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Gutenberg > Claude Anet >

Ariane

Claude Anet: Ariane - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorClaude Anet
titleAriane
publisherPaul Zsolnay Verlag
printrun197. bis 201. Tausend
year1933
firstpub1924
translatorGeorg Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070712
projectidab783458
secondcorrectorH. Niephaus
secondcorrection20120109
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III

Um halb neun des nächsten Abends erschien Ariane Nikolajewna im Tor ihres Hauses, vor dem Konstantin Michael sie erwartete. Sie trug einen reizenden Hut mit großen Flügeln, der durch Bänder unter dem Kinn gehalten wurde; aus ihrem schwarzen Mantel erhob sich der blanke Hals.

Sie gingen die Twerskaja fast hinunter. Es war vereinbart, daß sie spazieren gehen wollten, doch als sie vor dem Hotel National anlangten, machte Konstantin den Vorschlag einzutreten.

»Warum nicht?« meinte Ariane. Unter dem dicken Mantel hob sich ihre schmale Schulter und ließ ihn leicht erbeben.

In dem kleinen Salon legte Ariane ihren Mantel ab, im benachbarten Schlafzimmer ihren Hut und richtete ihr Haar vor dem Spiegel. Sie blickte ohne eine Spur von Befangenheit umher. Auf dem geöffneten Bett lag ausgebreitet der Schlafanzug Konstantins.

Im Salon tranken sie Tee. Konstantin nahm das junge Mädchen auf seine Knie und ihre Lippen trafen sich. Er begann sie zu entkleiden. Aber Ariane wehrte sich andauernd und ihre spitzen Nägel spielten in dem Kampf eine große Rolle. Er mußte, bald mit Schmeicheleien, bald mit Gewalt, mit Bitten und mit allem Aufwand von List und Überredungskünsten ein Stück ihrer Kleidung nach dem andern mühsam erobern. Die leichte Bluse fiel; der runde junge Busen erschien auf einer zarten Brust. Das Abstreifen des Rockes erforderte unendlich lange Zeit, endlich gelang es Konstantin. Er hielt das Mädchen fast nackt in seinen Armen. – Er war vollkommen erschöpft. Sitte und Gepflogenheit verlangen von den Frauen, in solchen Lagen nur gerade so viel scheinbaren Widerstand vorzutäuschen, daß der Mann seinen Angriff mit der Pose des antiken Eroberers beschließen kann; dies ist ein entzückendes Spiel, dessen Rollen seit langem genau vorgeschrieben sind. Aber hier mußte Konstantin, trotzdem sie seinen Wünschen schweigend entgegengekommen war, wirklich Gewalt anwenden und anstrengend kämpfen. Warum verteidigte sie sich so leidenschaftlich, da sie doch entschlossen war, sich zu geben? Warum kämpfte sie seit einer Stunde ohne nachzulassen? Während eines kurzen Atemholens konnte er sich nicht enthalten ihr in ziemlich heftiger Weise vorzuwerfen:

»Aber schließlich wissen Sie doch, wozu wir hier sind! Sie sind doch vorbereitet gewesen. Es ist doch bei Gott nicht das erstemal ...?«

Ariane blickte ihn hoheitsvoll an und sprach in einem Ton, der ihn das Unwahrscheinliche der Frage fühlen ließ:

»Glauben Sie denn, daß ich auf Sie gewartet habe?« Die Schulter hob sich und schlüpfte aus dem Hemd, das den Arm entlanggleitend den Körper halb entblößte. Aber als er sie ins Schlafzimmer tragen wollte, klammerte sie sich am Diwan fest und rief mit tönender Stimme:

»Ich stelle meine Bedingungen!«

»Ich bin im voraus mit allem einverstanden!« erwiderte er atemlos.

»Es muß finster sein und ich werde wie eine Tote bleiben.«

Konstantin Michael dachte: »An wen zum Teufel bin ich da geraten? Was für ein Abenteuer mit einem dieser verschrobenen Mädchen von heute, die kein Gefühl und keine Lust kennen, denen Lieben nicht mehr bedeutet als Essen: eine Sache ohne Wichtigkeit, die man nur abgetan haben will. – Daß ich nur nichts zu bereuen habe!«

Er hielt den kühlen Körper in seinen Armen und widersprach:

»Diese Bedingungen sind verrückt; aber jetzt ist keine Zeit mehr zu debattieren.«

In der Finsternis des Zimmers, inmitten des weichen Bettes, in dem Ariane »wie eine Tote« lag, überzeugte sie ihn, wenn auch ihr vielleicht unbewußt, daß sie doch nicht so gefühllos sei, wie er befürchtet hatte. Indessen dauerte auch im Dunkeln der Kampf noch an, der Kampf gegen einen leblosen Körper.

Gereizt rief er:

»Es gibt Augenblicke, in denen es gut sein mag, sich zu verteidigen, andere aber, in denen man es auch verstehen muß, sich zu ergeben.«

»Aber ich wehre mich ja gar nicht«, zitterte eine kleine, schwache Stimme an seinem Ohr, eine Stimme, so kindlich und demütig, in der ein Hauch von Angst zu schweben schien, daß dieser neue Klang ihn überraschte.

Und im gleichen Augenblick siegte er über ihren Widerstand. –

Eine Stunde später kämmte Ariane, vor dem Spiegel sitzend, ihr geöffnetes Haar; es fiel bis zur Hüfte herab und seine schimmernden Wellen verbargen den zarten Körper.

Sie sprach in leichter, ungezwungener Weise und erzählte Erlebnisse aus früheren Tagen. Nicht ein einziges ihrer Worte und kein Blick von ihr hätte verraten lassen, daß zwischen Konstantin und ihr jetzt neue Beziehungen bestanden. Während des Zuhörens entdeckte Konstantin an einem Finger seiner rechten Hand einen kleinen Riß. »Das kleine Ungeheuer hat mich gekratzt?« dachte er, »Oder war es eine Nadel?«

Als es Mitternacht schlug, erhob sie sich. Er versuchte vergeblich sie zu überreden, noch mit ihm speisen zu gehen.

»Mein Verliebter erwartet mich zu Hause. Gestern abend machte er mir Vorwürfe. Es scheint, daß er erraten hatte, von wo ich kam. Meine Tante hat ihn gehört, darauf kam eine zweite Szene. Ich will das vermeiden. Ich habe gern Ruhe zu Hause.«

Sie gingen zu Fuß. Sie sprach mit großem Gedankenreichtum über den Lehrplan der Gymnasien und über die Erziehung der Mädchen. Als er sie an ihrer Tür verließ, schien sie überrascht, von ihm zu hören, daß er sie am nächsten Tage zur gleichen Zeit abholen wolle. Sie war ohne Gegenrede einverstanden.

Als er sich müde und erschöpft in sein Bett fallen ließ, war er verwundert, Spuren seines wunden Fingers auf dem weißen Leinen zu finden. Schon halb im Schlaf ging ihm dies noch durch den Sinn.

»Sie hat mich doch stärker gekratzt, als ich glaubte. Sonderbares Tierchen! – Wer wohl meine Vorgänger waren? Ihre Erziehung ist fraglos mißglückt. Ich muß von vorne beginnen; aber wird es der Mühe wert sein?«

Doch er war müde und ohne weiter nachzudenken schlief er ein ...

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