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Ariane

Claude Anet: Ariane - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorClaude Anet
titleAriane
publisherPaul Zsolnay Verlag
printrun197. bis 201. Tausend
year1933
firstpub1924
translatorGeorg Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070712
projectidab783458
secondcorrectorH. Niephaus
secondcorrection20120109
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XX

An anderen Tagen aber schien es, als wäre das junge Mädchen von einem Dämon besessen. Zwar machte sie keine ›Szenen‹ im gewohnten Sinne des Wortes; sie sprach kein lautes Wort und sie erhob keine Vorwürfe. Sie hatte eine verfeinerte Art in der Kunst der versteckten Anspielungen, angedeuteten Hintergedanken, im Überhören, Schweigen, Verheimlichen, darin, alles das erraten zu lassen, worüber sie angeblich nichts sagen wollte. Auf diese Weise machte sie unerwartete Enthüllungen aus ihrem früheren Leben und den Erfahrungen, zu denen ihre Neugier und die »Sinnlichkeit ihrer Natur« sie getrieben hatten. Diesen Ausdruck pflegte sie zu gebrauchen und hatte Konstantin erklärt, daß man ebenso das Recht habe die Sinnlichkeit zu entfalten, wenn man dazu die Veranlagung hat, wie Wesen, die ein Gehirn haben, ihre Intelligenz zu entwickeln und wie bleichsüchtige Mädchen ihre Sentimentalität zu pflegen. Oft fand sie Lust daran, in der zynischesten Weise über die gegenseitigen Beziehungen der Geschlechter zu dozieren; das Recht auf volle Freiheit in der Liebe war eines ihrer beliebtesten Themen. »Man kann es deutlich erkennen, daß es die Männer waren, die die Welt nach ihrem Geschmack und zu ihrem Vorteil eingerichtet haben, sie haben ihr Sitten aufgezwungen, die nur ihnen passen und haben mit Gewalt und List eine öffentliche Meinung erzeugt, die uns, was immer wir tun mögen, ihre Sklaven sein läßt. Ich bin keine Frauenrechtlerin im modernen Sinne des Wortes, die Frauenfrage mit der Politik zu vermengen, scheint mir sehr dumm. Was wir schon erreicht haben werden, wenn unsere Vertreter in der Duma sitzen! Ich glaube, daß wir unsere wahren Rechte erst dann besitzen werden, wenn mit allen Vorurteilen aufgeräumt sein wird, die uns stärkere Fesseln auferlegen, als alle geschriebenen Gesetze. Ich habe viel nachgedacht und ich will dir sagen, worin ich die große Ungerechtigkeit erblicke ...«

»Erlaube ...« unterbrach Konstantin.

»Lach mich nicht aus, du wirst gleich sehen, wo ich hinaus will. – Don Juan gilt den Männern als der unsterbliche Held, weil er tausendunddrei Frauen eroberte; er ist stolz darauf; all sein Glanz und Ruhm stammen daher. Aber eine Frau, die tausendunddrei Geliebte gehabt hatte, wie würde man von der sprechen? Sie gälte als die gemeinste Kokotte. Nur Verachtung würde man für sie fühlen. Wenn sie nicht berufsmäßige Dirne ist, wird ihre Familie sie als hysterisch in eine Anstalt sperren lassen. Siehst du, das ist die höchste Ungerechtigkeit, gegen die ich kämpfen will. Solange ein solches Vorurteil besteht, werden wir euch niemals ebenbürtig sein können. – Wenn wir Frauen ein Verhältnis haben, muß es ein Geheimnis sein; die Männer aber sprechen ungeniert von den Frauen, die sie ›gehabt‹ haben und wir sind verurteilt uns zu verstecken. Warum? Sind wir weniger freie Menschen als ihr? Haben wir nicht auch, wie ihr, das Recht, unsere Vergnügungen dort zu suchen, wo wir sie finden? Die Männer haben ein Interesse daran, viele Mätressen zu besitzen, die ihnen treu bleiben sollen. Daher haben sie den Verführer in der Kunst, in der Poesie und Literatur verherrlicht und den Frauen, die mehrere Liebhaber haben, den Stempel des Verächtlichen aufgedrückt. Das ist der Punkt, an dem unser Kampf einsetzen muß; die Moral der Frau statt der Moral des Joannes! Daran arbeite ich.«

Konstantin blickte sie an, sie hatte sich beim Reden ganz erhitzt. Er fühlte eine leise Unruhe in sich aufsteigen: das Gewitter begann zu grollen. Er beging aber die Unvorsichtigkeit, ihr zu widersprechen und warf ein:

»Es handelt sich darum zu wissen, was man will. Willst du, daß deine Freunde dich lieben? Wenn ja, dann empfehle ich dir, nicht jedem von ihnen von den Freuden zu erzählen, die du in den Armen seines Vorgängers genossen hast.«

»Und warum?«

»Weil du, kleines Mädchen, sie abstoßen wirst und sie dich verlassen werden.«

»Und wenn ich trotzdem und über all dies hinaus geliebt sein will? – Du kennst mich doch, glaube ich, und weißt, daß ich, gleich dir, nur das schwer Erreichbare liebe, und daß ich, wie du, keine Gefahr fürchte. Nun gut, ich will meine Erfolge keiner Lüge verdanken. Einen Mann zu betrügen, ihm einzureden, daß man niemals vorher einen anderen geliebt, daß er es sei, der die ersten Seufzer des Glückes von unseren Lippen küßte – ach wie erbärmlich! Fühlt denn ihr euch verpflichtet, solche Vorspiegelungen zu machen? Hast du mir ähnliche Märchen erzählt, als du mich kennen lerntest? Warum also soll ich mich so erniedrigen? – Ich will so geliebt sein, daß man mich nimmt, wie ich bin, mit allen Fehlern, die in mir sind, mit meiner ganzen Vergangenheit, und will man das nicht, schön, so möge man's bleiben lassen! Keine Träne werde ich dem nachweinen, der mich verläßt!«

Die letzten Worte waren in herausforderndem Tone gesagt, wobei sie Konstantin, eine Antwort verlangend, voll ins Gesicht sah. Er schwieg einen Augenblick und sagte dann ausweichend:

»Viel Sophistik ist in dem, was du sagst, und ich hasse Sophismen. Ich rechne nicht mit dem, was in dreitausend Jahren sein wird. Ich stehe in der Gegenwart und lebe mit meinen Zeitgenossen. Wenn eine Frau mich nicht glücklich zu machen vermag, verlasse ich sie, um eine andere zu suchen. Das ist bedeutend einfacher, als den Lauf der Welt ändern zu wollen.«

Ariane war erbleicht, ihre Augenbrauen zogen sich zusammen, ihr Blick wurde starr.

»Der Mann ist nur stark, weil wir schwach werden. Wenn wir einmal unsere Kraft zeigen, dann werden die Rollen vertauscht sein. Du hast mich doch nicht verlassen, obgleich ...«

»Ariane, ich bitte dich, lassen wir das.«

»Nein, sprechen wir uns einmal offen aus. Es schwebt etwas Bedrückendes, etwas Unklares zwischen uns; es muß endlich alles herausgesagt werden, ohne vor den Folgen zurückzuschrecken. Immer habe ich versucht, die Wahrheit zu sehen und immer hast du mich gehindert. Heute wird zu Ende gegangen, komme was da will.«

Konstantin hatte sich erhoben. Er stand vor Ariane, die ihn haßerfüllt anblickte.

»Nun gut, so fordere ich dich auf, mir zu sagen, wie viele Verhältnisse du hattest.«

Das junge Mädchen zögerte ein wenig, dann riß die Stimmung sie fort und sie erwiderte:

»Du willst es wissen, gut, heute werde ich nicht ausweichen. So höre denn: Der Erste nahm mich, als ich sechzehn Jahre alt war. Ich liebte ihn nicht, aber ich wollte das kennenlernen, womit man uns die Ohren vollraunt. Am nächsten Tage habe ich ihn hinausgeworfen, ich konnte seinen Anblick nicht mehr ertragen. – Der Zweite? ich glaubte ihn zu lieben, aber ich täuschte mich. Er war ein Narr, der mir zu Füßen lag und weinte. – Den Dritten kennst du – das kleine Haus in der Vorstadt. Vor meiner Reise nach Moskau tröstete ich mich in den Armen eines Studenten, der mich anbetete. Hier kannte ich den Schauspieler. Am Silvesterabend – erzählte ich dir schon, nahm mich der Geliebte meiner Tante zu sich. Im Zug, der mich zurückführte, verstand es ein junger Offizier, der mich seit zwei Jahren liebte und sich in meinen Waggon geschmuggelt hatte, mich für einige Stunden zu gewinnen. Nie sah ich ihn wieder. Und dann kamst du, der Achte. Deine Herrschaft dauert länger, als die aller andern zusammen. Bewundere deine Macht und sonne dich in deinem Ruhm. Jetzt weißt du alles. Wenn wir weiter zusammen bleiben, hast du nichts Neues mehr zu erfahren. Entscheide!«

Ein langes Schweigen entstand. Konstantin machte ein paar Schritte, zündete sich eine Zigarette an, trank heftig eine Tasse Tee und sprach endlich mit kaltem, höflichem, müdem Ton:

»Ich sehe ein, daß ich mich entschuldigen muß, dich so lange für mich mit Beschlag belegt zu haben. Aber ich werde nicht weiter den Lauf deiner Erfolge hemmen. Übermorgen reise ich nach Petersburg. Eine Woche bleibe ich dort. Ich denke, daß dir diese Zeit genügt, um unter deinen Freitagfreunden den neunten Geliebten auszuwählen, der das Kommen des Zehnten einleiten wird.«

Er drückte auf den Glockentaster, dem er sich während des Sprechens genähert hatte.

»Warum läutest du?«

»Sofort wirst du es wissen.«

Ein Kellner trat ein.

»Lassen Sie hier auf dem Diwan ein Bett herrichten.«

Ariane verschwand im Schlafzimmer. Eine Stunde später ging er durch, um in das Badezimmer zu kommen. Sie lag im Bett, das Gesicht zur Wand gedreht. Als er zurückkam und in den Salon gehen wollte, rief sie ihn an:

»Konstantin ...«

»Du wünschest?«

Sie kehrte ihm ihr armes, kleines, in Tränen gebadetes Gesichtchen zu und streckte ihm die Arme entgegen:

»Verzeih mir. Ich hätte nicht so sprechen sollen. Ich weiß nicht, was mich getrieben hat. Ich konnte einfach nicht mehr ...«

Er näherte sich ihr.

»Wie sollte ich dir böse sein? Du hast mir viel gegeben. Nie werde ich's vergessen. Weiß ich denn selbst...? Hab ich unrecht? Hast du recht? – Wir waren glücklich zusammen ... und jetzt ist es vorbei... Leb wohl, kleines Mädchen.«

Er nahm sie in die Arme und küßte sie andächtig auf die Stirne. Sie klammerte sich an seine Schultern und flüsterte, ihn mit Küssen bedeckend:

»Bleib.«

Er küßte sie nochmals und riß sich los.

»Nein, nein, verzeih mir. Aber ich kann nicht.« – Und er flüchtete.

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