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Ariane

Claude Anet: Ariane - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorClaude Anet
titleAriane
publisherPaul Zsolnay Verlag
printrun197. bis 201. Tausend
year1933
firstpub1924
translatorGeorg Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070712
projectidab783458
secondcorrectorH. Niephaus
secondcorrection20120109
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III

Beim Betreten ihres Zimmers sah Ariane den Brief ihres Vaters mitten auf dem Tisch und erkannte seine pedantische Schrift. Es war ein eingeschriebener Brief; sie zuckte die Schultern.

Bevor sie ihn las, kleidete sie sich ganz aus und warf die braune Uniform auf einen Sessel. Sie öffnete ihre kastanienbraunen langen Haare, hüllte sich in einen dünnen Morgenrock, nahm den Brief und streckte sich mit nackten Füßen auf den Diwan.

Der Brief begann folgendermaßen:

»Meine liebe Tochter! In Beantwortung Deines Briefes vom 10. d. M. (dieser Geschäftston verursachte eine Grimasse auf ihrem frischen Gesicht) teile ich Dir meine Pläne mit. Es paßt mir nicht, daß Du die Universität beziehst. Wir haben schon ohne Dich genug verschrobene Frauenzimmer in Rußland. Du bist klug und wirst Deine Intelligenz in Deiner Wirtschaft und zur Erziehung Deiner Kinder besser brauchen können. Ich hoffe, daß Du Dich baldigst verheiratest. Unser Freund Peter Borissowitsch, an den Du Dich gewiß erinnerst, hat Dich in bestem Andenken behalten und sein größter Wunsch ist es, Dich zu heiraten. Wie Du weißt, ist er ein ernster Bursche, der Dir das angenehmste Leben bieten kann. Er hat auch schon eine angesehene Stellung in der Geschäftswelt und ich kann für ihn bürgen, wie für mich selbst. Ich gehe jetzt für einen Monat in einen Kurort im Kaukasus. Im September, wenn ich zurückkehre, rechne ich damit, Dich in Petersburg zu sehen. Wir werden den Herbst in Pawlowsk verbringen, wo Peter Borissowitsch eine reizende Villa besitzt...«

In diesem Ton ging es durch vier Seiten. Das junge Mädchen mochte nicht weiter lesen. Sie zerknüllte den Brief und warf ihn in eine Ecke des Zimmers.

»Wie ekelhaft!« und sie schloß die Augen und träumte vor sich hin. Sie sah sich wieder als kleines Mädchen von acht Jahren, von ihrem Paten, dem Fürsten Viaminsky auf den Knien geschaukelt. Was war das für ein ungewöhnlicher Mensch! Und wie er sie liebte! Wenn sie ihn besuchte, gab er ihr abwechselnd ganz neue wunderschöne Goldstücke und herrliche Schokoladebonbons. Die Bonbons steckte sie sofort in den Mund, die Goldstücke versteckte sie aber in der Schultasche, denn ihre Mutter hätte niemals erlaubt, daß sie sie annahm. So trug sie oft auf ihrem Schulweg zwanzig oder dreißig klimpernde Münzen, die, wenn auch einzeln in Seidenpapier gepackt, doch bei jedem Schritt leise klangen. Dieser Pate wollte sie, wie man ihr später erzählte, adoptieren; er wollte sie erziehen lassen und immer um sich haben. – Er hatte so weiße, ganz kühle Hände. Sie erschauerte immer, wenn er ihre Arme und Wangen streichelte; ganz schwindlig wurde ihr. –

Der gelbe Vorhang, der in dem stillen Zimmer das Fenster verdeckte, glänzte golden von den Strahlen der untergehenden Sonne.

Sie träumte weiter. – Der Fürst kam ganz nahe. Sie schlief, sah ihn aber doch durch die geschlossenen Augen. Er sah sie so starr an, daß es sie bedrückte. Und plötzlich, wie war das nur möglich, fühlte sie auch seine kühle Hand an ihrem Fuß – – –

Sie schreckte auf und erblickte Wladimir Iwanowitsch auf dem Diwan sitzend, auf dem sie lag. Er hatte eine Hand auf ihren unbekleideten Knöchel gelegt und betrachtete sie regungslos. Sobald er sah, daß sie erwacht war, neigte er sich zu ihr.

»Verzeihen Sie, Ariane Nikolajewna. Ich klopfte an Ihrer Türe und da niemand antwortete, trat ich ein. Ich bin erst ein paar Minuten hier...«

Sie ließ ihn nicht beenden.

»Sie haben so kalte Hände, wie mein Pate. Das hasse ich. Lassen Sie sofort meinen Fuß los.«

Im Sprechen hüllte sie sich fester in ihren Überwurf, der sich verschoben hatte, ließ WIadimir Iwanowitsch jedoch keine Sekunde aus den Augen. Ihr Wille war ein so entschiedener, daß er keinen Widerspruch wagte und seine Hand zurückzog.

»Und jetzt stehen Sie augenblicklich auf!«

Es schwang ein so herrischer Ton in der Stimme dieses schwachen Mädchens, daß sich Wladimir Iwanowitsch sofort erhob.

Ohne Hast rückte sich Ariane zurecht, erhob sich vom Diwan und schlüpfte mit den Füßen in die Hausschuhe. Sie schritt zur Türe, öffnete sie und sprach mit ruhiger Sicherheit:

»Und nun adieu! Ich glaube das ist das Beste, was Sie tun können. Ich hätte nicht gedacht, daß Sie meinetwegen zu uns ins Haus kämen.«

Der Doktor nahm sie bei der Hand, zog sie an sich und sein Gesicht ganz nahe dem ihren, flüsterte er heiser:

»Denken Sie von mir, was Sie wollen – – – Tatsache ist, daß ich nicht mehr leben kann, ohne Sie zu sehen – – – Ich muß mit Ihnen sprechen, besuchen Sie mich!«

»Und Sie werden Ihre Tochter, die in meinem Alter ist, einladen, an unserer Unterhaltung teilzunehmen«, warf Ariane mit Verachtung ein.

Wladimir Iwanowitsch war wie vor den Kopf geschlagen, aber er faßte sich rasch:

»Um sieben Uhr bin ich immer allein in dem Pavillon, in dem ich meine Patienten empfange. Ich erwarte Sie.«

»Ja richtig, Sie sind Arzt. Da kann ich Sie vielleicht wirklich einmal brauchen, wenn ich krank bin. Wenn es nötig ist, Wladimir Iwanowitsch, werde ich Sie nicht vergessen.«

Er fuhr verletzt zurück, seine Augen sprühten, aber ohne Erwiderung verließ er das Zimmer.

Während Ariane sich noch ankleidete, klopfte es dreimal leise und die Türe öffnete sich, um Olga Dimitriewna einzulassen.

Sie hatte lange Zeit bei Varwara Petrowna gewohnt, sie aber verlassen, als sie eine Stelle beim Magistrat annahm, und bewohnte jetzt, um unabhängiger zu sein, ein kleines möbliertes Zimmer. Trotzdem kam sie täglich in die Dworanskaja, wo sie ihre Mahlzeiten einnahm, und verbrachte die Abende mit Ariane, an der sie mit großer Liebe hing. Ob ihre Gefühle mit gleicher Stärke erwidert wurden, war nicht gewiß; jedenfalls verbrachten beide Mädchen jede freie Minute gemeinsam und hatten kein Geheimnis voreinander, obgleich Olga um fünf Jahre älter war. Es war dies ein bemerkenswerter Zug im Charakter Arianes, daß sie sich in unbewußter Selbstschätzung niemals an Gleichaltrige anschloß, wie auch die Beziehungen zwischen ihr und Varwara schon gezeigt hatten. Olga verbarg nichts aus ihrem Leben vor Ariane, und dieses blonde, mitteilsame Mädchen war sicher, auch alles von seiner Freundin zu erfahren. Aber ein unbefangener Beobachter der lebhaften Unterhaltung dieser beiden jungen Mädchen hätte manchen sonderbaren Blick bemerkt, mit dem Ariane ihre Freundin ansah, und dessen Ursache gesucht. Die intime Freundschaft zwischen Ariane und Olga war für letztere nicht ohne Vorteil, denn trotz ihrer großen Jugend hatte Ariane schon einen ganzen Kreis von Verehrern um sich versammelt, die darin wetteiferten, ihr alle Wünsche zu erfüllen. Und oft waren es ganz phantastische Begehren, die in ihrem Köpfchen auftauchten; Picknicks, Abendgesellschaften, Schlittenpartien, Tanzunterhaltungen – an allem nahm Olga teil und es wäre gar nicht denkbar gewesen, Ariane ohne ihre Freundin einzuladen. Ihr fiel die nicht sehr schmeichelhafte Rolle einer Gardedame zu, mit der sie sich aber abfand, um geschickt alle jene Vorteile zu genießen, die gerade in dieser Situation nicht selten sind.

Ins Zimmer tretend, betrachtete sie Ariane und sprach lachend, halb ärgerlich, halb bewundernd:

»Also das begreife ich nicht: du warst soupieren, hast Champagner getrunken, hast weiß Gott was alles getan, warst kaum zwei Stunden im Bett, hast eine Prüfung bestanden und jetzt stehst du da, frisch und blühend, wie wenn du die ganze Nacht geschlafen hättest.«

»Du mußt noch hinzufügen, daß ich großen Ärger hatte. Ich erhielt endlich die Antwort meines Vaters; zwischen ihm und mir ist alles aus. Hier lies selbst!«

Sie reichte Olga den zerknitterten Brief und diese las aufmerksam. Als sie fertig war, schaute sie zu ihrer Freundin auf, die sich am Toilettetisch frisierte.

»Und was jetzt?«

»Jetzt? – Es muß auch ohne ihn gehen. Es kann nicht so schwer sein in einer Stadt, wie hier, Geld aufzutreiben...«

Olga Dimitriewna lief zu ihr hin. Sie war ganz außer sich.

»Ich weiß, an wen du denkst. Aber das ist doch unmöglich. Schwöre mir, daß du das nicht tun wirst. Schon der Gedanke ist mir unerträglich. Du wirfst dich weg!«

Sie hatte sich zu ihrer Freundin gebeugt, die Arme um sie geschlungen und drückte sie an sich. Tränen stiegen ihr in die Augen.

»Sprich mit deiner Tante, wende dich an Nikolaus, an wen du willst, nur nicht an ihn. Versprich mir das!«

Ariane entzog sich ihr sanft.

»Zunächst möchte ich mich in Ruhe frisieren, das ist vorerst das einzig Wichtige. – Welches Talent du doch hast, alles hochdramatisch zu nehmen! Und jetzt weinst du gar noch! – – – handelt es sich denn um dich oder um mich? Wer wird darunter zu leiden haben, du oder ich? Du weißt ganz gut, daß ich meiner Tante nicht mit Geldfragen kommen kann. Sie ist schon mal so, damit muß man sich abfinden. Wir lieben einander sehr und ich möchte um keinen Preis unser ausgezeichnetes Einvernehmen wegen ein paar elender Rubel stören. Nein, überlaß die Ordnung dieser Dinge nur mir.«

Sie hatte sich erhoben und einen Arm zärtlich um Olgas Schulter gelegt.

»Wie kindisch du bist, Liebste. Geh eine Kerze für mich opfern und mach dir keine Sorgen. Ich werfe mich nicht so leicht weg, wie du glaubst. Erinnerst du dich, was man im Mittelalter die Feuerprobe nannte? Man mußte durch einen brennenden Scheiterhaufen schreiten, ohne sich zu verletzen. Nun, du kannst sicher sein, daß ich hindurch komme, ohne daß mich die Flammen berühren!«

Sie ging im stillen Zimmer auf und ab; plötzlich blieb sie vor Olga stehen und sagte lachend:

»Weißt du, wer eben von hier wegging? – Wladimir Iwanowitsch, meine Liebe.« Und auf die ungläubige Miene Olgas hin erzählte sie von der Überraschung, die sie beim Erwachen erwartet hatte und von der Szene, die dann folgte, nicht ohne einige aufregende und pikante Ausschmückungen zuzufügen, die mehr ihre Einbildungskraft als ihre Wahrheitsliebe ehrten.

Olga hörte ihren Bericht mit leidenschaftlicher Neugier an und als er beendet war, sprach sie seufzend:

»Wie bezaubernd ist er doch. – Er hier auf diesem Diwan! Ach, ich hätte nicht widerstehen können!« Lang sprachen sie über dieses unerschöpfliche Thema; bis Pascha sie mit der Meldung unterbrach, daß man mit dem Essen warte.

Bevor die Mahlzeit beendet war, erhob sich Ariane und entschuldigte sich bei ihrer Tante:

»Nikolaus wartet unten«, um sich dann an Olga zu wenden: »Ich komme um neun Uhr zurück. – Wir gehen dann in den Alexanderpark.«

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