Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Claude Anet >

Ariane

Claude Anet: Ariane - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorClaude Anet
titleAriane
publisherPaul Zsolnay Verlag
printrun197. bis 201. Tausend
year1933
firstpub1924
translatorGeorg Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070712
projectidab783458
secondcorrectorH. Niephaus
secondcorrection20120109
Schließen

Navigation:

V

Der größte Stolz der Stadt war der kaum zehn Minuten vom Domplatz entfernte Alexanderpark. Ein Ehrenkomitee von angesehenen Bürgern verwaltete ihn zum allgemeinen Wohl; für ein geringes Entree konnte man seine vielen Annehmlichkeiten genießen. Mitten im Garten waren eine Radrennbahn mit überhöhten Kurven und zwei von Netzen umgebene Tennisplätze untergebracht. Von der Tribüne der Rennbahn sah man an einem Ende des Gartens ein Sommertheater mit gedeckter Bühne und offenem Zuschauerraum, das für Operetten und Lustspiele bestimmt war, und am anderen Ende das vom Besitzer des Hotel London gepachtete Restaurant mit seinen großen Sälen, die sich auf blumengeschmückte Terrassen öffneten. Sobald der Frühling kam, übersiedelten der berühmte Küchenchef und die weniger berühmte Kapelle aus dem Stadthotel hierher und dann strahlte abends das Licht von Restaurant, Terrassen und Theater in die heißen Sommernächte. Offiziere, Beamte, Kaufleute und Fabrikanten trafen hier ihre Frauen, ihre Söhne und Töchter oder ihre Freundinnen. Die Schauspielerinnen flanierten hier nach der Vorstellung und tausend Bande wurden auf dem Platz zwischen Theater und Restaurant geknüpft und auch gelöst, während die Klänge der Musik aus dem Saal tönten und das grelle Licht der Bogenlampen die Nacht aufhob. Abseits von dem großen Platz verloren sich lauschige Alleen im Schatten und boten zahlreichen Pärchen ein erwünschtes Dunkel. Hier ertönte helles oder ersticktes Gekicher, leidenschaftliches Flüstern und eilig verfolgendes Laufen.

Die beiden jungen Mädchen überquerten an jenem Abend, rechts und links, ohne sich aufhalten zu lassen, Grüße erwidernd, die von einer angeregten Menge erfüllte Terrasse. Als sie unten beim Restaurant vorbeikamen, erhob sich ein Mann, der dort im Schatten eines Erkers gesessen hatte, um ihnen entgegen zu gehen. Olga Dimitriewna erschrak.

»Natürlich, da ist er!« flüsterte sie, den Arm ihrer Freundin pressend, um sie fortzuziehen. Aber Ariane blieb stehen und reichte dem Entgegenkommenden die Hand. Es war ein Mann mittlerer Größe, mit einem dicken, aufgedunsenen Gesicht, in dem die kleinen blauen Augen hinter zu schweren Lidern blinzelten. Die bleiche Gesichtsfarbe deutete auf keine gute Gesundheit. Sein Schnurrbart war englisch gestutzt und die Haare waren an den Seiten kurzgeschnitten, während der Schädel ganz kahl war; seine Hände waren plump und träge. Er war von unbestimmbarem Alter und ging langsam, sich schwer auf seinen Stock stützend. Er erschöpfte sich in zudringlicher Höflichkeit, hielt einen im Gespräch bei der Hand oder nahm einen um die Schulter, neigte sich beim Sprechen ganz nahe, so daß man unwillkürlich zurückschreckte, um eine nicht erwünschte Berührung zu verhüten. Michael Iwanowitsch Bogdanow war ein gebildeter Mann von überfeinertem wissensdurstigem Geiste; irgend etwas Beunruhigendes ging jedoch von ihm aus, das man deutlich fühlte, aber nicht in Worten ausdrücken konnte. Seit einigen Jahren hatte er sich von seinen Geschäften zurückgezogen. Man hatte viel vom Ingenieur Bogdanow gemunkelt, ohne jemals etwas Bestimmtes behaupten zu können. Sein Name war auch mit einer traurigen Geschichte verknüpft, die im vergangenen Jahre viel in der Stadt besprochen worden war; eines der entzückendsten Mädchen der Gesellschaft hatte mit achtzehn Jahren Selbstmord verübt, ohne daß man die Ursache kannte. Es war einer jener Fälle von Lebensüberdruß, wie sie häufig bei der russischen Jugend vorkommen, die mit ihren überreizten und doch schwachen Nerven oft schon den ersten Anforderungen des Lebens erliegt. Bei diesem Mädchen hatte man nun Briefe von Bogdanow gefunden. Briefe sehr gebildeten, sehr verworrenen, sehr unverständlichen Inhalts, aus denen nichts anderes zu ersehen war, als daß zwischen ihr und Bogdanow eine sehr vertraute Verbindung, vielleicht nur seelischer Art, bestanden haben mußte. Die öffentliche Meinung machte nun, von dem rätselhaften Vorfall beunruhigt, Michael Iwanowitsch für diesen Selbstmord verantwortlich und ließ ihn das fühlen. Zu dieser Zeit begann Ariane, offenbar aus Trotz und Verachtung gegen das allgemeine Urteil, ihm öfter zu begegnen und in voller Öffentlichkeit lange Unterhaltungen mit ihm zu führen. Michael Iwanowitsch schien daran außerordentliches Vergnügen zu finden; der überragende Verstand Arianes blendete ihn, er sprach nur im Tone größter Hochachtung zu ihr, nicht wie zu einem kindlichen Mädchen, sondern wie zu einer Frau von verfeinerter Bildung, mit der man mühelos die schwersten philosophischen Fragen erörtern kann. Er ließ verschiedentlich durchblicken, daß sie an ihm stets, auch über und außerhalb der gewöhnlichen gesellschaftlichen Regeln, einen ergebenen Freund habe und daß für Geister, wie sie beide, die Grenzen, die für die breite Waffe gut sind, nicht gelten. In diesen Gesprächen entwickelte er eine stark materialistische Lebensauffassung, die darin gipfelte, daß das Geld im Dasein eine ungeheuer wichtige Rolle spiele, daß in gewissen Momenten sich niemand davon freimachen könne und jeder den Schicksalsfügungen, die einen ganz plötzlich davon abhängig machen, wehrlos ausgeliefert sei; er aber, Michael Iwanowitsch, wäre nur allzu glücklich, Ariane, falls sie jemals in eine Zwangslage kommen sollte Geld zu benötigen, mit seinem Überfluß auszuhelfen. Dies wurde natürlich nicht mit der Brutalität gesagt, die hier durchklingt. Es fiel nicht ein einziges Wort, das Ariane Nikolajewna hätte verletzen können oder bei dem sie ihn, der es meisterhaft verstand, alles erraten zu lassen ohne sich jemals deutlich auszudrücken, hätte unterbrechen mögen. Aber schließlich blieb als Ergebnis ihrer Unterredungen, daß er seine Dienste angeboten und sie ihn verstanden hatte. Alles dies war aber – wohlverstanden – in eine Menge verschleiernder Worte gekleidet und verhüllt, Worte, die aus den nüchternsten Fragen irgend etwas Überfeines, ganz außerhalb des persönlichen Vorteils Liegendes machten; irgend etwas wie ein übersinnliches Geschäft, ein verfeinerter Handel in seelischen Dingen. Ihr sicheres Gefühl hatte Ariane nicht getäuscht. Michael Iwanowitsch stand, sobald es notwendig war, zu ihrer Verfügung. Über den Preis, der für seine Dienste zu zahlen sein würde, war natürlich niemals gesprochen worden. Und schließlich, wenn Ariane schon daran dachte, so schien es stets, als ob alle seine Anbote nur unerfüllte Wünsche bleiben würden. Dem jungen Mädchen schmeichelte es, diese rätselhafte Persönlichkeit, mit der sich die ganze Stadt beschäftigte, unter die Schar seiner Verehrer zählen zu können. Bogdanow besaß ungewöhnlich viel Geist und die Art seiner Huldigungen hatte für Ariane einen Reiz besonderer Neuheit.

Begleitet von Olga Dimitriewna, die ihren Arm um keinen Preis der Welt losgelassen hätte, führte Ariane den Ingenieur in eine Seitenallee.

Mit der Gründlichkeit, die ihr eigen war, schnitt sie sofort die Frage an, die sie beschäftigte.

»Wissen Sie, daß ich Sie vielleicht brauchen werde?«

»Unvergleichliche Freundin,« erwiderte er mit einer jener Redensarten, die er liebte und deren altmodische Lächerlichkeit er noch durch Betonung und Handbewegung zu übertreiben pflegte, »Sie wissen, daß ich Ihnen restlos zur Verfügung stehe! Ich würde glücklich sein, Ihnen dienen zu können!«

»Ja, ich will an die Universität und habe Schwierigkeiten mit meiner Familie.«

»Ach die Familie, die Familie; welch schauderhaftes Joch, die wahre Sklaverei! Und ein Geist wie Sie, Ariane Nikolajewna. Welche Leiden! Ich danke Ihnen unendlich, daß Sie an mich gedacht haben. – Ich bin gerührt, wirklich gerührt. Aber haben Sie auch eines nicht vergessen?« und er nahm ihre Hand in seine beiden und blieb stehen. »Wie soll ich es ertragen Sie zu verlieren? Was soll ohne Sie in dieser barbarischen Stadt aus mir werden? Wie könnte ich auf die kostbaren Minuten, die Sie so gütig waren, mir zu schenken, verzichten?« Er flüsterte jetzt so nahe dem Gesicht Arianes, daß Olga kaum seine Worte hörte. »Auf jeden Fall muß man das besprechen, bedenken, eingehend besprechen. Sie werden mich anrufen, nicht wahr? Wann es Ihnen paßt. Nichts wird mich abhalten. Seien Sie davon überzeugt und ich danke Ihnen von Herzen.«

Ariane befreite ihre Hand; sie zögerte einen Augenblick und wandte sich dann an Olga:

»Warte hier auf mich. Ich komme in einer Minute zurück.« Und ihre bestürzte Freundin verlassend, entfernte sie sich mit dem Ingenieur ins Dunkle.

»Michael Iwanowitsch, ich weiß nicht, warum ich mich gerade an Sie wende, ich überlege nicht viel. Vielleicht habe ich unrecht. – Aber ich liebe keine unklaren Situationen, deshalb will ich, daß wir offen reden. Ich brauche Geld, um an die Universität zu gehen. Können Sie es mir leihen? Ich sage leihen, weil ich ein mütterliches Erbteil von etlichen zehntausend Rubeln besitze, das ich bei meiner Großjährigkeit beheben kann. Wollen Sie mein Bankier sein? Es ist ein Kreditgeschäft, das ich Ihnen vorschlage, nichts anderes als ein gewöhnliches Geschäft. Es darf auch nicht anders betrachtet werden, darum ersuche ich Sie. Ich will niemandem zu Dank verpflichtet sein: daher muß diese Angelegenheit so ausgeführt werden, wie ich sie auffasse, oder – gar nicht. Und ich muß sofort Bescheid haben; darum: Können Sie mir das Geld borgen, das ich brauche, und welche Zinsen werden Sie für den Betrag, den Sie mir vorstrecken, beanspruchen?«

»Aber meine Freundin, meine teuerste Freundin! Ich begreife nicht, wahrlich, ich bin ganz verwirrt. Ein Geschäft zwischen Ihnen und mir? Aber das ist doch unmöglich. Wie können Sie daran denken! Sie, Ariane Nikolajewna, brauchen ein paar tausend erbärmliche Rubel, aber sie stehen Ihnen natürlich zur Verfügung, sofort, ohne Bedingungen, ohne alle Bedingungen! Meine einzige Belohnung wird das Bewußtsein bilden, daß ich Unwürdiger mein Scherflein zur Entfaltung Ihrer seltenen Persönlichkeit beitragen durfte. Das ist nur eine Ehre, eine große Ehre für mich. – Nur zittre ich, wie ich ehrlich gestehe, bei dem Gedanken Sie zu verlieren. Meine schwache Gesundheit verbietet mir einen Aufenthalt in Petersburg oder Moskau. Ich müßte sicher sein dürfen, daß Sie mich nicht vergessen werden, ja, daß Sie jedes Jahr zu den Ferien hierher zurückkehren und sich um mich, einen Kranken, kümmern werden. Denn ich bin doch ein Leidender, nicht wahr, ein Kranker, der keine großen Ansprüche stellt. – Ich will ja nichts, als ein paar Stunden in der Woche mich mit Ihnen unterhalten dürfen! – Sie wissen es ja nicht, Ariane Nikolajewna, die seltenen Tage, an denen mir bewußt ist, daß ich noch lebe, sind die, an denen Sie mir die Gnade schenken mit mir zu plaudern. Der Zauber Ihres Geistes ist ein unübertreffliches Mittel gegen alle meine Leiden, ja schon der bloße Klang Ihrer Stimme gibt mir meine Frische zurück. – Es ist ein Wunder, ein wahres Wunder! – Und sehen Sie, erlauben Sie mir es auszusprechen, ich leide grausam darunter, daß ich Sie nur so selten sehen kann, immer nur vom Zufall abhängig, immer nur in Hast und immer nur mit Ihrer Freundin, die ja gewiß reizend ist, deren Geist aber mit Ihrem keinen Vergleich aushält. Wenn Sie Mitleid mit mir hätten, würden Sie mir einige Stunden Ihrer Unterhaltung gönnen, aber in Ruhe, fern von störenden Zeugen, bei mir. – Das wäre Barmherzigkeit! – Sie haben eine so köstliche Lebensbetonung, meine Freundin, daß Sie sie selbst auf Sterbende übertragen. – Wissen Sie, welchen Namen ich Ihnen bei mir gegeben habe? ›Die Königin von Saba.‹ Ja, Sie erinnern sich wohl, die Königin von Saba in der ›Versuchung des heiligen Antonius‹: ›Sie wußte zahllose Geschichten zu erzählen, eine immer unterhaltender als die andere.‹ – Alles was Sie mir von Ihrer wunderbaren Jugend erzählten und von den Tagen, die Sie zwischen uns verleben, ist für mich prächtiger, als die schönsten orientalischen Märchen. – Sehen Sie, dies ist die einzige Gnade, die ich von Ihnen erbitte.«

Im Gegensatz zu der leidenschaftlichen Ausdrucksweise von Michael Iwanowitsch, dessen Erregung außerordentlich war, erwiderte Ariane im trockensten Tone:

»Und wie oft in der Woche soll ich bis zu meiner Abreise Ihre ›Königin von Saba‹ sein?«

Michael Iwanowitsch war bestürzt.

»Aber meine Freundin...« begann er.

»Antworten Sie klipp und klar, ich bitte darum. Ich will alle Bedingungen dieses Handels genau kennen.«

»Ich ertrage es nicht, Sie so sprechen zu hören. Ein Handel? Sie sind vollkommen im Irrtum...«

»Wenn Sie mir nicht sogleich antworten wollen, gehe ich meiner Wege und wir werden niemals wieder von dieser Sache sprechen.«

Michael Iwanowitsch zögerte:

»Ich weiß wirklich nicht... zwei-, dreimal wöchentlich?«

»Nehmen wir zweimal. Und während wie vieler Stunden werde ich Geschichten zu erzählen haben?«

»Wahrlich, Sie sind grausam. Diese Gründlichkeit ist schrecklich.«

»Nun gut, ich werde es selbst bestimmen: zweimal wöchentlich eine Stunde. Das sind Ihre Bedingungen. Sie sind teuer. – Ich werde es überlegen. – Auf Wiedersehen.« –

Er hielt sie zurück.

»Noch ein Wort. – Ich werde übersiedeln. Ja, ich war nicht zufrieden. Ein zu lärmendes Haus. Und außerdem wohne ich schon zu lange da. Es ist voll von Erinnerungen. Wissen Sie, daß ich mit Erinnerungen rings um mich nicht leben kann? Sie verbittern mich. Ich bin ein Kranker, Ariane Nikolajewna, begreifen Sie das? Deshalb habe ich ein kleines Haus in der Vorstadt gemietet, ruhig, ohne Nachbarn. Das kleine Haus von Leo, dem Schweizer vom Hotel London. – Ich bewohne es allein.«

Und schon entfernte sich Michael Iwanowitsch, das eine Bein nachziehend, auf seinen Stock gestützt. –

Das Abendessen vereinigte etwa zehn Personen auf einer der Terrassen des Restaurants, Ariane und Olga waren die einzigen Mädchen. Man sah auch Paul Pawlowitsch und den großen blonden Jungen, der Ariane diesen Morgen beim Verlassen des Hotel London auf der Straße angesprochen hatte. Der Günstling Arianes, den sie neben sich gesetzt hatte, war an diesem Abend ein Schüler mit kleinem vornehmen Kopf, schwarz wie die Nacht, aber mit wundervollen weißen Zähnen und blauen Augen. Man hatte mit Wodka angefangen und trank jetzt Champagner. Olga Dimitriewna blickte zärtlich auf ihren Nachbar, ihre Hand lag auf der seinen und sie versicherte mit schmeichelnder Stimme, daß sie sterbenstraurig und ihre Seele krank sei. Ariane strahlte voll Geist und Leben, niemals war sie fröhlicher, niemals sprühender gewesen. Sie hielt alle in Atem und von ihren geschwungenen Lippen sprangen die spitzen Epigramme wie Pfeile.

Aber plötzlich, als man eben über Moral und Liebe sprach, änderte sich ihre Stimmung und mit einem an ihr ungewohnten Tonfall, der allen auffiel, rief sie:

»Moral, was soll das Wort? Ein Mädchen, das sich für Geld hingibt, hat ebenso seine Moral, wie eine Frau, die keinen Geliebten hat, die ihre. Wer kann nach oberflächlicher Betrachtung entscheiden: das ist Moral und das ist Schande? Moral ist nichts als ein Gefühl, das in unserem tiefsten Innern ruht, und nur wir selbst können darüber richten. – Ich kann mir vorstellen, daß ich mich verkaufen könnte,« wobei sie die erzitternde Olga anblickte, »ohne vor mir selbst schlecht zu werden.«

»Was sprechen Sie da!« warf der blonde Jüngling erschrocken ein.

»Und doch ist es so«, setzte Ariane fort. »Nehmen Sie an, ich hätte kein Geld und fühlte doch gleich einem unwiderstehlichen Zwang die Pflicht in mir, meine Fähigkeiten zu entwickeln, an die Universität zu gehen, an allen hohen geistigen Bestrebungen teilzunehmen, für die ich berufen bin. Soll ich daran denken, das ideale Streben in mir damit zu verschandeln, daß ich meine Zeit verschwende, kleine Idioten für zwei Rubel die Stunde zu unterrichten? – Nun, ich brauche das Geld. An wen soll ich mich wenden? An einen Freund, den ich liebe? Daran ist gar nicht zu denken, denn man vermengt nicht Liebesangelegenheiten mit Geldfragen. Aber wenn ein Mann, den ich nicht liebe, für einige Stunden, in denen er meinen Körper besitzt, mir die Möglichkeit eines reichen geistigen Lebens zusichert, habe ich dann nicht die Pflicht anzunehmen? Bin ich dadurch, daß ich ein solches Geschäft abschließe und mit dem einzigen Besitz, den ich habe, bezahle, weniger anständig oder werde ich mir selbst untreu? Gut, die Welt wird mich verdammen, aber was ist die Welt? Eine Versammlung von Dummköpfen und eine Anhäufung von Vorurteilen. Möge sie mich nach Belieben verurteilen! In meinen eigenen Augen bleibe ich doch ein anständiges Mädchen!«

Die Hälfte der Anwesenden spendete lauten Beifall. – Paul Pawlowitsch senkte den Kopf.

»Recht hat sie!« rief einer.

»Das ist die wahre Moral. Bravo!« ein anderer.

Der Nachbar Olga Dimitriewnas blickte sie an, da sie plötzlich ihre Hand von ihm losriß. Sie weinte.

»Was haben Sie?« fragte er.

»Bitte achten Sie nicht darauf. Ich bin nervös. – Aber sprechen Sie weiter zu mir, damit die andern meine Tränen nicht bemerken.«

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.