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Ariane

Claude Anet: Ariane - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorClaude Anet
titleAriane
publisherPaul Zsolnay Verlag
printrun197. bis 201. Tausend
year1933
firstpub1924
translatorGeorg Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070712
projectidab783458
secondcorrectorH. Niephaus
secondcorrection20120109
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XVI

Am Silvesterabend waren sie zusammen außerhalb Moskaus bei Jahr. Ariane trank Champagner und war fröhlicher als in den letzten Tagen. Auf der Bühne sang ein Zigeunerchor fremdartige Melodien mit einem sprunghaften Rhythmus. Ihre näselnden Stimmen beschworen das Bild eines heißblütigen, sinnlichen Orients. Um Mitternacht nahm Ariane Konstantins Glas und reichte ihm ihres.

»Mit wem wirst du nächstes Jahr Neujahr feiern? Mit wem ich? – Ach was, trinken wir.« Sie leerte hastig ihr Glas.

Lange blieben sie in dem großen Saal, mitten im Lachen der Gäste und im Lärm des Orchesters. Ariane erzählte unempfindlich für alles, was ringsum geschah, gleichgültig gegen die gewechselten Küsse, gegen das Umarmen und Kosen auf allen Seiten, mit unendlich viel Liebreiz Geschichten aus ihrer wunderbaren Kindheit und aus der Zeit, da sie die Welt zu entdecken begann.

Konstantin lauschte ihr zugeneigt. Als sie geendet hatte, sagte er:

»Ich wünschte, daß ich dir damals begegnet wäre. Ich hätte dich entführt. Für mich hätten dich irgendwo im Verborgenen kluge, alte Frauen und ungefährliche, aber gebildete Männer aufgezogen. Sie hätten dich tanzen, singen, deklamieren und die Verse der Dichter gelehrt, sie hätten dich wie Esther drei Jahre in duftenden Kräutern gebadet, um dich dann als vollendete Jungfrau im Triumphzug zu meinem Ruhebett zu geleiten.«

Sie zuckte unnachahmlich mit der linken Schulter.

»Glaubst du, daß du mich geliebt hättest, wenn ich anders gewesen wäre, als ich bin? Du hättest mich als Erster gehabt, das wäre der ganze Vorteil gewesen, doch hättest du mich dann schnell verlassen.«

Sie brachen auf. Die Nacht war kalt; es fror heftig. Sie bestiegen einen Schlitten und fuhren mit großer Geschwindigkeit, geschützt durch den gewaltigen Kutscher in seinem wattierten Pelz, gegen Moskau. Ariane lehnte sich an Konstantin.

»Ich glaube, ich bin ein wenig berauscht. Voriges Jahr war ich am Silvesterabend in der Provinz. Ich hatte auch, wie heute, zuviel Champagner getrunken. Aber du warst nicht da, um auf mich acht zu geben.«

Seine Fäuste ballten sich. Wieder fühlte er den krankhaften Wunsch, zu erfahren, was Ariane noch zu enthüllen hatte.

»Der Champagner entschuldigt so manches. Wenn deine Geschichte lustig ist, erzähle.« »Nein, ich erzähle dir gar nichts mehr. Du verstehst mich nicht und du bist von einer schrecklichen Feierlichkeit zu mir.«

Ohne weitere Worte kamen sie ins Hotel. Konstantins Nerven waren in Spannung.

Während sie Tee tranken, nahm er Ariane auf den Schoß; er begann sie zu entkleiden, liebkoste sie scherzend und lachend. Dann auf seine fixe Idee zurückkommend, sagte er:

»Beichte mir, du kleines Ungeheuer. Du erzählst so unvergleichlich von dir.«

»In manchen Momenten glaube ich verrückt zu sein. Das erzählt man doch nicht. Ein Narr ist davon überzeugt, daß in allem, was er spricht und tut, eine strenge Logik sei. Wir kennen die verborgene Ursache nicht, die ihn lenkt; wir sehen nur den Effekt und erklären ihn für widersinnig. Trotzdem gehorchen auch die Narren einer besonderen Logik, vielleicht einer vollkommeneren, sicher einer uns fremden, die wir nicht beurteilen können...«

»Oh, die kleine Philosophin!« scherzte Konstantin. Aber er fühlte sich wie ein Opfertier, das den Todesstreich des Priesters erwartet.

»Sicher ist unsere Logik nicht starr«, setzte Ariane ernsthaft fort. »Wir handeln für gewöhnlich in bestimmter Art. Wir glauben uns zu diesem und jenem nicht fähig. Ein Glas Wein zuviel – und auf einmal ist alles umgewandelt. – Wir speisten am Silvesterabend mit jungen Leuten im Restaurant des Hotel London. Zigeuner wie heute, Wein, Champagner und diese Stimmung von da unten, die du nicht kennst, und die Gespräche, die mehr berauschen als aller Wein. Mitternacht war vorbei. Da tritt der schöne Wladimir Iwanowitsch in den Saal. Er kommt an unsern Tisch, setzt sich neben mich und trinkt, mir in die Augen schauend, auf das neue Jahr, das, wie er sagt, ihm sein Glück bringen werde. Ich verstand, was er meinte und antwortete, wie von einer Macht getrieben: »Auf das neue Jahr!« Im gleichen Moment, als er gesprochen hatte, fühlte ich, daß ich einer Versuchung nachgeben würde, die ich bisher immer erfolgreich bekämpft hatte, die aber jetzt unwiderstehlich schien. Seit zwei Jahren hatte ich sein begeistertes Lob von Tante Varwara anhören müssen; ein Übermensch unter den achtzehn Geliebten, die sie gehabt, war dieser Mann! Alle anderen waren nur Propheten dieses neuen Messias! – Kurz, das Lob, das ich in allen Tonarten von ihr hörte, begann mich neugierig zu machen. Ich war nicht in ihn verliebt, aber ich war begierig zu wissen, welche ungewöhnlichen Vorzüge er wohl wirklich haben könne. Es ist immer töricht, die Neugierde einer Frau zu wecken, denn wenn sie dieser Teufel einmal plagt, wozu wäre sie dann nicht fähig? Ich erinnerte mich an die Geschichte von der Büchse der Pandora... Wie ich dir erzählte, war der Doktor wahnsinnig verliebt in mich. Wenn er mir keine Aufmerksamkeit geschenkt hätte, vielleicht wäre ich versucht gewesen, ihn zu fesseln. Nein, das einzige Verlangen in mir war, meine Neugierde zu befriedigen. Ich hielt eine Zwiesprache mit mir selbst und stellte mir die Frage, was mich denn davon abhalten sollte, meine Erfahrungen durch ihn zu bereichern? Was war an diesem Manne, den meine Tante als Wunder schilderte? Was konnte ich nicht alles von so einem unvergleichlichen Geliebten lernen? Das waren meine Argumente und trotzdem hielt mich irgend etwas zurück. Gewiß nicht die Befürchtung, meiner Tante Kummer zu bereiten. Sie würde von diesem kurzen Abenteuer nie etwas erfahren. So wenig wie du, wenn ich dich einmal, ein einziges Mal betrügen würde, du wüßtest nichts davon und es könnte dir darum nicht wehtun. Aber es war etwas Widerwärtiges, mit ihr gemeinsam einen Liebhaber zu haben. Schließlich war ich auch anderweitig versorgt. Kurz, ich hielt den Doktor fern. Und da geschah es nun mit einem Male, daß an jenem Abend, als er mit mir anstieß, jedes andere Gefühl als das der Neugierde in mir verschwand. Sofort sagte ich mir: Was für eine Dummheit! Wozu das alles? Für nichts und wieder nichts. Habe ich nicht das Recht zu tun, was mir gefällt und endlich dieses wunderbare Geheimnis zu durchdringen? Bitte beachte, daß ich nicht verliebter war als vorher; ich sah Wladimir mit den gleichen Augen wie an früheren Abenden. Nur gehorchte ich den Gesetzen einer neuen Logik, vor denen sich alles beugte. Den ganzen Abend war ich gegen ihn sehr abweisend, um so mehr, als er jetzt eine derart selbstbewußte Miene aufgesetzt hatte, daß ich mich wirklich ärgerte. Er lächelte überlegen zu meinen Frechheiten, ich hatte Lust ihn zu ohrfeigen. Nun, als wir aufbrachen, entführte er mich meinem Kavalier und setzte mich in seinen Schlitten. »Ich will noch spazieren fahren«, sagte ich. »Gut. Auf die Chaussee!« rief er dem Kutscher zu. Und wir glitten durch die kalte Nacht, ich halb in seinen Armen liegend, wie es so Sitte ist. Ich war wie gelähmt, willenlos und hatte doch eine sonderbare Geistesklarheit. Ich beobachtete mich mit lebhaftem Interesse, es kam mir vor, als wäre ich nur Zuschauerin im Theater. Er sprach nichts. Das einzige Wort, das er sagte, als wir schon einige Werst auf der Chaussee dahingerast waren, galt dem Kutscher: »Nach Hause«. Ich protestierte nicht. Wir kamen zu seinem Hause. Er hat eine kleine, separierte Wohnung, wo er seine Patienten empfängt, die vom Hause getrennt in einem Pavillon untergebracht ist. Wir traten ein. – Ach wie heiß war es da. Ich sprach und wunderte mich über den Klang meiner Stimme. – Es war zu hell.«

Hier unterbrach Ariane ihre Erzählung. Konstantin schien es, als wäre sie sehr bleich. »Aber du erdrückst mich, ich kann kaum atmen«, sagte sie und versuchte sich loszumachen. Er bemerkte erst jetzt, daß sein Arm wirklich den Hals Arianes umklammert hielt, als wollte er sie erwürgen. Er gab sie frei. Ein Schweigen entstand.

»Und dann?« fragte er.

»Und dann kam, was kommen mußte, und ich begriff damals, daß Wladimir Iwanowitsch nicht mehr wert war, als alle andern – mit Ausnahme von dir natürlich« – fügte sie mit ironischem Lächeln hinzu, »und daß meine Tante...«

In diesem Moment stieß Konstantin sie mit solcher Wut von sich, daß sie auf den Boden stürzte und ihr Kopf an das Tischbein anstieß. Sie blieb, wie sie gefallen war, als ein kleiner formloser Knäuel am Boden liegen und wurde von stoßweisem Schluchzen geschüttelt.

Konstantin machte ein paar zögernde Schritte zu ihr, nahm dann Pelz und Pelzkappe und ging, die Tür hinter sich zuwerfend, hinaus.

Erst um sechs Uhr früh kam er heim. Ariane schlief in eine Decke gehüllt auf dem Diwan.

»Komm ins Bett«, sagte er mit harter Stimme.

Sie schien sich widersetzen zu wollen. Er zog sie brutal herunter. Unterwürfig ging sie ins Schlafzimmer. Ohne ein Wort zu sprechen schliefen sie nebeneinander ein. Kaum einige Zentimeter trennten sie, doch schien ein unüberschreitbarer Abgrund zwischen ihnen.

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