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Ariane

Claude Anet: Ariane - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorClaude Anet
titleAriane
publisherPaul Zsolnay Verlag
printrun197. bis 201. Tausend
year1933
firstpub1924
translatorGeorg Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070712
projectidab783458
secondcorrectorH. Niephaus
secondcorrection20120109
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Zweiter Teil

I

Es war jener Abend im Monat April, da Schaljapin zum ersten Male in dieser Saison im Großen Theater in Moskau wieder auftrat. Er sang den Boris Godunow. Man kann sich nichts Festlicheres denken, als den Anblick des großen Saales, dessen Plätze seit drei Wochen ausverkauft waren. Die reichen Paradeuniformen der Offiziere und Beamten, das Glitzern ihrer Orden mit dem prächtigen Schillern ihrer Schärpen, die hellen Ballkleider der Damen, die schimmernden Perlen und das Blitzen der Diamanten vereinigten sich zu einer unvergeßlichen Harmonie von Glanz und Farben.

In der vierten Reihe Orchesterfauteuil saß Ariane Nikolajewna. Neben ihr war noch ein leerer Platz, obgleich es bereits sieben Uhr geschlagen hatte. Ariane betrachtete gleichgültig ihre Umgebung und sah von Zeit zu Zeit in ihr Programm, das sie in ihren bloßen Händen hielt. Sie drehte sich um und blickte zur zweiten Galerie hinauf; mit Mühe unterschied sie als einen kleinen hellen Punkt unter hundert ähnlichen das bartlose Gesicht eines Schülers mit goldenen Achselstücken, das ihr zugewandt war. Sie nickte ihm freundschaftlich zu, worauf er zurückwinkte.

Die Ouvertüre begann. Der Sitz neben ihr war noch immer frei.

Ariane war schlechter Laune, die schon seit einigen Monaten anhielt. Ihr Aufenthalt in Moskau, der jetzt sechs Monate währte, hatte sie enttäuscht. Sie fühlte sich einsam und verloren in dieser gewaltigen Stadt. Zu Hause war sie die Gebieterin gewesen, hatte die Welt zu ihren Füßen gesehen, hier mußte sie die ganze Arbeit von neuem beginnen. Ariane hätte wohl die Kraft dazu gehabt, aber ein ärgerliches Erlebnis hatte ihr die Lust dazu genommen. In der Einsamkeit, die sie fühlte und in dem täglichen Ärger des Familienlebens – denn sie wohnte, als letztes Zugeständnis an ihren Vater, bei einem verheirateten Onkel, mit dem sie ebensowenig wie mit dessen Frau im geringsten harmonierte – hatte sie häufig die Theater besucht und vor allem das wundervolle Theater der schönen Künste. Sie verliebte sich in einen der ersten Schauspieler dieser Bühne, verfolgte ihn in allen seinen Rollen und wurde schließlich mit ihm bekannt. Er hatte sie in seinem Automobil spazieren geführt, sie hatten gemeinsam im Restaurant und bei ihm soupiert, als sie plötzlich nach einigen Wochen freundschaftlichen Verkehrs seine geistige Minderwertigkeit erkannte und ihn ohne Abschied in der verächtlichsten Weise verließ. Von diesem Zwischenfall behielt sie einen bitteren Nachgeschmack; sie versuchte zu arbeiten, doch auch ihre Lehrer enttäuschten sie, kurz, Moskau war ihr verleidet. Sie fühlte sich unbefriedigt, sehnte sich nach Anlehnung, nach Aussprache; nach jener Anerkennung und Bewunderung, die sie zu Hause so selbstverständlich hingenommen. Sie brauchte eine Resonanz für ihre geistigen und weiblichen Qualitäten, um sie entfalten zu können und glücklich zu sein. –

Auf der Bühne flehte die Menge vor dem Kloster zu dem unsichtbaren Boris, er möge die Krone annehmen und allen ihren Leiden ein Ende bereiten. Die Traurigkeit des klagenden Gesanges senkte sich tief in das Gemüt.

In diesem Augenblick entstand eine Bewegung in der Reihe, in der Ariane saß. Ein junger Mann schlüpfte, sich entschuldigend, an ihr vorbei und setzte sich auf den leeren Platz. Ariane sah, daß er groß und ungewissen Alters war, von einer bemerkenswerten Ungezwungenheit und Sicherheit des Auftretens. Einige Augenblicke vergingen, als ihr Nachbar, dessen Blick sie wiederholt auf sich ruhen fühlte, sich mit gedämpfter Stimme an sie wandte:

»Wer singt heute den Boris?« Sie wandte ihm, ohne ihr Erstaunen zu verbergen, das Gesicht zu.

»Aber Schaljapin natürlich!«

Er machte eine Bewegung, als verstände er jetzt das Merkwürdige seiner Frage, und lächelte.

»Ich werde Ihnen in der Pause erklären – – Danke.«

Ariane unterdrückte ein aufsteigendes Lachen und schwieg. Als der Vorhang nach dem ersten Akt fiel und der Saal hell wurde, sprach ihr Nachbar wieder:

»Was müssen Sie von mir denken? Aber meine Unwissenheit ist wenigstens erklärlich: ich bin erst abends in Moskau angekommen und als ich um sieben Uhr im Hotel National hörte, daß Boris Godunow gegeben würde, ging ich hierher.«

»Aber Sie hatten doch keinen Sitz?« fragte Ariane, die gegen ihren Willen neugierig geworden war.

»Ach, wissen Sie, für mich ist immer und überall noch ein Platz. Die Kassiererin hat mich zwar abgewiesen, das ist richtig, aber im Foyer bot mir eine alte Frau, die sicher nur auf mich gewartet hat, diesen Sitz an, da irgendwer erkrankt sei. Sie sehen, wie einfach.«

»Und alles gelingt Ihnen so leicht?«

»Selbstverständlich.«

Sie plauderten angeregt weiter, bis sich der Vorhang wieder hob und eine Unterhaltung beendete, die beiden Vergnügen gemacht hatte.

In der großen Pause war der Saal in lebhafter Bewegung. Arianes Nachbar sagte:

»Ich habe noch nicht gegessen, ich sterbe vor Hunger. Tun Sie mir den Gefallen und kommen Sie mit zum Büfett, ich bin so ungern allein und mit Ihnen kann man so nett sprechen.«

»Ich bin nicht allein hier, ein Student hat mich begleitet. Er hat sich vierundzwanzig Stunden angestellt, um zwei Karten zu bekommen. Eine auf der Galerie und meine. Er erwartet mich in der Pause.«

»Ein Grund mehr, daß wir uns eilig davonmachen!« Und Ariane folgte ihm wirklich.

Im Laufe des Abends machte ihre gegenseitige Bekanntschaft solche Fortschritte, daß er im letzten Zwischenakt den Vorschlag machte, sie auf dem Heimweg zu begleiten. Sie wandte ein, daß jener Student auf ihren Wunsch ein Auto bestellt habe, besann sich aber plötzlich anders.

»Eigentlich ist das eine wundervolle Lektion für ihn.« Und kaum war der Vorhang gefallen, liefen sie davon, wie Kinder aus der Schule. Er schlug vor noch gemeinsam zu soupieren. Davon könne keine Rede sein. Er wollte einen Wagen nehmen, sie war dagegen. Sie wollte zu Fuß nach Hause gehen, obzwar sie in der Sadowaja, eine halbe Stunde vom Stadtinnern entfernt, wohnte. Und so stampften sie durch Kot und schmelzenden Schnee. Die Löcher im Pflaster, die Unsicherheit und Hindernisse des Weges rechtfertigten es, daß er ihr den Arm bot und daß sie diese Hilfe annahm. Im Sprechen betrachtete er sie. Über ihr vornehmes Abendkleid hatte sie einen weiten dunklen Mantel genommen und auf den Kopf einen reizenden, kleinen, weichen Filzhut gestülpt, den sie zerdrückt aus der Tasche gezogen hatte.

Schon machten sie neue Pläne.

»Da Sie die Oper lieben, kommen Sie übermorgen mit mir zu ›Prinz Igor‹, wollen Sie?«

»Aber Sie werden doch keine Karten mehr bekommen!«

Er stellte sich groß vor sie hin und nahm ihre beiden Hände.

»Ja, wissen Sie denn noch nicht, daß ich immer alles bekomme, was ich will? – Also wir werden zusammen den Prinz Igor anhören und da wir dann schon alte Bekannte sind, werden Sie sich nicht mehr weigern, nachher mit mir zu soupieren.«

»Nun schön, wenn Sie noch Karten bekommen, bin ich einverstanden, aber es ist ausverkauft.«

Sie waren vor einem schönen Zinshaus in der Sadowaja angelangt.

»Hier bin ich zu Hause«, sagte sie stehenbleibend.

»Ja richtig, geben Sie mir bitte Ihren Namen und Ihr Telephon an.«

Er schrieb nach ihrem Diktat und reichte ihr dann seine Karte. Sie las: Konstantin Michael.

»Das ist doch kein Name!« bemerkte sie.

»Und doch heiße ich so.«

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