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Ariane

Claude Anet: Ariane - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorClaude Anet
titleAriane
publisherPaul Zsolnay Verlag
printrun197. bis 201. Tausend
year1933
firstpub1924
translatorGeorg Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070712
projectidab783458
secondcorrectorH. Niephaus
secondcorrection20120109
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XVII

Die Geschäfte hielten Konstantin noch einige Wochen zurück, in denen er mit Ariane zusammenblieb. Er fühlte nicht die Kraft, sich von ihr zu trennen, solange er in Moskau blieb. Er wollte am Tage des unvermeidlichen Bruches die Stadt verlassen und nach Petersburg fliehen.

Den Charakter Arianes und ihren maßlosen Stolz kannte er genügend, um zu wissen, daß sie ihn sofort verlassen würde, wenn er bloß seinen Wunsch nach einem Abschluß ihres Verhältnisses äußerte. Sie wäre sogar imstande, noch am selben Tage einen andern Geliebten zu nehmen, um jede Rückkehr unmöglich zu machen, wenn sie derart in ihrem Stolz getroffen würde. Sie wird weder schreiben, noch anrufen, noch ihm nachfahren.

Obzwar der Entschluß, sie zu verlassen, in ihm feststand, lebten sie in gleicher Vertrautheit weiter. Aber er betrachtete sie wie jemanden, der ihm sehr nahegestanden hatte und dessen Verlust unabänderlich war. In Gedanken an den Abschied und da er in seinem Geiste den Trennungsschmerz schon vorweg fühlte, sprach er mit größter Milde zu ihr. Er ereiferte sich nicht mehr, er war nicht mehr heftig zu ihr, er hatte nicht mehr jene trockene Kälte, deren er sich wie eines Schildes gegen sie bedient hatte. Sie hatten jetzt lange Gespräche ohne zu streiten. Er wie sie vermieden gefährliche Themen, beunruhigende Fragen und alle Worte, aus denen Funken springen konnten.

Oft ließ er sich von ihrer Kindheit erzählen. Eines Abends als er auf eine unpassende Bemerkung sagte:

»Wie schlecht wurdest du erzogen, kleines Mädchen«, erwiderte sie:

»Du irrst dich, ich wurde überhaupt nicht erzogen. Wenn es dir Spaß macht, will ich dir erzählen, wie meine Kindheit verlief. Als ich klein war, hatten wir im Winter eine Wohnung in Rom. Meine Mutter war schön, elegant, umschwärmt. Ich lebte abgeschlossen mit meiner Erzieherin, einer Französin, Mademoiselle Victoire. Sie war ein altes Mädchen, eine Vierzigerin, fromm, gutmütig, ungebildet, allen meinen Launen untertan. Noch ganz klein war ich schon ein Wunderkind. Ich hatte ein so glänzendes Gedächtnis, daß ich alles nur einmal zu lesen brauchte, um es auswendig zu können. Und da sich niemand darum kümmerte, was ich tat, kannst du dir denken, wohin das führte. Ich hatte schon mit vier Jahren fast allein lesen gelernt. Ich erinnere mich, daß mir ein Buch über Chemie in die Hände fiel. Ich lernte daraus die erste Seite. Eines Tages fragte mich mein Vormund bei Tisch, als gerade einige Gäste da waren, was ich schon könne. Ich sagte sofort meine Seite Chemie herunter, ohne ein Wort auszulassen. Ich verstand natürlich nichts davon, aber die andern auch nicht mehr. Das war eine Verwunderung! Belohnungen und Komplimente nahmen kein Ende. Meine Mutter, die sich nie mit mir befaßt hatte, war ganz stolz. Später wurde ich auch immer, wenn Besuch da war, in den Salon gerufen. Fräulein Victoire zog mir ein weißes Kleid mit einem schönen Gürtel an, kämmte mich und ich hielt meinen Einzug. Ich mußte Märchen aufsagen. Die Damen umarmten mich, die Männer fragten mich aus. Nichts war mir widerlicher als die Küsse der gepuderten Damen. Wenn sie mich in ihre Arme nahmen, sagte ich: ›Nur schnell. Nicht auf den Mund und nicht naß machen.‹ Dann lachten sie alle. Bald fand ich es peinlich, wie ein dressierter Hund vorgeführt zu werden. Ich weigerte mich glatt, im Salon zu erscheinen. Großer Skandal. Mein Vater kam mich holen. Seine Bitten, seine Drohungen waren vergeblich. Ich klammerte mich an mein Bett und als er mich wegzuziehen versuchte, schrie ich so gellend, daß das ganze Haus zusammenlief. Es endete damit, daß man mich mit Fräulein Victoire in Frieden ließ. Wir machten lange Spaziergänge zusammen und ich führte sie in die schmutzigsten Viertel Roms. Das arme Mädchen fürchtete sich schrecklich, beschwor mich, umzukehren, bekreuzigte sich unaufhörlich und zog mich in die erste Kirche, an der wir vorbeikamen. Dort betete sie, um ihre Aufregung zu vergessen und opferte eine Kerze, während ich in der Kirche herumlief und mich damit unterhielt, im Seitenschiff auf einem Fuß von Stein zu Stein zu hüpfen.

Später, als ich zehn oder zwölf Jahre alt war, hatte meine Mutter Verwendung für mich. Sie hatte sehr gut gefühlt, daß ich nichts als Verachtung für meinen Vater hatte und daß ich sie, obgleich keinerlei Vertrautheit zwischen ihr und mir bestand, doch niemals verraten würde. Warum hatte ich diese Gefühle gegen meinen Vater? Ich sah ihn selten, denn er war fast immer verreist. Ich erinnere mich, schon als ganz kleines Kind gespürt zu haben, daß er mich nicht lieb hatte. Er hatte eine komische Art mich anzuschauen. Er war sehr nett, behandelte mich aber wie eine Puppe. Wenn er zu meiner Mutter von mir sprach, sagte er immer: ›Diese Kleine‹ – ›Diese Kleine ist sehr gescheit.‹ – ›Diese Kleine ist merkwürdig.‹ Er war nie böse, aber er war wie ein Fremder, der wenige Monate im Jahr bei uns lebte. Einmal war ich Zeuge einer heftigen Szene zwischen meiner Mutter und ihm. Er war unerwartet aus Petersburg angekommen. Was fand er vor, das ihm nicht gefiel? Geheimnis! – Aber bei Tisch ärgerte er sich über eine Bemerkung meiner Mutter und überhäufte sie, aus mir unbekannten Gründen, mit Vorwürfen. Sie antwortete kühl. Da sprang er auf, warf seine Serviette auf den Boden und rief: ›Ich fahre weg und werde nie mehr wiederkommen.‹ – ›Gute Reise‹, erwiderte meine Mutter. Er küßte mich und ging fort. In diesem Augenblick fühlte ich Achtung für ihn; es schien mir, als hätte er sich wie ein Held betragen. Er reiste noch am selben Abend nach Paris. Nie hatte ich soviel an ihn gedacht wie damals. Er hatte seinen Entschluß durchgeführt. Ich bewunderte ihn vierzehn Tage lang, bis ich ihn plötzlich eines Morgens auf dem Bett meiner Mutter sitzend fand. Er war nachts angekommen. Mein Eintreten störte wohl. Sie lachten beide allzu laut und meine Mutter spielte mit einer Perlenkette, die er ihr mitgebracht hatte. Von diesem Tage an verachtete ich ihn. –

Aber nicht davon wollte ich erzählen, sondern wie meine Mutter mich zu sehr geheimnisvollen Dingen verwendete, über die sie mit mir nicht weiter sprach.

Ich war schon ein großes Mädel. Wir waren damals in Cannes und bewohnten eine Villa im Cottage. Ich ging jeden Morgen in die Stadt, wo ich Stunden nahm. Fräulein Victoire begleitete mich, zurück kam ich allein mit der Straßenbahn, weil ich es nicht duldete, immer von der guten Victoire eskortiert zu werden. Mama hatte, was mich wunderte, diese Einteilung erlaubt. Sie betraute mich sogar mit kleinen Besorgungen für sie. Ich war stolz darauf, mit zwölf Jahren meine Selbständigkeit erobert zu haben. Eines Tages sagte mir meine Mutter: ›Mach' einen Sprung zur Post und frage, ob ein Brief unter dieser Chiffre da ist.‹ Sie reichte mir ein kleines Stück Papier, auf dem ich las: ›X. B. 167, postlagernd.‹ Nach der Stunde ging ich zur Post und hielt mein Papier zum Schalter. Der Beamte, ein älterer Mann mit Brille, blickte mich an, schüttelte den Kopf und murmelte: ›Das ist wirklich eine Schande‹, nahm aus einem Fache einen Stoß Briefe, den er durchsah, um mir einen davon, schlecht gelaunt, hinzuwerfen. Ich brachte ihn Mama, die mich küßte und mir Schokolade gab. Das wiederholte sich dann regelmäßig. Sie sagte mir niemals, daß ich über diese Briefe mit niemand sprechen solle, aber ich fühlte wohl, daß das ein Geheimnis zwischen ihr und mir sei. Wenn mein Vater im Zimmer war, hütete ich mich, ihr den Brief zu geben. Einmal im Herbst war ich wieder auf der Post und wollte gerade zum Schalter gehen, als plötzlich mein Vater vor mir stand. ›Was machst du hier?‹ fragte er zärtlich. Ich erschrak einen Augenblick. Ich erriet sofort, daß er mich beobachtet hatte und Verdacht schöpfte, aber gleichzeitig begriff ich, daß er einen großen Fehler gemacht habe! Wenn er noch zwei Minuten gewartet hätte, wäre ich erwischt gewesen. Ich sagte mir: ›Welche Dummheit, das wundert mich nicht von ihm,‹ und antwortete: ›Ich will Marken kaufen.‹ – ›Aber zu Hause sind doch genug Marken.‹ – ›Vielleicht für dich und Mama, für meine Briefe kaufe ich die Marken selbst.‹ Er konnte nichts aus mir herausbringen. Mama sagte ich nichts davon. Wie hätte ich auch mit ihr darüber sprechen können, es war ja keinerlei Vertrautheit zwischen uns, wir waren nur Komplicen.«

Sie machte eine Pause, trank einen Schluck Tee und zündete sich eine Zigarette an. Konstantin war still und traurig. Sie sah ihn an.

»Willst du noch eine Episode hören, um das Verhältnis zwischen meiner Mutter und mir zu verstehen? Es war ein Jahr vor ihrem Tode, wir waren in Rom. Ich war eben dreizehn Jahre alt geworden. Ich sprach und schrieb ebenso gut italienisch, wie russisch. Eines Tages kam meine Mutter zu mir ins Zimmer, sie schien verlegen. Sie reichte mir einen von ihr geschriebenen italienischen Brief: ›Hör' mal, Kleine, hier ist ein Brief, den du korrigieren sollst. Ich schreibe mit einem Freunde zusammen einen italienischen Roman, einen Roman in Briefen. Du kannst besser Italienisch als ich. Darum mußt du mir helfen, nur die orthographischen Fehler ausbessern.‹ Sie ging und ich las den Brief. Es war ein wahnsinniges Liebesgestammel, in dem die Heldin an den Rausch vergangener Begegnungen erinnerte und eine neue erflehte. – Er war voll Fehler. Ich verbesserte den Brief und gab ihn abends, ohne ein Wort zu sagen, meiner Mutter zurück. Sie dankte und sprach nicht weiter davon. – Du kannst dir denken, daß ich nicht so dumm war, ihr Märchen zu glauben. – Ich erinnerte mich an einen Marineoffizier, der früher oft bei uns gewesen und dann verschwunden war. –

Jetzt weißt du, wie ich erzogen wurde, mein Herr Kritiker. Wag' es noch, mir Vorwürfe zu machen!«

Konstantin seufzte und schwieg.

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