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Ariane

Claude Anet: Ariane - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorClaude Anet
titleAriane
publisherPaul Zsolnay Verlag
printrun197. bis 201. Tausend
year1933
firstpub1924
translatorGeorg Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070712
projectidab783458
secondcorrectorH. Niephaus
secondcorrection20120109
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XV

In der Nacht, die der Beichte seiner Geliebten folgte, nahm Konstantin, als es dunkel war, das gleiche Gespräch auf. Mit vollendet gespielter Gleichgültigkeit fragte er:

»Als du vergangenes Jahr diese Vereinbarungen trafst, warst du wohl kein unschuldiges Mädchen mehr?« Sie machte eine Bewegung, als wollte sie empört widersprechen. Dann sprach sie mit leiser Stimme:

»Nein.«

»Du hattest vor dieser Zeit einen Geliebten?«

»Ja.«

»Und war er der Erste?«

Böse erwiderte sie:

»Laß mich. Das kann dir gleich sein.«

Aber Konstantin sprach kalt:

»Du weißt ganz gut, daß es jetzt nichts mehr zu verheimlichen gibt. Und ich bin so weit, daß ich ohne die ganze Wahrheit zu wissen, nicht mehr leben kann. – Eines sag mir nur, dein damaliger Freund war also nicht der Erste?«

»Nein, nein.« Konstantin tobte nicht, obgleich jedes Wort Arianes ihn wie ein Faustschlag traf. Er zählte im stillen: »Das waren also vier Geliebte: der erste ungenannt, der zweite vor Beginn des Dramas, der dritte der Bankier, der vierte ein Schauspieler. Außerdem jene die mir unbekannt sind, die ich aber noch erfahren werde, bevor ich sie verlasse. Achtzehn Jahre! – Sie hat wahrlich keine Zeit verschwendet und hat es auch verstanden ihr Brot zu verdienen. Ein hinreißendes Mädchen, aber – eine Dirne.«

Indessen fuhr er fort, in der dunklen Nacht, die sie umgab, einen Arm um ihren zarten Körper gelegt, mit ihr zu sprechen; in ruhigem Tone, mit unschuldiger Stimme. Er selbst vermehrte und vertiefte seine Qualen; es schien, als verlangte ihn zu wissen, wie viel er ertragen könne. Er verglich sich einem Chirurgen, der von dem Willen besessen, einen schweren Fall zu studieren, an sich selbst eine gefährliche Operation vornimmt.

»Ich verstehe nicht ganz, es gibt da noch einiges Dunkle, das mich interessiert. Erkläre es mir bitte. Als du in jenes kleine Vorstadthaus gingst, hast du mit deinem damaligen Freunde gebrochen? Oder gingst du dann auch noch zu ihm?«

»Wie kannst du so etwas fragen!« gab Ariane verletzt zurück. »Als ich aus jenem Hause kam, war ich krank. Ich ging gleich nach Hause. Ich hatte Schüttelfrost, Olga Dimitriewna brachte mich zu Bett, sie küßte mich unaufhörlich. Pascha brachte mir Tee und weinte, ohne zu wissen warum. Ich bitte dich, frage nicht weiter, ich muß vergessen...«

Der Weihnachtsabend kam, ohne daß Ariane Moskau verließ. Zwei Tage später fand Konstantin eine geöffnete Depesche auf Arianes Handtäschchen. Gedankenlos las er sie; es waren nur wenige Worte:

»Wann treffen Sie ein? Das vereinbarte Datum ist überschritten.«

Ariane war nicht da; er zerknüllte das Telegramm und warf es in den Papierkorb. Weihnachten! Ja, es war ja ausbedungen, daß sie die Ferien bei dem zu verbringen hatte, den sie ihren Bankier nannte. Sie hielt ihre Verpflichtungen nicht ein. Bei dem Gedanken, daß sie ihn hätte verlassen können, um jenes Häuschen aufzusuchen, knirschte er mit den Zähnen.

Er sah sie dort in der Dämmerung vor jenem Häuschen. Die Türe wurde sofort geöffnet. Sie trat ein und nahm die Uhr ab, die er ihr geschenkt hatte. »Es ist sechs Uhr«, sagte sie. (Sie hatte ihm keine Einzelheit verschwiegen.) Er erstickte vor Wut und Ekel. Und doch, da er entschlossen war, mit ihr zu brechen, warum hatte er sie in Moskau zurückgehalten? War es nur ein Gefühl des Mitleides, durch die Verzweiflung des jungen Mädchens hervorgerufen? Was für eine sonderbare Schwäche ließ ihn ihr Verhältnis noch um einige Tage verlängern? Hatte er noch nicht genug gelitten? Er erinnerte sich des unwiderstehlichen Triebes, der ihn eines Tages zur Baronin Korting zog. Warum war er nicht bei dieser reizenden Frau geblieben? Er war zu Ariane zurückgekehrt. Gemeinsam waren sie in die Krim gereist. Selbst in New York, so weit entfernt von ihr, hatte er vor Freude gezittert, als ihn seine Gedanken und Geschäfte nach Moskau zurückführten. Dann folgte ein ganzer Winter grausamer Kämpfe, ein unbarmherziges Handgemenge...

Und jetzt war das Maß voll. Sein Entschluß war gefaßt. Er konnte sie noch einige Tage bei sich behalten, aber er fühlte es genau, nachdem er die Geschichte des Vorstadthäuschens kannte, war es ihm unmöglich, mit ihr zu leben. Schon überlegte er eine Reise nach Petersburg. Er würde allein reisen und nicht mehr zurückkehren... Nur noch ein wenig Geduld, die nötige Zeit, um seine Angelegenheiten zu ordnen, vielleicht einige Wochen? Was liegt daran, er wird zu warten wissen. Übrigens, was fürchtet er in Zukunft? Ariane konnte ihn jetzt nicht mehr verwunden.

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