sokrates zum Besten haben wolle? Denn (was wohl zu bemerken ist) Polemarch erscheint in diesem Streit zwar als ein ziemlich kurzsinniger und im Denken wenig geübter Mann, aber nichts an ihm läßt uns argwöhnen, daß es ihm nicht um Wahrheit zu thun sey; und der Satz des Simonides, wenn er gleich den höchsten und reinsten Begriff dessen was gerecht ist nicht erreicht, drückt doch eine so allgemein für Wahrheit anerkannte Maxime aus, daß man nicht begreift, wie Platons Sokrates sich erlauben kann, einen so platten langweiligen Scherz damit zu treiben. Oder sollte Plato im Ernst glauben, die Erklärung des Simonides werde dadurch der Unrichtigkeit überwiesen, »daß einer z. B. Unrecht hätte, wenn er ein bey ihm hinterlegtes Schwert dem Eigenthümer auf Verlangen wieder gäbe, falls dieser wahnsinnig wäre, oder der Depositor gewiß wüßte, daß er seinen Vater damit ermorden wolle?« Denn wer sieht nicht, daß hier bloß mit den verschiedenen Bedeutungen, die das Wort gerecht im gemeinen Leben hat, gespielt wird; daß die Fälle, worin es nicht recht, d. i. weder gesetzmäßig noch klug, schicklich und rathsam ist, das Anvertraute dem Eigenthümer wieder zu geben, Ausnahmen sind, die aus dem Zusammenstoß verschiedener gleich heiliger Pflichten entstehen; und daß daher unter verschiedenen Umständen und in verschiedener Ansicht eben dasselbe recht und unrecht seyn kann? Daß Sokrates dieß nicht zu wissen scheint – und daß der gute Polemarch, so bald ihm die Ausnahme als ein Einwurf vorgehalten wird, gleich so erschrocken, als würde ihm der Kopf der Gorgone vor die Augen gehalten, zurück springt, und den Worten des Simonides flugs eine andere Deutung giebt, die er gleichwohl eben so wenig gegen die Sofistereyen und Ironien des großen dialektischen Kampfhahns zu behaupten weiß, – alle diese Antinomien gegen die Gesetze der gesunden Vernunft sind, ich muß es gestehen, etwas hart zu verdauen, wiewohl sie aufhören in Erstaunen zu setzen, wenn man gesehen hat, daß das ganze Buch von ihres gleichen wimmelt. Und gleichwohl dürft' es jedem Leser, der gerade keinen besonderen Sinn für die Reitze dieser Art von Spaßmacherey hat, schwer fallen, an dem göttlichen Plato nicht irre zu werden, wenn er auf die platten, und in eine Menge kleiner, zum Theil ganz müßiger Quästiunkeln aufgelösten Indukzionen stößt, wodurch der treuherzige Polemarch sich vom Sokrates weiß machen läßt: aus seiner Hypothese, »jedem das Seine geben sey so viel als seinen Freunden Gutes und seinen Feinden Böses thun,« folge ganz natürlich, der gerechteste Mann sey der größte Dieb, und die Gerechtigkeit sey nur in so fern etwas Gutes als man keinen Gebrauch von ihr mache. Wer kann sich einbilden, ein so scharfsinniger geometrischer Kopf wie Plato habe sich selbst über die Armseligkeit solcher Beweise, die zum Theil auf bloßen Wortspielen beruhen, täuschen können, und sehe nicht so gut als wir, daß Polemarch der blödsinnigste Knabe von der Welt gewesen seyn müßte, wenn er sich in so groben Schlingen hätte fangen lassen? Er muß also eine besondere Absicht dabey gehabt haben; und was konnte diese anders seyn, als seinem Pseudo-Sokrates, um ihm desto mehr Ähnlichkeit mit dem wahren zu geben, eine Eirons-Larve umzubinden; und die bekannte Manier im Dialogisieren, welche dem ächten Sokrates eigen war und vom Xenofon in seinem Symposion so schön dargestellt wird, auf eine Art nachzuahmen, die zu jener Larve paßt, und gerade deßwegen, weil sie übertrieben ist, dem großen Haufen und den Fernestehenden die Ähnlichkeit seines Zerrbildes mit dem Original (dessen feinste Züge im Gedächtniß der Meisten schon ziemlich abgebleicht sind) desto auffallender macht?

Unter die ziemlich häufig in diesem Dialog vorkommenden Beyspiele, daß Plato, so bald er will, die dramatische Wahrheit und das, was jeder Person zukommt, sehr gut zu beobachten weiß, rechne ich die Art, wie er den Sofisten Thrasymachus auf den Kampfplatz springen läßt, und überhaupt, die wahrhaft attische Eleganz und Feinheit, womit er die eitle Selbstgefälligkeit und den neckenden, naserümpfenden, nicht selten in beleidigende Grobheit übergehenden Stolz des plumpen Sofisten mit der kaltblütigen Urbanität und ironischen Demuth des seiner spottenden Sokrates kontrastieren läßt. Nur Schade, daß der letztere auch hier seine Würde nicht durchaus so behauptet, wie der Anfang uns erwarten macht. Man könnte zwar sagen, es zeige sich in dem ganzen ersten Buche, daß es dem Sokrates noch kein rechter Ernst sey; daß er bloß, wie ein Citherspieler der sich hören lassen will, sein Instrument zu stimmen und zu probieren scheine, wiewohl er, auch indem er nur nachlässig auf den Saiten herumklimpert, schon zu erkennen giebt was man von ihm zu erwarten habe. Es mag seyn, daß Plato diesen Gedanken hatte; indessen möchte ich doch behaupten, daß die Disputazion mit dem Sofisten Thrasymachus unter die ausgearbeitetsten Theile des ganzen Werks gehöre, und für ein Meisterstück in der ächtsokratischen Manier, einen streitigen Punkt aufs Reine zu bringen, gelten könnte, wenn Sokrates seinem eigenen Karakter immer getreu bliebe und – nachdem er den Sofisten so weit getrieben, daß er geradezu behaupten muß, die Ungerechtigkeit sey Weisheit, und die Gerechtigkeit also das Gegentheil, – sich nicht, aus wirklicher oder verstellter Verlegenheit wie er ihn widerlegen wolle, in eine weitausgeholte, spitzfündige Manier mit unbestimmten, schillernden und doppelsinnigen Begriffen und Sätzen, wie mit falschen Würfeln, zu spielen, verirrte, d. i. wenn der verkappte Sokrates, der seine Rolle bisher bis zum Täuschen gespielt hatte, nicht auf einmahl in den leibhaften Plato zurück ziele, und am Ende noch zehnmal mehr Sofist würde als sein Gegner selbst. Es ist schwer zu begreifen, wie Plato sich in solchen Spielereyen so sehr gefallen, oder wie er glauben kann, er habe seinen Gegner zu Boden gelegt, wenn er durch eine lange Reihe nichts beweisender Gleichungen zuletzt das Gegentheil von dem, was jener behauptet hatte, herausbringt. Das allerseltsamste aber ist dann doch, daß in diesem ganzen Schattengefechte beide streitende Parteyen, indem sie einen bestimmten filosofischen Begriff von der Gerechtigkeit suchen, den popularen, auf das allgemeine Menschengefühl gegründeten Begriff immer stillschweigend voraussetzen, ohne es gewahr zu werden. Es ist als ob die närrischen Menschen den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen könnten; sie suchen was ihnen vor der Nase liegt, und was sie bloß deswegen nicht finden, weil sie sich in einer Art von Schneckenlinie immer weiter davon entfernen. Sie würden gar bald einig geworden seyn, wenn Sokrates, statt der kleinen spitzfündigen und hinterstelligen Fragen, die ihm schon Aristofanes vorwarf, geradezu gegangen, und das, was alle Menschen, vermöge eines von ihrer Natur unzertrennlichen Gefühls, von jeher Recht und Unrecht nannten, in seiner ersten Quelle aufgesucht hätte. Leicht wär' es dann gewesen, das, was Recht ist, von dem, was Wahn oder Gewalt zu Recht setzen, zu unterscheiden; die Streitenden hätten einander nicht lange mißverstehen können, und wären in der Hälfte der Zeit einig geworden, welche Platons sofistisierender Sokrates verschwendet, um – am Ende selbst gestehen zu müssen, daß – nach allem, was über die albernen Fragen: ob die Gerechtigkeit Tugend oder Untugend, Weisheit oder Thorheit, nützlich oder schädlich sey? seit mehr als einer langen Stunde gewitzelt, ironisiert und in die Luft gefochten worden, – die große Frage, was ist Gerechtigkeit? aus seiner Schuld noch immer unausgemacht geblieben sey.

Wie Sokrates, nach einem solchen Geständniß, zu Anfang des zweyten Buchs sagen kann: »er habe geglaubt das Gespräch sey nun zu Ende,« weiß ich nicht; denn daß Thrasymachus schon seit einer ziemlichen Weile, mit dem hoffärtigen Anstand eines Kämpfers, der seinen Gegner nicht für gut genug hält ihn seine Überlegenheit fühlen zu lassen, sich zurück zieht, machte zwar dem Spiegelgefecht mit ihm ein Ende; aber die Untersuchung selbst war so wenig beendigt, daß sie nicht einmahl recht angefangen hatte. In der That hatte Thrasymachus seine Sache so schlecht geführt, daß man zur Entschuldigung des Sokrates sagen könnte: er habe es nicht der Mühe werth gehalten Ernst gegen einen Antagonisten zu gebrauchen, den man schon mit Strohhalmen in die Flucht jagen konnte. Ob Plato diesem Sofisten, indem er ihn zu einem eben so hohlen als aufgeblasenen Strohkopf macht, Recht oder Unrecht gethan habe, mag dahin gestellt seyn; genug daß durch die Art, wie der Streit bisher geführt wurde, für die gute Sache der Gerechtigkeit, welche doch nach Platons Absicht in diesem Dialog einen entschiedenen Sieg über ihre Gegner erhalten sollte, wenig oder nichts gewonnen war. Das Werk mußte also ernsthafter angegriffen werden. Um dieses zu bewerkstelligen, stellt Plato in seinen Brüdern Glaukon und Adimanthus zwey neue Personen auf, welche bisher noch keinen thätigen Antheil an dem Gespräche genommen hatten; und man muß gestehen, daß er sein möglichstes gethan hat, die Rolle, die er ihnen im zweyten Buche zu spielen giebt, glänzend und ehrenvoll zu machen. Der erste von ihnen, Glaukon, tritt zwar als Verfechter der Ungerechtigkeit auf, deren Sache Thrasymachus (wie er meint) allzu lässig vertheidigt und ohne Noth viel zu früh aufgegeben habe; verwahrt sich aber mit vieler Wärme gegen den Verdacht, als ob er, indem er alle seine Kräfte zu Gunsten der Ungerechtigkeit aufbiete, aus eigener Überzeugung und gleichsam aus der Fülle des Herzens rede. Also bloß um den Gegnern der Gerechtigkeit alle Möglichkeit der Einwendung, als ob ihre Gründe nicht in ihrer ganzen Stärke geltend gemacht worden wären, abzuschneiden, und um den Sokrates in die Nothwendigkeit zu setzen, sich der guten Sache in vollem Ernst anzunehmen, nimmt Glaukon das Wort, und macht sich anheischig: vor allen Dingen zu erklären, was nach der Meinung derjenigen, für welche Thrasymachus gesprochen habe, die Gerechtigkeit sey und woher sie ihren Ursprung nehme; sodann zu zeigen, daß diejenigen, die sich der Gerechtigkeit befleißigen, es nicht deßwegen thun, weil sie in ihren Augen ein Gut, sondern weil sie ein nothwendiges Übel ist; und endlich drittens zu beweisen, daß diese Leute Recht haben; sintemahl die Erfahrung bezeuge, daß das Leben des Ungerechten in der That glücklicher sey als des Gerechten. »Nicht als ob ich selbst diese Meinung hegte, sagt Glaukon; aber doch stoßen mir zuweilen Zweifel auf, da ich täglich von Thrasymachus und zehen Tausend andern so viel dergleichen hören muß, daß mir die Ohren gellen, hingegen mir noch Niemand, so wie ich es wünschte, bewiesen hat, daß der Gerechte sich im Leben besser befinde als der Ungerechte.«

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